[KgK:] 5 Antworten, die der Marxismus Leo Trotzkis heute auf die Krise geben kann

Vor 80 Jah­ren, im August 1940, wur­de Leo Trotz­ki in sei­nem mexi­ka­ni­schen Exil von einem sta­li­nis­ti­schen Agen­ten ermor­det. Zuvor hat­te er sich mehr als 15 Jah­re gegen den Pro­zess der Büro­kra­ti­sie­rung in der Sowjet­uni­on und gegen die Poli­tik der sta­li­ni­sier­ten Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en gewehrt. Er woll­te das revo­lu­tio­nä­re inter­na­tio­na­lis­ti­sche Erbe der rus­si­schen Okto­ber­re­vo­lu­ti­on ver­tei­di­gen und ange­sichts der gro­ßen Kri­sen der 1920er und 1930er Jah­re, die schließ­lich in einen neu­en Welt­krieg mün­den soll­ten, eine revo­lu­tio­nä­re Alter­na­ti­ve anbie­ten.

Heu­te, 80 Jah­re nach sei­nem Tod, steht die Welt erneut am Beginn einer tief­grün­di­gen Kri­se: Mil­lio­nen neue Arbeits­lo­se, hun­dert­tau­sen­de Tote auf­grund der Covi­d19-Pan­de­mie, dras­ti­sche Ein­brü­che der Welt­wirt­schaft, ver­schärf­te Kon­kur­renz zwi­schen den Natio­nal­staa­ten und der Auf­stieg rech­ter Kri­sen­lö­sun­gen. Doch eben­so gewalt­sa­me Rebel­lio­nen nicht nur in halb­ko­lo­nia­len Län­dern von Ecua­dor bis Iran, son­dern auch in impe­ria­lis­ti­schen Zen­tren wie den USA. Kurz­um: Wir kom­men wie­der in eine Epo­che von Kri­sen, Krie­gen und Revo­lu­tio­nen. Und der Mar­xis­mus Leo Trotz­kis kann uns auch heu­te drin­gend benö­tig­te Ant­wor­ten geben, damit nicht erneut zig Mil­lio­nen von Arbeiter*innnen welt­weit die kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se mit ihrem Leben bezah­len müs­sen.

1. Die Arbeiter*innen halten die Welt am Laufen – und können sie auch lahmlegen

Die ers­te Ant­wort, die uns Leo Trotz­ki in der aktu­el­len Situa­ti­on geben kann, ist vor allem ein Abbild der Rea­li­tät selbst: Die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie hat auf­ge­zeigt, welch zen­tra­le – lebens­not­wen­di­ge – Rol­le die Arbeiter*innenklasse in der Auf­recht­erhal­tung der gesam­ten Gesell­schaft spielt: Ohne die Mil­lio­nen Arbeiter*innen „an vor­ders­ter Front“ – vie­le von ihnen Frau­en und Migrant*innen – in den Kran­ken­häu­sern, den Lie­fer­ket­ten, den essen­ti­el­len Pro­duk­ti­ons­sek­to­ren und Dienst­leis­tun­gen kommt jede Gesell­schaft zum Erlie­gen. Wäh­rend bür­ger­li­che und post­mo­der­ne Ideo­lo­gien im Neo­li­be­ra­lis­mus vom „Ende der Arbeiter*innenklasse“ spra­chen, hat die Kri­se die­se neo­li­be­ra­le Mär objek­tiv zer­stört.

Doch Leo Trotz­ki wuss­te, dass die objek­ti­ven Bedin­gun­gen allein nicht aus­rei­chen. 1938 – am Vor­abend des Zwei­ten Welt­kriegs – for­mu­lier­te er im Über­gangs­pro­gramm den Wider­spruch zwi­schen der objek­ti­ven Kri­se und der Ant­wort der­je­ni­gen Klas­se, die als ein­zi­ge einen pro­gres­si­ven Aus­weg aus der Kri­se anbie­ten könn­te: dem Pro­le­ta­ri­at. Er schrieb: „Die welt­po­li­ti­sche Lage in ihrer Gesamt­heit ist vor allem gekenn­zeich­net durch die his­to­ri­sche Kri­se der Füh­rung des Pro­le­ta­ri­ats.“ Und wei­ter: „Die objek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on sind nicht nur schon „reif“, sie haben sogar bereits zu ver­fau­len begon­nen. Ohne sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on, und zwar in der nächs­ten geschicht­li­chen Peri­ode, droht der gan­zen mensch­li­chen Kul­tur eine Kata­stro­phe. Alles hängt vom Pro­le­ta­ri­at ab, d.h. in ers­ter Linie von sei­ner revo­lu­tio­nä­ren Vor­hut. Die his­to­ri­sche Kri­se der Mensch­heit ist zurück­zu­füh­ren auf die Kri­se der revo­lu­tio­nä­ren Füh­rung.“

Auch wenn wir heu­te noch nicht unmit­tel­bar vor einem neu­en Welt­krieg ste­hen wie damals, als Trotz­ki die­se Zei­len schrieb, könn­ten sie ange­sichts der sich ver­schlim­mern­den Kli­ma­ka­ta­stro­phe, die schon jetzt jedes Jahr Mil­lio­nen von Men­schen ihre Lebens­grund­la­ge ent­zieht, und der sich aus­brei­ten­den kom­bi­nier­ten Kri­se aus Pan­de­mie und Wirt­schafts­kri­se, kaum aktu­el­ler sein. Die Bour­geoi­sie beweist in die­sen Tagen ein ums ande­re Mal, dass ihr kurz­fris­ti­ge Pro­fit­in­ter­es­sen unend­lich viel wich­ti­ger sind als Men­schen­le­ben: Arbeiter*innen wer­den wie bei Tön­nies dazu gezwun­gen, für Hun­ger­löh­ne ihre Gesund­heit in Kauf zu neh­men, ande­re wer­den wie bei Gale­ria Kar­stadt Kauf­hof oder der Luft­han­sa ent­las­sen, wäh­rend die Bos­se Mil­lio­nen an Staats­hil­fen kas­sie­ren. Wäh­rend­des­sen läuft die Zer­stö­rung unse­res Pla­ne­ten durch Berg­bau­un­ter­neh­men, Auto­mo­bil- und Rüs­tungs­in­dus­trie unge­stört wei­ter und zeigt, dass der Kapi­ta­lis­mus völ­lig unfä­hig dazu ist, selbst mini­ma­le Maß­nah­men zum Umwelt­schutz durch­zu­set­zen. Ob wir die­se Kri­se über­win­den, d.h. ob wir die Bour­geoi­sie bezwin­gen oder statt­des­sen zulas­sen, dass sie den Pla­ne­ten zer­stört, hängt von der Fähig­keit des Pro­le­ta­ri­ats ab, die­sen Kampf anzu­füh­ren. Die Grund­zü­ge des dafür not­wen­di­gen Pro­gramms sind im „Über­gangs­pro­gramm“ ange­legt.

Mehr als je zuvor ste­hen wir jedoch heu­te vor dem erwähn­ten Wider­spruch: Wäh­rend die Arbeiter*innenklasse zah­len­mä­ßig grö­ßer ist als jemals in der Welt­ge­schich­te und wäh­rend die Kri­se ihre zen­tra­le gesell­schaft­li­che Rol­le in Pro­duk­ti­on und Repro­duk­ti­on offen­bart hat, ist sie heu­te noch mehr als zu Zei­ten Trotz­kis zer­split­tert. Selbst in den Auf­stän­den der ver­gan­ge­nen Jah­re von Chi­le bis Frank­reich und auch heu­te in den USA sind vie­le Arbeiter*innen zwar auf der Stra­ße – jedoch ver­ein­zelt, als Indi­vi­du­en und „Staatsbürger*innen“, nicht als orga­ni­sier­te Klas­se. Eine zen­tra­le Auf­ga­be von Revolutionär*innen heu­te ist es des­halb, die­se Ver­ein­ze­lung, die­se Zer­split­te­rung zu über­win­den und dazu bei­zu­tra­gen, dass die Arbeiter*innenklasse ihre Macht als Klas­se zurück­er­obert. Denn ver­eint hält sie nicht nur die Welt am Lau­fen – sie kann sie auch voll­stän­dig lahm­le­gen.

2. Der Aufstieg der Rechten kann gestoppt werden

Wie in den 20er und 30er Jah­ren ent­ste­hen auch heu­te alte und neue rech­te Phä­no­me­ne, die mit ihren reak­tio­nä­ren Kri­sen­lö­sun­gen Natio­na­lis­mus, Ras­sis­mus, Sexis­mus und LGBTIQ-Feind­lich­keit schü­ren. Damals wie heu­te sind sie kei­ne Rand­er­schei­nun­gen, son­dern in den schärfs­ten Kri­sen­mo­men­ten der bür­ger­li­chen Regime stützt sich das Kapi­tal – wenn auch zäh­ne­knir­schend – auf die­se Kräf­te, um sei­ne Macht zu erhal­ten. In „Was nun? Schick­sals­fra­gen des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats“ von 1932 for­mu­lier­te Trotz­ki: „Für die mono­po­lis­ti­sche Bour­geoi­sie stel­len par­la­men­ta­ri­sches und faschis­ti­sches Sys­tem bloß ver­schie­de­ne Werk­zeu­ge ihrer Herr­schaft dar: sie nimmt zu die­sem oder jenem Zuflucht in Abhän­gig­keit von den his­to­ri­schen Bedin­gun­gen.“ Noch sind die Bedin­gun­gen nicht so weit, dass die Bour­geoi­sie offen faschis­ti­sche Dik­ta­tu­ren tole­rie­ren wür­de, doch rech­te bona­par­tis­ti­sche Regie­run­gen wie Trump in den USA oder Bol­so­na­ro in Bra­si­li­en, sowie die Blind­heit der Regie­rung gegen­über dem rech­ten Ter­ror in Hanau, dem NSU 2.0 etc. wei­sen den Weg.

Um den Auf­stieg der Rech­ten zu stop­pen, muss die Arbeiter*innenklasse den Kampf auf­neh­men. Ein zen­tra­ler Kampf Trotz­kis in den 1930er Jah­ren galt sich die­ser Auf­ga­be: Der Faschis­mus hät­te besiegt wer­den kön­nen, sowohl in Deutsch­land als auch in Spa­ni­en und vor­her in Ita­li­en. Für Trotz­ki gab es dafür ein zen­tra­les Rezept: „Man muß der Sozi­al­de­mo­kra­tie den Block gegen die Faschis­ten auf­zwin­gen“. Nicht als Unter­stüt­zung eines „gerin­ge­ren Übels“ im Par­la­ment, son­dern als mili­tan­ten Kampf in den Betrie­ben und auf der Stra­ße. Dazu schlug Trotz­ki die Tak­tik der Arbeiter*innen-Einheitsfront vor: „Getrennt mar­schie­ren, ver­eint schla­gen!“ Die Selbst­ver­tei­di­gung der Arbeiter*innenorganisationen und der Mas­sen orga­ni­sie­ren, und im Kampf auf­zei­gen, dass nur das Pro­gramm der Revo­lu­ti­on den Faschis­mus auf­hal­ten kann, wäh­rend par­la­men­ta­ri­scher Refor­mis­mus im Kampf der Kräf­te zum Schei­tern ver­ur­teilt ist. Dies war eine uner­läss­li­che Tak­tik, um den Ein­fluss der Revolutionär*innen in der Arbeiter*innenklasse zu ver­grö­ßern, in der die auf Reform des Kapi­ta­lis­mus abzie­len­den Sozi­al­de­mo­kra­tien die stärks­ten Kräf­te dar­stell­ten.

Doch die sta­li­ni­sier­ten Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en und die sta­li­ni­sier­te Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le selbst erklär­ten die Sozi­al­de­mo­kra­tie für „sozi­al­fa­schis­tisch“ und ver­nein­ten jede mög­li­che Zusam­men­ar­beit (wie in Deutsch­land bis 1933), bevor sie mit der Volks­front in der Spa­ni­schen Revo­lu­ti­on einen Pakt mit der Bour­geoi­sie schlos­sen und selbst die revo­lu­tio­nä­ren Kräf­te im Bürger*innenkrieg gegen den Fran­co-Faschis­mus ermor­de­ten.

Dass der bür­ger­li­che Staat und die Bour­geoi­sie im Not­fall auf faschis­ti­sche Kräf­te setzt, ist auch heu­te in Anzei­chen sicht­bar: Rechts­ex­tre­me Kräf­te in Poli­zei, Ver­fas­sungs­schutz und Bun­des­wehr haben weit­ge­hen­de Nar­ren­frei­heit, und faschis­ti­scher und ras­sis­ti­scher Ter­ror auf der Stra­ße flan­kiert die Ver­schär­fung der Sicher­heits­ap­pa­ra­te. Wäh­rend­des­sen legi­ti­mie­ren refor­mis­ti­sche Par­tei­en an der Regie­rung ein ums ande­re Mal die Repres­si­on gegen Lin­ke und Migrant*innen und sind das Fei­gen­blatt für die anti­so­zia­le Poli­tik der Regie­run­gen und die Angrif­fe der Bos­se.

Dass AfD, „Coro­nal­eug­ner“ und Co. die Pan­de­mie für ihren Auf­stieg nut­zen, ist vor allem die Ver­ant­wor­tung die­ser refor­mis­ti­schen Füh­run­gen, die sich wei­gern, ein sozia­les Pro­gramm gegen die Kri­se auf­zu­stel­len. Soll­ten sich die Klas­sen­ge­gen­sät­ze im Zuge der Kri­se ver­schär­fen, wer­den rech­te Kräf­te wei­ter Auf­trieb bekom­men. Nur der Kampf der Arbeiter*innenklasse – im Bünd­nis mit allen Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten – gegen die Aus­wir­kun­gen der Kri­se und auf der Stra­ße gegen Regie­rung, Kapi­tal und rech­te Kräf­te kann einen Aus­weg bie­ten – wenn wir ihn den refor­mis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen auf­zwin­gen.

3. Wir müssen den Kampf gegen die reformistische Bürokratie führen

Die Geschich­te des Ver­rats sozi­al­de­mo­kra­ti­scher Par­tei­en an den Inter­es­sen der Arbeiter*innenklasse ist zu lang für jede Auf­zäh­lung. Doch immer noch sind die orga­ni­sier­ten Tei­le der Arbeiter*innenklasse unter sozi­al­part­ner­schaft­lich-refor­mis­ti­scher Füh­rung, in Deutsch­land auf der poli­ti­schen Ebe­ne in der Form von SPD und Lin­ken und in den Gewerk­schaf­ten mit der Füh­rung des DGB, die seit Jah­ren den Wider­stand gegen Kür­zun­gen und Ent­las­sun­gen im Keim ersti­cken.

Ohne die­se Füh­run­gen zu kon­fron­tie­ren und im Kampf eine alter­na­ti­ve Füh­rung der Arbeiter*innenklasse und der Mas­sen auf­zu­bau­en, ist eine Über­win­dung des Kapi­ta­lis­mus undenk­bar. Die von Trotz­ki kon­sta­tier­te „Kri­se der revo­lu­tio­nä­ren Füh­rung“ hat sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten auf­grund immer neu­er Ver­ra­te und Nie­der­la­gen zu einer Kri­se der Sub­jek­ti­vi­tät des Pro­le­ta­ri­ats als Klas­se aus­ge­wei­tet. Dass die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie die­se Kri­se her­aus­for­dert, haben wir oben schon beschrie­ben. Doch die Wie­der­erobe­rung der revo­lu­tio­nä­ren Sub­jek­ti­vi­tät der Arbeiter*innenklasse ist nicht nur eine ideo­lo­gi­sche Auf­ga­be, son­dern bedeu­tet vor allem den Kampf gegen die büro­kra­ti­schen und refor­mis­ti­schen Füh­run­gen. Denn es sind eben die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tien und die refor­mis­ti­schen Par­tei­en, die in die­ser Kri­se die Illu­si­on schü­ren, dass die sozi­al­part­ner­schaft­li­che Ver­mitt­lung zur Regie­rung und den Bos­sen den Aus­weg anbie­tet. So macht die SPD in der Bun­des­re­gie­rung bei­spiels­wei­se Mil­li­ar­den für Unter­neh­men locker, wäh­rend pre­kä­re Arbeiter*innen leer aus­ge­hen. Die Links­par­tei macht, wo sie in der Regie­rung ist, flei­ßig mit, und die Gewerk­schaf­ten wei­gern sich, zu mas­si­ven Streiks auf­zu­ru­fen. Die Büro­kra­tie ist heu­te – vor allem in den impe­ria­lis­ti­schen Län­dern, aber auch in den Halb­ko­lo­nien – zu gro­ßen Tei­len in den Staats­ap­pa­rat inte­griert.

1940 schrieb Trotz­ki, kurz bevor er ermor­det wur­de: „Die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie sieht ihre Haupt­auf­ga­be dar­in, den Staat aus der Umklam­me­rung des Kapi­ta­lis­mus zu „befrei­en“, sei­ne Abhän­gig­keit von den Trusts zu mil­dern und ihn auf ihre Sei­te zu zie­hen. Die­se Ein­stel­lung ent­spricht voll­kom­men der sozia­len Lage der Arbei­ter­aris­to­kra­tie und Arbei­ter­bü­ro­kra­tie, die bei­de um einen Abfall­bro­cken aus den Über­pro­fi­ten des impe­ria­lis­ti­schen Kapi­ta­lis­mus kämp­fen. Die Gewerk­schafts­bü­ro­kra­ten leis­ten in Wort und Tat ihr Bes­tes, um dem „demo­kra­ti­schen“ Staat zu bewei­sen, wie ver­läß­lich und unent­behr­lich sie im Frie­den und beson­ders im Krie­ge sind.“

Des­halb stellt Trotz­ki die Not­wen­dig­keit des Kamp­fes gegen die Büro­kra­tien in den Gewerk­schaf­ten und auf poli­ti­scher Ebe­ne gegen die refor­mis­ti­schen Par­tei­en – mit­tels der Metho­de der Ein­heits­front – in den Mit­tel­punkt. Dem­ge­gen­über erteilt er jeder Ent­hal­tung aus die­sem Kampf eine Absa­ge:

„Auf den ers­ten Blick könn­te man ver­sucht sein, aus dem eben Aus­ge­führ­ten den Schluß zu zie­hen, daß die Gewerk­schaf­ten in der impe­ria­lis­ti­schen Epo­che auf­hö­ren, Gewerk­schaf­ten zu sein.

Sie las­sen kaum Raum für Arbei­ter­de­mo­kra­tie, wel­che in der „guten alten Zeit“, als in der Wirt­schaft der freie Han­del herrsch­te, den Inhalt des inne­ren Lebens der Arbei­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen dar­stell­te. Wo kei­ne Arbei­ter­de­mo­kra­tie vor­han­den ist, kann von einem frei­en Kampf um die Beein­flus­sung der Mit­glie­der kei­ne Rede sein.“

Die­se Aus­sa­ge trifft auch heu­te noch zu: in den Gewerk­schaf­ten kann von Demo­kra­tie kei­ne Rede sein, anstatt dass die Arbeiter*innen selbst über ihre Streik­ta­ge und Ver­hand­lun­gen ent­schei­den bestimmt eine Kas­te von haupt­amt­li­chen Bürokrat*innen, die selbst kei­ne Arbeiter*innen mehr sind (oder dies nie waren) über die Aus­gän­ge der Arbeits­kämp­fe.

Man kön­ne so zur Schluss­fol­ge­rung kom­men, dass „ das Haupt­ar­beits­ge­biet für Revo­lu­tio­nä­re inner­halb der Gewerk­schaf­ten daher ver­schwin­det“. Doch Trotz­ki wand­te sich ent­schie­den dage­gen:

„Eine sol­che Stel­lung­nah­me wäre jedoch grund­falsch. Wir kön­nen weder das Feld, noch die Bedin­gun­gen für unse­re Arbeit nach unse­ren Wün­schen wäh­len. In einem tota­li­tä­ren oder halb­to­ta­li­tä­ren Staa­te ist es unend­lich schwe­rer, um den Ein­fluß über die Arbei­ter­mas­sen zu kämp­fen, als in einer Demo­kra­tie. Das­sel­be gilt für die Gewerk­schaf­ten, deren Ent­wick­lung den Wech­sel im Schick­sal der kapi­ta­lis­ti­schen Staa­ten wider­spie­gelt. Wir kön­nen den Kampf um die Beein­flus­sung der Arbei­ter in Deutsch­land nicht auf­ge­ben, bloß weil das tota­li­tä­re Regime eine sol­che Arbeit unge­heu­er erschwert. Wir kön­nen in genau der glei­chen Wei­se nicht auf den Kampf inner­halb der vom Faschis­mus geschaf­fe­nen Zwangs­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­zich­ten. Umso weni­ger kön­nen wir die sys­te­ma­ti­sche Arbeit inner­halb der Gewerk­schaf­ten tota­li­tä­ren oder halb­to­ta­li­tä­ren Cha­rak­ters auf­ge­ben, bloß weil sie direkt oder indi­rekt vom Staa­te abhän­gen oder weil die Büro­kra­tie den Revo­lu­tio­nä­ren die Mög­lich­keit frei­er Arbeit inner­halb der Gewerk­schaf­ten raubt. Es ist not­wen­dig, den Kampf unter all den kon­kre­ten Bedin­gun­gen zu füh­ren, die durch die vor­her­ge­hen­de Ent­wick­lung geschaf­fen wur­den, in sie ein­ge­schlos­sen die Feh­ler der Arbei­ter und die Ver­bre­chen ihrer Füh­rer.“

Die Alter­na­ti­ve ist klar: „Die Gewerk­schaf­ten unse­rer Zeit kön­nen ent­we­der als Hilfs­in­stru­men­te des impe­ria­lis­ti­schen Kapi­ta­lis­mus die­nen, um die Arbei­ter unter­zu­ord­nen, sie zu dis­zi­pli­nie­ren und die Revo­lu­ti­on zu ver­hin­dern, oder sie kön­nen im Gegen­teil die Instru­men­te der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung des Pro­le­ta­ri­ats wer­den.“

Damit Zwei­te­res ein­tritt, kämp­fen Trotzkist*innen inner­halb der Gewerk­schaf­ten für die Rück­erobe­rung die­ser aus den Hän­den der Büro­kra­tie. Dies bedeu­tet jedoch mehr, als nur für Betriebs­ver­samm­lun­gen bei Streiks ein­zu­tre­ten. Die büro­kra­ti­sier­ten Gewerk­schaf­ten schaf­fen durch die Tren­nung von gewerk­schaft­li­chen und sozia­len Tren­nung eine künst­li­che Spal­tung, die dazu führt, dass vie­le pre­kä­re und unter­drück­te Arbeiter*innen sich von den Gewerk­schaf­ten abwen­den. Eine Rück­erobe­rung der Gewerk­schaf­ten in die Hän­de der Arbeiter*innen bedeu­tet daher auch, dafür ein­zu­tre­ten, dass sie ein Pro­gramm für die unters­ten Schich­ten der Klas­se auf­stel­len, wie Trotz­ki bei­spiels­wei­se in sei­nem anti­ras­sis­ti­schen Pro­gramm für die süd­afri­ka­ni­sche Arbeiter*innenbewegung dar­stell­te.

4. Gegen den Stalinismus müssen wir unsere Vision des Sozialismus zurückerobern

In sei­nem Tes­ta­ment schreibt Trotz­ki: „Drei­und­vier­zig Jah­re mei­nes bewuß­ten Lebens bin ich Revo­lu­tio­när gewe­sen; zwei­und­vier­zig Jah­re habe ich unter dem Ban­ner des Mar­xis­mus gekämpft.“ Und in den letz­ten 17 Jah­ren sei­nes Lebens bekämpf­te er die Ent­ar­tung der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on durch die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie, die ihn schließ­lich 1940 ermor­de­te. Mit 26 Jah­ren war Trotz­ki Vor­sit­zen­der des Peters­bur­ger Sowjets von 1905 und im sel­ben Jahr for­der­te er die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Füh­run­gen der inter­na­tio­na­len Arbeiter*innenklasse her­aus: „Muss die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats zwangs­läu­fig an den Schran­ken der bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on zer­bre­chen, oder kann sie unter den gege­be­nen welt­ge­schicht­li­chen Bedin­gun­gen die Per­spek­ti­ve eines Sie­ges ent­de­cken, nach­dem sie die­sen beschränk­ten Rah­men gesprengt hat?“

Trotz­ki war ein­deu­tig für die zwei­te Vari­an­te. Sein Ver­ständ­nis von Sozia­lis­mus war weder büro­kra­tisch noch natio­nal­bor­niert. Die Ein­zig­ar­tig­keit an der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on bestand an der Ver­wirk­li­chung des revo­lu­tio­nä­ren Grund­sat­zes, den kapi­ta­lis­ti­schen Staats­ap­pa­rat mit Räten (Sowjets) zu zer­schla­gen und die Füh­rung der Arbeiter*innenklasse als Motor der gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung her­zu­stel­len. So nahm die Revo­lu­ti­on von 1917 die Erfah­run­gen des Peters­bur­ger Sowjets von 1905 auf, den die Arbeiter*innenbewegung durch einen poli­ti­schen Gene­ral­streik kon­sti­tu­ier­te.

Der Sta­li­nis­mus dreh­te in der Sowjet­uni­on vie­le Errun­gen­schaf­ten der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on zurück: Er ent­mach­te­te die Räte und die demo­kra­ti­schen Struk­tu­ren in den Betrie­ben, er nahm erkämpf­te demo­kra­ti­sche Rech­te für Frau­en und LGBTI-Per­so­nen zurück, er setz­te die alten bür­ger­li­chen Fami­li­en­nor­men wie­der ein, er schuf sich enor­me Pri­vi­le­gi­en und ver­grö­ßer­te so die sozia­le Ungleich­heit, die die Revo­lu­ti­on ein­stamp­fen woll­te. Und auf inter­na­tio­na­lem Par­kett brems­te er den Fort­schritt pro­le­ta­ri­scher Revo­lu­tio­nen, ermög­lich­te den Auf­stieg des Faschis­mus und pak­tier­te mit der Bour­geoi­sie, theo­re­tisch unter­mau­ert mit der reak­tio­nä­ren Vor­stel­lung des „Sozia­lis­mus in einem Land“. All die­je­ni­gen, die sich als Revolutionär*innen oppo­si­tio­nell zur sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tie orga­ni­sier­ten – sowohl zu Zei­ten Sta­lins selbst als auch in den ver­schie­de­nen büro­kra­tisch defor­mier­ten Arbeiter*innenstaaten des „real exis­tie­ren­den Sozia­lis­mus“ wie in der DDR –, wur­den aus den Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en aus­ge­schlos­sen, ver­folgt, ver­haf­tet, exi­liert und ermor­det.

Den­noch kämpf­te Trotz­ki – wie so vie­le ande­re Mitstreiter*innen – bis zu sei­nem Tode für die Über­win­dung der sta­li­nis­ti­schen Büro­kra­tie und den Sozia­lis­mus. Ent­ge­gen der bür­ger­li­chen Pro­pa­gan­da, die bis heu­te Sta­li­nis­mus und Sozia­lis­mus (oder gar Kom­mu­nis­mus) gleich­setzt, erhe­ben wir mit Trotz­ki das Ban­ner der pro­le­ta­ri­schen Demo­kra­tie und des inter­na­tio­na­len Sozia­lis­mus. Ent­ge­gen der auch in der Lin­ken vor­herr­schen­den Ein­stel­lung, dass aus dem Bol­sche­wis­mus auto­ma­tisch der Sta­li­nis­mus her­vor­geht, ver­tei­di­gen wir mit Trotz­ki die Not­wen­dig­keit des Auf­baus einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei. In sei­ner Schrift „Bol­sche­wis­mus und Sta­li­nis­mus“ von 1937 erklär­te er: „Natür­lich ist der Sta­li­nis­mus aus dem Bol­sche­wis­mus „erwach­sen“, aber nicht logisch erwach­sen, son­dern dia­lek­tisch: nicht als revo­lu­tio­nä­re Beja­hung, son­dern als ther­mi­do­ria­ni­sche1 Ver­nei­nung. Das ist durch­aus nicht ein und das­sel­be.“

In den ver­gan­ge­nen Jah­ren haben neue Genera­tio­nen von Jugend­li­chen welt­weit den Sozia­lis­mus für sich wie­der ent­deckt, wenn auch ohne gro­ße Vor­stel­lung davon, was genau sich dahin­ter ver­birgt. Ihnen ist klar, dass der Kapi­ta­lis­mus für sie kei­ne Zukunft bie­tet. Damit die Jugend die­se Per­spek­ti­ve voll­stän­dig als ihr Ban­ner auf­neh­men kann, ist es not­wen­dig, sie von ihrer „ther­mi­do­ria­ni­schen Ver­nei­nung“ des Sta­li­nis­mus zu befrei­en: Unser Sozia­lis­mus ist kein Sozia­lis­mus der natio­na­len Inseln, kein Sozia­lis­mus der büro­kra­ti­schen Pri­vi­le­gi­en und der poli­zei­li­chen Dik­ta­tur, kein Sozia­lis­mus ver­knö­cher­ter patri­ar­cha­ler Moral, son­dern ein Sozia­lis­mus der brei­test­mög­li­chen pro­le­ta­ri­schen Räte­de­mo­kra­tie und der revo­lu­tio­nä­ren Über­win­dung aller For­men von Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung.

5. Die Revolution ist international – und die Zukunft ist der Kommunismus

In der „Kopen­ha­ge­ner Rede“ von 1932 erklär­te Trotz­ki: „Die heu­ti­gen Pro­duk­ti­ons­kräf­te sind längst über die natio­na­len Schran­ken hin­aus­ge­wach­sen. Die sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft ist in natio­na­len Gren­zen undurch­führ­bar. Wie bedeu­tend die Wirt­schafts­er­fol­ge eines iso­lier­ten Arbei­ter­staa­tes auch sein mögen, das Pro­gramm des ‚Sozia­lis­mus in einem Lan­de‘ ist eine klein­bür­ger­li­che Uto­pie. Nur eine euro­päi­sche und sodann eine Welt­fö­de­ra­ti­on sozia­lis­ti­scher Repu­bli­ken kann die wirk­li­che Are­na für eine har­mo­ni­sche sozia­lis­ti­sche Gesell­schaft abge­ben.“

Fast 90 Jah­re spä­ter könn­ten die­se Wor­te nicht wah­rer sein: Die Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie hat das wah­re Aus­maß der Glo­ba­li­sie­rung der kapi­ta­lis­ti­schen Wert­schöp­fungs­ket­ten auf­ge­zeigt. Unse­re Ant­wort dar­auf kann nicht die reak­tio­nä­re Uto­pie der Rück­kehr zum Natio­nal­staat sein, son­dern nur die inter­na­tio­na­le Revo­lu­ti­on. Die Arbeiter*innenklasse hat gezeigt, dass sie die gesam­te Welt am Lau­fen hält – der pro­le­ta­ri­sche Inter­na­tio­na­lis­mus ist der ein­zi­ge Aus­weg aus der kapi­ta­lis­ti­schen Bar­ba­rei.

Mit der „Theo­rie der per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on“ hat Trotz­ki den Grund­stein für die­se stra­te­gi­sche Visi­on gelegt: „Der Abschluß einer sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on ist im natio­na­len Rah­men undenk­bar. Eine grund­le­gen­de Ursa­che für die Kri­sis der bür­ger­li­chen Gesell­schaft besteht dar­in, daß die von die­ser Gesell­schaft geschaf­fe­nen Pro­duk­tiv­kräf­te sich mit dem Rah­men des natio­na­len Staa­tes nicht ver­tra­gen. Dar­aus erge­ben sich einer­seits die impe­ria­lis­ti­schen Krie­ge, ande­rer­seits die Uto­pie der bür­ger­li­chen Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa. Die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on beginnt auf natio­na­lem Boden, ent­wi­ckelt sich inter­na­tio­nal und wird voll­endet in der Welt­are­na. Folg­lich wird die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on in einem neu­en, brei­te­ren Sin­ne des Wor­tes zu einer per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on: sie fin­det ihren Abschluß nicht vor dem end­gül­ti­gen Sie­ge der neu­en Gesell­schaft auf unse­rem gan­zen Pla­ne­ten.“

Des­halb kämp­fen wir für den Wie­der­auf­bau der IV. Inter­na­tio­na­le, die Trotz­ki ursprüng­lich 1938 gegrün­det hat. Denn unse­re Visi­on ist nicht, uns mit der uto­pi­schen Vor­stel­lung eines „gerin­ge­ren Übels“ zu begnü­gen. Der Kampf für den Auf­bau einer Welt­par­tei der Revo­lu­ti­on ist nur ein Schritt in unse­rem Kampf für die ein­zi­ge Zukunft, die uns das Über­le­ben auf die­sem Pla­ne­ten garan­tie­ren kann: den Kom­mu­nis­mus. Wir tei­len die­sel­be Visi­on, die Trotz­ki in sei­nem Tes­ta­ment nie­der­schrieb: „Das Leben ist schön. Die kom­men­de Genera­ti­on möge es rei­ni­gen von allem Bösen, von Unter­drü­ckung und Gewalt und es voll genie­ßen.“

1 Trotz­ki benut­ze den Begriff „Ther­mi­dor“ in Bezug­nah­me auf den Staats­streich in Frank­reich von 1794 und die Ver­fas­sung von 1795, um zu beschrei­ben, wie „die Reak­ti­on auf dem gesell­schaft­li­chen Fun­da­ment der Revo­lu­ti­on“ ent­stand. So ver­such­te er die Büro­kra­ti­sie­rung des Arbeiter*innenstaates unter Sta­lin und büro­kra­ti­scher Kas­te zu erklä­ren.

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