[GAM:] Libanon – die Revolution hat begonnen

Dila­ra Lorin, Martin Such­anek, Info­mail 1113, 10. August 2020

Die Explo­si­on im Hafen von Bei­rut hin­ter­lässt ein schier unglaub­li­ches Aus­maß an Zer­stö­rung im ohne­dies kri­sen­ge­schüt­tel­ten, fak­tisch vor dem Staats­bank­rott ste­hen­den Liba­non.

Am 4. August deto­nier­ten 2.750 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat im Hafen von Bei­rut. 154 Men­schen wur­den getö­tet, über 5.000 ver­letzt, geschätz­te 300.000 – über 10 % der Ein­woh­ne­rIn­nen der Haupt­stadt des Lan­des – sind seit­her obdach­los.

Die ver­hee­ren­de Kata­stro­phe lös­te aber auch eine ande­re, für die Zukunft des Lan­des noch weit tie­fer gehen­de sozia­le und poli­ti­sche Explo­si­on aus, eine wah­re poli­ti­sche Deto­na­ti­on.

Die Kri­se des Lan­des schlägt in eine revo­lu­tio­nä­re um. Die ver­hass­te poli­ti­sche Eli­te, prak­tisch alle staat­li­chen und offi­zi­el­len Insti­tu­tio­nen – ob Prä­si­dent, Par­la­ment, Büro­kra­tie, eta­blier­te Par­tei­en, Poli­zei und Gerich­te –, hat ihren letz­ten, ohne­dies kaum noch vor­han­de­nen Kre­dit bei der Bevöl­ke­rung ver­spielt.

Deren Ver­zweif­lung schlug inner­halb kür­zes­ter Zeit in eine neue Wel­le des Mas­sen­pro­tests um, der Züge eines Auf­stan­des anzu­neh­men beginnt. Schon in den letz­ten Jah­ren rich­te­ten sich rie­si­ge Mobi­li­sie­run­gen gegen die Regie­run­gen, so 2015 die Kam­pa­gne „Ihr stinkt“, die sich gegen die feh­len­de Müll­ent­sor­gung Bei­ruts rich­te­te. Zuletzt droh­te der Regie­rung im Herbst 2019 eine „Revo­lu­ti­on“ der Bevöl­ke­rung. Damals hat­te eine beab­sich­tig­te Besteue­rung von Mes­sen­ger-Diens­ten und damit ver­bun­de­ner Online-Tele­fo­nie Hun­dert­tau­sen­de, wenn nicht Mil­lio­nen, auf die Stra­ße gebracht und das öffent­li­che Leben lahm­ge­legt.

Nun rich­tet sich der Zorn gegen die gesam­te „Eli­te“ des Lan­des, gegen Regie­rung, Staats­ap­pa­rat und eine klei­ne Schicht von rei­chen Geschäfts­leu­ten und deren Anhang, die das Land seit Jah­ren mehr oder min­der gemein­schaft­lich aus­plün­dern.

Die Tra­gö­die im Hafen ließ Trau­er, Wut und Hass der Bevöl­ke­rung in Akti­on umschla­gen. Die Bewe­gung eint in die­sem Sta­di­um vor allem eine For­de­rung – die gesam­te „Eli­te“, das Estab­lish­ment muss gehen. Paro­len wie „Revo­lu­ti­on, Revo­lu­ti­on“ und „Das Volk will den Sturz der Regie­rung“ ertö­nen seit Tagen auf den Stra­ßen der Haupt­stadt.

Die Ver­hän­gung eines 14-tägi­gen Aus­nah­me­zu­stan­des durch die Regie­rung bewirk­te – wie bei vie­len mit Urge­walt aus­bre­chen­den, spon­ta­nen Mas­sen­be­we­gun­gen – das Gegen­teil des­sen, was die Herr­schen­den beab­sich­tigt hat­ten. Ein Aus­nah­me­zu­stand, der nir­gend­wo durch­setz­bar ist, offen­bart die Macht­lo­sig­keit der Regie­rung, eine fun­da­men­ta­le, wenn auch zeit­lich begrenz­te Ver­schie­bung des Kräf­te­ver­hält­nis­ses. Ein sol­cher Aus­nah­me­zu­stand trägt eher zur Stei­ge­rung der Ent­schlos­sen­heit der revo­lu­tio­nä­ren Mas­sen bei – und die Ankün­di­gung von Neu­wah­len, die offen­kun­dig als rei­ne Beru­hi­gungs­pil­le wir­ken sol­len, wird wahr­schein­lich eine ähn­li­che Wir­kung haben.

Wie die täg­li­chen Mas­sen­de­mons­tra­tio­nen und die Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit der Poli­zei offen­ba­ren, lässt sich die Bevöl­ke­rung nicht mehr ein­schüch­tern. Am 8. August erstürm­ten die Demons­tran­tIn­nen Regie­rungs­ge­bäu­de, dar­un­ter 4 Minis­te­ri­en und das World Tra­de Cent­re. Anschei­nend führ­ten ehe­ma­li­ge Offi­zie­re der Armee die Erstür­mun­gen an – ande­rer­seits war es auch die Armee, die die Beset­zun­gen wie­der been­de­te und räum­te.

Die Lage im Land nimmt Züge eines revo­lu­tio­nä­ren Umstur­zes, der ers­ten Pha­se einer Revo­lu­ti­on an. Die liba­ne­si­sche herr­schen­de Klas­se und ihre Regie­rung sind offen­bar nicht mehr Her­rIn­nen der Lage.

Hin­zu kommt die extre­me öko­no­mi­sche und sozia­le Kri­se, der eigent­li­che Unter­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Wel­le, die sich vor allem an Fra­gen der Demo­kra­tie, der poli­ti­schen Unter­drü­ckung, der Ent­rech­tung und der Kor­rup­ti­on, also der Plün­de­rung des Lan­des durch die Eli­te ent­zün­det hat.

Fak­tisch steht der Liba­non schon lan­ge vor dem Staats­bank­rott. Schon im März 2020 konn­te das Land eine fäl­li­ge Anlei­he in der Höhe von 1,2 Mil­li­ar­den US-Dol­lar nicht bedie­nen. Hin­zu kommt, dass die Wäh­rungs­po­li­tik der Regie­rung, die über Jah­re die Lira im Inter­es­se von Finanz­spe­ku­lan­tIn­nen in Bei­rut an den US-Dol­lar band, in Trüm­mern liegt. Die 1997 ein­ge­führt Bin­dung an den Dol­lar muss­te auf­ge­ge­ben wer­den. Seit Beginn 2020 wird das Land von einer Hyper­in­fla­ti­on mit monat­li­chen Abwer­tun­gen der Lira von rund 50 % heim­ge­sucht.

Der am 4. August zer­stör­te Hafen war die wich­tigs­te ver­blie­be­ne Ein­nah­me­quel­le des Lan­des und dar­über hin­aus essen­ti­el­ler Umschlag­platz für Waren aller Art. Die huma­ni­tä­re Kata­stro­phe ver­schärft also die wirt­schaft­li­che Lage zusätz­lich.

Imperialistische HelferInnen?

Ange­sichts der poli­ti­schen Kri­se ver­su­chen sich die impe­ria­lis­ti­schen Mäch­te, allen vor die eins­ti­ge Kolo­ni­al­macht Frank­reich, als Ret­tung in der Not zu insze­nie­ren. Dem­ago­gisch prä­sen­tier­te sich Macron bei sei­nem Besuch in Bei­rut als Kri­ti­ker der Eli­te des Lan­des, die jetzt „trans­pa­rent“ und „demo­kra­tisch“ han­deln müs­se. Dem­ago­gisch griff er dabei das berech­tig­te Miss­trau­en gegen Regie­rung und Staats­ap­pa­rat auf, indem er einen nicht näher defi­nier­ten Mecha­nis­mus zur direk­ten Ver­tei­lung von Medi­zin, Nah­rungs­mit­teln und ande­ren Hilfs­gü­tern an die Bevöl­ke­rung ver­sprach – ein Ver­spre­chen, das im schlimms­ten Fall durch eine „huma­ni­tä­re“ Mis­si­on der Armee oder der Frem­den­le­gi­on ein­ge­löst wer­den könn­te. Auch Län­der wie Russ­land, Chi­na oder selbst die BRD oder die USA unter Trump prä­sen­tie­ren sich jetzt als selbst­lo­se Hel­fe­rIn­nen.

In Wirk­lich­keit ver­fol­gen die­se Mäch­te dabei zwei Zie­le. Ers­tens wol­len sie das Land befrie­den. Eine Revo­lu­ti­on, die das poli­ti­sche Sys­tem hin­weg­fe­gen und dar­über hin­aus auch als Inspi­ra­ti­on für den gesam­ten Nahen Osten wir­ken könn­te, wol­len alle Groß- und Regio­nal­mäch­te unbe­dingt ver­hin­dern. Indem sie sich als „Freun­din­nen des Vol­kes“ prä­sen­tie­ren, ver­su­chen sie letzt­lich, die Mas­sen­be­we­gung zu beschwich­ti­gen und ins Lee­re lau­fen zu las­sen. Doch die Bevöl­ke­rung soll­te nicht ver­ges­sen, dass die­se Mäch­te für die Lage selbst eine Haupt­ver­ant­wor­tung tra­gen. Das nach reli­giö­sen Gemein­schaf­ten auf­ge­teil­te Sys­tem des Liba­non, das mit Sek­tie­rer­tum und Kor­rup­ti­on untrenn­bar ver­bun­den ist, ent­sprang nicht zuletzt den Inter­es­sen der ehe­ma­li­gen Kolo­ni­al­macht Frank­reich. Die Groß­mäch­te und das glo­ba­le Finanz­ka­pi­tal – nicht bloß, ja nicht ein­mal in ers­ter Linie die ein­heim­li­chen Eli­ten – plün­dern das Volk seit Jahr­zehn­ten aus. Nicht zuletzt erwei­sen sich der Hebel der drü­cken­den Staats­ver­schul­dung des Lan­des und die Ein­bin­dung des Liba­non in die inter­na­tio­na­len Finanz­strö­me als über­aus wirk­sa­me Macht­in­stru­men­te und als Fes­sel jeder eigen­stän­di­gen wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung.

Wenn Mäch­te wie Frank­reich jetzt schein­bar selbst­lo­se Hil­fe ver­spre­chen, so haben sie ihre län­ger­fris­ti­gen Geschäfts­in­ter­es­sen eben­so im Blick wie ihre geo­stra­te­gi­schen Zie­le im Kampf um die Neu­ord­nung des Nahen Ostens. Hier befin­det sich der fran­zö­si­sche Impe­ria­lis­mus und mit ihm die EU in einem erbit­ter­ten Kampf mit den USA, Chi­na, Russ­land und ver­schie­de­nen Regio­nal­mäch­ten.

Ökonomische Lage

Die­se Staa­ten sind an der sozia­len ver­zwei­fel­ten Lage der Bevöl­ke­rung ein­deu­tig mit­schul­dig – und sie haben auch kei­ne Absicht, die­se grund­le­gend zu ver­bes­sern.

Die Kri­se hat schon vor der Coro­na-Pan­de­mie zu einer extre­men Ver­elen­dung geführt. Rund die Hälf­te der Bevöl­ke­rung lebt heu­te unter der Armuts­gren­ze. Beson­ders betrof­fen sind davon Mil­lio­nen Geflüch­te­te. Das betrifft ers­tens die min­des­tens eine hal­be Mil­li­on zäh­len­den Paläs­ti­nen­se­rIn­nen, denen vom Zio­nis­mus und Impe­ria­lis­mus seit Jahr­zehn­ten das Rück­kehr­recht ver­wei­gert wird, die aber auch von der liba­ne­si­schen Regie­rung mas­siv dis­kri­mi­niert wer­den (Ver­wei­ge­rung der Staats­bür­ge­rIn­nen­schaft; men­schen­un­wür­di­ge Lager, Aus­schluss von zahl­rei­chen Beru­fen). Zwei­tens flo­hen seit Beginn des Bür­ger­kriegs rund 1,5 Mil­lio­nen Men­schen aus Syri­en in den Liba­non, dar­un­ter etwas die Hälf­te Kin­der und Jugend­li­che.

Zugleich hat sich in den letz­ten Jah­ren auch die Sozi­al­struk­tur des Lan­des – ins­be­son­de­re Bei­ruts, wo rund ein Drit­tel der Bevöl­ke­rung lebt – ver­än­dert. Lan­ge war die Stadt davon geprägt, dass die reli­giö­se Zuge­hö­rig­keit mit dem sozia­len Sta­tus kor­re­lier­te. Die Kapi­ta­lis­tIn­nen­klas­se und die bür­ger­li­chen Stadt­tei­le waren wesent­lich von der christ­li­chen Bevöl­ke­rungs­grup­pe geprägt. Die Schii­tIn­nen bewohn­ten vor­wie­gend die ärme­ren und ver­arm­ten Vier­tel. In den letz­ten Jah­ren hat sich das ein Stück weit ver­än­dert. Der Anteil der Schii­tIn­nen und Sun­nitIn­nen an der öko­no­mi­schen Eli­te des Lan­des, z. B. an den 100 Reichs­ten des Lan­des, nahm zu. Sicher­lich ist das auch eine Fol­ge der Inte­gra­ti­on der His­bol­lah in die Staats­füh­rung im Zuge des „Frie­dens­pro­zes­ses“ – und damit einer Ver­brei­te­rung der herr­schen­den Schich­ten. Die His­bol­lah ent­wi­ckel­te sich in den letz­ten Jah­ren zu einem inte­gra­len Bestand­teil der Eli­te des Lan­des, wie sich auch an ihrer stra­te­gi­schen Alli­anz mit dem Prä­si­den­ten Aoun erken­nen lässt.

Die ande­re Sei­te die­ser ver­än­der­ten Zusam­men­set­zung der Eli­te und des Herr­schafts­sys­tems besteht dar­in, dass es auch zu einer gewis­sen Anglei­chung der Lebens­la­gen der mus­li­mi­schen, christ­li­chen, dru­si­schen Arbei­te­rIn­nen kam.

Vom Kampf gegen die Elite zur Revolution!

Die For­de­rung nach einem Rück­tritt der gesam­ten poli­ti­schen Eli­te des Lan­des, aller Par­tei­en, Regie­rungs­mit­glie­der, des Prä­si­den­ten, aber auch von Beam­tIn­nen, Rich­te­rIn­nen, … – also zen­tra­ler Tei­le des Staats­ap­pa­ra­tes – kann ange­sichts der Pseu­do-Demo­kra­tie, reli­gi­ös-sek­tie­re­ri­scher Auf­tei­lung von Ämtern und Ein­fluss, der weit ver­brei­te­ten Vet­tern­wirt­schaft und jah­re­lan­gen Aus­plün­de­run­gen durch das Finanz­ka­pi­tal nicht wei­ter wun­dern. Sie erin­nert stark an die ers­ten Pha­sen prak­tisch aller Bewe­gun­gen der Ara­bi­schen Revo­lu­tio­nen.

Zugleich zeigt die Ent­wick­lung auch, wie eng demo­kra­ti­sche Fra­gen – nicht nur im Liba­non – mit den sozia­len und Klas­sen­fra­gen zusam­men­hän­gen.

Wir wol­len das im Fol­gen­den kurz ver­deut­li­chen. Die am 4. August explo­dier­ten 2.750 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat lager­ten schon seit 6 Jah­ren im Hafen. Wie Recher­chen von Al Jaze­e­ra zei­gen, waren die­se jedoch nicht ein­fach „ver­ges­sen“ wor­den. Min­des­tens sechs Mal wand­ten sich Zoll­be­am­tIn­nen schrift­lich an die liba­ne­si­sche Jus­tiz und for­der­ten ein Ein­schrei­ten, eben­so oft wur­den ihre Ein­ga­ben igno­riert. All das ver­deut­licht, dass nicht nur ein­zel­nen Gerich­ten, son­dern dem gesam­ten Staats­ap­pa­rat die Lebens­in­ter­es­sen der Bevöl­ke­rung völ­lig egal sind, dass er viel­mehr als Mit­tel zur eige­nen Berei­che­rung und als Beu­te ver­stan­den wird, um des­sen Auf­tei­lung die ver­schie­de­nen bür­ger­li­chen Par­tei­en und Füh­re­rIn­nen der reli­gi­ös-poli­ti­schen Grup­pie­run­gen strei­ten.

Je mehr das Land in eine öko­no­mi­sche und sozia­le Kri­se schlit­ter­te, umso pre­kä­rer, ent­wür­di­gen­der und nutz­lo­ser muss­te sich die­ses Sys­tem für die Mas­se der Bevöl­ke­rung dar­stel­len. Vom Stand­punkt der Eli­ten, ihrer Par­tei­en und Kli­en­tel stellt sich jede Ver­wen­dung von staat­li­chen Mit­teln für das Gemein­wohl wie z. B. Gesund­heits­ver­sor­gung, Infra­struk­tur, Müll­ent­sor­gung, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Arbeits­lo­sen­un­ter­stüt­zung usw. als Abzug von Pfrün­den dar, die ihnen zufal­len soll­ten. Daher gibt es in Kri­sen­pe­ri­oden, wenn also die Staats­ein­nah­men sin­ken, erst recht nichts zu ver­tei­len für die Mas­se der Bevöl­ke­rung, die ver­armt und eigent­lich drin­gend staat­li­che Unter­stüt­zung brau­chen wür­de.

Dies hat nun – wie schon auf gerin­ge­rem Niveau 2019 – zur Explo­si­on, zur Erhe­bung der Arbei­te­rIn­nen­klas­se, der städ­ti­schen Armut wie auch des Klein­bür­ge­rIn­nen­tums und der Mit­tel­schich­ten geführt. Die Not, die Unfä­hig­keit und Unwil­lig­keit des Staa­tes, irgend­ei­ne nen­nens­wer­te rea­le Hil­fe zu leis­ten, hat außer­dem die Bevöl­ke­rung dazu gezwun­gen, selbst­or­ga­ni­sier­te Struk­tu­ren auf­zu­bau­en, um Ver­letz­ten, obdach­los gewor­de­nen oder hun­gern­den Men­schen zu hel­fen und ele­men­ta­re For­men des täg­li­chen Lebens über­haupt auf­recht­zu­er­hal­ten. Auch wenn die­se Struk­tu­ren aus der Not gebo­ren wur­den, so stel­len sie auch embryo­na­le Orga­ne der Gegen­macht, alter­na­ti­ve Macht­zen­tren zum bestehen­den Staats­ap­pa­rat dar.

Dass ehe­ma­li­ge Offi­zie­re die Beset­zung von Regie­rungs­ge­bäu­den ange­führt haben dürf­ten, deu­tet dar­auf hin, dass auch die Kon­trol­le der Regie­rung über den Repres­si­ons­ap­pa­rat brö­ckelt. All das sind untrüg­li­che Zei­chen einer begin­nen­den revo­lu­tio­nä­ren Ent­wick­lung.

Doch wie schon die Ara­bi­schen Revo­lu­tio­nen steht auch der Liba­non vor einem extre­men Pro­blem – der Revo­lu­ti­on fehlt eine poli­ti­sche Füh­rung, eine Stra­te­gie, ein Pro­gramm zur Reor­ga­ni­sa­ti­on der Gesell­schaft, um deren drin­gends­te Pro­ble­me zu lösen.

Die Bewe­gung wirft zwar die Macht­fra­ge auf, in dem sie den Rück­tritt oder die Abset­zung der gesam­ten „Eli­te“, ein Ende von deren Kor­rup­ti­on, Berei­che­rung und fak­ti­scher Straf­frei­heit for­dert – aber sie hat kei­ne Vor­stel­lung, wodurch sie zu erset­zen wäre, wel­ches poli­ti­sche und sozia­le Sys­tem an die Stel­le des bestehen­den tre­ten soll. Logi­scher­wei­se blei­ben damit auch die Zie­le einer „Revo­lu­ti­on“ unklar.

An die­sem Pro­blem schei­ter­ten prak­tisch alle Ara­bi­schen Revo­lu­tio­nen des letz­ten Jahr­zehnts. Die Mas­sen der Arbei­te­rIn­nen, Bauern/​Bäuerinnen, städ­ti­schen Armen oder klei­nen Selbst­stän­di­gen ver­lo­ren die Initia­ti­ve, obwohl sie den Groß­teil der Erhe­bun­gen getra­gen hat­ten, muss­ten ohn­mäch­tig mit anse­hen, wie sich ver­schie­de­ne Kräf­te der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on ihrer Bewe­gung bemäch­tig­ten oder die­se zer­schlu­gen. Dies droht auch im Liba­non.

Programm

Daher besteht die Auf­ga­be sozia­lis­ti­scher, kom­mu­nis­ti­scher Kräf­te dar­in, die Bewe­gung vor­zu­trei­ben, deren bes­te Kämp­fe­rIn­nen zu orga­ni­sie­ren. Doch das erfor­dert selbst, sich Klar­heit über die Auf­ga­ben und das Pro­gramm der Revo­lu­ti­on zu ver­schaf­fen. Wir kön­nen ein sol­ches an die­ser Stel­le nicht detail­liert vor­le­gen, wohl aber eini­ge Schlüs­sel­for­de­run­gen.

  • Offen­le­gung aller Doku­men­te zur Explo­si­on des Hafens; Bil­dung von Unter­su­chungs­aus­schüs­sen; Abur­tei­lung der Ver­ant­wort­li­chen durch von der Bevöl­ke­rung gewähl­te, öffent­li­che Tri­bu­na­le; Ent­schä­di­gung der Ange­hö­ri­gen aller Getö­te­ten, der Ver­wun­de­ten und der Men­schen, die ihre Woh­nun­gen ver­lo­ren haben!
  • Siche­rung des Über­le­bens der Bevöl­ke­rung durch Beschlag­nah­me der gro­ßen Ver­mö­gen und Unter­neh­men! Ver­tei­lung der Hilfs­lie­fe­run­gen, von Nah­rungs­mit­teln und Medi­zin unter Kon­trol­le von Komi­tees und Räten in Stadt­tei­len, Betrie­ben, auf dem Land! Die­se Auf­ga­be darf nicht der Regie­rung und ihrem Appa­rat oder impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten über­las­sen wer­den. Hel­fe­rIn­nen huma­ni­tä­rer Orga­ni­sa­tio­nen sol­len unter Kon­trol­le sol­cher Komi­tees und Räte agie­ren.
  • Auf­stel­len eines Not­plans zur Ver­sor­gung der Bevöl­ke­rung, Siche­rung von kos­ten­lo­ser Zutei­lung lebens­not­wen­di­ger Güter an die Bedürf­ti­gen. Das erfor­dert u. a. die Strei­chung der Aus­lands­schul­den, die ent­schä­di­gungs­lo­se Ein­eig­nung aller Ban­ken, Finanz­in­sti­tu­tio­nen, Groß­be­trie­be liba­ne­si­scher wie aus­län­di­scher Kapi­ta­lis­tIn­nen sowie der Pri­vat­ver­mö­gen der Super­rei­chen unter Arbei­te­rIn­nen­kon­trol­le, die Zusam­men­fas­sung der Finanz­in­sti­tu­tio­nen zu einer Zen­tral­bank zur Sta­bi­li­sie­rung der Lira, die Fest­le­gung von Min­dest­löh­nen und Ren­ten, die die Lebens­hal­tungs­kos­ten decken.
  • Rück­nah­me des Aus­nah­me­zu­stan­des und von Son­der­be­fug­nis­sen der Armee­füh­rung, Frei­las­sung aller Gefan­ge­nen und Fest­ge­nom­me­nen! Bil­dung von Selbst­ver­tei­di­gungs­ko­mi­tees der Bewe­gung und von Arbei­ter­In­nen­mi­li­zen in den Stadt­tei­len und Betrie­ben! Die Sol­da­tIn­nen müs­sen auf­ge­ru­fen wer­den, auf die Sei­te der Bewe­gung über­zu­ge­hen, Sol­da­tIn­nen­rä­te zu bil­den, Arbei­te­rIn­nen- und Selbst­ver­tei­di­gungs­mi­li­zen zu bewaff­nen und die­se als Aus­bil­de­rIn­nen zu unter­stüt­zen!
  • Abschaf­fung aller reli­giö­sen, sek­tie­re­ri­schen Geset­ze und poli­ti­schen Restrik­tio­nen! Vol­le Ein­be­zie­hung der Frau­en sowie der syri­schen und paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lin­ge in die Bewe­gung und den Kampf für die liba­ne­si­sche Revo­lu­ti­on, ein­schließ­lich vol­ler Wahl- und Staats­bür­ge­rIn­nen­rech­te für die Flücht­lin­ge!
  • Bil­dung von Räten und Akti­ons­aus­schüs­sen in allen Betrie­ben, Wohn­vier­teln, in Stadt und Land, um die Bewe­gung zu füh­ren, über deren Aktio­nen und Aus­rich­tung zu ent­schei­den! Die­se Orga­ne sol­len von den Ein­woh­ne­rIn­nen der Wohn­vier­tel oder den Beschäf­tig­ten in den Betrie­ben gewählt, die­sen rechen­schafts­pflich­tig und von ihnen abwähl­bar sein. Sie müs­sen auf städ­ti­scher, regio­na­ler und lan­des­wei­ter Ebe­ne zu einem Räte­kon­gress zusam­men­ge­fasst wer­den, der pro­vi­so­risch die Regie­rungs­ge­walt über­nimmt.
  • Nie­der mit Regie­rung und Prä­si­dent! Nein zu Neu­wah­len unter Kon­trol­le des Staats­ap­pa­ra­tes! Nein zu jeder impe­ria­lis­ti­schen mili­tä­ri­schen oder poli­zei­li­chen „Hilfs“intervention unter fran­zö­si­scher oder sons­ti­ger Füh­rung!
  • Ein­be­ru­fung einer ver­fas­sung­ge­ben­den Ver­samm­lung unter Kon­trol­le der Mas­sen­be­we­gung, von Stadt­teil- und Betriebs­ko­mi­tees, die den Wahl­pro­zess, die Zulas­sung der Kan­di­da­tIn­nen, den Zugang zu den Medi­en usw. kon­trol­lie­ren!
  • Eine sol­che Ver­samm­lung muss die gro­ßen demo­kra­ti­schen, poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Fra­gen der Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Lan­des debat­tie­ren. Gera­de weil der Wunsch nach Demo­kra­tie eine sol­che wich­ti­ge Fra­ge dar­stellt, kön­nen und müs­sen die Ver­samm­lung, ihre Ein­be­ru­fung und Kon­trol­le zu einem Mit­tel wer­den, die Mas­sen davon zu über­zeu­gen, dass eine erfolg­rei­che, kon­se­quen­te Revo­lu­ti­on die Macht in die Hän­de einer Räte­re­gie­rung legen muss, die sich auf direkt demo­kra­ti­sche Räte der Arbei­te­rIn­nen und Bauern/​Bäuerinnen, der städ­ti­schen Armut und der unte­ren Schich­ten des Klein­bür­ge­rIn­nen­tums stützt.
  • Eine sol­che Regie­rung muss, um die Auf­ga­ben der Revo­lu­ti­on zu erfül­len, den kor­rup­ten, bür­ger­li­chen Staats­ap­pa­rat hin­weg­fe­gen und durch Räte, betrieb­li­che und kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tungs- und Macht­or­ga­ne sowie durch Sol­da­tIn­nen­rä­te und Arbei­ter­In­nen­mi­li­zen erset­zen! Sie muss die herr­schen­de Klas­se und die impe­ria­lis­ti­schen Kon­zer­ne und Anle­ge­rIn­nen ent­eig­nen und die Wirt­schaft auf Basis demo­kra­ti­scher Pla­nung reor­ga­ni­sie­ren.

Um ein sol­ches Pro­gramm von Über­gangs­for­de­run­gen zu ver­brei­ten und dafür die Arbei­te­rIn­nen­klas­se und unter­drück­ten Mas­sen zu gewin­nen, bedarf es einer poli­ti­schen Kraft, einer revo­lu­tio­nä­ren, kom­mu­nis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen­par­tei. Eine sol­che Kampf­or­ga­ni­sa­ti­on zu schaf­fen, ist das Gebot der Stun­de aller pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­tio­nä­rIn­nen!

Die Revo­lu­ti­on im Liba­non und alle Revo­lu­tio­nä­rIn­nen im Land bedür­fen dabei der Soli­da­ri­tät der inter­na­tio­na­len Arbei­te­rIn­nen­klas­se und der Lin­ken auf allen Ebe­nen – von der Orga­ni­sie­rung von Hil­fe für die Bevöl­ke­rung, poli­ti­schen Soli­da­ri­täts­kam­pa­gnen für die Strei­chung der Schul­den im Kampf dar­um, dass Hilfs­lie­fe­run­gen ohne poli­ti­sche und wirt­schaft­li­che Bedin­gun­gen erfol­gen. Vor allem aber braucht es auch die mög­lichst enge Ver­bin­dung mit allen Kräf­ten, die im Liba­non und in den Län­dern des Nahen Ostens aktiv am Auf­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung betei­ligt sind, die Schaf­fung einer Soli­da­ri­täts­be­we­gung und einer neu­en, Fünf­ten Inter­na­tio­na­le, die im Liba­non, im Nahen Osten, welt­weit für die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on kämpft!

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