[labournet:] Massenproteste, Besetzungen und Selbstorganisation im Libanon: Was da explodiert ist, ist der Kapitalismus. Pur. Und wer im Land von „Stuttgart 21“ jetzt nur „Korruption“ ruft – hilft jenen, die dieses System entwickelt haben…

Besetztes Ministerium in Beirut am 8.8.2020Die gewal­ti­gen Mas­sen­pro­tes­te am Sams­tag, 8. August 2020, in Bei­rut hat­ten sich regel­recht ange­kün­digt: Sowohl durch die Wut nach der töd­li­chen Explo­si­on, als auch durch die mona­te­lan­gen Pro­tes­te zuvor – und erst recht durch die tie­fe Kri­se des kapi­ta­lis­tisch-kor­rup­ten Pro­porz-Sys­tems. „Alle meint alle“ – die Paro­le der Beset­zun­gen („alle sol­len gehen“) ist die aktua­li­sier­te Ver­si­on des argen­ti­ni­schen „Que se vay­an todos“ vor rund 20 Jah­ren. So hat­ten es die Beset­ze­rin­nen und Beset­zer der Minis­te­ri­en in Bei­rut unter­stri­chen – dass sie ein Ende des Sys­tems haben wol­len und kei­nen der ver­schie­de­nen Reprä­sen­tan­ten, die von den Pro­porz-Kapi­ta­lis­ten hin­ter ver­schlos­se­nen Türen aus­ge­han­delt wer­den. Was auch deut­lich macht, dass es vie­le geben wird, die die nun ange­kün­dig­ten Neu­wah­len kei­nes­wegs mit Begeis­te­rung zur Kennt­nis neh­men wer­den. Die Poli­zei reich­te nicht mehr – es muss­te die Armee „ran“ zur Ver­tei­di­gung des Regimes. Und wäh­rend die reak­tio­nä­re Hiz­bol­lah Dro­hun­gen gegen Demons­trie­ren­de aus­stößt, sehen die diver­sen impe­ria­lis­ti­schen Kräf­te eine Chan­ce, eben die­se Orga­ni­sa­ti­on los zu wer­den, bezie­hungs­wei­se ihren Ein­fluss zu redu­zie­ren. Die Trump-Mann­schaft unter­strich, es müs­se Frei­heit für Demons­tra­tio­nen geben – nicht in den USA, wo sie dage­gen den Poli­zei­staat auf­fah­ren, son­dern im Liba­non – und die fran­zö­si­sche Poli­zei-Regie­rung tut das­sel­be. (Über den wenig freund­li­chen Emp­fang der Bevöl­ke­rung Bei­ruts für Macron hat­ten wir bereits in unse­rem ers­ten Bei­trag berich­tet). Kein Grund, in die­sem (zweit­ran­gi­gen) Auf­ein­an­der­pral­len reak­tio­nä­rer Kräf­te eine ande­re Par­tei zu ergrei­fen, als die jener Drit­ten, die auf den Stra­ßen nicht nur Bei­ruts für eine Ver­än­de­rung des Sys­tems gegen die Wün­sche von Hiz­bol­lah und Kapi­ta­lis­ten jeg­li­chen Ursprungs ein­tre­ten. Sie­he zu den aktu­el­len Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Liba­non, ihren Ursa­chen, Hin­ter­grün­den und Per­spek­ti­ven unse­re aus­führ­li­che und kom­men­tier­te Mate­ri­al­samm­lung „Bei­rut brennt wei­ter – jetzt vor Pro­tes­ten“ vom 09. August 2020:

„Beirut brennt weiter – jetzt vor Protesten“

Libanon: My Gevernment did it„“All of them means all of them““ am 08. August 2020 im Twit­ter-Kanal von Aya Majz­oub externer Link (Human Rights Watch) ist ein Videobe­richt vom besetz­ten Außen­mi­nis­te­ri­um, das von den Demons­tran­tIn­nen zum „Haupt­quar­tier der der Okto­ber 17 Revo­lu­ti­on“ ernannt wur­de – und von wo aus eben jene State­ments nach dem Abgang aller ver­brei­tet wur­den…

„Fire­figh­ters refu­sed to assist poli­ce for­ces in qua­shing demons­tra­tors“ am 08. August 2020 im Twit­ter-Kanal von Nazih Ossei­ran externer Link berich­tet von der Wei­ge­rung der Feu­er­wehr, der Poli­zei bei der „Räu­mung“ blo­ckier­ter Stra­ßen und besetz­ter Gebäu­de zu hel­fen – schließ­lich star­ben 10 Feu­er­wehr­män­ner beim Ver­such, gegen die Explo­si­on etwas zu unter­neh­men

„Clas­hes in Bei­rut as anger swells over port blast: Live updates“ von Umut Uras & Farah Naj­jar bis09. August 2020 bei Al Jaze­e­ra externer Link ist die Live-Chro­noo­gie der Ent­wick­lun­gen in Bei­rut (und ande­ren Orten des Liba­non) von dem Sen­der bei dem (im Unter­schied etwa zur wie immer unsäg­li­chen Regie­rungpro­pa­gan­da bei tages­schau und Kom­pa­nie, die nur berich­te­ten, wie Men­schen im Liba­non einen Herrn Macron beju­belt hät­ten) auch über die mas­si­ven Pro­tes­te gegen Macron berich­tet wur­de…

„Today’s inspi­ring crowd in Bei­rut“ am 08. August 2020 im Twit­ter-Kanal von Luna Saf­wan externer Link ist ein Video von der Groß­de­mons­tra­ti­on zu Beginn der Pro­tes­te am Sams­tag­abend – wobei ein Schwer­punkt der Bericht­erstat­tung dar­auf liegt, zu zei­gen, dass die Zahl der durch die Explo­si­on ver­letz­ten Men­schen, die an der Demons­tra­ti­on teil­nah­men, enorm groß war…

#bei­rut­pro­tests externer Link ist einer der (zahl­rei­chen) Hash­tags bei Twit­ter, unter denen Bei­trä­ge (meist vor Ort) zur Ent­wick­lung am Sams­tag (vor allem) doku­men­tiert wer­den…

„Zusam­men fegen“ von Han­na Voß und Julia Neu­mann m 07. August 2020 in der taz online externer Link berich­te­te vor allem von den Mobi­li­sie­run­gen der soli­da­ri­schen Über­win­dung der Fol­gen der Explo­si­on: „… An gewöhn­li­chen Frei­tag­aben­den besu­chen die Men­schen hier die wie an einer Per­len­schnur auf­ge­reih­ten Bars und Restau­rants. An die­sem Don­ners­tag­mit­tag sind sie gekom­men, um zu hel­fen. Aus ande­ren Stadt­vier­teln, aber auch aus allen Tei­len des Lan­des. In Gemmay­ze und Mar Mikha­el fegen sie Glas zusam­men, sie räu­men rie­si­ge Müll­sä­cke fort, ver­tei­len Essen, Was­ser, Klei­dung und Medi­ka­men­te. Vie­le von ihnen sind jung, kei­ne 20 Jah­re alt. Mit einem Besen über der Schul­ter, einer Müt­ze auf dem Kopf und einer Mas­ke vor Mund und Nase schrei­ten sie die Stra­ßen ent­lang, über­neh­men, wie so oft in die­sem Land, Auf­ga­ben, die eigent­lich dem Staat zufal­len. Doch die­ser Staat schützt sei­ne Bür­ger:innen nicht, schon lan­ge nicht mehr, und jetzt wird klar: Er hat sie sogar gefähr­det, in vol­lem Bewusst­sein. 2.750 Ton­nen gela­ger­tes Ammo­ni­um­ni­trat sol­len im Hafen von Bei­rut am frü­hen Diens­tag­abend explo­diert sein. Das brand­ge­fähr­li­che Mate­ri­al erreich­te die Stadt im Jahr 2013 auf einem Frach­ter, der eigent­lich in Mosam­bik anle­gen soll­te. Sechs Som­mer lang moder­te es vor sich hin, nie­mand küm­mer­te sich um sei­ne Ent­sor­gung, obwohl Zoll­be­am­te mehr­fach auf die Gefah­ren hin­wie­sen. War­um nie­mand han­del­te, ist noch unklar, womög­lich aber, weil sich noch kein lukra­ti­ves Geschäft gefun­den hat­te, das mit dem Mate­ri­al zu machen gewe­sen wäre. Es wäre sinn­bild­lich für den Liba­non, wenn sich die seit Jahr­zehn­ten gras­sie­ren­de Kor­rup­ti­on und das ekla­tan­te Staats­ver­sa­gen auf die­se Wei­se ent­la­den hät­ten. (…) Rund 48 Stun­den nach der Explo­si­on ver­wan­delt sich die Trau­er all­mäh­lich in Wut. Am Don­ners­tag­abend fin­den im Stadt­teil Down­town wie­der ers­te Pro­tes­te statt, die Men­schen sind laut, zor­nig. Pro­tes­tie­ren­de wer­fen Stei­ne auf Ein­satz­kräf­te, eini­ge Demons­tran­ten wer­den ver­letzt. „Wir kön­nen es nicht mehr ertra­gen. Das war’s. Das gan­ze Sys­tem muss weg“, sagt ein jun­ger Mann. Für die­sen Sams­tag ist eine gro­ße Demons­tra­ti­on ange­kün­digt. Die Men­schen rufen wie­der „Thawra“, Revo­lu­ti­on. (…) Die Soli­da­ri­tät unter den Li­ba­nes:innen kennt die­ser Tage kei­ne Gren­zen. Dut­zen­de Initia­ti­ven haben sich gegrün­det, über die sozia­len Netz­wer­ke wer­den Infor­ma­tio­nen über Ver­miss­te aus­ge­tauscht, freie Zim­mer denen ange­bo­ten, die ihre Blei­be ver­lo­ren haben. Sie sam­meln Klei­dung, Essen, Mate­ri­al, um zer­bro­che­ne Fens­ter zu fli­cken, sie bie­ten kos­ten­lo­se psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe an. Sie bestär­ken sich gegen­sei­tig. „Ich neh­me alles zurück, was ich je Schlech­tes über Liba­ne­sen gesagt habe“, heißt es bei „leb­fi­nan­ce“, einem popu­lä­ren Twit­ter­ac­count, „wenn wir zusam­men­ar­bei­ten und ande­ren in Gefahr für unser eige­nes Leben hel­fen, sind wir am bes­ten. Zum Teu­fel mit denen, die das poli­ti­sie­ren. Ich bin stolz, Liba­ne­se zu sein.“ Ihre Hoff­nung set­zen die Men­schen nur noch inein­an­der. Von ihrem Staat erwar­ten sie nichts mehr…“

Besetztes Aussenministerium in Beirut am 8.8.2020„Leba­ne­se ral­ly to assist tho­se affec­ted by Bei­rut explo­si­on“ von Rym Ben­di­ma­rad am 06. August 2020 bei Al Jaze­e­ra externer Link ist eben­falls ein (aus­führ­li­cher) Bericht über die stän­dig anwach­sen­den Initia­ti­ven zur Orga­ni­sa­ti­on von Selbst­hil­fe, die bei­spiels­wei­se auch in Zusam­men­ar­beit mit Beschäf­tig­ten des Gesund­heits­we­sens oder der Müll­ab­fuhr gesche­hen – aber immer ohne und in bewuss­ter Distanz zu den Behör­den und sons­ti­gen staat­li­chen Ein­rich­tun­gen…

„Frank­reich und Liba­non – eine beson­de­re Bezie­hung“ von Mar­tin Boh­ne am 07. August 2020 bei tages​schau​.de externer Link gibt (wie immer noch so oft) den Tenor der bun­des­deut­schen Medi­en­kam­pa­gne wie­der: Jubel für Macron (den es sicher­lich auch gab, nach dem Mot­to „alles ist bes­ser, als die­ses Sys­tem“) und kein Wort zu jenen, die nicht jubel­ten und immer so tuend, als sei Macron nicht der Prä­si­dent des fran­zö­si­schen Poli­zei­staats (Auf­klä­rung for­dert er natür­lich nicht über das Vor­ge­hen „sei­ner“ Poli­zei, son­dern im Liba­non, logisch)… Die gan­ze Essenz die­ser Pro­pa­gan­da lau­tet dann unter ande­rem so: „… Er war umringt von einer begeis­ter­ten Men­schen­men­ge, die “Viva la Fran­ce” rief – (“Hoch lebe Frank­reich). Staats­prä­si­dent Emma­nu­el Macron konn­te sich bei sei­nem Besuch im zer­stör­ten Hafen­vier­tel von Bei­rut als der Hoff­nungs­trä­ger füh­len, der er in sei­ner Hei­mat schon längst nicht mehr ist. Macron kam als ers­ter aus­län­di­scher Staats­mann, um den Liba­ne­sen Soli­da­ri­tät zu zei­gen – und um den Poli­ti­kern des Lan­des die Levi­ten zu lesen. Und das kommt sehr gut an bei den ver­zwei­fel­ten und wüten­den Men­schen. “Er hat gesagt, was wir schon seit Mona­ten for­dern. Die gan­ze poli­ti­sche Füh­rung muss aus­ge­wech­selt wer­den”, sagt eine liba­ne­si­sche Akti­vis­tin im fran­zö­si­schen Fern­se­hen. Aber da man ja gegen die Herr­schen­den und ihre Trup­pen nichts aus­rich­ten kön­ne, sei die Unter­stüt­zung Frank­reichs für sie so wich­tig. “Dafür sind wir sehr dank­bar.”...“

„Hil­fe mit kolo­nia­lem Ges­tus“ von Kat­ja Mau­rer am 07. August 2020 im Frei­tag onlineBeirut: Das Finanzminsterium brennt am 8.8.2020 externer Link zu der kei­nes­wegs selbst­lo­sen und schon gar nicht pro­gres­si­ven „Hil­fe“ der EU unter ande­rem: „… Die­se Art von tech­ni­schem Huma­ni­ta­ris­mus hat etwas unge­heu­er Ein­leuch­ten­des und Beru­hi­gen­des. Er hat aber einen Haken. Denn er sug­ge­riert, dass Hil­fe von außen die Kata­stro­phe vor Ort lösen könn­te und miss­ach­tet die Tat­sa­che, dass die ers­te Hil­fe vor allen Din­gen Selbst­hil­fe vor Ort ist. So auch im Liba­non. Schon die­ser media­le Ein­stieg stellt ein Ver­hält­nis her, das an tra­dier­te kolo­nia­le Sprech­wei­sen erin­nert, in denen die Kolo­ni­sa­to­ren den „Wil­den“ die Zivi­li­sa­ti­on brach­ten. Wenn es nicht gelingt, die­se Betrach­tungs­wei­se, die von „Wir – die Hel­fen­den“ und „Sie – die hilf­lo­sen Opfer“ spricht, zu über­win­den, endet die abso­lut not­wen­dig Unter­stüt­zung, Soli­da­ri­tät und Hil­fe von außen in einer Absi­che­rung der bestehen­den kata­stro­pha­len Situa­ti­on. Ver­stö­rend ist in die­sem Kon­text der Besuch von Frank­reichs Prä­si­dent Ema­nu­el Macron, der von einer Peti­ti­on von Libanes*innen beglei­tet wird, die for­dern, Frank­reich sol­le den Liba­non über­neh­men. Der Prä­si­dent der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­macht for­der­te in der Kurz­vi­si­te grund­le­gen­de Ver­än­de­run­gen im Liba­non ein und ver­wies auf den Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds und des­sen „Reform“-Vorschläge. Wäh­rend er durch die Men­ge lief, rie­fen Demons­tran­ten „Alle meint Alle“ – die Losung der liba­ne­si­schen Demons­tra­tio­nen im letz­ten Jahr. Sie for­dern die Abschaf­fung der gesam­ten poli­ti­schen Klas­se, deren Herr­schaft und ihr Ver­sa­gen eine lan­ge Vor­ge­schich­te hat, aus der sich Euro­pa, das nun hel­fen will, nicht her­aus­steh­len kann. Der Liba­non, der seit dem Ende des Osma­ni­schen Rei­ches vor allen Din­gen als Brü­cken­kopf der Kolo­ni­al­mäch­te in den Nahen Osten betrach­tet wur­de, ist Spiel­feld und Pro­jek­ti­ons­flä­che der inter­na­tio­na­len Akteur*innen, die mit dem Ende des Kal­ten Krie­ges nicht weni­ger gewor­den sind. Die Befürch­tun­gen, dass die Hilfs­an­ge­bo­te aus Frank­reich, Deutsch­land und der Euro­päi­schen Uni­on, den Ver­ei­nig­ten Emi­ra­ten, dem Iran und Isra­el nicht so altru­is­tisch sind, wie sie klin­gen, sind da mehr als ange­bracht. (…) Bei allen guten Ankün­di­gun­gen besteht das vor­nehm­li­che Ziel dar­in, den Liba­non – ange­sichts der unsi­che­ren Lage der gesam­ten Regi­on – zu sta­bi­li­sie­ren. Die­se eher hilf­lo­se Ver­such den Sta­tus Quo zu Wah­ren will ver­hin­dern, dass sich Flücht­lin­ge von dort nach Euro­pa auf­ma­chen, dass der Ein­fluss des Irans­zu groß wird, dass die Ban­ken wie­der funk­tio­nie­ren und man die Höl­le der Armut, zu der gro­ße Tei­le des Liba­nons gewor­den sind, nicht all­zu offen­sicht­lich sieht. Eine sol­che inter­es­sens­ge­lei­te­ter Hil­fe ist Teil der Kata­stro­phen­ur­sa­che und nicht Teil ihrer Lösung sein. Wenn Macron so tut, als wis­se er, wie die schwie­ri­ge Lage im Liba­non zu lösen ist, dann ver­birgt sich dahin­ter nur die Fixie­rung auf alte Rezep­te und die Hoff­nung auf schnel­le Ergeb­nis­se, die sich, wie das aus ande­ren huma­ni­tä­ren Kri­sen schon bekannt ist, im Nach­hin­ein als fata­le Kon­zep­te neo­li­be­ra­ler Pro­vi­ni­enz erwei­sen. Gera­de in heu­ti­gen Zei­ten, da post­ko­lo­nia­le Dis­kur­se zum guten Ton gehö­ren, muss sich auch im Kata­stro­phen­fall die Blick­rich­tung der Hil­fe, der Spender*innen und Geber*innen ändern. Wir kön­nen uns nicht als die Akteur*innen insze­nie­ren, son­dern müs­sen die Res­sour­cen der liba­ne­si­schen Bevöl­ke­rung in die­ser Kata­stro­phe in den Mit­tel­punkt der öffent­li­chen Wahr­neh­mung und unse­rer Unter­stüt­zung rücken. Nicht Ema­nu­el Macron weiß, wor­in die struk­tu­rel­len Ursa­chen lie­gen, son­dern ein Vier­tel der liba­ne­si­schen Bevöl­ke­rung, die letz­tes Jahr jen­seits von reli­giö­ser Zuschrei­bung für einen demo­kra­ti­schen Liba­non all sei­ner Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner demons­trier­ten. Jetzt bil­den sie die infor­mel­len Räum­kom­man­dos, weil sie in die gege­be­ne staat­li­che Nicht­struk­tur kein Ver­trau­en haben. „Wir sind hier, die Revo­lu­tio­nä­re, und küm­mern uns – was eigent­lich der Staat machen müss­te. Wir räu­men auf und brin­gen Betrof­fe­nen zu essen und zu trin­ken. Wir über­neh­men die Rol­le des Staa­tes und tun das Bes­te, um den Men­schen zu hel­fen”, sag­te Rana Maq­daz gegen­über der ARD. Die­se star­ke Zivil­ge­sell­schaft, die Künstler*innen des Lan­des, die in ihren Wer­ken längst begon­nen haben, die Bür­ger­kriegs­t­rau­ma­ta auf­zu­ar­bei­ten und in eine Kraft der Selbst­be­haup­tung und der Eman­zi­pa­ti­on umzu­wan­deln, die Selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen der Flücht­lings­hil­fe und Migrant*innen – sie alle sind jetzt die Kräf­te, die an run­de Tische gehö­ren, die die Mit­tel­ver­ga­be über­wa­chen soll­ten und die an der Auf­ar­bei­tung der tat­säch­li­chen Ursa­chen für die­se Kata­stro­phe betei­ligt wer­den müs­sen. Das aber ist kein Pro­gramm von weni­gen Wochen des Schutt­weg­räu­mens. Ein Liba­non mit einer funk­tio­nie­ren­den öffent­li­chen und sozia­len Infra­struk­tur ist mög­lich, weil eine poli­ti­sche Bewe­gung dafür vor­han­den ist...“

„Liba­non: Anfäl­lig für äuße­re Ein­fluss­nah­me“ am 08. August 2020 bei der ANF externer Link ist ein Gespräch mit den im Liba­non leben­den kur­di­schen Akti­vis­tin­nen Bûş­ra Elî und Hen­an Osman, wor­in sie unter ande­rem unter­strei­chen: „… Die Poli­tik des Liba­non wer­de vom Iran, Sau­di-Ara­bi­en und eini­gen west­li­chen Län­dern beherrscht, fügt Bûş­ra Elî hin­zu: „Der Liba­non steht unter regio­na­ler Kolo­ni­al­herr­schaft, aber gleich­zei­tig auch unter inter­na­tio­na­ler Herr­schaft.“ Das müs­se bei einer Bewer­tung der aus der Explo­si­on her­vor­ge­hen­den Ergeb­nis­se und einer Ein­schät­zung der mög­li­chen Ent­wick­lun­gen berück­sich­tigt wer­den. Hen­an Osman führt aus, dass alle Frak­tio­nen der poli­ti­schen Eli­te im Liba­non von einer ande­ren Macht domi­niert wer­den: „Der Liba­non ist das Tor zum Mit­tel­meer für den schii­ti­schen Halb­mond. Gleich­zei­tig ist der Liba­non ein Land, in dem Sau­di-Ara­bi­en gro­ßen Ein­fluss auf die Sun­ni­ten hat und die Chris­ten sich von Frank­reich abhän­gig gemacht haben.“ Die Explo­si­on wer­de sich auch auf die Poli­tik aus­wir­ken. Eini­ge Län­der wür­den davon aus­ge­hen, dass ihnen die Explo­si­on die Gele­gen­heit bie­te „die Fin­ger­nä­gel des Iran im Liba­non zu stut­zen“, meint Bûş­ra Elî. Der tür­ki­sche Staat hin­ge­gen betrach­te den Liba­non als osma­ni­sches Erbe und die Explo­si­on als Mög­lich­keit, den eige­nen Ein­fluss zu erhö­hen. Die Akti­vis­tin sagt, dass sich „die Türen für eine neue Zeit geöff­net“ haben. Sie ist der Mei­nung, dass die poli­ti­sche Eli­te in dem seit lan­ger Zeit von einer wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Kri­se gebeu­tel­ten Land die Last nicht mehr lan­ge tra­gen kann. Hen­an Osman fügt hin­zu: „Im Moment wiegt der Umgang der poli­ti­schen Macht mit der Explo­si­on schwe­rer als die Kata­stro­phe selbst. Es wird zu gesell­schaft­li­chen Fol­ge­ex­plo­sio­nen kom­men. Es sind gleich­zei­tig die Kor­rup­ti­on, die Gleich­gül­tig­keit und der mora­li­sche Ver­fall der herr­schen­den Eli­te explo­diert.“ Der Hafen befin­de sich in der Hand der His­bol­lah, das sei der Regie­rung und den ande­ren Par­tei­en bekannt, erklärt Bûş­ra Elî: „Daher ist es nicht mög­lich, nur eine Sei­te zu beschul­di­gen und die ande­ren frei­zu­spre­chen. Der Hafen in Bei­rut war in zwei­er­lei Hin­sicht wich­tig. Er hat­te sowohl eine wirt­schaft­li­che als auch eine poli­ti­sche Bedeu­tung. Wer den Hafen in der Hand hat, hat­te auch die poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Macht in der Hand.“ Hen­an Osman weist dar­auf hin, dass das poli­ti­sche Sys­tem im Liba­non auf einer Macht­auf­tei­lung basiert: „Nach dem Ende des Bür­ger­kriegs hat die poli­ti­sche Eli­te das Land geo­gra­fisch, poli­tisch, gesell­schaft­lich und wirt­schaft­lich auf­ge­teilt. Es ist ein auf die­ser Auf­tei­lung basie­ren­des Regie­rungs­sys­tem eta­bliert wor­den und die Explo­si­on ist eine Fol­ge davon.“ Der Liba­non ist nach Mei­nung von Bûş­ra Elî durch die Explo­si­on anfäl­lig für jede denk­ba­re Form äuße­rer Inter­ven­tio­nen gewor­den: „Die Tür­kei sucht nach Inter­ven­ti­ons­mög­lich­kei­ten, Russ­land will sei­ne Posi­ti­on stär­ken. Die USA und die west­li­chen Län­der ver­fol­gen poli­ti­sche Inter­es­sen.“ Dem Liba­non wer­de von allen Sei­ten Hil­fe ange­bo­ten, aber die Unter­stüt­zung erfol­ge nicht ohne erwar­te­te Gegen­leis­tung. „Es wird nicht mehr so wie frü­her sein. Die Regie­rung steht unter hohem Druck, damit der Ein­fluss des Iran und der His­bol­lah gebro­chen wird“, sagt Hen­an Osman. „Wenn das poli­ti­sche Embar­go auf­ge­ho­ben und Hil­fe geleis­tet wird, dann nur unter bestimm­ten Bedin­gun­gen. Bei­spiels­wei­se war Macron hier. Er will den fran­zö­si­schen Ein­fluss ver­stär­ken. Das wol­len auch Russ­land und Chi­na. Nie­mand leis­tet unei­gen­nüt­zi­ge Hil­fe.“ Bûş­ra Elî sieht eine sehr gefähr­li­che und schmerz­vol­le Zeit für den Liba­non kom­men: „Wenn die kon­fes­sio­nel­len, poli­ti­schen und eth­ni­schen Unter­schie­de nicht besei­te gelas­sen wer­den, macht sich der Liba­non für äuße­re Ein­fluss­nah­me anfäl­lig. Das wird sich auch auf Syri­en und den gesam­ten Mitt­le­ren Osten aus­wir­ken. Wenn Syri­en niest, wird der Liba­non krank. Das gilt auch umge­kehrt“.

Die Explosion im Hafen von Beirut am 4.8.2020„Wut, Trau­er und Ver­zweif­lung“ vom 08. August 2020 ist eine dpa-Mel­dung externer Link (hier bei der taz), wor­in zur Aus­weg-Suche der Regie­rung des Liba­non berich­tet wird: „… Am Abend kün­dig­te dann Regie­rungs­chef Hassan Diab vor­ge­zo­ge­ne Neu­wah­len an. Dies sei der ein­zi­ge Weg, um die tie­fe Kri­se des Lan­des zu über­win­den, sag­te Diab in einer Fern­seh­an­spra­che. Er wer­de sei­nem Kabi­nett daher am Mon­tag Neu­wah­len vor­schla­gen. Eine Ver­ant­wor­tung für die wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Pro­ble­me des Lan­des wies er jedoch zurück. (…) Trotz der ange­spann­ten Stim­mung waren die Pro­tes­te zunächst rela­tiv fried­lich geblie­ben. Spä­ter teil­te das liba­ne­si­sche Rote Kreuz am Sams­tag über Twit­ter mit, dass bei den Pro­tes­ten min­des­tens 130 Men­schen ver­letzt wor­den sei­en. 28 von ihnen sei­en in umlie­gen­de Kran­ken­häu­ser gebracht, 102 vor Ort behan­delt wor­den. Offen­bar hat­te die Poli­zei auch Gum­mi­ge­schos­se gegen Demons­tran­ten ein­ge­setzt. Ande­re wur­den durch Trä­nen­gas­gra­na­ten getrof­fen und ver­letzt. Vie­le Liba­ne­sen machen die poli­ti­sche Füh­rung des klei­nen Lan­des am Mit­tel­meer für die schwe­re Explo­si­on ver­ant­wort­lich. Die Zahl der Toten stieg auf 158, wie das Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um am Sams­tag mit­teil­te. Die Zahl der Ver­letz­ten klet­ter­te dem­nach auf rund 6.000…“

„Liba­non: „Wir kön­nen es nicht mehr ertra­gen – das gan­ze Sys­tem muss weg!““ am 08. August 2020 bei den Rote Fah­ne News externer Link zu den Per­spek­ti­ven der Regie­rung des Liba­non, den Stra­te­gien der EU-Regie­run­gen und den Hoff­nun­gen der Bevöl­ke­rung: „… Der deut­sche Außen­mi­nis­ter Hei­ko Maas warn­te dage­gen vor einer wei­te­ren Desta­bi­li­sie­rung des Liba­non. “Wir wol­len den Liba­non stär­ken, denn die­se Kri­se darf nicht genutzt wer­den, um aus­län­di­schem Ein­fluss in Liba­non Tür und Tor zu öff­nen.” Maas’ War­nung rich­tet sich ein­zig und allein gegen den Ein­fluss riva­li­sie­ren­der impe­ria­lis­ti­scher Mäch­te. Bean­spru­chen die USA und die EU unter Füh­rung der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­macht Frank­reich doch den vor­herr­schen­den Ein­fluss in dem Land. Der neu­im­pe­ria­lis­ti­sche Iran mischt vor allem über die vom ihm abhän­gi­ge His­bol­lah im Liba­non mit. Isra­el arbei­tet mit Kräf­ten wie der faschis­ti­schen Phalan­ge-Miliz zusam­men. Es ist gera­de die neo­ko­lo­nia­le impe­ria­lis­ti­sche Aus­beu­tung und Unter­drü­ckung, die den Liba­non dahin gebracht hat, wo er heu­te ist. Zuletzt hat­te der IWF Ver­hand­lun­gen über „Refor­men“ im Liba­non mit der kor­rup­ten Regie­rung auf­ge­nom­men. Die berüch­tig­ten IWF-“Reformen”: Dere­gu­lie­rung, Sozi­al­ab­bau, wei­te­re Öff­nung für die inter­na­tio­na­len Mono­po­le. Die gemein­sa­me Sor­ge aller Impe­ria­lis­ten rich­tet sich dage­gen, dass das liba­ne­si­sche Volk sei­ne Sache in die eige­ne Hand nimmt und einen kon­se­quen­ten anti­im­pe­ria­lis­ti­schen Kampf auf­nimmt, der sich gegen alle “aus­län­di­schen” Mäch­te glei­cher­ma­ßen rich­tet...“

„”Sturz des mör­de­ri­schen Regimes und sei­nes von außen unter­stütz­ten poli­ti­schen Sys­tems!““ am 07. August 2020 eben­falls bei den Rote Fah­ne News externer Link doku­men­tiert in eige­ner Über­set­zung die Stel­lung­nah­me der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Liba­nons zur aktu­el­len Ent­wick­lung, die fol­gen­der­ma­ßen schluss­fol­gert: „… Die Haupt­auf­ga­be die heu­te vor den Kräf­ten des demo­kra­ti­schen Wan­dels ste­hen, bestehen dar­in, dar­an zu arbei­ten, die­se Regie­rung zu stür­zen und eine unab­hän­gi­ge Über­gangs­re­gie­rung außer­halb des herr­schen­den Sys­tems zu eta­blie­ren, deren obers­te Prio­ri­tät dar­in besteht, das der­zei­ti­ge poli­ti­sche Sys­tem zu liqui­die­ren und einen moder­nen demo­kra­ti­schen Natio­nal­staat auf­zu­bau­en, der in der Lage ist, der drei­di­men­sio­na­len Kri­se des Lan­des zu begeg­nen, die durch den wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruch, die Coro­na-Epi­de­mie und ihre Aus­wir­kun­gen dar­ge­stellt wird. In die­sem Zusam­men­hang bekräf­tigt die Par­tei, dass sich die Liba­ne­sen heu­te an einem his­to­ri­schen Schei­de­weg befin­den, von dem es kein Zurück mehr geben kann, und dass die Explo­si­on des Hafens eine neue qua­li­ta­ti­ve Pha­se eröff­net und die ein­zi­ge Opti­on beschleu­nigt hat, die sie jetzt haben, um die­sen Staat und einen neu­en Gesell­schafts­ver­trag auf­zu­bau­en…“

„Brand­ka­ta­stro­phe im Hafen von Bei­rut: Ein Ver­bre­chen gegen die Arbei­ter im Liba­non“ von Jean Shaoul am 07. August 2020 bei wsws externer Link zu den Hin­ter­grün­den und Ursa­chen der Kata­stro­phe unter ande­rem: „… Obwohl es meh­re­re Unter­su­chun­gen gab und die Ent­fer­nung der Che­mi­ka­lie aus dem Lager­haus mehr­fach ange­ord­net wur­de, war laut der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters nichts unter­nom­men wor­den. Ein anony­mer Beam­ter, der mit den Ergeb­nis­sen der ers­ten Unter­su­chung ver­traut ist, erklär­te: „Es ist Nach­läs­sig­keit“. Er füg­te hin­zu, meh­re­re Aus­schüs­se und Rich­ter hät­ten sich mit dem Pro­blem befasst, dass die gefähr­li­che Che­mi­ka­lie sicher auf­be­wahrt wer­den müs­se. Aller­dings sei „nichts unter­nom­men“ wor­den, um die Ent­fer­nung oder Ent­sor­gung des Mate­ri­als anzu­ord­nen. Reu­ters zitier­te eine wei­te­re Quel­le, laut der vor sechs Mona­ten ein Team das Mate­ri­al unter­sucht und gewarnt hat­te, es könn­te „ganz Bei­rut in die Luft jagen“, wenn es nicht aus dem Lager­haus ent­fernt wer­de. Die Explo­si­on wird ver­hee­ren­de wirt­schaft­li­che, sozia­le und poli­ti­sche Fol­gen haben. Diabs Regie­rung war nach den Mas­sen­pro­tes­ten gegen Armut sowie gegen die Miss­wirt­schaft der letz­ten Regie­rung, Kor­rup­ti­on und poli­ti­sches Sek­tie­rer­tum im letz­ten Okto­ber an die Macht gelangt. Seit­her wur­de sie mehr­fach aus der Bevöl­ke­rung zum Rück­tritt auf­ge­for­dert. Das Land und sei­ne sechs Mil­lio­nen Ein­woh­ner – dar­un­ter zwei Mil­lio­nen Flücht­lin­ge – lei­den bereits unter den Fol­gen der schwers­ten Wirt­schafts- und Finanz­kri­se, die das Land je gese­hen hat. Die Wäh­rung hat in den letz­ten Wochen 80 Pro­zent ihres Wer­tes ver­lo­ren, die Infla­ti­on schießt in die Höhe, die Lebens­mit­tel­prei­se haben sich ver­dop­pelt, Armut brei­tet sich immer wei­ter aus, und die Coro­na-Pan­de­mie hat all das noch wei­ter ver­schlim­mert. (…) Die Zer­stö­run­gen im Hafen wer­den ver­mut­lich zu Eng­päs­sen bei wich­ti­gen Gütern wie Nah­rung, Treib­stoff und Medi­ka­men­ten füh­ren. Der Liba­non muss die meis­ten Grund­gü­ter impor­tie­ren und über den Hafen kom­men 60 Pro­zent aller Impor­te ins Land. Die nord­li­ba­ne­si­sche Hafen­stadt Tri­po­li ist nicht in der Lage, die­se Kapa­zi­tä­ten aus­zu­glei­chen, da sich das Land zwi­schen dem vom Krieg ver­wüs­te­ten Syri­en und Isra­el befin­det, mit dem es offi­zi­ell noch immer im Krieg liegt. Das Feu­er hat den Getrei­de­spei­cher und die Silos zer­stört oder beschä­digt, in denen nor­ma­ler­wei­se 85 Pro­zent der größ­ten­teils aus Russ­land und der Ukrai­ne stam­men­den Getrei­de­vor­rä­te des Lan­des lagern. Aller­dings waren die Bestän­de auf­grund der weit ver­brei­te­ten Brot­knapp­heit wäh­rend der Pan­de­mie schon zuvor deut­lich zurück­ge­gan­gen. Letz­ten April warn­te die Regie­rung ange­sichts eines erwar­te­ten Eng­pas­ses bei Wei­zen und ande­ren Grund­gü­tern vor dro­hen­der Nah­rungs­mit­tel­knapp­heit und kün­dig­te zum ers­ten Mal seit 2014 den Import von zusätz­li­chem Wei­zen auf eige­ne Rech­nung an – für gewöhn­lich wird ein Groß­teil von pri­va­ten Müh­len impor­tiert. Ange­sichts der gerin­gen Devi­sen­be­stän­de des Liba­non war jedoch unklar, wie die Regie­rung dafür bezah­len will...“

„Apo­ka­lyp­se mit Ansa­ge“ von Char­lot­te Tina­wi am 07. August 2020 bei der Rosa Luxem­burg Stif­tung externer Link kom­men­tiert unter ande­rem: „… Eben­falls einen Tag nach der Kata­stro­phe konn­te von die­sem poli­ti­schen Vaku­um der Prä­si­dent der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­macht Frank­reich, Emma­nu­el Macron, pro­fi­tie­ren. Er nutz­te die Lage der ver­zwei­fel­ten Libanes*innen auf den Stra­ßen Bei­ruts, um sich poli­ti­schen Leverage zu ver­schaf­fen und sich im Kon­trast zu den pas­si­ven kor­rup­ten liba­ne­si­schen Eli­ten als ver­ant­wor­tungs­vol­ler Ret­ter in der Not zu insze­nie­ren. Vor Ort ver­sprach er, fran­zö­si­sche Hil­fen nicht durch kor­rum­pier­te Kanä­le des liba­ne­si­schen Regimes lau­fen zu las­sen und twit­ter­te im Anschluss an sei­nen Besuch «Ich lie­be dich, Liba­non». Im Lich­te der Wut und Empö­rung vie­ler Men­schen im Liba­non schei­nen die kon­kre­ten Details und Hin­ter­grün­de des Her­gangs der Ereig­nis­se am Bei­ru­ter Hafen der­zeit zweit­ran­gig zu sein. Unab­hän­gig von ver­schie­de­nen Erklä­rungs­hy­po­the­sen und Spe­ku­la­tio­nen ist unstrit­tig, dass die­se Explo­si­on eine Qua­li­tät hat­te, mit der kei­ne Erfah­run­gen aus Bür­ger­krieg oder israe­li­schen Angrif­fen in der Geschich­te des Liba­nons mit­hal­ten kön­nen und dass die­se Kata­stro­phe auf dem Mist der ver­ant­wor­tungs­lo­sen und pro­testre­sis­ten­ten Regie­run­gen der letz­ten Jah­re gewach­sen ist. Das Ereig­nis trifft auf eine bereits am Boden lie­gen­de Gesell­schaft mit Jah­re und Jahr­zehn­te alten Kriegs­t­rau­ma­ta, die sich den desas­trö­sen Fol­gen von Kor­rup­ti­on, Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit und ver­blüf­fen­der Kalt­schnäu­zig­keit poli­ti­scher Eli­ten schutz­los aus­ge­lie­fert sieht. In der ket­ten­haf­ten Anein­an­der­rei­hung von Kri­sen und extre­men Ent­wick­lun­gen des Liba­nons vor allem im Lau­fe des letz­ten Jah­res sind die Ereig­nis­se vom 5. August nicht ledig­lich eine wei­te­re Kata­stro­phe von vie­len. In den letz­ten zwei Tagen war oft die Rede davon, dass die Stadt Bei­rut, die zwei­fel­los viel erlebt hat, nie wie­der die­sel­be sein wird. Der 5. August hat eine gesell­schaft­li­che Ret­rau­ma­ti­sie­rung in Gang gesetzt, von der auch die welt­wei­te liba­ne­si­sche Dia­spo­ra betrof­fen ist. Der bereits bestehen­de und durch die mas­si­ve Wirt­schafts­kri­se wie­der ange­lau­fe­ne Brain-Drain wird nun ver­mut­lich erneut befeu­ert: wer die Mit­tel und/​oder eine zwei­te außer der liba­ne­si­schen Staats­an­ge­hö­rig­keit hat, wird ver­su­chen, das Land, des­sen Regierungs(nicht)handeln Gefahr für Leib und Leben aller im Land leben­den Men­schen dar­stellt, zu ver­las­sen. Den­noch ist die wach­sen­de Wut der Bevöl­ke­rung gegen die poli­ti­sche Eli­te im Land auch Aus­druck einer kaum abzu­se­hen­den aber so nöti­gen grund­le­gen­den Ver­än­de­rung im Land. Den Grund­stein dafür sahen vie­le Men­schen im Liba­non in den Pro­tes­ten im Okto­ber 2019, deren Dyna­mik trotz zuneh­men­der Erschöp­fung in den letz­ten Mona­ten noch nicht ver­siegt ist...“

„Liba­non vor dem Kol­laps?“ von Tomasz Konicz am 09. August 2020 bei tele­po­lis externer Link unter­streicht, dass „Kor­rup­ti­on“ nur eine Erschei­nung des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems ist: „… Mit dem Hafen sei die “Achil­les­ver­se” des Liba­non getrof­fen wor­den, erklär­te ein Ana­lyst gegen­über der Nach­rich­ten­agen­tur Reu­ters, da das Land im hohe Maße auf die­sen Import­weg ange­wie­sen sei. In ers­ten Ein­schät­zun­gen des Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds hieß es zudem, dass die für die­ses Jahr pro­gnos­ti­zier­te Rezes­si­on von 12 Pro­zent des Brut­ton­land­pro­dukts (BIP) sich zu einem Kol­laps aus­wei­ten wer­de, der 20 bis 25 Pro­zent der Wirt­schafts­leis­tung ver­nich­ten wer­de. Den­noch hal­te sich die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft auf­fäl­lig zurück mit kon­kre­ten wirt­schaft­li­chen Hilfs­pro­gram­men für das ver­wüs­te­te Land, bemerk­te Reu­ters. Frank­reichs Prä­si­dent Emma­nu­el Macron hat wäh­rend sei­ner Bei­rut-Visi­te kurz nach der Kata­stro­phe bei­spiels­wei­se klar­ge­stellt, dass der Liba­non “wei­ter­hin sin­ken” wer­de, soll­ten die ange­mahn­ten Refor­men nicht imple­men­tiert wer­den. Der Inter­na­tio­na­le Wäh­rungs­fonds (IWF) for­dert von Bei­rut die Umset­zung der übli­chen neo­li­be­ra­len Ross­kur, die schon vie­le Län­der der Peri­phe­rie in den ver­gan­ge­nen Deka­den rui­nier­te. Der Liba­non müs­se im Rah­men der Refor­men den Staats­haus­halt zusam­men­strei­chen und die Staats­ver­schul­dung rasch redu­zie­ren, damit über­haupt wie­der Gesprä­che mit dem IWF auf­ge­nom­men wür­den. Die rei­chen sun­ni­ti­schen Golf­des­po­tien ver­wei­ger­ten dem Liba­non eben­falls nen­nens­wer­te Unter­stüt­zung, da in dem ehe­ma­li­gen Bür­ger­kriegs­land die schii­ti­sche His­bol­lah ein wich­ti­ger poli­ti­scher Macht­fak­tor ist. Ähn­lich dem letz­ten Kri­sen­schub im Gefol­ge des Plat­zens der Schul­den- und Immo­bi­li­en­bla­sen in den USA und Euro­pa, als ideo­lo­gisch ver­kürzt blo­ße Kor­rup­ti­on und Vet­tern­wirt­schaft etwa für die Schul­den­kri­se in Süd­eu­ro­pa ver­ant­wort­lich gemacht wur­den, geht der Zusam­men­bruch des Liba­non eben­falls mit einer ober­fläch­li­chen Ankla­ge der liba­ne­si­schen Klep­to­kra­tie ein­her. Das poli­ti­sche Sys­tem des Liba­non kann letzt­end­lich als eine Form von Insti­tu­tio­na­li­sie­rung des Waf­fen­still­stan­des nach dem Ende des Bür­ger­krie­ges betrach­tet wer­den. Die Ver­tei­lung der Par­la­ments­sit­ze, wie auch der Regie­rungs­äm­ter und wich­ti­gen Pos­ten im Staats­ap­pa­rat erfolgt gemäß eines fest­ge­leg­ten Pro­por­zes zwi­schen den ehe­ma­li­gen Bür­ger­kriegs­par­tei­en, was selbst­ver­ständ­lich der Kor­rup­ti­on und dem Nepo­tis­mus Tor und Tür öff­net. Den­noch kann in dem spe­zi­fisch liba­ne­si­schen Filz, der nur Sym­ptom der all­ge­mein im Spät­ka­pi­ta­lis­mus zuneh­men­den Kor­rup­ti­on ist, nicht die Haupt­ur­sa­che für den dro­hen­den Zusam­men­bruch des Lan­des gese­hen wer­den – zumal vie­le Schwel­len­län­der sich im gegen­wär­ti­gen Kri­sen­schub eben­falls in einer dra­ma­ti­schen Lage befin­den. Zeit­gleich mit dem Kol­laps des Liba­non geht die tür­ki­sche Wäh­rung end­gül­tig in die Knie. Die tür­ki­sche Lira ver­zeich­ne­te vor rund einer Woche einen aber­ma­li­gen his­to­ri­schen Tiefst­stand von 7,35 gegen­über den US-Dol­lar. Eine ähn­li­che sozio­öko­no­mi­sche Abwärts­spi­ra­le wie im Liba­non ist durch­aus denk­bar, wobei es sich bei der Tür­kei um ein euro­päi­sches Nach­bar­land mit 80-Mil­lio­nen Ein­woh­nern han­delt. Das isla­mis­ti­sche Erdo­gan-Regime in Anka­ra, das den wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang mit impe­ria­len Aben­teu­ern und chau­vi­nis­ti­schen Aktio­nen zu kom­pen­sie­ren trach­tet, könn­te sich in die Enge getrie­ben sehen und in wei­te­rer impe­ria­ler Aggres­si­on Zuflucht suchen. Hun­ger herrscht übri­gens nicht nur im Liba­non, son­dern auch im ver­wüs­te­ten post­staat­li­chen Gebil­de Syri­en, wo eben­falls das Geld in sei­ner Eigen­schaft als all­ge­mei­nes Wert­äqui­va­lent ent­wer­tet wird. Die aber­mals ver­schärf­ten US-Sank­tio­nen, der Zusam­men­bruch des öko­no­misch eng mit Syri­en ver­floch­te­nen Liba­non, der weit­ge­hend aus­blei­ben­de Wie­der­auf­bau und die Lang­zeit­fol­gen des Bür­ger­krie­ges haben die Zahl der Men­schen, die unter “Nah­rungs­mit­tel­un­si­cher­heit” in Syri­en lei­den, bin­nen der letz­ten sechs Mona­te von 7,9 Mil­lio­nen auf 9.3 Mil­lio­nen anschwel­len las­sen. Einer gan­zen Regi­on an der süd­öst­li­chen Flan­ke der EU droht der Abstieg in ein sozio­öko­no­mi­sches Notstandsgebiet.Die Kla­ge über die “Kor­rup­ti­on” im Liba­non bil­det somit ein durch­sich­ti­ges ideo­lo­gi­sches Manö­ver, um von den sys­te­mi­schen Ursa­chen der zuneh­men­den Kri­sen­an­fäl­lig­keit des spät­ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt­sys­tems abzu­len­ken. Die kapi­ta­lis­ti­sche Hun­ger­kri­se muss somit als Fol­ge von per­sön­li­chen oder kol­lek­ti­ven Fehl­ver­hal­ten dar­ge­stellt wer­den, damit nicht grund­le­gen­de Fra­gen auf­kom­men – etwa wie­so mas­sen­haf­ter Hun­ger und gigan­ti­sche Lebens­mit­tel­ver­nich­tung in der kapi­ta­lis­ti­schen Miss­wirt­schaft so präch­tig har­mo­nie­ren kön­nen. Zumal die Kri­tik an Kor­rup­ti­on und Vet­tern­wirt­schaft in Bei­rut sich gera­de in Deutsch­land – dem Land des NSU 2.0, des BER und von Stutt­gart 21 – arg merk­wür­dig aus­nimmt…“

Der Bei­trag Mas­sen­pro­tes­te, Beset­zun­gen und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on im Liba­non: Was da explo­diert ist, ist der Kapi­ta­lis­mus. Pur. Und wer im Land von „Stutt­gart 21“ jetzt nur „Kor­rup­ti­on“ ruft – hilft jenen, die die­ses Sys­tem ent­wi­ckelt haben… erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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