[perspektive:] Wirecard zeigt, wie der Kapitalismus funktioniert

Warum der Wirecard-Skandal wie die Faust aufs Auge des modernen Kapitalismus passt und ein grandioses Beispiel für das (Nicht-) Funktionieren dieses Systems ist. – Ein Kommentar von Paul Gerber

Schon das offi­zi­el­le Geschäfts­mo­dell von Wire­card ist cha­rak­te­ris­tisch für den Kapi­ta­lis­mus unse­rer Zeit. Im drit­ten Band sei­nes Haupt­werks ‚Das Kapi­tal‘ hat Karl Marx begrün­det, war­um die Pro­fi­tra­te – also der erwirt­schaf­te­te Gewinn im Ver­hält­nis zum ein­ge­setz­ten Kapi­tal – im Kapi­ta­lis­mus immer wei­ter fällt.

Die Kapi­ta­lis­ten ver­su­chen, dem auf ver­schie­de­ne Art und Wei­se ent­ge­gen­zu­wir­ken. Eine Metho­de ist, in kür­ze­rer Zeit mehr Waren umzu­set­zen. Also mehr Mas­se bei fal­len­der Mar­ge – um am Ende doch genug Pro­fit zu machen. Zah­lungs­ver­mitt­ler wie Wire­card knüp­fen an die­ses Inter­es­se an. Sie garan­tie­ren, dass ihre Kun­dIn­nen die Zah­lung erhal­ten und über­neh­men das Risi­ko, soll­te die Zah­lung aus­blei­ben. Eige­ne Wer­te schaf­fen sie nicht.

Nicht min­der cha­rak­te­ris­tisch ist jedoch das inof­fi­zi­el­le Geschäfts­mo­dell: Betrug. Fast schon sym­pa­thisch dar­an ist, dass aus­nahms­wei­se – wie sonst fast immer – nicht aus­schließ­lich wir Arbei­te­rIn­nen übers Ohr gehau­en wur­den, son­dern ande­re Inves­to­ren­in­nen – auch wenn natür­lich vie­le klei­ne Akti­en­ei­gen­tü­me­rIn­nen nicht als wasch­ech­te Kapi­ta­lis­tIn­nen durch­ge­hen kön­nen.

Was war pas­siert? Wer Akti­en kauft, ver­sorgt ein Unter­neh­men mit sei­nem Geld und ver­setzt es so in die Lage, mehr Kapi­tal zu inves­tie­ren. Im Aus­tausch erwirbt man ein Anrecht auf einen Anteil an dem zukünf­ti­gen Gewinn eines Unter­neh­men. Das ist das Prin­zip von Akti­en. Ihr Wert und ihre Schwan­kun­gen sind des­we­gen letzt­lich Aus­druck davon, ob die Bör­se eher hohe oder eher nied­ri­ge Gewin­ne erwar­tet.

Wer nun wie Wire­card über vie­le Jah­re Gewin­ne und Ver­mö­gen des Unter­neh­mens fälscht, weckt natür­lich irrea­le Gewinn­erwar­tun­gen, zieht Akti­en­käu­fer an und treibt den eige­nen Akti­en­kurs in die Höhe. Mit ande­ren Wor­ten, mit einem lee­ren Ver­spre­chen von Gewinn­be­tei­li­gung konn­te sich Wire­card im letz­ten Jahr­zehnt sehr bequem am Finanz­markt mit Geld ver­sor­gen, und Mana­ger wie Jan Mar­sa­lek und Mar­kus Braun konn­ten sicher gut davon leben.

In den Skan­dal um Wire­card ist mitt­ler­wei­le auch die deut­sche Poli­tik stark ver­wi­ckelt. Dass ehe­ma­li­ge Spit­zen­po­li­ti­ker wie Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg – eigent­lich als Exper­te für Fäl­schun­gen auf ande­rem Gebiet bekannt – offen­bar als Bera­ter für Wire­card tätig waren, gehört offen­bar schon zum guten Ton und fin­det in den Medi­en kaum mehr Beach­tung.

Im Zen­trum der Kri­tik steht nun der rech­te SPD-Poli­ti­ker Olaf Scholz, Finanz­mi­nis­ter und somit ver­ant­wort­lich für die Bun­des­an­stalt für Finanz­dienst­leis­tungs­auf­sicht (BaFin). Die­se Behör­de war für die Kon­trol­le von Wire­card zustän­dig und hat offen­bar ihren Job nicht gemacht, obwohl ab 2008 mit wach­sen­der Fre­quenz Ana­lys­tIn­nen und Jour­na­lis­tIn­nen Unge­reimt­hei­ten bei Wire­card auf­ge­zeigt hat­ten.

Schnell war zu hören, die BaFin sei mit der neu­en Bran­che inter­na­tio­na­ler Finanz­dienst­leis­tun­gen über­for­dert gewe­sen und müs­se refor­miert wer­den. Das geht aber am Kern der Sache vor­bei. Als Teil des deut­schen Staats­ap­pa­rats war die BaFin schlicht in einem Inter­es­sens­kon­flikt.

Einer­seits hat der Staat die Auf­ga­be, die Pro­fi­te deut­scher Kon­zer­ne zu sichern und so weit wie mög­lich zu stei­gern. Ande­rer­seits zeigt Wire­card ein­drucks­voll was pas­siert, wenn sich die Füh­rungs­rie­ge eines Unter­neh­mens zu sicher ist, dass über­haupt nicht mehr genau hin­ge­schaut wird. Sie berei­chert sich selbst für eini­ge Jah­re, ver­nich­tet abe, wenn die Illu­si­on platzt, das Kapi­tal aller – auch deut­scher Inves­to­rIn­nen – die auf die­ses Pferd gesetzt hat­ten, voll­stän­dig. Es kann logi­scher­wei­se nicht im Inter­es­se der deut­schen Kapi­ta­lis­ten­klas­se als Gan­zes sein, dass sich sol­che Zustän­de auf Dau­er durch­set­zen, denn das wür­de mit sich brin­gen, dass sie eben nicht mehr so leicht an Fremd­ka­pi­tal für ihre Pro­jek­te kommt.

Beim Fall Wire­card kam erschwe­rend hin­zu, dass der Kon­zern zu einem Hoff­nungs­trä­ger Deutsch­lands im Bereich der neu­en Finanz­tech­no­lo­gie-Bran­che hoch­sti­li­siert wur­de. Im Ver­gleich mit Kon­kur­ren­ten aus ande­ren Län­dern wie Paypal, App­le­pay oder Ali­pay hat Deutsch­land in die­ser Hin­sicht näm­lich kei­ne nen­nens­wer­ten inter­na­tio­na­len Play­er vor­zu­wei­sen und droht hin­ter der inter­na­tio­na­len Kon­kur­renz zurück­zu­blei­ben.

Der Deut­sche Staat woll­te unbe­dingt, dass Wire­card zu einer Erfolgs­ge­schich­te wird und hat dem­entspre­chend aggres­siv alle die­je­ni­gen, die Zwei­fel am Mär­chen äußer­ten, mit Straf­ver­fah­ren ein­ge­schüch­tert und sogar mit Ein­grif­fen in den sonst so hei­li­gen „frei­en Markt“ ver­hin­dert, dass gegen die Aktie von Wire­card spe­ku­liert wird.

Der Bei­trag Wire­card zeigt, wie der Kapi­ta­lis­mus funk­tio­niert erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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