[gG:] Gerechtigkeit jenseits von Polizei, Justiz und Gefängnis?

Ansät­ze Trans­for­ma­ti­ver Gerech­tig­keit zum Umgang mit zwi­schen­mensch­li­cher Gewalt in Gemein­schaf­ten
Erst­ver­öf­fent­licht Juni 2020 auf fem​ref​.uni​-olden​burg​.de

Trig­ger-War­nung: Der fol­gen­de Text beschäf­tigt sich mit For­men zwi­schen­mensch­li­cher, vor allem sexua­li­sier­ter Gewalt, und Umgän­gen damit. Die­se The­men kön­nen emo­tio­nal belas­ten und trig­gern. Im Zwei­fel lest den Text nicht oder gemein­sam mit Freund*innen und ach­tet auf Euch.

Als poli­tisch akti­ve Feminist*innen haben wir uns in den letz­ten Jah­ren in ver­schie­de­nen eman­zi­pa­to­ri­schen Kon­tex­ten und Pro­jek­ten bewegt, deren Selbst­ver­ständ­nis­se beinhal­te­ten, anti­se­xis­tisch, queer_​feministisch, selbst­or­ga­ni­siert, auto­nom, herr­schafts­kri­tisch, … zu sein. Links­ra­di­ka­le Räu­me waren und sind Zufluchts­or­te gera­de für Men­schen, die in der Mehr­heits­ge­sell­schaft Mar­gi­na­li­sie­rung, Dis­kri­mi­nie­rung und Gewalt erlebt haben und erle­ben – FLINT* Per­so­nen, also Frau­en, Les­ben, Inter‑, nicht binä­re und trans* Per­so­nen, Peop­le of Color, Queers, Punks…

Aber auch eman­zi­pa­to­ri­sche Räu­me sind nicht frei von zwi­schen­mensch­li­cher Gewalt, son­dern gesell­schaft­li­che Herr­schafts­me­cha­nis­men set­zen sich in Men­schen und Struk­tu­ren fort. Dafür gibt es vie­le Bei­spie­le: Ungleich ver­teil­te Arbei­ten, Macker­tum auf Aktio­nen, infor­mel­le Aus­schlüs­se und Aus­schlüs­se ent­lang von Macht­ge­fäl­len, das Gesche­hen und die Tole­ranz von sexua­li­sier­ten Über­grif­fen bis hin zum (oft jah­re­lan­gen) Schutz von gewalt­aus­üben­den Per­so­nen¹ in Polit-Struk­tu­ren. Zwi­schen­mensch­li­che und gera­de sexua­li­sier­te Gewalt blei­ben also auch in „unse­ren“ Räu­men eine Rea­li­tät, zu der wir uns ver­hal­ten müs­sen. Oft pro­vo­ziert dies vor­struk­tu­rier­te Abläu­fe: Gewalt wird igno­riert, die Suche nach Umgän­gen ver­wei­gert und gewalt­aus­üben­de Per­so­nen geschützt. Oder es herrscht Hilf­lo­sig­keit beim Ver­such, mit Betrof­fe­nen umzu­ge­hen und Gewalt wird ledig­lich zurück gegen ein­zel­ne gewalt­aus­üben­de Per­so­nen gerich­tet wäh­rend die Struk­tu­ren – der „Sze­ne“ sowie der Gesell­schaft -, die zwi­schen­mensch­li­che Gewalt ermög­li­chen, völ­lig unan­ge­tas­tet blei­ben.
Eine Aus­prä­gung des­sen ist der „Straf­rechts­fe­mi­nis­mus“, das Hil­fe­su­chen femi­nis­ti­scher Akteur*innen beim Rechts­staat – die Poli­zei rufen, Anzei­ge erstat­ten, vor Gericht gehen, etc.² Aber Recht schafft kei­ne Gerech­tig­keit, und schon gar kei­ne Hei­lung von Gewalt Betrof­fe­ner und ihrer Gemein­schaf­ten. Statt­des­sen bear­bei­tet die Jus­tiz Fäl­le von (sexua­li­sier­ter) Gewalt nicht mehr als Kon­flikt der betei­lig­ten Akteur*innen, son­dern als abs­trak­ten Rechts­kon­flikt ver­tre­ten durch die Staats­an­walt­schaft, prüft ein­zig die Gege­ben­heit eines Straf­tat­be­stands, stellt dabei die „Glaub­wür­dig­keit“ ein­zel­ner Betrof­fe­ner zur Dis­po­si­ti­on und erzwingt im Lau­fe des Straf­pro­zes­ses immer wie­der Kon­fron­ta­tio­nen mit dem Gesche­he­nen. Zudem impli­ziert straf­rechts­fe­mi­nis­ti­sches Han­deln, dass herr­schaft­li­che Gewalt – z.B. ras­sis­ti­sches Poli­zei­han­deln – akzep­tiert und eman­zi­pa­to­ri­sche Räu­me, die eben auch Schutz­räu­me vor staat­li­chen Zugrif­fen sein sol­len, für sol­che geöff­net wer­den, und alle, für die die Poli­zei nicht „Freund und Hel­fer“ ist – Peop­le of Color, Queers, Drogennutzer*innen, Sexarbeiter*innen, Men­schen ohne fes­ten Wohn­sitz oder lega­len Auf­ent­halts­ti­tel, kri­mi­na­li­sier­te oder von der Poli­zei trau­ma­ti­sier­te Men­schen³ – dort nicht (mehr) will­kom­men sind. Der Rechts­staat ist selbst eine gewalt­vol­le, patri­ar­chal-herr­schaft­li­che Insti­tu­ti­on, wel­che z.B. Geschlech­ter­herr­schaft und-bina­ri­tät (re-)produziert und zen­tra­ler Akteur ras­sis­ti­scher Grenz- und Sicher­heits­dis­kur­se ist. Zur (Wieder-)Herstellung von Recht übt er wie­der­um Gewalt durch Stra­fe und ein­sper­rend­e­Insti­tu­tio­nen aus. Wir sind über­zeugt, dass der Rechts­staat daher kein Part­ner im Kampf gegen (patri­ar­cha­le) Gewalt sein kann.

Straflo­gik zieht sich so tief durch die Gesell­schaft, dass sich Straf­dy­na­mi­ken auch abseits des Staats mani­fes­tie­ren. Oft wer­den in Reak­ti­on auf ein­zel­ne Fäl­le For­men von Aus­schlüs­sen gewalt­aus­üben­der Per­so­nen als ein­zi­ge Opti­on gese­hen. Sicher kön­nen Aus­schlüs­se und z.B. die Aneig­nung kon­fron­ta­ti­ver Mit­tel gegen gewalt­aus­üben­de Per­so­nen wirk- und heil­sam sein. Wenn nicht unter­stützt von ande­ren For­men von Bear­bei­tung brin­gen sie aber kei­ne tat­säch­lich Auto­no­mie und (Wieder-)Aneignung von Hand­lungs­macht (agen­cy), son­dern ver­blei­ben in Abhän­gig­keit von der/​den gewalt­aus­üben­den Person/​en.

Kurz gesagt: Wir erle­ben immer wie­der Reak­tio­nen auf Gewalt, die in Feu­er­wehr­po­li­tik von Fall zu Fall arbei­ten, ohne einen Schritt zurück zu machen, um Struk­tur­pro­ble­me zu betrach­ten und Umgän­ge auch für die­se zu suchen, die Fehl­vor­stel­lung, Stra­fe und Aus­schlüs­se wür­den Hei­lung ver­spre­chen, sowie – aus Hilf­lo­sig­keit oder auto­ri­tä­rem Straf­be­dürf­nis – Rück­grif­fe auf Staat, Jus­tiz und Poli­zei. All das pas­siert immer wie­der, weil es an Struk­tu­ren fehlt, die alter­na­ti­ve Erfah­run­gen zusam­men­tra­gen und Hand­lungs­macht gene­rie­ren, anbie­ten und tei­len kön­nen. Dazu wie­der­um möch­ten wir soli­da­risch bei­tra­gen.

Bereits in vor­ko­lo­nia­len Gemein­schaf­ten gab es auf Hei­lung und Wie­der­gut­ma­chung ange­leg­te, dezen­tra­le Umgän­ge mit Kon­flik­ten inner­halb von Gemein­schaf­ten, z.B. Gaca­ca-Gerich­te in Ruan­da. Ende des 20. Jahr­hun­derts haben in den USA quee­re und femi­nis­ti­sche Com­mu­nities of Color den Bedarf nach Kon­flikt­lö­sung in ihren Gemein­schaf­ten abseits des ras­sis­ti­schen und klas­sis­ti­schen Indus­tri­el­len-Gefäng­nis-Kom­plex und dem wei­ßen Main­stream-Femi­nis­mus mit Ideen basie­rend auf res­to­ra­ti­ver Kon­flikt­lö­sung sowie radi­ka­len und inter­sek­tio­na­len Ana­ly­sen struk­tu­rel­ler Macht­ver­hält­nis­se ver­bun­den und Kon­zep­te „Trans­for­ma­ti­ver Gerech­tig­keit“ (TG) ent­wi­ckelt. Kon­kre­te Vor­schlä­ge für die Ent­wick­lung sol­cher Kon­zep­te bie­ten bei­spiels­wei­se die Grup­pen INCITE!, CARA und Genera­ti­on Five. INCITE!, ein Netz­werk radi­ka­ler Feminist_​innen und Queers of Color, beschreibt vier Grund­pfei­ler sol­cher Gemein­schafts­pro­zes­se:

  1. Kol­lek­ti­ve Unter­stüt­zung, Sicher­heit und Selbst­be­stim­mung für betrof­fe­ne Per­so­nen;
  2. Ver­ant­wor­tung und Ver­hal­tens­än­de­rung der gewalt­aus­üben­den Per­son
  3. Ent­wick­lung der Com­mu­ni­ty hin zu Wer­ten und Prak­ti­ken, die gegen Gewalt und Unter­drü­ckung gerich­tet sind;
  4. Struk­tu­rel­le, poli­ti­sche Ver­än­de­run­gen der Bedin­gun­gen, die Gewalt ermöglichen.⁴

Seit­dem wur­de TG auch von anar­chis­ti­schen Grup­pen rezi­piert, dazu geschrie­ben und TG-“Prozesse“ initi­iert. TG ist dabei kein „Mas­ter­plan“, der im Fall ein­zel­ner Über­grif­fe ange­wandt wer­den kann. Im deutsch­spra­chi­gen Raum exis­tie­ren zudem ver­schie­dens­te Struk­tu­ren rund um Awa­ren­ess­ar­beit, Pra­xen des Defi­ni­ti­ons­macht-Kon­zepts, femi­nis­ti­sche Pra­xis­li­te­ra­tur, Orga­ni­sie­rung zu Kri­ti­schen Männ­lich­kei­ten, immer wie­der queer_​feministische Aktio­nen und Inter­ven­tio­nen.
In TG sehen wir aller­dings einen struk­tu­rel­len Rah­men, der bestehen­de Arbeit um eini­ge wich­ti­ge Hand­lungs­fel­der und Grund­fra­gen ergänzt sowie einen Blick „über den Tel­ler­rand“ ermög­licht – hin zu transformative(re)n For­men von Kon­flikt­um­gän­gen, Hei­lung, Wehr­haf­tig­keit und Resi­li­enz. TG-Pro­zes­se stel­len hohe Ansprü­che an Refle­xi­on und gemein­schaft­li­che Arbeit und kön­nen schei­tern, bedeu­ten aber für uns die Ent­schei­dung gegen den Rück­griff auf reak­tio­nä­re Insti­tu­tio­nen, für Auto­no­mie und Ver­än­de­rung.

igni­te! Work­shop Kol­lek­tiv, Juni 2020


¹ In Abgren­zung z.B. zur staat­li­chen und media­len Mar­kie­rung von “Täter” und “Opfer” bzw. “Geschädigter*m”, die jeweils stig­ma­ti­sie­ren­de und dau­er­haf­te Iden­ti­tä­ten zuschrei­ben, ver­wen­den wir hier die (außer­dem gen­der­neu­tra­len) Begrif­fe “gewalt­aus­üben­de” und “betrof­fe­ne” Per­son.
² vgl. Limo Sanz, “Straf­rechts­fe­mi­nis­mus und Quee­re Stra­flust”, Trans­for­ma­ti­ve Jus­ti­ce Kol­lek­tiv Ber­lin, in: Was macht uns wirk­lich sicher? Tool­kit für Aktivist_​innen, online unter https://www.transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2017/07/toolkit-finished‑1.pdf
³ vgl. Dani­el Loick, „Never call the poli­ce“, Knas[] Initia­ti­ve für den Rück­bau von Gefäng­nis­sen, ebd.
⁴ Im Ori­gi­nal zum zu TG ana­lo­gen Kon­zept “Com­mu­ni­ty Accoun­ta­bi­li­ty” sie­he inci​te​-natio​nal​.org/​c​o​m​m​u​n​i​t​y​a​c​c​o​u​n​t​a​b​i​l​i​ty/, Fact Sheet Com­mu­ni­ty Accoun­ta­bi­li­ty sie­he https://​trans​for​ma​ti​ve​jus​ti​ce​.eu/​w​p​-​c​o​n​t​e​n​t​/​u​p​l​o​a​d​s​/​2​0​1​0​/​0​6​/​6​6​8​5​_​t​o​o​l​k​i​t​r​e​v​-​c​m​t​y​a​c​c​.​pdf

P.S.

Lese-Emp­feh­lun­gen zum The­ma und die gan­ze Kolum­ne als pdf-Doku­ment fin­det ihr hier:
https://​igni​te​.black​blogs​.org/​k​o​l​u​m​n​e​-​g​e​r​e​c​h​t​i​g​k​e​i​t​-​j​e​n​s​e​i​t​s​-​v​o​n​-​p​o​l​i​z​e​i​-​j​u​s​t​i​z​-​u​n​d​-​g​e​f​a​e​n​g​n​is/

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Alle Infos unter igni​te​.black​blogs​.org.

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