[gG:] Effektiver Opferschutz von Betroffenen der Onlinekriminalität

Im März 2018 schrieb ein rechts­ge­sinn­ter Blog­ger einen Text bei FAZ-Blog über mich. Zuerst begann ein Shit­s­torm auf Twit­ter, weil mein Account in sei­nem Text ver­linkt war. Dort hat­te er aber nicht nur mei­nen Twit­ter-Account ver­linkt, son­dern auch geschrie­ben, wo ich arbei­te. Der Shit­s­torm auf Twit­ter ver­wan­del­te sich rasch in eine Hass­kam­pa­gne mit teils unter­schwel­li­gen, teils offe­nen Gewalt­an­dro­hun­gen. Spä­ter wur­den mei­ne Wohn­adres­se und pri­va­te Tele­fon­num­mer ins Netz gestellt.

Die­se Metho­de hat Sys­tem, man nennt sie „Doxing“.

Ich for­de­re: Bes­se­ren Schutz der Betrof­fe­nen vor Online­kri­mi­na­li­tät und bes­se­re Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men!
War­um ist das wich­tig?

Ken­nen Sie die Sze­ne aus dem ers­ten Har­ry-Pot­ter-Film, in der die Zusa­ge­brie­fe für die Hog­warts-Schu­le an Har­ry ins Haus hin­ein­reg­nen? Ich hat­te letz­tes Jahr eine ähn­li­che Erfah­rung: Es reg­ne­ten Ver­sand­ta­schen in mein WG-Zim­mer hin­ein. Aller­dings han­del­te es dabei nicht um erfreu­li­che Zusa­gen, son­dern um etwas ganz ande­res: Mei­ne Adres­se wur­de gele­akt und die Hater*innen hat­ten mich bei vie­len Unter­neh­men ange­mel­det, wo man Bro­schü­re bestel­len kann.

Im März 2018 schrieb ein rechts­ge­sinn­ter Blog­ger einen Text bei FAZ-Blog über mich. Zuerst begann ein Shit­s­torm auf Twit­ter, weil mein Account in sei­nem Text ver­linkt war. Dort hat­te er aber nicht nur mei­nen Twit­ter-Account ver­linkt, son­dern auch geschrie­ben, wo ich arbei­te und wie die­se Arbeits­stel­le finan­ziert wird. Der Shit­s­torm auf Twit­ter ver­wan­del­te sich rasch in eine Hass­kam­pa­gne mit teils unter­schwel­li­gen, teils offe­nen Gewalt­an­dro­hun­gen. Kurz dar­auf fin­gen wüten­de Män­ner an, mei­ne Arbeits­stel­le und ihre Geldgeber*innen anzu­ru­fen, um sich über mich zu beschwe­ren. Wäh­rend­des­sen bekam ich Selbst­mord­auf­for­de­run­gen und Belei­di­gun­gen, die in der Regel ras­sis­tisch und sexis­tisch waren. Tau­sen­de.

Dabei blieb es aber lei­der nicht. Es dau­er­te ein paar Mona­te, bis mei­ne dama­li­ge Wohn­adres­se und Tele­fon­num­mer gedoxt – also ver­öf­fent­licht – wur­den. Von da an habe ich für eine Wei­le regel­mä­ßig meh­re­re (unbe­zahl­te) Essens­be­stel­lun­gen in mei­ne Woh­nung gelie­fert bekom­men. Und die Ver­sand­ta­schen mit Bro­schü­ren, die hin­ein­reg­ne­ten, die ich oben erwähnt hat­te, sam­mel­ten sich in Rie­sen-Sta­peln.

Die Bekannt­ma­chung mei­ner Arbeits­stel­le durch den FAZ-Blog­ger wur­de also von sei­ner teil­wei­se radi­ka­len Fan­ba­se als Anlass genom­men, um wei­te­re Infor­ma­tio­nen über mich her­aus­zu­fin­den und die­se zu miss­brau­chen, um mir finan­zi­ell zu scha­den. Der Schnee­ball-Effekt, der die­ser Text aus­lös­te, ver­än­der­te mein Leben auf eine sehr nega­ti­ve Wei­se. Ich bin zwar aus einem ande­ren Grund in eine ande­re Stadt umge­zo­gen, aber noch bevor ich mich anmel­de­te, wur­de auch mei­ne neue Adres­se ver­öf­fent­licht und zusätz­lich auf Twit­ter gepos­tet. Das­sel­be Thea­ter mit den Ver­sand­ta­schen und Essens­be­stel­lun­gen ging wei­ter. Dazu kamen per Hand ein­ge­wor­fe­ne Zet­tel, die ich als Dro­hun­gen inter­pre­tie­re.

Die Hater*innen, die sen­si­ble Infor­ma­tio­nen ver­öf­fent­li­chen und ver­brei­ten, haben vor allem ein Ziel: Men­schen, denen sie poli­tisch nicht zustim­men, ein­zu­schüch­tern. Indem die Wohn­adres­se von poli­ti­schen Gegner*innen ver­öf­fent­licht wird, wird eine Ket­ten­re­ak­ti­on aus­ge­löst aus vie­len Hass­sen­dun­gen an und Angst­zu­stän­den von betrof­fe­nen Per­so­nen. Die rech­ten Trol­le sind gut ver­netzt, sie kön­nen in kur­zer Zeit geziel­te Hass­at­ta­cken orga­ni­sie­ren. Sie wis­sen, wie ein­schüch­tern funk­tio­niert. Und durch die poli­ti­sche Stim­mung in Deutsch­land und auf­grund unzu­rei­chen­der Prä­ven­ti­ons­maß­nah­men radi­ka­li­sie­ren sie sich immer wei­ter. Die Gren­zen zwi­schen Trol­len, die ras­sis­ti­sche, anti­se­mi­ti­sche und sexis­ti­sche Posts ins Netz stel­len, und jenen, die sich eine Waf­fe bas­teln und Men­schen töten, sind flie­ßend – das wis­sen wir spä­tes­tens seit dem anti­se­mi­ti­schen Anschlag in Hal­le.

Als Reak­ti­on auf Hal­le ver­stärkt die Bun­des­re­gie­rung den Kampf gegen rechts mit dem soge­nann­ten Neun-Punk­te-Plan, ein Maß­nah­men­pa­ket gegen Rechts­ex­tre­mis­mus. Ich fin­de es gut, dass Rechts­ex­tre­mis­mus end­lich ernst genom­men wird, auch wenn die Maß­nah­me zu spät kommt. Aller­dings sind die­se Maß­nah­men nicht aus­rei­chend. Ich habe Ergän­zun­gen.

Mei­ne For­de­run­gen an die Bun­des­re­gie­rung:

  1. Ver­schär­fen Sie bun­des­weit die Stra­fen für Hass­re­de, Belei­di­gung, Ruf­mord und Ver­leum­dung, die ins Netz gestellt wer­den, und ver­ein­fa­chen Sie die Straf­ver­fol­gung. Bis­her steht das Baye­ri­sche Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um mit die­ser For­de­rung allei­ne da. Es ist wahr, dass die Hemm­schwel­le, men­schen­feind­li­che Kom­men­ta­re ins Netz zu pos­ten, nied­rig ist. Sie kann durch här­te­re Stra­fen und bes­se­rer Straf­ver­fol­gung erhöht wer­den.

  2. Doxing beim Namen nen­nen und Straf­ver­fol­gung ein­fa­cher machen: Sen­si­ble Daten wie Adres­se, Tele­fon­num­mer, Schu­le der Kin­der, Arbeits­stel­le der Fami­li­en­mit­glie­der, Bild­ma­te­ria­li­en und ande­re Daten uner­laubt zu ver­öf­fent­li­chen und ver­brei­ten muss eben­so här­ter ange­gan­gen wer­den, um Betrof­fe­nen zu schüt­zen und wei­te­re Fäl­le zu ver­mei­den.

  3. Schüt­zen Sie Daten von Men­schen, die bedroht wer­den: Betrof­fe­ne müs­sen durch erleich­ter­te Aus­kunfts­sper­ren bes­ser ver­hin­dern kön­nen, dass Rechts­ex­tre­me an ihre Adres­sen gelan­gen.

  4. Fin­den Sie her­aus, wel­che gro­ße Accounts eine Multiplikator*innenrolle bei Online-Angrif­fen spie­len, damit sich die­se nicht ihrer Ver­ant­wor­tung ent­zie­hen kön­nen. Wie zer­stö­re­risch des­sen Fol­gen sein kön­nen, wis­sen wir seit dem Mord an Wal­ter Lüb­cke.

  5. Leis­ten Sie pro­fes­sio­nel­le Hil­fe: Die Poli­zei­be­hör­de muss mit Infor­ma­ti­ons- und Bera­tungs­stel­len zusam­men­ar­bei­ten und Betrof­fe­nen aku­te, kon­kre­te Hil­fe und psy­cho­lo­gi­sche Unter­stüt­zung leis­ten.

  6. Stär­ken Sie Demo­kra­tie und Zivil­ge­sell­schaft: Ab 2020 wer­den durch „Demo­kra­tie leben!“ dras­tisch weni­ger Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­jek­te gegen Men­schen­feind­lich­keit geför­dert. Das geht nicht. För­dern Sie mehr Demo­kra­ti­sie­rungs- und Aus­stei­ger­pro­jek­te, vor allem dort, wo die AfD stark abschnei­det.

  7. Rich­ten Sie einen Betrof­fe­nen­fonds ein: Es ist gut, dass Kommunalpolitiker*innen bes­ser geschützt wer­den sol­len, aller­dings müs­sen es auch Pri­vat­per­so­nen. Nach beson­ders schwe­ren Fäl­len ste­hen die­se oft­mals auch finan­zi­ell vor einem Scher­ben­hau­fen, ohne Per­so­nen­schutz, ohne Öffent­lich­keit. Für ihre Sicher­heit müs­sen sie umzie­hen, kön­nen ihrer bis­he­ri­gen Arbeit nicht mehr nach­ge­hen. Stel­len Sie Geld und tem­po­rä­re Unter­künf­te zur Ver­fü­gung für Pri­vat­per­so­nen.

Read More