[ak:] Autoritäre Ordnungsrufe

Ger­hard Han­lo­ser und sechs wei­te­re Autor*innen lie­fern wert­vol­les Mate­ri­al für die Debat­te um »lin­ken Anti­se­mi­tis­mus«

In einem Essay für Die Zeit (9.4.1976) schrieb der Schrift­stel­ler Ger­hard Zwe­renz (1925–2015) den Satz »Lin­ker Anti­se­mi­tis­mus ist unmög­lich«. Gegen die dar­über ein­set­zen­de Empö­rung, die in ein­schlä­gi­gen Tex­ten bis heu­te immer wie­der geschürt wird, erläu­ter­te er, was er damit gemeint hat­te: »Links ist, wo die Auf­klä­rung wirk­sam gemacht wird. In die­sem Sin­ne ist ein lin­ker Anti­se­mi­tis­mus unmög­lich.« Ger­hard Han­lo­ser, Her­aus­ge­ber und quan­ti­ta­tiv wie qua­li­ta­tiv pro­duk­tivs­ter Autor des Ban­des »Lin­ker Anti­se­mi­tis­mus?«, zitiert bei­des. Dass es Anti­se­mi­tis­mus in der Lin­ken gibt, steht für ihn außer Fra­ge. Sei­ne »kon­tex­tua­li­sie­ren­de Bestands­auf­nah­me« beginnt im 19. Jahr­hun­dert mit dem fran­zö­si­schen Anar­chis­ten und »veri­ta­blen Anti­se­mi­ten« Pierre-Joseph Proud­hon und dem von Karl Marx repro­du­zier­ten »anti­jü­di­schen Scha­cher-Ste­reo­typ«. Auch den sta­li­nis­ti­schen Anti­se­mi­tis­mus und den geschei­ter­ten Quer­front­ver­such der KPD aus dem Jahr 1923 erwähnt er. Damals glaub­te die Par­tei­vor­sit­zen­de Ruth Fischer, in der Het­ze der Nazis gegen »Juden­ka­pi­ta­lis­ten« anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Ansät­ze und damit Poten­zia­le für ein revo­lu­tio­nä­res Bünd­nis gegen den bür­ger­li­chen Staat zu erken­nen.

Beim Blick auf die DDR ist der Befund weni­ger ein­deu­tig. Han­lo­ser trägt eini­ges zusam­men, das der heu­te ver­brei­te­ten Pau­schal­ver­ur­tei­lung des Arbei­ter-und-Bau­ern-Staa­tes als anti­se­mi­tisch und geschichts­ver­ges­sen wider­spricht. Und er rela­ti­viert das west­deut­sche Selbst­lob für ver­meint­lich vor­bild­li­che Auf­ar­bei­tung der deut­schen Ver­bre­chens­ge­schich­te. Tat­säch­lich blieb die­se aber für die staats­tra­gen­den Kräf­te jahr­zehn­te­lang ein Tabu. Auch dage­gen und gegen die per­so­nel­len und poli­ti­schen Kon­ti­nui­tä­ten zum Natio­nal­so­zia­lis­mus rich­te­te sich die Revol­te von 1968. Deren Protagonist*innen wand­ten sich dann aber von der grau­en­vol­len Ver­gan­gen­heit ab und der strah­len­den Zukunft zu. »Man kann nicht gleich­zei­tig den Juden­mord auf­ar­bei­ten und die Revo­lu­ti­on machen«, soll Rudi Dutsch­ke gesagt haben.

Agitatorischer Überschwang, antilinke Delegitimierung

Mit den west­deut­schen Revo­lu­ti­ons­ver­su­chen ver­bun­den waren dann auch die infla­tio­nä­re Ver­wen­dung des Faschis­mus­be­griffs, oft grob­schläch­ti­ge Ana­ly­sen der welt­wei­ten Wider­sprü­che, im Nah­ost­kon­flikt eine unkri­ti­sche Par­tei­nah­me für die paläs­ti­nen­si­sche Sei­te und ein rüder Anti­zio­nis­mus. Han­lo­ser sieht hier vor allem »agi­ta­to­ri­schen Über­schwang« am Wer­ke. Anti­se­mi­tis­mus sei erst dann gege­ben, »wenn eine kla­re Schuld­ab­wehr­stra­te­gie … erkenn­bar ist, die Israe­lis als neue Nazis kon­stru­iert wer­den, um die deut­sche Schuld zu schmä­lern«. Die spä­ten Selbst­be­zich­ti­gun­gen ehe­mals lin­ker »Renegat*innen« wür­den eine dif­fe­ren­zier­te und selbst­kri­ti­sche Auf­ar­bei­tung lin­ker Feh­ler eher behin­dern. Sei­ne Lieb­lings­fein­de schließ­lich, die Anti­deut­schen, sieht Han­lo­ser als Teil einer »Glau­bens­ge­mein­schaft«, die den Anti­se­mi­tis­mus­vor­wurf als »Ord­nungs­ruf« und Mit­tel einer »poli­ti­schen Dele­gi­ti­mie­rungs­stra­te­gie« ein­set­ze. »Die öffent­li­che Ankla­ge des lin­ken Anti­se­mi­tis­mus lebt von der Andeu­tung, Behaup­tung und dem Rau­nen«, schreibt Han­lo­ser und zitiert Micha Brum­lik: Mit dem »Ham­mer des israel­be­zo­ge­nen Anti­se­mi­tis­mus« sei man »auf der Ebe­ne von Gerüch­ten, und wozu Gerüch­te füh­ren kön­nen, das haben wir in den 50er Jah­ren in den USA erlebt, das nennt man heu­te McCar­thy­is­mus«.

In sei­nem zwei­ten Bei­trag, einem »kur­so­ri­schen Blick auf kur­sie­ren­de Begriffs­de­fi­ni­tio­nen«, demon­tiert Han­lo­ser das Kon­strukt des »struk­tu­rel­len Anti­se­mi­tis­mus« und die mehr oder weni­ger offi­zi­el­len Anti­se­mi­tis­mus­de­fi­ni­tio­nen des Euro­pean Moni­to­ring Cent­re on Racism and Xeno­pho­bia (EUMC) und der Inter­na­tio­nal Holo­caust Remem­bran­ce Alli­an­ce (IHRA). (ak 654) Letz­te­re sieht er, wie der von ihm zitier­te Peter Ull­rich, als ein »zu Will­kür gera­de­zu ein­la­den­des Instru­ment«. Wie die anti­lin­ken Kam­pa­gnen wir­ken, zeigt er am Bei­spiel der Links­par­tei. Deren Anpas­sungs­kurs gip­fel­te in Gre­gor Gysis Bekennt­nis zur Soli­da­ri­tät mit Isra­el als Teil deut­scher »Staats­rä­son«, womit er eine For­mu­lie­rung Ange­la Mer­kels über­nahm. »Staats­rä­son«, schreibt Han­lo­ser, sei aber »ein auto­ri­tä­rer Ord­nungs­ruf und kann mit einem lin­ken Selbst­ver­ständ­nis … nicht iden­tisch sein.«

Viel Stoff für kontroverse Debatten

In den wei­te­ren Bei­trä­gen, die etwa zwei Drit­tel des Gesamt­um­fangs aus­ma­chen, wer­den ein­zel­ne Aspek­te des lin­ken Anti­se­mi­tis­mus­streits ver­tieft. The­men sind die Neue Lin­ke (Karin Wet­terau), der bewaff­ne­te Kampf (Ger­hard Han­lo­ser), Rai­ner Wer­ner Fass­bin­ders Thea­ter­stück »Die Stadt, der Müll und der Tod« (Peter Men­ne), anti­is­rae­li­sche Paro­len in der Ham­bur­ger Hafen­stra­ße (Mar­kus Mohr), Mois­he Postones »mar­xi­sie­ren­de Kon­struk­tio­nen« (Karl Reit­ter), der »selbst­has­sen­de Jude« (Mos­he Zucker­mann) und »Anti­se­mi­tis­mus als Beu­te der Intel­lek­tu­el­len« (Ilse Bind­seil).

Alle Bei­trä­ge las­sen sich mit Gewinn lesen. Beson­ders ergie­big für die poli­ti­sche Debat­te sind Ger­hard Han­lo­sers eige­ne Tex­te. Das Wort »Pflicht­lek­tü­re« steht bei ak zu Recht auf dem Index. Wer aber über mut­maß­li­chen »lin­ken Anti­se­mi­tis­mus« mit­re­den will, wird um das Buch nicht her­um­kom­men. Auf sei­ne kon­tro­ver­se Rezep­ti­on, Ver­ris­se ein­ge­schlos­sen, darf man gespannt sein.

Lin­ker Anti­se­mi­tis­mus? Her­aus­ge­ge­ben von Ger­hard Han­lo­ser. Kri­tik & Uto­pie im Man­del­baum Ver­lag, Wien 2020. 304 Sei­ten, 22 EUR.

Jens Renner

Jens Ren­ner war bis Som­mer 2020 Redak­teur bei ak.

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