[ISO:] Coburg wird bayerisch

Am 1. Juli 1920 wur­de das Her­zog­tum Coburg nach der Volks­ab­stim­mung
vom 30. Novem­ber 1919, in der 88,11% der Bevöl­ke­rung (26 102 zu 3466
Stim­men) gegen die Inte­gra­ti­on in den neu­ge­grün­de­ten „Frei­staat Thü­rin­gen“
votier­ten, an Bay­ern ange­schlos­sen. Dies war der ers­te Volks­ent­scheid über eine
Neu­glie­de­rung von deut­schen Län­dern über­haupt.

Für Bay­ern war es der ein­zig frei­wil­li­ge Gebiets­zu­wachs, weil der
Anschluss der frän­ki­schen Bis­tü­mer Würz­burg und Bam­berg ja von Napo­le­on
durch­ge­setzt wor­den war. Mit der Abstim­mung ent­schied sich die Cobur­ger
Bevöl­ke­rung auch gegen Preu­ßen, mit dem es aller­dings kei­ne gemein­sa­me Gren­ze
besaß. (Das Gebiet um Erfurt gehör­te damals zu Preu­ßen.)

Die Wet­ti­ner Dynas­tie hat­te Coburg 1353 über­nom­men und regier­te es somit
566 Jah­re lang. 1826 wur­de das Her­zog­tum Sach­sen-Gotha mit Sach­sen-Coburg in Per­so­nal­uni­on,
ab 1852 auch in Real­uni­on zusam­men­ge­legt. (Faludi/​Bartuschka 2020: 63) Die Cobur­ger
Dynas­tie Sach­sen-Coburg und Gotha („Euro­pas Stu­ten­gar­ten“) hat­te ver­wandt­schaft­li­che
Ver­bin­dun­gen zu den Hohen­zol­lern und den bri­ti­schen Battenberg/​Windsors (Der
Her­zog Carl Edu­ard war ein Enkel von Queen Vic­to­ria und war in Eng­land
auf­ge­wach­sen! Im Ers­ten Welt­krieg ver­lor er sei­nen Titel als bri­ti­scher Prinz.)
Zahl­rei­che preu­ßi­sche Offi­zie­re wähl­ten das beschau­li­che frän­ki­sche Städt­chen
als Alters­ru­he­sitz. Coburg hat­te wohl in Preu­ßen bezüg­lich eines Anschlus­ses
nach­ge­fragt, war dort aber nicht will­kom­men. (Staats­ar­chiv­di­rek­tor Alex­an­der
Wolz in der SZ, 28./29.12.2019)

Eigent­lich soll­te das pro­tes­tan­ti­sche (und frän­ki­sche) Coburg – immer­hin
eines der Stamm­lan­de der Refor­ma­ti­on – gleich dem ande­ren Teil des Her­zog­tums,
Gotha, die etwa 100 km aus­ein­an­der lie­gen, zu Thü­rin­gen kom­men, als nach der Revo­lu­ti­on
1918/​19 die acht ver­schie­de­nen ernes­ti­ni­schen Klein­staa­ten des einen Zweigs der
Wet­ti­ner (der alber­ti­ni­sche Zweig stell­te den König von Sach­sen) zum Land
Thü­rin­gen zusam­men­ge­legt wur­den. Schon im 19. Jahr­hun­dert gab es Bestre­bun­gen,
die­se ana­chro­nis­ti­schen Klein­staa­ten zu einem Land zusam­men­zu­le­gen, doch wur­de
das durch die Inter­es­sen­la­ge des jewei­li­gen Adels ver­hin­dert. Die
Mili­tär­ver­wal­tung im 1. Welt­krieg han­del­te gesamtt­hü­rin­gisch, und die
schlech­ten Erfah­run­gen damit dürf­ten die Cobur­ger ver­an­lasst haben, sich nicht
dem neu­en Staat Thü­rin­gen anzu­schlie­ßen. Bei den Händ­lern und Bau­ern gab es
zwar War­nun­gen vor den „ultra­mon­ta­nen“ Bay­ern; außer­dem ver­wies man auf die
schlech­te Ernäh­rungs­la­ge im zu Bay­ern gehö­ren­den ober­frän­ki­schen Hof. Die Cobur­ger
SPD-Füh­rung rief zu einem Votum für Thü­rin­gen auf, wur­de aber nicht ein­mal von
der Mehr­heit der eige­nen Wäh­ler­schaft unter­stützt. Die baye­ri­sche Regie­rung
mach­te in den Ver­hand­lun­gen gro­ße Zuge­ständ­nis­se (Bam­ber­ger Sti­pu­la­tio­nen
[Abma­chun­gen, Zusa­gen; A.d.R.] vom 12. Juni 1919), denn die Cobur­ger
durf­ten ihre Kunst­schät­ze und his­to­ri­schen Doku­men­te behal­ten. Außer­dem blie­ben
das Thea­ter, die Lan­des­bi­blio­thek, das Natur­kun­de­mu­se­um und sogar das
Staats­ar­chiv in der Stadt, das man im Fal­le eines Anschlus­ses an Thü­rin­gen wohl
nach Wei­mar trans­fe­riert hät­te. In Thü­rin­gen hat­ten die Par­tei­en der
Arbei­ter­be­we­gung (MSPD und USPD, Gotha und Erfurt waren his­to­ri­sche Zen­tren
der­sel­ben) das Sagen. Das klein­bür­ger­li­che Coburg pro­fi­tier­te auch von der Lage
nach der Revo­lu­ti­on, als die baye­ri­sche Regie­rung unter dem Sozi­al­de­mo­kra­ten
(und Fran­ken) Johan­nes Hoff­mann wegen der Mün­che­ner Räte­re­pu­blik nach Bam­berg
geflo­hen und zu gro­ßen Zuge­ständ­nis­sen bereit war.

Zum Voll­zug des Anschlus­ses bedurf­te es gemäß Arti­kel 18 der Wei­ma­rer
Ver­fas­sung eines Reichs­ge­set­zes, das am 30. April 1920 ver­kün­det wur­de. Bei
den Reichs­tags­wah­len vom 6. Juni 1920 durf­te Coburg bereits im Wahl­kreis
29 (Fran­ken) abstim­men. Am 30. Juni 1920 beschloss die Cobur­ger
Lan­des­ver­samm­lung in Anwe­sen­heit des neu­en baye­ri­schen Minis­ter­prä­si­den­ten
Gus­tav Rit­ter von Kahr (auch ein Fran­ke, seit 16. März 1920 Nach­fol­ger von
Hoff­mann) und des ober­frän­ki­schen Regie­rungs­prä­si­den­ten Otto Rit­ter von
Strö­ßen­reu­ther (1865–1958) die Selbst­auf­lö­sung. (www​.his​to​ri​sches​-lexi​kon​-bay​erns​.de/​v​e​r​e​i​n​i​g​u​n​g​-​c​o​b​u​r​g​s​-​m​i​t​-​b​a​y​e​rn/)

Aber bald schon wur­de Coburg ein Hot­spot der Kon­ter­re­vo­lu­ti­on, vor allem
weil der (vom Arbei­ter- und Sol­da­ten­rat abge­setz­te) Her­zog Carl Edu­ard (1884–1954)
das Frei­korps des aus Duis­burg stam­men­den Kor­vet­ten­ka­pi­täns Her­mann Erhardt,
einem der Trä­ger der kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­ti­on Con­sul (O.C) mit etwa 5000
Mit­glie­dern, finan­zi­ell und mate­ri­ell unter­stütz­te.[1] Die­se Orga­ni­sa­ti­on war für
eine gan­ze Rei­he von poli­ti­schen Mor­den ver­ant­wort­lich. Carl Edu­ard war sogar
Bezirks­ver­tre­ter der Bri­ga­de Erhardt, als sie von der Füh­rung der Reichs­wehr am
29. Febru­ar 1920 für auf­ge­löst erklärt wur­de. Dar­auf­hin erfolg­te ein
rech­ter Marsch auf Ber­lin mit dem Ziel, die Reichs­re­gie­rung zu stür­zen. Die
Bri­ga­de betei­lig­te sich am 13. März 1920 auch am rech­ten
Kapp-Lütt­witz-Putsch, der aber auf­grund des Gene­ral­streiks der Arbei­ter­be­we­gung
schei­ter­te. In Bay­ern muss­te die Regie­rung Hoff­mann (SPD) zurück­tre­ten und
wur­de durch den rech­ten Gus­tav von Kahr (BVP) ersetzt.

Der Her­zog beher­berg­te den flüch­ti­gen Erhardt zeit­wei­lig auf sei­ner Burg
Cal­len­berg, als er poli­zei­lich gesucht wur­de, und ver­steck­te in andern
Schlös­sern auch gro­ße Men­gen an Waf­fen. Einer der Auf­trags­kil­ler der O.C.,
Ernst von Salo­mon, der bei der Ermor­dung von Walt­her Rathen­au im Juni 1922
Wache gestan­den hat­te – im Übri­gen stamm­te auch der Atten­tä­ter Her­mann Fischer
selbst aus Coburg –, wur­de sogar des Her­zogs Adju­tant. Carl Edu­ard war
über­zeugt, dass Erhardt (und nicht Hit­ler) der neue „Füh­rer“ der völ­kisch-natio­na­lis­ti­schen
Bewe­gung sein wür­de. (Urbach 2019: 186–189) Kari­na Urbach fasst zusam­men: „Die
‚poli­ti­sche Arbeit‘ der O.C. zu unter­stüt­zen, bedeu­te­te also, poli­tisch
moti­vier­te Atten­ta­te zu unter­stüt­zen. Carl Edu­ard hat­te dabei den Fin­ger
nie­mals selbst am Abzug, aber er half, die Waf­fe zu laden.“ (ibid., 188) Trä­ger
des rech­ten Radi­ka­lis­mus in Coburg waren – abge­se­hen vom Her­zog und sei­ner
Entou­ra­ge – ins­be­son­de­re die Krie­ger­ver­ei­ne, wie der „Cobur­ger Krie­ger­ver­band“,
der „Mili­tär­ver­ein Kame­rad­schaft“ oder die „Ange­hö­ri­gen des
6. Thü­rin­gi­schen Infan­te­rie­re­gi­men­tes 95“. Ab 1922 kam noch die
Orts­grup­pe des Jung­deut­schen Ordens hin­zu, die von den Pfar­rern Wil­li Döb­rich
und Hel­muth John­sen geführt wur­de.

Der Coburger „Blutsonnabend“

Nach der Ermor­dung des frü­he­ren Reichs­fi­nanz­mi­nis­ters Mat­thi­as Erz­ber­ger
(Zen­trum) am 26. August 1921 in Gries­bach im Schwarz­wald durch die
Orga­ni­sa­ti­on Con­sul kam es im gan­zen Reich zu Demons­tra­tio­nen. In Coburg rie­fen
die Arbei­ter­par­tei­en und die Gewerk­schaf­ten des­we­gen zu einer Kund­ge­bung auf.
Sie soll­te am 3. Sep­tem­ber statt­fin­den und war auch gegen die baye­ri­sche
Regie­rung des rechts­ra­di­ka­len Minis­ter­prä­si­den­ten Gus­tav von Kahr gerich­tet.
Der Vor­sit­zen­de der ört­li­chen SPD, Franz Kling­ler, und der Gewerk­schafts­füh­rer
Otto Voye hol­ten beim Bezirks­amt eine Geneh­mi­gung für eine Kund­ge­bung auf dem
Cobur­ger Schloss­platz ein. Da mit der Teil­nah­me von zahl­rei­chen Arbeiter*innen
aus den benach­bar­ten Indus­trie­städ­ten Rodach, Neu­stadt und Son­ne­berg zu rech­nen
war, befürch­te­te die baye­ri­sche Lan­des­po­li­zei Unru­hen. Der Ober­bür­ger­meis­ter
Gus­tav Hirsch­feld (SPD) ver­such­te mit dem Bezirks­amt und der Poli­zei zu einer
Eini­gung zu kom­men. Aber die Regie­rung von Ober­fran­ken unter­sag­te eine nach
einer Kund­ge­bung übli­che Demons­tra­ti­on, die „mit allen Mit­teln“ ver­hin­dert
wer­den soll­te.

Eine poli­ti­sche Macht­pro­be …

Zur Durch­set­zung des Demons­tra­ti­ons­ver­bots ent­sand­te die Lan­des­po­li­zei
zusätz­li­che 150 Mann nach Coburg und ließ die Innen­stadt absper­ren. Otto Voye
befürch­te­te, dass „die Lan­des­po­li­zei an zer­stö­re­ri­scher Wir­kung in einer hal­ben
Stun­de mehr errei­chen wer­de, als die Sozia­lis­ten­füh­rer nicht in hun­dert Reden
bewir­ken kön­nen“. (www.historisches-lexikons-bayerns.de/Lexikon/Coburger-„Blutsonnabend“/)

Gegen 15 Uhr hat­ten sich etwa 3000 Men­schen auf dem Schloss­platz
ein­ge­fun­den. Die Poli­zei begann mit der Absper­rung der Innen­stadt, was die
Men­ge empör­te. Es kam zu Hand­greif­lich­kei­ten und der Ein­kes­se­lung einer
Poli­zei­ein­heit. Die Poli­zei schoss dar­auf­hin Gewehr­sal­ven und warf Hand­gra­na­ten
in die Men­ge. Etwa zwan­zig Per­so­nen wur­den teil­wei­se erheb­lich ver­letzt, ein
Mann erlag zwei Tage spä­ter sei­nen Ver­let­zun­gen.

Es han­del­te sich um eine poli­ti­sche Macht­pro­be: Die Par­tei­en der
Arbei­ter­be­we­gung sahen den Anschluss an Bay­ern – beson­ders nach­dem der Rech­te
Gus­tav von Kahr Minis­ter­prä­si­dent gewor­den war – äußerst kri­tisch und hät­ten
sich (gleich dem frü­he­ren Gotha­er Lan­des­teil) lie­ber Thü­rin­gen ange­schlos­sen.
Der baye­ri­schen Staats­re­gie­rung ging es dar­um, ihre Auto­ri­tät auch im
„neu­ge­won­ne­nen“ Coburg durch­zu­set­zen.

Die Untaten des Herzogs

Seit 1913 sam­mel­te sich das deutsch-völ­ki­sche Lager zu einem „Deut­schen
Tag“. Der Deutsch-völ­ki­sche Schutz- und Trutz­bund berief ihn für 1922 nach
Coburg ein. Unter den Gäs­ten befand sich auch der damals außer­halb Mün­chens
noch wenig bekann­te Adolf Hit­ler, der vor­her bei kei­nem Deut­schen Tag
auf­ge­tre­ten war. Er wur­de vom Orga­ni­sa­tor des Tref­fens, dem Cobur­ger Leh­rer
Hans Diet­rich, per­sön­lich ein­ge­la­den. Nun sah er die Chan­ce gekom­men, vor einem
rechts­ra­di­ka­len Publi­kum außer­halb Mün­chens auf­zu­tre­ten. Er behaup­te­te spä­ter
ver­harm­lo­send, der Zweck des Tref­fens sei es gewe­sen, „eine gegen­sei­ti­ge
Füh­lung­nah­me der vater­län­di­schen völ­ki­schen Ver­bän­de zu ermög­li­chen“. (Erd­mann
1969: 159) Dazu mie­te­te er einen Son­der­zug und fuhr mit 650 SA-Leu­ten über
Nürn­berg nach Coburg.[2] In Nürn­berg, wo die Grup­pe
um Juli­us Strei­cher zustieg, wur­de ein aus Ber­lin kom­men­der Zug mit
Haken­kreu­zen beschmiert und die SA sang: „Schmeißt sie raus, die Juden­ban­de!“
(Erd­mann 1969: 100) Da ver­schie­de­ne Orga­ni­sa­tio­nen der Arbei­ter­be­we­gung
Gegen­kund­ge­bun­gen abhiel­ten (am 24. Juni 1922 war der Außen­mi­nis­ter
Walt­her Rathen­au von der O.C. ermor­det wor­den, auch wirk­ten die Ereig­nis­se vom
ver­gan­ge­nen Jahr noch nach), kam es zu Stra­ßen­kämp­fen.[3] Anti­fa­schis­ten dürf­ten die
pro­vo­ka­tiv auf­tre­ten­den Nazis auf ihrem Marsch in Uni­form und Musik­ka­pel­le vom
Bahn­hof zur Unter­kunft wohl zuerst ange­grif­fen haben, doch die­se hiel­ten sich
an kei­ne behörd­li­chen Vor­ga­ben und dro­schen mit allen Mit­teln auf ihre Geg­ner
ein.[4]

Adolf Hit­ler trat im ört­li­chen Hof­bräu­haus auf und traf dort
wahr­schein­lich zum ers­ten Mal mit Carl Edu­ard und des­sen Gemah­lin zusam­men.
Dar­aus ent­wi­ckel­te sich eine anhal­ten­de Män­ner­freund­schaft, von der der Her­zog
vor allem nach 1933 immer wie­der schwärm­te. Er war kein gerin­ge­rer Anti­se­mit
als Hit­ler, denn sei­ner Mei­nung nach waren die Juden alle Bol­sche­wi­ken und für
die Revo­lu­ti­on und sei­ne Abset­zung im Novem­ber 1918 ver­ant­wort­lich. Die Reden
von Hit­ler und ande­ren Nazis fan­den gro­ßen Bei­fall. Man ver­ab­schie­de­te eine
Reso­lu­ti­on zuguns­ten eines „ent­schlos­se­nen Kamp­fes gegen Ver­sailles und die
Kriegs­schuld­lü­ge“, gegen die Ber­li­ner „Erfül­lungs­po­li­tik“ und gegen die
„Aus­lie­fe­rung der ‚Kriegs­ver­bre­cher‘“, und man ver­ur­teil­te die Ber­li­ner
Regie­run­gen, die Aktio­nen der „deutsch­völ­ki­schen Bewe­gung“ unter­bun­den hat­ten.

Carl Edu­ard wur­de im Lau­fe der Jah­re im Drit­ten Reich – auch weil er
sei­ne inter­na­tio­na­len Bezie­hun­gen nach Schwe­den und Eng­land zuguns­ten des
Rei­ches aus­spiel­te – mit Orden und Ehren­zei­chen über­häuft. Der angeb­li­che
„Marsch auf Koburg“(sic; Hit­ler und die Nazis benutz­ten die Schreib­wei­se von
vor 1920) wur­de ein wich­ti­ges Datum in der Grün­dungs­my­tho­lo­gie der NSDAP;
aller­dings wird der Her­zog in Mein Kampf
nicht nament­lich erwähnt.

Am „Hit­ler­putsch“ (8./9. Novem­ber 1923) im fol­gen­den Jahr in Mün­chen war
Carl Edu­ard nicht betei­ligt, weil er immer noch in enger Ver­bin­dung mit Her­mann
Erhardt stand, der eige­ne Putsch­plä­ne ent­wi­ckelt hat­te. Zwar wur­de der Erhardt-Mann
Alfred Hoff­man Stabs­chef der SA, doch eine Betei­li­gung am Putsch in Mün­chen
lehn­te Erhardt ab. Er war ziem­lich eng mit dem baye­ri­schen Staats­kom­mis­sar
Gus­tav von Kahr befreun­det, des­sen Haupt­in­ter­es­se der Instal­lie­rung einer
rechts­ge­rich­te­ten Regie­rung in Ber­lin galt.[5] Dazu soll­ten die Trup­pen
von Erhardt ggf. in der Reichs­haupt­stadt ein­mar­schie­ren. Daher wur­de er von den
rechts­ra­di­ka­len Krei­sen in Mün­chen als Ver­rä­ter ange­se­hen.

Die Inten­tio­nen des Her­zogs tre­ten in einem Brief von Ende Novem­ber 1923
an sei­ne Schwes­ter ziem­lich unver­hüllt zuta­ge:

„Ich kann der­zeit nicht die baye­ri­sche Gren­ze in den Nor­den Deutsch­lands
über­que­ren, ohne Gefahr zu lau­fen, dass man mich fest­nimmt und nach Leip­zig
(Sitz des Reichs­ge­richts, [d.Verf]) schickt – schließ­lich gehö­re ich der
Mari­ne­bri­ga­de Erhardt an, einem höchst ille­ga­len Frei­korps, das in ganz
Deutsch­land gefürch­tet und ver­folgt wird, außer
in Bay­ern
. Nun arbei­ten wir uner­müd­lich dar­an, alle vater­län­di­schen
Kampf­ver­bän­de unter dem allei­ni­gen Kom­man­do von Haupt­mann E. zu ver­ei­nen. Die
baye­ri­sche Staats­re­gie­rung ermög­licht uns das inof­fi­zi­ell.“ (zit. nach Urbach
2018: 195)

Nach 1923 beru­hig­te sich die poli­ti­sche Lage in Bay­ern und im Reich. Doch
die Welt­wirt­schafts­kri­se bestärk­te die alten Res­sen­ti­ments. Die anti­se­mi­ti­sche
Agi­ta­ti­on der NSDAP („Coburg den Cobur­gern! Paläs­ti­na für die, die dort
hin­ge­hö­ren!“) war ent­schei­dend für ihren Wahl­sieg bei den Kom­mu­nal­wah­len im
Juni 1929. Die NSDAP gewann 13 der 25 Stadt­rats­sit­ze und Coburg wur­de die ers­te
Stadt in Deutsch­land, die von einem Nazi-Bür­ger­meis­ter regiert wur­de. Der
Kan­di­dat, Franz Schwe­de, hat­te sei­ne Stel­lung als Maschi­nen­schlos­ser bei den
Stadt­wer­ken ver­lo­ren, weil er einen jüdi­schen Geschäfts­mann mit anti­se­mi­ti­schen
Sprü­chen beschimpft und belei­digt hat­te. Die NSDAP schlach­te­te ihren Sieg
natür­lich reichs­weit genüss­lich aus; Carl Edu­ard hat­te mit Geld und eige­nem
Auf­tre­ten bei NS-Ver­an­stal­tun­gen die Par­tei unter­stützt. Im Febru­ar 1932
ver­lieh Coburg Hit­ler die „Ehren­bür­ger­wür­de“.

Carl Edu­ard war von Beni­to Mus­so­li­ni und dem ita­lie­ni­schen Faschis­mus
fas­zi­niert, weil er schein­bar die Mon­ar­chie und den alten Adel mit den neu­en
„Eli­ten“ ver­schmolz. Sol­ches erhoff­te er sich auch für Deutsch­land. Dazu
grün­de­te er 1931 zusam­men mit dem Auf­trag­ge­ber des Mor­des an Rosa Luxem­burg,
Wal­de­mar Papst (1881–1970)[6], eine „Gesell­schaft zum
Stu­di­um des Faschis­mus“. Damit gelang es dem Her­zog auch, wich­ti­ge Indus­tri­el­le
der DNVP für die Nazis zu inter­es­sie­ren.

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Lite­ra­tur:

Erd­mann, Jürgen,1969: Coburg,
Bay­ern und das Reich
. 1918–1923, Coburg (Rossteut­scher Ver­lag).

Falu­si, Christian/​Bartuschka, Marc (Hrsg.) 2020 : « Enge­re
Hei­mat ». Die Grün­dung des Lan­des Thü­rin­gen, Wies­ba­den (Wei­ma­rer
Ver­lags­ge­sell­schaft).

Hay­ward, N.F./Morris, D.S., 1988: The
First Nazi Town
, New York (St. Martin’s Press).

Mali­now­ski, Ste­phan, 2004: Vom
König zum Füh­rer
. Deut­scher Adel und Natio­nal­so­zia­lis­mus, Frank­furt am Main
(Fischer).

Urbach, Kari­na, 2019: Hit­lers
heim­li­che Hel­fer
. Der Adel im Dienst der Macht, Darm­stadt (wbg), 2.
Auf­la­ge.


[1] Die
hoch­ad­li­gen Häu­ser Coburg, Hes­sen, Lei­nin­gen (Bat­ten­berg) und Hohen­lo­he waren
sowohl mit dem bri­ti­schen wie dem rus­si­schen Herr­scher­haus eng ver­wandt. Alle
die­se Häu­ser unter­stütz­ten aktiv die Natio­nal­so­zia­lis­ten. (Urbach, 2019: 171;
Mali­now­ski 2004: 564ff.) Der wich­tigs­te Grund lag in ihrer Angst vor der
Revo­lu­ti­on und dem „Bol­sche­wis­mus“.

[2] Die
Fahr­kar­te kos­te­te statt­li­che 190.- RM, der gan­ze Zug 120 000 RM. Hin­zu kam eine
beacht­li­che Teil­nah­me­ge­bühr. Ein­fa­che Arbei­ter hät­ten sich die Fahrt ohne Sub­ven­ti­on
von rei­chen Gön­nern nie leis­ten kön­nen! (Erd­mann 1969: 94f.)

[3] Vgl. Ian
Kershaw, Hit­ler. 1889–1936, Mün­chen
(DVA) 1998, S. 227f.

[4] Es kam
zu zahl­rei­chen Straf­an­zei­gen und Hit­ler wur­de im Dezem­ber und Janu­ar zwei­mal
von der Mün­che­ner Staats­an­walt­schaft ver­nom­men, wo er sich als Unschulds­lamm
gebär­de­te. Das Pro­to­koll fin­det sich im Anhang bei Erd­mann 1969: 159–162.

[5] Hit­ler
mach­te Gus­tav von Kahr für die Nie­der­schla­gung des Put­sches, bei dem 16
Put­schis­ten und vier Poli­zis­ten ums Leben kamen, ver­ant­wort­lich. Des­we­gen wur­de
der Pen­sio­nist in der „Nacht der lan­gen Mes­ser“ am 30. Juni 1934 im KZ Dach­au
umge­bracht.

[6] Vgl. das
Buch von Klaus Gie­tin­ger, Eine Lei­che im
Land­wehr­ka­nal
. Die Ermor­dung der Rosa L., Ber­lin 1995.

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