[labournet:] Neuberechnung der Regelsätze für Hartz IV und Sozialhilfe für 2021 weiterhin mit der bestehenden “noch verfassungsgemäßen” Berechnungsmethode

Dossier

Der Paritätische: Regelsätze für Hartz IV und Sozialhilfe für 2021Die Frak­ti­on DIE LINKE. im Bun­des­tag hat sich erkun­digt, wie die Bun­des­re­gie­rung bei der anste­hen­den Neu­be­rech­nung der Regel­sät­ze für Hartz IV und Sozi­al­hil­fe vor­ge­hen will. Ergeb­nis: Die­se betreibt Poli­tik­ver­wei­ge­rung und will das Exis­tenz­mi­ni­mum wei­ter­hin mit der bestehen­den Berech­nungs­me­tho­de ermit­teln. Die Bun­des­re­gie­rung igno­riert damit die vehe­men­te Kri­tik von Fach­leu­ten, Ver­bän­den und Gewerk­schaf­ten, die drin­gend vor einem “Wei­ter-So” bei den Regel­sät­zen war­nen. Und sie igno­riert die Ein­stel­lung der Bevöl­ke­rung, die zu 80 Pro­zent die Regel­sät­ze nicht für aus­rei­chend hält und durch­schnitt­lich 728 Euro als not­wen­di­ge Sum­me (ohne Wohn­kos­ten) ver­an­schlagt. Die Bun­des­re­gie­rung ver­sucht, sich hin­ter dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) zu ver­ste­cken, das die bestehen­de Metho­de als “noch ver­fas­sungs­ge­mäß” ein­ge­stuft hat. Dabei hat das BVerfG erst jüngst im Sank­ti­ons­ur­teil klar­ge­stellt: “Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat nicht die Auf­ga­be zu ent­schei­den, wie hoch ein Anspruch auf Leis­tun­gen zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums sein muss […] dar­um zu rin­gen ist viel­mehr Sache der Poli­tik” (BVerfG vom 5.11.2019 – 1 BvL 7/​16, Rand­zif­fer 122). Zum Nach­le­sen: Klei­ne Anfra­ge der Frak­ti­on DIE LINKE. “Ermitt­lung der Regel­be­dar­fe des SGB II und SGB XII”, Bun­des­tags-Druck­sa­che Nr. 19/​19431 externer Link. Hier noch eine Aus­wer­tung der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung externer Link.” Aus dem Thomé News­let­ter 22/​2020 vom 03.07.2020 externer Link und dazu:

  • [DGB-Ana­ly­se] Extre­me Pfen­nig­fuch­se­rei: Wie die neu­en Hartz-IV-Regel­sät­ze klein­ge­rech­net wer­den sol­len – Poli­tisch moti­viert und metho­disch unsau­ber New
    “Mal­stif­te und die Kugel Eis für Kin­der sind irrele­van­ter Luxus? Auf eine neue Wasch­ma­schi­ne soll man 13 Jah­re spa­ren? Der DGB hat die Vor­schlä­ge des Arbeits­mi­nis­te­ri­ums zur Neu­be­rech­nung von Hartz-IV ana­ly­siert. Und kommt zu einem ver­nich­ten­den Ergeb­nis: (…) Die Regel­sät­ze wür­den poli­tisch moti­viert klein­ge­rech­net und Armut nicht bekämpft son­dern zemen­tiert. Die Fest­set­zung sei metho­disch unsau­ber und die Begrün­dun­gen, die die neu­en Regel­sät­ze recht­fer­ti­gen sol­len, sei­en teil­wei­se unzu­tref­fend und irre­füh­rend. (…) Ins­ge­samt gibt die Ver­gleichs­grup­pe der 15 Pro­zent der Ein­per­so­nen­haus­hal­te mit dem nied­rigs­ten Ein­kom­men monat­lich 632 Euro für den lau­fen­den Lebens­un­ter­halt ohne Mie­te und Heiz­kos­ten aus. Laut dem Gesetz­ent­wurf aus dem Arbeits­mi­nis­te­ri­um sol­len davon 197 Euro, also fast ein Drit­tel, als „nicht regel­satz­re­le­van­te“ Aus­ga­ben gestri­chen wer­den. (…) Aus Sicht des DGB gehö­ren vie­le der gestri­che­nen Aus­ga­ben sehr wohl zu einem nor­ma­len Leben und zum Exis­tenz­mi­ni­mum dazu. Die Ver­brauchs­sta­tis­tik zei­ge doch gera­de, dass auch ein­kom­mens­schwa­che Haus­hal­te die­se Aus­ga­ben real täti­gen, sie sei­en gesell­schaft­li­che Nor­ma­li­tät. Wenn sich der Gesetz­ge­ber dafür ent­schei­de, das Exis­tenz­mi­ni­mum aus dem Ver­brauchs­ver­hal­ten armer Haus­hal­te abzu­lei­ten, dann müs­se die­ses Ver­fah­ren auch kon­se­quent durch­ge­hal­ten wer­den. Strei­chun­gen ein­zel­ner Posi­tio­nen sei­en nicht durch nor­ma­ti­ve Wer­tun­gen zu recht­fer­ti­gen, da so das gan­ze Ver­fah­ren aus­ge­höhlt und die Regel­sät­ze klein­ge­rech­net wür­den zu Las­ten derer, die dar­auf ange­wie­sen sind. (…) Der DGB for­dert, für lang­le­bi­ge Gebrauchs­gü­ter wie „wei­ße Ware“ anlass­be­zo­gen Ein­mal­bei­hil­fen zu gewäh­ren, die die not­wen­di­gen Kos­ten abde­cken. Glei­ches soll­te auch für Möbel und Bril­len gel­ten. (…) Seit Jah­ren for­dern Sozi­al- und Wohl­fahrts­ver­bän­de und der DGB die soge­nann­ten „ver­deck­ten Armen“ aus der Ver­gleichs­grup­pe her­aus­zu­neh­men, also Per­so­nen, deren Ein­kom­men unter­halb des Grund­si­che­rungs­ni­veaus lie­gen, die aber ihren Anspruch auf Grund­si­che­rung nicht gel­tend machen. Das Arbeits­mi­nis­te­ri­um lehnt dies im vor­ge­leg­ten Gesetz­ent­wurf ab. (…) Im Begrün­dungs­teil des Refe­ren­ten­ent­wurfs wird das gewähl­te Ver­fah­ren zur Her­lei­tung der Regel­sät­ze an vie­len Stel­len damit begrün­det, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt (BVerfG) mit sei­nen Ent­schei­dun­gen das Ver­fah­ren „gebil­ligt“ und „bestä­tigt“ habe. Der DGB hält dies für eine „sehr krea­ti­ve Inter­pre­ta­ti­on“ des letz­ten Beschluss des BVerfG aus dem Jahr 2014 (1 BvL 10/​12 vom 23.7.2014). Der DGB erin­nert dar­an, dass laut BVerfG die Regel­sät­ze 2014 so gera­de noch mit dem Grund­ge­setz ver­ein­bar waren. Mit der prak­ti­zier­ten Her­lei­tung und den vie­len Kür­zun­gen „kommt der Gesetz­ge­ber jedoch an die Gren­ze des­sen, was zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums ver­fas­sungs­recht­lich gefor­dert ist“, so das BVerfG (Rz. 121)… “ DGB-Stel­lung­nah­me vom 10. August 2020 externer Link zur voll­stän­di­gen Ana­ly­se externer Link
  • Hartz IV Regel­sät­ze: Pari­tä­ti­scher Gesamt­ver­band kri­ti­siert Gesetz­ent­wurf in aktu­el­ler Stel­lung­nah­me scharf 
    Der Pari­tä­ti­sche Wohl­fahrts­ver­band wirft der Bun­des­re­gie­rung „unver­schäm­tes Klein­rech­nen“ der Regel­sät­ze in Hartz IV vor. In einer aktu­el­len Stel­lung­nah­me kri­ti­siert der Ver­band den Refe­ren­ten­ent­wurf aus dem BMAS zur anste­hen­den Neu­er­mitt­lung der Regel­sät­ze in der Grund­si­che­rung scharf. Feh­ler und Schwä­chen der bis­he­ri­gen Metho­dik wür­den fort- und fest­ge­schrie­ben, im Ergeb­nis sei­en die ab 2021 vor­ge­se­he­nen Leis­tun­gen sys­te­ma­tisch klein­ge­rech­net, lebens­fern und in kei­ner Wei­se bedarfs­ge­recht, wie ins­be­son­de­re an den Leis­tun­gen für Kin­der und Jugend­li­che deut­lich wer­de. Das Ziel der Grund­si­che­rung, zumin­dest in beschei­de­nem Rah­men Teil­ha­be am Leben in der Gemein­schaft zu ermög­li­chen, wer­de so deut­lich ver­fehlt. In den Berech­nun­gen des BMAS wird das so genann­te Sta­tis­tik­mo­dell in unsys­te­ma­ti­scher und intrans­pa­ren­ter Wei­se mit nor­ma­ti­ven Set­zun­gen ver­mischt und durch will­kür­li­che Ein­grif­fe zum Zweck der Kos­ten­sen­kung ad absur­dum geführt, so die Kri­tik des Pari­tä­ti­schen. Ulrich Schnei­der, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Pari­tä­ti­schen Gesamt­ver­bands: „Was wir bei der Berech­nung der Regel­sät­ze erle­ben ist kei­ne Sta­tis­tik, son­dern ihr Miss­brauch. Allein wenn die Bun­des­re­gie­rung das von ihr selbst gewähl­te Sta­tis­tik­mo­dell kon­se­quent und metho­disch sau­ber anwen­den wür­de, müss­te der Regel­satz nicht bei 439 Euro, son­dern bei über 600 Euro lie­gen.“ Die Leis­tun­gen für Kin­der und Jugend­li­che, die noch ein­mal deut­lich nied­ri­ger lie­gen, ent­behr­ten dabei jeg­li­cher seriö­sen sta­tis­ti­schen Grund­la­ge…” Pres­se­mel­dung vom 22.07.2020 externer Link zur Stel­lung­nah­me zum Ent­wurf eines Regel­be­darfs­er­mitt­lungs­ge­set­zes 2021 vom 21.7.2020 externer Link
  • Regel­be­dar­fe für das Jahr 2021: Fort­set­zung der Klein­rech­nung der Regel­be­dar­fe 
    Der Paritätische: Regelsätze für Hartz IV und Sozialhilfe für 2021Jetzt ist auch der Ent­wurf zum Regel­be­darfs­er­mitt­lungs­ge­setz und die Son­der­aus­wer­tun­gen aus der EVS aus dem Jahr 2018 bekannt. Mit dem vor­ge­leg­ten Ent­wurf des Geset­zes schreibt das BMAS die Feh­ler und Schwä­chen des bestehen­den Ver­fah­rens nahe­zu unver­än­dert fort. Wur­den höhe­re Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen in der Coro­na­kri­se durch das BMAS auch mit Ver­weis auf die kom­men­de Regel­satz­an­pas­sung abge­wie­sen, belegt das nun vor­ge­leg­te Regel­be­darfs­er­mitt­lungs­ge­setz, dass die erheb­li­che Unter­de­ckung der Bedar­fe grund­sätz­lich bei­be­hal­ten wer­den soll. Zugrun­de gelegt wur­den die Ein­künf­te der unte­ren 15 % der Bevöl­ke­rung, die­se haben nach der EVS (ohne die WOHNKOSTEN) 602 EUR zum Leben zur Ver­fü­gung. Deren Ein­künf­te wur­den zur Berech­nung der Regel­be­dar­fe sta­tis­tisch zugrun­de gelegt. Davon hat das BMAS noch mal mehr als 1/​3 raus­strei­chen las­sen, um auf die arm­se­li­gen 439 Euro in dem Regel­be­dar­fe 1 zu kom­men. Die­se Regel­be­dar­fe sind die Fort­füh­rung der sys­te­ma­ti­schen Bedarfs­un­ter­de­ckung, um die Leis­tungs­be­zie­hen­den ent­we­der in den Nied­rig­lohn zu hun­gern oder um sie früh­zei­tig als nicht mehr zur Arbeits­aus­plün­de­rung benutz­bar able­ben zu las­sen. Für Allein­ste­hen­de haben die Regel­leis­tun­gen mind. 600 € zu betra­gen, für ande­re Grup­pen, wie allein­er­zie­hen­de, alte, kran­ke und behin­der­te Men­schen die nicht dem Arbeits­markt zur Ver­fü­gung ste­hen (kön­nen) sogar mehr!” Aus dem Thomé News­let­ter 24/​2020 vom 20.07.2020 externer Link

Der Bei­trag Neu­be­rech­nung der Regel­sät­ze für Hartz IV und Sozi­al­hil­fe für 2021 wei­ter­hin mit der bestehen­den “noch ver­fas­sungs­ge­mä­ßen” Berech­nungs­me­tho­de erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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