[perspektive:] Der Spiegel nennt ihn Andi, wir nennen ihn Frauenmörder

In Kitzbühel hat ein junger Mann einen Femizid begangen und im selben Zug auch die gesamte Familie der Ermordeten getötet. Ein findiger Autor versucht, daraus spannendes Storytelling zu machen: LeserInnen erfahren, welches Popcorn der Täter mag, vor der Paywall ist der furchtbare Mord nur ein spannender Anleser. – Ein Kommentar von Olga Wolf

„Das Patri­ar­chat ist ein Rich­ter, der uns bei Geburt schon ver­ur­teilt und unse­re Stra­fe ist die Gewalt, die du nicht siehst. Es ist Femi­zid. Straf­lo­sig­keit für mei­nen Mör­der.“

Das sind Text­zei­len aus dem Pro­test­song „Un vio­la­dor en tu cami­no“, den Frau­en auf allen mög­li­chen Spra­chen seit den Auf­stän­den in Chi­le auf­ge­führt haben. Femi­zid, also der Mord an Frau­en auf­grund ihres Geschlechts, ist unsicht­ba­re Gewalt.

Unsicht­bar einer­seits, weil die­se Gewalt im Pri­va­ten pas­siert und das Pri­va­te oft nicht ver­lässt. Unsicht­bar aber auch, weil Medi­en sich seit eh und je unfä­hig geben, die Gewalt als das zu benen­nen, was sie ist.

„Sie nannte ihn Bibi, er nannte sie Mausi“

Ein beson­ders per­fi­des Bei­spiel dafür sorgt gera­de für Empö­rung. Denn Andre­as E. hat erst sei­ne Part­ne­rin, dann ihre gesam­te Fami­lie ermor­det. Anschlie­ßend hat er sich selbst ange­zeigt.

Viel­leicht ist ein Frau­en­mord an sich nicht klick­kräf­tig genug, viel­leicht nicht span­nend genug, um dar­aus einen Arti­kel im Pay­wall-Bereich der Zei­tung zu machen? Über die Beweg­grün­de, den Arti­kel zum Mord mit „Sie nann­te ihn Bibi, er nann­te sie Mau­si“ zu beti­teln, kann zumin­dest ich an die­ser Stel­le nur Ver­mu­tun­gen anstel­len.

Dem Titel folgt eine Erzäh­lung, die viel­leicht eher in einen True Crime-Pod­cast gehö­ren wür­de. Der Täter Andre­as E. wird vor­ge­stellt, wie sei­ne Freun­de von ihm erzäh­len. Dass er Nadi­ne H. und ihrer Fami­lie das Leben nahm, weil die bei­den doch nicht wie ange­dacht hei­ra­ten woll­ten, ist nur ein wei­te­rer Fakt zwi­schen sei­nem Auto und Lieb­lings­ga­me.

„Ruhig, fleißig und nett“

Ande­re Zei­tun­gen schaf­fen es zwar, den Täter nicht in ein der­art nah­ba­res oder ver­ständ­nis­vol­les Licht zu rücken. Doch auch die Kro­ne beschreibt zuerst den Zustand der Bezie­hung: „Der 26-Jäh­ri­ge und sei­ne Freun­din gal­ten als Traum­paar im Tiro­ler Kitz­bü­hel. Die bei­den woll­ten hei­ra­ten, doch die Bezie­hung ging in die Brü­che. Dar­auf­hin woll­te der 26-Jäh­ri­ge Rache – fünf Men­schen muss­ten ster­ben.“.

Schluss mit dem Ver­ständ­nis für mor­den­de Expart­ner!

Der Mör­der wird als „ruhig, flei­ßig und nett“ beschrie­ben. Tat­säch­lich, die Täter der rund 300 Frau­en­mor­de, die jähr­lich in Deutsch­land ver­übt wer­den, sind nicht 300 vor Wut rasen­de, unfreund­li­che Män­ner, von denen es ohne­hin alle erwar­tet hät­ten. Femi­zid ist kei­ne Aus­nah­me und es wird immer jeman­den geben, der den Täter „eigent­lich immer sehr nett“ fand.

Profitlogik hört bei Frauenmorden nicht auf

Ist es da nicht hilf­reich, dass Medi­en die Täter als nah­ba­re, nor­ma­le Typen beschrei­ben? Hilft es nicht zu ver­ste­hen, dass Femi­zi­de auch in Deutsch­land trau­ri­ge Rea­li­tät sind, kei­ne Aus­nah­me?

Nicht, solan­ge die Land­schaft der Schlag­zei­len zu die­sem Fall geprägt ist von „Schuld, Süh­ne und Schmerz„, „Fünf­fach­mord aus Eifer­sucht“ und „Bibi und Mau­si“. Denn die Berich­te die­nen nicht dazu, Ver­ständ­nis für die pro­ble­ma­ti­sche, struk­tu­rel­le Gewalt zu schaf­fen, son­dern Ver­ständ­nis für die Täter.

Frau­en­mor­de, Femi­zi­de als sol­che zu benen­nen, ist das min­des­te. Mord und Gewalt als sol­che zu bezeich­nen, statt in der Qua­li­tät der Bezie­hung nach guten Beweg­grün­den zu suchen, muss eigent­lich selbst­ver­ständ­lich sein. Dar­aus kann man aber bedeu­tend schlech­ter eine halb­stün­di­ge Audio­sto­ry mit Span­nungs­bo­gen stri­cken.

Femi­zid scheint viel weni­ger rei­ße­risch zu sein als ein Lie­bes­dra­ma zwi­schen Mau­si und Bibi. Die Medi­en­land­schaft straft Frau­en mit dem sel­ben Ver­ständ­nis für Täter wie die Jus­tiz – also wer­den wir selbst die Gewalt benen­nen und sicht­bar machen.

Pro­tests in Tur­key after the kil­ling of 27-year old Pinar Gül­te­kin & the government’s plan to with­draw from the Istan­bul con­ven­ti­on on com­ba­ting vio­lence against women.pic​.twit​ter​.com/​6​2​T​2​L​0​9​86s#Pin­ar­Gül­te­kin #Pin­ar­Gül­te­ki­nI­çi­n­A­da­let #Istan­bul­Sozleş­me­si­Yaşa­tır #Tür­ki­ye

— Mad­hu­van­thi Sri­ni­va­san | مدهوونتی شرینیوسن (@MadhuvanthiS95) July 21, 2020

Der Bei­trag Der Spie­gel nennt ihn Andi, wir nen­nen ihn Frau­en­mör­der erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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