[KgK:] Antikoloniale Befreiung durch linken Bonapartismus?

Der Pro­zess der Befrei­ung vom euro­päi­schen Kolo­nia­lis­mus ist ein wich­ti­ger Moment in der Geschich­te der Revo­lu­tio­nen, weil die unter­drück­ten Völ­ker einen ernst­haf­ten Ver­such unter­nom­men haben, über ihr eige­nes Schick­sal zu ent­schei­den und dem Kolo­nia­lis­mus, einem der größ­ten Ver­bre­chen in der Mensch­heits­ge­schich­te, ein Ende zu set­zen. Aber was ist genau der Cha­rak­ter die­ser Erhe­bun­gen?

Wir neh­men die Geschich­te von Tho­mas San­ka­ra als Bei­spiel, der 1983 bis zu sei­ner Ermor­dung 1987 Prä­si­dent von Bur­ki­na Faso (bis 1984 „Ober­vol­ta“) war. San­ka­ra war selbst Mili­tär und stütz­te sich auf die mili­tä­ri­sche Kraft, um Refor­men in Bil­dung, Sozia­lem, Gesund­heit oder Infra­struk­tur gegen die kolo­nia­le, impe­ria­lis­ti­sche Ord­nung durch­zu­set­zen. In mei­ner Pole­mik gegen­über Kofi Shakur nahm ich eine kur­ze Cha­rak­te­ri­sie­rung von Tho­mas San­ka­ra vor, die ich nun wei­ter aus­füh­ren wer­de:

„Revo­lu­tio­när“ wird so eine rein sub­jek­ti­vis­ti­sche, eine per­sön­li­che Eigen­schaft. Tho­mas San­ka­ra war ein anti­ko­lo­nia­ler Kämp­fer ohne pro­le­ta­ri­sches Pro­gramm. Ein Mili­tär mit lin­ken Ideen, der mit Mit­teln des Putschs die Macht erober­te, die Gewerk­schaf­ten ver­bot und einen klein­bür­ger­li­chen Natio­na­lis­mus pre­dig­te. Die Ent­eig­nung des Pri­vat­ei­gen­tums in den Hän­den des Pro­le­ta­ri­ats kommt bei ihm nicht vor.

Wir haben es bei der Ver­klä­rung San­ka­ras zum sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tio­när mit einem Trend zu tun, der unter dem Deck­man­tel des „Anti-Impe­ria­lis­mus“ eine ver­zerr­te Bilanz der anti­ko­lo­nia­len Erfah­run­gen lie­fert. Denn wenn wir uns näher mit dem Pro­gramm, der sozia­len Basis und dem sozia­len Inhalt von San­ka­ras Anti­ko­lo­nia­lis­mus beschäf­ti­gen, erken­nen wir in ihm kei­nen sozia­lis­ti­schen Revo­lu­tio­när, son­dern einen lin­ken Bona­par­te. Was bedeu­tet das?

Thomas Sankara – ein linker Bonaparte

Der kolo­nia­le Hin­ter­grund von Bur­ki­na Faso war Grund­la­ge der gesam­ten poli­ti­schen Ent­wick­lung. Das west­afri­ka­ni­sche Land hieß Ober­vol­ta, da es eine fran­zö­si­sche Kolo­nie war und erst 1960 die Unab­hän­gig­keit erklär­te. Doch die Unab­hän­gig­keit war rein for­mal, da das Land wirt­schaft­lich immer noch abhän­gig und poli­tisch fra­gil war. Das heißt, es blieb eine Halb­ko­lo­nie. Nach über 20 Jah­ren Unab­hän­gig­keit war Ober­vol­ta immer noch eine unter­ent­wi­ckel­te land­wirt­schaft­li­che Nati­on. Die Bäuer*innen bil­de­ten im über­wie­gend land­wirt­schaft­lich gepräg­ten Ober­vol­ta die über­wie­gen­de Mehr­heit, näm­lich 90 Pro­zent der Bevöl­ke­rung. Die Gewerk­schaf­ten rekru­tier­ten ihre Mit­glie­der dage­gen aus der Stadt­be­völ­ke­rung, die im öffent­li­chem Dienst oder in den halb­staat­li­chen Unter­neh­men ange­stellt war. Dadurch beka­men sie einen ernst­haf­ten poli­ti­schen Ein­fluss und bil­de­ten vor allem in den 70ern die wich­tigs­te poli­ti­sche Oppo­si­ti­on des Lan­des.

Von 1980 bis zum 4. August 1983 gab es drei Put­sche, die exem­pla­risch für die poli­ti­sche Insta­bi­li­tät des Lan­des stan­den: Die wirt­schaft­li­che Rück­stän­dig­keit, die poli­ti­sche Desta­bi­li­sie­rung und die Schwä­che des Pro­le­ta­ri­ats gaben dem Mili­tär einen hohen Grad an Selbst­stän­dig­keit. San­ka­ra selbst war an drei unter­schied­li­chen Pha­sen der Regie­rungs­bil­dung der Mili­tär­jun­ta betei­ligt – mit stu­fen­wei­ser Ver­stär­kung sei­ner poli­ti­schen Rol­le: Zunächst als Infor­ma­ti­ons­mi­nis­ter 1981 unter Saye Zer­bo, im Jahr 1983 als Pre­mier­mi­nis­ter unter Jean-Bap­tis­te Oué­drao­go und letzt­lich am 4. August 1983 als Prä­si­dent von Ober­vol­ta. Die Angrif­fe San­ka­ras auf die Kor­rup­ti­on hat­ten ihn zuvor unter den Mas­sen außer­or­dent­lich popu­lär. Des­halb stieß sei­ne Ver­haf­tung im Mai 1983 auf gro­ße Pro­tes­te der Bevöl­ke­rung. Die Jun­ta war in einen rech­ten und einen lin­ken Flü­gel gespal­ten, und letzt­lich gelang es dem lin­ken Flü­gel um San­ka­ra nach mona­te­lan­gem Macht­kampf, sich durch­zu­set­zen.

San­ka­ra war von den Erfah­run­gen der Mili­tär­jun­ta um Jer­ry Raw­lins in Gha­na inspi­riert. Raw­lins hat­te zunächst im Jahr 1979 gegen das alte kor­rup­te Regime geputscht und instal­lier­te ein Par­la­ment. Im Jahr 1981 putsch­te er ein zwei­tes Mal, indem er das Par­la­ment außer Kraft setz­te, die Ent­schei­dungs­ge­walt in sei­ner Hand bün­del­te und sich selbst durch extre­me Ver­selb­stän­di­gung sei­nes Appa­rats über die Klas­sen erhob. Auf die Anord­nung Raw­lins hin wur­den „Volks-“ und „Arbei­ter­ver­tei­dungs­ko­mi­tees“ gebil­det, die aller­dings nicht über eine Ent­schei­dungs­ge­walt ver­füg­ten, also weder das Volk noch die Arbeiter*innen aus­drück­ten, son­dern der Kon­trol­le Raw­lings unter­wor­fen waren.

Tho­mas San­ka­ra über­trug die­ses Modell in sei­ne Hei­mat. Am Tag der Macht­über­nah­me kün­dig­te er die Grün­dung der Komi­tees der Ver­tei­di­gung der Revo­lu­ti­on an:

Der natio­na­le Revo­lu­ti­ons­rat (CNR) ruft alle Bür­ger von Ober­vol­ta, Män­ner und Frau­en, jun­ge und alte, zu erhöh­ter Wach­sam­keit und zu akti­ver Unter­stüt­zung auf. Der natio­na­le Revo­lu­ti­ons­rat for­dert die Bür­ger von Ober­vol­ta dazu auf, über­all Komi­tees zur Ver­tei­di­gung der Revo­lu­ti­on (Comi­tés de défen­se de la révo­lu­ti­on /​CDR) zu bil­den, um sich an dem gro­ßen vater­län­di­schen Kampf des CNR zu betei­li­gen und um unse­re inne­ren und äuße­ren Fein­de dar­an zu hin­dern, dem Volk Scha­den zuzu­fü­gen. Die poli­ti­schen Par­tei­en wer­den selbst­ver­ständ­lich auf­ge­löst.

Ähn­lich wie in Gha­na oder auf Kuba, waren die­se Komi­tees kei­ne sowje­ti­sche Orga­ne (Räte), die eine Dop­pel­herr­schaft zum Staats­ap­pa­rat her­stel­len könn­ten. Wie in der Rede zu erken­nen ist, wur­den poli­ti­sche Par­tei­en und die Pres­se ver­bo­ten. Gewerk­schaf­ten, die in der Ver­gan­gen­heit eine star­ke oppo­si­tio­nel­le Rol­le ein­nah­men, wur­den als gegen­läu­fig zu den Inter­es­sen der soge­nann­ten „Volks­re­vo­lu­ti­on“ bezeich­net und eben­falls unter­drückt. Tau­sen­de von Lehrer*innen wur­den zu Beginn der Mach­te­robe­rung ent­las­sen, weil sie gegen den Putsch gestreikt hat­ten.

Der direk­ten Kon­trol­le des CNR unter­wor­fen, dien­ten die­se Komi­tees zur Mobi­li­sie­rung der Mas­sen im Diens­te sozia­ler Refor­men des Lan­des. Typisch für eine Revo­lu­ti­on von oben soll­ten die Arbeiter*innen und Bäuer*innen sich nicht eigen­stän­dig in Komi­tees an der Basis und mit einem poli­ti­schen Man­dat orga­ni­sie­ren, son­dern als Manö­vrier­mas­se der Mili­tär­bü­ro­kra­tie die­nen. So wur­den Arbeiter*innen auf­ge­teilt in „Fau­le“ und „Ehr­gei­zi­ge“, die ers­te­ren öffent­lich ange­klagt. Alle Pro­tes­te wur­den ohne Unter­schei­dung der Klas­sen­ba­sis als „kon­ter­re­vo­lu­tio­när“ dif­fa­miert, wes­halb von einer ech­ten Arbeiter*innenbewegung als Basis nicht die Rede sein konn­te.

Wir defi­nie­ren einen sol­chen Pro­zess als Bona­par­tis­mus, eine Ver­mitt­lung zwi­schen den Klas­sen, die sich zeit­wei­se über sie stellt: San­ka­ra stütz­te sich auf Bäuer*innen und einen Teil des Mili­tär­ap­pa­rats, um als Auto­ri­tät über sie eine unein­ge­schränk­te Regie­rungs­ge­walt im gesam­ten Lan­de aus­zu­üben und Refor­men von oben durch­zu­set­zen.

Reformen von oben – der Linkspopulismus als Doktrin

San­ka­ra Ori­en­tie­rung bestand zunächst dar­in, vor allem sym­bo­lisch die Kor­rup­ti­on zu bekämp­fen:

Die Grund­idee und das Ziel des natio­na­len Revo­lu­ti­ons­rats ist die Ver­tei­di­gung der Inter­es­sen des Volks von Ober­vol­ta und die Ver­wirk­li­chung sei­nes tie­fen Wun­sches nach Frei­heit, nach ech­ter Unab­hän­gig­keit und nach wirt­schaft­li­chem und sozia­lem Fort­schritt.

So wur­de der deka­den­te Lebens­stil der Eli­te, der einen sozia­len Hass in der ver­arm­ten Bevöl­ke­rung aus­lös­te, ange­grif­fen. „Con­som­mez bur­kin­a­bè“ wur­de als Mot­to für einen beschei­de­nen und spar­sa­men Lebens­stan­dard ver­brei­tet. Um mit den Spu­ren der kolo­nia­len Ver­gan­gen­heit zu bre­chen, wur­de das Land umbe­nannt in Bur­ki­na Faso (Land der auf­rech­ten Men­schen), eine neue Fah­ne und Hym­ne ein­ge­führt. Der Natio­na­lis­mus des unter­drück­ten Vol­kes wur­de zur Dok­trin, die die Sou­ve­rä­ni­tät des Vol­kes her­stel­len soll­te.

Die Ein­füh­rung der bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Refor­men wur­de als demo­kra­ti­sche Volks­re­vo­lu­ti­on beti­telt. Dif­fe­ren­ziert kön­nen wir sagen, dass in einem vom Kolo­nia­lis­mus und spä­ter Impe­ria­lis­mus zur Unter­ent­wick­lung ver­damm­ten Land sol­che Maß­nah­men durch­aus für Fort­schritt sorg­ten. Denn die Schuld für die Rück­stän­dig­keit des Lan­des trug nicht das Volk, son­dern die unter­drü­cken­den Her­ren.

Das Pro­gramm des sozia­len Auf­bruchs war dem­entspre­chend von fort­schritt­li­chen Ele­men­ten geprägt: Abschaf­fung der Pri­vi­le­gi­en für Stam­mes­häupt­lin­ge und die Anti­kor­rup­ti­ons­kam­pa­gne, die lan­des­wei­te Alpha­be­ti­sie­rungs­kam­pa­gne, die öko­lo­gi­sche För­de­rung der Wie­der­auf­fors­tung gegen die Wüs­ten­aus­brei­tung, Mas­sen­imp­fun­gen und Auf­klä­rung zur Ver­hü­tung im Kampf gegen AIDS, der Auf­bau der Infra­struk­tur und der Eisen­bahn­stre­cke für kos­ten­lo­se Mobi­li­tät, all dies wur­de mit­tels der Mobi­li­sie­rung der gesam­ten Bevöl­ke­rung ein­ge­lei­tet. Die Mie­ten wur­den deut­lich gesenkt und der sozia­le Woh­nungs­bau vor­an­ge­trie­ben.

Beson­ders die Ansät­ze gegen patri­ar­cha­le Unter­drü­ckung der Frau­en gel­ten bis heu­te als wich­ti­ge Errun­gen­schaf­ten auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent: Gewalt an Frau­en und weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung (die bis heu­te auf dem Kon­ti­nent prak­ti­ziert wird und ein beson­de­res Merk­mal der Unter­drü­ckung dar­stellt) wur­den mit juris­ti­schen Mit­teln und Auf­klä­rungs­ar­beit bekämpft. Frau­en wur­de ermög­licht, am Pro­duk­ti­ons­pro­zess und am poli­ti­schen Leben teil­zu­neh­men. An der Durch­füh­rung aller sozia­len Refor­men waren Frau­en betei­ligt, was der vor­he­ri­gen, erzwun­ge­nen „unter­wür­fi­gen“ Rol­le gegen­über­stand.

Wor­in San­ka­ra sich in der poli­ti­schen Linie von sei­nem engs­ten Ver­bün­de­ten Gha­na unter Raw­lins unter­schied, war sei­ne prin­zi­pi­el­le Hal­tung gegen die Rück­zah­lung der Aus­lands­schul­den, wäh­rend Raw­lins sich auf Emp­feh­lung der Sowjet­uni­on 1983 mit dem Inter­na­tio­na­len Wäh­rungs­fonds (IWF) ver­stän­dig­te. So blieb der Zusam­men­schluss der bei­den Natio­nen als „West­afri­ka­ni­sche Uni­on“ eine Wort­hül­se, da es an einer ein­heit­li­chen kon­se­quen­ten Ori­en­tie­rung für den Raus­schmiss des Impe­ria­lis­mus aus der Regi­on fehl­te. Da San­ka­ra sich vehe­ment gegen die fran­zö­si­sche Vor­macht­stel­lung enga­gier­te, posi­tio­nier­ten sich Frank­reich nahe­ste­hen­de Län­der der Regi­on wie die Repu­blik Côte d’Ivoire gegen Bur­ki­na Faso. San­ka­ras Maß­nah­men ziel­ten dar­auf ab, auf loka­ler Ebe­ne gegen Hun­gers­nö­te und Ein­flüs­se des fran­zö­si­schen Kapi­tals eine sou­ve­rä­ne Wirt­schaft Bur­ki­na Fasos her­zu­stel­len. Das gelang dem Land auch eine Zeit lang, sodass Bur­ki­na Faso für eine Wei­le kei­ne Lebens­mit­tel mehr impor­tie­ren muss­te. Gegen die Macht der Feu­dal­her­ren setz­te San­ka­ra eine Land­ver­tei­lung an die Bäuer*innenschaft durch.

Permanente Revolution: Der Neuaufbau des Landes unter der Führung des Proletariats

Die Erfah­run­gen der vier Jah­re in Bur­ki­na Faso von San­ka­ras Macht­an­tritt bis zu sei­ner Ermor­dung zei­gen, dass die Mas­sen gewillt waren, für den Auf­bruch ihres Lan­des an die vor­ders­te Front zu gehen. Doch wir kön­nen nicht von einem sozia­lis­ti­schen Expe­ri­ment spre­chen, da das bona­par­tis­ti­sche Regime mit einem links­po­pu­lis­ti­schen Pro­gramm, das die sozia­len Refor­men von oben ein­lei­tet, die Mas­sen zum Manö­vrie­ren und zur Mobi­li­sie­rung nutz­te und die Natio­na­li­sie­rung des Pri­vat­ei­gen­tums nicht in die Hän­de der Arbeiter*innen und ihrer bäu­er­li­chen Ver­bün­de­te über­trug. Dar­an schei­ter­te das Pro­jekt schließ­lich auch. Da die Arbeiter*innen und Bäuer*innen kei­ne selbst­stän­di­ge Rol­le bei der Ver­wal­tung der Pro­duk­ti­on in den Betrie­ben und auf dem Land über­nah­men, waren sie weit­ge­hend pas­si­ve oder manö­vrier­ba­re Ele­men­te des Regimes. Das erleich­ter­te den kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Putsch und die Ermor­dung San­ka­ras.

Der revo­lu­tio­nä­re Mar­xis­mus, mit der die Erfah­run­gen der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on ver­all­ge­mei­nern­den Theo­rie der Per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on, setzt die direk­te Kon­trol­le und Füh­rung des Pro­le­ta­ri­ats in der Per­spek­ti­ve der Aus­wei­tung der sozia­len Revo­lu­ti­on auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne Rich­tung Sozia­lis­mus vor­aus. Dafür ist eine inter­na­tio­na­le revo­lu­tio­nä­re Arbeiter*innenpartei nötig, kon­kret der Wie­der­auf­bau der 1938 gegrün­de­ten Vier­ten Inter­na­tio­na­le, die in ihrem Grün­dungs­pro­gramm for­mu­lier­te:

Auf einer gewis­sen Stu­fe der Mas­sen­mo­bi­li­sie­rung unter den Losun­gen der revo­lu­tio­nä­ren Demo­kra­tie kön­nen und müs­sen Sowjets ent­ste­hen. Ihre geschicht­li­che Rol­le, ins­be­son­de­re ihr Ver­hält­nis zur Natio­nal­ver­samm­lung, ist in der jeweils gege­be­nen Peri­ode bestimmt durch die poli­ti­sche Rei­fe des Pro­le­ta­ri­ats, sei­ne Ver­bin­dung mit der bäu­er­li­chen Klas­se und durch den bäu­er­li­chen Cha­rak­ter der Poli­tik der pro­le­ta­ri­schen Par­tei. Frü­her oder spä­ter müs­sen die Sowjets die bür­ger­li­che Demo­kra­tie stür­zen. Nur sie sind fähig die demo­kra­ti­sche Revo­lu­ti­on zu Ende zu füh­ren und so die Ära der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on zu eröff­nen.

San­ka­ra konn­te die Bedin­gun­gen für einen sozia­lis­ti­schen Auf­bau nicht erfül­len, weil er die Macht des Pro­le­ta­ri­ats als Anfüh­re­rin der Unter­drück­ten scheu­te und bekämpf­te. Er nahm ein Modell in Bur­ki­na Faso auf, das aus­ge­hend von den Erfah­run­gen in Chi­na den unter­drück­ten Völ­kern eine Losung der mili­tä­risch geführ­ten, bäu­er­li­chen, natio­na­len und demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on ohne Macht des Pro­le­ta­ri­ats selbst auf­zwin­gen soll­te. Dies war ein Etap­pen­mo­dell des Sta­li­nis­mus-Mao­is­mus für in die Rück­stän­dig­keit gedräng­te Län­der, das die ers­te Auf­ga­be dar­in sah, die natio­na­le Ein­heit zum Zwe­cke der uner­füll­ten demo­kra­ti­schen Auf­ga­ben zu set­zen und sie von der Arbeiter*innenmacht zu tren­nen. So wur­de die Füh­rungs­rol­le des Pro­le­ta­ri­ats, die mit den Erfah­run­gen der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on bestä­tigt wur­de, auf­ge­ge­ben. Dabei fehl­te es dem Pro­le­ta­ri­at Bur­ki­na Fasos und des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nents kei­nes­wegs an Rei­fe, son­dern an revo­lu­tio­nä­rer Füh­rung durch eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei. Wie Leo Trotz­ki, Anfüh­rer der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on von 1917, bezüg­lich der geschei­ter­ten Spa­ni­schen Revo­lu­ti­on beton­te:

Der Okto­ber-Sieg ist ein erns­tes Zeug­nis für die „Rei­fe“ des Pro­le­ta­ri­ats. Aber die­se Rei­fe ist rela­tiv. Weni­ge Jah­re spä­ter ließ das­sel­be Pro­le­ta­ri­at zu, dass eine Büro­kra­tie, die aus sei­nen eige­nen Rei­hen her­an­wuchs, die Revo­lu­ti­on erwürg­te. Ein Sieg ist kei­nes­wegs die rei­fe Frucht der „Rei­fe“ des Pro­le­ta­ri­ats. Der Sieg ist eine stra­te­gi­sche Auf­ga­be. Die güns­ti­gen Umstän­de einer revo­lu­tio­nä­ren Kri­se müs­sen dazu genutzt wer­den, die Mas­sen zu mobi­li­sie­ren; der gege­be­ne Stand ihrer „Rei­fe“ muss als Aus­gangs­punkt genom­men wer­den, um sie wei­ter vor­wärts zu trei­ben, um ihnen klar­zu­ma­chen, dass der Feind kei­nes­wegs all­mäch­tig ist, dass er von Wider­sprü­chen zer­ris­sen ist, dass hin­ter der impo­nie­ren­den Fas­sa­de Panik herrscht.

Für uns bedeu­tet die Per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on, dass es in den Hän­den des Pro­le­ta­ri­ats einen Über­gang von den demo­kra­ti­schen und natio­na­len Auf­ga­ben zur sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on und deren Aus­deh­nung auf die Regi­on und Welt­are­na geben muss. Das beinhal­tet die Neu­struk­tu­rie­rung der gan­zen Nati­on unter Füh­rung des Pro­le­ta­ri­ats. Das Pro­le­ta­ri­at benö­tigt dafür Räte­struk­tu­ren, die nicht vom Him­mel fal­len, son­dern bewusst auf­ge­baut wer­den müs­sen, wo sie nicht ent­ste­hen. Die Erfül­lung der ver­spä­te­ten bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Auf­ga­ben kann nicht von einem lin­ken Bona­par­te über­nom­men wer­den, der sich aufs Mili­tär oder die Zwi­schen­klas­sen stützt. Wie Trotz­ki beton­te, ist die vol­le und wirk­li­che Lösung der demo­kra­ti­schen Auf­ga­ben und des Pro­blems der natio­na­len Befrei­ung nur mit­tels der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats als Anfüh­re­rin der unter­drück­ten Natio­nen und vor allem ihrer bäu­er­li­chen Mas­sen denk­bar. Das Pro­le­ta­ri­at muss im zurück­ge­blie­be­nen kolo­nia­len Land die Bäuer*innenschaft um sich sam­meln, um die Macht zu ergrei­fen.

Klas­se Gegen Klas­se