[labournet:] Was nach diesen Wahlen anders ist: Nicht nur, dass es die größten Proteste in Belarus sind…

Proteste in Belarus am 9.8.2020, Foto von Pramen„… Ges­tern ist die bela­rus­si­sche Gesell­schaft aus einem lan­gen Schlaf erwacht. Ein Traum, in dem wir die letz­ten 26 Jah­re fest­ge­hal­ten wur­den. Ein Traum, dass eine Dik­ta­tur die Men­schen frei machen kann. Die­se Lügen, die immer noch von staat­li­chen Kanä­len und eini­gen Online-Platt­for­men ver­brei­tet wer­den, wer­den kaum Platz in den Her­zen der Men­schen fin­den. Die letz­te Nacht hat das erweckt, was uns in den letz­ten Jah­ren gefehlt hat – den Glau­ben an die kol­lek­ti­ve Stär­ke. Der Glau­be an die Trans­for­ma­ti­on trotz der Risi­ken. Und die­se Kraft ist nicht nur in den Haupt­stra­ßen der Haupt­stadt erschie­nen, son­dern auch in vie­len klei­nen Städ­ten des Lan­des, wohin OMON aus Angst vor den Demons­trie­ren­den geflo­hen ist. Fotos und Vide­os von zahl­rei­chen Zusam­men­stö­ßen mit Spe­zi­al­ein­hei­ten der Poli­zei haben end­lich mit dem Mythos der ruhi­gen Weißruss:innen gebro­chen, die für den Frie­den beten und nicht bereit sind, Risi­ken ein­zu­ge­hen. Luka­schen­ko und die gesam­te Ver­ti­ka­le der Macht waren ent­setzt über die Ener­gie, die sich auf die Stra­ßen des Lan­des ergoss. Ansons­ten ist es unmög­lich, die Tat­sa­che zu erklä­ren, dass OMON und die inter­nen Trup­pen in nur weni­gen Stun­den der Pro­tes­te von ein­fa­chen Ver­haf­tun­gen zu einem groß ange­leg­ten Krieg gegen die Bevöl­ke­rung über­ge­gan­gen sind, bei dem Gum­mi­ge­schos­se, Trä­nen­gas und Was­ser­wer­fer ein­ge­setzt wer­den. In vie­len Städ­ten hat die Poli­zei die Kon­trol­le über die Stra­ßen völ­lig ver­lo­ren...“ – aus dem Bei­trag „Bela­rus – Es gibt kein Zurück“ am 10. August 2020 bei Schwar­zer Pfeil externer Link (die Über­set­zung einer Erklä­rung der anar­chis­tisch ori­en­tier­ten Grup­pe Pra­men externer Link aus Bela­rus. Sie­he dazu auch unse­re klei­ne aktu­el­le Mate­ri­al­samm­lung zu den Pro­tes­ten in Bela­rus, den aktu­el­len Reak­tio­nen und Per­spek­ti­ven, sowie eini­gen Hin­ter­grund­be­trä­gen zur Lebens­wirk­lich­keit in Bela­rus – inklu­si­ve Hin­wei­sen dar­auf, wie Macht gesi­chert wird…

„Peop­le are mar­ching all over Minsk shou­ting Go Away!“ am 09. August 2020 im Twit­ter-Kanal von Tade­usz Gic­zan externer Link ist ein Videobe­richt von der rie­si­gen abend­li­chen Pro­test­de­mons­tra­ti­on am Sonn­tag in der Haupt­stadt Minsk – geprägt von der Paro­le „Hau ab!“… Ins­ge­samt wur­den Pro­tes­te in 33 Ort­schaf­ten von Bela­rus doku­men­tiert

„The riot poli­ce are run­ning away from pro­tes­ters“ am 11. August 2020 im Twit­ter-Kanal von Fra­nak Via­cor­ka externer Link ist ein Video (aus der Pro­vinz), das – in der Nacht zum Diens­tag – flüch­ten­de Son­der­ein­hei­ten der Poli­zei zeigt

„Bar­ri­ca­des look super pro­fes­sio­nal. Huge step for­ward in com­pa­ri­son to yes­ter­day“ am 11. August 2020 im Twit­ter-Kanal von Inte­gra­ti­on Night­ma­re externer Link ist ein Videobe­richt vom Bar­ri­ka­den­bau in Minsk – mit Lob vom Autor für die Fort­schrit­te, die dabei seit dem Vor­tag gemacht wur­den…

„Elec­tion : émeu­te à Minsk“ am 09. August 2020 bei Anthro­po­lo­gie du Pré­sent externer Link ist eine (über­wie­gend eng­li­sche) Samm­lung von Berich­ten über die Pro­tes­te quer durch Bela­rus am Sonn­tag­abend.

„Bela­rus vor den Wah­len: Eini­ge sozio­lo­gi­sche Aspek­te“ von And­rei Var­do­mat­ski (Bela­ru­si­an Ana­ly­ti­cal Workroom, War­schau) am 08. Juli 2020 bei den Län­der-Ana­ly­sen externer Link hebt zur Ent­wick­lung in Bela­rus wäh­rend der Epi­de­mie-Zeit unter ande­rem her­vor: „… Wenn wir vom Coro­na­vi­rus als von einem Zün­der für die gegen Luka­schen­ka gerich­te­ten Stim­mun­gen spre­chen, dann sind damit in ers­ter Linie nicht die medi­zi­ni­schen Fol­gen der Pan­de­mie gemeint, son­dern die sozia­len und poli­ti­schen. Das Coro­na­vi­rus war gleich­sam ein magi­scher Kris­tall, der vie­len Bela­rus­sen deut­lich gemacht hat, wie unan­ge­mes­sen das Sys­tem des Staa­tes ist. Die unzu­rei­chen­de Infor­mie­rung der Bevöl­ke­rung bekam nun einen exis­ten­zi­el­len Sinn: Die Bevöl­ke­rung nicht über eine Ver­schlech­te­rung ihrer tat­säch­li­chen wirt­schaft­li­chen Lage zu infor­mie­ren, ist eines. Etwas ganz anders aber ist es, wenn den Men­schen in beschnit­te­ner, ent­stell­ter Form über die Opfer des Coro­na­vi­rus berich­tet wird; das erzeugt eine ande­re emo­tio­na­le Ladung. Die Bevöl­ke­rung war unzu­frie­den, mit wel­cher Fre­quenz Infor­ma­tio­nen erfolg­ten, mit dem Umfang der Infor­ma­tio­nen und damit, dass die Ein­schät­zung der Zahl der Erkrank­ten nicht stim­mig schien. Die vom Prä­si­den­ten in halb scherz­haf­ter Manier vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men zur Bekämp­fung des Virus (»Wod­ka und Tre­cker«), und dass er die­se äußerst gefähr­li­che Krank­heit als Psy­cho­se inter­pre­tier­te, hat die Men­schen schlicht­weg auf­ge­bracht. Fra­gen von Leben und Tod erzeu­gen Moti­va­tio­nen von ganz ande­rer Kraft als der Rubel, der im Geld­beu­tel feh­len könn­te. Daher kam es lokal zu exis­ten­zi­el­len infor­ma­tio­nel­len »Aus­brü­chen« – durch Ärz­te, die über die schwie­ri­ge Lage in den Kreis­kran­ken­häu­sern berich­ten, und durch ein­fa­che Leu­te, die von den Opfern in den grö­ße­ren und klei­ne­ren Städ­ten erzäh­len. Die Men­schen sahen um sich her­um das eine – die Erkrank­ten –, und erfuh­ren aus den staat­li­chen Medi­en etwas ganz ande­res, näm­lich Erfol­ge der Medi­zin. Es ist eine Distanz ent­stan­den, eine Kluft zwi­schen der eige­nen, indi­vi­du­el­len infor­ma­tio­nel­len Erfah­rung der Men­schen und dem Bild, das ihnen von den staat­li­chen Medi­en ver­mit­telt wird. Wenn dies jedoch frü­her Rou­ti­ne­fra­gen der wirt­schaft­li­chen Lage betraf, dann ging es jetzt tat­säch­lich um Fra­gen von Leben und Tod...“

„Bob­ru­isk hat kei­ne Angst mehr“ von Alex­an­dri­na Glagol­je­wa am 08. August 2020 in der taz online externer Link berich­te­te aus der Pro­vinz: „… Auf einem klei­nen Platz vor der Ban­ja, direkt neben dem Markt, ste­hen sie, ein Dut­zend alte Frau­en mit gebeug­ten Rücken. Jeden Tag kom­men sie in das Zen­trum der bela­rus­si­schen Pro­vinz­stadt Bob­ru­isk, um sich mit dem Ver­kauf selbst gesam­mel­ter Bee­ren ihre schma­le Ren­te auf­zu­bes­sern. Seit Kur­zem ist die­ses Ört­chen mit 220.000 Ein­woh­nern zu einem klei­nen Hyde Park gewor­den. Hier tref­fen die Babusch­kas mit Oppo­si­tio­nel­le zusam­men, die im klei­nen Kreis mit den Men­schen spre­chen. Und die Babusch­kas dis­ku­tie­ren mit, wenn es um Poli­tik geht. „Seht zu, dass die Kaker­la­ke end­lich ver­schwin­det“, ruft eine älte­re Dame mit einem klei­nen Korb in der Hand einem jun­gen Mann zu, der in ein Gespräch ver­tieft ist. Jeder weiß, dass mit „Kaker­la­ke“ der amtie­ren­de Prä­si­dent Alex­an­der Luka­schen­ko gemeint ist. (…) Tich­anow­ska­ja war mehr­mals in Bob­ru­isk. Das ers­te Mal reg­ne­te es in Strö­men. Doch die Men­schen stell­ten sich gedul­dig in lan­ge Schlan­gen, um ihre Unter­schrift für die Kan­di­da­tin zu leis­ten. Die­se Schlan­gen sind zu einer Form der Mei­nungs­äu­ße­rung gewor­den. Denn an einem ande­ren Tag hat­ten vie­le Men­schen in Bob­ru­isk eine Schlan­ge gebil­det, um gegen die Ver­haf­tun­gen derer zu pro­tes­tie­ren, die für Ver­än­de­run­gen kämp­fen. Vie­len war ein jun­ges Pär­chen auf­ge­fal­len, das in einem Poli­zei­bus saß und nicht zu sei­nem Kind nach Hau­se gelas­sen wur­de. Und als am Abend die Fest­ge­nom­me­nen immer noch nicht frei­ge­kom­men waren, hat­te sich erneut eine Schlan­ge gebil­det. Und wie­der wur­den Demons­trie­ren­de will­kür­lich fest genom­men. Eine Frau, die sich noch recht­zei­tig mit einem Sprung in einen Bus vor der Fest­nah­me ret­ten konn­te, berich­te­te spä­ter von einem Fahr­gast, der den Bus­fah­rer ange­brüllt hat­te, er sol­le die Frau noch hin­ein­las­sen. Er sei ein Poli­zist gewe­sen...“

„Sturz Luka­schen­kos oder har­te Dik­ta­tur?“ von Roman Gon­cha­ren­ko, Vla­di­mir Esi­pov und Niki­ta Jolk­ver am 10. August 2020 bei der Deut­schen Wel­le externer Link aktua­li­siert die bun­des­deut­sche Mär vom „letz­ten Dik­ta­tor“ Euro­pas (wir ver­zich­ten hier dar­auf, all jene soge­nann­ten Wah­len anzu­füh­ren, zu denen Bun­des­re­gie­rung und ihren Medi­en kei­ne kri­ti­schen Stel­lung­nah­men abga­ben – Geschäfts­freun­de sind eben sol­che…) und gibt damit ein­mal mehr den Ton vor…

„Der Ban­kier“ von Denis Tru­bets­koy am 08. Juli 2020 in nd online externer Link stell­te einen der „west­li­chen“ Lieb­lings­kan­di­da­ten unter ande­rem so vor: „… Er gilt als der Mann, auf den vie­le kri­ti­sche Bela­rus­sen, die sich mit der radi­ka­len Oppo­si­ti­on nicht anfreun­den konn­ten, lan­ge gewar­tet haben: Wik­tor Baba­ri­ko hat bis zu sei­ner Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­tur bei den Wah­len am 9. August etwa 20 Jah­re lang die pri­va­te Bel­ga­z­prom­bank, eine Toch­ter des rus­si­schen Gaz­prom­kon­zerns, geführt. Bekannt wur­de er aber vor allem durch sei­ne Kin­der­stif­tung »Chan­ce« und sei­ne finan­zi­el­le För­de­rung der bela­rus­si­schen Kul­tur. Seit 2016 gibt es in Bela­rus kei­ne Umfra­gen mehr. Als Baba­ri­ko aber auf ein­mal die Inter­net­um­fra­gen auf unab­hän­gi­gen Nach­rich­ten­sei­ten anführ­te, wur­den auch die­se unter­sagt. »Die Bela­rus­sen wol­len nicht mehr das alte Leben«, sag­te der Ex-Ban­kier dazu. »Es geht nicht dar­um, ob man mich jetzt los­wer­den wird. Es wird ein­fach nie mehr wie zuvor. Denn das ist das neue Bela­rus.«…“

„Luka­schen­ko in der Sack­gas­se“ von Denis Tru­bets­koy am 10. August 2020 in nd online externer Link zu den aktu­el­len Per­spek­ti­ven: „… Dass der 65-Jäh­ri­ge dem vor­läu­fi­gen Ergeb­nis zufol­ge unrea­lis­ti­sche 80 Pro­zent hol­te und sei­ne Geg­ne­rin Swet­la­na Tich­anow­ska­ja, die Zehn­tau­sen­de in unter­schied­lichs­ten Städ­ten des Lan­des zu Demons­tra­tio­nen mobi­li­sier­te, nicht mal an die zehn Pro­zent-Mar­ke kam, ist zwar an sich nicht über­ra­schend – für vie­le in Bela­rus aber trotz­dem ein Schock. Denn die­se Wahl war tat­säch­lich anders als vor­he­ri­ge Abstim­mun­gen: Zum ers­ten Mal hat­ten jene Bela­rus­sen, die sowohl den auto­ri­tä­ren Luka­schen­ko als auch die oft natio­na­lis­ti­sche Oppo­si­ti­on kri­tisch sehen, eine ernst­haf­te Alter­na­ti­ve. Mit dem Ban­kier Wik­tor Baba­ri­ko, dem Ex-Diplo­ma­ten Walerij Zep­ka­lo und dem Blog­ger Ser­gej Tich­anow­skij hat­ten drei für brei­te Bevöl­ke­rungs­schich­ten akzep­ta­ble Kan­di­da­ten ihre Teil­nah­me ange­kün­digt. Sie wur­den jedoch alle ent­we­der ver­haf­tet oder zur Wahl nicht zuge­las­sen. Letzt­lich wur­de Tich­anow­skijs Frau Swet­la­na, eine poli­tisch bis­her nicht auf­ge­fal­le­ne Eng­lisch­leh­re­rin, als Kan­di­da­tin regis­triert…“

„Etwas zu plump“ von Rein­hard Lau­ter­bach am 11. August 2020 in der jun­gen welt externer Link kom­men­tiert: „… Wahl­ma­ni­pu­la­tio­nen kom­men in den bes­ten Fami­li­en vor. Erin­nert sich noch jemand an den Neu­zu­schnitt der Wahl­krei­se und der Bezir­ke in Ber­lin in den Neun­zi­gern? Alles mit dem gar nicht ver­schwie­ge­nen Zweck, die mög­li­chen Direkt­man­da­te der dama­li­gen PDS auf das unver­meid­li­che Mini­mum zu drü­cken. In den USA sind sol­che Prak­ti­ken so sehr All­tags­ge­schäft, dass es sogar einen tech­ni­schen Begriff dafür gibt: Ger­ry­man­de­ring. Ganz im Sin­ne des berühm­ten Spruchs, der Josef Sta­lin zuge­schrie­ben wird, wich­tig sei nicht, wer abstim­me, son­dern wer aus­zäh­le. Dies vor­aus­ge­schickt und ohne die idea­lis­ti­sche Ver­beu­gung vor den »sau­be­ren« Wah­len in »ent­wi­ckel­ten Demo­kra­tien«, die das impli­ziert, kann man aber schon eines fest­stel­len: Bei der Prä­si­den­ten­wahl in Bela­rus am Sonn­tag wur­de mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit gefälscht, und zwar über­dies ziem­lich plump. Es begann mit der unge­wöhn­lich lan­gen Frist für die vor­zei­ti­ge Abstim­mung: fünf Tage. Ein klas­si­sches Ein­falls­tor für Mani­pu­la­tio­nen, denn ers­tens ist eine unab­hän­gi­ge Kon­trol­le sol­cher Vor­ab­wah­len aus prak­ti­schen Grün­den kaum mög­lich, und zwei­tens erlaubt eine solch lan­ge Vor­lauf­zeit der Staats­macht, Trends zu erken­nen und gege­be­nen­falls zu reagie­ren. Inso­fern war der Auf­ruf der Oppo­si­ti­ons­kan­di­da­tin Swet­la­na Tich­anow­ska­ja an ihre Anhän­ger kon­se­quent, jeden­falls erst am Sonn­tag selbst und dann mög­lichst spät wäh­len zu gehen. Um der Gegen­sei­te mög­lichst wenig Zeit zur Kor­rek­tur zu las­sen...“

„Luka­schen­ko lässt auf­mar­schie­ren“ von Felix Jait­ner am 09. August 2020 in nd Online externer Link zu ers­ten Reak­tio­nen nach der Wahl: „…Auch Ticho­now­ska­ja und ihre Unter­stüt­zer sind wie­der­holt staat­li­chen Repres­sio­nen aus­ge­setzt. In den Wochen vor der Wahl wur­den immer wie­der Pro­tes­te der Oppo­si­ti­ons­kan­di­da­tin auf­ge­löst und Hun­der­te Unter­stüt­zer und Demons­tran­ten fest­ge­nom­men. Am Sams­tag wur­den zudem zwei ihrer engs­ten Bera­te­rin­nen, Wahl­kampf­lei­te­rin Maria Moros und Maria Kole­s­ni­ko­wa, inhaf­tiert. Der Wahl­tag ver­lief zunächst ohne wei­te­re Zwi­schen­fäl­le. Aller­dings waren die Inter­net­sei­ten der unab­hän­gi­gen Wahl­be­ob­ach­tungs­grup­pe »Tsches­t­nye Lju­di« (Ehr­li­che Leu­te) und der Wahl­kom­mis­si­on vor­über­ge­hend nicht erreich­bar. Die Video­platt­form You­Tube, ver­schlüs­sel­te Mes­sen­ger­diens­te wie Tele­gram und VPN-Ver­bin­dun­gen waren stark ver­lang­samt. Vor­wür­fe sys­te­ma­ti­scher Wahl­fäl­schung waren bis Redak­ti­ons­schluss nicht bekannt. Aller­dings ver­zich­te­te die Orga­ni­sa­ti­on für Sicher­heit und Zusam­men­ar­beit in Euro­pa (OSZE) die­ses Mal dar­auf, die Abstim­mung beob­ach­ten zu las­sen, nach­dem sie die Ergeb­nis­se der ver­gan­ge­nen vier Prä­si­dent­schafts­wah­len wegen Betrugs und Ein­schüch­te­run­gen nicht aner­kannt hat. Der­weil ließ Luka­schen­ko noch am Wahl­tag wenig Zwei­fel an sei­nem Wahl­sieg auf­kom­men: »Das Land wird mor­gen nicht ins Cha­os oder einen Bür­ger­krieg stür­zen«, sag­te der Prä­si­dent. Er wer­de sein gelieb­tes Bela­rus nicht auf­ge­ben. Den­noch sorgt sich die bela­rus­si­sche Füh­rung offen­sicht­lich vor einer Inten­si­vie­rung der Pro­tes­te. Gene­ral­staats­an­walt Alex­an­der Kon­juk rief die Wäh­ler dazu auf, sich nicht an uner­laub­ten Demons­tra­tio­nen zu betei­li­gen…“

„How did the Bela­ru­si­ans come to rebel­li­on against the dic­ta­tor­s­hip“ am 11. August 2020 bei Pra­men externer Link ist sowohl eine Ana­ly­se der aktu­el­len Situa­ti­on im Land, als auch ein Über­blick über die anar­chis­ti­sche Bewe­gung in Bela­rus in den letz­ten 30 Jah­ren und ihres Wir­kens, ins­be­son­de­re unter jün­ge­ren Men­schen… Die deut­sche Über­set­zung gibt es unter dem Titel “Wie kam es zur Rebel­li­on der Weißruss*innen gegen die Dik­ta­tur” bei Enough 14 externer Link

„State­ment of the BITU Exe­cu­ti­ve Bureau“ am 05. August 2020 bei der Bela­rus Inde­pen­dent Tra­de Uni­on externer Link ist eine Stel­lung­nah­me der unab­hän­gi­gen Gewerk­schaft zu den „Gerüch­ten“, sie berei­te aktu­ell Streiks vor, um die Situa­ti­on zu desta­bi­li­sie­ren. Dar­in wird unter­stri­chen, dass die Gewerk­schaft nicht nur stets das Streik­recht ver­tei­digt habe, son­dern auch immer wie­der sol­che Aktio­nen orga­ni­siert habe – und dies auch wei­ter­hin tun wer­de. Dass sie „Streiks zur Desta­bi­li­sie­rung“ vor­be­rei­te, sei eine Pro­pa­gan­da-Lüge, die die Gewerk­schaft zurück weist. Was nicht aus­schlie­ße, dass es zu Streiks kom­men kön­ne – die dann aber statt­fin­den wür­den auf­grund der Ver­schlech­te­rung der sozia­len Lage der Beschäf­tig­ten. Wofür wie­der­um Regie­rung und Behör­den die Haupt­ver­ant­wor­tung trü­gen…

„Arbeits­ver­mitt­lung à la Luka­schen­ko“ von Loic Rami­rez am 09. Janu­ar 2020 in Le Mon­de Diplo­ma­tique externer Link zu den Mecha­nis­men des Macht­er­halts unter ande­rem: „… Die Stadt Nawa­po­lazk liegt im Nor­den Weiß­russ­lands, nahe der Gren­ze zu Lett­land und Russ­land. 1954, zu Sowjet­zei­ten, wur­de sie für die Beschäf­tig­ten in der petro­che­mi­schen Indus­trie und ihre Fami­li­en erbaut. Heu­te steht dort die rie­si­ge Raf­fi­ne­rie des Staats­un­ter­neh­mens Naft­an. Xen­ja Koss­a­ja arbei­tet für zwei Jah­re als Kla­vier­leh­re­rin in der Stadt mit knapp 100 000 Ein­woh­nern. „Ich habe am Kon­ser­va­to­ri­um in Minsk stu­diert. Nach mei­ner fünf­jäh­ri­gen Aus­bil­dung hät­te ich gern in der Haupt­stadt gear­bei­tet, aber ich wur­de hier­her­ge­schickt.“ Sie erklärt uns das Sys­tem der Ver­pflich­tung nach dem Stu­di­um, ras­predelen­je, was wört­lich „Ver­tei­lung“ heißt. Es ent­stand zu Sowjet­zei­ten und wur­de nach der Unab­hän­gig­keit Weiß­russ­lands 1991 teil­wei­se bei­be­hal­ten. Gemäß Arti­kel 83 des Bil­dungs­ge­set­zes dient es der „Not­wen­dig­keit des sozia­len Schut­zes für jun­ge Absol­ven­ten und der Befrie­di­gung des Bedarfs an Spe­zia­listen, Arbei­tern und Ange­stell­ten in der Wirt­schaft und den sozia­len Beru­fen“. 2018 betraf es 19 300 Stu­die­ren­de, das waren unge­fähr 60 Pro­zent aller Hoch­schul­ab­sol­ven­ten (außer den Fern­stu­den­ten). Das Prin­zip ist ein­fach. Jede Hoch­schul­ein­rich­tung bie­tet eine gewis­se Anzahl von Gra­tis­stu­di­en­plät­zen an, die nach Leis­tung ver­ge­ben wer­den: Die Bes­ten im Abitur kom­men als Ers­te dran. Im Gegen­zug müs­sen sie nach dem Ende ihres Stu­di­ums eine Stel­le irgend­wo in Weiß­russ­land anneh­men, die ihnen das Uni­ver­si­täts­zen­trum zuweist. Ärz­tin, Inge­nieu­rin, Buch­hal­te­rin, Leh­re­rin, Jour­na­lis­tin: Kein Beruf ent­geht die­sem Sys­tem. Mit die­ser Garan­tie einer ers­ten Arbeits­stel­le hält Weiß­russ­land an einem Sys­tem fest, das den in Euro­pa sonst übli­chen libe­ra­len Rezep­ten zuwi­der­läuft. Anders­wo soll Jugend­ar­beits­lo­sig­keit bekämpft wer­den, indem Ein­stiegs­ge­häl­ter gekürzt und Ver­trä­ge fle­xi­bi­li­siert wer­den. Fran­zö­si­sche Jung­aka­de­mi­ker, die sich 2006 erfolg­reich dem Cont­rat Pre­miè­re Embau­che (CPE, Erstein­stel­lungs­ver­trag) wider­setz­ten, in dem die Pro­be­zeit für unter 26-Jäh­ri­ge zwei Jah­re dau­ern soll­te, hät­ten dem weiß­rus­si­schen Modell viel­leicht eini­ges abge­win­nen kön­nen. Weiß­russ­land wird oft für sei­nen Hang zu Lenin­sta­tu­en und über­trie­be­ner Sowjet­nost­al­gie ver­spot­tet. Die inter­na­tio­na­len Finanz­in­sti­tu­te hal­ten den öffent­li­chen Sek­tor für auf­ge­bläht. Doch die Bewah­rung sozia­ler Errun­gen­schaf­ten aus Sowjet­zei­ten hat zum Macht­er­halt von Prä­si­dent Alex­an­der Luka­schen­ko bei­getra­gen, der das Land seit 1994 auto­ri­tär führt. Sein Regime hat den Arbeits­kult aus dem kom­mu­nis­ti­schen Erbe über­nom­men und damit die Ableh­nung jeder Art soge­nann­ten Müßig­gangs. Das Regime bemüht sich, die Bevöl­ke­rung im berufs­fä­hi­gen Alter mit nütz­li­chen Beschäf­ti­gun­gen zu ver­sor­gen – vor allem, wenn sie jung und poten­zi­ell auf­müp­fig ist. Da ist es nicht ver­wun­der­lich, dass der Staat die Vor­tei­le des ras­predelen­je-Sys­tems rühmt. „Die Ver­pflich­tung ist vor allem ein Pri­vi­leg, das den Stu­den­ten gewährt wird“, behaup­tet Iri­na Sta­rowoi­to­wa, stell­ver­tre­ten­de Minis­te­rin für Bil­dung, die uns in ihrem Büro emp­fängt. „Zum einen garan­tiert der Staat ihnen am Ende ihres Stu­di­ums einen Arbeits­platz. Zum ande­ren erhal­ten sie den Sta­tus ‚jun­ge Spe­zia­lis­ten‘, mit dem sie einen Gehalts­zu­schlag bekom­men.“ Die meis­ten Stu­die­ren­den, die wir gefragt haben, wider­spre­chen die­ser Bewer­tung nicht. Eini­ge haben uns zwar ihre Sor­ge anver­traut, sie könn­ten in ein ver­las­se­nes Nest fern ihrer Fami­li­en und Freun­de ver­setzt wer­den, aber das Prin­zip beja­hen sie. „Ich bin im nächs­ten Som­mer am Ende mei­ner bei­den Pflicht­jah­re, aber ich glau­be, ich blei­be noch ein Jahr. Ich habe mich an die­sen Ort gewöhnt“, sagt Koss­a­ja. Sie hält das Sys­tem für „eine gute Sache: Dadurch konn­te ich sofort arbei­ten und Erfah­run­gen sam­meln.“…“

„Kom­pu­te­ris­mus in Bela­rus“ von Ste­fan Scho­ch­er am 03. Febru­ar 2020 in Ost­pol externer Link zu den Aus­wir­kun­gen der mas­si­ven För­de­rung des IT-Sek­tors in Bela­rus unter ande­rem: „… Der Stach­a­now des 21. Jahr­hun­derts, er soll aus der Sicht der Füh­rung nicht mehr in Fabri­ken, auf dem Feld schuf­ten oder im Schacht nach Koh­le hacken. Er hackt Big-Data, Busi­ness Solu­ti­ons, Inno­va­tio­nen. Er arbei­tet in staat­li­chen Cowor­king Spaces, Inku­ba­to­ren oder Hubs: Sein Schlag­ham­mer ist der Lap­top. Die Koh­le för­dert er zurück­ge­lehnt, Lat­te aus einem Mug schlür­fend, auf einem Sitz­sack flä­zend. „Die Nati­on braucht Pro­gram­mie­rer“ steht auf dem Pos­ter einer pri­va­ten Schu­le an einer U‑Bahn-Sta­ti­on im Zen­trum der Stadt. In sowje­ti­schem Pro­pa­gan­da-Pla­kat­stil dar­ge­stellt sind zwei bär­ti­ge jun­ge Män­ner. Der eine trägt dick­ran­di­ge Bril­le, der ande­re eine Flie­ge. Sie bli­cken in ihren karier­ten Hem­den mit stren­gem Blick in die Zukunft. Der Pro­gram­mie­rer ist der neue Held der Arbeit. Es ist zwar das Pla­kat einer pri­va­ten Pro­gram­mier­schu­le, aber die Bot­schaft ent­spricht der Staats­rä­son. Die Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät von Minsk bil­det der­zeit einen Gut­teil der neu­en IT-Eli­te: Lan­ge Gän­ge, ver­schlos­se­ne Türen, vie­le Fra­gen, woher denn das Inter­es­se an dem The­ma kom­me. Der Rek­tor der Uni ver­weist ger­ne auf Spe­zia­lis­ten. Selbst will er nicht viel sagen, wehrt ab, ver­weist auf eine höhe­re Instanz, die man fra­gen müs­se. Er sei das nicht. (…) „Die Men­schen im Land zu hal­ten“, sagt Kirill Zaless­ky, Ver­ant­wort­li­cher für Außen­be­zie­hun­gen im High-Tech-Park am Ran­de von Minsk, sei Prio­ri­tät für den bela­rus­si­schen Staat. Zu Vie­le sind gegan­gen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, haben sich im Aus­land eine Exis­tenz auf­ge­baut: In der Schweiz, den USA, Doha. Das soll sich ändern. And­rei ist zurück­ge­kom­men – vor­läu­fig. Denn eigent­lich, sagt der 40-Jäh­ri­ge, sei der Plan in die USA zu gehen, wo sein Part­ner bereits eine Zwei­ge­stel­le auf­ge­macht hat. Der Markt sei dort ein­fach grö­ßer. In den Hal­len des Mar­riott ist er der ein­zi­ge, der das The­ma anspricht. Geschwei­ge denn wird von Poli­tik gere­det. Bes­ten­falls soviel: „Super ist es in Minsk, das Busi­ness flo­riert.“ Es geht um nied­ri­ge Steu­ern, hohe Gehäl­ter und um Inves­ti­tio­nen; nicht um die soeben abge­hal­te­nen Wah­len, bei denen kein ein­zi­ger Oppo­si­tio­nel­ler den Ein­zug ins Par­la­ment schaff­te. Solan­ge das Busi­ness-Kli­ma passt, ist alles gut. „Wie­so soll ich weg­ge­hen?“ so fragt ein jun­ger Unter­neh­mer. Ein Star in der Mins­ker Sze­ne: Smart, gewandt, leger. Das Inter­net­zeit­al­ter erlau­be es doch, von der hei­mi­schen Couch aus Deals in der gan­zen Welt abzu­schlie­ßen. Tat­säch­lich hat der IT- und High­tech-Sek­tor mas­si­ve Zuwäch­se. Der Markt boomt und schafft eben­so gut bezahl­te wie begehr­te Jobs. Minsk ist, was die IT-Bran­che angeht, längst kein Geheim­tipp mehr. Inter­na­tio­na­le Unter­neh­men haben sich ange­sie­delt. Hei­mi­sche Unter­neh­men expan­die­ren welt­weit. Etwa der Soft­ware­her­stel­ler EPAM oder der Online­gaming-Anbie­ter War­ga­ming mit allei­ne in Minsk 2.000 Mit­ar­bei­tern. In einem Glas­pa­last pro­gram­mie­ren sie für welt­wei­te Kun­den Online-Pan­zer‑, See‑, und Luft­schlach­ten. War­ga­ming ist mitt­ler­wei­le ein Welt­kon­zern mit 18 Stand­or­ten um den Glo­bus. Wer­be­lo­gos der Fir­ma fin­den sich sogar auf Flug­zeu­gen der staat­li­chen Air­line Bela­via. Man prä­sen­tiert sich als das Goog­le der Online­gaming­sze­ne: Offe­ne Büros, Gemein­schafts­räu­me, Kaf­fee­kü­chen, Obst und Kek­se für alle. An der Wand: in Holz gra­vier­te Zita­te des Fir­men­grün­ders...“

Der Bei­trag Was nach die­sen Wah­len anders ist: Nicht nur, dass es die größ­ten Pro­tes­te in Bela­rus sind… erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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