[labournet:] „Beirut, wie wir es kennen, gibt es nicht mehr“. Beiruts Zerstörung – eine Explosion, ein korruptes System, der Ruf nach unabhängiger Untersuchung – und nach Spenden

Die Explosion im Hafen von Beirut am 4.8.2020„… Die liba­ne­si­sche Regie­rung hat einen zwei­wö­chi­gen Aus­nah­me­zu­stand für Bei­rut aus­ge­ru­fen. Wie Infor­ma­ti­ons­mi­nis­ter Manal Abdel Samad ankün­dig­te, wur­de die Ver­ant­wor­tung für die Sicher­heit in der Haupt­stadt mit sofor­ti­ger Wir­kung der Armee über­tra­gen. Die Regie­rung wies die Mili­tär­füh­rung an, die für das Unglück ver­ant­wort­li­chen Beam­ten unter Haus­ar­rest zu stel­len. Das gel­te für alle, die für die Lage­rung des explo­dier­ten Ammo­ni­um­ni­trats im Hafen zustän­dig waren. Prä­si­dent Michel Aoun hat­te zuvor um inter­na­tio­na­le Kata­stro­phen­hil­fe gebe­ten. Die­se müs­se rasch erfol­gen, da sein Land bereits unter der herr­schen­den Wirt­schafts­kri­se lei­de, sag­te er in einer Fern­seh­an­spra­che. Zugleich sicher­te Aoun zu, die Umstän­de, die am Diens­tag zu den schwe­ren Explo­sio­nen in Bei­rut geführt hat­ten, wür­den zügig und trans­pa­rent auf­ge­klärt…“ – so mel­det die Deut­sche Wel­le in „Nach der Explo­si­on in Bei­rut“ am 05. August 2020 externer Link die Akti­vi­tät der Regie­rung nach der Kata­stro­phe – was den Ver­such bedeu­tet, die mas­siv ver­tre­te­ne For­de­rung nach einer unab­hän­gi­gen Unter­su­chung zu umge­hen… Die leicht sicht­ba­ren poli­ti­schen Zusam­men­hän­ge der Explo­si­on mit dem kor­rup­ten Pro­porz-Sys­tem und die sozia­len und wirt­schaft­li­chen Hin­ter­grün­de, wie auch die Reak­tio­nen von Betrof­fe­nen und Akti­ven der mona­te­lan­gen Pro­tes­te sowie ver­schie­de­ne Soli­da­ri­täts­be­stre­bun­gen samt Spen­den­adres­sen sind Gegen­stand unse­rer aktu­el­len Mate­ri­al­samm­lung vom 06. August 2020:

„Beiruts Zerstörung – eine Explosion und ein korruptes System“

(06. August 2020)

„Was die Explo­si­on von Bei­rut mit Kor­rup­ti­on zu tun hat“ von Robert Chat­ter­jee am 05. August 2020 bei Zenith externer Link unter­streicht zum Zusam­men­hang mit dem kor­rup­ten Sys­tem kon­kret unter ande­rem: „… Dass knapp 3.000 Ton­nen hoch­ent­zünd­li­ches Ammo­ni­um­ni­trat den wich­tigs­ten Hafen des Lan­des zer­stö­ren und dar­über hin­aus im gan­zen Land spür­ba­re Ver­wüs­tung hin­ter­las­sen, war dage­gen ganz und gar ver­meid­bar. Wäh­rungs­ver­fall, Wirt­schafts­kri­se, Mas­sen­pro­tes­te und dann auch noch Coro­na – der Liba­non hat in den letz­ten Mona­ten und Jah­ren eine Viel­zahl von Kri­sen durch­lebt. Die Häu­fung an Pro­blem­la­gen ver­schlim­mert die Fol­gen der Kata­stro­phe vom 4. August, könn­te aber auch den Blick auf die ent­schei­den­den Ursa­chen erschwe­ren. Denn im Kern han­delt es sich hier um den vor­läu­fi­gen Höhe­punkt von Staats­ver­sa­gen und Kor­rup­ti­on – laten­te Pro­ble­me, die den Liba­non seit Jahr­zehn­ten pla­gen. Staats­ver­sa­gen bedeu­tet in die­sem Fall, dass der Staat einer sei­ner zen­tra­len Funk­tio­nen nicht nach­ge­kom­men ist, näm­lich Leib und Leben sei­ner Bür­ger zu schüt­zen. Dafür die­nen sowohl gesetz­li­che Regu­la­ri­en, als auch fach­spe­zi­fi­sche Behör­den, die die Ein­hal­tung von Stan­dards über­wa­chen und Ver­stö­ße ahn­den. Mit die­ser Ver­nach­läs­si­gung ein­her geht im Liba­non die Aus­la­ge­rung von Ver­sor­gungs­dienst­leis­tun­gen (Strom, Was­ser, Müll) an nicht-staat­li­che Ver­tei­lungs­netz­wer­ke, etwa von Par­tei­en oder Geschäfts­leu­ten. (…) Schon zu Bür­ger­kriegs­zei­ten mach­ten Mili­zen im Liba­non Geschäf­te mit ille­gal impor­tier­tem Müll. Gespart wur­de dafür bei der fach­ge­rech­ten Ent­sor­gung – ähn­li­che Ver­hal­tens­mus­ter las­sen auch die Dienst­leis­ter erken­nen, die sich heu­te lukra­ti­ve Staats­auf­trä­ge sichern, aber nicht wil­lens sind, ihre Mar­gen durch Inves­ti­tio­nen in Per­so­nal und Tech­no­lo­gie zu schmä­lern – staat­li­che Sank­tio­nen müs­sen sie ohne­hin kaum fürch­ten. So wächst der rie­si­ge Müll­berg am Bei­ru­ter Flug­ha­fen Meter um Meter, Plas­tik­fla­schen fül­len Strän­de und Berg­land­schaf­ten. (…) Die poli­ti­sche Füh­rung, die etwa dank der Ver­ga­be von Aus­schrei­bun­gen einen wich­ti­gen Platz in die­sem Sys­tem ein­nimmt, hat lan­ge dar­auf gesetzt, dass sich der Wider­stand gegen die Kli­en­tel­wirt­schaft in Gren­zen hal­ten wür­de. Weil auch die unkon­trol­lier­ten Ver­tei­lungs­netz­wer­ke doch an sta­bi­len Ein­nah­men inter­es­siert sein müss­ten und schon Mit­tel und Wege fin­den, damit ihr Geschäft nicht kol­la­biert. Und weil doch jeder Liba­ne­se und jede Liba­ne­sin irgend­wie Teil die­ses Sys­tems ist – gewollt oder ungewollt.Doch die­se Rech­nung geht immer sel­te­ner auf. Auf den Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tun­gen im Zuge der Pro­test­be­we­gung, die im Okto­ber 2019 wei­te Tei­le des Lan­des erfasst hat­te, wur­de nicht nur offen über Kli­en­te­lis­mus debat­tiert, son­dern eine Ver­bin­dung zu des­sen hand­fes­ten Fol­gen her­ge­stellt – das ver­lieh der oft nebu­lö­sen und abs­trak­ten »Sys­tem­fra­ge« nicht nur inhalt­lich eine neue Qua­li­tät, son­dern schärf­te ein gemein­sa­mes Pro­blem­be­wusst­sein über poli­ti­sche und sek­ta­ris­ti­sche Trenn­li­ni­en hin­weg. Das intel­lek­tu­el­le Poten­ti­al, das sich damals in der Pro­test­be­we­gung Aus­druck ver­lieh, könn­te nun eine Chan­ce für den Wie­der­auf­bau der in ihren Grund­fes­ten erschüt­ter­ten Stadt­ge­sell­schaft bie­ten. Die poli­ti­sche Füh­rung ver­sucht, die­ser Stim­mung auch im Nach­gang der Explo­si­ons­ka­ta­stro­phe vom 4. August den Wind aus den Segeln zu neh­men, sei es durch die Fokus­sie­rung auf ein­zel­ne Funk­ti­ons­trä­ger, die als Sün­den­bö­cke her­hal­ten müs­sen (etwa die Lei­ter der Zoll- und Hafen­be­hör­de), den Rekurs auf Ver­schwö­rungs­theo­rien, Anbie­de­rung und Popu­lis­mus…“

„Die Kata­stro­phe im müden Land“ von Meret Michel am 06. August 2020in der WoZ externer Link (Aus­ga­be 32/​2020) zu den städ­ti­schen Bedin­gun­gen und mensch­li­chen Fol­ge­run­gen über die direk­ten Opfer der Kata­stro­phe hin­aus: „… Bei­rut ist eine Stadt, die sich um ihren Hafen her­um aus­brei­tet. Gleich hin­ter einer zen­tra­len Ver­kehrs­ach­se befin­den sich die ers­ten Wohn­vier­tel. Und die Gefahr, die von der Lage­rung solch hoch­ex­plo­si­ven Mate­ri­als an die­sem Ort aus­geht, war den Behör­den durch­aus bewusst gewe­sen. Die Ware stamm­te von einem rus­si­schen Fracht­schiff, das 2013 nach tech­ni­schen Pro­ble­men in Bei­rut ange­legt hat­te. Meh­re­re offi­zi­el­le Anfra­gen der Zoll­ver­wal­tung, was damit zu tun sei, waren offen­bar unbe­ant­wor­tet geblie­ben. Natür­lich gab es bereits am Diens­tag­abend vie­le Spe­ku­la­tio­nen. Etwa dass ein Angriff Isra­els statt­ge­fun­den habe, das in der Woche zuvor bereits Zie­le in Syri­en ange­grif­fen hat­te. Das israe­li­sche Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um demen­tier­te umge­hend. Und eben­so Spe­ku­la­ti­on ist die Fra­ge, wel­che regio­nal- und geo­po­li­ti­schen Fol­gen die Explo­si­on haben könn­te. Sol­cher­lei Mut­mas­sun­gen brin­gen im Moment aber wenig. Zen­tral ist viel­mehr die Fra­ge, wel­che Fol­gen die Explo­si­on für die Men­schen im Liba­non hat. Und viel wich­ti­ger ist vor allem, dass so schnell wie mög­lich Hil­fe von aus­sen kommt. Der Liba­non ist ein Land, in dem mitt­ler­wei­le über die Hälf­te der Bevöl­ke­rung unter der Armuts­gren­ze lebt. Ein Land auch, das fast alle Kon­sum­gü­ter impor­tie­ren muss. Bei­spiels­wei­se kamen 85 Pro­zent des impor­tier­ten Getrei­des im Hafen von Bei­rut an – nun wur­de die­ser kom­plett zer­stört. Eine sol­che Explo­si­on ist in jedem Fall eine Kata­stro­phe. Für den Liba­non in der heu­ti­gen Zeit ist sie aber noch mehr als das. Das Land erlebt die schlimms­te Wirt­schafts­kri­se sei­ner Geschich­te, die Wäh­rung hat in den letz­ten Mona­ten über acht­zig Pro­zent ihres Werts, Hun­dert­tau­sen­de Men­schen haben ihre Arbeit ver­lo­ren. Vie­le, die vor einem Jahr noch zur Mit­tel­schicht gehör­ten, kön­nen sich heu­te kaum noch das Essen leis­ten. Die Kran­ken­häu­ser, die wegen der Coro­na­pan­de­mie bereits am Limit lie­fen, waren in der Nacht auf Mitt­woch mit Tau­sen­den Ver­letz­ten kom­plett über­las­tet. Auch sie waren von der Wirt­schafts­kri­se schon schwer getrof­fen: Wegen der kata­stro­pha­len Strom­ver­sor­gung muss­ten man­che Spi­tä­ler Ope­ra­tio­nen ver­schie­ben. Noch vor zehn Mona­ten sind Mil­lio­nen Liba­ne­sIn­nen auf die Stras­se gegan­gen, um gegen Kor­rup­ti­on und das poli­ti­sche Sys­tem, von dem das Land seit dem Bür­ger­krieg gelähmt wird, zu pro­tes­tie­ren. Die «Okto­ber­re­vo­lu­ti­on» setz­te eine unglaub­li­che Ener­gie frei. Es keim­te die Hoff­nung auf, das Land las­se sich zum Bes­se­ren ver­än­dern. Der dama­li­ge Regie­rungs­chef Saad Hari­ri trat zurück. Doch selbst wer auch nur die gerings­te Hoff­nung in die neue Regie­rung unter Hassan Diab gesetzt hat­te – was vie­le Akti­vis­tIn­nen ohne­hin nicht taten –, wur­de bis­her ent­täuscht. Es gelang nicht ein­mal, ein Gesetz für ein­heit­li­che Kapi­tal­kon­trol­len ein­zu­füh­ren. Es wäre eine Grund­vor­aus­set­zung dafür, dass das Land ein Hilfs­pa­ket vom Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds erhält. Vor dem Hin­ter­grund all des­sen tref­fen der Schock und das Trau­ma, die am Diens­tag über Bei­rut kamen, das Land in sei­nem Inners­ten...“

„”Nous avons aler­té six fois la jus­ti­ce sur la dan­g­e­ro­si­té du nitra­te d’ammonium. En vain” , affir­me le direc­teur des doua­nes““ von Mat­t­hie­ru Karam am 05. August 2020 bei L’Orient le Jour externer Link berich­tet von den vom Lei­ter der Behör­de zu sei­ner Ver­tei­di­gung ange­ge­be­nen zahl­rei­chen Ver­su­chen der Zoll­be­hör­den, auf dem Jus­tiz­we­ge die gefähr­li­che Lage­rung zu been­den – ver­geb­lich. Das mol­da­wi­sche Schiff, das das „sal­zähn­li­che“ Gemisch vom Geor­gi­en nach Mosam­bik trans­por­tie­ren soll­te, war bereits 2013 bei einer Sicher­heits­in­spek­ti­on fest­ge­hal­ten wor­den – und von der Ree­de­rei anschlie­ßend „auf­ge­ge­ben“. Dies kom­men­tie­rend wird ein Ent­hül­lungs­jour­na­list der vor allem über Bezie­hun­gen am Bei­ru­ter Hafen forscht zitiert, der dar­auf ver­weist, dass die Lage­rung sol­cher Sub­stan­zen ohne­hin gesetz­lich ver­bo­ten sei, es also nicht auf Anträ­ge, son­dern auf Han­deln ange­kom­men wäre…

„Stim­men aus einer ver­wüs­te­ten Stadt“ von Julia Neu­mann am 05.August 2020 in der taz online externer Link lässt eben sol­che Stim­men zu Wort kom­men: „… Auch meh­re­re Kran­ken­häu­ser wur­den bei der Deto­na­ti­on zer­stört: Aus dem nahe dem Hafen gele­ge­nen St.-George-Universitätsklinikum wur­den die Kran­ken eva­ku­iert. Eine Wand stürz­te ein, vier Pfle­ge­rin­nen wur­den getö­tet, eine von ihnen war Baka­li­ans Klas­sen­ka­me­ra­din. Am Tag nach der ver­hee­ren­den Explo­si­on steigt die Zahl der Todes­op­fer nach Anga­ben des Roten Kreu­zes auf mehr als 100. Über 4.000 Men­schen sind ver­letzt, mehr als 100 Per­so­nen am Mitt­woch noch ver­misst. Fast die hal­be Stadt habe Schä­den erlit­ten, sag­te Bei­ruts Gou­ver­neur Mar­wan Abbud. Bis zu 300.000 Bewoh­ne­rIn­nen Bei­ruts könn­ten obdach­los gewor­den sein. Die Höhe der Schä­den schätz­te Abbud auf 3 bis 5 Mil­li­ar­den US-Dol­lar. Auf genaue Zah­len woll­te sich einen Tag nach der Kata­stro­phe noch nie­mand fest­le­gen. Baka­li­ans Fami­le gehört eine Kon­di­to­rei in Mar Mikha­el. Der Ofen im ers­ten Stock durch­brach durch den Druck der Explo­si­on die Decke. Gegen­über befin­det sich das Geschäft des Schuh­ma­chers Jiray­ir Krey­an. Wegen der Coro­na­pan­de­mie lief sein Geschäft ohne­hin schon schlecht, berich­tet er. Doch nun müs­se er sei­nen Laden auf­räu­men und kön­ne auf unbe­stimm­te Zeit nicht mehr arbei­ten. Die Fens­ter­schei­be ist her­aus­ge­fal­len, Holz­re­ga­le sind aus den Wän­den gekracht, alles ist ver­staubt. „Uns hilft hier nie­mand“, sagt Krey­an. „Die Regie­rung ist nicht für uns da, die Poli­zei infor­miert uns nicht, was los ist, und nie­mand packt mit an. Nur noch Gott kann uns hel­fen“, sagt der 37-Jäh­ri­ge ent­täuscht…“

„Nicht die letz­te Erschüt­te­rung“ von Karim El Gawha­ry eben­falls am 05.August 2020 in der taz online externer Link kom­men­tiert die Per­spek­ti­ven:„… Dass das Gan­ze wohl kein Anschlag war, macht es für die Liba­ne­sen nicht weni­ger poli­tisch. Für sie ist es ein wei­te­rer Beweis dafür, dass sie inzwi­schen in einem völ­lig geschei­ter­ten Staat leben. Die eins­ti­ge Schweiz des Nahen Ostens, als die sich der Liba­non einst ger­ne ver­mark­tet hat, ist nur noch ein Schat­ten ihrer selbst. Bereits ver­gan­ge­nes Jahr gin­gen die Liba­ne­sen mona­te­lang gegen Miss­wirt­schaft und Kor­rup­ti­on auf die Stra­ße. Das Land erleb­te eine Wirt­schafts­kri­se bis­her unbe­kann­ten Aus­ma­ßes. Dann kam Covid-19, das Desas­ter wur­de zur Kata­stro­phe. Der dama­li­ge Sozi­al­mi­nis­ter Ram­zi Mus­har­ra­fieh warn­te bereits im Früh­jahr, dass drei Vier­tel der Liba­ne­sen nicht mehr ohne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung oder ande­re Arten von Hilfs­lie­fe­run­gen über die Run­den kom­men. (…) In die­ser ange­spann­ten Situa­ti­on hat die Explo­si­on nicht nur eine unglaub­li­che Zahl von Toten und Ver­letz­ten hin­ter­las­sen und das Leben Tau­sen­der Fami­li­en zer­stört, sie hat auch die ohne­hin wack­li­gen Grund­fes­ten des poli­ti­schen Sys­tems im Liba­non erschüt­tert. Schon am Mitt­woch spra­chen die Liba­ne­sen davon, dass sie wie­der auf die Stra­ße gehen wol­len. Der Ärger über Miss­wirt­schaft, Nach­läs­sig­keit und Kor­rup­ti­on dürf­te seit ges­tern kei­ne Gren­zen mehr ken­nen. Die Regie­rung rief einen zwei­wö­chi­gen Aus­nah­me­zu­stand aus, wohl nicht nur um die Scher­ben zusam­men­zu­keh­ren, son­dern auch in Erwar­tung des­sen, was geschieht, wenn sich die Trau­er der Liba­ne­sen in Wut ver­wan­delt…“

„Kein Frie­den ohne Brot“ von Julia Neu­mann am 05. August 2020 in der taz online externer Link zur aktu­el­len sozia­len Lage am Tage der Explo­si­on unter ande­rem: „… Ama­ni Has­hem, 28 Jah­re alt, ist eine davon. Fünf Jah­re arbei­te­te sie im renom­mier­ten Uni­kli­ni­kum der Ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tät der Haupt­stadt. „Ich hat­te mich frei­wil­lig für die Corona­station gemel­det“, erzählt die Mut­ter eines drei­jäh­ri­gen Kin­des. Und obwohl die Fami­lie ver­such­te, ihr den Job aus­zu­re­den, nahm sie das Risi­ko aus Über­zeu­gung für den Beruf in Kauf. „An einem Frei­tag konn­te ich mich plötz­lich nicht mehr am Com­pu­ter ein­log­gen“, berich­tet sie, „so habe ich erfah­ren, dass ich ent­las­sen wur­de – wegen des Coro­na­vi­rus und der Finanz­kri­se.“ Über 800 Ange­stell­te auf mitt­le­rer Füh­rungs­ebe­ne sowie Elek­tri­ker und Pfleger*innen des Kran­ken­hau­ses wur­den gekün­digt. Has­hem kri­ti­siert, dass die Ver­wal­tung wei­ter­hin üppi­ge Gehäl­ter bezie­he, wäh­rend das ein­fa­che Per­so­nal den Job ver­lor. „Das ist unmo­ra­lisch und unfair“, sagt. sie. „Die Uni­ver­si­tät ist der Liba­non im Klei­nen: Die Ver­wal­tung stiehlt Geld, und die hart arbei­ten­den Men­schen lei­den.“ (…) Die natio­na­le Elek­tri­zi­täts­ge­sell­schaft weist ein jähr­li­ches Defi­zit von fast 1,7 Mil­li­ar­den Euro im Jahr auf. Der Strom fiel bereits vor der Kri­se min­des­tens drei Stun­den am Tag aus. Die Men­schen lei­den unter nicht trink­ba­rem Lei­tungs­was­ser, explo­die­ren­den Mie­ten und hor­ren­den Tele­fon­ge­büh­ren. Die Wut dar­über ent­lud sich in fried­li­chen Pro­tes­ten. Erst­mals zeig­ten sich Jung und Alt, Arme und Men­schen aus der sehr klei­nen Mit­tel­schicht ver­eint, auch über kon­fes­sio­nell-poli­ti­sche Gren­zen hin­weg. Mus­li­mi­sche Sun­ni­ten und Schii­ten, maro­ni­ti­sche Chris­ten oder Dru­sen schwan­gen die liba­ne­si­sche Flag­ge – eine Sel­ten­heit in einem Land, in dem die Regio­nen mehr­heit­lich von einer der 18 aner­kann­ten Reli­gi­ons­ge­mein­schaf­ten geprägt sind...“

„Cou­pu­res d’électricité: affron­te­ments à Bey­routh“ am 04. August 2020 bei Anthro­po­lo­gie du Pré­sent externer Link ist eine aktu­el­le Mate­ri­al­samm­lung über die Pro­tes­te bis zum Vor­tag der Kata­stro­phe – Pro­tes­te, die wei­ter­hin unge­bro­chen gegen das Pro­porz-Sys­tem gerich­tet waren und eben im kon­kre­ten aktu­ell gegen die Zustän­de der Strom­ver­sor­gung…

„Bei­rut blast threa­tens food secu­ri­ty in Leba­non“ von Anto­nia Wil­liams-Annun­zia­ta am 05. August 2020 bei Bei­rut today externer Link berich­tet vor allem von der dro­hen­den Ver­schär­fung der Lebens­mit­tel-Pro­ble­me, da auch hier­für der Hafen von Bei­rut Haupt­um­schlag­platz sei…

„Hil­fe für den Liba­non“ am 05. August 2020 bei med­i­co inter­na­tio­nal externer Link zum Ereig­nis und mit dem Spen­den­auf­ruf: „… AMEL, eine der wich­tigs­ten Gesund­heits­or­ga­ni­sa­tio­nen des Lan­des und lang­jäh­ri­ger med­i­co-Part­ner, ruft der­zeit zu Blut­spen­den auf, sam­melt Klei­dung und Nah­rungs­mit­tel. AMEL betreibt mit med­i­cos Unter­stüt­zung meh­re­re Gesund­heits­zen­tren in den süd­li­chen Stadt­vier­teln Bourj el Bara­j­neh, Hay el Sol­lom, und Haret Hreik. Dort wer­den zur Stun­de Ver­letz­te ver­sorgt und an Kran­ken­häu­ser ver­mit­telt. „Fast jede Woh­nung ist beschä­digt, es gibt unzäh­li­ge Ver­letz­te, die Kran­ken­häu­ser sind über­las­tet und es ist noch gar nicht abzu­se­hen, wie tief die Fol­gen lang­fris­tig sein wer­den. Der Hafen ist fast kom­plett zer­stört“, berich­tet der liba­ne­si­sche med­i­co-Part­ner Anti Racism Move­ment. Die Explo­si­on ist eine Kata­stro­phe, die mit Ansa­ge kam. Sie ist erneu­ter Aus­druck eines Regie­rungs- und Staats­ver­sa­gens, gegen das seit Jah­ren und im letz­ten Herbst mit gro­ßen Demons­tra­tio­nen auf­be­gehrt wur­de. Bevor die Mas­sen­pro­tes­te 2019 began­nen, hat­ten Brän­de das Land erschüt­tert und mas­si­ve Ver­säum­nis­se der Aus­stat­tung von Feu­er­wehr und Kata­stro­phen­schutz offen­ge­legt. Gefor­dert wur­de dann auf der Stra­ße der Rück­tritt der gesam­ten poli­ti­schen Klas­se. Doch fast nie­mand ist seit­dem gegan­gen. Die orga­ni­sier­te Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, Kor­rup­ti­on und Arro­ganz ging wei­ter: Die Explo­si­on von 2.750 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat, über Jah­re gela­gert in einem Hafen­de­pot mit­ten in der Stadt, ist der vor­läu­fi­ge töd­li­che Tief­punkt die­ser Poli­tik. Die tie­fe Kri­se im Liba­non, die lan­ge vor Coro­na begann und sich in der Pan­de­mie dra­ma­tisch zuge­spitzt hat, wird sich jetzt noch­mals ver­schär­fen. Die Infra­struk­tur liegt brach, Hun­dert­tau­sen­de wur­den seit Mona­ten nicht aus­rei­chend mit Lebens­mit­teln, mit Medi­ka­men­ten oder ärzt­li­cher Hil­fe ver­sorgt. Der zer­stör­te Hafen ist das wich­tigs­te Nadel­öhr für Impor­te, auf die der Liba­non und die gesam­te Regi­on – ins­be­son­de­re das inter­na­tio­na­le Hilfs­pro­gramm für Syri­en – ange­wie­sen sind. Strom wird ratio­niert, Müll nicht abtrans­por­tiert, Arbeit ist knapp und die liba­ne­si­sche Wäh­rung hat seit letz­tem Jahr 80% an Wert ver­lo­ren. Hin­zu kom­men 1,5 Mil­lio­nen geflüch­te­te Syrer*innen und hun­dert­tau­sen­de migran­ti­sche Arbeiter*innen...“

  • Spen­den­kon­to: med­i­co inter­na­tio­nal
    IBAN: DE21 5005 0201 0000 0018 00
    BIC: HELADEF1822
    Frank­fur­ter Spar­kas­se
    Spen­den­stich­wort: Liba­non
  • Eine wei­te­re, uns als unter­stüt­zens­wert emp­foh­le­ne Orga­ni­sa­ti­on vor Ort ist Bas­meh & Zeitooneh externer Link

„Selbst­ver­wal­tung erklärt sich soli­da­risch mit dem Liba­non“ am 05. August 2020 bei der ANF externer Link berich­tet aus Roja­va unter ande­rem: „… Die Selbst­ver­wal­tung von Nord- und Ost­sy­ri­en teilt ihre Anteil­nah­me mit und erklärt: „Wir sen­den dem liba­ne­si­schen Volk unse­re unbe­ding­te Unter­stüt­zung und spre­chen den Fami­li­en der Getö­te­ten unser auf­rich­ti­ges Bei­leid aus. Den Ver­letz­ten wün­schen wir schnel­le Gene­sung. Wir hof­fen, dass der Liba­non die­se Pha­se über­win­det und wie­der Sicher­heit ein­kehrt.

„LEBANON: WFTU IN SOLIDARITY WITH THE WORKERS AND THE PEOPLE OF LEBANON AFTER THE EXPLOSIONS“ am 05. August 2020 beim WFTU externer Link ist die Soli­da­ri­täts­er­klä­rung des Welt­ge­werk­schafts­bun­des mit dem Land und den Betrof­fe­nen, wor­in auch eine Unter­su­chung gefor­dert wird.

„Leba­non: Uni­ons express soli­da­ri­ty after dead­ly blast rocks Bei­rut“ am 05. August 2020 bei der IFJ externer Link ist die Soli­da­ri­täts­er­klä­rung der inter­na­tio­na­len Jour­na­lis­ten­ge­werk­schaft mit den Medi­en­be­schäf­tig­ten im Liba­non, unter denen es eben­falls eini­ge Opfer gibt.

„Inter­view with CNN on the after­math of the Bei­rut blast“ am 05. August 2020 bei You Tube ein­ge­stellt externer Link ist ein CNN-Inter­view mit dem lin­ken Akti­vis­ten Jaad Cha­ban, wor­in er noch­mals zusam­men­fas­send begrün­det, war­um er jeg­li­cher Unter­su­chungs­tä­tig­keit der Regie­rung und ihrer Behör­den kei­ner­lei Ver­trau­en ent­ge­gen bringt und, wie vie­le ande­re mit ihm zusam­men – unbe­dingt eine unab­hän­gi­ge Kom­mis­si­on arbei­ten sehen will…

Der Bei­trag „Bei­rut, wie wir es ken­nen, gibt es nicht mehr“. Bei­ruts Zer­stö­rung – eine Explo­si­on, ein kor­rup­tes Sys­tem, der Ruf nach unab­hän­gi­ger Unter­su­chung – und nach Spen­den erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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