[ak:] »Wir werden nur als Schüler gesehen«

Die Home­schoo­ling-Zeit ver­stärk­te sozia­le Ungleich­hei­ten und dem Bil­dungs­we­sen imma­nen­te Ver­wer­tungs­lo­gi­ken

In den ers­ten Bun­des­län­dern hat die Schu­le seit Anfang August wie­der geöff­net. Wäh­rend Leh­rer­ge­werk­schaf­ten, Lan­des- und Elternvertreter*innen bestehen­de Kon­zep­te kri­ti­sie­ren, sind die Aus­wir­kun­gen des letz­ten Pan­de­mie­halb­jah­res noch kaum abseh­bar. Schon wäh­rend der Dis­kus­sio­nen dar­um, wie mit Schu­le und den Schüler*innen unter der Pan­de­mie umzu­ge­hen sei, fühl­ten sich vie­le Jugend­li­che über­gan­gen. Zu die­sem Ergeb­nis kommt etwa eine Stu­die der Uni­ver­si­tät Hil­des­heim, für die über 5.000 Jugend­li­che befragt wur­den. Was sich in der Stu­die abzeich­net, fasst ein Jugend­li­cher exem­pla­risch zusam­men: »Wir Jugend­li­chen wer­den doch nur als Schü­ler gese­hen. Wir sol­len ler­nen und ler­nen und ler­nen. War­um wird dar­über dis­ku­tiert, die Som­mer­fe­ri­en zu kür­zen. Poli­ti­ker den­ken wie Kapi­ta­lis­ten.«

Es ist ein offe­nes Geheim­nis, das dabei am Ende vor allem die­je­ni­gen zurück­blei­ben, die auch in der all­ge­mei­nen Kon­kur­renz den Kür­ze­ren zie­hen. Das fängt bei der Kon­zi­pie­rung des letz­ten Halb­jah­res als Online-Unter­richt an, für den die tech­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen bei vie­len Kin­dern und Jugend­li­chen gar nicht gege­ben waren. Denn obwohl Sky­pe, Face­time usw. schon seit meh­re­ren Jah­ren im All­tag prä­sent sind, sind ihre tech­ni­schen Anfor­de­run­gen hoch. Das Smart­pho­ne oder der Fami­li­en­lap­top reich­te dafür schnell nicht mehr aus, wenn die­ser schon ein paar Jah­re auf den Buckel hat­te. Der von der Gro­ßen Koali­ti­on beschlos­se­ne PC-Zuschuss für Hartz-IV-Bezieher*innen in Höhe von 150 Euro war nicht ein­mal der berühm­te Trop­fen auf den hei­ßen Stein. Der Gerichts­be­schluss des Sozi­al­ge­richts Köln bil­lig­te – wenn auch erst zum Som­mer­fe­ri­en­start – den Fami­li­en immer­hin 240 Euro zu.

Neben einer sta­bi­len Inter­net­ver­bin­dung und einer ange­mes­se­nen tech­ni­schen Aus­stat­tung braucht es einen ruhi­gen Platz zum Ler­nen. Wäh­rend Büche­rei­en und Biblio­the­ken geschlos­sen waren, war ent­spann­tes Ler­nen in Woh­nun­gen mit mehr Men­schen als Zim­mern ein Ding der Unmög­lich­keit. Ob die Eltern bei dem Stoff hel­fen konn­ten, hing nicht nur von ihrem Bil­dungs­stand, son­dern auch von der Qua­li­tät der Schu­le ab und davon, ob sie die Mög­lich­keit hat­ten, ins Home­of­fice zu gehen. Vie­le Eltern in »sys­tem­re­le­van­ten Beru­fen« brin­gen nicht nur weni­ger Geld nach Hau­se und haben ein ungleich höhe­res Infek­ti­ons­ri­si­ko, weil sie den gan­zen Tag unter­wegs sind, sie haben oft auch kei­ne Zeit, die Schu­le der Kin­der eng­ma­schig zu beglei­ten.

Resigniert und allein gelassen

Wur­de in den ers­ten Wochen noch ver­sucht, sich mit den Kin­dern und Jugend­li­chen hin­zu­set­zen und Schul­ar­bei­ten zu kor­ri­gie­ren, führ­te die­se unan­ge­neh­me Dop­pel­rol­le als Eltern­teil und Lehrer*innen oft zu Kon­flik­ten zu Hau­se, die vie­le Fami­li­en resi­gnie­ren lie­ßen. Ähn­li­ches galt an vie­len Orten auch von Sei­ten der Schu­le: Wäh­rend zu Beginn noch ver­sucht wur­de, die Fami­li­en mit regel­mä­ßi­gem Feed­back zu unter­stüt­zen, erwies sich der Arbeits­auf­wand bald als zu hoch und die Eltern und Kin­der waren wie­der auf sich allein gestellt. Auch hier unter­schied sich aber logi­scher­wei­se das Ange­bot je nach finan­zi­el­ler Aus­stat­tung der Schu­le.

Zu all die­sen mate­ri­el­len Schwie­rig­kei­ten kommt die psy­chi­sche Belas­tung für jun­ge Men­schen, die die Exis­tenz­ängs­te ihrer Eltern spü­ren und zu Hau­se täg­lich mit die­sen leben müs­sen. Die Angst um die Exis­tenz der Eltern, aber auch um deren kör­per­li­che Gesund­heit in Beru­fen ohne Home­of­fice-Opti­on prägt wäh­rend der Pan­de­mie das Leben Mil­lio­nen jun­ger Men­schen und zer­stört das für ein gutes Auf­wach­sen unbe­dingt nöti­ge Gefühl der Sicher­heit.

Auf die Mehr­fach­be­las­tung durch Schul­auf­ga­ben und Fami­li­en­le­ben, die dies gera­de für älte­re Schüler*innen bedeu­ten kann, macht Lou, Schü­le­rin vom Imma­nu­el-Kant-Gym­na­si­um in Ham­burg-Har­burg auf­merk­sam. »Wenn ich eh Zuhau­se bin, kann ich noch mal ne Stun­de auf mei­ne klei­ne Schwes­ter auf­pas­sen.« Es sei bei der Aus­ge­stal­tung des Home­schoo­ling ins­ge­samt wenig um die unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Schüler*innen gegan­gen. So muss­ten »Freun­de, die kei­nen Lap­top hat­ten, über Han­dys die Auf­ga­ben bear­bei­ten, wäh­rend die Lern­platt­for­men nicht für die mobi­le Ansicht geeig­net waren. Die­se unter­schied­li­chen Vor­aus­set­zun­gen wur­den in der Noten­ge­bung nicht berück­sich­tigt.« Über­haupt sei sehr viel beno­tet wor­den, betont die 17-Jäh­ri­ge: »Es wur­de viel mehr beno­tet als sonst. Sonst kann man sich auch immer münd­lich betei­li­gen, aber wenn man was wäh­rend Coro­na nicht abge­ben konn­te, gab es direkt null Punk­te.«

Die Schu­le ist nicht nur Selek­ti­ons- und Aus­bil­dungs­ort, son­dern ganz zen­tral auch eine Ver­wahr­an­stalt für jun­ge Men­schen, die noch nicht als Arbeits­kräf­te ein­ge­setzt wer­den kön­nen.

Gegen den unge­rech­ten Noten­druck wehr­ten sich auch bun­des­weit vie­le Schüler*innen der Abschluss­jahr­gän­ge und for­der­ten die Mög­lich­keit einer Durch­schnitts­no­te für ihre Abschluss­prü­fun­gen. In Ham­burg wur­den wäh­rend der Abitur­vor­be­rei­tun­gen 2020 Stim­men von Schüler*innen laut, die Abitur­prü­fun­gen aus­zu­set­zen. Sie rich­te­ten sich mit einem offe­nen Brief an den 1. Bür­ger­meis­ter und den Bil­dungs­se­na­tor: »Wir sind Kin­der und Jugend­li­che, die in einer Zeit funk­tio­nie­ren sol­len, wo das gesam­te sozia­le Leben und die gesam­te Wirt­schaft zum Erlie­gen gebracht wur­den. Die Regie­rung ver­spricht die­ser Wirt­schaft sogar finan­zi­el­le Unter­stüt­zung, ohne ein Limit zu set­zen! Und wir müs­sen Leis­tun­gen erbrin­gen, die bewer­tet und unse­re Abschluss­no­ten bestim­men wer­den, ohne dass Rück­sicht auf uns genom­men wird.«

Lou wie­der­um kri­ti­siert außer­dem, dass der Unter­richt auf die Bedürf­nis­se der Lehrer*innen zuge­schnit­ten gewe­sen sei: »Es wur­de vor allem dar­auf geach­tet, was für die Leh­rer gut funk­tio­niert, ohne dass das an die Bedürf­nis­se der Schüler*innen ange­passt wur­de. Das führ­te zum Bei­spiel dazu, dass Auf­ga­ben über fünf ver­schie­de­ne Kanä­le gestellt wur­de, weil die Leh­rer sich nicht auf eine Platt­form eini­gen konn­ten.«

Ziemlich viel Verwahrung

Wäh­rend die Pan­de­mie die sozia­len Ungleich­hei­ten im Bil­dungs­we­sen und ins­ge­samt im Leben von Kin­dern und Jugend­li­chen ver­schärft, legt die Kri­se auch eine ent­schei­den­de Funk­ti­on der Schu­le in Bezug auf Eltern offen: Die Schu­le ist nicht nur Selek­ti­ons- und Aus­bil­dungs­ort, son­dern ganz zen­tral auch eine Ver­wahr­an­stalt für jun­ge Men­schen, die noch nicht als Arbeits­kräf­te ein­ge­setzt wer­den kön­nen. Der öko­no­mi­sche Druck, die Schu­len wie­der zu öff­nen, ist gewal­tig; auf eine Dop­pel­be­las­tung der Eltern als Arbeits­kräf­te und Voll­zeit-Erzie­hungs­per­so­nen ist der moder­ne Kapi­ta­lis­mus nicht aus­ge­legt. In der Kri­se wird gesell­schaft­lich sicht­bar, was sonst nur für Schüler*innen spür­bar ist: Dass ein guter Teil ihrer Zeit in der Schu­le der rei­nen Ver­wah­rung dient.

Und auch außer­halb der Schu­le wur­de die Ver­wah­rung von ins­be­son­de­re pro­le­ta­ri­schen Jugend­li­chen zum Pro­blem. Schließ­lich unter­schei­den sich auch die Mög­lich­kei­ten der Frei­zeit­ge­stal­tung wäh­rend der Pan­de­mie noch deut­li­cher als sonst. Vie­le ehren­amt­lich orga­ni­sier­te Feri­en­frei­zei­ten von Jugend­ver­bän­den und Jugend­zen­tren, die nor­ma­ler­wei­se eine kos­ten­güns­ti­ge Alter­na­ti­ve zum teu­ren Aus­lands­ur­laub sind, wur­den auf­grund der Unsi­cher­heit und unkla­rer Auf­la­gen abge­sagt. Wäh­rend­des­sen konn­ten kom­mer­zi­el­le Anbie­ter und Flug­ge­sell­schaf­ten ihre wirt­schaft­li­che Macht spie­len las­sen, um Geneh­mi­gun­gen für ihre Ange­bo­te zu bekom­men. Aber auch im All­tag haben sich die Frei­räu­me von Kin­dern und Jugend­li­chen geschlos­sen.

Poli­zei­will­kür bei der Durch­set­zung der sich stän­dig ändern­den Sicher­heits­auf­la­gen im öffent­li­chen Raum trifft jun­ge Men­schen beson­ders hart. Wäh­rend ein Groß­teil der Gas­tro­no­mie bereits auf­ma­chen konn­te, blieb den­je­ni­gen, die sich kei­nen Restau­rant­be­such leis­ten kön­nen, nur der öffent­li­che Raum als Coro­na-siche­rer Treff­punkt. Da aber Jugend­li­che im öffent­li­chen Raum vor allem als Stör­fak­to­ren wahr­ge­nom­men wer­den, führ­te das unwei­ger­lich zur Kon­fron­ta­ti­on mit den Sicher­heits­be­hör­den, die ihrer­seits mit gro­ßer Bru­ta­li­tät gegen die Jugend­li­chen vor­gin­gen. Am stärks­ten betrof­fen waren nicht-wei­ße Jugend­li­che, die die­sen Som­mer rei­hen­wei­se von den öffent­li­chen Plät­zen geprü­gelt wur­den, flan­kiert von Medi­en­kam­pa­gnen über maro­die­ren­de Par­ty-Ban­den.

Sowohl das Behar­ren auf Prü­fun­gen unter extrem unglei­chen Bedin­gun­gen als auch die staat­li­che Gewalt gegen Jugend­li­che zei­gen, dass es anschei­nend erst mal kein Inter­es­se an einem guten Auf­wach­sen von Kin­dern und Jugend­li­chen gibt, son­dern man sie tat­säch­lich nur als Schüler*innen und zu ver­wah­ren­de zukünf­ti­ge Arbeits­kräf­te sieht. Die Inter­es­sen von pro­le­ta­ri­schen Schüler*innen wer­den solan­ge nicht berück­sich­tigt wer­den, ehe die­se nicht selbst anfan­gen, sich dafür zu orga­ni­sie­ren.

Karl Müller-Bahlke

Karl Mül­ler-Bahl­ke stu­diert in Göt­tin­gen und ist Mit­glied des Bun­des­vor­stands der Sozia­lis­ti­schen Jugend Die Fal­ken im Bereich Sozia­lis­ti­sche Erzie­hung und Kin­der­rech­te.

David Pape

David Pape ist Sozi­al­päd­ago­ge aus Ham­burg & Refe­rent für Kin­der- Jugend- und Bil­dungs­po­li­tik im Bun­des­vor­stand der Sozia­lis­ti­schen Jugend Die Fal­ken.

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