[Freiheitsliebe:] Unterdrückung der Uiguren: „Die Welt muss endlich aufwachen“ – im Gespräch mit Asgar Can

Seit eini­ger Zeit drin­gen immer wie­der Berich­te aus der Pro­vinz Xin­jiang an die Öffent­lich­keit, die doku­men­tie­ren, wie die chi­ne­si­sche Regie­rung Mit­glie­der der uigu­ri­schen Bevöl­ke­rung mas­sen­haft in „Umer­zie­hungs­la­gern“ inter­niert, dort aus­beu­tet und fol­tert. Doch die Unter­drü­ckung der uigu­ri­schen Min­der­heit durch Peking reicht vie­le Jahr­zehn­te zurück. Über all das und mehr spra­chen wir mit Asgar Can, dem Vor­sit­zen­den der Uigu­ri­schen Gemein­de in Euro­pa e.V. und Euro­pa-Refe­ren­ten des Welt­kon­gres­ses der Uigu­ren.

Die Frei­heits­lie­be: Vor eini­gen Mona­ten gab es vie­le Medi­en­be­rich­te über die Situa­ti­on der Uigu­ren. Woher kam das plötz­li­che Inter­es­se und war­um scheint es nun wie­der weg zu sein?

Asgar Can: Die Unter­drü­ckung der Uigu­ren ist nichts Neu­es. Ver­fol­gung und Unter­drü­ckung des uigu­ri­schen Vol­kes fin­gen 1949 an. Unser Land Ost­tur­ki­stan wur­de am 1. Okto­ber 1949 von Chi­na besetzt. Seit­dem ver­sucht der chi­ne­si­sche Staat, uns Uigu­ren mit allen Mit­teln aus­zu­lö­schen.

Der Rah­men und das Aus­maß der Unter­drü­ckung haben von Jahr zu Jahr zuge­nom­men und in den letz­ten Jah­ren ihre Ober­gren­ze erreicht. Wir haben über die Unter­drü­ckung und das Lei­den der Uigu­ren immer wie­der berich­tet, aber kei­ne Auf­merk­sam­keit der Öffent­lich­keit und Medi­en erweckt, da wir viel­leicht kei­ne Bele­ge vor­le­gen konn­ten. Nach der Ver­öf­fent­li­chung der Chi­na Cables hat sich die Lage jedoch geän­dert. Dort wur­de das furcht­ba­re Vor­ge­hen der chi­ne­si­schen Regie­rung gegen die Uigu­ren sehr aus­führ­lich geschil­dert. Die­se Doku­men­te wur­den direkt zu Medi­en geschickt und von die­sen eben­falls aus­ge­wer­tet, und es bestand kein Zwei­fel, dass sie echt sind.

Nach die­sen Doku­men­ten wur­de sehr deut­lich, dass Chi­na einen Krieg gegen ein gesam­tes Volk erklärt hat und ihn mit jedem Preis gewin­nen will. Das Inter­es­se der Medi­en und der Öffent­lich­keit hält noch an, da die Lage der Uigu­ren immer uner­träg­li­cher wird. Die Inter­nie­rungs­la­ger, die stei­gen­de Anzahl der ver­schol­le­nen Uigu­ren, staat­li­cher Organ­han­del, Zwangs­ar­beit, Ste­ri­li­sa­ti­on der Uigu­ren, Gehirn­wä­sche von uigu­ri­schen Kin­dern, will­kür­li­ches Vor­ge­hen der Regie­rung gegen Uigu­ren… All das ist ein Ver­bre­chen gegen die Mensch­heit.

Die Frei­heits­lie­be: Seit 2013 gibt es Doku­men­ta­tio­nen von „Umer­zie­hungs­maß­nah­men“ für Uigu­ren durch die chi­ne­si­sche Regie­rung. Bis zu eine Mil­li­on Men­schen – jeder zehn­te Uigu­re – sol­len gegen ihren Wil­len in „Umer­zie­hungs­la­gern“ inhaf­tiert sein. Was hat es damit auf sich?

Asgar Can: Der chi­ne­si­sche Staat führt seit 71 Jah­ren eine Assi­mi­la­ti­ons­po­li­tik gegen die Uigu­ren durch. Trotz aller Bemü­hun­gen der chi­ne­si­schen Regie­rung haben sich die Uigu­ren erfolg­reich dage­gen gewehrt. Die chi­ne­si­sche Füh­rung will jetzt die Aus­lö­schungs­po­li­tik in den Umer­zie­hungs­la­gern fort­set­zen. Dort wird man durch scho­ckie­ren­de Metho­den gezwun­gen, chi­ne­sisch zu den­ken, dem Staat treu zu sein, dem Staat Dank­bar­keit zu erwei­sen, kurz gesagt: einer Gehirn­wä­sche unter­zo­gen.

Die Anzahl der in den Inter­nie­rungs­la­gern befind­li­chen Uigu­ren ist auf drei Mil­lio­nen gestie­gen. Nach Erzäh­lun­gen von Herrn Omar Beka­li, der über acht Mona­te lang im Inter­nie­rungs­la­ger war und jetzt in den Nie­der­lan­den sein Asyl­recht zuge­spro­chen bekom­men hat, wer­den Uigu­ren in Inter­nie­rungs­la­gern gefol­tert, miss­han­delt und see­lisch sowie psy­chisch über die Gren­zen eines Men­schen gequält.

Die chi­ne­si­sche Regie­rung will das, was sie in über 70 Jah­ren nicht geschafft hat, mit­tels Inter­nie­rungs­la­ger schaf­fen – näm­lich ein gan­zes Volk umzu­er­zie­hen und so aus­zu­lö­schen.

Die Frei­heits­lie­be: Als Grund, in die­se Lager zu kom­men, reicht nach eini­gen Berich­ten schon ein lan­ger Bart, Halāl-Ernäh­rung oder Besitz eines Gebets­tep­pichs oder eines Korans. Sind die Maß­nah­men also vor allem reli­gi­ös moti­viert?

Asgar Can: Die Uigu­ren sind Mus­li­me und der Islam wur­de bei Uigu­ren sehr libe­ral und säku­lar inter­pre­tiert. Das Prak­ti­zie­ren des Islams bei den Uigu­ren ist nicht mit ara­bi­schen Län­dern ver­gleich­bar. Islam spielt im Leben der Uigu­ren eine wich­ti­ge Rol­le und ist ein Schutz­schild vor der Aus­lö­schungs­po­li­tik der chi­ne­si­schen Regie­rung. Den­noch sind die Maß­nah­men nicht reli­gi­ös moti­viert.

Der chi­ne­si­sche Staat hat in den letz­ten 71 Jah­ren das uigu­ri­sche Alpha­bet drei­mal geän­dert. Das ursprüng­li­che Alpha­bet ist ara­bisch, dann Latein, dann kyril­lisch und jetzt wie­der ara­bisch. Damit woll­te die Regie­rung die Ver­bin­dung zwi­schen den Genera­tio­nen unter­bre­chen und uns von unse­ren Wur­zeln tren­nen.

Unse­re Geschich­te und Lite­ra­tur wur­den umge­schrie­ben. Unse­re Spra­che ist im Kin­der­gar­ten und in den Schu­len ver­bo­ten. Alte uigu­ri­sche Städ­te sowie his­to­ri­sche Bebau­un­gen wur­den abge­ris­sen. Die uigu­ri­sche Archi­tek­tur wur­de zer­stört. Die Namen der uigu­ri­schen Städ­te, Dör­fer, Flüs­se und Seen wur­den geän­dert. Also das ist nicht nur reli­gi­ös moti­viert, son­dern eine Aus­lö­schungs- und Ver­nich­tungs­po­li­tik des chi­ne­si­schen Regimes bezie­hungs­wei­se einer Besat­zungs­macht gegen unser Volk.

Die Frei­heits­lie­be: Die chi­ne­si­sche Regie­rung erklärt, dass sie nur gegen „Ter­ro­ris­mus“ vor­ge­he und es sind tat­säch­lich auch ver­schie­de­ne Anschlä­ge doku­men­tiert. Wie viel ist also an der Aus­sa­ge dran?

Asgar Can: Für die chi­ne­si­sche Regie­rung zählt jeder, der sich gegen das bru­ta­le Vor­ge­hen der chi­ne­si­schen Regie­rung gegen die Uigu­ren stellt und ihre Poli­tik kri­ti­siert, als „Ter­ro­rist“. Ansons­ten hät­te die Regie­rung fast drei Mil­lio­nen Men­schen will­kür­lich gegen ihren Wil­len in Inter­nie­rungs­la­ger gesteckt. Der ech­te Ter­ro­rist ist der Staat Chi­na und sei­ne Füh­rung. Die chi­ne­si­sche Regie­rung bezeich­net das gan­ze uigu­ri­sche Volk als Ter­ro­ris­ten und hat Ostturkistan/​Xinjiang in ein offe­nes Gefäng­nis umge­wan­delt. Uigu­ren wer­den mit High­tech über­wacht. Selbst bei uigu­ri­schen Fami­li­en sind chi­ne­si­sche Beam­te unter­ge­bracht wor­den, damit sie regel­mä­ßig über die Fami­li­en berich­ten und schrei­ben und dies dann an die Regie­rung wei­ter­ge­ben. So ein unmensch­li­ches und men­schen­un­wür­di­ges Sys­tem hat es im Leben der Mensch­heit noch nie gege­ben.

Nach Anga­ben der chi­ne­si­schen Regie­rung gab es ein paar Anschlä­ge, die angeb­lich von Uigu­ren aus­ge­übt wor­den sind. Aber unse­re Auf­for­de­rung, dass ein fai­rer Gerichts­pro­zess statt­fin­den soll­te und die Täter danach bestraft wer­den sol­len, wur­de von der chi­ne­si­schen Regie­rung nie akzep­tiert. Wenn sie wirk­lich Ter­ro­ris­ten wären, soll­te unser Vor­schlag für die chi­ne­si­sche Regie­rung will­kom­men sein, denn so könn­ten sie die „Ter­ro­ris­ten“ mit Bele­gen ankla­gen und sie in einem öffent­li­chen und fair geführ­ten Gericht für schul­dig erklä­ren und ihre Behaup­tun­gen vor der Welt­ge­mein­schaft nach­wei­sen. Da die chi­ne­si­sche Regie­rung unse­rer Auf­for­de­rung nicht nach­ge­kom­men ist, bezwei­fe­le ich, dass die Anschlä­ge tat­säch­lich von Uigu­ren aus­ge­übt wor­den sind.

Die Frei­heits­lie­be: Ist der Kampf gegen Ter­ror und Sepa­ra­tis­mus nur vor­ge­scho­ben oder gibt es in der uigu­ri­schen Bevöl­ke­rung wirk­lich Sym­pa­thie für Sepa­ra­tis­mus und/​oder gewalt­vol­len Pro­test?

Asgar Can: Die Uigu­ren wur­den zuletzt 1949 von Chi­na besetzt. Davor wur­den 1933 und 1944 ost­tur­ki­sta­ni­sche Repu­bli­ken ins Leben geru­fen. In der Geschich­te haben Uigu­ren selb­stän­dig gelebt und Staa­ten gegrün­det. Beson­ders nach den Ereig­nis­sen, wie dem Mas­sa­ker vom 5. Juli 2009, gibt es die Sehn­sucht nach Unab­hän­gig­keit, da ein Zusam­men­le­ben nicht mehr vor­stell­bar ist. Wir wer­den ja in allen Berei­chen des all­täg­li­chen Lebens benach­tei­ligt, ver­folgt und unter­drückt. Chi­na führt einen grau­sa­men Krieg gegen unser Volk. Chi­na will uns ver­nich­ten und ganz aus­lö­schen.

Wir sind nach der chi­ne­si­schen Ver­fas­sung ein auto­no­mes Gebiet und vie­le Rech­te ste­hen uns nach der Ver­fas­sung zu. Die­se wer­den und wur­den aber nie in die Pra­xis umge­setzt. Die chi­ne­si­sche Regie­rung muss Ihre eige­ne Ver­fas­sung respek­tie­ren und uns die zuste­hen­den Rech­te ein­räu­men. Statt­des­sen ter­ro­ri­siert der chi­ne­si­sche Staat das gan­ze Volk der Uigu­ren und schließt sie aus der Gesell­schaft aus. Wie kön­nen die Uigu­ren in so einem Ver­bund blei­ben und wel­che Per­spek­ti­ven haben sie?

Trotz all die­ser Grau­sam­kei­ten der chi­ne­si­schen Regie­rung haben die Uigu­ren nie die Gewalt als Lösung gese­hen und sind auch nie die­sen Weg gegan­gen. Die Uigu­ren füh­ren ihren Kampf gegen die Herr­schaft welt­weit mit demo­kra­ti­schen und fried­li­chen Mit­teln.

Die Frei­heits­lie­be: Ins­be­son­de­re das Schwei­gen der Staats­chefs in über­wie­gend mus­li­mi­schen Län­dern zu den Lagern in Xin­jiang ist ohren­be­täu­bend. Im Febru­ar 2019 stell­te Sau­di-Ara­bi­ens Kron­prinz Moham­med bin Sal­man Peking in sei­nen Metho­den gar de fac­to sei­ne Abso­lu­ti­on aus. Wie steht es in der Uigu­ren-Fra­ge um die welt­wei­te „mus­li­mi­sche Soli­da­ri­tät“?

Asgar Can: Lei­der muss ich mit Bedau­ern zuge­ben, dass die mus­li­mi­sche Welt nur schweigt und sich sogar auf die Sei­te der chi­ne­si­schen Regie­rung stellt sowie das Vor­ge­hen von Chi­na gegen die Uigu­ren unter­stützt. Von einer „mus­li­mi­schen Soli­da­ri­tät“ kann kei­ne Rede sein.

Die meis­ten isla­mi­schen Län­der wer­den von Dik­ta­to­ren und nicht legi­ti­men Men­schen regiert und sie unter­drü­cken ihre eige­nen Bür­ger und Bür­ge­rin­nen. Sie respek­tie­ren kei­ne Men­schen­rech­te und Men­schen­wür­de. Außer­dem sind sie wirt­schaft­lich sehr stark abhän­gig von Chi­na und für sie spie­len Men­schen­rech­te, Demo­kra­tie und Men­schen­wür­de kei­ne Rol­le.

Was kann man von den Län­dern, die nicht demo­kra­tisch sind, deren Legi­ti­mi­tät in Fra­ge steht und die ihre eige­nen Völ­ker unter­drü­cken, erwar­ten, und wie kann man dann auf Unter­stüt­zung hof­fen?

Die Frei­heits­lie­be: Was müssten/​könnten die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft, die UN, die EU oder ande­re mul­ti­la­te­ra­le Orga­ni­sa­tio­nen tun, um das Sys­tem der „Umer­zie­hungs­la­ger“ zu been­den? Wie rea­lis­tisch ist das?

Asgar Can: Die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft kann immer noch etwas bewe­gen, falls sie wirk­lich ehr­lich sind und zusam­men­ar­bei­ten. Da muss aber jeder bereit sein, Opfer zu brin­gen und mit anzu­pa­cken. Die UNO, EU und ande­re demo­kra­ti­sche Kräf­te müs­sen auch sehen, dass sie nicht nur Chi­na brau­chen, son­dern Chi­na auch sie braucht. Die Welt muss end­lich auf­wa­chen und die Gefahr sehen. Chi­na ist nicht nur eine Gefahr für die Uigu­ren, son­dern für die gan­ze Welt­ge­mein­schaft.

Vor 10 bis 15 Jah­ren war es leich­ter, Chi­na zu stop­pen und zu beein­flus­sen. Je stär­ker Chi­na wur­de, des­to fre­cher und unbe­re­chen­ba­rer wur­de es. Jetzt will Chi­na der Welt dik­tie­ren, wo es lang geht. Chi­na will eige­ne Men­schen­rech­te, eige­ne Demo­kra­tie-Ein­stel­lun­gen und eine eige­ne Welt­ord­nung schaf­fen und die Welt­ge­mein­schaft soll dem Land fol­gen.

Wenn die Welt jetzt nicht end­lich auf­wacht und für die uni­ver­sel­len Wer­te nicht zusam­men kämpft, wird es nach wei­te­ren zehn Jah­ren viel zu spät sein. Dann bleibt kein Wert mehr, für den man kämp­fen könn­te. Des­halb muss die Welt­ge­mein­schaft bei der Schlie­ßung der Inter­nie­rungs­la­ger zusam­men­ar­bei­ten und gemein­sam ein star­kes Zei­chen set­zen, dass sie es nicht hin­nimmt, dass im 21. Jahr­hun­dert Gehirn­wä­sche-Lager errich­tet wer­den und dort drei Mil­lio­nen Men­schen gegen Ihren Wil­len fest­ge­hal­ten wer­den.

Jetzt müs­sen sie Stopp sagen und ihre wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen zur Sei­te stel­len, falls sie Chi­na stop­pen wol­len, sonst wird es zu spät. Wenn man Chi­na einen Fin­ger gibt, will es den gan­zen Arm haben. Wenn man einen gan­zen Arm gibt, will es den gan­zen Kör­per. Doch mit „geben“ kön­nen wir Chi­na nicht zufrie­den stel­len. Wenn die Welt­ge­mein­schaft nicht von Chi­na geschluckt wer­den will, muss man jetzt drin­gend nach den eige­nen Inter­es­sen han­deln und aktiv wer­den.

Die Frei­heits­lie­be: Wir bedan­ken uns viel­mals für das Gespräch.

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