[ISO:] Die Stunde der ökologischen Planung

Las­sen wir uns nicht täu­schen – mit dem Neo­li­be­ra­lis­mus ist es noch lan­ge nicht vor­bei

Es war nicht das gerings­te Ver­dienst von Mar­tin Luther King,
das Funk­tio­nie­ren des Kapi­ta­lis­mus auf den Punkt gebracht zu haben. Die­ser sei
– so sag­te er – Sozia­lis­mus für die Rei­chen und frei­es Unter­neh­mer­tum für die
Armen. Das zeigt sich schon in nor­ma­len Zei­ten: Zum Bei­spiel hat der Staat in
den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten einen Markt für öffent­li­che Schul­den errich­tet und
hat dadurch Pri­vat­leu­ten bewusst die Kon­trol­le über die nach dem Krieg
gewähr­ten Kre­di­te über­las­sen.[1]
Aber das gilt noch mehr in Kri­sen­zei­ten: Die Plä­ne zur Stüt­zung der Wirt­schaft,
die nach der Wirt­schafts­kri­se von 2008 umge­setzt wur­den, belie­fen sich auf 1,7 %
des welt­wei­ten BIP. Bei der Coro­na-Pan­de­mie lagen wir bereits Anfang April 2020
bei 2,6% (Le Mon­de, 4. April 2020),
wobei eini­ge Län­der wie die USA (10 %) oder das Ver­ei­nig­te König­reich (8 %)
deut­lich wei­ter gin­gen. Die­se Pro­zent­sät­ze ver­zeich­nen nur die ers­ten
Bemü­hun­gen die­ser Staa­ten; nie­mand zwei­felt dar­an, dass sie in den kom­men­den
Mona­ten noch zuneh­men wer­den.

Noch nie war der „Sozia­lis­mus für die Rei­chen“ ein so guter Schutz.

Zu die­sen Haus­halts­maß­nah­men kom­men noch die gigan­ti­schen
Sum­men hin­zu, die die Zen­tral­ban­ken mobi­li­siert haben. Im Gegen­satz zu ihren
japa­ni­schen oder bri­ti­schen Kol­le­gen wei­gert sich die Euro­päi­sche Zen­tral­bank
(EZB) immer noch, direk­te Staats­fi­nan­zie­rung zu betrei­ben, doch sie hat sich
ver­pflich­tet, auf den Märk­ten Titel in Höhe von 1.120 Mrd. € zu kau­fen; nicht
nur Staats­an­lei­hen, son­dern auch Schuld­ver­schrei­bun­gen von mul­ti­na­tio­na­len
Unter­neh­men wie BMW, Shell, Total, LVMH oder Tele­fó­ni­ca. Die­se Maß­nah­men
ergän­zen eine Rei­he von Bestim­mun­gen, die den Zugang von Ban­ken zu Liqui­di­tät
erleich­tern. Dem Fetisch der Finanz­sta­bi­li­tät zu die­nen, bedeu­tet, dass auf dem
Höhe­punkt der Coro­na-Kri­se Inves­ti­ti­ons­fonds, Ban­ken und Groß­un­ter­neh­men,
dar­un­ter schlim­me Umwelt­ver­schmut­zer, die ers­ten Begüns­tig­ten der Unter­stüt­zung
durch die öffent­li­che Hand sind. Noch nie war der „Sozia­lis­mus für die Rei­chen“
ein so guter Schutz.

Jedoch brin­gen die Tie­fe der Kri­se und die Tat­sa­che, dass
sie mehr die „pro­duk­ti­ve Wirt­schaft“ als die Finanz­welt traf, die Defi­ni­ti­on
von Mar­tin Luther King ein biss­chen durch­ein­an­der. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten hat
das Bun­des­schatz­amt Schecks – wenn auch mit gerin­gen Beträ­gen – direkt an die
Bürger*innen gesandt: Dies ist das Prin­zip von „Heli­ko­pter­geld“ (das man
ein­fach abwirft), mit dem die Zen­tral­ban­ken Haus­hal­te und Unter­neh­men ohne
Ver­mitt­lung durch die Ban­ken und ohne Gegen­leis­tung sub­ven­tio­nie­ren. In
Frank­reich war am 22. April mehr als jede/​r zwei­te Lohnempfänger*in der
Pri­vat­wirt­schaft auf Staats­kos­ten in „Kurz­ar­beit“. Bereits Ende März schätz­te
das Obser­va­toire fran­çais des con­jonc­tures éco­no­mi­ques (OFCE) die monat­li­chen
Kos­ten, die es den Lohnempfänger*innen ermög­li­chen, ein Teil ihres Ein­kom­mens
zu behal­ten, auf 21 Mrd. Euro.[2]

Nun tauchen Bruchstücke einer anderen
wirtschaftlichen Logik auf

Die Pan­de­mie hat ein­mal mehr von einem Tag zum nächs­ten zur
Aus­set­zung von neo­li­be­ra­len Dog­men geführt, die tags zuvor noch als sakro­sankt
ange­se­hen wur­den, dar­un­ter die Kon­ver­genz­kri­te­ri­en der Euro­zo­ne. Die Idee, dass
Zen­tral­ban­ken die öffent­li­chen Schul­den mone­ta­ri­sie­ren, also die Staats­aus­ga­ben
direkt regu­lie­ren kön­nen, wird inzwi­schen von den poli­ti­schen und finanz­wirt­schaft­li­chen
Eli­ten lau­fend dis­ku­tiert. Der Kampf wird wohl hart wer­den, doch der der­zei­ti­ge
ideo­lo­gi­sche Aus­nah­me­zu­stand bie­tet eine his­to­ri­sche Gele­gen­heit, die
Ver­bin­dung zwi­schen der Finan­zie­rung der Wirt­schaft und dem Pri­vat­ei­gen­tum des
Kapi­tals auf­zu­bre­chen. Wenn wir fest­stel­len (oder wie­der­ent­de­cken), dass die
Zen­tral­ban­ken in den Gren­zen der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tä­ten einer gege­be­nen
Wirt­schaft die für die Tätig­keit nöti­gen Vor­schüs­se finan­zie­ren kön­nen, dann
ver­lie­ren die Märk­te ihren Sta­tus als Vor­sän­ger: Es gibt kei­nen Grund mehr, um
das Ver­trau­en der Inves­to­ren zu buh­len und kei­ne Legi­ti­mi­tät mehr für die
Aus­teri­täts­po­li­tik.

Las­sen wir uns nicht täu­schen – mit dem Neo­li­be­ra­lis­mus ist
es noch lan­ge nicht vor­bei. In Frank­reich z. B. deu­tet die Beschei­den­heit
der Maß­nah­men zuguns­ten der ärms­ten Haus­hal­te dar­auf hin, dass die Regie­rung
eine kos­ten­güns­ti­ge Reser­ve­ar­mee auf­recht erhal­ten möch­te, um Lohn­sen­kun­gen zur
Abmil­de­rung der Kri­se durch­set­zen zu kön­nen.[3]
Wir sehen aber auch Bruch­stü­cke einer ande­ren Wirt­schafts­lo­gik. Dies ist in
Wirt­schafts­kri­sen und bewaff­ne­ten Kon­flik­ten oft der Fall. Wäh­rend des Ers­ten
Welt­kriegs litt Paris unter einem Man­gel an Koh­le.[4]
Der Staat über­nahm die För­de­rung und die Ver­tei­lung. Die Zutei­lung an die
Haus­hal­te erfolgt nach zwei Kri­te­ri­en: Die Grö­ße der Woh­nun­gen und die Anzahl
der in ihnen leben­den Per­so­nen; anhand die­ser Kri­te­ri­en wur­de das zur Hei­zung
nöti­ge Koh­le­quan­tum berech­net. Das Brenn­ma­te­ri­al wur­de nicht mehr auf der
Grund­la­ge der Zah­lungs­fä­hig­keit der Haus­hal­te, son­dern ihrer rea­len Bedürf­nis­se
ver­teilt. Von einer mone­tä­ren Rech­nung ging man auf eine Sach­rech­nung über.

Sicher­lich ist die Coro­na-Kri­se weni­ger tra­gisch als der
Ers­te Welt­krieg. Den­noch ist eine ähn­li­che Logik am Werk. Das Feh­len von
Schutz­mas­ken und Beatmungs­ge­rä­ten mach­te sich schmerz­lich bemerk­bar. Nie­mand
spricht heu­te über ihre Kos­ten. Nur eine Fra­ge zählt: Wie Vie­le kön­nen wir in
wel­cher Zeit pro­du­zie­ren? Die Men­gen haben die Prei­se ersetzt. Die Unter­ord­nung
des Mark­tes unter rea­le Bedürf­nis­se kann auch die Form der Beschlag­nah­mung
anneh­men. Irland, ein Vor­rei­ter des Neo­li­be­ra­lis­mus, hat nicht gezö­gert, die
pri­va­ten Kran­ken­häu­ser wäh­rend der Kri­se zu ver­staat­li­chen. Sogar Donald Trump
hat zum Defen­se Pro­duc­tion Act gegrif­fen, ein Gesetz, das wäh­rend des
Korea­krie­ges (1950‒1953) ver­ab­schie­det wur­de und das es dem US-Prä­si­den­ten
erlaubt, Unter­neh­men zu zwin­gen, vor­zugs­wei­se Güter für das All­ge­mein­in­ter­es­se
zu pro­du­zie­ren, etwa um die Her­stel­lung von Beatmungs­ge­rä­ten zu beschleu­ni­gen.
Die Dring­lich­keit geht den Markt­me­cha­nis­men vor.

Kri­sen füh­ren Gesell­schaf­ten an Weg­ga­be­lun­gen. Häu­fig
gewin­nen alte Gewohn­hei­ten wie­der die Ober­hand, sobald der Sturm vor­über ist;
dies war nach der Finanz­kri­se 2008 mehr oder weni­ger der Fall. Doch Kri­sen
bie­ten manch­mal auch Gele­gen­hei­ten, einen ande­ren Weg ein­zu­schla­gen. Die­se Mög­lich­keit
gibt es auch in der gegen­wär­ti­gen Lage: Gegen den Markt könn­te man vor­zugs­wei­se
die rea­len Bedürf­nis­se befrie­di­gen.

Die mit dem neu­en Coro­na­vi­rus ver­bun­de­ne Pan­de­mie hat
frei­lich auch eine ande­re For­de­rung zu Tage tre­ten las­sen. Covid-19 hat sei­nen Ursprung
in der wach­sen­den Durch­drin­gung der mensch­li­chen und tie­ri­schen Welt, die die
Ver­brei­tung des Virus begüns­tigt.[5]
Die­se Trans­for­ma­ti­on erwächst aus dem Zusam­men­bruch von Öko­sys­te­men, der dazu
führt, dass sich Tie­re mit über­trag­ba­ren Krank­hei­ten in der Nähe mensch­li­cher
Wohn­ge­bie­te nie­der­las­sen. Eine alter­na­ti­ve Wirt­schafts­lo­gik muss des­halb nicht
nur die rea­len Bedürf­nis­se befrie­di­gen, son­dern auch das Gleich­ge­wicht mit der
Umwelt wie­der­her­stel­len und respek­tie­ren. Dies nen­nen wir öko­lo­gi­sche Pla­nung.

Dieses Programm muss sich von den
Austeritätsregeln befreien

Es beruht auf fünf Säu­len:

Die ers­te ist die öffent­li­che
Kon­trol­le
über Kre­di­te und Inves­ti­tio­nen. Die Finan­zie­rung ver­schmut­zen­der
Indus­trien muss per Gesetz gestoppt, sie müs­sen dann geschlos­sen wer­den. Die­se
Ent­wick­lung muss von mas­si­ven Inves­ti­tio­nen in den öko­lo­gi­schen Umbau, die
erneu­er­ba­ren Ener­gien und sau­be­re Infra­struk­tu­ren, beson­ders durch
Gebäu­de­iso­lie­rung, beglei­tet sein. Dazu gibt es bereits Berech­nun­gen, etwa die
des Ver­eins néga­Watt.[6]
Aber auch die öffent­li­chen Dienst­leis­tun­gen müs­sen umge­baut und aus­ge­wei­tet
wer­den, vor allem der Bil­dungs­be­reich, die Kran­ken­häu­ser, das Trans­port­we­sen,
die Was­ser- und Ener­gie­ver­sor­gung, die Abfall­be­hand­lung sowie die
Kom­mu­ni­ka­ti­on, die durch die Markt­lo­gik beschä­digt oder zer­stört wer­den.

Im Febru­ar 2019 haben Ber­nie San­ders und Alex­an­dria
Oca­sio-Cor­tez ihr Pro­jekt eines Green New Deal vor­ge­stellt. Sie gehen von der
poli­ti­schen Kon­trol­le der Wirt­schaft durch die Fran­k­lin-Dela­no-Roo­se­velt-Admi­nis­tra­ti­on
wäh­rend der Gro­ßen Depres­si­on der 1930er Jah­re aus und schla­gen ein Pro­gramm
zur Dekar­bo­ni­sie­rung der Wirt­schaft bin­nen zehn Jah­ren vor.[7]
Es ist nicht mehr die Zeit für halb­her­zi­ge Maß­nah­men, denn die Lage an der
Umwelt­front ver­schärft sich. Die­ses Pro­gramm wür­de mit den Aus­teri­täts­re­geln
bre­chen, durch die sich die Staa­ten in Umwelt­an­ge­le­gen­hei­ten selbst zur
Ohn­macht ver­ur­teilt haben. Jeden­falls hat die Coro­na-Kri­se die­se Regeln in
Fet­zen geris­sen.

Im Rah­men des neo­li­be­ra­len Kapi­ta­lis­mus beset­zen die von den
Ban­ken und dem nicht-regu­lier­ten Finanz­sek­tor (Schat­ten­ban­ken) gestütz­ten
Märk­te, den Gene­ral­stab, wo über die Ver­tei­lung der Res­sour­cen ent­schie­den
wird. Die Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dung für den einen Sek­tor oder eine Akti­vi­tät
fällt nach Kri­te­ri­en der Ren­ta­bi­li­tät oder Kre­dit­wür­dig­keit, abge­se­hen vom
grü­nen Anstrich, den man inzwi­schen unter der Rubrik „Unse­re Wer­te“ auf den
Web­sites der gro­ßen Fir­men fin­det. Lau­rence D. Fink, der Chef des
Inves­ti­ti­ons­fonds Black­Rock, hat im Janu­ar 2020 einen Auf­se­hen erre­gen­den Brief
an Unter­neh­mens­vor­stän­de geschrie­ben.[8]
Dar­in erklärt er, in Zukunft „dau­er­haf­te Inves­ti­tio­nen“ zur Leit­li­nie sei­ner
Inves­ti­tio­nen machen zu wol­len. Das „Green­wa­shing“ von Sei­ten eines Fonds, der
beträcht­li­che Antei­le im Bereich der Koh­len­was­ser­stof­fe hält, ist nie­man­dem
ent­gan­gen.[9]
Selbst wenn man von einer ernst­haf­ten Absicht aus­ge­hen wür­de, so könn­ten die
Inves­ti­tio­nen nur dau­er­haft sein, wenn sie der Logik der Kon­kur­renz ent­zo­gen wür­den,
die von Natur aus kurz­fris­tig ist.

Die­se zen­tra­li­sier­te Macht der Pri­vat­fi­nanz muss auf­ge­ho­ben
wer­den. Die Inves­ti­tio­nen in den Umbau müs­sen auf allen Ent­schei­dungs­ebe­nen
einer demo­kra­ti­schen Kon­trol­le unter­wor­fen wer­den. Fran­çois Morin, Bera­ter der
Regie­rung Pierre Mau­roy wäh­rend der Ver­staat­li­chun­gen von 1981/​82 und frü­he­res
Mit­glied des Auf­sichts­rats der Ban­que de Fran­ce, macht fol­gen­den Vor­schlag:
„Gewähl­te Ent­schei­dungs­trä­ger müs­sen Kre­dit­ent­schei­dun­gen und dar­über hin­aus,
Ent­schei­dun­gen über die Aus­ga­be neu­en Gel­des fäl­len. Auf jeder Ebe­ne müs­sen
gewähl­te Ver­samm­lun­gen über die Kri­te­ri­en der Kre­dit­ver­ga­be, die Art der
Zutei­lun­gen und den Umfang und die Reich­wei­te der Ent­schei­dun­gen bestim­men.“[10]

Den Rückbau beim Einsatz von natürlichen
Ressourcen organisieren

Die Ver­bes­se­rung der Ent­schei­dungs­we­ge ist eine öko­lo­gi­sche Fra­ge par excel­lence.

Die­se Beschlüs­se über die Inves­ti­tio­nen müs­sen mit den
all­ge­mei­nen Zie­len har­mo­nie­ren, die auf natio­na­ler Ebe­ne – ja auch auf
kon­ti­nen­ta­ler oder welt­wei­ter Ebe­ne, vor allem in Hin­blick auf die Öko­lo­gie –
bestimmt wer­den, aber ihre Auto­no­mie wür­de den Erhalt bestimm­ter
insti­tu­tio­nel­ler Unter­schie­de garan­tie­ren. Im Gegen­satz zur waren­för­mi­gen
Uni­for­mi­tät begüns­tigt eine Ver­bin­dung zwi­schen einer Zen­tra­li­sie­rung der
wich­tigs­ten Zie­le und der loka­len Dyna­mik ihrer Umset­zung einen Erfin­dungs­reich­tum
bei den For­men des Lebens und den Anpas­sungs­fä­hig­kei­ten der mensch­li­chen
Gesell­schaf­ten ins­ge­samt. Dar­in besteht auch die Wei­sung, die Pla­nung stark
demo­kra­tisch zu ver­an­kern. Wahr­schein­lich wird der Umbau eine weit­rei­chen­de
Ver­schie­bung von Res­sour­cen in kur­zer Zeit erfor­dern; wenn es zu
Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen den ver­schie­de­nen Ebe­nen kommt, muss in
letz­ter Instanz die natio­na­le Ebe­ne ent­schei­den. Des­we­gen muss sie legi­tim
sein: Die Ver­bes­se­rung der Ent­schei­dungs­we­ge ist eine öko­lo­gi­sche Fra­ge par
excel­lence.

Die öko­lo­gi­sche Pla­nung stützt sich in ers­ter Linie auf die Klas­sen des ein­fa­chen Vol­kes. Sie muss daher den Hebel umle­gen und eine sau­be­re Pro­duk­ti­on mit der Durch­set­zung neu­er sozia­ler Rech­te für die Arbei­ten­den ver­bin­den.

Die Kre­dit­ver­ga­be muss auch die Zwän­ge des Öko­sys­tems berück­sich­ti­gen. Die Erfah­run­gen mit Pla­nung
im 20. Jahr­hun­dert in der Sowjet­uni­on, in Frank­reich und anders­wo hat­ten
zumeist das Ziel eines Wachs­tums der Aus­rüs­tun­gen und der Indus­trien, etwa nach
Krie­gen. Bis­lang war die Pla­nung pro­duk­ti­vis­tisch. Die öko­lo­gi­sche Pla­nung muss
hin­ge­gen den Rück­bau der Nut­zung von Natur­res­sour­cen orga­ni­sie­ren. Dazu braucht
es einen sta­tis­ti­schen Appa­rat, der auf der Höhe der Auf­ga­ben ist. Pla­nung
bedeu­tet, die gegen­wär­ti­ge Lage zu ken­nen und plau­si­ble Sze­na­ri­os für die
Zukunft zu erar­bei­ten.[11]
Doch das Wis­sen über die Aus­wir­kun­gen der wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tä­ten auf die
Umwelt ist noch ziem­lich gering. Wir ver­fü­gen nicht über aus­rei­chend genaue Indi­ka­to­ren,
um die Über­le­gun­gen und Ent­schei­dun­gen aus­rich­ten zu kön­nen. Ein kla­rer Auf­trag
und zusätz­li­che Mit­tel könn­ten es den öffent­li­chen Sta­tis­tik­in­sti­tu­ten
ermög­li­chen, Abhil­fe zu schaf­fen.

Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu ste­cken: Vie­le
Lohn­ab­hän­gi­ge der ver­schmut­zen­den Wirt­schafts­be­rei­che wer­den arbeits­los wer­den.
Doch schon seit Jahr­zehn­ten trägt die Öko­lo­gie das Bild einer Deindus­tria­li­sie­rung
mit sich, die sich aber wegen der Abwan­de­rung von Indus­trien – ohne dass die
Umwelt dabei eine Rol­le gespielt hät­te – zu gesell­schaft­li­chen Dra­men
aus­ge­wach­sen hat. Die öko­lo­gi­sche Pla­nung stützt sich in ers­ter Linie auf die
Klas­sen des ein­fa­chen Vol­kes. Sie muss daher den Hebel umle­gen und eine sau­be­re
Pro­duk­ti­on mit der Durch­set­zung neu­er sozia­ler Rech­te für die Arbei­ten­den
ver­bin­den.

Mit der garan­tier­ten Beschäf­ti­gung hör­te die Arbeit auf, eine Ware zu sein, denn weder Ange­bot noch Nut­zen wür­den vom Markt bestimmt.

Hier steht der zwei­te Pfei­ler der öko­lo­gi­schen Pla­nung: Der Staat muss Beschäf­ti­gung garan­tie­ren. Die neu­en öko­lo­gi­schen
Vor­schlä­ge von Ber­nie San­ders und Alex­an­dria Oca­sio-Cor­tez ent­hal­ten die­se
ein­fa­chen, aber unab­ding­ba­ren Maß­nah­men.[12]
Der Staat ver­pflich­tet sich, allen Men­schen, die zu arbei­ten wün­schen, auf der
Grund­la­ge der Bezah­lung des Öffent­li­chen Diens­tes oder höher eine Beschäf­ti­gung
vor­zu­schla­gen oder zu finan­zie­ren. So wie die Zen­tral­ban­ken im Fall von
Finanz­kri­sen die „len­ders of last res­sort“ (Kre­dit­ge­ber letz­ter Instanz) sind,
so wird der Staat zum Finan­cier der Beschäf­ti­gung „of last res­sort“. Die­se
Maß­nah­me wür­de es ermög­li­chen, Beschäf­ti­gung in Berei­chen zu schaf­fen, die der
Kapi­ta­lis­mus als unren­ta­bel ansieht, die jedoch häu­fig einen zusätz­li­chen
sozia­len und öko­lo­gi­schen Wert schaf­fen: Instand­hal­tung von natür­li­chen
Res­sour­cen, Küm­mern um alte Men­schen oder Kin­der, Repa­ra­tur­ar­bei­ten usw. Trotz
aller Begrenzt­hei­ten gibt die Erfah­rung mit den „Gebie­ten mit Null dau­er­haft Arbeits­lo­sen“,
das zwi­schen 2016 und 2021 in einem Dut­zend Gemein­den läuft, einen ers­ten
Ein­druck von der Job­ga­ran­tie.[13]
Die­ses Expe­ri­ment beruht auf drei Ideen: Nie­mand ist nicht beschäf­tig­bar (jede/​r
hat Fähig­kei­ten und ein Recht auf gesell­schaft­li­che Aner­ken­nung), es fehlt
nicht an Arbeit und auch nicht an Geld – was fehlt, ist vom Markt defi­nier­te
Beschäf­ti­gung, also Arbeit, die das Kapi­tal wert­schätzt.

Wir müs­sen also das Prin­zip des Schut­zes gegen die Wech­sel­fäl­le
des Arbeits­mark­tes dadurch über­win­den, dass wir eine Garan­tie auf Arbeit
schaf­fen, was außer­dem Bedürf­nis­se befrie­di­gen wür­de, die vom Markt nicht
abge­deckt wer­den. Man kann sich einen Dia­log­raum zwi­schen den ver­füg­ba­ren
Men­schen einer­seits und den Gemein­den oder Ver­ei­ni­gun­gen ande­rer­seits
vor­stel­len, um die im Rah­men eines bestimm­ten Gebie­tes nöti­ge Beschäf­ti­gung zu
bestim­men. Ein zusätz­li­cher Vor­teil eines sol­chen Pro­gramms bestün­de in der
Erar­bei­tung einer Min­dest­schwel­le von sozia­len Nor­men hin­sicht­lich
Arbeits­be­din­gun­gen und Bezah­lung, deren Schutz­wir­kung sich nach und nach auf
alle Lohn­ab­hän­gi­gen aus­brei­ten wür­de. Mit der garan­tier­ten Beschäf­ti­gung hör­te
die Arbeit auf, eine Ware zu sein, denn weder Ange­bot noch Nut­zen wür­den vom
Markt bestimmt.

Es geht nicht dar­um, den Opfer­mut zu fei­ern, son­dern Beru­fen eine Aner­ken­nung zukom­men zu las­sen, die auf der Höhe ihres Bei­trags zur Befrie­di­gung wirk­li­cher Bedürf­nis­se liegt.

Die Coro­na-Kri­se hat eine ande­re Hier­ar­chie der Beru­fe
auf­ge­zeigt.[14]
Plötz­lich hing das Über­le­ben der Bevöl­ke­rung von der Arbeit der Pfleger*innen,
der Kassierer*innen in den Super­märk­ten und den Putz­män­nern und ‑frau­en ab,
alles Beru­fe, die unter Nor­mal­be­din­gun­gen weder sym­bo­lisch noch finan­zi­ell
beson­ders wert­ge­schätzt wer­den. Jeden Abend um 20 Uhr erhiel­ten sie von den
Bal­ko­nen aus den Applaus der Bevöl­ke­rung. Eini­ge mach­ten sogar den Vor­schlag,
sie soll­ten statt der Sol­da­ten am 14. Juli (Natio­nal­fei­er­tag) auf­mar­schie­ren.
Die Beru­fe des öko­lo­gi­schen Umbaus soll­ten die­sel­be Wert­schät­zung erfah­ren.
Nach dem Vor­bild der Berg­leu­te, den Infan­te­ris­ten der „Pro­duk­ti­ons­schlacht“,
die nach dem Zwei­ten Welt­krieg zum Sym­bol der zen­tra­len Stel­lung der
Arbei­ter­klas­se wur­den, braucht der Umbau „Hel­den“, und beson­ders Hel­din­nen. Es
geht nicht dar­um, den Opfer­mut zu fei­ern, son­dern Beru­fen eine Aner­ken­nung
zukom­men zu las­sen, die auf der Höhe ihres Bei­trags zur Befrie­di­gung wirk­li­cher
Bedürf­nis­se liegt. Nötig ist eine dra­ko­ni­sche Redu­zie­rung der Lohn­sprei­zung
durch eine Anpas­sung der Ein­kom­men in den vie­len Beru­fen, die sozi­al und
öko­lo­gisch nötig sind, aber bis­lang nicht wert­ge­schätzt wur­den. Die­se Schlacht
ist auch eine kul­tu­rel­le: Man kann nicht ein­fach eine hun­dert Jah­re alte
kol­lek­ti­ve Vor­stel­lungs­welt ändern, ohne dass Fil­me, Roma­ne, Lie­der usw. ande­re
Leit­bil­der trans­por­tie­ren, dass Pfle­gen­de, Umweltarbeiter*innen und
Bauern/​Bäuerinnen das Anse­hen bekom­men, das in den Fik­tio­nen Poli­zis­ten,
Geschäfts­leu­ten, Rechts­an­wäl­ten oder Infor­ma­ti­kern zuteil­wird.

Drit­tens muss die öko­lo­gi­sche Pla­nung zu einer Relo­ka­li­sie­rung der Wirt­schaft füh­ren. Im Janu­ar 2020 hat Ursu­la von der Ley­en, die Prä­si­den­tin der EU-Kom­mis­si­on, einen grü­nen Pakt für Euro­pa vor­ge­stellt. Genau in dem Augen­blick, als sie den Plan in Umris­sen vor­stell­te, unter­zeich­ne­te die EU ein Frei­han­dels­ab­kom­men mit Viet­nam… Immer mehr Waren kom­men und gehen über­all­hin auf unse­rer Erde, und sor­gen für mehr CO2-Aus­stoß. Der Frei­han­del ver­schärft nicht nur die Ungleich­hei­ten, son­dern auch die öko­lo­gi­sche Kri­se.

Die Relo­ka­li­sie­rung muss auf drei Prin­zi­pi­en beru­hen: Das
ers­te liegt im Abbau von Spe­zia­li­sie­run­gen der Regio­nen. Dies wür­de ihnen
ermög­li­chen, sich von den Fluk­tua­tio­nen der Welt­märk­te zu befrei­en und eine
Sou­ve­rä­ni­tät über das, was sie pro­du­zie­ren, wie­der zu erlan­gen. Die
kapi­ta­lis­ti­sche Glo­ba­li­sie­rung, die Ver­län­ge­rung der Wert­schöp­fungs­ket­ten,
haben den jewei­li­gen Bevöl­ke­run­gen die Kon­trol­le über die Pro­duk­ti­on ent­ris­sen.

Das zwei­te Prin­zip nen­nen wir „soli­da­ri­schen
Pro­tek­tio­nis­mus“: die Errich­tung von sozia­len und umwelt­po­li­ti­schen
Zoll­bar­rie­ren, ver­bun­den mit einer Abschaf­fung der gro­ßen Mono­po­le auf dem Feld
des Wis­sens. Das geis­ti­ge Eigen­tum zu befrei­en wird für eine gro­ße Zahl von
Men­schen bedeu­ten, dass sie von Inno­va­tio­nen pro­fi­tie­ren kön­nen. Der Aus­tausch
von Wis­sen und Tech­no­lo­gien wird die Durch­set­zung sozia­ler und von Umwelt­rech­ten
begüns­ti­gen. Der „soli­da­ri­schen Pro­tek­tio­nis­mus“ stellt kei­nen Rück­zug auf sich
selbst dar, son­dern wird den Inter­na­tio­na­lis­mus auf der Grund­la­ge der Öko­lo­gie
und das Aus­tauschs von Wis­sen erneu­ern.

Die Relo­ka­li­sie­rung wird ihre Ziel­set­zung ver­feh­len, wenn
sie – drit­tens – kei­ne Aus­wir­kun­gen auf den Inhalt
und die Art und Wei­se der Pro­duk­ti­on
hät­te. Der Kapi­ta­lis­mus hat ein
Inter­es­se dar­an, die Lebens­dau­er von Gütern mög­lichst zu ver­kür­zen, damit die
Kund*innen immer neue kau­fen. Aus die­sem Grund wer­den Güter schlech­ter Qua­li­tät
auf den Markt gewor­fen. Man muss gegen die Fabri­kan­ten Nor­men der Robust­heit
durch­set­zen, die von ver­län­ger­ten Garan­tien der Lebens­dau­er beglei­tet sein
müs­sen. Soli­de­re Pro­duk­te wer­den weni­ger oft ersetzt und häu­fi­ger repa­riert und
redu­zie­ren so den Druck auf die Öko­sys­te­me. Es gibt auch wach­sen­de Bewe­gun­gen für
weni­ger Kon­sum. Häu­fig sind sie von einer indi­vi­dua­lis­ti­schen Moral beglei­tet.[15]
Die Redu­zie­rung des Kon­sums kann nur kol­lek­tiv sein, also müs­sen Regeln
gefun­den wer­den, die sie begüns­ti­gen. Wir müs­sen von einer pro­duk­ti­vis­ti­schen
Sicht der indus­tri­el­len Tätig­keit zu einer Kon­zep­ti­on gelan­gen, die auf eine
Ver­län­ge­rung des Lebens­zy­klus der Objek­te aus­ge­rich­tet ist: Der Erhalt, die
Repa­ra­tur und die Ver­bes­se­rung der Objek­te im Lauf der Zeit müs­sen die
Weg­werflo­gik ablö­sen. Die­ses Pro­blem betrifft die Inves­ti­tio­nen, die Beschäf­ti­gung,
die Kom­pe­ten­zen, aber auch die gesell­schaft­li­chen Garan­tien.

„Die Big-Data-Revolution kann zur
Wiederauferstehung der Planwirtschaft führen“

Zu die­sen Regu­lie­run­gen wür­de auch eine strik­te Begren­zung
der Wer­bung gehö­ren. Es macht Sinn, dass ein Unter­neh­men sei­ne Kund*innen über
die Qua­li­tä­ten sei­ner Pro­duk­te infor­mie­ren darf. Aber die Rekla­me umgibt unser
tag­täg­li­ches Leben und den öffent­li­chen Raum, und ver­kauft eher Tag­träu­me als
Pro­duk­te. Im Ver­lauf des 20. Jahr­hun­derts sind die Aus­ga­ben für Wer­bung – vor
allem die der Mul­tis – steil ange­stie­gen.[16]
Im Zeit­al­ter des Mono­pol­ka­pi­ta­lis­mus stellt die Wer­bung ein Schlüs­sel­ele­ment
dar, um Markt­an­tei­le zu gewin­nen. Unter sol­chen Bedin­gun­gen besteht kei­ne
Mög­lich­keit, dass auf Dau­er ange­leg­te Kon­sum­gü­ter ver­kauft wer­den.

Im Ver­lauf der ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­re gab es zahl­rei­che Erfah­run­gen mit par­ti­zi­pa­ti­ver Demo­kra­tie.

Der vier­te Pfei­ler der öko­lo­gi­schen Pla­nung ist die Demo­kra­tie. Die ver­gan­ge­nen Erfah­run­gen
mit Pla­nung waren nicht nur pro­duk­ti­vis­tisch, son­dern auch tech­no­kra­tisch,
ver­ti­kal, ja auto­ri­tär.[17]
In der UdSSR zum Bei­spiel ent­schied die Pla­nungs­bü­ro­kra­tie über die Men­ge und
die Qua­li­tät der zu pro­du­zie­ren­den Güter. Die­ser Auto­ri­ta­ris­mus brach­te das
Pro­blem einer schwa­chen poli­ti­schen Legi­ti­ma­ti­on die­ses Ansat­zes, aber auch der
feh­len­den wirt­schaft­li­chen Kennt­nis­se zum Vor­schein: Die pla­nen­den
Intel­lek­tu­el­len, die von der Zivil­ge­sell­schaft abge­schnit­ten waren, wuss­ten
wenig über die Bedürf­nis­se und Wün­sche der Bürger*innen. Dar­aus ergab sich ein
bis­wei­len spek­ta­ku­lä­res Miss­ver­hält­nis zwi­schen Ange­bot und Nach­fra­ge, das
sowohl zu Man­gel wie auch zu Ver­schwen­dung führ­te.

Die­se Ver­bin­dung zwi­schen Pla­nung und Auto­ri­ta­ris­mus ist
kein Fata­lis­mus. Das zu ver­hin­dern, erfor­dert eine gewis­se Neu­erfin­dung der
Insti­tu­tio­nen. Im Ver­lauf der ver­gan­ge­nen drei­ßig Jah­re gab es zahl­rei­che
Erfah­run­gen mit par­ti­zi­pa­ti­ver Demo­kra­tie.[18]
Häu­fig han­del­te es sich um poli­ti­sche Spiel­wie­sen, weil die wich­ti­gen
Ent­schei­dun­gen im Rah­men der Exe­ku­ti­ve und der Ver­wal­tungs­rä­te getrof­fen
wur­den. Ver­an­stal­tun­gen wie Kon­sens­kon­fe­ren­zen, Bür­ger­ju­rys,
Betei­li­gungs­haus­hal­te oder Bür­ger­ver­samm­lun­gen für die Zukunft[19]
könn­ten den­noch ihren Bei­trag für Ent­schei­dun­gen über die Bedürf­nis­se leis­ten.
Damit sol­che Mecha­nis­men, die bis heu­te noch nicht umge­setzt sind, effi­zi­ent
sein kön­nen, müs­sen sie die Ent­schei­dun­gen über die Pro­duk­ti­on wirk­lich
beein­flus­sen kön­nen. Oder in ande­ren Wor­ten, sie müs­sen für den Rück­bau der
Markt­me­cha­nis­men zuguns­ten einer Poli­ti­sie­rung der Öko­no­mie sor­gen kön­nen.

Die Koor­di­na­ti­on zwi­schen Ange­bot und Nach­fra­ge könn­te sich
heu­te auf digi­ta­le Hilfs­mit­tel stüt­zen, wie das im heu­ti­gen Kapi­ta­lis­mus
bereits der Fall ist. Am 4. Sep­tem­ber 2017 hieß es in der Finan­cial Times: „The Big Data revo­lu­ti­on can revi­ve the plan­ned eco­no­my“.
In den Augen eines Redak­teurs könn­ten die gegen­wär­ti­gen Mög­lich­kei­ten der
Samm­lung von Daten und der Rech­nungs­le­gung in naher Zukunft gewis­se Schwä­chen
der zen­tra­len Pla­nung des 20. Jahr­hun­derts über­win­den. Die fort­lau­fend von
allen Wirt­schafts­ak­teu­ren pro­du­zier­ten Infor­ma­tio­nen könn­ten es ermög­li­chen,
bei­na­he umge­hend die Prä­fe­ren­zen einer gro­ßen Zahl von Konsument*innen zu
ken­nen, ohne zum Preis­sys­tem grei­fen zu müs­sen. Aber die­se Daten gehö­ren in
Wirk­lich­keit der Pri­vat­in­dus­trie des Sili­con Val­ley, die sie erstellt und
wei­ter­ver­ar­bei­tet. Wür­den sie unter demo­kra­ti­scher Kon­trol­le sozia­li­siert und
auf gesell­schaft­li­che Nütz­lich­keit hin aus­ge­rich­tet, könn­ten sie bei Lösun­gen
zur Erset­zung des Mark­tes hel­fen.

Pan­de­mien ver­schär­fen die Ungleich­hei­ten zwi­schen den Klas­sen.

Schließ­lich der fünf­te Pfei­ler der öko­lo­gi­schen Pla­nung: die
Umwelt­ge­rech­tig­keit. Covid-19 hat in
armen Gebie­ten zahl­rei­che Opfer gefor­dert, so in Frank­reich im Depar­te­ment
Sei­ne-Saint-Denis (im Osten von Paris). Die Klas­sen des ein­fa­chen Vol­kes lei­den
an einer schwä­che­ren Gesund­heit; wegen des Man­gels an anstän­di­gem Wohn­raum und
feh­len­der Mit­tel zie­hen sie sich häu­fig Erkran­kun­gen zu und gehen weni­ger
häu­fig zum Arzt, auch weil die Ärz­te­dich­te in die­sen Gebie­ten zu wün­schen übrig
lässt. Doch häu­fig kom­men die Men­schen, die im Kampf gegen Coro­na an vor­ders­ter
Front ste­hen, genau aus die­sen Gebie­ten und sind also dem Virus beson­ders
aus­ge­setzt. Pan­de­mien ver­schär­fen die Ungleich­hei­ten zwi­schen den Klas­sen.

Das­sel­be gilt auch für die Kli­ma­kri­se. Das ein­fa­che Volk
lei­det mehr als die Rei­chen unter Ver­schmut­zun­gen und Umwelt­ka­ta­stro­phen.[20]
Doch die Regie­run­gen las­sen es einen Groß­teil der Kos­ten für den Umbau
bezah­len, wie etwa die kata­stro­pha­le Epi­so­de mit der „taxe car­bo­ne“ (CO2-Steu­er)
zeigt, die zum Ent­ste­hen der Bewe­gung der „Gelb­wes­ten“ (gilets jau­nes) geführt hat. Ein sol­ches Vor­ge­hen ist nicht nur
mora­lisch pro­ble­ma­tisch, son­dern auch poli­tisch zum Schei­tern ver­ur­teilt: ohne
Zustim­mung der Klas­sen des ein­fa­chen Vol­kes wird es kei­nen öko­lo­gi­schen Umbau
geben. Zustim­mung zu errei­chen, setzt vor­aus, dass die Gerech­tig­keit ins
Zen­trum des Über­gangs gestellt und dass dazu eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le über
die Pro­duk­ti­ons- und Kon­sum­entschei­dun­gen errich­tet wird. In Frank­reich sto­ßen
die reichs­ten 10 Pro­zent acht­mal mehr CO2 aus als die ärms­ten 10
Pro­zent (in den USA sind es 24 Mal mehr, in Bra­si­li­en 46 Mal).[21]
Also müs­sen sie auch die durch ihre Lebens­wei­se ver­ur­sach­ten Kos­ten der Umwelt­zer­stö­rung
bezah­len.

Gleichzeitig unsere wirtschaftlichen und unsere
politischen Systeme umbauen

Die Öko­lo­gie steht inzwi­schen an der Spit­ze der Sor­gen der
Europäer*innen. Aber wel­che Öko­lo­gie? Der kon­ser­va­ti­ve öster­rei­chi­sche
Bun­des­kanz­ler Sebas­ti­an Kurz hat­te eine Idee. Im ver­gan­ge­nen Janu­ar bil­de­te er
eine Koali­ti­on mit den Grü­nen – die ers­te auf Bun­des­ebe­ne – und erklär­te dabei,
die Mensch­heit sehe sich zwei gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen gegen­über, der Migra­ti­on
und dem Kli­ma­wan­del. Dar­aus erge­be sich die Not­wen­dig­keit eines Bünd­nis­ses
zwi­schen Kon­ser­va­ti­ven und Öko­lo­gen. Die Coro­na­kri­se könn­te das Ent­ste­hen einer
kon­ser­va­ti­ven Öko­lo­gie beschleu­ni­gen. Die Angst ver­langt nach einem „star­ken
Staat“; man gewöhnt sich an Grenz­schlie­ßun­gen und „Tes­tun­gen“ der Bevöl­ke­rung,
ver­bun­den mit einem wach­sen­den Bewusst­sein, dass der Pro­duk­ti­vis­mus zu immer
schlim­me­ren Kata­stro­phen führt. Öster­reich könn­te zu den ers­ten Län­dern
gehö­ren, das in eine auto­ri­tä­re Steue­rung der Umwelt­kri­se abglei­tet. Man wür­de
sich irren, tür­kis-grün für ein unmög­li­ches Bünd­nis zu hal­ten. In der
Geschich­te der Öko­lo­gie hat es immer auch eine kon­ser­va­ti­ve Strö­mung gege­ben.

Die­ser kon­ser­va­ti­ven Öko­lo­gie muss man eine ande­re
ent­ge­gen­set­zen. Eine Öko­lo­gie, die alle Hebel des Staa­tes in Bewe­gung setzt,
den Umbau zu rea­li­sie­ren, die dabei aber die Gele­gen­heit beim Schop­fe packt,
den Staat zu demo­kra­ti­sie­ren und die reprä­sen­ta­ti­ve Demo­kra­tie dem Druck der
direk­ten Demo­kra­tie aus­zu­set­zen. Der öko­lo­gi­sche Über­gang ver­langt in die­sem
Sinn eine gleich­zei­ti­ge Trans­for­ma­ti­on unse­rer wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen
Sys­te­me. Ihre Öko­lo­gie oder unse­re: Die gro­ße Schlacht des 21. Jahr­hun­derts hat
begon­nen.

Über­set­zung aus dem Fran­zö­si­schen: Paul B. Klei­ser

Mehr von den bei­den Autoren:

Das fran­zö­si­sche Ori­gi­nal des Tex­tes erschien als Teil des
Dos­siers „Covid-19: Après la cri­se… les cri­ses“ in der Mai-Aus­ga­be von Le Mon­de diplo­ma­tique unter der
Über­schrift „L’heure de la pla­ni­fi­ca­ti­on éco­lo­gi­que“ (https://​www​.mon​de​-diplo​ma​tique​.fr/​2​0​2​0​/​0​5​/​D​U​R​A​N​D​/​6​1​748).

Wir bedan­ken uns bei der Redak­ti­on der deut­schen Aus­ga­be von Le Mon­de diplo­ma­tique für die Frei­ga­be des Tex­tes.

Céd­ric Durand ist Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler an der Uni­ver­si­tät
Paris-XIII und hat u. a. die Bücher Le capi­ta­lisme est-il indé­pas­sa­ble?
(Paris: Les édi­ti­ons Tex­tu­el, 2010) und Le capi­tal fic­tif. Com­ment
la finan­ce s’approprie not­re ave­nir (Paris: Les Prai­ries ordinaires, 2014; engl. Ausg. 2017)
ver­öf­fent­licht.

Razmig Keu­cheyan stammt aus der Schweiz und ist Sozio­lo­ge an der
Uni­ver­si­tät Bor­deaux und hat unter ande­rem die Bücher Hémi­sphè­re à gau­che.
Une car­to­gra­phie des nou­vel­les pen­sées cri­ti­ques (Paris: La Décou­ver­te, 2010 u.
2013; engl. Ausg. 2014), La natu­re est un
champ de batail­le.
Essai d’écologie poli­tique, Paris: Édi­ti­ons de la
Décou­ver­te, 2014 u. 2018; engl. Ausg. 2016), Les besoins arti­fi­ciels. Com­ment sor­tir du con­su­mé­risme (Paris: La
Décou­ver­te, 2019) ver­öf­fent­licht.


[1] Vgl. Ben­ja­min
Lemoi­ne, L’Ordre de la det­te. Enquê­te sur les infor­tu­nes de l’État et la pro­spé­ri­té du mar­ché,
Paris: La Décou­ver­te, 2016.

[2] Dépar­te­ment ana­ly­se
et pré­vi­si­on de l’OFCE, „Éva­lua­ti­on au
30 mars 2020 de l’impact éco­no­mi­que de la pan­dé­mie de Covid-19 et des
mes­u­res de con­fi­ne­ment
en Fran­ce“ (PDF), poli­cy brief, Nr. 65, Paris, 30. März 2020,
https://​www​.ofce​.sci​en​ces​-po​.fr/​p​d​f​/​p​b​r​i​e​f​/​2​0​2​0​/​O​F​C​E​p​b​r​i​e​f​6​5​.​pdf.

[3] Vgl. Mich­aël
Zem­mour, „Coro­na­vi­rus: ‚Le
gou­ver­ne­ment ne se rend pas comp­te de l’exposition des ména­ges modes­tes à la
cri­se
ʻ“, in: Le Mon­de, 27.
März 2020,
https://​www​.lemon​de​.fr/​i​d​e​e​s​/​a​r​t​i​c​l​e​/​2​0​2​0​/​0​3​/​2​7​/​c​o​r​o​n​a​v​i​r​u​s​-​l​e​-​g​o​u​v​e​r​n​e​m​e​n​t​-​n​e​-​s​e​-​r​e​n​d​-​p​a​s​-​c​o​m​p​t​e​-​d​e​-​l​-​e​x​p​o​s​i​t​i​o​n​-​d​e​s​-​m​e​n​a​g​e​s​-​m​o​d​e​s​t​e​s​-​a​-​l​a​-​c​r​i​s​e​_​6​0​3​4​6​4​9​_​3​2​3​2​.​h​tml.

[4] Vgl. Thier­ry
Bon­zon, „Con­sump­ti­on and Total War­fa­re in Paris (1914‒1918)“, in: Frank Trent­mann
u. Flem­ming Just (Hrsg.), Food and
Con­flict in Euro­pe in the Age of the Two World Wars,
Basing­s­to­ke: Pal­gra­ve
Mac­mil­lan, 2006, S. 49‒64.

[5] Sie­he Sonia Shah, „Cont­re les
pan­dé­mies, l’écologie
“, in: Le
Mon­de diplo­ma­tique,
März 2020, S. 1 u. 21,
https://​www​.mon​de​-diplo​ma​tique​.fr/​2​0​2​0​/​0​3​/​S​H​A​H​/​6​1​547.
Auf Deutsch: „Woher kommt das Coro­na­vi­rus?“, in: Le Mon­de diplo­ma­tique, 12.3.2020,
https://​mon​de​-diplo​ma​tique​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​!​5​6​6​8​094.

[6] Asso­cia­ti­on
néga­Watt, Mani­fes­te néga­Watt. En
rou­te pour la tran­si­ti­on éner­gé­tique! 2. Ausg., Arles: Actes Sud, 2015, (Babel
Essai).

[7] Hier­zu lese man:
Phil­ip­pe Des­camps u. Thier­ry Lebel, „Un avant-goût du choc cli­ma­tique“, in: Le Mon­de diplo­ma­tique, Mai 2020,
S. 1, 20/​21, https://​www​.mon​de​-diplo​ma​tique​.fr/​2​0​2​0​/​0​5​/​D​E​S​C​A​M​P​S​/​6​1​750.

[8] Lau­rence D. Fink, „A Fun­da­men­tal
Resha­ping Of Finan­ce
“, Janu­ar 2020,
https://​www​.black​rock​.com/​c​o​r​p​o​r​a​t​e​/​i​n​v​e​s​t​o​r​-​r​e​l​a​t​i​o​n​s​/​l​a​r​r​y​-​f​i​n​k​-​c​e​o​-​l​e​t​ter.

[9] Vgl. Amé­lie Canon­ne
u. Maxi­me Com­bes, „Black­Rock se
paie une opé­ra­ti­on de green­wa­shing grâce à Paris et Ber­lin
“, bas­ta! 24. Janu­ar 2020,
https://​www​.basta​mag​.net/​c​l​i​m​a​t​-​b​l​a​c​k​r​o​c​k​-​g​r​e​e​n​w​a​s​h​i​n​g​-​a​f​d​-​i​n​v​e​s​t​i​s​s​e​m​e​n​t​-​e​n​e​r​g​i​e​s​-​f​o​s​s​i​les.

[10] Fran­çois Morin, Quand la gau­che essay­ait
encore.
Le récit iné­dit des natio­na­li­sa­ti­ons de 1981
et quel­ques leçons que l’on peut en tirer, Mon­tré­al: Lux, 2020.

[11] Vgl. Alain
Des­ro­siè­res, „La com­mis­si­on
et l’équation: une com­pa­rai­son des Plans fran­çais et néer­lan­da­is ent­re 1945 et
1980
“, in: Genè­ses.
Sci­en­ces socia­les et his­toire, Paris, Nr. 34, 1999, S. 28‒52, https://​www​.per​see​.fr/​d​o​c​/​g​e​n​e​s​_​1​1​5​5​-​3​2​1​9​_​1​9​9​9​_​n​u​m​_​3​4​_​1​_​1​550.

[12] Vgl. Pav­li­na R.
Tcher­ne­va, The Case for a Job Gua­ran­tee,
Cam­bridge: Poli­ty Press, 2020 (erscheint in Kür­ze).

[13] Vgl. Anne Fre­tel
u. Flo­rence Jany-Catri­ce (Dir.), „Une ana­ly­se
de la mise en œuvre du pro­gram­me expé­ri­men­tal visant à la résorp­ti­on du chô­mage
de longue durée dans le ter­ri­toire urbain de la Métro­po­le de Lil­le

(Bericht für Direc­tion de l’Animation
de la recher­che, des Étu­des et des Sta­tis­ti­ques, DARES), 11. Juni
2019, https://​chairess​.org/​t​e​r​r​i​t​o​i​r​e​-​z​e​r​o​-​c​h​o​m​e​u​r​-​s​o​r​t​i​e​-​d​u​-​r​a​p​p​o​rt/.

[14] Vgl. Vic­tor Le
Bois­se­lier, „Domi­ni­que Méda:
‚Nous savons aujourd’hui quels sont les métiers vrai­ment essen­tiels
ʻ“,
in: Poli­tis, Nr. 1596, Paris,
25. März 2020, https://​www​.poli​tis​.fr/​a​r​t​i​c​l​e​s​/​2​0​2​0​/​0​3​/​d​o​m​i​n​i​q​u​e​-​m​e​d​a​-​n​o​u​s​-​s​a​v​o​n​s​-​a​u​j​o​u​r​d​h​u​i​-​q​u​e​l​s​-​s​o​n​t​-​l​e​s​-​m​e​t​i​e​r​s​-​v​r​a​i​m​e​n​t​-​e​s​s​e​n​t​i​e​l​s​-​4​1​5​67/.

[15] Vgl. Jean-Bap­tis­te
Malet, „Le sys­tème
Pierre Rabhi
“, in: Le Mon­de
diplo­ma­tique,
August 2018, https://​www​.mon​de​-diplo​ma​tique​.fr/​2​0​1​8​/​0​8​/​M​A​L​E​T​/​5​8​981.
Auf Deutsch: „Pierre, der Genüg­sa­me“, in: Le
Mon­de diplo­ma­tique,
9.8.2018, https://​www​.mon​de​-diplo​ma​tique​.de/​a​r​t​i​k​e​l​/​!​5​5​2​4​669.

[16] Vgl. John Bel­l­a­my
Fos­ter, Han­nah Hol­leman, Robert McChes­ney, Inger L. Sto­le, „The Sales
Effort and Mono­po­ly Capi­ta­lism
“, in: Mon­th­ly Review, New York, Jg. 60, Nr. 11, April 2009, https://​mon​th​ly​re​view​.org/​2​0​0​9​/​0​4​/​0​1​/​t​h​e​-​s​a​l​e​s​-​e​f​f​o​r​t​-​a​n​d​-​m​o​n​o​p​o​l​y​-​c​a​p​i​t​al/.

[17] Vgl. Ber­nard
Cha­van­ce, „La pla­ni­fi­ca­ti­on cen­tra­le et ses alter­na­ti­ves dans l’expérience des
éco­no­mies socia­lis­tes“, in: Actu­el Marx,
Paris, Nr. 65 (La pla­ni­fi­ca­ti­on aujourd’hui), 2019.

[18] Vgl. Michel Cal­lon,
Pierre Las­co­u­mes, Yan­nick Bar­t­he, Agir
dans un mon­de incer­tain.
Essai sur la démo­cra­tie tech­ni­que, Paris: Seuil,
2001; überarb. Ausg. 2014.
Auf Engl. Ausg.: Acting in an Uncer­tain
World.
An Essay on Tech­ni­cal Demo­cra­cy, Cam­bridge, Mas­sa­chu­setts usw.: MIT
Press, 2009.

[19] Vgl. Domi­ni­que
Bourg (Hrsg.), Inven­ter la démo­cra­tie du
XXIe siè­cle.
L’Assemblée citoy­enne du futur, Paris: Les Liens
qui libè­rent, 2017.

[20] Vgl. Cathe­ri­ne
Lar­rè­re (Hrsg.), Les iné­ga­li­tés
envi­ron­ne­men­ta­les,
Paris: Pres­ses Uni­ver­si­taires de Fran­ce, 2017, (La vie
des idées).
Sie­he auch Lau­ra Raim, „,Rési­li­en­ceʻ et gen­tri­fi­ca­ti­on, les nou­veaux vices de
Miami. En Flo­ri­de, les riches n’auront pas les pieds dans l’eau“, in: Le Mon­de diplo­ma­tique, Mai 2020,
S. 4/​5, https://​www​.mon​de​-diplo​ma​tique​.fr/​2​0​2​0​/​0​5​/​R​A​I​M​/​6​1​762.

[21] Vgl. Lucas
Chan­cel, Ins­ou­tenab­les iné­ga­li­tés.
Pour une jus­ti­ce socia­le et envi­ron­ne­men­ta­le, Paris: Les Petits Matins, Paris,
2017.

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