[GWR:] Das Ende des alten weißrussischen Mannes?

Mit sei­nem rus­si­schen Amts­kol­le­gen Putin teilt er die Ein­schät­zung, dass der Zer­fall der Sowjet­uni­on die größ­te geo­po­li­ti­sche Kata­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts sei. Doch wäh­rend Putin sei­ne Amts­zeit auf ewig ver­län­gert, dreht Luka­schen­ko die Zeit voll­stän­dig zurück. Er zer­malm­te die zar­ten Spros­sen der Demo­kra­tie und re-sowje­ti­sier­te Bela­rus – natür­lich mit ihm an der Spit­ze. Für jun­ge Men­schen ist Luka­schen­ko eine aus der Zeit gefal­le­ne Witz­fi­gur. Er taugt ihnen als ana­chro­nis­ti­sches sowje­ti­sches Meme, nicht als Auto­ri­täts­per­son. Eine offe­ne oppo­si­tio­nel­le Hal­tung in Bela­rus war bis­her mit schwer­wie­gen­den Kon­se­quen­zen ver­bun­den. Die Repres­sio­nen des Staa­tes sind hart, die Macht Luka­schen­kos begrün­det sich auf der Kon­trol­le und Bevor­zu­gung von Geheim­dienst, Mili­tär und Poli­zei.

Eine Wahl mit Fol­gen

Laut offi­zi­el­lem Wahl­er­geb­nis haben 80% der Wähler*innen für Luka­schen­ko gestimmt. Dass die Wahl eine Far­ce ist, war vie­len Wähler*innen von Anfang an klar. So wun­der­ten sich nur weni­ge Men­schen über die heim­lich gefilm­ten Vide­os, in denen zu sehen ist, wie Stimm­zet­tel aus den Wahl­bü­ros ent­sorgt wur­den. Da es in Bela­rus kei­ne offi­zi­el­len Umfra­gen gibt, behalf sich die Zivil­ge­sell­schaft mit einer – ver­mut­lich nicht ganz reprä­sen­ta­ti­ven – Online-Umfra­ge, nach der ledig­lich drei Pro­zent der Bevöl­ke­rung tat­säch­lich hin­ter dem Regime ste­hen. Die dreis­te und selbst­ge­rech­te Insze­nie­rung des Regimes, die auf­ge­stau­te Wut über Kor­rup­ti­on, Wirt­schafts­kri­se und schlech­tes Coro­na-Kri­sen­ma­nage­ment brach­te nach den Wah­len Tag für Tag mehr Men­schen zu Demons­tra­tio­nen auf die Stra­ßen.

Die Ant­wort der Staats­ge­walt war bru­tal: Tau­sen­de wur­den ver­haf­tet, soge­nann­te „Sicher­heits­kräf­te“ schos­sen mit schar­fer Muni­ti­on in die Men­schen­men­ge, in den Gefäng­nis­sen wur­den Oppo­si­tio­nel­le miss­han­delt und gefol­tert. Das Inter­net wur­de gesperrt, um Pro­tes­te zu erschwe­ren. Seit­dem koor­di­niert sich die Oppo­si­ti­on über Mes­sen­ger­diens­te und Social Media.Einige Tage schien der Macht­ap­pa­rat die Ober­hand zu behal­ten. Mit dem Streik der Arbeiter*innen in staat­li­chen Unter­neh­men wen­de­te sich jedoch das Blatt.

Gro­ße Tei­le der Beleg­schaf­ten kün­dig­ten auf betrieb­li­chen Ver­samm­lun­gen ihren regime­treu­en Mana­gern den Gehor­sam. Immer mehr Men­schen ström­ten zu direk­ten, gewalt­frei­en Aktio­nen auf die Stra­ßen: Hupen­de Auto­kor­sos, bewusst lang­sa­mes Auto­fah­ren, Men­schen­ket­ten mit Blu­men an den Haupt­stra­ßen, mas­sen­haf­te Besu­che von Ange­hö­ri­gen in den Gefäng­nis­sen, sowie lau­tes Sin­gen in öffent­li­chen Ver­kehrs­mit­teln sind belieb­te Akti­ons­for­men. Ver­gan­ge­nes Wochen­en­de zogen aber­tau­sen­de Men­schen auf den Unab­hän­gig­keits­platz in Minsk und for­der­ten Luka­schen­ko zum Rück­tritt auf. Es könn­te die größ­te Demons­tra­ti­on der Geschich­te des Lan­des gewe­sen sein.

„Natio­na­le Befrei­ung“ oder Demo­kra­tie­be­we­gung?

Gewiss ist eine Demo­kra­ti­sie­rung die­ser „letz­ten Dik­ta­tur Euro­pas“ wün­schens­wert. In der Ableh­nung Luka­schen­kos ist sich die Mehr­heit einig. Doch was möch­te sie statt­des­sen? Eini­ge Leu­te befür­wor­ten eine nicht näher defi­nier­te „direk­te Demo­kra­tie“, ande­re wün­schen sich ein par­la­men­ta­ri­sches Stell­ver­tre­ter­sys­tem, wie­der ande­re könn­ten sich mit Refor­men im bestehen­den Sys­tem zufrie­den geben.

Auf den Bil­dern und Vide­os, die über den Mes­sen­ger „Tele­gram“ gesen­det wer­den, sieht man auf den oppo­si­tio­nel­len Demons­tra­tio­nen vor allem weiß-rot-wei­ße Fah­nen. Die­se Sym­bo­lik knüpft an die kurz­le­bi­ge und erst­mals unab­hän­gi­ge „Weiß­rus­si­sche Volks­re­pu­blik“ von 1918 an. Zuletzt wur­de die­se Fah­ne der „Repu­blik Bela­rus“ von 1991 bis 1995 ver­wen­det, bevor Luka­schen­ko sowje­ti­sche Sym­bo­li­ken wie­der ein­führ­te. Ob die Ver­wen­dung die­ser Fah­ne ein Bekennt­nis zur Demo­kra­tie oder zur Nati­on ist, lässt sich schwer bestim­men. Die Idee der Nati­on als Schick­sals­ge­mein­schaft und die Vor­stel­lung, dass es ja nicht schlim­mer wer­den kön­ne, als es schon ist, scheint das ver­bin­den­de Ele­ment der Pro­tes­tie­ren­den zu sein. In der Rhe­to­rik des Pro­tes­tes wird das Regime gele­gent­lich als Besatz­er­macht bezeich­net, von denen eine natio­na­le Unab­hän­gig­keit zu erstrei­ten sei.

Bei die­sen inne­ren bela­rus­si­chen Ange­le­gen­hei­ten steht Russ­land als Ele­fant im Raum. Seit dem Zer­fall der Sowjet­uni­on beob­ach­tet der Kreml sehr genau, was in sei­nen ehe­ma­li­gen Kolo­nien geschieht. Bela­rus war zeit­wei­se ein geschätz­ter, nun ein eher gedul­de­ter Part­ner Russ­lands. Im Fal­le des Stur­zes von Luka­schen­ko wer­den die zwi­schen­staat­li­chen Bezie­hun­gen neu defi­niert. Ein zwei­ter Don­bass-Kon­flikt wäre mög­lich, zumal bereits im Vor­feld der Wah­len Söld­ner des rus­si­schen Mili­tär­un­ter­neh­mens „Grup­pe Wag­ner“ in Bela­rus ent­deckt wur­den. Inner­halb Russ­lands gibt es Stim­men, die for­dern, dass man im Nach­bar­land doch für Ord­nung sor­gen müs­se. Laut der rus­si­schen oppo­si­tio­nel­len Inter­net­zei­tung „Medu­za“ sei­en bereits rus­si­sche Mili­tär­kon­vois ohne Hoheits­ab­zei­chen in Bela­rus ein­ge­trof­fen. Die Situa­ti­on in Bela­rus kann sich täg­lich neu ent­schei­den. Egal wie es aus­geht: Die über­wäl­ti­gen­de Men­ge an Pro­tes­tie­ren­den zeigt, dass die Zivil­ge­sell­schaft stär­ker ist als der Staat – wenn und solan­ge sie sich orga­ni­siert.

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