[SAV:] Zorn der Beiruter Massen verschärft politische Krise

Ser­ge Jor­dan, ISA

„Vor­her waren die Liba­ne­sen wütend, weil sie kein Geld und kei­nen Strom hat­ten. Jetzt haben sie kei­ne Fens­ter und vie­le haben kein Zuhau­se. Wenn es kein Brot gibt, wer­den die Men­schen zur Gewalt gezwun­gen. Kei­ne Elek­tri­zi­tät, kein Haus, kein Brot? Das ist eine Revo­lu­ti­on.“

Busi­ness Insi­der zitiert Abu Fadi, einen ehe­ma­li­gen Armee­of­fi­zier

Die gewal­ti­ge Explo­si­on, die letz­te Woche das Herz von Bei­rut erschüt­ter­te, hat nicht nur wich­ti­ge Tei­le der Stadt ver­wüs­tet. Sie lös­te auch eine hef­ti­ge Reak­ti­on des liba­ne­si­schen Vol­kes gegen sei­ne unfä­hi­ge und kor­rup­te herr­schen­de Klas­se aus. Zehn­tau­sen­de ström­ten nur weni­ge Tage nach der Explo­si­on auf die Stra­ßen der Haupt­stadt und besetz­ten sogar vor­über­ge­hend Minis­te­ri­en.

Das Auf­kom­men der Losung „Tre­tet zurück oder hängt“, flan­kiert von sym­bo­li­schen Gal­gen, sagt viel über die Stim­mung vor Ort aus. Die Wut der ein­fa­chen Liba­ne­sen gegen „ihre“ Regie­rung ist so tief, dass kaum ein Minis­ter oder hoher Staats­be­am­ter es gewagt hat sich nach der Explo­si­on auf den Stra­ßen zu zei­gen.

Als der Mil­lio­när und ex Pre­mier­mi­nis­ter Saad Hari­ri sich an den Ort der Explo­si­on wag­te, wur­de sein Kon­voi von wüten­den Demons­tran­ten über­rannt. Pre­mier­mi­nis­ter Hassan Diab wur­de schnell zum Kapi­tän eines sin­ken­den Schif­fes, das die Rat­ten eilig ver­lie­ßen. Unter unauf­halt­sa­men Druck bot er schließ­lich am 10. August, eine Woche nach der Explo­si­on, den Rück­tritt sei­ner Regie­rung an. Er ver­an­stal­te­te auch ein erbärm­li­ches Schau­spiel, als er die Kor­rup­ti­on und Kri­mi­na­li­tät einer poli­ti­schen Eli­te anpran­ger­te, deren Bit­ten er neun Mona­te lang nach­ge­kom­men war. Wäh­rend die­ser Zeit hat er den wei­te­ren Abstieg des Liba­non in den wirt­schaft­li­chen Zusam­men­bruch ver­ant­wor­tet.

Die ver­hee­ren­de Explo­si­on besie­gel­te das Schick­sal die­ser Regie­rung und gab der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung, die im ver­gan­ge­nen Okto­ber aus­brach, wei­te­ren Auf­trieb.

Kein bloßer Unfall

Die Explo­si­on war eine der größ­ten nicht-nuklea­ren in der Geschich­te der Mensch­heit. Kein Wort kann die Zer­stö­rung, die die Men­schen in Bei­rut erfah­ren muss­ten, voll­stän­dig aus­drü­cken. Über 200 Men­schen wur­den getö­tet, Dut­zen­de wer­den noch ver­misst. Und Hun­dert­tau­sen­de von Men­schen­le­ben wur­den auf den Kopf gestellt. 12% der Ein­woh­ner der Stadt, dar­un­ter bis zu 80.000 Kin­der, wur­den inner­halb weni­ger Sekun­den obdach­los. Der Hafen, ein stra­te­gi­scher Ein­gangs­punkt für Impor­te in den Liba­non, aber auch nach Syri­en und Jor­da­ni­en, ist in Schutt und Asche gelegt wor­den. Infek­tio­nen mit COVID-19, und auch die Sterb­lich­keit durch den Virus, neh­men unter den Fol­gen der Explo­si­on stark zu. Die vor­her schon über­las­te­te Kran­ken­haus­in­fra­struk­tur wur­de teil­wei­se zer­stört und die Ver­sor­gung mit medi­zi­ni­schen Gütern wird immer knap­per.

Die Haupt­ur­sa­che die­ser Kata­stro­phe steht außer Zwei­fel: die unsi­che­re und völ­lig unver­ant­wort­li­che Lage­rung von 2.750 Ton­nen Ammo­ni­um­ni­trat in einem Hafen­la­ger für fast sie­ben Jah­re. Der Prä­si­dent des Lan­des, Michel Aoun, hat ange­deu­tet, dass die aus­län­di­sche Ein­mi­schung durch „eine Rake­te oder Bom­be“ der Zün­der gewe­sen sein könn­te. Der Liba­non hat eine auf­ge­la­de­ne Geschich­te impe­ria­lis­ti­scher Ein­mi­schung und hat meh­re­re Male Zer­stö­rung und Bom­ben­an­grif­fe erlebt – vor allem durch das israe­li­sche Regime, das dem Land regel­mä­ßig gedroht hat, es in die Stein­zeit zurück­zu­schi­cken. Aber es gibt kaum Bewei­se für die­se Erklä­rung, sie sieht eher wie ein Ver­such aus, die Schuld von der blo­ßen Nach­läs­sig­keit einer hilf­los kor­rup­ten herr­schen­den Klas­se abzu­len­ken. Diabs Büro, so ist jetzt klar, wur­de min­des­tens zwei Wochen vor der Explo­si­on über das Vor­han­den­sein die­ses brenn­ba­ren Mate­ri­als in der Nähe von Wohn­ge­bie­ten der Haupt­stadt und der wich­tigs­ten Getrei­de­si­los des Lan­des infor­miert – unter­nahm aber nichts dage­gen.

Eine von der Regie­rung geführ­te Unter­su­chung ist im Gan­ge, die angeb­lich die genau­en Umstän­de der Gescheh­nis­se ermit­teln soll. Aber es kann kein zufrie­den­stel­len­des Ergeb­nis ent­ste­hen, wenn Kri­mi­nel­le ihre eige­nen Ver­bre­chen unter­su­chen! Im bes­ten Fall wird die­se Unter­su­chung zur Ver­haf­tung eini­ger Sün­den­bö­cke füh­ren, die ver­su­chen, die Wut des Vol­kes zu zer­streu­en; aber sie wird unwei­ger­lich auf­hö­ren, bevor sie die Mäch­ti­gen erreicht. Nur eine Unter­su­chung, die von einem nicht kor­rup­tem Estab­lish­ment sowie von Aus­sen­ste­hen­den, die ver­schie­de­ne Frak­tio­nen des genann­ten Estab­lish­ments über vie­le Jah­re hin­weg unter­stützt haben, unab­hän­gig ist, kann die höchs­ten Ver­ant­wor­tungs­ebe­nen voll­stän­dig durch­leuch­ten und für Gerech­tig­keit sor­gen. An einer sol­chen Unter­su­chung müss­ten gewähl­te Ver­tre­ter von Hafen- und Zoll­be­am­ten sowie Ver­tre­ter der Fami­li­en der Opfer betei­ligt wer­den. Aber letzt­end­lich müss­te sie durch den Hebel des Mas­sen­kamp­fes unter­stützt wer­den, um den wah­ren Schul­di­gen zur Rechen­schaft zie­hen zu kön­nen: das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem und sei­ne Ver­tre­ter.

Ein bis ins Mark verfaultes System

Die­se völ­lig ver­meid­ba­re Explo­si­on ist der Höhe­punkt eines jahr­zehn­te­lan­gen Pro­zes­ses des Ver­falls und der zuneh­men­den Miss­wirt­schaft. Die­sen Pro­zess hat der Liba­non infol­ge der neo­li­be­ra­len Plün­de­rung durch eine kor­rup­te Grup­pe von Poli­ti­kern und Ex-Kriegs­her­ren, Ban­kiers und Geschäfts­leu­ten durch­lau­fen. Wie der Jour­na­list Karim Tra­boul­si in The New Arab schrieb:

„Jede zwei­te Woche gibt es im Liba­non einen ähn­li­chen Skan­dal, bei dem es um von der Regie­rung finan­zier­te Finanz­be­trü­ge­rei­en, ver­fälsch­ten Brenn­stoff für Kraft­wer­ke, ver­dor­be­nes Fleisch, das auf dem Markt ver­kauft wer­den darf, Preis­trei­be­rei, Miss­wirt­schaft im Abfall­be­reich, gif­ti­ge Was­ser­ver­schmut­zung, Ver­kehrs­si­cher­heit und zuletzt um die fal­sche Hand­ha­bung der Covid-19-Maß­nah­men geht. In all dies sind poli­tisch ver­netz­te Akteu­re ver­wi­ckelt, die allen Liba­ne­sen nament­lich bekannt sind. Aber die­se Explo­si­on ist die Mut­ter aller Skan­da­le.“

Die­se Kata­stro­phe ist über und über mit den den Fin­ger­ab­drü­cken des Kapi­ta­lis­mus über­zo­gen. Die Geschich­te, wie die gefähr­li­che che­mi­sche Sub­stanz in den Hafen von Bei­rut gelang­te, ist an sich schon sehr auf­schluss­reich. Die Ware wur­de auf einem in rus­si­schem Besitz befind­li­chen Schiff trans­por­tiert, das unter mol­daui­scher Flag­ge nach Bei­rut fuhr, wobei die Pra­xis der „Bil­lig­flag­gen“ ange­wen­det wur­de, die es den Ree­dern ermög­licht, ihre Gewin­ne zu maxi­mie­ren, indem sie Sicher­heits­vor­schrif­ten umge­hen und Steu­ern, Ver­si­che­run­gen und Löh­ne sen­ken. Es ist der­sel­be Wett­lauf um Pro­fi­te, der jetzt die Glas­prei­se im Liba­non in die Höhe treibt, da eine Hand­voll Kapi­ta­lis­ten scham­los Geld mit der weit ver­brei­te­ten Zer­stö­rung von Volks­ei­gen­tum ver­die­nen.

Der Sturz der Regierung Diab reicht nicht aus

Das Kabi­nett von Hassan Diab ist das zwei­te inner­halb von weni­ger als einem Jahr, das durch den Zorn der Mas­sen­be­we­gung zu Fall gebracht wur­de. Sei­ne erschre­cken­de Bilanz soll­te die Illu­si­on zer­stö­ren, dass eine „tech­no­kra­ti­sche Regie­rung“ die Pro­ble­me des Lan­des lösen könn­te oder die Sehn­sucht des liba­ne­si­schen Vol­kes nach Ver­än­de­rung erfül­len kön­ne. Dies war eine For­de­rung, die im ver­gan­ge­nen Jahr auf den liba­ne­si­schen Stra­ßen eine gewis­se Anzie­hungs­kraft hat­te. Hin­ter den so genann­ten unab­hän­gi­gen Exper­ten der Regie­rung ver­bar­gen sich die Stüt­zen der eta­blier­ten Par­tei­en, vor allem der Schii­ten­grup­pe His­bol­lah und ihrer Ver­bün­de­ten, die den größ­ten Block im Par­la­ment haben. Der Wirt­schafts­mi­nis­ter war zufäl­lig der geschäfts­füh­ren­de Gene­ral­di­rek­tor einer der größ­ten Ban­ken des Lan­des! Die vor­ge­täusch­te „Unab­hän­gig­keit“ die­ser Minis­ter ziel­te nur dar­auf ab, die revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung umzu­len­ken und zu zäh­men.

Außer­dem bleibt Hassan Diab nun in einer „Ver­wal­ter­funk­ti­on“, bis ein neu­es Kabi­nett gebil­det wer­den kann. Bei den Ver­hand­lun­gen, die die­sen neu­en Pro­zess unter­mau­ern wer­den, wer­den genau die Par­tei­en, die durch den revo­lu­tio­nä­ren Kampf im ver­gan­ge­nen Okto­ber gestürzt wur­den, ins­be­son­de­re die sun­ni­ti­sche „Zukunfts­be­we­gung“ von Saad Hari­ri und sei­nen Ver­bün­de­ten, hin­ter den Kulis­sen um neue Posi­tio­nen und Ein­fluss buh­len. Aber wie der popu­lä­re Slo­gan, der im gan­zen Liba­non nach­hall­te, lau­tet: „All of them means all of them“ („Sie alle meint sie alle“): Die Arbei­ter und die Jugend des Lan­des haben sich im letz­ten Jahr erho­ben, um die gesam­te ver­rot­te­te herr­schen­de Klas­se und ihr sek­tie­re­ri­sches Regime zu stür­zen, und wer­den sich nicht leicht mit einer blo­ßen Wie­der­be­le­bung alter Gesich­ter zufrie­den geben, die die glei­che kata­stro­pha­le Poli­tik ver­fol­gen. Die jüngs­te Kata­stro­phe wird die­se Stim­mung zwei­fel­los verstärk9t haben.

Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Emma­nu­el Macron erkann­te schnell die poli­ti­schen Trag­wei­te die­ser Situa­ti­on und beeil­te sich, der ers­te inter­na­tio­na­le Füh­rer zu sein, der das zer­stör­te Bei­rut nach der Explo­si­on besuch­te. Nach­dem er wahr­schein­lich die Leh­ren aus den ernied­ri­gen­den Erfah­run­gen des Ex-Prä­si­den­ten Nico­las Sar­ko­zy im „ara­bi­schen Früh­lings“ gezo­gen hat­te – als die engen Bezie­hun­gen des fran­zö­si­schen Impe­ria­lis­mus zu den Regimes von Ben Ali und Gad­da­fi ent­larvt wur­den -, woll­te Macron kei­ne gute Gele­gen­heit für einen öffent­lich wirk­sa­men Auf­tritt ver­pas­sen, indem er sich von Kame­ras auf der Sei­te des Vol­kes ein­fan­gen ließ und die Kor­rup­ti­on anpran­ger­te. Hin­ter die­ser Hal­tung will Macron auch die ver­spro­che­ne Hil­fe für den Liba­non als Erpres­sungs­in­stru­ment nut­zen, um weit­rei­chen­de „Refor­men“ durch­zu­set­zen, die dem fran­zö­si­schen Kapi­tal zugu­te kom­men.

Doch Frank­reich steht mit die­sen Manö­vern nicht allein. Der Liba­non war schon immer ein Kreu­zungs­punkt der Inter­es­sen impe­ria­lis­ti­scher und regio­na­ler Mäch­te. Die­se äuße­ren Kräf­te haben den inne­ren Macht­kampf zwi­schen kon­kur­rie­ren­den sek­tie­re­ri­schen Frak­tio­nen ange­heizt, um ihre eige­ne Agen­da im Liba­non und im wei­te­ren Nahen Osten vor­an­zu­trei­ben. Da das ira­ni­sche Regime mit sei­ner eige­nen enor­men Wirt­schafts­kri­se zu kämp­fen hat, ist es nicht in der Lage, sub­stan­zi­el­le Finanz­hil­fen für den Wie­der­auf­bau des Liba­non bereit­zu­stel­len, um sei­nen Ein­fluss gel­tend zu machen, wie es dies bei­spiels­wei­se nach dem israe­li­schen Krieg gegen die His­bol­lah 2006 getan hat. Die west­li­chen impe­ria­lis­ti­schen Staa­ten und die sun­ni­ti­schen Golf­mon­ar­chien haben zwar alle ihre eige­ne Agen­da, hof­fen aber, dass die­ses Fens­ter der Gele­gen­heit zusam­men mit der schwe­len­den Wut in den Stra­ßen Bei­ruts zu ihrem Vor­teil genutzt wer­den kann, um die His­bol­lah und den Iran zu besänf­ti­gen. „Eini­ge von uns hof­fen, dass wir die Situa­ti­on end­lich nut­zen kön­nen, um die poli­ti­schen Eli­ten dort auf­zu­rüt­teln“, sag­te ein US-Beam­ter gegen­über dem Wall Street Jour­nal. Im Ein­klang mit die­ser Stra­te­gie berei­tet die US-Regie­rung eine neue Run­de von Sank­tio­nen gegen liba­ne­si­sche Poli­ti­ker und Geschäfts­leu­te vor, die mit der His­bol­lah in Ver­bin­dung ste­hen.

Wäh­rend die pro­tes­tie­ren­den Mas­sen im Liba­non der His­bol­lah zu Recht die Mas­ke abge­nom­men und sie als fest auf der Sei­te der Kor­rup­ten und Mäch­ti­gen ent­larvt haben, haben sie von die­sen fins­te­ren impe­ria­lis­ti­schen Plä­nen eben­falls nichts zu erwar­te . Solan­ge die revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung nicht ihren eige­nen unab­hän­gi­gen poli­ti­schen Aus­druck schafft und die drei­fa­che Gei­ßel der kapi­ta­lis­ti­schen Aus­beu­tung, der impe­ria­lis­ti­schen Ein­mi­schung und des reli­giö­sen Sek­tie­rer­tums glei­cher­ma­ßen ablehnt, ist die Gefahr groß, dass der legi­ti­me Kampf der Arbei­ter, der arbeits­lo­sen Jugend und der Mit­tel­schich­ten für die Macht­spie­le derer an der Spit­ze miss­braucht wer­den könn­te. Um zu ver­mei­den, dass das gegen­wär­ti­ge poli­ti­sche Vaku­um durch das Ergeb­nis eines erneu­ten Frak­ti­ons­kamp­fes zwi­schen kor­rup­ten sek­ten­ar­ti­gen Cli­quen und ihren aus­län­di­schen Geld­ge­bern oder durch ein neu­es Kabi­nett von „Exper­ten“, die wegen ihrer Unter­wür­fig­keit gegen­über dem Sta­tus quo aus­ge­wählt wur­den, gefüllt wird, muss sich die Mas­sen­be­we­gung um ihre eige­ne poli­ti­sche Alter­na­ti­ve her­um orga­ni­sie­ren und die Mit­tel zu ihrer Durch­set­zung ent­wi­ckeln.

Aufbau eines vereinten Kampfes für einen sozialistischen und demokratischen Libanon

Eines der kenn­zeich­nen­den Merk­ma­le der „Okto­ber­re­vo­lu­ti­on“ war ihre Fähig­keit, den Nebel der sek­tie­re­ri­schen Spal­tun­gen zu durch­bre­chen, indem sie Men­schen mit unter­schied­li­chem Hin­ter­grund gegen alle sek­tie­re­ri­schen Flü­gel der herr­schen­den Klas­se – und gegen das Sek­tie­rer­tum selbst – in Akti­on ver­ein­te. Letz­te­res ist jedoch ein inte­gra­ler Bestand­teil der DNA jeder gro­ßen eta­blier­ten poli­ti­schen Par­tei im Liba­non sowie des alten Werk­zeug­kas­tens des Impe­ria­lis­mus, um sich in der Regi­on durch­zu­set­zen. Sowohl zur Zer­schla­gung des Klas­sen­wi­der­stands als auch als Grund­la­ge für ein aus­ge­dehn­tes Vet­tern­sys­tem hat das kon­fes­sio­nel­le Sys­tem der Macht­tei­lung jahr­zehn­te­lang dazu bei­getra­gen, dass die kapi­ta­lis­ti­sche Eli­te den Reich­tum des Lan­des geplün­dert hat. Das bedeu­tet, dass die Kämp­fe gegen Sek­tie­rer­tum und gegen den Kapi­ta­lis­mus orga­nisch mit­ein­an­der ver­bun­den sein müs­sen oder schei­tern wer­den.

Ganz oben auf der Prio­ri­tä­ten­lis­te die­ses Kamp­fes soll­te die Grün­dung einer nicht-sek­tie­re­ri­schen Par­tei der Arbei­ter­klas­se und der Wie­der­auf­bau einer wirk­lich kämp­fe­ri­schen Gewerk­schafts­be­we­gung ste­hen, die von allen sek­tie­re­ri­schen pro­ka­pi­ta­lis­ti­schen Par­tei­en unab­hän­gig ist. Der offi­zi­el­le All­ge­mei­ne Bund der liba­ne­si­schen Arbei­ter (der wich­tigs­te Gewerk­schafts­bund) hat einen Pro­zess der Aus­höh­lung und Dege­ne­ra­ti­on hin­ter sich. Jah­re­lan­ge Kor­rup­ti­on und Unter­wan­de­rung durch sek­tie­re­ri­sche Hand­lan­ger erklä­ren sei­ne auf­fäl­li­ge Abwe­sen­heit seit Beginn der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung im letz­ten Jahr.

Die Werk­tä­ti­gen und Armen im Liba­non haben auf die har­te Tour gelernt, dass sie sich nur auf ihre eige­nen Initia­ti­ven und ihre eige­ne Kraft ver­las­sen kön­nen, wenn sie etwas errei­chen wol­len. Die Explo­si­on der ver­gan­ge­nen Woche in Bei­rut hat die­se bit­te­re Wahr­heit noch ein­mal unter­stri­chen. Im Gegen­satz zur Gier und gefühl­lo­sen Inkom­pe­tenz der kapi­ta­lis­ti­schen Eli­te wur­den die Stra­ßen der Haupt­stadt Zeu­ge unzäh­li­ger Sze­nen spon­ta­ner Soli­da­ri­tät der Arbei­ter­klas­se und selbst­lo­ser Opfer­be­reit­schaft von Anwoh­nern und Frei­wil­li­gen, die Din­ge in die Hand nah­men, um den Schutt weg­zu­räu­men, Hil­fe für die Bedürf­ti­gen zu orga­ni­sie­ren usw. In der Zwi­schen­zeit fiel der Staat durch sei­ne Abwe­sen­heit auf, sei­ne Funk­tio­nen wur­den auf ihren ein­fachs­ten Aus­druck redu­ziert, d.h. gro­be Gewalt gegen die Unter­drück­ten aus­zu­üben, um die Inter­es­sen der herr­schen­den Klas­se zu schüt­zen. Daher die Schüs­se mit Trä­nen­gas und Gum­mi­ge­schos­sen auf die Demons­tran­ten, daher die fast ein­stim­mi­ge Abstim­mung im Par­la­ment mit nur einem Abge­ord­ne­ten am 13. August gegen einen umfas­sen­den Aus­nah­me­zu­stand, der der Armee erwei­ter­te Unter­drü­ckungs­be­fug­nis­se ver­leiht. Die­ser anti­de­mo­kra­ti­sche Schritt bedeu­tet die Vor­be­rei­tung der liba­ne­si­schen herr­schen­den Klas­se auf die Mög­lich­keit schwer­wie­gen­de­rer revo­lu­tio­nä­rer Aus­brü­che und unter­streicht, war­um es für einen wirk­li­chen Wan­del uner­läss­lich und drin­gend not­wen­dig ist, der weit ver­brei­te­ten Wut in der Gesell­schaft einen bes­ser orga­ni­sier­ten Aus­druck zu ver­lei­hen.

In unmit­tel­ba­rer Zukunft könn­ten demo­kra­tisch orga­ni­sier­te Hilfs­ko­mi­tees die Ver­tei­lung der Hil­fe in den Stadt­vier­teln über­wa­chen und sicher­stel­len, dass die drin­gend benö­tig­te mate­ri­el­le Hil­fe nicht von kor­rup­ten Beam­ten unter­schla­gen wird. Doch die Hil­fe und Soli­da­ri­tät unter den ein­fa­chen Liba­ne­sen kann nur so weit gehen wenn die wirt­schaft­li­chen Res­sour­cen des Lan­des und die Hebel der Staats­macht nicht mehr von einer Hand­voll Schma­rot­zern kon­trol­liert wer­den, die das gan­ze Land aus­pres­sen. Des­halb ist es eben­so wich­tig, über alle Sek­to­ren, Arbeits­plät­ze und loka­len Gemein­schaf­ten hin­weg Akti­ons­ko­mi­tees auf­zu­bau­en, um einen poli­ti­schen Mas­sen­kampf zu struk­tu­rie­ren und vor­zu­be­rei­ten, der dar­auf abzielt, dem Kapi­ta­lis­mus die Macht zu ent­rei­ßen – dem Sys­tem, das es die­ser win­zi­gen Min­der­heit ermög­licht hat, kolos­sa­le Reich­tü­mer anzu­häu­fen und gleich­zei­tig Hun­ger, Armut, Krank­heit, Zer­stö­rung und Unter­drü­ckung in der übri­gen Bevöl­ke­rung zu säen.

Die rie­si­gen For­de­run­gen nach Zin­sen und Schul­den, aus denen der Ban­ken­sek­tor über Jah­re hin­weg mas­si­ve Gewin­ne erwirt­schaf­tet hat, soll­ten voll­stän­dig abge­lehnt wer­den. Eben­so wie alle Spar­maß­nah­men und Maß­nah­men zur Bekämp­fung der Armut zurück­ge­nom­men wer­den soll­ten, die durch die Not­wen­dig­keit ihrer Rück­zah­lung gerecht­fer­tigt wur­den. Es soll­ten Preis­bin­dun­gen für Nah­rungs­mit­tel, medi­zi­ni­sche Güter, Bau­ma­te­ri­al und ande­re Pro­duk­te des Grund­be­darfs ein­ge­führt wer­den. Alle Ban­ken und Finanz­in­sti­tu­tio­nen soll­ten in öffent­li­che Hän­de gebracht wer­den – und ihre Bücher der öffent­li­chen Kon­trol­le zugäng­lich gemacht wer­den. Der Reich­tum der liba­ne­si­schen Mil­lio­nä­re und Mil­li­ar­dä­re, der durch Kor­rup­ti­on, Spe­ku­la­ti­on und Finanz­ge­schäf­te auf­ge­baut wur­de, soll­te beschlag­nahmt wer­den. Und die Wirt­schaft soll­te demo­kra­tisch so geplant wer­den, dass sie den Bedürf­nis­sen der Mehr­heit ent­spricht: die Armen und Obdach­lo­sen ernäh­ren und unter­brin­gen, in das Gesund­heits­we­sen und die öffent­li­chen Diens­te inves­tie­ren, die zusam­men­bre­chen­de Infra­struk­tur des Lan­des von oben bis unten wie­der auf­bau­en… Wenn die revo­lu­tio­nä­ren Arbei­ter und die Jugend des Liba­non sich mit einem Pro­gramm sozia­lis­ti­scher For­de­run­gen die­ser Art bewaff­nen wür­den, hät­te ihr Kampf das Poten­zi­al, rasch grö­ße­re Unter­stüt­zung zu gewin­nen und Mil­lio­nen in der gan­zen Regi­on zu inspi­rie­ren, die­sem Bei­spiel zu fol­gen.


Bild: Frei­mut Bahlo, CC BY-SA 4.0

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