[ISO:] Eine der Unseren

Irè­ne, unse­re Freun­din
und Genos­sin hat uns nach lan­ger Krank­heit am 31. Juli im Alter von 90 Jah­ren
ver­las­sen. Sie wur­de am 9. Sep­tem­ber 1929 gebo­ren und war lan­ge als Dr. Irè­ne
Bor­ten-Kri­vi­ne bekannt. Sie war die ers­te Ehe­frau von Jean-Michel Kri­vi­ne (1932‒2013),
dem neun Jah­re älte­ren Bru­der der Zwil­lin­ge Alain und Hubert Kri­vi­ne; die 1953
geschlos­se­ne Ehe ging aus­ein­an­der, Ende der 1960er Jah­re lie­ßen sie sich
schei­den.

Vie­le lang­jäh­ri­ge und
ehe­ma­li­ge Mit­glie­der der LCR (deren Mit­glied sie war und in der sie das Pseud­onym
Fré­dé­ri­que benutz­te) und Vier­ten Inter­na­tio­na­le erin­nern sich dar­an, dass sie
sie in der „Rue de Lénin­grad“ ken­nen gelernt haben: In ihrer immens gro­ßen
Woh­nung im Quar­tier de l’Europe im 8. Arron­dis­se­ment in Paris, in der sie auch
ihren Beruf als Gynä­ko­lo­gin aus­üb­te und in der sie vie­le Jah­re lang zu
fröh­li­chen Sil­ves­ter­aben­den emp­fing, zu der sich Dut­zen­de von Aktivist*innen
und Freund*in­nen zu rie­sen­gro­ßen Buf­fets mit ange­neh­men Plau­de­rei­en und mit
Tan­zen ver­sam­mel­ten.

Dort fan­den auch die ers­ten Sit­zun­gen der „com­mis­si­on femme“ (Frau­en­kom­mis­si­on) der LCR
statt und wur­de manch ein Genos­se, man­che Genos­sin aus der gan­zen Welt
unter­ge­bracht ‒ von Petr Uhl und Anna Šaba­to­vá (aus Prag) bis zu Hugo Blan­co (aus
Peru) und vie­len ande­re latein­ame­ri­ka­ni­schen Genoss*innen oder Theo und Nadia
Psa­ra­del­lis aus Grie­chen­land.

Jean-Michel Kri­vi­ne
war ab 1949 – wie die gan­ze Fami­lie Kri­vi­ne ‒ begeis­ter­ter Akti­vist der
Fran­zö­si­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (PCF) und ihres Stu­die­ren­den­ver­bands
(UEC), Ende 1956, nach den Ent­hül­lun­gen von N. S. Chruscht­schow auf dem 20.
Par­tei­tag der KPdSU im Febru­ar und der Nie­der­schla­gung der unga­ri­schen
Revo­lu­ti­on vom Oktober/​November 1956 durch sowje­ti­sche Pan­zer, trat er der
klei­nen „Par­ti Com­mu­nis­te Inter­na­tio­na­lis­te“ (PCI) bei. Von deren füh­ren­dem
Kopf Pierre Frank ließ er sich über­zeu­gen, wei­ter in der Arbei­ter­mas­sen­par­tei
PCF zu blei­ben (for­mell bis 1970), um dort „Ent­ris­mus“ zu betrei­ben. Er war
nicht unbe­tei­ligt dar­an, dass kurz nach 1956 auch Irè­ne Bor­ten-Kri­­vi­ne und sei­ne
jün­ge­ren Brü­der Hubert noch 1956 und Alain 1961/​62 eben­falls mehr oder min­der
ins­ge­heim Mit­glie­der der PCI wur­den.

Sie war danach
selbst­ver­ständ­lich an der Grün­dung der „Ligue com­mu­nis­te“ (Ostern 1969)
betei­ligt, aus der spä­ter die LCR wur­de. In den 1980er Jah­ren been­de­te sie ihre
for­mel­le Mit­glied­schaft, sie blieb der Bewe­gung jedoch eng ver­bun­den.

Im Rah­men des Ver­bands
„Plan­ning fami­li­al“ und der Bewe­gungs­struk­tur „Mou­ve­ment pour la liber­té
de l’avortement et de la con­tracep­ti­on“ (MLAC)
unter­stütz­te Irè­ne die Kämp­fe dafür, dass die Frau­en Zugang zu Ver­hü­tung und
Abtrei­bung bekom­men. Aber sie stell­te auch ihre Wär­me und Sor­ge um die Rech­te
der Frau­en ‒ ein­schließ­lich des Rechts auf eine ent­fal­te­te Sexua­li­tät ‒ in den
Mit­tel­punkt ihrer beruf­li­chen Tätig­keit als Gynä­ko­lo­gin. Sie war in der „Socié­té
de Gyné­co­lo­gie et Obsté­tri­que Psy­cho­so­ma­tique“ (SFGOP, Gesell­schaft für
Gynä­ko­lo­gie und psy­cho­so­ma­ti­sche Geburts­hil­fe) aktiv und war lan­ge Zeit deren
Sekre­tä­rin. Ihr Buch mit dem Titel Frau­en­me­di­zin:
Was die Gynä­ko­lo­gen ver­ste­hen
[1] ist
ein Zeug­nis ihres Wer­de­gangs als enga­gier­te Gynä­ko­lo­gin.

Sie beein­druck­te mit
ihrer gro­ßen Bil­dung, ihrer „Sta­tur“, ihrem auf­merk­sa­men Zuhö­ren. Sie wird uns
feh­len.

Aus dem Fran­zö­si­schen über­setzt und bear­bei­tet von Wil­fried Dubo­is. Eini­ge Infor­ma­tio­nen wur­den ergänzt und beru­hen auf Kor­re­spon­denz mit der Ver­fas­se­rin.

Quel­le: https://​npa2009​.org/​a​g​i​r​/​p​o​l​i​t​i​q​u​e​/​h​o​m​m​a​g​e​-​i​r​e​n​e​-​b​o​r​t​e​n​-​l​e​s​-​e​x​-​d​e​-​l​a​-​r​u​e​-​d​e​-​l​e​n​i​n​g​rad
(3. August 2020); http://​www​.euro​pe​-soli​dai​re​.org/​s​p​i​p​.​p​h​p​?​a​r​t​i​c​l​e​5​4​261


[1]
Irè­ne Bor­ten-Kri­vi­ne, Méde­cin de femmes. Ce qu’entendent
les gyné­co­lo­gues, Paris: Albin Michel,
2004. ‒ 302 S.
Sie ist außer­dem Mit­ver­fas­ser in eines Buchs für jun­ge Frau­en: Irè­ne
Bor­ten-Kri­vi­ne u. Dia­ne Wina­ver, Ados,
amour et sexua­li­té,
Paris: Albin Michel, 2001. ‒ 231 S.

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