[ISO:] Ein Blick auf IRANISCHE KRISE(N) und ihre Hintergründe

Die US-Sank­tio­nen, der Nie­der­gang der Ölprei­se und nicht zuletzt die Coro­na-Pan­de­mie tref­fen das Leben der unte­ren und mitt­le­ren Schich­ten der ira­ni­schen Gesell­schaft sehr hart und for­dern enor­me mensch­li­che Opfer und mate­ri­el­le Schä­den.

Ein Regime, das sich selbst in einen reli­giö­sen und den heu­ti­gen Rea­li­tä­ten sehr fer­nen Glau­bens­ko­dex ein­sperrt, manö­vriert sich zwangs­läu­fig in einen Teu­fels­kreis, der stän­dig Kri­sen und Kata­stro­phen pro­du­ziert.

Zur­zeit spit­zen sich die öko­no­mi­sche, die sozia­le und die poli­ti­sche
Kri­se zu, aber auch der Wider­stand wächst. Ange­sichts die­ser in der Tat sehr
kri­ti­schen Situa­ti­on stellt sich die Fra­ge: Was tut die poli­ti­sche Eli­te des
Lan­des dage­gen? Kann sie denn nicht mit staat­li­chen Mit­teln das Leid der Leu­te
etwas lin­dern und die Schä­den begren­zen? Die­se und ähn­li­che Fra­gen kön­nen mit
einem etwas genaue­ren Blick auf die Bilanz der mehr als vier­zig­jäh­ri­gen
Herr­schaft der isla­mi­schen Repu­blik in Iran bes­ser und ver­ständ­li­cher
beant­wor­tet wer­den.

Ein Regime, das sich selbst in einen reli­giö­sen und den heu­ti­gen
Rea­li­tä­ten sehr fer­nen Glau­bens­ko­dex ein­sperrt, manö­vriert sich zwangs­läu­fig in
einen Teu­fels­kreis, der stän­dig Kri­sen und Kata­stro­phen pro­du­ziert. Es darf
nicht über­se­hen wer­den, dass Iran wegen sei­ner geo-stra­te­gi­schen Lage stän­di­gen
vom impe­ria­lis­ti­schen Aus­land pro­vo­zier­ten Kri­sen aus­ge­setzt war und ist.
Wäh­rend der letz­ten gut hun­dert­jäh­ri­gen ira­ni­schen Gegen­warts­ge­schich­te haben
bri­ti­sche, rus­si­sche, west­eu­ro­päi­sche, ame­ri­ka­ni­sche ‒ und aktu­ell chi­ne­si­sche!
‒ Ein­mi­schun­gen die gesell­schaft­li­che Ent­wick­lung Irans nega­tiv beein­flusst und
gestört. Doch die Wur­zeln der heu­ti­gen ira­ni­schen Krise(n) lie­gen im Lan­de
selbst und müs­sen im Her­zen des Teu­fels­krei­ses gesucht wer­den.

Öko­no­mi­sche Kri­se

Wie anfangs erwähnt, basiert die Staats­rä­son der Macht­ha­ber der
isla­mi­schen Repu­blik auf reli­giö­sen Grund­sät­zen. Dar­aus lei­ten sie ihre
innen­po­li­ti­sche Pra­xis sowie ihre ver­deck­ten und offe­nen mili­tä­ri­schen und
poli­ti­schen Aben­teu­er in den Nach­bar­län­dern der Regi­on ab, wo ihre schii­ti­schen
Mit­strei­ter als bewaff­ne­te Grup­pen im Unter­grund, als Oppo­si­ti­on oder gar als
Tei­le der Regie­rung aktiv sind. Wäh­rend das Regime auf­grund sei­nes reli­giö­sen Spa­gats
regio­nal und inter­na­tio­nal als Sek­tie­rer und Stö­rer auf­fällt, blieb und bleibt
es der Ord­nung des neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus treu ver­bun­den. Doch durch die
Jah­re haben die Kate­go­rien Treue und Ver­bun­den­heit mehr und mehr an Bedeu­tung
ver­lo­ren, was blieb ist Abhän­gig­keit und Erge­ben­heit zu Unguns­ten der
ira­ni­schen Inter­es­sen. Die Spit­zen­funk­tio­nä­re des Regimes pfle­gen eine
„Wirt­schafts­po­li­tik“, die mehr den Sit­ten und Gebräu­chen der isla­mi­schen
Urzei­ten ent­spricht als moder­nen wirt­schaft­li­chen Nor­men. Han­dels­ge­schäf­te,
Kau­fen und Ver­kau­fen (Import/​Export) und Tausch von Roh­stof­fen gegen Cash oder
fer­ti­ge Indus­trie­wa­ren wer­den von ihnen bevor­zugt. Begrif­fe wie Schutz
„eige­ner“ Res­sour­cen vor frem­den Inter­es­sen, Ent­wick­lung „eige­ner“ Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten
oder ein Mini­mum von Grund­si­che­rung „eige­ner“ Arbeits­kräf­te sind ihnen fremd.
Ver­hee­ren­de Spu­ren die­ser Art des wirt­schaft­li­chen Han­delns sind in allen
Berei­chen der ira­ni­schen Volks­wirt­schaft über­deut­lich zu sehn. Gera­de in einer
Kri­sen­zeit, in der die ira­ni­sche Wirt­schaft schon durch unsach­li­che staat­li­che
Maß­nah­men sowie durch all die gegen­wär­ti­ge Kor­rup­ti­on extrem geschwächt war,
über­roll­te das Fie­ber der von Welt­bank und IWF dik­tier­ten Pri­va­ti­sie­rung das
Land.

Die unten ange­führ­ten Fak­ten zum Phä­no­men der „Pri­va­ti­sie­rung“ in Iran basie­ren
auf fol­gen­den drei Quel­len. A) Gleich­zei­tig mit der Pri­va­ti­sie­rungs­wel­le fie­len
die damit ein­her­ge­hen­den Unre­gel­mä­ßig­kei­ten den Beschäf­tig­ten der betrof­fe­nen
Betrie­be auf; sehr früh fin­gen sie an, dage­gen zu pro­tes­tie­ren und ver­öf­fent­lich­ten
im Lau­fe ihrer Kämp­fe bri­san­te Details über die frag­wür­di­gen
Betriebs­über­tra­gun­gen. B) Für die rasche Ver­öf­fent­li­chung und Ver­brei­tung
sorg­te u. a. die allen Zen­sur­bar­rie­ren des Regimes trot­zen­de ira­ni­sche Jugend. (Auf
dem Höhe­punkt der Pro­test­be­we­gung wäh­rend der letz­ten zwei Jah­re betei­lig­ten
sich ira­ni­sche Schüler*innen und Stu­die­ren­de mas­siv an den Pro­tes­ten; einer
ihrer Slo­gans lau­te­te: „Wir sind Kin­der der Arbei­ter /​wir blei­ben an ihrer
Sei­te“!) Und schließ­lich C) Eigent­lich ging und geht es den unter­schied­li­chen
Flü­geln und Frak­tio­nen bei ihrem Streit dar­um, wer mit wel­chen Metho­den das von
ihnen gelieb­te aber immer tie­fe­re Kri­sen auf­wei­sen­de isla­mi­sche Regime gegen
sei­ne „Fein­de“ bes­ser schützt; mit Zucker­brot und Peit­sche oder nur mit Peit­sche.
Doch in letz­ter Zeit kommt es immer öfter und offe­ner zu Strei­tig­kei­ten an der
Spit­ze des Regimes – dabei geht es grund­sätz­lich um die Pfrün­de und die
Auf­tei­lung der „Beu­te“. Es kommt in Iran vor, dass Mit­glie­der höhe­rer
staat­li­cher Posi­tio­nen offi­zi­ell die „gerech­te isla­mi­sche Jus­tiz“ auf­for­dern,
Ange­hö­ri­ge geg­ne­ri­scher Frak­tio­nen, die bei finan­zi­el­len Machen­schaf­ten dumm
und dreist auf­fal­len, vor Gericht zu stel­len und zu bestra­fen!

Das Ergeb­nis des Zusam­men­kom­mens der oben auf­ge­zähl­ten Fak­to­ren
(Arbei­ter­kämp­fe, Inter­net-Akti­vi­tä­ten der ira­ni­schen Jugend und Strei­tig­kei­ten
an der Regime-Spit­ze!) ist, dass gera­de in den letz­ten Mona­ten eine Rei­he von
Fak­ten über die in Iran gras­sie­ren­den Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät an die
Öffent­lich­keit gelang­ten.

Da in die­ser Zeit­schrift („die inter­na­tio­na­le Nr. 1/​2020 Dos­sier
Iran Sei­te 21–35) in fünf Bei­trä­gen die Lage in Iran und auf S 25–27“ auch die
Pro­ble­ma­tik „Pri­va­ti­sie­rung“ the­ma­ti­siert wur­de, sei hier nur auf zwei kur­ze
Bei­spie­le hin­ge­wie­sen:

Haft-Tapeh

ist eine der größ­ten Roh­zu­cker­an­bau- u. Raf­fi­ne­rie­an­la­gen des Lan­des, die seit den 60er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts exis­tiert. Mit ihren Pro­duk­ten konn­te die Fabrik durch vie­le Jah­re den hei­mi­schen Markt gut ver­sor­gen und ihren Pro­duk­ti­ons­über­schuss in die benach­bar­ten Län­der der Regi­on aus­füh­ren. Als 2014/​15 das Regime die Pri­va­ti­sie­rung von Haft-Tapeh beschloss und im Schnell­ver­fah­ren durch­setz­te, gin­gen ihre Beschäf­tig­ten auf die Bar­ri­ka­den. In ihren Pro­test­no­ten erklär­ten die Strei­ken­den u.a. die Pri­va­ti­sie­rung sei ille­gal, wider­spre­che den von der Regie­rung selbst fest­ge­leg­ten Vor­schrif­ten, die neu­en Besit­zer und Vor­stands­mit­glie­der sei­en jun­ge und unqua­li­fi­zier­te Män­ner, sie hät­ten den Betrieb nur über­neh­men kön­nen, weil sie Bezie­hun­gen mit ganz oben haben und Söh­ne von sehr bekann­ten Wür­den­trä­gern sei­en. Dafür muss­ten sehr vie­le Arbeiter*innen und ihre Unterstützer*innen, Ernied­ri­gung, Ver­haf­tung, Fol­ter und Gefäng­nis­stra­fen hin­neh­men.

Mas­sen­ver­elen­dung, galop­pie­ren­de Infla­ti­on, Was­ser­ver­knap­pung, fast täg­lich teu­rer wer­den­de Grund­nah­rungs­mit­tel in einem Land, in dem sogar laut offi­zi­el­ler Zah­len eine erdrü­cken­de Mehr­heit der lohn­ab­hän­gen Bevöl­ke­rung unter­halb des Exis­tenz­mi­ni­mums lebt, sind Fol­gen der „Wirt­schafts­po­li­tik“, der isla­mi­schen Repu­blik .

Nun vor ca. einem hal­ben Jahr bekam die ira­ni­sche Öffent­lich­keit
über unter­schied­lichs­te Kanä­le aktu­el­le Infor­ma­tio­nen über Haft-Tapeh. Jus­tiz-
u. Poli­zei­or­ga­ne des Regimes hat­ten sol­che Mel­dun­gen nur noch zu bestä­ti­gen und
zu ergän­zen; Omid Assad Bey­gi als Vor­stands­chef und Ross­tami Vor­stands­mit­glied von
Haft-Tapeh wur­den mit meh­re­ren ande­ren Per­so­nen wegen Wirt­schafts­de­lik­te
ver­haf­tet und war­te­ten auf ihren Pro­zess. Etwas spä­ter wur­de bekannt, Assad
Bey­gi sei gemein­sam mit wei­te­ren 21 Per­so­nen wegen Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät in
Haft, er sei der Kopf der Grup­pe und die Ankla­ge­schrift gegen ihn wür­de 18
Ord­ner fül­len. Ihm kon­kret wur­de die Ver­un­treu­ung von 1,5 Mil­li­ar­den (1.500.000.000!)
Dol­lar vor­ge­wor­fen, die­se Sum­me habe er aus staat­li­chen Geld­re­ser­ven mit
ver­güns­tig­ten Kon­di­tio­nen erhal­ten, sie habe er aber mehr­fach ver­teu­ert auf dem
„frei­en Markt (Schwarz­markt) ver­kauft“, außer­dem ille­ga­len Geld­trans­fer
betrie­ben und so dem natio­na­len Wäh­rungs­sys­tem gescha­det. Omid Bey­gi und Co. wird
wei­ter­hin vor­ge­wor­fen, sie hät­ten einen Ver­trag für den Import von einer
voll­au­to­ma­ti­sier­ten Maschi­nen­an­la­ge zur Raf­fi­ne­rie von 18 000 Ton­nen
Roh­zu­cker bis zur End­pro­duk­ti­on im Wert von 632 Mio. Dol­lar regis­trie­ren
las­sen. Zur Rea­li­sie­rung die­ses Pro­jekts hät­ten sie 345 Mio. Dol­lar staat­li­cher
Gel­der erhal­ten. Doch spä­ter sei bekannt gewor­den, der eigent­li­che Wert der
Anla­ge habe 14 Mio. Dol­lar betra­gen und zu einer Ein­fuhr der Anla­ge sei es nie
gekom­men. Noch einen wei­te­ren Punkt über die „Ver­feh­lun­gen“ von Assad Bey­gi gab
die ira­ni­sche Jus­tiz­be­hör­de bekannt: Die von Assad Bey­gi und Co. regis­trier­ten
Fir­men sei­en vor fünf Jah­ren ‒ also in der Zeit der Über­nah­me von Haft-Tapeh ‒ mit
51 Mio. Dol­lar Schul­den und ohne Kon­kurs­mas­se plei­te gewe­sen, des­halb wären sie
weder in der Lage noch berech­tigt so ein Geschäft (Über­nah­me von Haft-Tapeh!) zu
täti­gen.

Wäh­rend Herr Assad Bey­gi sich nach der Hin­ter­le­gung einer
ent­spre­chen­den Bürg­schaft auf frei­em Fuß befin­det, sit­zen Arbeiter*innen und
Aktivist*innen, die auf die Unre­gel­mä­ßig­kei­ten bei der Pri­va­ti­sie­rung
auf­merk­sam gemacht hat­ten, heu­te immer noch im Gefäng­nis ‒ bzw. wur­den erneut
ver­haf­tet! ‒ oder befin­den sich auf der Flucht und müs­sen sich vor den Augen
der Scher­gen des Regimes ver­steckt hal­ten.

HEPCO

ist der Name einer Indus­trie­an­la­ge und liegt in der Stadt
Arak im Zen­trum des Lan­des. HEPCO gehört wie Haft-Tapeh zu den größ­ten
indus­tri­el­len Anla­gen Irans, exis­tiert mehr oder weni­ger so vie­le Jah­re wie
Haft-Tapeh und ist spe­zia­li­siert auf die Her­stel­lung von schwe­ren Maschi­nen und
Moto­ren von Spe­zi­al­fahr­zeu­gen für die Hoch- u. Tief­bau­in­dus­trie. HEPCO gelang
es sogar, sich vom Import von Moto­ren- u. Karos­se­rie­er­satz­tei­len aus dem
Aus­land größ­ten­teils unab­hän­gig zu machen und konn­te den ira­ni­schen Eigen­be­darf
größ­ten­teils decken. Die­se Fabrik fiel vor ca. 15 Jah­ren (2004/​05) der
„Pri­va­ti­sie­rung“ zum Opfer. Bei der Aus­schrei­bung ging ein Devi­sen­händ­ler mit
dem Namen Ali Asghar Atta­ri­an ‒ er steht den höhe­ren Eta­gen der Füh­rung der
isla­mi­schen Repu­blik nahe ‒ als Gewin­ner her­vor. Die Pri­va­ti­sie­rung bescher­te
der Fabrik noch ein „Geschenk“! Ein ehe­ma­li­ger Minis­ter für
land­wirt­schaft­li­chen Auf­bau mit dem Namen Mah­mud Hoja­ti wur­de samt sei­nen zwan­zig
Stell­ver­tre­tern als Vor­stand von HEPCO ein­ge­setzt und der jet­zi­ge Ölmi­nis­ter,
Nam­dar Zan­ga­ne, über­nahm das Amt des Vor­stands­vor­sit­zen­den.

Ähn­lich wie ihre Haft-Tapeh-Kolleg*innen pro­tes­tier­te die
HEP­CO-Beleg­schaft gegen die „Pri­va­ti­sie­rung“, orga­ni­sier­te ‒ den repres­sivs­ten
Bedin­gun­gen und den Atta­cken bezahl­ter Schlä­ger­trupps trot­zend ‒ Streiks,
Blo­cka­den und Kund­ge­bun­gen. Die HEP­CO-Strei­ken­den bezeich­ne­ten die
Pri­va­ti­sie­rung als Dieb­stahl und Todes­ur­teil für ihren Betrieb. Das Regime
unter­drück­te die Pro­test­ak­tio­nen blu­tig, die Arbei­ter wur­den vor ihrem Betrieb
und auf offe­ner Stra­ße atta­ckiert und schwer ver­letzt, ins Gefäng­nis gewor­fen
und auch dort gefol­tert – Bil­der und Vide­os der vom Regime miss­han­del­ten Strei­ken­den
erreich­ten dank der Sozia­len Medi­en die inter­na­tio­na­le Öffent­lich­keit. Wäh­rend
es den HEP­CO-Beschäf­ti­gen so erging, kas­sier­ten die Herr­schaf­ten des Vor­stands
Mil­lio­nen von Euro. Und in wel­chem Zustand ist die Fir­ma HEPCO heu­te? Da die
Fol­gen der Pri­va­ti­sie­run­gen der letz­ten Jah­re zu Top-The­men in Iran gehö­ren,
war am 01.07.2020 in der ira­ni­schen Zeit­schrift Shargh (der Osten), die
haupt­säch­lich Wirt­schafsthe­men behan­delt, u.a. dies zu lesen: “…die jähr­li­che
Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät von HEPCO betrug vor 10 Jah­ren 2145 Tau­send Bau­fahr­zeu­ge
aller Art, sie ging im lau­fen­den Geschäfts­jahr auf 30 Stück zurück.“

Sozia­le u. poli­ti­sche Kri­sen

Mas­sen­ver­elen­dung, galop­pie­ren­de Infla­ti­on (inzwi­schen ein unvor­stell­ba­rer
Wert­ver­lust der ira­ni­schen Wäh­rung), Was­ser­ver­knap­pung (bedingt durch den
unver­zeih­lich ver­schwen­de­ri­schen und sachun­kun­di­gen Umgang mit den Was­ser­re­ser­voirs
eines Lan­des mit reich­li­chen Öl- u. Gas­vor­kom­men, aber doch mit sehr knap­pen
Was­ser­re­ser­ven!), fast täg­lich teu­rer wer­den­de Grund­nah­rungs­mit­tel in einem
Land, in dem sogar laut offi­zi­el­ler Zah­len eine erdrü­cken­de Mehr­heit der lohn­ab­hän­gen
Bevöl­ke­rung unter­halb des Exis­tenz­mi­ni­mums lebt, sind Fol­gen der
„Wirt­schafts­po­li­tik“, der isla­mi­schen Repu­blik .

Die Coro­na-Pan­de­mie traf die ira­ni­sche Gesell­schaft inmit­ten
die­ser Kri­sen. Das Ver­hal­ten des Regimes ange­sichts der Seu­che ist nicht nur
eine Mischung aus Igno­ranz und Inkom­pe­tenz. Bei genaue­rer Betrach­tung ent­steht
der hart­nä­cki­ge Ver­dacht, dass die Coro­na-Pla­ge vom Regime bewusst und gewollt
als Waf­fe gegen Tei­le des ira­ni­schen Vol­kes ein­ge­setzt wird. Zunächst begriff das
Regime die Gefahr, die von dem Virus aus­ging, ganz und gar nicht als ein Pro­blem,
das drin­gen­de Maß­nah­men in den Berei­chen Gesund­heits­po­li­tik und Hygie­ne
erfor­dert. Seit März 2020 debat­tier­te die gan­ze Welt über Chi­na als das Land,
das als Herd und Quel­le von Coro­na fest­stand. Doch der Flug­ver­kehr zwi­schen
Iran und Chi­na ging bis weit in den April hin­ein unver­min­dert wei­ter.

Täg­lich pen­del­ten Hun­der­te ira­ni­sche und chi­ne­si­sche Händ­ler
zwi­schen Tehe­ran und Peking und fun­gier­ten so als ein Mega-Ver­brei­ter des Virus,
der in kür­zes­ter Zeit ira­ni­sche Groß­städ­te und spä­ter das gan­ze Land erfass­te.
Wei­ter ver­schär­fend kam hin­zu, dass an der Spit­ze des Regimes lan­ge Zeit
Unei­nig­keit bei der Ein­schät­zung und Behand­lung der Krank­heit bestand, die
täg­lich eine hohe Zahl an Men­schen­op­fern for­der­te. Tei­le der
reli­gi­ös-poli­ti­schen Füh­rung des Regimes ver­tra­ten die Mei­nung, Coro­na sei eine
Ver­schwö­rung der Fein­de des Islams, Beten sei das bes­te Mit­tel dage­gen und die
Gläu­bi­gen soll­ten hei­li­ge Schrei­ne der Ima­me auf­su­chen! So oder ähn­lich sahen
die ers­ten „Maß­nah­men“ des Regimes gegen Coro­na aus. Iran gehör­te in den ers­ten
Wochen und Mona­ten der Pan­de­mie zu den drei bis vier Län­dern mit den höchs­ten
Todes­ra­ten. So maka­ber es auch klin­gen mag: Das Regime ist wil­lens und in der
Lage, Coro­na gegen das „eige­ne“ Volk als Waf­fe ein­zu­set­zen.

Tau­sen­de poli­ti­sche Gefan­ge­ne

Das „Ver­ge­hen“ der inhaf­tier­ten Frau­en und Män­ner? Sie
behar­ren auf der Ein­hal­tung der Grund­rech­te, sie wer­fen dem Regime Kor­rup­ti­on
in höchs­tem Maße vor und sie kri­ti­sie­ren sei­ne Außen­po­li­tik, die viel­leicht dem
Über­le­ben des Regimes dien­lich ist aber den ira­ni­schen Inter­es­sen kurz‑,
mit­tel- u. lang­fris­tig scha­det. Die über­füll­ten ira­ni­schen Gefäng­nis­se gehö­ren
zu den gefähr­lichs­ten Brut­stät­ten des Coro­na-Virus. Noch viel mehr als drau­ßen
vor den Gefäng­nis­mau­ern, wo hygie­nisch-medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung für das „gemei­ne
Volk“ kaum zu haben ist, sind die inner­halb der Mau­ern fest­ge­hal­te­nen Men­schen Bedin­gun­gen
aus­ge­lie­fert, die einem Todes­ur­teil gleich­kom­men. Wie die poli­ti­schen
Gefan­ge­nen aus den Gefäng­nis­sen berich­ten, wer­den Hun­der­te Men­schen als
poli­ti­sche wie „gewöhn­li­che“ Gefan­ge­nen ohne Hygie­ne-Vor­keh­run­gen und ohne
nen­nens­wer­te medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung in Groß­räu­men eng zusam­men gehal­ten. Frau Nar­ges
Moham­ma­di, eine über die Gren­zen des Lan­des bekann­te Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin,
sitzt seit Jah­ren auf Grund unhalt­ba­rer Anschul­di­gun­gen im Gefäng­nis, ist
krank, wur­de neu­lich Coro­na-posi­tiv getes­tet und wird wei­ter­hin fest­ge­hal­ten.
Täg­lich wer­den immer wie­der unschul­di­ge Men­schen ganz will­kür­lich fest­ge­nom­men
und ins Gefäng­nis gewor­fen, weil sie irgend­wann dem Regime als Kritiker*innen
oder als Men­schen mit „poli­ti­scher Ver­gan­gen­heit“ auf­ge­fal­len sind und müs­sen
nun dafür büßen. So z. B. Sepi­deh Gho­li­y­an, die als Inter­net-Jour­na­lis­ten und
Repor­te­rin der Haft-Tapeh-Pro­tes­te auf­fiel, des­halb ver­haf­tet wur­de, über ein
Jahr Gefäng­nis­stra­fe und Fol­ter­haft hin­ter sich hat und dann „frei“ war, wur­de
im Juni 2020 erneut ver­haf­tet. Vie­le wei­te­re aber weni­ger pro­mi­nen­te Frau­en und
Män­ner sit­zen in ent­le­ge­nen Regio­nen des Lan­des im Gefäng­nis und sehen dem
„sanf­ten Tod“ ent­ge­gen.

Die Fak­ten­la­ge in Iran lässt fol­gen­de Schluss­fol­ge­rung zu:
Das Regime ist innen­po­li­tisch am Ende der Sack­gas­se ange­kom­men und sei­ne
mili­tä­risch-poli­ti­schen Aben­teu­er in der Regi­on haben Mil­li­ar­den von Petro-Dol­lar
ver­schlun­gen, ohne nen­nens­wer­ten Nut­zen zu brin­gen. Nun sieht es so aus, dass das
Regime aus einer Posi­ti­on innen­po­li­ti­scher Schwä­che und außen­po­li­ti­scher
Iso­la­ti­on nach einem „stra­te­gi­schem Part­ner“ Aus­schau hält. Wie in vie­len
afri­ka­ni­schen und asia­ti­schen Län­dern spielt die chi­ne­si­sche Wirt­schaft seit
Jah­ren auch im Iran-Geschäft die ers­te Gei­ge. In jüngs­ter Zeit kam es wie­der­holt
zu Gerüch­ten, dass Iran und Chi­na über einen neu­en Mega-Ver­trag ver­han­deln. Das
ira­ni­sche Regime steht den Gerüch­ten wohl­wol­lend gegen­über und ent­facht ihre
Ver­brei­tung immer wie­der neu. Das Regime will sei­ne Gegner*innen und das sehr
unzu­frie­de­ne und zugleich poli­tisch moti­vier­te ira­ni­sche Volk auf fol­gen­de
Wei­se beein­dru­cken: Schaut her, ich bin erfolg­reich, ich habe die Mäch­tigs­ten
die­ser Welt als Part­ner auf mei­ner Sei­te und wer­de euch eine glor­rei­che Zukunft
brin­gen. Der chi­ne­si­sche Part­ner hält sich auf­fal­lend bedeckt und dies könn­te
fol­gen­den Grund haben: Die Chi­ne­sen wol­len ihre west­li­che Kon­kur­renz (USA /​EU)
nicht ner­vös machen und set­zen sie nur por­ti­ons­wei­se über den Umfang des
Ver­trags in Kennt­nis, außer­dem wol­len sie aus den ira­ni­schen „Part­nern“, die auf
die­se „stra­te­gi­sche Part­ner­schaft“ sehr scharf sind, bis zum end­gül­ti­gen
Ver­trags­ab­schluss noch mehr Zuge­ständ­nis­se her­aus­pres­sen.

Nach bis­he­ri­gen Kennt­nis­sen und bezug­neh­mend auf einen
„Vor­ent­wurf“, den das ira­ni­sche Staats­fern­se­hen Mit­te Juli 2020
ver­öf­fent­lich­te, sei hier auf die wich­tigs­ten Pas­sa­gen hin­ge­wie­sen:

„1) Die isla­mi­sche Repu­blik über­nimmt die voll­stän­di­ge
Til­gung ihrer Schul­den in Form von Öllie­fe­run­gen und zwar 30 Pro­zent
unter­halb des regu­lä­ren Prei­ses, die Buch­füh­rung dar­über liegt allein in der
Hand der chi­ne­si­schen Zen­tral­bank. 2) Zoll- u. Steu­er­frei­heit für chi­ne­si­sche
Waren, die in Iran impor­tiert wer­den, die Ver­ant­wor­tung für ihre Lage­rung und
ihre Sicher­heit trägt die ira­ni­sche Sei­te. 3) Die chi­ne­si­sche Sei­te trägt kei­ne
Ver­pflich­tung, auf ihren Anla­gen und Ein­rich­tun­gen in Iran ein­hei­mi­sche Kräf­te
ein­zu­stel­len. 4) Rech­te, See­we­ge im ira­ni­schen See­ge­biet zu benut­zen, dort
Fische­rei zu betrei­ben und nach See- u. Boden­res­sour­cen im See­ge­biet des
ira­ni­schen See­ha­fens Bandar-Tscha-Bahar im Per­si­schen Golf zu „for­schen“,
wer­den der chi­ne­si­schen Sei­te zuge­spro­chen. 5) Für die Ver­wirk­li­chung der
Ver­ein­ba­rung ist zunächst vor­ge­se­hen, dass 5000 chi­ne­si­schen Fach­kräf­te nach
Iran kom­men. 6) Die chi­ne­si­sche Sei­te ver­spricht Inves­ti­tio­nen in die ira­ni­sche
Infra­struk­tur zu täti­gen …“

Über den bis­her bekannt gewor­de­nen Inhalt des Vor­ver­tra­ges
wird inner­halb der ira­ni­schen Oppo­si­ti­on sehr hef­tig dis­ku­tiert. Auf der einen
Sei­te akzep­tie­ren ihn die ira­ni­schen „Blockdenker*innen“ (Campist*innen) dezent
und unter­schwel­lig. Sie argu­men­tie­ren u.a. fol­gen­der­ma­ßen: Der Ver­trag sei ja
noch nicht ganz fer­tig, Ver­bes­se­run­gen könn­ten ja noch kom­men und außer­dem: War­um
soll­ten sol­che Ver­trä­ge nur mit west­li­chen Län­dern geschlos­sen wer­den, Chi­na
sei ein öst­lich-asia­ti­sches Land, habe „mit uns“ gemein­sa­me kul­tu­rel­le und
his­to­ri­sche Wur­zeln und einen stra­te­gi­schen Part­ner brau­che eigent­lich jedes
Land …

Auf der ande­ren Sei­te regen sich ira­ni­sche säku­lar-demo­kra­tisch
und libe­ra­le (also pro west­li­che) Kräf­te furcht­bar über den bis jetzt publik
gewor­de­nen Inhalt auf; sie for­dern die sofor­ti­ge Annul­lie­rung des Papiers,
ver­ur­tei­len die bei­den dik­ta­to­ri­schen Regie­run­gen und ver­lan­gen von den
„demo­kra­ti­schen“ Län­dern, den bald unter­schrifts­rei­fen Ver­trag zu Fall zu
brin­gen und die demo­kra­ti­schen Kräf­ten im Kampf gegen Dik­ta­to­ren zu
unter­stüt­zen.

Es gibt jedoch genug ira­ni­sche Stel­lung­nah­men und Ana­ly­sen
im In- u. Aus­land, die von der Posi­ti­on ira­ni­scher Inter­es­sen aus das neue
Aben­teu­er des Regimes begut­ach­ten. Wäh­rend die Kom­men­ta­re im Aus­land im Schut­ze
der geo­gra­phi­schen Ent­fer­nung und aus siche­rer Distanz abge­ge­ben wer­den,
ris­kie­ren die kri­ti­schen Ana­lys­ten in Iran dafür ihre Frei­heit, ja ihr Leben – und
trotz­dem tun sie das. Aus der Viel­zahl sol­cher Ana­ly­sen grei­fen wir ein Inter­view
her­aus, das ein ira­ni­scher Öko­no­mie-Dozent am 20.07.2020 im Inter­net
ver­öf­fent­lich­te (sein Name ist der Redak­ti­on bekannt). Mit dem Hals in der
Schlin­ge äußer­te er sich über den „Vor­ver­trag“. Hier eine kur­ze
Zusam­men­fas­sung:

„Wir gehö­ren in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten zu den Län­dern
mit der höchs­ten Fluch­tra­te von mensch­li­chem und mate­ri­el­lem Kapi­tal in Rich­tung
Aus­land. Ein Land, das sei­ne eige­nen inne­ren Fähig­kei­ten zu nut­zen nicht in der
Lage ist, will nun von aus­län­di­schen Kapi­tal­in­ves­ti­tio­nen pro­fi­tie­ren? Chi­na
hat ver­spro­chen zwi­schen 280 – 400 Mil­li­ar­den Dol­lar zu inves­tie­ren. Anstatt
aus­län­di­sches Kapi­tal zu Inves­ti­tio­nen ein­zu­la­den, soll­ten wir zuerst im Lan­de
exis­tie­ren­de Fähig­kei­ten auf­bau­en und erhö­hen (…) Außer­dem: Die Nei­gung
chi­ne­si­scher Inves­to­ren deu­tet dar­auf hin, dass sie am Kauf von Roh­stof­fen
inter­es­siert sind (…) Auf Grund unse­rer vor­lie­gen­den For­schungs­ar­bei­ten betru­gen
die Direkt­ein­nah­men Irans in den Jah­ren 2004–2017 aus den Export-Geschäft 2180
Mil­li­ar­den Dol­lar. Es wäre bes­ser und sinn­vol­ler erst das, was in der
ange­kün­dig­ten Urkun­de der ira­nisch-chi­ne­si­schen Zusam­men­ar­beit ver­spro­chen
wird, aus den eige­nen vor­han­de­nen finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten zu schöp­fen, die
drei bis sechs Mal höher lie­gen als die von der chi­ne­si­schen Sei­te ver­spro­che­ne
Sum­me. Sogar in der Zeit von Herrn Rou­ha­ni in den Jah­ren 2013 – 2017 hat­ten wir
aus der­sel­ben Ein­kom­mens­quel­le 317 Mil­li­ar­den Dol­lar Direkt­ein­nah­men…“ Der
ira­ni­sche Dozent schließt das Inter­view: „Hat­te denn Iran in den letz­ten 200
Jah­ren bei diver­sen Ver­trags­ab­schlüs­sen mit frem­den Mäch­ten irgend­wel­che
Vor­tei­le? Wenn Groß­mäch­te stra­te­gi­sche Part­ner haben, dann sind das jeweils ihre
eige­nen Inter­es­sen und nie­mand sonst, ver­ges­sen wir das nicht!“

Die Regi­on des Per­si­schen Golfs und sei­ner Anrai­ner­staa­ten ste­hen
im Mit­tel­punkt der impe­ria­len Gesamt­kon­zep­ti­on der USA. Seit dem Ende des II.
Welt­kriegs üben sie dort unan­ge­foch­ten die Rol­le der „Schutz­macht“ aus. Nun hat
sich ihr asia­ti­scher Riva­le in einem der wich­tigs­ten Län­der der Regi­on fest­ge­setzt
und kann von dort aus sei­ne Füh­ler aus­stre­cken. Die­se voll­ende­te Tat­sa­che macht
den US-Impe­ria­lis­mus ner­vös, lässt ihn toben und immer lau­ter Dro­hun­gen
aus­spre­chen. Die Span­nun­gen zwi­schen den USA als Super­macht auf abstei­gen­dem
Ast und Chi­na als ener­gie­durs­ti­ge und markt­hung­ri­ge auf­stre­ben­de Groß­macht sind
glo­bal und kön­nen noch viel grö­ße­re Dimen­sio­nen errei­chen. Aber die
US-Sank­tio­nen gegen Iran ‒ die in ers­ter Linie den Lebens­grund­la­gen der
unters­ten Schich­ten der ira­ni­schen Gesell­schaft schwers­te Schä­den zufü­gen ‒
sind gegen die Füh­rung der isla­mi­schen Repu­blik als Nadel­sti­che gedacht und
sol­len sie zur „Ver­nunft“ brin­gen. Aber da das Regime und das ira­ni­sche Volk
längst geschie­de­ne Leu­te sind, begibt sich das Regime aus einer erbärm­li­chen Lage
der Angst und Schwä­che unter dem Schutz­schirm einer nicht min­der gefähr­li­chen Super­macht
und wirft ihr als Gegen­leis­tung wich­ti­ge Res­sour­cen des Lan­des in der Hoff­nung
vor die Füße, damit dem eige­nen Regime das Über­le­ben zu garan­tie­ren. Ganz
gleich, ob sich nun die Span­nun­gen zwi­schen den USA und Chi­na ver­schär­fen oder
beru­hi­gen, ist das ira­ni­sche Regime als dum­mer Händ­ler und Markt­schrei­er bereits
jetzt der defi­ni­ti­ve Ver­lie­rer die­ses Spiels.

Der Wider­stand:

Die ira­ni­sche Wider­stands­be­we­gung blickt auf eine mehr als
vier Genera­tio­nen alte Erfah­rung des poli­ti­schen Kamp­fes gespickt mit
ermu­ti­gen­den Erfol­gen und bit­te­ren Nie­der­la­gen. Es sind muti­ge und
bewun­derns­wert infor­mier­te Frau­en und Män­ner, die heu­te vom Gefäng­nis aus, am
Arbeits­platz, auf der Stra­ße und im Unter­grund den Kampf gegen das mör­de­ri­sche
Regime orga­ni­sie­ren und anfüh­ren. Ihnen genügt es nicht mehr, die gro­ben Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen
des Regimes anzu­pran­gern, die im Land wüten­de Wirt­schafts­kri­mi­na­li­tät zu
ver­ur­tei­len oder die dümm­li­che Außen­po­li­tik des Regimes aufs Korn zu neh­men.
Gestützt auf die kon­kre­ten Leh­ren des Volks­auf­stan­des von Febru­ar 1979, als dem
Sturz einer Ein-Mann-Dik­ta­tur (Schah-Regime) eine Dik­ta­tur der schii­ti­schen
Kle­ri­ker folg­te, erklä­ren sie: Der poli­ti­sche Über­gang (damals hieß es:
„Haupt­sa­che zuerst das jet­zi­ge blut­rüns­ti­ge Regime los­wer­den“!) allein reicht
nicht; poli­ti­sche Frei­heit, sozia­le Gleich­heit und Schutz vor Ein­fluss­nah­me und
Ein­mi­schung asia­ti­scher, ame­ri­ka­ni­scher und euro­päi­scher Groß­mäch­te. Es geht
auch um die Beant­wor­tung der fol­gen­den Fra­ge: Wel­che gesell­schaft­li­chen Kräf­te
haben wäh­rend der Über­gans­pha­se die Füh­rung, sind ver­ant­wort­lich und bie­ten
Garan­tien?

Dies sind die The­men, die die ira­ni­schen Aktivist*innen
neben dem offe­nen Kampf gegen das Regime beschäf­ti­gen. Seit mehr als 10 Jah­ren
macht sich die Prä­senz der ira­ni­schen Arbeiter*innen-Bewegung in den ers­ten
Rei­hen der Kämp­fe deut­lich bemerk­bar. Beson­ders wäh­rend der letz­ten zwei Jah­re,
in der zwei gro­ße Pro­test­wel­len wei­te Tei­le des Lan­des erfass­ten und in denen unzu­frie­de­ne,
betro­ge­ne und hun­gern­de Schich­ten auf die Stra­ße gin­gen, waren Slo­gans, Paro­len
und For­de­run­gen zu hören, die haupt­säch­lich aus den Streiks, Por­tes­ten und
Ver­laut­ba­run­gen der Arbeiter*innen stamm­ten.

Im Som­mer 2020 mach­ten die Beschäf­tig­ten von Haft-Tapeh
durch ihre zwei­te gro­ße Streik­wel­le auf sich auf­merk­sam. Diens­tag 27.07.2020
war der 45. Tag ihres Streiks und als die­se Zei­len geschrie­ben wer­den
(01.0820!) dau­ert ihr Streik noch an. Ihre For­de­run­gen lau­ten u.a.:

1.) Sofor­ti­ge Aus­zah­lung der Löh­ne und Gehäl­ter der
Beschäf­tig­ten, die seit Beginn des Jah­res (März 2020) nicht über­wie­sen wur­den! 2.)
Sofor­ti­ge Ein­stel­lung der ent­las­se­nen Kolleg*innen! 3.) Sofor­ti­ge
Wie­der­ver­haf­tung von Assad Bey­gi! 4.) Ent­eig­nung der kor­rup­ten und rechts­wid­rig
ein­ge­setz­ten „Haft-Tapeh-Besit­zer“ und Rück­gän­gig­ma­chung der Pri­va­ti­sie­rung.

Neben den Streiks, die in gro­ßen und klei­ne­ren Betrie­ben
täg­lich statt­fin­den, kam es eben­so in den Som­mer­mo­na­ten 2020 wie­der in vie­len
ira­ni­schen Städ­ten zu Pro­test­ak­tio­nen, wovon auch aus­län­di­sche Medi­en
berich­te­ten (z. B. SZ am 21.07.20).

Die Reak­ti­on des Regimes besteht ein­zig und allein in der
Ver­schär­fung der Repres­sa­li­en. Mit wahl­lo­sen Fest­nah­men, der Ermor­dung von
poli­ti­schen Gefan­ge­nen, die seit Jah­ren schuld­los in Haft sind und den
will­kür­li­chen Fest­nah­men ver­sucht das Regime Angst und Schre­cken zu ver­brei­ten.
Dies sehen nicht nur kri­ti­sche und unab­hän­gi­ge Beobachter*innen so. Tei­le des
Regimes war­nen sogar: „Sobald die Coro­na-Kri­se etwas abge­flaut ist, sind gro­ße
Unru­hen zu befürch­ten.“

Anfang August 2020

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