[perspektive:] Bildungsgerechtigkeit: Tablets für Alle SchülerInnen und LehrerInnen!

Vor fünf Monaten schlossen die Schulen Corona-bedingt. Millionen SchülerInnen und LehrerInnen waren auf einmal damit konfrontiert, den Unterricht digital fortzuführen. Abgehängt wurden ArbeiterInnenkinder, die sich einen Laptop mit mehreren Geschwistern teilen mussten – oder sogar gar kein digitales Endgerät besitzen. Nun sollen Schulen für alle LehrerInnen, aber nur für einige SchülerInnen Tablets als Leihgaben beantragen. Streit, Missgunst und Spaltung sind vorprogrammiert – Ein Kommentar von Tim Losowski.

Mit­te März schlos­sen die Schu­len. Not­be­trieb gab es nur für eini­ge aus­ge­wähl­te Berufs­grup­pen. Mil­lio­nen Kin­der soll­ten nun am digi­ta­len Unter­richt teil­neh­men – „Home­schoo­ling“ heißt das heu­te modern. Doch wie soll das statt­fin­den, wenn man sich ein Tablet mit den Geschwis­tern teilt, die auch zu Hau­se sit­zen? Oder wie soll man einen Text auf dem Smart­pho­ne schrei­ben, das sowie­so seit 2 Mona­ten eine gesprun­ge­ne Schei­be hat?

Wäh­rend in rei­chen Haus­hal­ten mal eben für jedes Kind ein neu­es Gerät ange­schafft wur­de, wur­de Arbei­te­rIn­nen­kin­dern ihre sozia­le Lage als Kin­der zwei­ter Klas­se vor Augen geführt. Sie wur­den abge­hängt, das Recht auf Bil­dung wur­de ihnen ver­wehrt.

In fünf Mona­ten (fast) nichts geschafft

Dazu könn­te es nun wie­der kom­men. Denn auch fünf Mona­te nach dem ers­ten Lock­down kann die Poli­tik noch immer nicht gewähr­leis­ten, dass Kin­der ihr Bil­dungs­recht wahr­neh­men kön­nen, soll­ten Schu­len wie­der schlie­ßen müs­sen. Denn die Bun­des­re­gie­rung hat sich unbü­ro­kra­ti­schen und vor allem gerech­ten Lösun­gen ver­wei­gert.

Mit­te April war inmit­ten der Pan­de­mie noch davon die Rede, 150 Euro an alle bedürf­ti­gen Schü­le­rIn­nen zu ver­tei­len, damit sie sich ein mobi­les End­ge­rät anschaf­fen kön­nen.

Der nied­ri­ge Betrag rief schon damals Pro­test her­vor. Anna Mayr schrieb in einem Kom­men­tar in der kon­ser­va­ti­ven Zei­tung Die Zeit : „Die­se 150 Euro sind so gro­tesk, dass es fast schon wie­der lus­tig ist. Weil es einen doch erstaunt, wie sehr sich ein Koali­ti­ons­aus­schuss von den tat­säch­li­chen Bedürf­nis­sen tat­säch­li­cher Men­schen ent­fer­nen kann.“

Nun gibt es noch nicht mal die läpp­schen 150 Euro. Statt­des­sen sol­len nun die Schu­len Gerä­te kau­fen und dann leih­wei­se an Schü­le­rIn­nen aus­ge­ben. Denn mit der Ergän­zung des Digi­tal­pakts Ende April war dann von direk­ten Gel­dern kei­ne Rede mehr. Nur soll­te der bereits bestehen­de Digi­tal­Pakt um wei­te­re 500 Mil­lio­nen für Schul­com­pu­ter auf­ge­stockt wer­den. Durch Auf­sto­ckung des Lan­des ste­hen damit bei­spiels­wei­se in NRW pro Schü­le­rIn und Leh­re­rIn durch­schnitt­lich 75 Euro zur Ver­fü­gung. Der ursprüng­li­che, „gro­tesk nied­ri­ge“ Betrag wur­de also noch­mal hal­biert.

Home­schoo­ling: Noch nicht mal 150€ für Schü­le­rIn­nen ohne Lap­top

Wer ist wich­ti­ger, Schü­le­rIn oder Leh­re­rIn?

75 Euro machen klar: davon kann nicht für alle Schü­le­rIn­nen und Leh­re­rIn­nen ein Tablet bestellt wer­den. Es muss aus­sor­tiert wer­den. Was aber schon ein­mal fest­ge­legt wur­de: jede/​r Leh­re­rIn wird zumin­dest in NRW ein Tablet bekom­men. 200.000 sol­len es sein.

Manch ein zuge­wand­ter Leh­rer oder Schü­ler ist empört: wie­so soll­ten nun die Leh­re­rIn­nen die Tablets bekom­men, wenn doch vie­le Schü­le­rIn­nen dies viel drin­gen­der bräuch­ten und Leh­re­rIn­nen dies selbst bezah­len kön­nen?

Das zeigt, wie Spal­tung funk­tio­niert: hier fin­det ein Ver­tei­lungs­kampf zwi­schen zwei berech­tig­ten Anlie­gen statt. Selbst­ver­ständ­lich hat eine Lehr­kraft ein Recht dar­auf, dass die Schu­le die not­wen­di­gen Arbeits­ge­rä­te zur Ver­fü­gung stellt. Und genau­so muss ein/​e Schü­le­rIn das Recht haben, am digi­ta­len Unter­richt teil­neh­men zu kön­nen, beson­ders dann, wenn die­ser – wie im letz­ten Lock­down – nun­mal über meh­re­re Wochen geht. Mit ihrer gerin­gen Finan­zie­rung för­dert die Poli­tik genau die­se Spal­tung.

Alle Macht dem Klas­sen­leh­rer?

Und es geht noch wei­ter. Denn da nicht genug Geld für alle Schü­le­rIn­nen bereit­ge­stellt wird, muss selek­tiert wer­den. Bis­her sind noch kei­ne offi­zi­el­len Kri­te­ri­en bekannt. Aus Schu­len wird berich­tet, dass die Klas­sen­leh­re­rIn­nen dar­über ent­schei­den sol­len. Sol­len sie jetzt in der Klas­se danach fra­gen, wer Sozi­al­leis­tun­gen bezieht? Und was ist mit den Schü­le­rIn­nen oder deren Eltern, die knapp über der För­der­gren­ze lie­gen, weil sie neben­bei oder im Zweit- oder Dritt­job arbei­ten, aber trotz­dem wenig ver­die­nen?

Streit, Miss­trau­en und Ent­täu­schung sind vor­pro­gram­miert. So wird die Schü­le­rIn­nen­schaft gegen­ein­an­der aus­ge­spielt und gespal­ten – und gerät auch in Kon­flikt mit den Lehr­kräf­ten. Das Gegen­teil von dem, was jetzt von Nöten ist.

Wer bekommt das Geld?

500 Mil­lio­nen sind also – um es kurz zu machen – ein­fach zu wenig! Dabei könn­te das Geld so ein­fach beschafft wer­den, mit den rich­ti­gen poli­ti­schen Ent­schei­dun­gen:

  • Herr Tön­nies besitzt ein Pri­vat­ver­mö­gen von 2,2 Mil­li­ar­den Euro. Wie­so wur­de er nicht schon längst ent­eig­net für sei­ne lebens­ge­fähr­li­chen Hand­lun­gen gegen­über der Gemein­schaft?
  • Die Luft­han­sa bekam Unter­stüt­zung in Höhe von ins­ge­samt 9 Mil­li­ar­den Euro. Ist die Air­line wirk­lich 18 Mal wich­ti­ger als Bil­dungs­ge­rech­tig­keit?
  • Viel­leicht wür­de es auch ein­fach rei­chen, auf den blö­den Flug­zeug­trä­ger zu ver­zich­ten.

Dann könn­te man die ein­zig rich­ti­ge For­de­rung zur Fra­ge der digi­ta­len End­ge­rä­te umset­zen: Tablets für Alle – für Schü­le­rIn­nen und Leh­re­rIn­nen!

Der Bei­trag Bil­dungs­ge­rech­tig­keit: Tablets für Alle Schü­le­rIn­nen und Leh­re­rIn­nen! erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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