[KgK:] #Coronarealität: Leben im Lockdown als Student und Pizzalieferant

Lass uns im März anfan­gen: Es waren Semes­ter­fe­ri­en. Dann kamen die Aus­gangs­be­schrän­kun­gen, es wur­de klar, dass die Uni online statt­fin­det, die Schu­len wur­den geschlos­sen, der Lock­down ging los. Wie hat sich dein Leben inner­halb von weni­gen Tagen dann geän­dert?

Zu Beginn hab ich noch gar nicht rich­tig rea­li­siert, was pas­siert und inwie­fern das mein Leben ver­än­dern wird, weil ich Coro­na am Anfang total unter­schätzt habe. Wir haben zwei Wochen vor dem Lock­down bei uns in der WG noch eine iro­ni­sche soge­nann­te „Coro­na-Par­ty“ ver­an­stal­tet. Nach­dem die ers­ten Infek­ti­ons­zah­len in Ber­lin erkenn­bar waren, haben wir dann doch gemerkt, dass es deut­lich erns­ter wird und auch uns tan­gie­ren kann. Dann kam der Zeit­punkt, wo es hieß „Bleibt alle zuhau­se“ — was wir auch die ers­ten zwei, drei, vier, fünf, sechs Wochen rela­tiv kon­se­quent aus­ge­hal­ten haben.

Ich hab am Anfang des Semes­ters noch die Uto­pie im Kopf gehabt, ich kön­ne rela­tiv nah an der Regel­stu­di­en­zeit dran blei­ben. Zwei/​drei Wochen spä­ter kam die bit­te­re Erkennt­nis, dass es für mich nicht mög­lich ist, das glei­che Lern­pen­sum oder die glei­che Punkt­zahl in die­sem Semes­ter zu errei­chen, wie in jedem ande­rem. Die ers­ten Wochen Online-Uni haben noch halb­wegs gut funk­tio­niert — bis ich merk­te, dass ich — und vie­le ande­re auch — nicht vorm Lap­top pro­duk­tiv arbei­ten kann, weil ein flim­mern­des Bild vor mir eine ver­zerr­te Rea­li­tät dar­stellt. Es kann sein, dass man­che Men­schen das voll gut kön­nen, aber für mich selbst war es über meh­re­re Stun­den am Tag kaum schaff­bar. Srär­ke­re Kopf­schmer­zen kamen hin­zu und mei­ne so oder so schon da gewe­se­nen Kon­zen­tra­ti­ons­schwä­chen ver­schlim­mer­ten sich. Am Ende been­de­te ich zwei von sechs gewähl­ten Kur­sen. Nach zwei Wochen hab ich die ers­ten zwei gescho­ben und nach wei­te­ren zwei Wochen zwei wei­te­re.

Auf mei­nem eige­nen Schreib­tisch und inner­halb der eige­nen 4 Wän­de, wel­che vol­ler Ablen­kun­gen ste­cken, konn­te ich schwer­lich effek­tiv für die Uni arbei­ten. Ich bin ein Mensch, der sehr stark davon abhän­gig ist, dass Men­schen um ihn her­um beschäf­tigt sind. Ein Mensch, der davon abhän­gig ist, dass er eine Auf­ga­be hat und Druck ver­spürt, die­se zügig zu erle­di­gen. Eigent­lich waren die Räu­me der Uni und die Kommiliton*innen neben mir immer der Ansporn, der Druck, der von außen kommt, das durch­zu­zie­hen — und das war nicht mehr da. Zwei Prü­fun­gen hat­te ich zum Glück schon geschrie­ben, die drit­te hät­te ich dann online nach­ho­len kön­nen, aber dazu reich­te am Ende die Moti­va­ti­on auch nicht, weil die Prü­fungs­vor­be­rei­tung am eige­nen Schreib­tisch sich stark von der Prü­fungs­vor­be­rei­tung in der Bib unter­schei­de­te oder mit ande­ren Kommiliton*innen, die einen unter­stüt­zen oder die ich unter­stüt­zen kann. Der Arbeits­auf­wand ist auch gewach­sen. Vie­le Sachen, die man in Inter­ak­ti­on mit Men­schen machen konn­te, haben sich auf Allein­ar­beit ver­scho­ben und dadurch hat es deut­lich mehr Zeit benö­tigt, Tex­te vor­zu­be­rei­ten. Über Zoom Tex­te ordent­lich zu bespre­chen, war schwie­rig, und so hat die Vor- und Nach­be­rei­tung der Tex­te deut­lich mehr Zeit gekos­tet. Es gab deut­lich mehr Haus­auf­ga­ben und Arbeits­auf­trä­ge als im Prä­senz­se­mes­ter, die dann auch deut­lich mehr Zeit kos­te­ten. Ich fin­de das gemein­sa­me Ler­nen sehr wich­tig, denn durchs Erklä­ren lernt man und durchs Erklärt-bekom­men auch. Das sind vie­le Aspek­te, die in mei­ner WG nicht mög­lich waren, weil ich mit einer bio­che­mi­schen Labor­as­sis­ten­tin und einem Ver­an­stal­tungs­tech­ni­ker zusam­men woh­ne, die, wenn ich denen was von Poli­tik und Deutsch erzäh­le, nur mit den Augen rol­len und nicht wis­sen, was ich über­haupt mei­ne.

Wie war’s denn in dei­ner WG?

Mei­ne Mitbewohner*innen waren Voll­zeit Zuhau­se. Der Ver­an­stal­tungs­tech­ni­ker ist immer noch Zuhau­se, weil er immer noch kei­ne Arbeit hat und mei­ne Mit­be­woh­ne­rin ist teil­zeit wie­der auf Arbeit. Es war auch schon rela­tiv belas­tend. Ich hab mei­ne Mitbewohner*innen nie als ner­ven­de Per­so­nen wahr­ge­nom­men, weil ich sie vor Coro­na zwei bis drei Tage die Woche gese­hen habe. Die Umstel­lung von zwei bis drei Tage auf sie­ben Tage die Woche, 24/​7 — mit Aus­nah­me von Ein­kau­fen oder mal im Park sit­zen — war eine Belas­tung, zwi­schen­mensch­lich und inter­ak­tiv. Es gab Tage, wo wir uns nur in unse­ren Zim­mern ver­kro­chen und mit nie­man­dem spra­chen, weil die Per­so­nen, die man jeden Tag sah, zu viel wur­den.

Anders als die bei­den bist du ja auch wäh­rend des Lock­downs arbei­ten gegan­gen.

Genau. Im Gegen­satz zu vie­len ande­ren — 40 Pro­zent aller Stu­die­ren­den haben ihren Job ver­lo­ren — hab ich im April ange­fan­gen zu arbei­ten, weil ich Glück hat­te, dass ich mei­nen Chef noch von damals kann­te und die Auf­trags­zah­len bei Piz­za­Max und vie­len ande­ren Lie­fer­diens­ten mit Beginn der Coro­na­kri­se gestie­gen sind. Die­se Unter­neh­men brauch­ten neue Mitarbeiter*innen. Inner­halb von zwei Tagen hat­te ich wie­der Arbeit, auf 450€-Basis. Mir hat das in mei­ner finan­zi­el­len Situa­ti­on sehr gehol­fen. Das ers­te mal kom­me ich raus aus dem Kreis­lauf zwi­schen bro­ke und kom­plett bro­ke. Ich konn­te mir sogar finan­zi­el­le Res­sour­cen anle­gen, die im Fal­le eines zwei­ten Lock­downs oder fürs tat­säch­li­che Stu­die­ren rela­tiv hilf­reich sein dürf­ten.

Vie­le Men­schen, die belie­fert wur­den hat­ten, pri­mär im April und Mai, sehr viel Angst vor per­sön­li­chem Kon­takt. Die meis­ten haben einen Brief­um­schlag mit Trink­geld vor die Tür gelegt, war­te­ten hin­ter der Tür und sag­ten, dass ich das Essen hin­stel­len sol­le und sie es dann in zwei Minu­ten rein­ho­len wür­den. Im Lau­fe der Coro­na­kri­se und der Locke­run­gen haben dann viel mehr Men­schen wie­der die Tür geöff­net, Hal­lo gesagt und mitt­ler­wei­le gibt es das kaum bis gar nicht mehr, dass Men­schen irgend­wie Angst hät­ten vor per­sön­li­chem Kon­takt mit den Lieferant*innen. Auch auf Arbeit haben am Anfang des Lock­downs vie­le Mas­ke getra­gen, in der Küche und auch im vor­de­ren Bereich des Ladens. Mitt­ler­wei­le trägt kaum noch jemand Mas­ke oder hält sich an Abstands­re­geln.

Das ist ja schon auch ein Risi­ko für dich.

Ja, das ist ein Risi­ko, eben auch weil ich anders als bei mei­nen Freund*innen jetzt nicht weiß, wo die Leu­te sind, was sie machen und wie sie sich ver­hal­ten. Ich tra­ge oft immer noch eine Mas­ke, aber das Infek­ti­ons­ri­si­ko ist natür­lich gestie­gen, weil die Kolleg*innen sich kaum noch dran hal­ten.

Wie hast du die Locke­run­gen wahr­ge­nom­men?

Ich hab das Gefühl, dass ich viel Zeit hat­te, dar­über nach­zu­den­ken, wor­aus mein Leben bestand und unab­hän­gig von der Per­spek­ti­ve Uni waren auch wei­te­re fes­te Bestand­tei­le in mei­nem Leben wie zu Demons­tra­tio­nen zu gehen, Freund*innen zu tref­fen, immer wie­der durch Ber­lin zu crui­sen. Dass das weg­ge­fal­len ist, hat mir selbst total weh­ge­tan und mich belas­tet. Auf ein­mal hat­te ich das Gefühl, nichts zu tun zu haben und in die­ses Loch rein­zu­fal­len, kei­ne Auf­ga­be zu haben. Und die­ses Gefühl hat selbst einen psy­chisch nicht kran­ken Men­schen, als den ich mich sehen wür­de, frus­triert. Ich hat­te das ers­te Mal in mei­nem Leben klei­ne­re depres­si­ve Schü­be. Ich könn­te jetzt Sport machen, ich könn­te jetzt lesen, aber die Zeit allei­ne Zuhau­se zu nut­zen für eige­ne Inter­es­sen oder neue Inter­es­sen zu ent­wi­ckeln, die außer­halb sozia­ler Kon­tak­te ste­hen, war doch schwie­ri­ger, als ich zu Anfang gedacht hat­te.

Ich bin zufrie­den, dass das sozia­le Leben wie­der pha­sen­wei­se hoch­ge­zo­gen wur­de, und ich fühl mich auch mit jeder wei­te­ren Locke­rung, mit jeder wei­te­ren Bar, die öff­net, mit jeder wei­te­ren lega­len Tanz­ver­an­stal­tung, mit jeder wei­te­ren Geburts­tags­fei­er, mit jeder wei­te­ren Per­son, mit der ich mich tref­fen darf, frei­er in mei­nen Ent­schei­dun­gen, was ich wann wo tun möch­te. Das tut mir gut. Ich seh aber nicht nur die Mög­lich­keit, son­dern auch die Not­wen­dig­keit, im Fall von stei­gen­den Infek­ti­ons­zah­len, dass man das wie­der ein­schrän­ken wird. Ich weiß nicht, inwie­fern wir aus der ers­ten Wel­le gelernt haben, damit umzu­ge­hen und ich weiß auch nicht, inwie­fern Men­schen da anders reagie­ren. Ich weiß nicht, ob Men­schen einen zwei­ten Lock­down mit­tra­gen.

Für die Arbeit wäre ein zwei­ter Lock­down finan­zi­ell posi­tiv, mehr Auf­trä­ge, mehr Trink­geld, mehr Arbeits­zeit, mehr Lohn. Für die Uni wür­de ich mir wün­schen, dass es immer­hin zum Teil mög­lich ist, klei­ne Ver­an­stal­tun­gen in irgend­ei­ner Form in Prä­senz abzu­hal­ten. Dass man in die Uni gehen kann, in die Bibs, die Räu­me. Auch mit Mas­ke und Abstand, mit Hygie­nekon­zept. Dass ein­fach ein Raum da ist, den man nut­zen kann, um selb­stän­dig oder in Inter­ak­ti­on mit Men­schen zu ler­nen.

Ich bin rela­tiv ent­täuscht dar­über, dass sowohl der Uni­prä­si­dent als auch jeg­li­che Gre­mi­en in der Uni auf der einen Sei­te wenig Infor­ma­tio­nen frei­ge­ben, wann, wie, wo wie­der Prä­senz­leh­re mög­lich ist und wann, wie, wo Online-Kur­se statt­fin­den. Der ein­zi­ge Kon­takt, den ich ansatz­wei­se habe, sind Emails. Ich fühl mich nicht wahr­ge­nom­men als ein­zel­ner Stu­di, als Indi­vi­du­um, um da Ein­fluss zu neh­men im Ent­schei­dungs­pro­zess.

Ich glau­be, Stu­dis müs­sen sich mehr ver­net­zen, mehr kom­mu­ni­zie­ren unter­ein­an­der, nicht nur über inhalt­li­che The­men, son­dern auch dar­über, wie das nächs­te Semes­ter aus­se­hen soll, inwie­fern wir uns ver­net­zen und unter­stüt­zen kön­nen. Zum Bei­spiel für Men­schen, die weni­ger gut selb­stän­dig ler­nen kön­nen, weni­ger Moti­va­ti­on haben zu ler­nen, dass die­se Men­schen, wenn es wie­der einen Lock­down gibt, wenn es wie­der aus­schließ­lich Online-Uni ist, sich bes­ser ver­net­zen, sich unter­ein­an­der Hil­fe suchen und auch mit befreun­de­ten Kommiliton*innen gemein­sam Lehr­ver­an­stal­tun­gen zu besu­chen, gemein­sam Plä­ne macht, wie man damit umgeht.

Klas­se Gegen Klas­se