[SAV:] Aufstand in Belarus

von Dima Yan­sky, Köln

Am Abend des 10. August bra­chen die Pro­tes­te in Minsk, der Haupt­stadt von Bela­rus, aus. Tau­sen­de Men­schen errich­te­ten Bar­ri­ka­den und kämpf­ten gegen schwer bewaff­ne­te Poli­zei­ein­hei­ten. Der Stra­ßen­ver­kehr wur­de blo­ckiert. Die meis­ten Inter­net­pro­vi­der been­de­ten ihre Arbeit. Das ruhi­ge, nor­ma­ler­wei­se fast pro­vin­zi­ell wir­ken­de Minsk, ver­wan­del­te sich in eine Are­na von erbit­ter­ten Stra­ßen­kämp­fen. Der Grund für die größ­ten Aus­schrei­tun­gen in der Geschich­te des Lan­des ist die offen­sicht­li­che Fäl­schung der Wahl­er­geb­nis­se, die am 09. August statt­ge­fun­den haben zu Guns­ten des jet­zi­gen Prä­si­den­ten Alex­an­dr Luka­schen­ko ende­ten.

Der starke Mann Lukaschenko

Luka­schen­ko, der auch als letz­ter Dik­ta­tor Euro­pas bezeich­net wird, ist vor sechs­und­zwan­zig Jah­ren als Popu­list und Ost­al­gi­ker an die Macht gekom­men. Der ehe­ma­li­ge prin­zi­pi­en­treue Kämp­fer gegen die Kor­rup­ti­on und Ver­tre­ter des klei­nen Man­nes, das „Väter­chen“ genannt, ist jedoch selbst rasch zu einem von meh­re­ren bona­par­tis­tisch regie­ren­den Auto­kra­ten im Gebiet der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on gewor­den. Die his­to­ri­sche Auf­ga­be sol­cher Figu­ren war es, mit allen Mit­teln den sozia­len Frie­den in der Zeit des Über­gangs der ehe­ma­li­gen Repu­bli­ken in der zer­fleisch­ten Sowjet­uni­on zu einer „neu­en“ alten kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schafts­form zu gewähr­leis­ten. Luka­schen­ko reprä­sen­tier­te für die Bewoh­ner der Repu­blik einen star­ken Mann, der im Ver­gleich zu Russ­land oder Ukrai­ne die Olig­ar­chen, Kri­mi­na­li­tät und die ent­gleis­te Pri­va­ti­sie­rung im Schach hielt.

Kommunismus?

Jedoch ist Bela­rus trotz aller Behaup­tun­gen der bür­ger­li­chen Kom­men­ta­to­ren kei­ne Plan­wirt­schaft und kein Über­bleib­sel der Sowjet­uni­on. Die Mehr­heit aller Beschäf­tig­ten arbei­tet in der pri­va­ten Wirt­schaft. Ledig­lich 39,7% aller Arbeiter*Innen sind in staat­lich geführ­ten Betrie­ben tätig. Auch wenn ein gro­ßes Teil der weiß­rus­si­schen Indus­trie­wer­ke noch in staat­li­cher Hand ist, arbei­ten alle die­se Betrie­be nach den gän­gi­gen Geset­zen des Mark­tes und sind kei­nes­wegs „geplant“. Zudem sind schon hun­der­te Groß­be­trie­be in Akti­en­ge­sell­schaf­ten über­führt und pri­va­ti­siert wor­den, dar­un­ter die Öl Raf­fi­ne­rie Naft­an, der Fahr­zeug- und Rüs­tungs­pro­du­zent Mins­ker Auto Werk, die Mins­ker Trak­to­ren­wer­ke und vie­le ande­re. Auch deut­sche Unter­neh­mer wie Carl Zeiss, Fre­se­ni­us, MAN die gewiss kei­ne Sozia­lis­ten sind, inves­tie­ren ger­ne in die hoch indus­tria­li­sier­te weiß­rus­si­sche Wirt­schaft. Die größ­ten aus­län­di­schen Inves­to­ren, die das Kapi­tal nach Weiß­russ­land expor­tie­ren sind Russ­land und Groß­bri­tan­ni­en – defi­ni­tiv kei­ne kom­mu­nis­ti­schen Län­der. Auch die sechs weiß­rus­si­schen Mil­li­ar­dä­re sowie zehn­tau­send Mil­lio­nä­re wür­den sehr über­rascht sein, wenn sie ent­deckt hät­ten, dass sie noch im „Sozia­lis­mus“ leben.

Der Meister der Balance

Jahr­zehn­te lang ist es Prä­si­den­ten Luka­schen­ko gelun­gen eine Balan­ce zwi­schen den größ­ten Impe­ria­lis­ten­blocks NATO, Chi­na und Russ­land zu hal­ten, ohne in eine end­gül­ti­ge Abhän­gig­keit von einer die­ser Mäch­te zu rut­schen. Luka­schen­ko ist trotz offi­zi­el­ler Bünd­nis­ver­trä­ge mit Russ­land genau­so wenig ein Mann Putins, wie von Mer­kel. Luka­schen­ko unter­stütz­te kei­ne der impe­ria­lis­ti­schen Anne­xio­nen Russ­lands. Um die Ein­fluss­kräf­te aus­zu­glei­chen, schloss er Mil­li­ar­den­ver­trä­ge mit Chi­na. Genau­so ist es ihm, dank pro­fi­ta­blen Ver­trä­gen mit Russ­land, gelun­gen die Tore nach Osten für die weiß­rus­si­sche Indus­trie und Land­wirt­schaft offen zu hal­ten und im Gegen­zug güns­ti­ge Roh­stof­fe für die loka­le Indus­trie zu bekom­men. Dadurch konn­te ein hoher Lebens­stan­dard ermög­licht wer­den. Die vol­len Kas­sen gaben dem Prä­si­dent Luka­schen­ko die Mög­lich­keit die Stim­men der Rent­ner, der Arbeiter*innen der gro­ßen öffent­li­chen Betrie­be, sowie Landwirtschaftsarbeiter*innen zu bekom­men. Die neu­en Rei­chen wur­den durch den Druck des Staats­ap­pa­rats unter Kon­trol­le gehal­ten. Luka­schen­ko „schweb­te“ über den Klas­sen und genoss in der Tat das Ver­trau­en der Mil­lio­nen.

Aller­dings sind die „fet­ten Jah­re“ seit lan­gem vor­bei. Eine Rei­he von kapi­ta­lis­ti­schen Kri­sen in letz­ten zwölf Jah­ren bewirk­te eine Schwä­chung des wich­tigs­ten Absatz­markts Weiß­russ­lands, der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on, und zur lang­jäh­ri­gen Sta­gnie­rung der Wirt­schaft. Vor allem die Jugend­li­chen und die Beschäf­tig­ten der gro­ßen Indus­trie­be­trie­be wur­den zu den ers­ten Opfern der Kapi­ta­lis­mus­tur­bu­len­zen. Die Arbeiter*innen lei­den durch feh­len­de Auf­trags­zah­len. Die Jugend­li­chen lan­den auf der Arbeits­lo­sen­bank. Die schrump­fen­de Wirt­schaft, der kor­rup­te Staats­ap­pa­rat und Vet­tern­wirt­schaft haben für die meis­ten Jugend­li­chen fak­tisch alle Mög­lich­kei­ten für einen sozia­len Auf­stieg blo­ckiert. Auch das Klein­bür­ger­tum, der unte­re Mit­tel­stand, waren von der Kri­se stark betrof­fen. Außer­dem äußer­te auch die klei­ne Schicht der Mil­lio­nä­re immer mehr Unzu­frie­den­heit über die sta­gnie­ren­de Pri­va­ti­sie­rung und die star­ke Kon­trol­le des Staa­tes. Plötz­lich wur­de es leer um den Bona­par­te. Die immer wie­der auf­flam­men­den Pro­test­ak­tio­nen wur­den von dem herr­schen­den Regime bru­tal zer­schla­gen, Aktivist*Innen gna­den­los ver­folgt, ins Gefäng­nis gewor­fen oder in die Emi­gra­ti­on gezwun­gen.

Die Zeit des sozia­len Frie­dens ist seit 2014 end­gül­tig vor­bei. Und wie gewöhn­lich für bona­par­tis­ti­sche Staa­ten trägt der Bona­par­te Luka­schen­ko in den Augen der Bevöl­ke­rung höchst per­sön­lich die Ver­ant­wor­tung für das Schei­tern der Wirt­schaft. Die man­gel­haf­te Bekämp­fung der Covid-19 Pan­de­mie und der schlech­te Zustand des Gesund­heits­sys­tems führ­te zu einem wei­te­ren mas­si­ven Absturz der Popu­la­ri­tät des Väter­chens. Auf Basis vie­ler Umfra­gen hat­te er kei­ne Chan­ce gehabt die Prä­si­dent­schafts­wah­len zu gewin­nen.

Aller­dings war die alte „pro­west­li­che“ libe­ra­le Oppo­si­ti­on demo­ra­li­siert und nicht bereit Luka­schen­ko die Stirn zu bie­ten. Sie haben ledig­lich zum Boy­kott der Wah­len auf­ge­ru­fen. Die neu­en Figu­ren, wie der Bank­ma­na­ger Baba­ri­ko, ein ehe­ma­li­ger Mit­kämp­fer von Luka­schen­ko, und der hoch­ran­gi­ge Staats­be­am­te Zep­ka­lo, tra­ten offen gegen Luka­schen­ko auf, was deut­lich auf die Spal­tung und Des­ori­en­tie­rung der herr­schen­den Klas­se vor dem Hin­ter­grund einer mas­si­ven Wirt­schafts­kri­se hin­wies. Zur popu­lärs­ten Figur wur­de der berühm­te Video­blog­ger Tich­anow­ski, der weder super­reich noch ein Berufs­po­li­ti­ker war. Die Belarus*innen waren bereit jeden zu wäh­len, der nicht mit dem kor­rup­ten Regime ver­bun­den war.

Für Luka­schen­ko und sei­nen Anhän­gern ist es poli­tisch sehr eng gewor­den. So eng, dass er die meis­ten sei­ner Wahl­op­po­nen­ten bereits ver­haf­tet lies. Im Fal­le einer Nie­der­la­ge lan­det er unaus­weich­lich im Gefäng­nis. Des­we­gen mobi­li­sier­te er alle Kräf­te des bür­ger­li­chen Staa­tes, um die Pro­tes­te im Keim zu ersti­cken. Ver­geb­lich. Trotz mas­si­ver Ein­schüch­te­rung und Arrest sei­nes Gegen­kan­di­da­ten Tich­anow­ski fand bereits am 30.07 in Minsk die größ­te poli­ti­sche Demons­tra­ti­on in der Geschich­te Weiß­russ­lands mit 63 000 Teilnehmer*Innen statt. Der erschro­cke­ne Luka­schen­ko bedroh­te die Mas­sen mit der Armee, Poli­zei und hat sogar ange­deu­tet, dass die Geschich­te ihm ein even­tu­el­les Blut­bad in Namen des sozia­len Frie­dens ver­ge­ben wird. Jedoch kehr­ten die Wäh­ler ihm den Rücken – die Ehe­frau des ver­haf­te­ten Blog­gers, Tich­anow­ska­ja, bekam nach allen Umfra­gen mehr Stim­men als das kor­rup­te Väter­chen Luka­schen­ko.

Als das staat­li­che Fern­se­hen am Sonn­tag den Sieg von Luka­schen­ko ver­kün­de­te, ent­flamm­ten in allen gro­ßen Städ­ten der Repu­blik spon­ta­ne Pro­tes­te. Zehn­tau­sen­de Men­schen ver­such­ten unter dem Mot­to „Hau ab“ die Stadt­rä­te und wich­tigs­ten Stra­ßen zu blo­ckie­ren. Tau­sen­de wüten­de Jugend­li­chen tra­ten in direk­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Poli­zei­hun­dert­schaf­ten. Inner­halb von zwei Tagen ver­such­ten Demonstrant*innen acht Mal Poli­zei­blo­cka­den mit Autos zu durch­bre­chen. Dut­zen­de wur­de durch Gas- und Blend­gra­na­ten sowie Gum­mi­ge­schos­se ver­letzt. In den ers­ten 48 Stun­den der Pro­tes­te wur­den 5000 Men­schen ver­haf­tet.

Die Pro­tes­te, die eine gewis­se Ähn­lich­keit zu Mai-Auf­stand in der Ukrai­ne haben, unter­schei­den sich jedoch wesent­lich durch das direk­te Auf­tre­ten der Arbeiter*innenklasse und die Pas­si­vi­tät der Olig­ar­chen. Bereits am zwei­ten Tag der Pro­tes­te tra­ten die Arbeiter*innen des Mins­ker Metall­werk in den Streik. Dem Werk folg­ten bereits zehn Groß­be­trie­be (u.a. das Mins­ker Elek­tro­tech­nik­werk, der Mins­ker Stra­ßen­ver­kehr­be­trieb, das Mins­ker Trak­to­ren­werk). Die Pro­tes­te neh­men den Cha­rak­ter eines poli­ti­schen Streiks an.

Der Auf­stand in Bela­rus befin­det sich gera­de in der Ent­wick­lung. Die Arbeiter*Innenklasse lernt gera­de sich zu orga­ni­sie­ren, mit Streiks die poli­ti­schen Refor­men durch­zu­set­zen und den gehass­ten Dik­ta­tor zu ver­ja­gen. Die herr­schen­de Macht bleibt immer mehr sozi­al iso­liert, was zur Ver­bit­te­rung und Kom­pro­miss­lo­sig­keit der Kämp­fe führt. Unse­re Genoss*innen im Nach­bar­land Russ­land unter­stüt­zen soli­da­risch die Kämpfer*Innen in Bela­rus mit Mate­ria­li­en in bei­den Spra­chen und Pro­tes­ten bei der weiß­rus­si­schen Bot­schaft in Mos­kau. Wir appel­lie­ren an die lin­ken Orga­ni­sa­tio­nen in Bela­rus mit der Not­wen­dig­keit des Auf­baus unab­hän­gi­ger Orga­ni­sa­tio­nen der Arbeiter*Innenklasse und Jugend­li­chen und der Ent­wick­lung eines eige­nen poli­ti­schen Pro­gramms. Der Weg zur Befrei­ung ist die poli­ti­sche Demo­kra­tie und eine sozia­lis­ti­sche Wirt­schaft, eine Wirt­schaft die sich nicht in den Hän­den von ein paar Mil­li­ar­dä­ren oder selbst­er­nann­te Nati­ons­vä­tern befin­det, son­dern den 99 %, der arbei­ten­den Bevöl­ke­rung dient.

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