[LCM:] Wohin mit dem Eisbären? Diffuse Überlegungen nach der Räumung des Syndikat

Am 7. August 2020 sit­ze ich mit einem leicht nagen­den Gewis­sen zuhau­se. Der rot-rot-grü­ne Senat ist gera­de dabei, die wirk­lich belieb­te Kiez­knei­pe Syn­di­kat zu räu­men. Ich soll­te hin­ge­hen und bis noch vor einem, viel­leicht zwei Jah­ren wäre ich so selbst­ver­ständ­lich hin­ge­gan­gen wie der Katho­lik zur sonn­täg­li­chen Andacht. Aber ich bin nicht hin­ge­gan­gen und des­halb fra­ge ich mich, war­um, denn am Syn­di­kat liegt es nicht, das war ein guter Ort.

Der Grund ist so ein­fach, wie ihn zu besei­ti­gen schwie­rig. Ich sehe kei­nen Sinn mehr dar­in. Ich war in den letz­ten Jahr­zehn­ten bei dut­zen­den, mehr oder weni­ger exakt gleich ablau­fen­den Anläs­sen. Das Ergeb­nis war stets gleich, nicht nur, aber auch weil die Her­an­ge­hens­wei­se der radi­ka­len Lin­ken sich stets so glich, dass man die Fly­er und Ver­laut­ba­run­gen ein­fach spei­chern und die Namen aus­tau­schen hät­te kön­nen. Der ein­zi­ge Unter­schied mag sein, dass im sel­ben Maße, wie die Rhe­to­rik der Dro­hung, was man nicht alles machen wer­de, soll­te die Räu­mung durch­ge­drückt wer­den, indi­rekt pro­por­tio­nal zur Fähig­keit schrumpf­te, die Ankün­di­gun­gen auch umzu­set­zen.

Die ver­blie­be­nen cou­ra­gier­ten Klein­grup­pen, die ein wenig ver­lo­ren umher­zie­hen; die­je­ni­gen, die Abend­ge­stal­tung mit Pro­test ver­bin­den und schon mit Spä­ti-Tüten ankom­men; das Geschubb­se, bei dem man, kon­di­tio­niert wie man durch Jah­re Poli­zei­re­pres­si­on ist, weiß, wenn man rich­tig zurück­schlägt, wird’s wie­der sehr lan­ge sehr teu­er; am Ende der Wan­der­kes­sel und die tri­um­phie­ren­den Bli­cke der Cops, die sich freu­en, dem einen oder der ande­ren doch noch mal in den Bauch tre­ten zu kön­nen. Das Gefühl einer erneu­ten Nie­der­la­ge, und die Ahnung, es wird nicht die letz­te gewe­sen sein. Die durch­aus rich­ti­gen, aber hilf­lo­sen Ankla­ge­schreie gegen die “Mitte-Links”-Koalition, die sich kurz raus­re­det und weiß, am Ende scha­det es ihr sehr beschränkt, cau­se there´s no alter­na­ti­ve.

Wor­an liegt die­se Wie­der­kehr des ewig Glei­chen? Eini­ge lose Beschrei­bun­gen des Sta­tus Quo möch­te ich ger­ne zur Dis­kus­si­on stel­len, aller­dings mit der Vor­be­mer­kung: Sie sol­len kein Angriff auf Per­so­nen sein, kein ad homi­nem, son­dern die Beschrei­bung einer fest­ge­fah­re­nen Situa­ti­on, die alle, die sich in ihr befin­den in einer Art Wür­ge­griff hält.

Ers­tens: Auf dem Weg zur rech­ten Gegen­kul­tur

Nicht erst seit ges­tern ist die außer­par­la­men­ta­ri­sche Lin­ke in Ber­lin in wesent­li­chen Tei­len eine Sub­kul­tur. Eine poli­ti­sche Sub­kul­tur, das schon. Aber eben eine, die sich viel eher aus Codes, Spra­che, gemein­sa­men Orten, einem recht homo­ge­nen sozia­len Milieu, einem bestimm­ten Habi­tus, einem bestimm­ten Alters­schnitt und so wei­ter und so fort zusam­men­hält, als durch Welt­an­schau­ung und Orga­ni­sie­rung.

In ihren glück­li­che­ren Zei­ten leb­te die­se Sub­kul­tur auch davon, dass es eine im wei­tes­ten Sin­ne lin­ke Hege­mo­nie in der Gegen­kul­tur gab. Wer rebel­lie­ren woll­te, gegen was auch immer, ten­dier­te dazu, links zu wer­den, ins AZ oder zur Anti­fa zu gehen, selbst, wenn es nur um die gei­le­ren Par­tys ging. Aber in vie­len Sek­to­ren die­ser Gesell­schaft ist das bereits gekippt. In der Brei­te viel­leicht eher zu grü­nen oder sozi­al­li­be­ra­len Model­len des Enga­ge­ments, in eini­gen Berei­chen auch nach rechts. Der Span­dau­er Gerüst­bau­lehr­ling und die Mar­zahner Fri­seu­rin haben eine deut­lich grö­ße­re Chan­ce, ihr Unwohl­sein im Inter­net oder in der Rea­li­tät von Faschis­ten erklärt zu bekom­men, als dass sie sich zu uns ver­ir­ren. Das Phä­no­men beschränkt sich kei­nes­wegs, wie man sich – of man­gels Kon­tak und auf roman­ti­sie­ren­de Wei­se – ein­re­det auf „Almans“, son­dern greift auch in migran­ti­schen Com­mu­nities. Rebel­li­on gegen deut­sche Ver­hält­nis­se wird nicht sel­ten zu Sym­pa­thie für einen wie Erdo­gan oder wird durch jene, die isla­mis­ti­sche Nach­bar­schafts­ar­beit machen, abge­fan­gen. Die Blü­te­pha­se der tür­ki­schen Lin­ken in Kreuz­berg ist genau­so vor­bei wie die der deut­schen Auto­no­men. Die Aus­nah­men von die­ser Regel lie­gen häu­fig nicht an beson­ders gut hier ver­rich­te­ter Arbeit, son­dern an Sym­pa­thien eini­ger Migrant*innengruppen zu Kämp­fen in ihren Her­kunfts­län­dern, in Kur­di­stan, Chi­le, Bra­si­li­en oder sonst­wo.

Man sieht das Gewit­ter nur am Hori­zont auf­zie­hen, wenn man sich in den noch ver­blei­ben­den links­ra­di­ka­len bis links­li­be­ra­len Bla­sen bewegt. Man liest Nach­rich­ten, wäh­rend man an sei­nem Lap­top in einer grü­nen, SPD- oder Links­par­tei­stif­tung arbei­tet, hört gele­gent­lich Studienkolleg*innen von rechts gewor­de­nen Ver­wand­ten erzäh­len oder fin­det mal in Nord­neu­kölln einen Nazisti­cker auf dem Klo eines Cafés, das man fre­quen­tiert. Aber die vol­le Dimen­si­on des Pro­blems bleibt etwas Abs­trak­tes für vie­le Lin­ke, weil vie­le mit gro­ßen Tei­len der Bevöl­ke­rung gar nicht in Kon­takt kom­men bezie­hungs­wei­se die­sen sogar für schäd­lich hal­ten ob der bar­ba­ri­schen Ver­kom­men­heit des Vol­kes. Die radi­ka­le Lin­ke in die­ser Stadt ist der berühm­te Eis­bär auf der schmel­zen­den Eis­schol­le, nur dass die Eis­schol­le noch drei Bezir­ke groß ist.

Zwei­tens: Das deutsch-lin­ke Rein­heits­ge­bot

Die kul­tu­rel­le und sozia­le Homo­ge­ni­tät der Sze­ne repro­du­ziert sich selbst. „Puh, ich wür­de den ja ger­ne mit­neh­men auf ein Ple­num, aber das geht ein­fach nicht“, sag­te kürz­lich eine Freun­din, die einen migran­ti­schen Jugend­li­chen durch anti­ko­lo­nia­le Lek­tü­re poli­ti­siert hat­te. „Aber du weisst ja, wie das ist, der ist Dea­ler und wie er redet, da dre­hen ja gleich wie­der alle am Rad.“ Den­sel­ben Dia­log habe ich in unter­schied­li­chen Varia­tio­nen sicher fünf­tau­send Mal gehört oder geführt in den letz­ten Jahr­zehn­ten. Man braucht einen bestimm­ten Habi­tus für die Haupt­stadt­lin­ke und gera­de bei denen, die man eigent­lich am liebs­ten errei­chen will, ist der nicht so aus­ge­prägt, weil sie eben nicht aus dem Leh­rer­haus­halt in die Uni gefal­len sind – um es über­spitzt zu sagen.

Gro­ße Tei­le der Haupt­stadt­lin­ken leben in einer engen Bla­se, geo­gra­fisch, sozi­al wie kul­tu­rell. Man hat wenig Kon­takt nach „außen“ und wenn, dann wen­det man sich oft genug ange­wi­dert ab, ob der Schlecht­heit der Welt. Ver­bal wür­den zwar irgend­wie alle zustim­men, wenn man sagt, patri­ar­cha­le, ras­sis­ti­sche, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche und sons­ti­ge Bewusst­seins­for­men die­ser Art erwach­sen aus dem Kapi­ta­lis­mus; es ist also nicht ver­wun­der­lich, dass man sie über­all vor­fin­det. Kon­kret aber lau­tet die Ant­wort dar­auf weni­ger poli­ti­sche Agi­ta­ti­on, Dis­kus­si­on, gemein­sa­mer Kampf, son­dern mora­li­sie­ren­de Abgren­zung.

Die Abgren­zung führt einen nicht sel­ten zur Ver­ach­tung der Dum­men, Abge­ris­se­nen, Schmud­de­li­gen, wie man in der aktu­el­len Debat­te über Ver­schwö­rungs­theo­rien zum tau­sends­ten Mal sehen kann. Man ver­sucht nicht zu ver­ste­hen, wel­ches poli­ti­sche Bedürf­nis die Basis für rech­te Ver­ein­nah­mun­gen ist, son­dern ver­sucht Lini­en zu zie­hen, die einen abgren­zen. Man hält Ver­schwö­rungs­theo­rien für ein Pro­blem allei­ne irgend­wel­cher „rech­ten Almans“, wobei jede*r wis­sen kann, dass sie weit über die­se Demos mit tat­säch­lich rech­ter Hege­mo­nie hin­aus ver­brei­tet sind, der*die einer Arbeit außer­halb uni­ver­si­tä­rer, par­la­men­ta­ri­scher oder Stif­tungs­jobs nach­geht oder auch nur gele­gent­lich eine Shi­sha-Bar, ein Hip-Hop-Kon­zert, eine Eck­knei­pe, eine Sport­klit­sche oder ein Fuß­ball­sta­di­on besucht.

Das ist kein Plä­doy­er für eine Wagen­knecht-ähn­li­che Form des „Ver­ständ­nis­ses“, bei dem man sich in der „Mit­te“ trifft und ein paar Inhal­te von denen, die man begeis­tern will, gleich ins eige­ne Welt­bild mit über­nimmt. Aber Agi­ta­ti­on und Bil­dung rich­ten sich nie nur an die, die schon den Auf­nah­me­test in die immer klei­ner wer­den­de Bub­ble bestan­den haben. Und nicht sel­ten unver­ständ­li­che Fly­er päck­chen­wei­se in eige­ne Knei­pen zu legen, kann wahr­schein­lich die Sache auch nicht ändern.

Die Angst, wenn man in die schmut­zi­ge Gesell­schaft ein­tritt, selbst kon­ta­mi­niert zu wer­den, kommt nicht nur, aber eben auch daher, dass man die Dis­tink­ti­on braucht, um über­haupt sagen zu kön­nen, was man ist. Man kann es nur als ewi­ges „Anti-“ for­mu­lie­ren. Man ist nicht wie die ande­ren – übri­gens auch ein Merk­mal von Sub­kul­tu­ren. So nach­voll­zieh­bar das in einem Land wie Deutsch­land ist, auch hier kommt der Haken: es führt zu nichts.

Neh­men wir die kur­di­sche Befrei­ungs­be­we­gung (aus dem ein­zi­gen Grund, dass die Sym­pa­thie zu ihr in der deut­schen Lin­ken so ver­brei­tet ist, das­sel­be gilt für alle ande­ren grö­ße­ren Bewe­gun­gen): Die Bevöl­ke­rung, in der sie zu arbei­ten begann, war der rück­stän­digs­te, patri­ar­chals­te, reak­tio­närs­te, reli­giö­ses­te Teil der Tür­kei. Aber die Bewe­gung hat nie auf die­se Men­schen gespuckt und zusam­men mit irgend­wel­chen Intel­lek­tu­el­len auf sie her­ab­ge­schaut. Sie hat gesagt: Das sind unse­re Leu­te, wir sind ein Teil davon und jetzt ändern wir das. Schritt für Schritt. Und selbst, wenn die Aktivist*innen, die das getan haben, die über­zeug­tes­ten athe­is­ti­schen Marxist*innen waren, haben sie einem Dede in Der­sim nicht „Kein Gott, kein Patri­ar­chat“ ins Gesicht gebrüllt, wenn sie ihn von der Unter­stüt­zung ihrer Bewe­gung über­zeu­gen woll­ten. Sie sind auch nicht in irgend­wel­che Dör­fer gezo­gen und haben sich „Drecks­nest“ auf Trans­pa­ren­te geschrie­ben.

Glaubt irgend­je­mand, das jen­seits von Feti­schi­sie­run­gen einer durch bür­ger­li­che Hege­mo­nie gepräg­ten Lin­ken, das jemals anders war? Bei der his­to­ri­schen Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on und dem Rot­front­kämp­fer­bund war es nicht anders, das war zu einem nicht gerin­gen Teil pro­le­ta­risch-kri­mi­nel­les Milieu; im ita­lie­ni­schen Ope­rais­mus war es nicht anders, bei sämt­li­chen anti­ko­lo­nia­len Bewe­gun­gen war es nicht anders, bei den Black Pan­thers war es nicht anders. Und so wei­ter und so fort. Nir­gend­wo in der Geschich­te war die Mas­sen­ba­sis einer Bewe­gung eine wider­spruchs­freie, mit Nobles­se und Eti­ket­te von vor­ne­her­ein die mora­li­schen Maß­stä­be ein­hal­ten­de Ver­samm­lung aus­ge­wo­gen und bedacht zur gemä­ßig­ten Kri­tik schrei­ten­der „bes­se­rer“ Men­schen. Und nir­gend­wo iden­ti­fi­zier­te man Feind und Freund allein nach ihren sub­jek­ti­ven Bewusst­seins­merk­ma­len, son­dern nach rea­len Macht­ver­hält­nis­sen. Eine Mer­kel mag reden wie eine Huma­nis­tin, für das Grenz­re­gime der EU und sei­nen Toten hat sie den­noch Ver­ant­wor­tung. Zum Gegen­stand lin­ker Mobi­li­sie­run­gen wird sie aber nicht.

Die Vor­aus­set­zung für der­lei poli­ti­sche Arbeit ist, eine eige­ne poli­ti­sche Iden­ti­tät zu haben. Aber woher kommt die? Sie ent­springt nicht ein­fach aus irgend­wel­chen Mar­ken, die man sich anhef­tet.

Drit­tens: Bauch­ge­fühl und Stra­te­gie

Wer also sind wir denn eigent­lich? Na völ­lig klar, ich bin Anar­chist, wird der eine sagen. Na völ­lig klar, ich bin Kom­mu­nis­tin wird die ande­re sagen. Na glas­klar, ich bin Sozialist*in, der*die Drit­te. Aber was heißt das denn eigent­lich in einer poli­ti­schen Kul­tur, in der so gut wie nie irgend­wel­che wirk­lich theo­re­ti­schen Debat­ten geführt wer­den? Man trifft sich hun­der­te von Stun­den in vol­ler Mit­glie­der­be­set­zung auf Ple­na, um Rou­ten von Demons­tra­tio­nen abzu­spre­chen oder Fly­er zu gestal­ten, aber wer dis­ku­tiert denn, ob der His­to­ri­sche Mate­ria­lis­mus kor­rekt ist, wie sich Klas­sen­ver­hält­nis­se unter den Bedin­gun­gen glo­ba­ler Arbeits­tei­lung geän­dert haben, ob das Patri­ar­chat seit Meso­po­ta­mi­en das­sel­be geblie­ben ist und wor­in der Unter­schied zwi­schen libe­ra­lem und revo­lu­tio­nä­rem Anti­ras­sis­mus besteht? Oder mei­net­we­gen irgend­was ande­res, jen­seits des Manage­ments der Feu­er­wehr­ein­sät­ze.

Eine klas­si­sche Auf­fas­sung in revo­lu­tio­nä­ren Par­tei­en und Bewe­gun­gen war: Die Welt ist erkenn­bar, wir müs­sen uns der Auf­ga­be stel­len, sie zu ver­ste­hen. Das, was uns knech­tet, ist begreif­bar. Es ist zu erfor­schen, was die Welt ist, was die Natur und der Mensch sind, was Geschich­te ist, in wel­cher his­to­ri­schen Pha­se wir leben, wel­che Kräf­te sie bestim­men und dem­entspre­chend, wel­che gesell­schaft­li­chen Grup­pen als revo­lu­tio­nä­res Sub­jekt in Fra­ge kom­men und anhand wel­cher Inter­es­sen man sie orga­ni­siert. Wie die­ses Ver­ste­hen metho­disch zu leis­ten ist, auch das muss bedacht wer­den.

Die sys­te­ma­ti­sche Beant­wor­tung all die­ser und noch viel mehr Fra­gen ergab eine Welt­an­schau­ung und die stell­te die Prin­zi­pi­en für poli­ti­sches Han­deln, die zugleich immer an der Wirk­lich­keit, dem Stand der wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis und der poli­ti­schen Pra­xis über­prüft und mit ihr in ein Ver­hält­nis gesetzt wer­den müs­sen. Aus Prin­zi­pi­en bestimmt sich eine Stra­te­gie, also ein lang­fris­tig hand­lungs­lei­ten­der Plan. Und aus der Stra­te­gie erge­ben sich Tak­ti­ken, also die Arten und Wei­sen, wie man in kon­kre­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen han­delt. Leu­te wie Georg Lukacs über­leg­ten: Je kla­rer eine Orga­ni­sa­ti­on in ihren Prin­zi­pi­en ist, des­to fle­xi­bler kann sie in Tak­ti­ken sein. Sie bricht sich kei­nen Zacken aus der Kro­ne, auch mal nett, anspre­chend und ohne Radau Pro­pa­gan­da zu machen, weil ihre gesam­te Pra­xis mili­tant ist. Ja sie kann Bünd­nis­se sehr breit gestal­ten, wenn es ihr nutzt, denn sie ist sich ihrer selbst gewiss. Die umge­kehr­te Vari­an­te, eine völ­lig star­re Pra­xis ohne irgend­wel­che Prin­zi­pi­en jeden­falls führt zu kei­nem Erfolg.

Das ist die klas­si­sche Her­an­ge­hens­wei­se. Was ist die Alter­na­ti­ve? Die Alter­na­ti­ve ist, aus „dem Bauch“ zu ent­schei­den, was man wie macht. Aus einem Gefühl, einer Gewohn­heit, manch­mal aus einer emp­fun­de­nen Dring­lich­keit. Dass das kein guter Rat­ge­ber ist, könn­te man theo­re­tisch begrün­den, aber man muss es hier auch nicht. Jede Per­son, die län­ger als ein, zwei Jah­re in die­ser Sze­ne ver­kehrt, weiß das zumin­dest irgend­wie.

Vier­tens: Hal­lo, ich bin wie­der weg

Par­al­lel zur Unklar­heit in den ideo­lo­gi­schen Fun­da­men­ten, sind die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren so gestal­tet, dass die meis­ten Grup­pen eine Halb­werts­zeit haben, für die sich ohne­hin kei­ne Stra­te­gie lohnt. Eine Stra­te­gie ist auf Jah­re, Jahr­zehn­te ange­legt, so lan­ge besteht man aber meis­tens nicht – und wenn dann nur als Zom­bie. Die Sym­pto­me der bestehen­den Orga­ni­sa­ti­ons­mo­del­le kennt man: Ein Alters­schnitt zwi­schen 16 und Ende 20, wer drü­ber ist, ist ein Kurio­sum; eine Anfäl­lig­keit für Kar­rie­ris­mus, weil zwi­schen Dau­er­ple­num und gar nichts kei­ne Abstu­fun­gen exis­tie­ren und vie­len das Ankom­men ab dem 30. Lebens­jahr doch mehr Sicher­heit und Glück zu geben scheint als die unsi­che­re Fort­exis­tenz in der Sub­kul­tur; der libe­ra­le Demo­kra­tis­mus ohne jedes Ver­trau­en in die eige­nen Genoss*innen samt dem Gebot, jede*r müs­se in jede*r Ent­schei­dung einer Orga­ni­sa­ti­on die eige­nen Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen wie­der­fin­den kön­nen; die infor­mel­len Hier­ar­chien, die sich aus Angst vor for­mel­len her­aus­bil­den; und so wei­ter und so fort.

Dazu kommt: Im Unter­schied sowie­so zu Natio­nen in der kapi­ta­lis­ti­schen Peri­phe­rie, aber auch noch­mal stär­ker als in ande­ren impe­ria­lis­ti­schen Natio­nen wie den USA oder Frank­reich ver­fügt der deut­sche Staat über ein tadel­los funk­tio­nie­ren­des Netz an Insti­tu­tio­nen der Inte­gra­ti­on von Dis­si­denz. Die Ange­bo­te, die er macht, schla­gen ange­sichts des deso­la­ten Zustands unse­rer Bewe­gung nur weni­ge aus. Wenn du in dei­nen Drei­ßi­gern bist und dein hal­bes Leben völ­lig pre­kär vor dich hin­ge­düm­pelt hat (es sei denn du warst eh schon reich und dein Enga­ge­ment war für den Fun, was ja auch nicht sel­ten vor­kommt) und weißt, wie wenig trag­fä­hig die Soli­da­ri­tät inner­halb der Sze­ne sein kann, dann kommt das Ange­bot – na was machst du dann? Du kannst ja „links blei­ben“ in dei­nem Stiftungs‑, Partei‑, Parlaments‑, bür­ger­li­che Zeitungs‑, NGO- oder Gewerk­schafts­job. Also ab dahin, am Anfang viel­leicht sogar noch mit der Illu­si­on, das neue „Poli­tik­feld“ auch wirk­lich an dei­ne außer­par­la­men­ta­ri­sche Arbeit zu kop­peln.

Ist das indi­vi­du­el­ler „Ver­rat“? Mög­lich, aber das ist gar nicht der ent­schei­den­de Punkt. Der ent­schei­den­de Punkt ist: Was haben wir denn sonst anzu­bie­ten? Auch anders rum: Wie vie­le Leu­te sind heu­te in sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en, sind sub­jek­tiv unzu­frie­den da und wol­len eigent­lich was ande­res? Der ein­zi­ge Grund, war­um sie da blei­ben ist, weil man ihnen wirk­lich nichts anzu­bie­ten hat. Soll man den Span­dau­er IG-Metal­ler auf­for­dern, ein­mal die Woche zum Ple­num nach Kreuz­berg zu kom­men, um zu bespre­chen, an wel­chen Bal­kon man ein Trans­pa­rent hängt? Oder die Lich­ten­ber­ger Oma, die schon irgend­wie sieht, dass die Lin­ke nicht mehr zum Sozia­lis­mus will, lädt man die zur Club-Nacht?

Fünf­tens: Die Fra­ge der Orga­ni­sa­ti­on

Nicht nur in der Defen­si­ve, auch in der Offen­si­ve man­gelt es an Hand­lungs­mög­lich­kei­ten. Auch dort, wo es wirk­lich erfreu­li­che Ten­den­zen in der Gesell­schaft gibt – Black Lives Mat­ter, Fri­days For Future, Mie­ten­be­we­gung, usw. – holt man ja bei wei­tem nicht das raus, was man raus­ho­len könn­te. Das Pro­blem ist eines, das sich stets stellt: Wie kommt man von tem­po­rä­ren poli­ti­sie­ren­den Momen­ten in einem Ein­zel­be­reich zu einer lang­fris­ti­gen Orga­ni­sie­rung gegen den Kapi­ta­lis­mus als Gan­zen.

Eine Mil­li­on Fly­er, ver­teilt bei all die­sen Gele­gen­hei­ten, for­dern immer wie­der „die Leu­te“ auf: Orga­ni­siert euch, orga­ni­siert euch, orga­ni­siert euch. Es ist die Lösung für alles. Aber wir, wenn man jetzt von dem sich irgend­wie als „auto­nom“ oder „radi­kal links“ ver­ste­hen­den Spek­trum redet, sind ja sel­ber nicht „orga­ni­siert“. Eine „Orga­ni­sa­ti­on“ ist ja nicht ein­fach eine Peer-Group oder ein Freund*innenkreis, der sich einen Namen und ein Logo gibt.

Eine „Orga­ni­sa­ti­on“ muss auf Grund­la­ge eines kol­lek­tiv ver­in­ner­lich­ten Pro­gramms und mit einer lang­fris­ti­gen Stra­te­gie unter­schied­li­che Par­ti­zi­pa­ti­ons­mög­lich­kei­ten von der Voll­zeit­mi­li­tan­ten bis zum Sym­pa­thi­sie­ren­den in einem hand­lungs­fä­hi­gen Gesamt­zu­sam­men­hang mit­ein­an­der ver­mit­telt. Das wird, spä­tes­tens, wenn man ein paar Tau­send Mit­glie­der hat, ein Sta­tut und eine Glie­de­rung der Arbeits­be­rei­che brau­chen, es sei denn, man glaubt, man trifft sich dann ein­fach mit 3000 Men­schen ein­mal zum Ple­num und arbei­tet 60 Stun­den lang die Redner*innenliste ab.

Sechs­tens: Raus aus der Defen­si­ve

Was hat das denn nun bit­te alles mit dem Syn­di­kat und dem Som­mer der Räu­mun­gen zu tun? Einer der zen­tra­len Slo­gans lau­tet: Raus aus der Defen­si­ve. Der ist völ­lig rich­tig. Nur wird der nicht umsetz­bar sein. Die Defen­si­ve, in der man sich befin­det, ist lei­der kei­ne, die man dadurch über­win­den kann, nach jeder Nie­der­la­ge zu hof­fen, dass es bei der nächs­ten anste­hen­den Gele­gen­heit wun­der­sa­mer Wei­se dann doch rich­tig knallt und alles bes­ser wird. Die Feu­er­wehr­po­li­tik, vor eini­gen Jah­ren anhand des The­men­fel­des „Anti­fa“ breit dis­ku­tiert, kann genau­so wenig, wie sie Faschi­sie­rung zurück­drängt, die Defen­si­ve rund um Räu­me in kapi­ta­lis­ti­schen Städ­ten auf­hal­ten.

Mei­ne Ver­mu­tung wäre, es gibt kei­ne kurz­fris­tig ange­leg­te Lösung. Es gibt nicht die „eine Sache“, die man in der Mobi­li­sie­rung fürs Syn­di­kat ein­fach hät­te anders machen kön­nen und dann hät­te alles geklappt. Gene­rell wur­den Kämp­fe die­ser Art in den ver­gan­ge­nen Jah­ren nur da „gewon­nen“, wo eine refor­mis­ti­sche Lösung zumin­dest einem Teil der regie­ren­den Par­tei­en gut zu Gesicht stand oder wo dem Kampf durch Umzug in neue Räu­me aus­ge­wi­chen wur­de.

Man kann hof­fen, dass das bei Häu­sern wie der Liebig34 und der Riga­er, die das von ihnen gewähl­te Kon­zept mit einer beein­dru­cken­den Kon­se­quenz durch­zie­hen, anders aus­se­hen wird – aus­ge­schlos­sen ist es nicht, liegt aber ver­mut­lich eher an der Mili­tanz ein­zel­ner als an einer ver­all­ge­mei­ner­ba­ren Stra­te­gie für die gan­ze Stadt. Jen­seits von schmel­zen­den Eis­schol­len in einem schon lau­war­men Meer der Ent­po­li­ti­sie­rung wird das „Raus aus der Defen­si­ve“ eine sehr lang­fris­ti­ge Ange­le­gen­heit wer­den und eine, die nicht ohne Umbrü­che zu haben ist.

Es ist nie­man­des indi­vi­du­el­le Schuld, dass das so ist. Schon gar nicht die von den­je­ni­gen, die mit viel Kraft und Risi­ko ver­su­chen, das Ruder noch rum­zu­reis­sen. Neben den objek­ti­ven Fak­to­ren gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lung, der urba­nen Offen­si­ve des Kapi­tals muss man schon auch anmer­ken, dass das poli­ti­sche Erbe, dass die Vor­gän­ger­ge­nera­ti­on hin­ter­las­sen hat – samt Dis­kur­sen wie dem Anti­deut­schen und Tak­ti­ken wie der der „Pop-Anti­fa“-, auch nicht unbe­dingt zur Ver­viel­fa­chung des Reich­tums taug­te.

Die Fra­ge ist aber, wie man raus­kommt. Und ehr­lich gesagt hat die­ser Arti­kel auch kei­ne Ant­wort dar­auf – nur die lose Hoff­nung, eine Debat­te könn­te nicht scha­den.

Der Bei­trag Wohin mit dem Eis­bä­ren? Dif­fu­se Über­le­gun­gen nach der Räu­mung des Syn­di­kat erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

Read More