[LCM:] Von Beirut bis Köln: Eine korrupte und unfähige politische Klasse

Gegen­über der fürch­ter­li­chen Explo­si­on von Bei­rut am 5. August 2020 wirkt der Ein­sturz des Köl­ner Stadt­ar­chivs am 3. März 2009 beim U‑Bahnbau bei­na­he wie eine Lap­pa­lie. (Damals star­ben zwei Men­schen – eine wei­te­re Per­son nahm sich spä­ter das Leben.) Immer­hin ver­schwand dabei das bedeu­tends­te his­to­ri­sche Archiv Euro­pas nörd­lich der Alpen in einem fast fünf­zig Meter tie­fen mit Schlamm und Grund­was­ser gefüll­ten Kra­ter.

Ein Zitat des NDR-Kor­re­spon­den­ten Cars­ten Kühn­topp vom 05. August zu den ver­hee­ren­den Explo­sio­nen in Bei­rut dürf­te geschichts­be­wuss­ten Kölner*innen in den Ohren klin­geln. Wenn wir es leicht anpas­sen, ist es durch­aus auf das Rhein­land anwend­bar.

“Des­halb ist die Mega-Explo­si­on das jüngs­te und fürch­ter­lichs­te Bei­spiel dafür, wie die Eli­ten des Liba­non das Land über Jahr­zehn­te her­un­ter gewirt­schaf­tet haben. Die Liba­ne­sen sind mit einer völ­lig kor­rup­ten und unfä­hi­gen poli­ti­schen Klas­se geschla­gen. Anstatt auch nur eines der struk­tu­rel­len Pro­ble­me des Lan­des anzu­ge­hen, waren die­se Räu­ber­ba­ro­ne stets nur damit beschäf­tigt, ihr eige­nes Nest zu pols­tern. […] Nach einer Unter­su­chung der Explo­si­ons­ka­ta­stro­phe dürf­te man eini­ge unter­ge­ord­ne­te Beam­te als Schul­di­ge prä­sen­tie­ren. In Wirk­lich­keit ist es die poli­ti­sche Klas­se selbst, die kol­lek­tiv für das Unglück ver­ant­wort­lich ist.”

Lei­der fin­den deut­sche Journalist*innen so kla­re Wor­te meist nur, wenn es sich um das Aus­land han­delt – und auch nur dann, wenn es nicht um nütz­li­che Dik­ta­tu­ren geht wie Sau­di-Ara­bi­en oder inter­es­san­te Ein­fluss­ge­bie­te wie die Ukrai­ne, son­dern um geo­stra­te­gi­sche Riva­len und ihre poten­ti­el­len Ver­bün­de­ten, sozia­lis­ti­sche Regime, Abtrün­ni­ge der neu­en Welt­ord­nung, kor­rup­te “Bana­nen­re­pu­bli­ken” oder Wackel­kan­di­da­ten wie den Liba­non, wel­cher dem­nächst vom Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fond (IWF) einer Ross­kur unter­zo­gen wird.

Strukturelle Ursachen? Versandet, vergessen, übertüncht

Ein­sturz des His­to­ri­schen Archivs der Stadt Köln beim U‑Bahnbau (Bau­ab­schnitt: Bil­fin­ger Ber­ger) am 3. März 2009, Bild: Frank Domahs, Lizenz: GNU free

Der Köl­ner Kra­ter ist elf Jah­re nach dem Ein­sturz längst nicht ver­schwun­den. Auf­klä­rung und straf­recht­li­che Ver­fol­gung sind ver­san­det, das zu Grun­de lie­gen­de Struk­tur­pro­blem ver­ges­sen und über­tüncht: eine dys­funk­tio­na­le Sub-Unter­neh­mer-Kas­ka­de, die nach allen Regeln der neo­li­be­ra­len Wirt­schafts­be­ra­tung das Gemein­we­sen aus­plün­dert und Pro­jek­te in Desas­ter führt. Aus­ge­hend von gleich meh­re­ren Gene­ral­un­ter­neh­mern wie Bil­fin­ger Ber­ger (in deren Abschnitt der Ein­sturz pas­sier­te), brei­te­ten sich durch Spar­zwang, Kos­ten­dum­ping und Pro­fit­gier kas­ka­den­for­mig Lohn­dum­ping, Schlam­pe­rei, Pfusch und Kri­mi­na­li­tät in der “opti­mier­ten Wert­schöp­fungs­ket­te” aus. Ohne behörd­li­che Kon­trol­len konn­te das kri­mi­no­ge­ne Sub-Unter­neh­mer­mi­lieu präch­tig gedei­hen.

Wie in Bei­rut gab es auch in Köln mehr als deut­li­che War­nun­gen, die kom­plett igno­riert wur­den: Bis zu vier Zen­ti­men­ter gro­ße Ris­se im Fun­da­ment des Stadt­ar­chivs, die Ende 2008 fest­ge­stellt wor­den waren, aber von unfä­hi­gen oder kor­rup­ten Gut­ach­tern nicht auf ihre Ursa­chen unter­sucht wur­den. Der Kirch­turm von St. Johann Bap­tist, 300 Meter wei­ter an der U‑Bahn-Stre­cke gele­gen, war bereits im Sep­tem­ber 2004 abge­sackt wie der schie­fe Turm von Pisa und muss­te mit viel Auf­wand sta­bi­li­siert wer­den.

Fast wirkt es wie ein Wun­der, dass im Köl­ner Kra­ter nicht mehr Leu­te star­ben. Die Bau­ar­bei­ter gin­gen gera­de in die Mit­tags­pau­se, eini­ge von ihnen warn­ten noch die Archivmitarbeiter*innen, weil sie ein fürch­ter­li­ches Knir­schen und Knar­zen im Unter­grund hör­ten. Die­se konn­ten das Gebäu­de gera­de noch rech­zei­tig ver­las­sen. Das nahe gele­ge­ne Kai­ser-Wil­helm-Gym­na­si­um blieb ver­schont. Im Straf­pro­zess um den Ein­sturz des Köl­ner Stadt­ar­chivs sprach das Land­ge­richt im Okto­ber 2018 drei von vier Ange­klag­ten frei. Ledig­lich ein Bau­über­wa­cher der Köl­ner Ver­kehrs-Betrie­be (KVB) erhielt eine Frei­heits­stra­fe von acht Mona­ten auf Bewäh­rung wegen fahr­läs­si­ger Tötung.

Gedenk­fei­er zum 10. Jah­res­tag des Ein­stur­zes des Köl­ner Stadt­ar­chivs, 3. März 2019, Foto: Elke Wet­zig, Lizenz: CC BY-SA 4.0

„Kata­stro­phen“ und „Unfäl­le“, wie in Bei­rut oder Köln kün­di­gen sich vor­her an. Wie schlimm die Kon­se­quen­zen aus­se­hen, hängt maß­geb­lich davon ab, ob die jewei­li­ge Ver­wal­tung wil­lens und/​oder fähig ist, den Schutz der Bevöl­ke­rung vor Kapi­tal­in­ter­es­sen zu stel­len. In Köln ist das nicht pas­siert, in Bei­rut genau­so­we­nig. Bei­spie­le wie die­se las­sen sich noch und nöcher fin­den: Die Betrei­ber­ge­sell­schaft der 2018 ein­ge­stürz­ten Auto­bahn­brü­cke in Genua igno­rier­ten über Jah­re War­nun­gen über deren Ein­sturz­ge­fahr, 43 Men­schen kamen um‘s Leben. Die zu Grun­de gespar­te Infra­struk­tur in New Orleans etwa führ­te dazu, dass in Fol­ge des Hur­ri­kans Kath­ri­na 2005 1836 Men­schen star­ben, zehn­tau­sen­de ihr Woh­nun­gen ver­lo­ren. Und der pro­fi­ta­ble „Wie­der­auf­bau“ führ­te zu einer wei­te­ren sozia­len Kata­stro­phe. Die platt­ge­mach­ten Vier­tel wur­den zum Gen­tri­fi­zie­rungs­hot­spot. Es gehört nicht viel Phan­ta­sie dazu, sich das bevor ste­hen­de Sze­na­rio für Bei­rut aus­zu­ma­len. Die Hafen­ge­gen dürf­te nach dem Vor­bild von New Orleans neu gestal­tet, pri­va­ti­siert und ver­hö­kert wer­den.

Man könn­te das ein­gangs genann­te Zitat des­we­gen belie­big auf New Orleans, die ein­ge­stürz­te Auto­bahn­brü­cke von Genua, wie eben auch auf Köln anwen­den:

Des­halb ist der [Ein­sturz des his­to­ri­schen Archivs der Stadt Köln] das jüngs­te und fürch­ter­lichs­te Bei­spiel dafür, wie die Eli­ten [Kölns die Stadt] über Jahr­zehn­te her­un­ter gewirt­schaf­tet haben. [Die Rhein­län­der] sind mit einer völ­lig kor­rup­ten und unfä­hi­gen poli­ti­schen Klas­se geschla­gen. Anstatt auch nur eines der struk­tu­rel­len Pro­ble­me der Stadt anzu­ge­hen, waren die­se Räu­ber­ba­ro­ne stets nur damit beschäf­tigt, ihr eige­nes Nest zu pols­tern. Nach einer Unter­su­chung der [Ein­sturz­ka­ta­stro­phe beim U‑Bahn-Bau] dürf­te man eini­ge unter­ge­ord­ne­te Beam­te als Schul­di­ge prä­sen­tie­ren. In Wirk­lich­keit ist es die poli­ti­sche Klas­se selbst, die kol­lek­tiv für das Unglück ver­ant­wort­lich ist.

# Titel­bild: ANF eng­lish, Lösch­ar­bei­ten nach der Explo­si­on

Der Bei­trag Von Bei­rut bis Köln: Eine kor­rup­te und unfä­hi­ge poli­ti­sche Klas­se erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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