[perspektive:] Weil sie türkisch gesprochen hat: Grundschülerin muss Strafarbeit schreiben

Eine Neunjährige hat Anfang Juli mit einer Mitschülerin türkisch auf dem Schulhof gesprochen. Weil das an ihrer Grundschule im baden-württembergischen Blumberg verboten ist, musste sie eine Strafarbeit schreiben. Der Fall rief öffentliche Empörung hervor und beschäftigt nun die Schulaufsicht.

Der Titel der Arbeit, die die Schü­le­rin von ihrer Leh­re­rin auf­ge­brummt bekom­men hat­te, lau­te­te: „War­um wir in der Schu­le Deutsch spre­chen!“. Auf einer hal­ben Sei­te soll­te sich das Kind über die­ses The­ma Gedan­ken machen.

Der Grund: Am 8. Juli hat­te sie sich auf einem Klet­ter­ge­rüst auf dem Schul­hof wohl wie­der­holt mit einer Mit­schü­le­rin auf tür­kisch unter­hal­ten. Vor­her hat­te es dort Strei­tig­kei­ten unter den Schü­le­rIn­nen gege­ben. Dar­auf­hin hat­ten sich eini­ge von ihnen bei besag­ter Leh­re­rin beschwert, da eine Deutsch­pflicht angeb­lich zu den Schul­re­geln zählt.

Die Schul­auf­sichts­be­hör­de beim Regie­rungs­prä­si­di­um Frei­burg meint dazu, dass die­se Rege­lung not­wen­dig sei, um den Bil­dungs- und Erzie­hungs­auf­trag umset­zen zu kön­nen. Dies lie­ge an der inter­na­tio­na­len Schü­le­rIn­nen­schaft. 43 Pro­zent von ihnen haben dem­nach einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Angeb­lich wer­de die­se Regel wie alle ande­ren auch mit den Schü­le­rIn­nen dis­ku­tiert und den Eltern vor­ge­stellt und erklärt.

Dem Spie­gel lie­gen jedoch anony­mi­sier­te Chat­pro­to­kol­le zwi­schen der Mut­ter des Mäd­chens und ihrer Leh­re­rin, Brief­wech­sel zwi­schen dem Anwalt der Fami­lie und den Schul­be­hör­den sowie ein Regel­werk der Schü­le­rin vor, die die­se Behaup­tung ins Wan­ken brin­gen. So bat die Mut­ter die Leh­re­rin wie­der­holt, ihr die Regel zuzu­schi­cken, da ihre Toch­ter das Ver­bot nicht nach­voll­zie­hen kön­ne.

In einem Heft von ihr fin­det sich auch ein Blatt, auf dem in vor­ge­fer­tig­ten Zei­len ein Regel­werk steht. Dort fin­den sich zwar Sät­ze wie „Wir ren­nen nicht.“ oder „Ich kom­me pünkt­lich.“, nicht aber „Wir spre­chen deutsch.“.

Die­ses Blatt liegt auch Anwalt Yal­cin Teki­no­g­lu vor, der am 29. Juli eine ent­spre­chen­de Anfra­ge an das Regie­rungs­prä­si­di­um stell­te. Der Spie­gel erhielt auf eine ähn­li­che Anfra­ge ein ande­res Blatt ohne vor­ge­fer­tig­te Lini­en. Dort ist die Deutsch­pflicht in Kin­der­schrift zu fin­den.

Der Schu­le wird unter­des­sen dis­kri­mi­nie­ren­des Ver­hal­ten vor­ge­wor­fen. So fragt Teki­no­g­lu in sei­nem Schrei­ben an das Regie­rungs­prä­si­di­um etwa, ob Eng­lisch spre­chen­den Schü­le­rIn­nen das Glei­che pas­sie­ren wür­de. Er befürch­tet, die Regel zie­le nur auf „migran­ti­sche“ Spra­chen ohne beson­de­res Anse­hen ab. Dies kön­ne rech­te Pro­pa­gan­da­bil­der wie das der „Inte­gra­ti­ons­ver­wei­ge­rung“ befeu­ern.

Eine Stel­lung­nah­me der Schu­le gibt es zu die­sen Vor­wür­fen noch nicht, das Schul­amt weist sie hin­ge­gen zurück. Aller­dings sol­le die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit den Eltern inten­si­viert und ver­bes­sert wer­den.

Auch die Föde­ra­ti­on der Ver­ei­ne Tür­ki­scher Eltern­bei­rä­te in Baden kri­ti­sier­te das Vor­ge­hen: „Es kann nicht sein, dass Schü­le­rin­nen eine Bestra­fung bekom­men, weil sie außer­halb des Unter­richts im Pau­sen­hof sich unter­ein­an­der in der tür­ki­schen Mut­ter­spra­che unter­hal­ten“, so der Ver­eins­vor­sit­zen­de Kemal Ülker. Die Kin­der sei­en ver­un­si­chert wor­den.

Ande­re machen auch auf die Wider­sprüch­lich­kei­ten im Han­deln der Poli­tik auf­merk­sam. Als die AfD 2017 in Baden-Würt­tem­berg gefor­dert hat­te, die deut­sche Spra­che auf Schul­hö­fen ver­pflich­tend zu machen, wur­de das von der Lan­des­re­gie­rung noch als nicht mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar zurück­ge­wie­sen. Zur Rege­lung in Blum­berg ste­he das aber nicht in Wider­spruch, wie eine Pres­se­spre­che­rin des Kul­tus­mi­nis­te­ri­ums ver­laut­ba­ren ließ.

Teki­no­g­lu behält sich unter­des­sen eine Dienst­auf­sichts­be­schwer­de gegen die Leh­re­rin sowie eine Kla­ge nach dem Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz vor. Einen ähn­li­chen Fall hat es schon ein­mal gege­ben: Arbei­te­rIn­nen darf im Pau­sen­raum nicht ver­bo­ten wer­den, eine ande­re Spra­che als Deutsch zu spre­chen.

Der Bei­trag Weil sie tür­kisch gespro­chen hat: Grund­schü­le­rin muss Straf­ar­beit schrei­ben erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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