[perspektive:] Beirut: DemonstrantInnen erklären Außenministerium zum „Zentrum der Revolution“

In Beirut reißen die Proteste nicht ab, seitdem eine Explosion im Hafen mindestens 137 Menschen getötet, 6.000 verletzt und Unzähligen die Lebensgrundlage genommen hat. Die Proteste gegen die korrupte Regierung und extreme Ungleichheit erreichen einen neuen Höhepunkt, nachdem die Regierung Demonstrationen wegen des Coronavirus verboten hatte.

Min­des­tens 300.000 Men­schen sind seit der Explo­si­on im Bei­ru­ter Hafen obdach­los. Auf­räum- und Auf­bau­ar­bei­ten über­nimmt der Staat jedoch nicht. Jugend­li­che zie­hen in gro­ßen Grup­pen durch die Gebie­te, um die Stadt wie­der in Ord­nung zu brin­gen. Im Inter­view mit dem WDR beschreibt eine 27-Jäh­ri­ge: „Wenn wir es nicht tun, dann wür­de gar nichts pas­sie­ren. Die Poli­ti­ker las­sen uns hier im Stich. Kei­ner von denen geht raus auf die Stra­ßen und hilft“.

Auch für die Explo­si­on mit ihren ver­hee­ren­den Fol­gen machen Demons­tran­tIn­nen den Staat ver­ant­wort­lich. Grund für die Explo­si­on war, dass rund 2.750 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat ohne Sicher­heits­vor­keh­run­gen gela­gert wur­den. Es ist bekannt, dass diver­se Insti­tu­tio­nen über die gefähr­li­chen Lager­be­din­gun­gen bescheid wuss­ten.

16 HafenarbeiterInnen festgenommen

Die liba­ne­si­sche Regie­rung gab einer Unter­su­chungs­kom­mis­si­on „maxi­mal vier Tage Zeit, einen detail­lier­ten Bericht über die Ver­ant­wort­lich­kei­ten vor­zu­le­gen“. Im Zuge des­sen ver­haf­te­te die­se vor allem Arbei­te­rIn­nen der Hafen­ver­wal­tung eini­ge, die an den Bau­ar­bei­ten am explo­dier­ten Han­gar 12 betei­ligt waren, so die staat­li­che Nach­rich­ten­agen­tur.

Inwie­fern die Bau­ar­bei­ter Ent­schei­dungs­ge­walt dar­über hat­ten, wo und wie annä­hernd 3.000 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat gela­gert wer­den, lässt sie offen. Bekannt ist hin­ge­gen, dass ver­schie­de­ne staat­li­che Insti­tu­tio­nen die Lage­rung bemän­gel­ten und sich dar­an den­noch nichts änder­te.

Aufstände in den letzten Monaten

Die Ver­brei­tung des Coro­na­vi­rus stopp­te im April vor­erst eine mona­te­lan­ge Rei­he an Pro­tes­ten gegen die Regie­rung. Die liba­ne­si­sche Regie­rung nutz­te das Coro­na-Virus, um öffent­li­che Ver­samm­lun­gen gänz­lich zu ver­bie­ten.

Zuvor demons­trier­ten an man­chen Tagen mehr als eine Mil­lio­nen Men­schen im Liba­non gegen die Kor­rup­ti­on, extre­me Ungleich­heit, pre­kä­re Lebens­be­din­gun­gen und man­geln­de sozia­le Absi­che­rung. Ende letz­ten Jah­res sag­te die Welt­bank vor­aus, dass der Anteil der Liba­ne­sIn­nen, die unter der Armuts­gren­ze lebt, in 2020 von 30 auf 50 Pro­zent stei­gen wür­de.

Erneutes Aufflammen der Proteste

Es ist also nicht bloß eine Explo­si­on, die die­se Pro­tes­te her­vor­ruft. Viel­mehr waren die andau­ern­den Pro­tes­te zum Schutz der eige­nen Gesund­heit und durch staat­li­che Maß­nah­men aus­ge­setzt wor­den – wobei die Welt­wirt­schafts­kri­se und das Virus die sozia­len Misstän­de noch ver­schärf­ten.

Nun flam­men sie erneut auf. Bei den Pro­tes­ten for­der­ten Demons­tran­tIn­nen den Sturz des Regimes. Als sie das Gebäu­de des Außen­mi­nis­te­ri­ums erreich­ten, erklär­ten sie die­ses zum Sitz der Revo­lu­ti­on.

Sicher­heits­kräf­te setz­ten Trä­nen­gas und Schuss­waf­fen gegen die Demons­tran­tIn­nen ein. Min­des­tens 720 Men­schen wur­den in den Aus­ein­an­der­set­zun­gen ver­letzt.

Der Bei­trag Bei­rut: Demons­tran­tIn­nen erklä­ren Außen­mi­nis­te­ri­um zum „Zen­trum der Revo­lu­ti­on“ erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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