[ak:] Das Ende des Anstands

Migran­ti­fa-Grup­pen ent­ste­hen als Ant­wort auf die deut­sche Igno­ranz

Was ist Anti­fa­schis­mus? Nicht weni­ger als eine Über­le­bens­fra­ge für alle, deren Exis­tenz durch rech­ten Ter­ror bedroht ist. Die Gefahr ist nicht abs­trakt. Sie ist akut. Dem Gros der Kund­ge­bun­gen fällt trotz­dem nichts bes­se­res ein, als Rechts­staat und Men­schen­rech­te zu pre­di­gen und zu beteu­ern, dass man gegen den Hass sei. Aha. Und? Ras­sis­mus hat sei­nen Ursprung nicht in mora­li­schem Unver­mö­gen, son­dern in mate­ri­el­lem Nicht-Ver­mö­gen: Er muss pre­ka­ri­sie­ren. Der­weil ist Inte­gra­ti­on ein schlech­ter Scherz mit der­sel­ben Poin­te wie das kapi­ta­lis­ti­sche Auf­stiegs­ver­spre­chen. Ein paar lässt man mit­spie­len (und nennt es Reprä­sen­ta­ti­on) – aber nie­mals alle. Das ist die ers­te Ent­täu­schung.

Doch man benimmt sich, fin­det sich ab. Auch damit, als haut­ver­däch­tig zu gel­ten, gede­mü­tigt zu wer­den von Poli­zei und Behör­den. Wenn der Staat und sei­ne Insti­tu­tio­nen den­noch nicht wil­lens sind, wenigs­tens die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit zu schüt­zen, ist das die zwei­te Ent­täu­schung.

Nach dem Anschlag vom 19. Febru­ar, nach dem Mord an Geor­ge Floyd, sahen die Polit-Talks nach wie vor aus wie Skat­ver­eins­tref­fen. So sie ihn nicht gleich als Neben­sa­che abtat, pfleg­te lei­der auch die deut­sche Lin­ke die längs­te Zeit einen Anti­ras­sis­mus nach Maisch­ber­ger-Manier: als wei­ßes Selbst­ge­spräch. Den Men­schen, über die sie da sprach, hat sie kein poli­ti­sches Zuhau­se bie­ten kön­nen. Die drit­te Ent­täu­schung.

Das ist alles ernüch­ternd bis erschüt­ternd; es sei denn, es führt zur Schaf­fung eige­ner Struk­tu­ren. Unter dem Label »Migran­ti­fa« sind seit eini­gen Mona­ten migran­ti­sier­te und ande­re Antifaschist*innen orga­ni­siert. Gut zwei Dut­zend Migran­ti­fa-Grup­pen gibt es in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz. Sie alle eint ein neu­es Selbst­be­wusst­sein und die­sel­be Devi­se: Migran­ti­scher Selbst­schutz. Hier­zu zählt die Umdeu­tung des Tages der Befrei­ung zum anti­ras­sis­ti­schen Kampf­tag, die Mobi­li­sie­rung von Soli­da­ri­tät für die Opfer von Poli­zei­ge­walt, die Vor­be­rei­tung der bun­des­wei­ten Anrei­se zum Geden­ken in Hanau, das Bil­den von Alli­an­zen: Auf den Demos kom­men Romnja, Sinti*zze, Geflüch­te­te, Jüdi­sche, Schwar­ze und ande­re Men­schen of Color zu Wort und es scheint, als gäbe es (viel­leicht zum ers­ten Mal seit Kanak Attak) wie­der einen genu­in lin­ken Anti­ras­sis­mus der Selbst­für­spra­che. Wer hier Diver­si­ty­po­li­tik wähnt, kann direkt wie­der Maisch­ber­ger gucken gehen. Frei­heit ist uni­ver­sell – Befrei­ung bleibt par­ti­ku­lar.

Aus­druck der Ent­täu­schun­gen nicht-wei­ßer Lebens­rea­li­tät und die Ant­wort dar­auf; letz­lich sind sol­che Ver­bun­de genau das. Mög­lich, dass sich bald noch mehr von ihnen bil­den. Die Geduld ist jeden­falls erschöpft. Die Zeit des Betra­gens ist vor­bei. Ali­ce Wei­del twit­ter­te neu­lich: »Anti­fa & Migran­ti­fa außer Kon­trol­le«. Ganz recht. Herz­lich will­kom­men zum Ende des Anstands. Und damit bi xêr hatî, هلًا, መርሓባ zum Wider­stand der Des­in­te­grier­ten.

Temye Tesfu

Temye Tes­fu ist Grün­dungs­mit­glied des Künstler*innenkollektivs »par­al­lel­ge­sell­schaft«. Mode­riert, macht Memes, schreibt Gedich­te und ande­re Tex­te, z.B. für taz, ze​.tt, jetzt auch ak.

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