[perspektive:] „Die Arbeitsbedingungen von uns FahrerInnen sind katastrophal!“

Lohndumping, massiver Druck und überzogene Arbeitszeiten: Es gibt mehr als genug, was bei den Arbeitsbedingungen der BerufskraftfahrerInnen falsch läuft. – Einen Einblick zu den Problemen und Forderungen gibt das Interview mit Jan Gaede

Wie würdest du die aktuellen Arbeitsbedingungen von BerufskraftfahrerInnen beschreiben?

All­ge­mein als äußerst schwie­rig. Es gibt vie­le Situa­ti­on, wo man gegen ein Gesetz ver­sto­ßen muss, um ein ande­res ein­zu­hal­ten. Bei­spiels­wei­se, wenn die Fahrt­zeit abläuft und du fährst Park­platz für Park­platz ab und fin­dest ein­fach kei­ne Park­mög­lich­keit. Da hast du zwei Mög­lich­kei­ten. Ent­we­der du stellst dich auf dem Stand­strei­fen, was immer wie­der zu töd­li­chen Auf­fahr­un­fäl­len führt, oder du über­ziehst dei­ne Fahrt­zeit. Da besteht zwar die Mög­lich­keit, von der soge­nann­ten Not­stands­klau­sel gemäß EG/​VO/​561/​2006 Gebrauch zu machen. Aber ob dich das vor einer Stra­fe schützt, steht auf ein ande­ren Blatt Papier geschrie­ben.
Wenn du Pech hast, kom­men die Beam­ten an mit: „Ja da müs­sen sie run­ter von der Auto­bahn fah­ren, dann müs­sen sie im Gewer­be­ge­biet par­ken“. Also in den Gewer­be­ge­bie­ten, wo über­all Park­ver­bot für LKW besteht. Dazu kom­men die lan­gen Arbeits­zei­ten. 13–15 Stun­den Arbeits­zeit sind im Fern­ver­kehr abso­lut nor­mal. Das sind aller­dings die tat­säch­li­chen Arbeits­zei­ten, nicht die offi­zi­el­len. Das bei Be- und Ent­la­de­tä­tig­kei­ten der Fahr­ten­schrei­ber häu­fig auf Pau­se gestellt wird, ist in der Bran­che ein offe­nes Geheim­nis.

Was sind die größten Probleme in der Branche?

Die größ­ten Pro­ble­me fan­gen für mich mit dem Lohn­dum­ping an, wel­ches die Exis­tenz der west­eu­ro­päi­schen Kol­le­gIn­nen bedroht und den Kol­le­gIn­nen aus Ost­eu­ro­pa skla­ven­ähn­li­che Arbeits­be­din­gun­gen ein­bringt. Die armen Schwei­ne sind über Mona­te hin­weg in ihren Fah­rer­häu­sern ein­ge­sperrt und müs­sen mit einen erbärm­li­chen Monats­lohn von gera­de mal 700 Euro aus­kom­men. Einer, der das auf­ge­deckt hat, ist der bel­gi­sche Auto­bahn­po­li­zist Ray­mond Laus­berg: der von ihm fest­ge­stell­te trau­ri­ge Rekord sind sechs Mona­te in der Fah­rer­ka­bi­ne.
Auch der enor­me Zeit­druck ist ein Rie­sen­pro­blem. Bei Just-in-Time-Lie­fe­run­gen müs­sen die Spe­di­teu­re Ver­trags­stra­fen zah­len, wenn es zur Ver­spä­tun­gen kommt. Die­ser Zeit­druck sorgt dafür, dass die Ver­kehrs­si­cher­heit lei­det. Aktu­ell wird bei den Schwer­last­kon­trol­len eine Bean­stan­dungs­quo­te von ca. 80 Pro­zent ver­zeich­net. Viel schlim­mer geht es also kaum noch.

In der heutigen Zeit funktioniert kaum etwas ohne tägliche LKW-Lieferungen. Spiegelt sich diese Bedeutung in den Löhnen wider?

Lei­der nicht wirk­lich. Mit 2.000 Net­to inklu­si­ve Spe­sen ist man als Fah­re­rIn abge­speist. Die gerin­ge Wert­schät­zung unse­rer Arbeit ist ein zusätz­li­ches Pro­blem. Bei vie­len Fir­men wer­den wir behan­delt wie Men­schen drit­ter Klas­se. Gera­de bei vie­len Dis­coun­tern. War­te­zei­ten von drei Stun­den trotz Ter­min sind hier­bei nichts Beson­de­res.

In den vergangenen Wochen gab es erste Proteste gegen diese Missstände. Was sind die konkreten Forderungen der FahrerInnen?

Im Vor­der­grund stan­den die For­de­run­gen für die Wie­der­ein­füh­rung von Fracht­ta­ri­fen. Damit soll ver­hin­dert wer­den, dass durch den Preis­ver­fall immer mehr Fir­men in die Plei­te getrie­ben wer­den. Glei­cher Lohn, glei­che Arbeit und am glei­chen Ort soll garan­tiert wer­den. Die Fah­re­rIn­nen aus Ost­eu­ro­pa sol­len genau soviel ver­die­nen wie wir.
Eine wei­te­re For­de­rung ist die Aus­set­zung der Kabo­ta­ge, sprich, dass inner­staat­li­che Trans­por­te durch aus­län­di­sche Trans­por­te nicht mehr durch­ge­führt wer­den – wobei das mei­ner Mei­nung nach nicht zwin­gend erfor­der­lich ist, wenn die oben genann­ten For­de­run­gen kon­se­quent durch­ge­setzt wer­den. 
Man muss auch wis­sen, dass bei der kürz­li­chen LKW-Demo in Ber­lin die Fah­re­rIn­nen zusam­men mit ihren Unter­neh­mern pro­tes­tiert haben, es war also kein rei­ner Pro­test der Arbei­te­rIn­nen. Dem­entspre­chend gin­gen lei­der die For­de­run­gen, die in ers­ter Linie den Men­schen hin­term Steu­er gel­ten, unter. Da wär ein­mal der Park­platz­aus­bau, da laut BGL 30.000 Stell­plät­ze feh­len; ein Ver­bot der GPS-Über­wa­chung, um den Druck auf die Fahrer/​innen zu ent­schär­fen; spä­tes­tens nach 12 Tagen eine 60-Stun­den-Pau­se zu Hau­se; Tarif­löh­ne für alle Fah­re­rIn­nen, die inner­halb der euro­päi­schen Uni­on unter­wegs sind.

Wie könnte den Forderungen noch mehr Nachdruck verliehen werden, um diese umzusetzen?

Das The­ma muss end­lich mehr Auf­merk­sam­keit bekom­men. Es kann nicht sein, dass wir bei der Auf­zäh­lung der soge­nann­ten „sys­tem­re­le­van­ten Beru­fe“ fast immer über­se­hen wer­den. Wir Tru­cke­rIn­nen müs­sen end­lich erken­nen, was für eine Macht wir haben, wenn wir mit­ein­an­der und nicht gegen­ein­an­der arbei­ten. Und mit allen Men­schen, die sich ein bes­se­res Leben erkämp­fen wol­len, soll­ten wir den Schul­ter­schluss suchen, denn ohne uns läuft nichts. Und dadurch könn­te man mit orga­ni­sier­ten Fah­re­rIn­nen ganz ande­re For­de­run­gen durch­set­zen als dies bis­lang mög­lich ist.

Der Bei­trag „Die Arbeits­be­din­gun­gen von uns Fah­re­rIn­nen sind kata­stro­phal!“ erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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