[KgK:] Aníbal Quijano und die Idee des Rassismus: Eine kritische Auseinandersetzung aus marxistischer Perspektive

In den letz­ten Wochen kam es zu mas­si­ven Pro­tes­ten und Mobi­li­sie­run­gen, die die Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Tei­le Euro­pas gegen die bru­ta­le poli­zei­li­che Repres­si­on erschüt­ter­ten, unter der die schwar­ze und latein­ame­ri­ka­ni­sche Bevöl­ke­rung im gegen­wär­ti­gen Zusam­men­hang mit der wirt­schaft­li­chen und sozia­len Kri­se zu lei­den hat. Die struk­tu­rel­le Ungleich­heit wur­de offen­bart, da die­se die am stärks­ten von Covid-19 betrof­fe­ne Bevöl­ke­rungs­tei­le sind. Im Zuge der Ereig­nis­se tra­ten Debat­ten über race (im Fol­gen­den aus dem Spa­ni­schen raza) und vor allem über Ras­sis­mus erneut in den Vor­der­grund, wes­halb die­ser Arti­kel einen zen­tra­len Aspekt des Den­kens von Aní­bal Qui­ja­no zur Dis­kus­si­on stel­len möch­te. Als Ver­tre­ter der deko­lo­nia­len Theo­rie, die neben ande­ren Ele­men­ten das Ver­hält­nis zwi­schen Kapi­ta­lis­mus, Skla­ve­rei und Aus­beu­tung betrach­tet, liegt Qui­ja­nos Fokus vor allem auf dem ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent. Ange­sichts der Band­brei­te der The­men und des intel­lek­tu­el­len und poli­ti­schen Wan­dels, den Qui­ja­no im Lau­fe der Jah­re voll­zo­gen hat, wer­de ich daher ver­su­chen, mich beson­ders auf die Ana­ly­se des Ras­sis­mus­be­griffs und den zen­tra­len Platz, den er in der theo­re­ti­schen Ent­wick­lung des Autors ein­nimmt, zu kon­zen­trie­ren. Auf die­se Wei­se möch­te ich die Ver­fes­ti­gung und Expan­si­on des Kapi­ta­lis­mus und des­sen spe­zi­fi­sche Eigen­art auf dem Kon­ti­nent cha­rak­te­ri­sie­ren.

Modernität, Kolonialität und Raza

Die haupt­säch­lich von Qui­ja­no for­mu­lier­te Theo­rie der Kolo­nia­li­tät der Macht zielt dar­auf ab, die für das moder­ne und kapi­ta­lis­ti­sche Welt­sys­tem1 cha­rak­te­ris­ti­schen Herr­schafts­ver­hält­nis­se zu erklä­ren und zu cha­rak­te­ri­sie­ren, die mit dem euro­päi­schen Kolo­nia­lis­mus im 16. Jahr­hun­dert ent­stan­den. Laut Qui­ja­no brach­te die Ent­wick­lung der Moder­ne ein neu­es Modell der Welt­macht mit sich. Die­ses impli­zier­te eine gewis­se Kon­ver­genz zwi­schen der Ver­fes­ti­gung des Kapi­ta­lis­mus und sei­ner spe­zi­fi­schen Pro­duk­ti­ons­be­zie­hun­gen sowie der Ord­nung der kolo­nia­len Gesell­schaf­ten nach der Erobe­rung Ame­ri­kas. Hier­bei wur­de fest­ge­stellt, dass die ers­te moder­ne und glo­ba­le geo­kul­tu­rel­le Iden­ti­tät Euro­pa war und dass sich die­ses als Fol­ge von Ame­ri­ka kon­sti­tu­ier­te.

Das Kon­zept der Moder­ne ver­weist zugleich auf die Ver­än­de­rung in der mate­ri­el­len Dimen­si­on der gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se. Das heißt, dass die Ver­än­de­run­gen in allen Berei­chen der sozia­len Exis­tenz der Bevöl­ke­rungs­grup­pen (pue­blos) und daher auch ihrer indi­vi­du­el­len Mit­glie­der statt­fin­den, sowohl in der mate­ri­el­len wie in der sub­jek­ti­ven Dimen­si­on die­ser Ver­hält­nis­se. Und da es sich um Pro­zes­se han­delt, die mit der Kon­sti­tu­ie­rung Ame­ri­kas, einem neu­en glo­ba­len Macht­mus­ter und der Inte­gra­ti­on der pue­blos in die­sen Pro­zess begin­nen, also mit der Kon­sti­tu­ie­rung eines voll­stän­di­gen und kom­ple­xen Welt­sys­tems, ist es uner­läss­lich zu sagen, dass es sich um eine gesam­te his­to­ri­sche Epo­che han­delt. Anders aus­ge­drückt kon­sti­tu­iert sich mit Ame­ri­ka mate­ri­ell und sub­jek­tiv ein neu­er Zeit/​Raum: das ist es, was das Kon­zept der Moder­ne benennt.2

In die­sem Sin­ne, so Qui­ja­no, ist es mög­lich, die kapi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tung mit einem der Haupt­ele­men­te der Kolo­nia­li­tät in Ver­bin­dung zu brin­gen: die Unter­schei­dung der mensch­li­chen Grup­pen nach ihrer „Ras­se“, d.h. die Klas­si­fi­zie­rung der Bevöl­ke­rung nach eth­ni­schen Kri­te­ri­en – gestützt durch bio­lo­gi­sche Annah­men – im Hin­blick auf die Herr­schaft, die zunächst zwi­schen Erobe­rern und Erober­ten auf­trat3. Auf die­se Wei­se wür­de die Idee der „Ras­se“ eine zen­tra­le Rol­le im Pro­zess der Legi­ti­mie­rung der Herr­schafts­ver­hält­nis­se ein­neh­men, die nach der Erobe­rung Ame­ri­kas auf­ge­baut wur­den.

Qui­ja­no defi­niert die Kolo­nia­li­tät der Macht als eine Rei­he von Herr­schafts­mus­tern, dar­un­ter die Idee der „Ras­se“ und mit ihr den ideo­lo­gi­schen Kom­plex des Ras­sis­mus. Die­ser durch­dringt jede ein­zel­ne Sphä­re der Exis­tenz und stellt eine effek­ti­ve Form mate­ri­el­ler und inter­sub­jek­ti­ver Herr­schaft dar:

Mit der Bil­dung Ame­ri­kas eta­bliert sich eine neue geis­ti­ge Kate­go­rie, die Idee der Ras­se. Seit Beginn der Erobe­rung initi­ie­ren die Sie­ger eine his­to­risch grund­le­gen­de Dis­kus­si­on für die spä­te­ren Bezie­hun­gen zwi­schen den Völ­kern die­ser Welt. Dabei geht es beson­ders zwi­schen Euro­pä­ern und Nicht-Euro­pä­ern um die Fra­ge, ob die Urein­woh­ner Ame­ri­kas eine See­le haben oder nicht; kurz gesagt, ob sie eine mensch­li­che Natur haben oder nicht. Die­se Ideen gestal­te­ten tief­grei­fend und anhal­tend einen gan­zen kul­tu­rel­len Kom­plex, eine Matrix von Ideen, Bil­dern, Wer­ten, Ein­stel­lun­gen, sozia­len Prak­ti­ken, die nicht auf­hört, in die Bezie­hun­gen zwi­schen den Men­schen invol­viert zu sein, selbst wenn die kolo­nia­len poli­ti­schen Bezie­hun­gen bereits abge­bro­chen sind. Die­sen Kom­plex ken­nen wir als Ras­sis­mus.4

Im Mit­tel­punkt die­ser Defi­ni­ti­on von Ras­sis­mus steht das kul­tu­rel­le, ideo­lo­gi­sche, „men­ta­le“ Ele­ment, das uns zwei­fel­los zur Fra­ge bringt, wel­chen Platz der Ras­sis­mus ein­nimmt, und damit auch zur Fra­ge nach dem Platz der Skla­ve­rei als einer Form der Aus­beu­tung, die sich in den Ursprün­gen des Kapi­ta­lis­mus in Ame­ri­ka mani­fes­tiert hat. Kann Ras­sis­mus nur von einer kul­tu­rel­len Ebe­ne aus gedacht wer­den, oder muss die mate­ri­el­le Not­wen­dig­keit des Kapi­tals als sozia­le Bezie­hung berück­sich­tigt wer­den? Und hin­sicht­lich der Skla­ve­rei als his­to­ri­sche und mate­ri­el­le Not­wen­dig­keit: Nutzt sie den Ras­sis­mus als ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung, um ihre Expan­si­on und Repro­duk­ti­on fort­zu­set­zen? Nach­dem ich die­se Fra­gen dar­ge­legt habe, wer­de ich ver­su­chen, kurz auf die his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit der Bezie­hung zwi­schen Kapi­tal und Ras­sis­mus ein­zu­ge­hen.

Rassismus als Bestandteil des Kapitalismus

In den vor­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten gab es kei­nen Ras­sis­mus als ideo­lo­gi­sche Recht­fer­ti­gung für Herr­schaft. Die anti­ke Skla­ve­rei basier­te auf der Aus­beu­tung der unbe­zahl­ten Zwangs­ar­beit, und der Skla­ve wur­de auf die blo­ße Kate­go­rie des Viehs, eines Werk­zeugs, redu­ziert. Die­ser Skla­ve war Arbeits­kraft und Pro­duk­ti­ons­mit­tel zugleich. Im Feu­da­lis­mus war der Bau­er, obwohl er über gewis­se Rech­te und Kon­trol­le über sein Land ver­füg­te, der mili­tä­ri­schen und recht­li­chen Macht des Lehens unter­wor­fen, wes­halb er gezwun­gen war, zu arbei­ten und einen Groß­teil sei­ner Arbeit abzu­lie­fern. Die Art der Aus­beu­tung in sol­chen Gesell­schaf­ten war hier­ar­chisch und sicht­bar ungleich orga­ni­siert, basie­rend auf reli­giö­ser oder gesetz­li­cher Recht­fer­ti­gung.

In den kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaf­ten hat das Ver­hält­nis der Aus­beu­tung ande­re Merk­ma­le, denn es beruht auf der frei­en Lohn­ar­beit5, der*die Arbeiter*in und der*die Kapitalist*in sind auf dem Markt „gleich­be­rech­tigt“. Aber die­ser for­ma­len Gleich­heit, die in den Sie­gen der bür­ger­li­chen Revo­lu­tio­nen zum Aus­druck kam6, steht eine rea­le Ungleich­heit, eine Klas­sen­tei­lung gegen­über. Das Para­do­xon besteht dar­in, dass der Kapi­ta­lis­mus in sei­nen Ursprün­gen in mate­ri­el­ler Hin­sicht die Skla­ve­rei benö­tig­te, obwohl dies eine der „alten For­men der Aus­beu­tung“ war, die er im Bereich des Bewusst­seins zurück­zu­las­sen ver­such­te.

Der Ras­sis­mus, wie wir ihn heu­te ken­nen, ent­wi­ckel­te sich in einer zen­tra­len Peri­ode der Expan­si­on des Kapi­ta­lis­mus als vor­herr­schen­de Pro­duk­ti­ons­wei­se in der Welt. So ent­stan­den im 17. und 18. Jahr­hun­dert die rie­si­gen kolo­nia­len Plan­ta­gen in Ame­ri­ka, die zur Pro­duk­ti­on von Roh­stof­fen auf Skla­ven­ar­beit aus Afri­ka ange­wie­sen waren. In einer Zeit, in der der afri­ka­ni­sche Kon­ti­nent als sol­cher von ver­schie­de­nen Mäch­ten aus­ge­plün­dert und kolo­ni­siert wird, müs­sen die Kapi­ta­lis­ten also, um die Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät und damit die Pro­fi­tra­te zu erhö­hen, über eine aus­rei­chen­de Men­ge an Arbeits­kräf­ten ver­fü­gen und sind gezwun­gen, die­se außer­halb der Gren­zen ihrer eige­nen Staa­ten zu suchen. Das heißt, Arbeiter*innen aus ver­schie­de­nen Tei­len der Welt aus­zu­beu­ten. Dies offen­bart die mate­ri­el­le Not­wen­dig­keit des Kapi­tals, die Skla­ve­rei als eine Form der Aus­beu­tung zu nut­zen.

Mit dem Auf­kom­men der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on wur­de das Ver­hält­nis des Kapi­ta­lis­mus zur Skla­ve­rei jedoch zu etwas, das ideo­lo­gisch erklärt wer­den muss­te. Mit Qui­ja­nos Wor­ten: das Auf­zwin­gen einer men­ta­len, inter­sub­jek­ti­ven Kate­go­rie von Euro­pa in die „Neue Welt“. Auf die­se Wei­se ver­or­tet Qui­ja­no den Kapi­ta­lis­mus nicht als ein deter­mi­nier­tes Wirt­schafts- und Sozi­al­sys­tem, son­dern als einen zivi­li­sa­to­ri­schen Hori­zont ideo­lo­gi­scher Ein­drü­cke, die unter­drück­te Iden­ti­tä­ten for­men.

Reichweite und Grenzen der „Kolonialität der Macht“

Obwohl sich Qui­ja­nos Stu­di­en vor allem auf Latein­ame­ri­ka kon­zen­trier­ten, betrifft der Umfang sei­ner theo­re­ti­schen Ent­wick­lung den gesam­ten ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nent und im Grun­de sogar den Rest der Kon­ti­nen­te. Er bezeich­net sogar ein his­to­ri­sches und erkennt­nis­theo­re­ti­sches Pro­blem, da er auf jeg­li­che Kri­tik an den euro­zen­tri­schen Denk­pro­zes­sen anspielt, die durch den Ein­tritt Ame­ri­kas in die euro­päi­sche Umlauf­bahn geprägt wer­den, und von dort aus das kapi­ta­lis­ti­sche Welt­sys­tem for­men. In einem sei­ner Arti­kel7 defi­niert er die Idee der „Ras­se“ als das wirk­sams­te Instru­ment der sozia­len Herr­schaft, das in den letz­ten 500 Jah­ren, im Über­gang vom 15. zum 16. Jahr­hun­dert, erfun­den wur­de und das in den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten als Teil der euro­päi­schen Kolo­ni­al­herr­schaft der gesam­ten Welt­be­völ­ke­rung auf­ge­zwun­gen wur­de.

Die­se Beto­nung, dass alles in Ame­ri­ka gebo­ren wür­de ver­an­lasst uns jedoch dazu, über eine Rei­he von wich­ti­gen Vor­ur­tei­len nach­zu­den­ken. Die Absicht, einen Uni­ver­sa­lis­mus – Euro­zen­tris­mus – durch einen ande­ren mit Beto­nung auf das kolo­nia­le Ame­ri­ka zu erset­zen, lenkt von der Geschich­te der Plün­de­rung, Aus­beu­tung, des Rau­bes und sys­te­ma­ti­schen Tötens ab, unter der der afri­ka­ni­sche Kon­ti­nent gelit­ten hat. In Qui­ja­nos eige­nen Wor­ten:

Latein­ame­ri­ka ist zwei­fel­los der Extrem­fall der kul­tu­rel­len Kolo­nia­li­sie­rung durch Euro­pa (…) In Afri­ka war die kul­tu­rel­le Zer­stö­rung sicher­lich viel inten­si­ver als in Asi­en; aber weni­ger als in Ame­ri­ka. Auch dort erreich­ten die Euro­pä­er nicht die voll­stän­di­ge Zer­stö­rung der Aus­drucks­mus­ter, ins­be­son­de­re der Objek­ti­vie­rung und visu­el­len For­ma­li­sie­rung. Was sie taten, war, ihnen die Legi­ti­mi­tät und Aner­ken­nung in der von euro­päi­schen Mus­tern domi­nier­ten kul­tu­rel­len Welt­ord­nung zu ent­zie­hen.8

In die­sem Sin­ne kann nicht igno­riert wer­den, dass im 18. Jh. der Skla­ven­han­del expo­nen­ti­ell zunimmt, und spä­ter im 19. Jh. – wäh­rend der impe­ria­lis­ti­schen Pha­se der Kon­so­li­die­rung des Kapi­ta­lis­mus – die Kolo­nia­li­sie­rung des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents und sei­ner Bevöl­ke­run­gen vor­an­schrei­tet9. Wenn die Beto­nung auf der Idee der „Ras­se“ in Ame­ri­ka liegt, ist es eine poli­ti­sche Hal­tung, die die­sen Pro­zess unsicht­bar macht. Nicht nur Ame­ri­ka wur­de im Lau­fe der Geschich­te vom Kapi­ta­lis­mus unter­drückt, son­dern auch Afri­ka, Asi­en, Ozea­ni­en und sogar Tei­le Euro­pas selbst.

Ande­rer­seits ist es not­wen­dig, die Exis­tenz meh­re­rer Schwar­zer Marxist*innen zu berück­sich­ti­gen, die bereits dar­auf hin­ge­wie­sen haben, dass Ras­sis­mus und die Idee der „Ras­se“ nicht ein­fach ein ideo­lo­gi­scher „Über­bau“ des Kapi­ta­lis­mus sind, son­dern ein Orga­ni­sa­ti­ons- und Struk­tu­rie­rungs­prin­zip, das eng mit der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung und der Akku­mu­la­ti­on von Kapi­tal auf glo­ba­ler Ebe­ne ver­bun­den ist. Dies zeigt in gewis­ser Wei­se, dass die Idee der Kolo­nia­li­tät kei­ne mes­ti­zo-latein­ame­ri­ka­ni­schen Ursprün­ge hat oder eine ursprüng­li­che Idee von Qui­ja­no ist, wie oft ange­nom­men wird.

Dazu stellt der Sozio­lo­ge Ramon Gros­fo­guel, der sich selbst inner­halb der „deko­lo­nia­len Wen­de“ defi­niert, in einem Arti­kel10 fest, dass die Idee, dass Ras­sis­mus ein Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip der Kapi­tal­ak­ku­mu­la­ti­on und der Moder­ne ange­hö­rig ist, von Schwar­zen Marxist*innen ent­wi­ckelt wur­de, lan­ge bevor Qui­ja­no die Kolo­nia­li­tät der Macht und damit den Ras­sis­mus in den 1990er Jah­ren defi­nier­te. Um ein Bei­spiel zu nen­nen: Ced­ric J. Robin­son11 nahm Anfang der 1980er Jah­re im Rah­men des Kon­zepts des „Ras­sen-Kapi­ta­lis­mus“ (racial capi­ta­lism) die Idee der „Kolo­nia­li­tät der Macht“ vor­weg, ohne die­sen Begriff zu ver­wen­den. Für die­sen Autor ist Ras­sis­mus kon­sti­tu­tiv und wird als ein orga­ni­sie­ren­des Ele­ment des Kapi­ta­lis­mus und der moder­nen Welt dar­ge­stellt. Er stellt fest, dass das moder­ne Welt­sys­tem und der glo­ba­le Kapi­ta­lis­mus vom ers­ten Moment mit der kolo­nia­len Expan­si­on Euro­pas an ras­sisch sind, weil es die Expan­si­on einer Zivi­li­sa­ti­on ist, in der es bereits Ras­sis­mus gab. Er bezieht sich hier­bei auf inner­eu­ro­päi­sche Pro­zes­se wie die Erobe­rung des Al-Anda­lus, die sich vor der Erobe­rung Ame­ri­kas ent­wi­ckel­te. Robin­son stellt klar, dass Ras­sis­mus in Euro­pa zwar nicht durch die Haut­far­be, son­dern durch ideo­lo­gi­sche, eth­ni­sche und reli­giö­se Grün­de defi­niert wird, dies jedoch ein wich­ti­ges Phä­no­men ist, um zu ver­ste­hen, wie Ras­sis­mus und ras­si­fi­zier­te Sek­to­ren nach 1492 in Ame­ri­ka und dem Rest der Welt geschaf­fen wur­den.

Wenn wir nun Qui­ja­nos Vor­schlag fol­gen, sehen wir, wie sich der Kapi­ta­lis­mus dar­auf beschränkt, ein wei­te­rer Teil zu sein, der das täg­li­che Leben der Moder­ne beein­flusst, zusam­men mit der Kolo­nia­li­tät der Macht und dem Euro­zen­tris­mus. Der Kapi­ta­lis­mus ist jedoch nicht nur ein Sys­tem der Aus­beu­tung und der Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on. Er ist auch ein Modus der sozia­len Repro­duk­ti­on, der ein bestimm­tes Wer­te­sys­tem, eine bestimm­te Art und Wei­se des Ver­ständ­nis­ses von Wirk­lich­keit und Natur reprä­sen­tiert, ein Epis­tem, das his­to­risch durch das Kapi­tal als sozia­les Ver­hält­nis ver­mit­telt und bestimmt wird.

Die His­to­ri­ke­rin Bar­ba­ra Fiel­ds erklärt, dass Ras­sis­mus vor allem im Süden der Ver­ei­nig­ten Staa­ten weit ver­brei­tet war, einem der Län­der, in denen der Kapi­ta­lis­mus in sei­nem Stre­ben nach Ent­wick­lung die Skla­ve­rei als eine Form der Aus­beu­tung und Akku­mu­la­ti­on nutz­te.

Die „Ras­sen­ideo­lo­gie“ war beson­ders unter den „wei­ßen länd­li­chen Klein­bau­ern“ der Süd­staa­ten ver­brei­tet, unter den Klein­bau­ern und Hand­wer­kern, die fast zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung des Alten Südens reprä­sen­tier­ten, die im All­ge­mei­nen kei­ne Skla­ven­be­sit­zer waren und die ihr Recht auf wirt­schaft­li­che und poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit von den Plan­ta­gen­be­sit­zern gel­tend machen woll­ten: Die Ras­sen­ideo­lo­gie lie­fer­te die Mit­tel, Per­so­nen die Skla­ve­rei zu erklä­ren, deren Ter­ri­to­ri­um eine Repu­blik war, wel­che auf radi­ka­len Dok­tri­nen von Frei­heit und natür­li­chen Rech­ten beruh­te; und, was noch wich­ti­ger war, eine Repu­blik, in der jene Dok­tri­nen genau die Welt wider­zu­spie­geln schie­nen, in der alle außer einer Min­der­heit leb­ten. Ledig­lich als die Ver­wei­ge­rung der Frei­heit auch den weni­ger auf­merk­sa­men und nach­denk­li­chen Mit­glie­dern der euro-ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft als ein anor­ma­les Gesche­hen erschien, erklär­te die Ideo­lo­gie sys­te­ma­tisch eine sol­che Ano­ma­lie.12

Des­halb muss Ras­sis­mus als eine his­to­ri­sche und deter­mi­nier­te Not­wen­dig­keit des Kapi­ta­lis­mus ver­stan­den wer­den, wobei „Ras­sen­un­ter­schie­de“ eine Erfin­dung sind, die als Teil einer spe­zi­fi­schen his­to­ri­schen Bezie­hung auf­tau­chen. Ras­sis­mus ist ein Unter­neh­men der Skla­ve­rei und des Impe­ria­lis­mus. Qui­ja­no beleuch­tet im not­wen­di­gen Ver­such, den Fak­tor „Ras­se“ in die sozia­le Arbeits­tei­lung ein­zu­be­zie­hen, die mate­ri­el­le Dimen­si­on der Kolo­nia­li­tät im glo­ba­len Betrieb der Gewin­nung und Akku­mu­la­ti­on von Kapi­tal nicht zu Genü­ge. Wie lässt sich die inter- und trans­na­tio­na­le Arbeits­tei­lung unter der Glo­ba­li­sie­rung anhand der „Rassen“frage erklä­ren? Es besteht kein Zwei­fel, dass Ras­sis­mus immer noch weit ver­brei­tet ist, aber dies ist ein wei­te­rer Fak­tor der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung, und mit der Glo­ba­li­sie­rung wird er noch kom­ple­xer.

Qui­ja­no schlägt vor, den Kampf gegen die Kolo­nia­li­tät der Macht durch die Deko­lo­ni­sie­rung der Macht zu füh­ren, was er als die Deko­lo­ni­sie­rung aller Dimen­sio­nen des Bewusst­seins defi­niert: Die Kate­go­rie der „Ras­se“ und deren Aus­druck durch Ras­sis­mus sind hier­bei für ihn die ent­schei­dends­ten13. Der his­to­ri­sche Mate­ria­lis­mus hin­ge­gen gibt den sozia­len Pro­duk­ti­ons­ver­hält­nis­sen – in die­sem Fall der Skla­ve­rei – die Fähig­keit, das gesam­te gesell­schaft­li­che Leben, ein­schließ­lich des Berei­ches der Ideen, zu erfas­sen – also den Ras­sis­mus. Mit ande­ren Wor­ten: Die mate­ri­el­len Ver­hält­nis­se der Gesell­schaft sind die „Spra­che des wirk­li­chen Lebens“.

Wenn wir also die intrinsi­sche und mate­ri­el­le Bezie­hung zwi­schen Kapi­ta­lis­mus und Ras­sis­mus ver­ste­hen, ist es ange­bracht zu fra­gen: Wel­chen Platz nimmt die Klas­se ein? Eine Fra­ge, die Qui­ja­no im Hin­ter­grund lässt, eben­so wie das revo­lu­tio­nä­re Poten­zi­al der Arbeiter*innenklasse inner­halb des Kapi­ta­lis­mus und des Ras­sis­mus als ideo­lo­gi­schen Aspekt, der his­to­risch von der Bour­geoi­sie genutzt wur­de, um die Arbeiter*innenbewegung zu spal­ten. Die Expan­si­on des Kapi­ta­lis­mus über den Glo­bus hat ein Pro­le­ta­ri­at geschaf­fen, das sich eben­falls über den Glo­bus aus­ge­brei­tet hat und durch mas­si­ve Migra­ti­on über natio­na­le Gren­zen hin­weg ent­stan­den ist. Wäh­rend For­men der ras­sis­ti­schen Unter­drü­ckung im Lau­fe der Zeit mutiert sind, wird die kapi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tung durch die ras­sis­ti­sche Dif­fe­ren­zie­rung inner­halb der Arbeiter*innenklasse ver­tieft. Aus die­sem Grund ist der anti­ras­sis­ti­sche Kampf untrenn­bar mit dem anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen ver­bun­den. Ohne die Mög­lich­keit, eine Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln, die dar­auf abzielt, die sozia­le Bezie­hung, die das Leben von Mil­li­ar­den von Men­schen auf der Welt regiert – den Kapi­ta­lis­mus – im Keim zu ersti­cken, ist kei­ne wirk­li­che Eman­zi­pa­ti­on mög­lich.

Fuß­no­ten:

1. Qui­ja­no nimmt das Kon­zept (auch Welt­wirt­schaft genannt) des Sozio­lo­gen Imma­nu­el Wal­ler­stein, der die­ses als eine Raum-Zeit-Zone defi­niert, die meh­re­re poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Ein­hei­ten durch­quert und eine inte­grier­te Zone von Akti­vi­tä­ten und Insti­tu­tio­nen dar­stellt, die bestimm­ten sys­te­mi­schen Regeln gehor­chen. Die­se „Regeln“ ent­stan­den im 16. Jahr­hun­dert mit der Erobe­rung Ame­ri­kas und der kapi­ta­lis­ti­schen Expan­si­on.

2. Qui­ja­no, Aní­bal: Kolo­nia­li­tät der Macht, Euro­zen­tris­mus und Latein­ame­ri­ka, Wien: Turia + Kant, 2016. S.58

3. Qui­ja­no, A.:: Kolo­nia­li­tät der Macht, Euro­zen­tris­mus und Latein­ame­ri­ka, Wien: Turia + Kant, 2016. S.26–27

4. Qui­ja­no, A.: Raza, Etnia y Nación en Mariá­te­gui: Cues­tio­nes abier­tas, en R. For­gues (Ed.) José Car­los Mariá­te­gui y Euro­pa. La otra cara del des­cu­bri­mi­en­to. Edi­to­ri­al Amau­ta, Lima (págs. 166–187). Eige­ne Über­set­zung

5. Marx defi­niert in „Die Grund­ris­se“ den frei­en Arbei­ter im dop­pel­ten Sin­ne: frei von den alten Ver­hält­nis­sen des Mäze­na­ten­tums, Vasal­len­tums und der Knecht­schaft, und frei von allem Besitz und mate­ri­el­lem, objek­ti­ven Eigen­tum.

6. Als Bei­spiel sei­en die dis­kur­si­ven Wer­te genannt, die von den bür­ger­li­chen Revo­lu­tio­nen par excel­lence ver­wen­det wur­den: im fran­zö­si­schen Fal­le Frei­heit, Gleich­heit und Brü­der­lich­keit oder der Bill of Rights der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, der die berühm­ten ers­ten zehn Ände­rungs­an­trä­ge zum Schutz der bür­ger­li­chen Grund­frei­hei­ten ent­hält.

7. Qui­ja­no, ¡Qué tal raza!, 1999.

8. Qui­ja­no, A. (1991). Colo­nia­li­dad y modernidad/​racionalidad. Perú Indí­ge­na, 13(29), 11–20. Eige­ne Über­set­zung

9. Barri­ga, Andrea: Aní­bal Qui­ja­no y la colo­nia­li­dad del poder.

10. Gros­fo­guel, R. (2018). ¿Negros mar­xis­tas o mar­xis­mos negros?: una mira­da des­co­lo­ni­al. Tabu­la Rasa, (28), 11–22.

[11. Robin­son, Ced­ric J. (1983). Black Mar­xism. The making of the black radi­cal tra­di­ti­on. Lon­don: Zed Books.

12. Fiel­ds, B (1990): Slavery, Race and Ideo­lo­gy in the United Sta­tes of Ame­ri­ca.

13.Qui­ja­no, A. (2007): Ques­tio­ning Race. Socia­lism and Demo­cra­cy.

Die­ser Arti­kel erschien zuerst auf La Izquier­da Dia­rio.

Klas­se Gegen Klas­se