[gG:] „Es ist der Traum von kollektiver Verantwortung füreinander“

„Es ist der Traum von kol­lek­ti­ver Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der“
12. August 2020 Mar­cel Mal­a­chow­ski

Im Inter­view mit Tele­po­lis äußern sich die Bewohner*innen der Liebig34 erst­mals aus­führ­lich. Liebig34 gilt als die zur Zeit mili­tan­tes­te lin­ke Grup­pe in Deutsch­land und defi­niert sich anar­cha-queer-femi­nis­tisch.

Die links­ra­di­ka­le und radi­kalopp­po­si­tio­nel­le Sze­ne in Ber­lin, Leip­zig und Ham­burg wird zur Zeit domi­niert von der Furcht vor Räu­mun­gen der bekann­tes­ten Haus- und Wohn­pro­jek­te, vor allem in den Sze­ne-Kiezen Neu­köll­ns und Fried­richs­hains, die sich all­mäh­lich zu Hips­ter-Hoch­bur­gen wan­deln.

Neben der Rigaer94 ist die Liebig34 das in ganz Euro­pa bekann­tes­te Pro­jekt (es woh­nen nur Frau­en, Trans* und „Nicht-Cis-Männer“/Nicht-Binäre/Transgender dort) und wird offen­siv unter­stützt von Anarcha­fe­mi­nis­tin­nen aus Süd­ame­ri­ka „from the end of the world“. Aber auch in der lin­ken Sze­ne ist das Haus und sei­ne Aus­rich­tung nicht ganz unum­strit­ten, auch in Bezug auf die Art und Wei­se der mili­tan­ten Aktio­nen, die es in die­ser Form seit den 1990ern in Deutsch­land kaum mehr gab. Die Poli­zei Ber­lin hält die Grup­pe oder das Umfeld für Dut­zen­de schwe­rer Straf­ta­ten ver­ant­wort­lich, Behör­den kri­ti­sie­ren teils offe­ne Auf­ru­fe zur Gewalt. Eines ihrer poe­tisch-roman­ti­schen Mot­ti heißt: „Unse­ren Hass könnt ihr haben, unser Lachen kriegt ihr nie“.

Die Liebig34 soll in nächs­ter Zeit zwangs­ge­räumt wer­den – wie auch die femi­nis­ti­sche Wagen­burg an der Rum­mels­bur­ger Bucht und das Tra­di­ti­ons-Jugend­zen­trum Potse/​Drugstore am Schö­ne­ber­ger Queer- und Mul­ti­kul­ti-Kiez. Im Moment wer­den noch juris­ti­sche Mög­lich­kei­ten aus­ge­schöpft, Aktio­nen sind ange­kün­digt. Bei vor­he­ri­gen Aktio­nen gab es unter ande­rem Brand­sät­ze in Gerich­ten, Stür­mun­gen von Gerichts­sä­len oder Seri­en von Dut­zen­den Brand­an­schlä­gen.

Liebig34 gilt daher nicht nur den Sicher­heits­be­hör­den als sehr gut ver­netz­te, mit Abstand mili­tan­tes­te lin­ke Grup­pe in Deutsch­land und Mit­tel­eu­ro­pa. Tei­le der lin­ken Sze­ne leh­nen ihre Aktio­nen und ihre strikt anti-sexis­ti­sche Aus­rich­tung ab, auch in Tei­len der Links­par­tei und des rot-rot-grü­nen Senats in Ber­lin gibt es seit Jah­ren sehr hef­ti­gen Streit über den Umgang mit Liebig34, die sich als anar­cha-queer-femi­nis­tisch betrach­ten.

Der Anarcha­fe­mi­nis­mus ist eine poli­ti­sche und sozia­le Aus­rich­tung, die ansons­ten nur in Süd­ame­ri­ka (vor allem in Boli­vi­en und in Bra­si­li­en) und in Spa­ni­en und Kata­lo­ni­en sehr ver­brei­tet ist und auf eine dort regio­nal extrem gro­ße Unter­stüt­zung in der Gesamt­be­völ­ke­rung zäh­len kann, auch im Kampf gegen Gewalt gegen Frau­en, All­tags-Sexis­mus, töd­li­che Armut und Aus­beu­tung durch Lohn­ar­beit.

Der Twit­ter-Account der Liebig34 wur­de vor kur­zem gesperrt. Die Grün­de sind unklar. Unter ande­rem die Hol­ly­wood-Autorin und Ham­bur­ger Best­sel­ler-Autorin Cor­ne­lia Fun­ke (u.a. „Tin­ten­herz“) setz­te sich für den Erhalt u.a. von Liebig34 in der Initia­ti­ve „Kein Haus weni­ger!“ ein.

Was sind Eure Befürch­tun­gen für die nächs­te Zeit, was die Exis­tenz der Liebig34 betrifft?

Liebig34: Wir haben Angst, dass unser Kol­lek­tiv aus den Räu­men unse­res Haus­pro­jekts der Liebigstraße34 geräumt wird. Da unser Pacht­ver­trag im Janu­ar 2019 aus­ge­lau­fen ist, leben wir seit­dem mit einer unge­wis­sen Zukunft. Wir haben beschlos­sen die Räu­me nicht zu ver­las­sen und für den Erhalt des Pro­jek­tes zu kämp­fen. Gerichts­ur­tei­le wur­den gegen uns gespro­chen und unser Kol­lek­tiv soll wohl in naher Zukunft zwangs­ge­räumt wer­den.

Was bedeu­tet das denn für euer per­sön­li­ches Leben?

Liebig34: Wir wer­den, wie so vie­le Men­schen tag­täg­lich, zwangs­ge­räumt. Wir haben dann kei­nen Wohn­ort mehr und wir haben kei­nen Raum mehr, in dem wir unser anar­cha-queer-femi­nis­ti­sches Pro­jekt wei­ter leben kön­nen. Eine Räu­mung wird ein hef­ti­ger und trau­ma­ti­scher Ein­schnitt in unse­ren Leben sein. Jede* von uns kämpft aber momen­tan gegen die­se Räu­mung und die Leben dre­hen sich auch viel um unse­ren femi­nis­ti­schen Wider­stand.

Nun gab es vor­letz­tes Wochen­en­de in Ber­lin eine der größ­ten lin­ken Demos seit lan­gem in Deutsch­land zur Soli­da­ri­tät mit Liebig34. War die letz­te Demo in Neu­kölln ein Erfolg? Das Syn­di­kat, eine lin­ke Sze­ne­knei­pe am Tem­pel­ho­fer Feld, wur­de trotz­dem geräumt. Es gab sehr mas­si­ve Gewalt wie seit lan­gem nicht, letz­ten Don­ners­tag­abend und dann Frei­tag früh, als der Gerichts­voll­zie­her kam …

Liebig34: Die Demo am 01.08. war ein Erfolg, da es ein wich­ti­ger Schritt war aus der Defen­si­ve zu kom­men. Es wur­de gezeigt, dass wir nicht nur dar­auf reagie­ren, wenn uns unse­re Räu­me genom­men wer­den, son­dern auch Mus­ter durch­bre­chen und selbst­be­stimmt Wider­stand leis­ten. Ja, das Syn­di­kat wur­de trotz­dem geräumt. Aber wir müs­sen die Ent­wick­lun­gen in einem Gro­ßen und Gan­zen betrach­ten. Vie­le Leu­te haben ihre Wut auf die Stra­ße getra­gen und wer­den das in Zukunft wei­ter tun. Die­se Unge­rech­tig­kei­ten wer­den nicht unbe­ant­wor­tet und wider­stands­los pas­sie­ren. Wir wer­den zu einer rea­len Bedro­hung.

Aber was werft Ihr dem (lin­ken) Ber­li­ner Senat vor?

Liebig34: Eigent­lich wer­fen wir dem Ber­li­ner Senat gar nichts vor, denn wir erwar­ten auch nichts von denen. Es ist so viel Schei­ße pas­siert und dafür ist der Ber­li­ner Senat ver­ant­wort­lich – sei es die Räu­mung der Geflüch­te­ten­be­set­zung in der Ohlau­er Stra­ße, sei es die Ver­tu­schung und Klein­hal­tung des gan­zen Kom­ple­xes um die rech­ten Anschlä­ge in Neu­kölln. All die Ver­spre­chun­gen, gegen den Aus­ver­kauf der Stadt vor­zu­ge­hen oder eine queer­freund­li­che­res Ber­lin zu gestal­ten, sind lee­re Phra­sen. Der Senat macht sich seit lan­gem zum Spiel­ball von Investor*innen und Immobilienhaien.Die Poli­zei könn­te Befeh­le ver­wei­gern.

Und ver­traut ihr deut­schen Gerich­ten noch? Leben wir in einem Rechts­staat?

Liebig34: Es wäre pole­misch zu sagen, dass wir hier in Deutsch­land in kei­nem Rechts­staat leben. Wir leben in Zei­ten, in denen Men­schen wie Erdo­gan, Orban oder Trump regie­ren. Aber natür­lich trägt Deutsch­land eine rie­sen­gro­ßen Teil dazu bei, dass in ande­ren Län­dern der Rechts­staat aus­ge­he­belt wer­den kann. Das kön­nen wir nicht über­se­hen. Wenn wir uns also als Teil des­sen sehen, müs­sen wir an deut­sche Gerich­te und des­sen Rechts­staat­lich­keit zwei­feln.

Berei­tet ihr euch auf die Räu­mung vor?

Liebig34: Natür­lich. Wir berei­ten uns auf ver­schie­de­nen Ebe­nen auf eine Räu­mung vor und mobi­li­sie­ren ja auch jetzt schon zu akti­vem Wider­stand, um eine Räu­mung zu ver­hin­dern.

Mit was muss die Poli­zei rech­nen?

Liebig34: Jede Räu­mung hat ihren Preis und den muss auch die Poli­zei zah­len. Die­se Insti­tu­ti­on ist ein signi­fi­kan­ter Aus­wuchs des kapi­ta­lis­ti­schen Patri­ar­chats. Sie sind das aus­füh­ren­de Organ, das die Räu­mung durch­füh­ren wird. Sie waren es, die das Syn­di­kat geräumt und Men­schen mit Knüp­peln weg­ge­prü­gelt haben. In einer Welt, in der uns Selbst­be­stim­mung und Wie­der­an­eig­nung von Pro­duk­ti­ons­mit­teln ver­un­mög­licht wird, ist die Poli­zei zen­tra­ler Angriffs­punkt für anti­au­to­ri­tä­ren und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Wider­stand. Das sehen wir gera­de welt­weit und das ist auch hier der Fall.

Habt ihr Mit­leid mit Polizist*innen?

Liebig34: Nein. Die Polizist*innen haben sich ihren Job aus­ge­sucht und obwohl sie eigent­lich tag­täg­lich damit kon­fron­tiert wer­den, dass Men­schen Angst vor ihnen haben, um ihr Leben ban­gen, wenn sie die Poli­zei sehen oder sie ver­ach­ten, weil sie sie nicht als „Freund und Hel­fer“ sehen, blei­ben sie in die­sem Beruf. Das ist eine Ent­schei­dung aus Über­zeu­gung. Und die­se Über­zeu­gung steht kon­trär zu unse­ren Idea­le einer befrei­ten Gesell­schaft. Wir haben ja auch kein Mit­leid mit Groß­in­ves­to­ren, die Leu­te zwangs­räu­men las­sen und nur Platz für Rei­che schaf­fen. Die Poli­zei über­nimmt die­se Drecks­ar­beit und nicht sel­ten fin­den sie die­se Gewalt­aus­übung auch rich­tig geil. Sie könn­ten Befeh­le ver­wei­gern.

Viel­leicht wäre die Poli­zei mensch­li­cher, wenn es mehr Beam­tin­nen und Tran­speop­le dort gäbe?

Liebig34: Wir leh­nen die Poli­zei als Insti­tu­ti­on ab und da hilft es nicht, sich auf Ein­zel­fäl­le zu fokus­sie­ren. Die Poli­zei übt patri­ar­cha­le Gewalt aus und das auch inner­halb ihrer eige­nen Krei­se. Da hel­fen kei­ne Indi­vi­du­en, die die Quo­te stel­len. Außer­dem ist es fatal zu den­ken, dass eine Frau per se men­schen­freund­li­cher ist. In den höchs­ten Rän­gen der AfD tum­meln sich Frau­en, die beson­ders gewalt­vol­le und men­schen­feind­li­che Poli­tik betrei­ben.

Und in wel­cher poli­ti­schen Tra­di­ti­on seht ihr euch denn eigent­lich? In der der deut­schen Lin­ken oder eher eines herr­schafts­frei­en Inter­na­tio­na­lis­mus, der zuvör­derst die Rech­te von Frau­en berech­tig­ter­wei­se in den Mit­tel­punkt stellt?

Liebig34: Unser Kol­lek­tiv ist sehr divers und inter­na­tio­nal. Das heißt die unter­schied­lichs­ten Men­schen tref­fen auf­ein­an­der. Wir kön­nen da schwer von einer gemein­sa­men poli­ti­schen Tra­di­ti­on spre­chen. Wir ver­or­ten uns (mehr oder weni­ger) alle als Anarchist*innen, Queers und Feminist*innen und füh­ren gera­de in die­sen Berei­chen durch­wegs Dis­kus­sio­nen, um uns auch zu posi­tio­nie­ren.

Frau­en und Tran­speop­le wer­den welt­weit wei­ter­hin aus­ge­beu­tet, unter­drückt, ermor­det – was sagt Ihr den Män­nern als Bot­schaft, die das machen, akzep­tie­ren oder weg­se­hen?

Liebig34: Als Queer-Feminist*innen wol­len wir uns nicht so sehr auf Täter fokus­sie­ren, son­dern dar­auf, uns mit Betrof­fe­nen von sexua­li­sier­ter Gewalt, Unter­drü­ckung und Dis­kri­mi­nie­rung zu soli­da­ri­sie­ren, zu orga­ni­sie­ren und gemein­sam zurück­zu­schla­gen.

Bei all den Ver­bre­chen, die Frau­en in der Geschich­te ange­tan wur­den – soll­ten Frau­en mehr Rech­te bekom­men als Män­ner, als Gut­ma­chung … denn auch heu­ti­ge, nicht-sexis­ti­sche Män­ner pro­fi­tie­ren ja von den „alten“ Ver­bre­chen der Män­ner?

Liebig34: Es geht uns nicht um die glei­chen „Rech­te“ oder um eine Gleich­stel­lung á la glei­che Löh­ne für alle. Es geht uns um die Abschaf­fung des Patri­ar­chats. Eine kapi­ta­lis­ti­sche Gesell­schaft fußt auf dem Patri­ar­chat, also einer hege­mo­nia­len Männ­lich­keit. Wir wol­len das wir frei von Gen­der bzw. Geschlech­tern leben und frei von Unter­drü­ckung von Frau­en­Les­ben­In­ter- und Trans­per­so­nen struk­tu­rell, aber auch im Pri­va­ten. Außer­dem stre­ben wir eine herr­schafts­freie Gesell­schaft an, in der nicht ein­zel­ne pri­vi­le­giert wer­den und Macht über ande­re aus­üben.

Mal ganz naiv gefragt: Wel­ches sind die Stär­ken von Frau­en, die Män­ner nicht haben kön­nen?

Liebig34: Das ist eine schwie­ri­ge Fra­ge. Wir kämp­fen ja auch gegen die Bina­ri­tät die­ser Gesell­schaft an, das heißt, dass wir in strik­ten Kate­go­rien von zwei Geschlech­tern den­ken. Queerfeminist*innen kämp­fen ja dafür, dass aner­kannt wird, dass Geschlecht durch die Gesell­schaft geschaff­ten wird. In einer befrei­ten Gesell­schaft gibt es die­se Schub­la­den nicht mehr. Das ver­su­chen wir auch schon jetzt zu leben.

Aber soll­ten Män­ner denn weib­li­cher wer­den? War­um ist es wei­ter­hin ver­pönt, dass Heten-Män­ner Gefüh­le zei­gen, schwach sind, pink lie­ben, Make-up tra­gen, put­zen, bedie­nen, high-heels anzie­hen?

Liebig34: Gera­de auch in Zei­ten eines rech­ten Back­lash und einer Zunah­me von kon­ser­va­ti­ven Ein­stel­lun­gen, wird wie­der auf eine stark patri­ar­cha­le Gesell­schafts­ord­nung zurück­ge­grif­fen. Das geht ein­fach von star­ren Cha­rak­ter­zü­gen und Ver­hal­tens­mus­ter auf­grund von Geschlecht aus. Die Vor­herr­schaft des Cis-Man­nes fußt dar­auf, dass ihm Stär­ke und Macht zuge­schrie­ben wird. Schwä­chen wer­den eher den Nicht-Män­nern zuge­schrie­ben, sodass sie eben unter­drückt wer­den. Es ver­wun­dert nicht, dass in einer Zeit der auto­ri­tä­ren For­mie­rung eben auch „schwa­che Män­ner“ ver­pönt sind.

Die Geschich­te des auf­ge­klär­ten Femi­nis­mus ist die groß­ar­tigs­te der Welt … Frau­en haben durch eige­ne Kämp­fe ihre Leben zurück­er­obert … Was muss noch gesche­hen?

Liebig34: Gera­de in den inter­na­tio­na­len Kämp­fen, zum Bei­spiel in Süd­ame­ri­ka, kön­nen wir so viel von den Feminist*innen ler­nen. Auch in der Ver­gan­gen­heit der Frauen*bewegungen kön­nen wir uns Schei­ben abschnei­den. Gera­de in Deutsch­land wird der Femi­nis­mus­be­griff häu­fig auf­ge­weicht. Da wün­schen wir uns eine kla­re­re anti­ras­sis­ti­sche und anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Hal­tung, die auch kon­fron­ta­tiv ist. Wir brau­chen kei­nen Kuschel-Femi­nis­mus. Die Vor­herr­schaft des wei­ßen Cis-Man­nes ist eine rea­le Bedro­hung, die Men­schen welt­weit aus­löscht. Das muss uns bewuss­ter sein.

Die Hälf­te der Welt den Frau­en, die Hälf­te der Haus­ar­beit den Män­nern, so ein alter Slo­gan … War­um nicht die gan­ze Welt? War­um nicht die gan­ze Haus­ar­beit den Män­nern? Wäre es nicht Zeit für eine kom­plet­te Umkeh­rung die­ser Zwangs­struk­tu­ren in Haus­hal­ten? Put­zen zum Bei­spiel gilt als „weib­lich“, eigent­lich absurd …

Liebig34: Die Zwangs­struk­tur ist nicht der Haus­halt per se, son­dern das, was die Gesell­schaft aus die­sem sozia­len Ort macht. Genau­so ver­hält es sich mit Geschlech­ter­rol­len. Es ist also nicht das Ziel, Rol­len umzu­keh­ren, son­dern die­se völ­lig auf­zu­he­ben. In einer befrei­ten Gesell­schaft wür­de Arbeit im Haus­halt wahr­schein­lich genau­so wich­tig sein, wie der Bau eines Hau­ses. Es geht um das Ver­än­dern des gro­ßen Gan­zen, nicht ein­fach um Umkehr inner­halb den Mau­ern des Sys­tems.

Was heißt Gen­tri­fi­zie­rung für euch?

Liebig34: Gen­tri­fi­zie­rung ist Ver­drän­gung. Ber­lin wird eine Stadt, in der nur noch rei­che Men­schen woh­nen kön­nen und von der auch nur die Ober­schicht pro­fi­tie­ren kann. All die Men­schen, die nicht in die­ses Bild pas­sen, sol­len aus den Innen­städ­ten ver­schwin­den, wer­den unsicht­bar gemacht oder aktiv von der Poli­zei aus dem öffent­li­chen Raum ver­trie­ben. Das ist auch an unse­rem Bei­spiel sicht­bar. Gen­tri­fi­zie­rung ist ein Mecha­nis­mus in der kapi­ta­lis­ti­schen Ver­wer­tungs­lo­gik. Es ist Unter­drü­ckung und macht uns wütend. Es ist ein rie­sen­gro­ßes Pro­blem hier in Ber­lin und zieht sich auch durch unser Vier­tel. Nachbar*innen wer­den zwangs­ge­räumt, Freund*innen müs­sen mehr Jobs anneh­men, um die Mie­te zu bezah­len und nach und nach zie­hen die Men­schen, die die­se Kieze gestal­tet haben, weg. Men­schen, die in die­ser Stra­ße seit Jahr­zehn­ten leben, kön­nen es sich nicht mehr leis­ten, oder haben auch all die Orte ver­lo­ren, die für sie den Kiez aus­ge­macht haben.
Nicht nur in Ber­lin, auch in Bue­nos Aires, Madrid, Bar­ce­lo­na, Lis­sa­bon, Flo­renz oder Los Ange­les …

Ja, aber kann sich denn jeder Eurem Kampf & Eurer Lebens­wei­se anschlie­ßen? Was erwar­tet ihr von Cis-Män­nern?

Liebig34: Na klar. Alle Men­schen, die sich unse­rem Kampf anschlie­ßen wol­len, sind will­kom­men. Cis-Män­ner soll­ten sich mit ihrer eige­nen Posi­ti­on in der Gesell­schaft aus­ein­an­der­set­zen und sich selbst reflek­tie­ren. So wie aber auch ande­re Per­so­nen.

Eure Aktio­nen sind cool, pro­vo­kant, ener­gie­ge­la­den – woher nehmt Ihr die Kraft?

Liebig34: Wir ver­su­chen immer, auch eine femi­nis­ti­sche Pra­xis zu haben. Das heißt auch mit­ein­an­der und durch­ein­an­der Kraft zu schöp­fen. Wir reden über unse­re Ängs­te und ver­su­chen, die­se gemein­sam aus dem Weg zu schaf­fen oder eben auch die­se zu respek­tie­ren. Natür­lich klappt das alles auch nicht immer per­fekt und wir müs­sen auch echt viel aus­dis­ku­tie­ren und auch mal strei­ten. Aber das gehört eben auch dazu. Die Unter­stüt­zung von außen, von so vie­len Men­schen, Grup­pen, Struk­tu­ren macht auch Mut und zuletzt trei­ben uns natür­lich unse­re Über­zeu­gun­gen an, und unse­re Hoff­nung auf eine bes­se­re Zukunft.

Habt ihr denn Vor­bil­der in eurem femi­nis­ti­schen Kampf und selbst­be­stimm­ten Leben? Auch aus der Pop­kul­tur?

Liebig34: Ach, da gibt es so vie­le. Wir reden und idea­li­sie­ren so häu­fig femi­nis­ti­sche Kämpfer*innen, sei es Partisan*innen, Schriftsteller*innen oder auch ein­fach mal eine Pop­sän­gerin. Da kön­nen wir nicht von dem einen Vor­bild reden. Uns inspi­rie­ren und empowern echt eini­ge Men­schen. Sich his­to­risch mit femi­nistischen und revo­lu­tio­nä­ren Kämp­fen aus­ein­an­der­zu­set­zen, gibt uns auch Hoff­nung und Mut. Und dann haben wir auch ein­fach mal Bock, zu Bey­on­cé zu tan­zen und über die neus­ten Mode­trends zu dis­ku­tie­ren.

Der Neo­na­zi-Mord an der Sex-Arbei­te­rin Bea­te Fischer in der Ber­li­ner Resi­denz­stra­ße war rei­ne Bar­ba­rei von Cis-Män­nern … War­um ler­nen Cis-Män­ner nicht dar­aus?

Liebig34: Es war eine Bar­ba­rei von Neo­na­zis. Femi­zi­de wer­den immer unsicht­bar gemacht. Es wird von Bezie­hungs­ta­ten und Ein­zel­fäl­len gere­det. Aber dass dies Resul­ta­te von einem auf Gewalt basier­ten Sys­tem sind, kommt sel­ten. Cis-Män­ner wer­den vom Sys­tem in eine unter­drü­cken­de Rol­le gestellt und Mor­de wie die­se sind Aus­druck die­ser Gewalt. In ande­ren Kon­tex­ten ist das ein viel grö­ße­res The­ma, zum Bei­spiel in Mexi­ko gibt es regel­mä­ßig kraft­vol­le Pro­tes­te gegen die­se Femi­zi­de.

Der Anarcha­fe­mi­nis­mus ist in Süd­ame­ri­ka, aber auch in Süd­ita­li­en und Süd­spa­ni­en recht ver­brei­tet und sehr kraft­voll und wütend. Wie erklärt Ihr euch das?

Liebig34: Wir leben in einem kapi­ta­lis­tisch weit fort­ge­schrit­te­nen Staat, mit einem kla­ren Fokus auf Law&Order. Mög­lich­kei­ten für anar­chis­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sie­rung und Lebens­räu­me wer­den auf ein Mini­mum redu­ziert. Auch in Ber­lin. In Latein­ame­ri­ka gibt es ande­re Mög­lich­kei­ten, aber auch eine lan­ge Tra­di­ti­on anti­au­to­ri­tä­rer, femi­nis­ti­scher und anar­chis­ti­scher Kämp­fe.

Was bedeu­tet für Euch Anarcha­fe­mi­nis­mus?

Liebig34: Anarcha­fe­mi­nis­mus ist kein fest­ge­setz­ter Begriff und kei­ne fest­ge­leg­te Theo­rie. Wir ori­en­tie­ren uns an einem anti­au­to­ri­tä­ren Femi­nis­mus, der hier­ar­chie­frei sein soll. Da gren­zen wir uns schon von ande­ren Femi­nis­men ab. Wir leben selbst­ver­wal­tet und selbst­or­ga­ni­siert, also ganz nach einem anar­chis­ti­schen Do-It-Yourself Ansatz. Wir ver­wal­ten also auch unser Haus selbst und ver­su­chen, uns so weit es geht ohne Staat zu orga­ni­sie­ren.

Ihr wirkt und Ihr seid kämp­fe­risch, Ihr defi­niert Femi­nis­mus cool … In Fried­richs­hain kur­sie­ren auch Shirts mit dem lila Schrift­zug „Anti­se­xis­ti­sche Pöbel­ak­ti­on“. Kön­nen eigent­lich auch Quee­re bei euch mit­wir­ken oder gar leben, die eher scheu sind und lie­ber im Hin­ter­grund für Eure Zie­le arbei­ten, zum Bei­spiel im Haus­halt, wie in matri­ar­cha­li­schen Pro­vin­zen Mexi­kos?

Liebig34: Ich weiß jetzt nicht wie das in den matri­ar­cha­li­schen Pro­vin­zen Mexi­kos ist. Bei uns sind vie­le ver­schie­de­ne Cha­rak­te­re und wir ver­su­chen, die Kli­schees und gesell­schaft­li­chen Zuschrei­bun­gen auch auf­zu­bre­chen. Wir sind nicht nur die star­ken femi­nis­ti­schen Kämpfer*innen, son­dern auch ver­letz­lich und ängst­lich. Im Kampf um die Ver­tei­di­gung unse­res Hau­ses gibt es auch ver­schie­de­ne Arbei­ten, da ist die emo­tio­na­le Arbeit, die Sor­ge­ar­beit, krea­ti­ve Arbeit und und und. Das ver­su­chen wir alles gleich­wer­tig zu behan­deln und anzu­er­ken­nen.

Man/​n wirft Euch Gewalt vor. Was ist Euch für euch Gewalt und was berech­tig­ter Wider­stand gegen das Patri­ar­chat?

Liebig34: Patri­ar­cha­le Gewalt wirkt tag­täg­lich auf uns ein. Wir haben eine jahr­hun­der­te­lan­ge Geschich­te von Unter­drü­ckung mar­gi­na­li­sier­ter Men­schen hin­ter uns und auch jetzt pas­sie­ren unsag­ba­re Din­ge. Das alles erfor­dert Gegen­ge­walt. Es soll­te unse­re Pflicht sein, gera­de auch in die­sen düs­te­ren Zei­ten, Wider­stand zu leis­ten und auf­zu­be­geh­ren. Solan­ge das Patri­ar­chat nicht zer­stört ist, ist Wider­stand not­wen­dig.

Was lief in der Geschich­te der Lin­ken schief? War­um wur­den Frau­en­rech­te oft aus­ge­klam­mert? Wobei der Begriff „Frau­en­rech­te“ fast schon belei­di­gend ist, da die­se ja selbst­ver­ständ­lich sein soll­ten …

Liebig34: Die Geschich­te hat immer wie­der gezeigt, dass „links“ zu sein, nicht bedeu­tet, frei von Vor­ur­tei­len und Macht­struk­tu­ren zu sein. Das zeigt sich sowohl in Bezug auf die Rol­le von Frau­en*, aber auch in der Bezug­nah­me auf die Kämp­fe und Exis­ten­zen von Schwar­zen Men­schen und Peop­le of Color. Selbst in revo­lu­tio­nä­ren Kämp­fen haben Cis-Män­ner die unter­drü­cken­de Rol­len­vor­stel­lung von „der Frau am Herd-der Mann im Kampf“ repro­du­ziert. Anders­rum erle­ben wir auch, dass femi­nis­ti­sche Kämp­fe ange­eig­net wer­den, anstatt mit den Betrof­fe­nen zusam­men­zu­ar­bei­ten. Das war frü­her so und ist heu­te so.

Ver­hal­tens­re­geln für Män­ner in Lebens­räu­men von Frau­en gibt es ja in vie­len FLINT-Pro­jek­ten berech­tig­ter­wei­se. Wel­che sind die wich­tigs­ten? Auch Bli­cke oder klei­ne Äuße­run­gen kön­nen ja Gewalt sein …

Liebig34: Naja, es ist schwer von Ver­hal­tens­re­geln zu spre­chen. Es sind ja häu­fig Vor­schlä­ge, die Cis-Män­ner ernst neh­men soll­ten, wenn sie wirk­lich Ver­bün­de­te sein wol­len. Da ist das Wich­tigs­te auf jeden Fall eine ehr­li­che Selbst­re­flek­ti­on und Acht­sam­keit. Wenn sich ein Typ auf einer Par­ty auf­dring­lich ver­hält und mit sei­nem sexis­ti­schen Ver­hal­ten kon­fron­tiert wird, soll­te er eine sol­che Kri­tik anneh­men und sich dem­entspre­chend anders ver­hal­ten kön­nen. Dann wäre ja auch alles ok. Wenn das nicht geschieht, muss dage­gen eben vor­ge­gan­gen wer­den.
In der Gesell­schaft, in der wir leben, die auf Gewalt­aus­übung und Macht­dy­na­mi­ken basiert, üben wir alle auch Gewalt und Macht aus. Das in sich zu sehen und dar­an zu arbei­ten ist nicht nur für Cis-Män­ner wich­tig. Für die­se Selbst­re­flek­tio­nen ver­su­chen wir, Rah­men zu schaf­fen, auch damit wir uns als Betrof­fe­ne vom Patri­ar­chat sicher und hand­lungs­fä­hig füh­len.

Wel­che Ver­hal­tens­wei­sen von Cis-Män­nern im All­tag sind ein­fach zum Kot­zen? Wel­che Äuße­run­gen könnt iIr nicht mehr hören? Wel­che Wör­ter?

Liebig34: All­tags­se­xis­mus ist zum Bei­spiel immer noch ein Rie­sen­the­ma. Da kannst du aus einem femi­nis­ti­schen Haus­pro­jekt raus­lau­fen mit einem kur­zen knap­pen Rock und wirst immer noch ange­bag­gert, kom­men­tiert und sexua­li­siert. Das ist auch unse­re Rea­li­tät und wirft auch echt immer wie­der aus der Bahn. Da kom­men nicht immer die guten kon­fron­ta­ti­ven Sprü­che, son­dern häu­fig will man sich wie­der in sein Schne­cken­häus­chen ver­krie­chen. Das und so vie­les hat uns ja auch dazu gebracht, uns ohne Cis-Män­ner zu orga­ni­sie­ren und Schutz­räu­me mit­zu­ge­stal­ten.

Der Anar­chis­mus ist in Nord­eu­ro­pa kaum bekannt – im Gegen­satz zu Spa­ni­en oder Boli­vi­en etwa. Wie erklärt Ihr euch das?

Liebig34: Anar­chis­mus war und ist in Nord­eu­ro­pa auch ein The­ma, nur vie­len Leu­ten ist nicht bewusst, wo über­all anar­chis­ti­scher Input drin­steckt. Zum Bei­spiel der Streik als Druck­mit­tel ist jetzt Nor­ma­li­tät, ist aber aus einer anar­chis­ti­schen Ana­ly­se ent­stan­den. Der Begriff des Anar­chis­mus wird an vie­len Orten unsicht­bar gemacht, weil er eine rea­le Bedro­hung ist und war.

Aber wie defi­niert Ihr denn Anar­chis­mus?

Liebig34: Anar­chis­mus bedeu­tet, sich abseits von Staat und Kapi­tal zu orga­ni­sie­ren und ein Leben auf­zu­bau­en, in dem wir kol­lek­tiv und selbst­be­stimmt leben und zusam­men aus­han­deln, wel­che Bedürf­nis­se wir haben und was wir als ein­zel­ne dazu bei­tra­gen, damit die­se Bedürf­nis­se erfüllt wer­den. Es heißt für uns, alles abzu­leh­nen, was uns unter­drückt, und auf­zu­bau­en, was uns davon befreit. Das machen wir jetzt schon kon­kret, zum Bei­spiel in unse­rer kol­lek­ti­ve Haus­ge­mein­schaft.
Wir kön­nen auch ver­su­chen, das ganz sim­pel run­ter­zu­bre­chen: Anar­chis­mus ist die Idee einer befrei­ten Gesell­schaft ohne Hier­ar­chien und Auto­ri­tä­ten. Es ist der Traum von kol­lek­ti­ver Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der und nicht für eine indi­vi­du­el­le Befrei­ung von ein­zel­nen „Gewin­nern“. Also kann Anar­chis­mus eigent­lich nur femi­nis­tisch sein.

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