[labournet:] [Buch] Markt zerfrisst Gesundheitswesen! Stimmen aus einem zornigen Bereich

[Buch] Markt zerfrisst Gesundheitswesen! Stimmen aus einem zornigen BereichKol­le­gIn­nen aus den Kran­ken­häu­sern, Gewerk­schaf­te­rIn­nen und Mit­glie­der der Bündnisse gegen die Pro­fi­te mit der Gesund­heit berich­ten aus ihren Arbeits­be­rei­chen. Sie geben einen tie­fen Ein­blick in haar­sträu­ben­de Zustän­de, zu denen die Unter­wer­fung des Gesund­heits­we­sens unter die Markt­zwän­ge geführt hat. Per­so­nal­not, Lohn­dum­ping, Tem­po­zwang und Ope­ra­tio­nen­wett­lauf schnüren der Gesund­heit von Per­so­nal und Pati­en­ten die Luft ab. Zen­tra­ler Hebel zur Durch­set­zung des öko­no­mi­schen Drucks ist die Finan­zie­rung über Fall­pau­scha­len. Coro­na hat uns die Zustän­de in den Kran­ken­häu­sern wie unter einer Lupe gezeigt. Die Beschäf­tig­ten des Gesund­heits­we­sens haben vor eini­gen Jah­ren begon­nen, sich mas­siv zu weh­ren. Volks­ent­schei­de gegen Gewinn­prin­zip und Per­so­nal­not sind trotz gro­ßer Zustim­mung gestoppt wor­den. Die Beschäf­tig­ten und Tei­le der Öffent­lich­keit neh­men neu­en Anlauf, eine Befrei­ung der Gesund­heit vom Pro­fit durch­zu­set­zen.” Umschlag­text des gera­de erschie­nen Buches bei Die Buch­ma­che­rei externer Link, her­aus­ge­ge­ben von Klaus Dall­mer (256 S. /​ISBN 978–3‑9822036–4‑5 /12,00 EURO), sie­he dar­aus das Inhalts­ver­zeich­nis und eine Lese­pro­be – wir dan­ken!

Inhalt

Worum geht‘s?

  • Lili­an Kili­an, Weins­berg (Kran­ken­schwes­ter Psych­ia­trie)
  • Micha­el Quet­ting, Saar­brü­cken (ver.di-Pflegebeauftragter Süd-West)
  • Jana Lan­ger, Ulm (OP-Pfle­ge­rin)
  • Tho­mas Böhm, Stutt­gart (Chir­urg a.D., »Kran­ken­haus statt Fabrik«)
  • Denis Scha­ti­low, Düs­sel­dorf (Medi­zi­nisch-Tech­ni­scher Radio­lo­gie­as­sis­tent)
  • Tho­mas Zmrz­ly, Düs­sel­dorf (OP-Fach­kran­ken­pfle­ger)
  • Edy­ta Wystub, Essen (Medi­zi­nisch-Tech­ni­sche Radio­lo­gie­as­sis­ten­tin)
  • Nad­ja Rako­witz, Main­tal (Geschäfts­füh­re­rin des Ver­eins demo­kra­ti­scher Ärz­tin­nen und Ärz­te)
  • Andre­as Weid­ner, Jena (Inten­siv­kran­ken­pfle­ger)
  • Ellen Ost, Jena (Fach­kran­ken­pfle­ge­rin Neph­rolo­gie)
  • Peter Hoff­mann, Mün­chen (Anäs­the­sist und Ober­arzt)
  • Bran­ka Iva­nis­e­vic, Neu-Isen­burg (exami­nier­te Alten­pfle­ge­rin)
  • Ulla Hede­mann, Ber­lin (Gesund­heits- und Kin­der­kran­ken­pfle­ge­rin)
  • Kal­le Kun­kel, Ber­lin (ver.di-Gewerkschaftssekretär in Pau­se)
  • Anja Voigt, Ber­lin (Inten­siv-Kran­ken­pfle­ge­rin)
  • Sil­via Habe­kost, Ber­lin (Pfle­ge­kraft Anäs­the­sie)
  • Fran­ce­s­ca Gro­ba, Kiel (Kran­ken­pfle­ge­rin a.D., ver.di-Organizerin)

Anhang

  • Offe­ner Brief von Per­so­nal­ver­tre­tun­gen in Baden-Würt­tem­berg
  • Zor­ni­ger Brief aus Jena
  • Blu­ti­ge Ent­las­sung
  • Kran­ken­kas­sen spa­ren an den Pati­en­ten
  • Lite­ra­tur­emp­feh­lung 

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Aus dem Interview mit Andreas Weidner, Intensivkrankenpfleger am Universitätsklinikum Jena

“…Gene­rell haben die Pfle­ge­kräf­te in den post­ope­ra­ti­ven Inten­siv­sta­tio­nen mor­gens erst ein­mal den Druck, Pati­en­ten, denen es schon gut genug geht, zu ver­le­gen. Um 6 Uhr fängt unser Dienst an, und wenn man die ers­ten Pati­en­ten schon um 7:30 oder 8 Uhr ver­le­gen muss, kommt es schon manch­mal vor, dass kei­ner von ihnen früh­stückt, oder man muss es mit­ge­ben.

Die Ver­le­gun­gen wer­den dann ange­ord­net?

Ja genau. Die Ver­le­gun­gen wer­den gemacht nach der Bet­ten­be­spre­chung. So gegen 8 Uhr gehen die Chef­ärz­te die Pati­en­ten durch, machen die Visi­te und sagen, der Pati­ent kann auf die Nor­mal­sta­ti­on oder auf die IMC (Inter­me­dia­te-Care-Sta­ti­on), wo noch eine inten­si­ve­re Betreu­ung gewähr­leis­tet ist als auf den Nor­mal­sta­tio­nen. Das muss dann rela­tiv schnell pas­sie­ren, weil die ers­ten Pati­en­ten dann schon im OP sind. Man fängt ja mor­gens um ca. 7 Uhr an, die Pati­en­ten in den OP abzu­ru­fen, da sind die Inten­siv­bet­ten noch nicht mal frei. Man hat dann immer die­sen Druck, dass ein neu­er Pati­ent sozu­sa­gen schon hin­ter dem Bett steht. Die Inten­siv­sta­ti­on hat ja mor­gens um sechs Uhr eine bestimm­te Anzahl von Pati­en­ten, und von denen kön­nen mei­net­we­gen fünf ver­legt wer­den – dann ste­hen aber manch­mal sechs oder sie­ben Leu­te auf dem OP-Plan. Dann muss man schau­en, wen kann man auf die IMC-Sta­ti­on ver­le­gen? Wenn jemand ope­riert wer­den muss, wird er ja auf der Nor­mal­sta­ti­on auf­ge­nom­men und vor­be­rei­tet, und zur geplan­ten OP-Zeit wird er in den OP gebracht – man geht dann aber davon aus, dass auf der Inten­siv­sta­ti­on der Bet­ten­ko­or­di­na­tor dafür sorgt, dass für die Pati­en­ten, die aus der OP kom­men, die Bet­ten frei sind. Da kommt man oft­mals in ziem­li­che Bre­douil­le. Wenn die Pati­en­ten dann doch nicht so sta­bil sind, muss man sie womög­lich noch einen Tag län­ger auf der Inten­siv­sta­ti­on las­sen – da wer­den dann OPs auch wie­der abge­sagt. Für die Pati­en­ten, die auf eine OP war­ten, ist das natür­lich abso­lut doof. Es gab auch schon Pati­en­ten, die lagen schon auf dem OP-Tisch und war­te­ten auf die Nar­ko­se, und dann hat man gesagt „ Stopp, wir haben kein Inten­siv­bett“. Die muss­ten dann wie­der raus­ge­fah­ren wer­den. Das pas­siert nicht nur im Kli­ni­kum, das pas­siert lei­der über­all.

Kommt es auch vor, dass man jeman­den ver­legt, von dem man nicht sicher ist, ob der das auch ver­trägt?

Genau, das ist kor­rekt. Man macht es dann meis­tens so, dass man sol­che Pati­en­ten auf die Inter­me­dia­te-Care-Sta­ti­on, also die Zwi­schen­sta­ti­on zwi­schen uns und der Nor­mal­sta­ti­on, ver­legt. Man hat aber auf­grund der Erfah­rung manch­mal den­noch bei eini­gen Pati­en­ten ein schlech­tes Bauch­ge­fühl, das einen drückt – und auf der IMC-Sta­ti­on haben die einen wesent­lich schlech­te­ren Stel­len­schlüs­sel, bis zu 1:6, also eine Pfle­ge­fach­kraft pflegt bis zu 6 Pati­en­ten. Das bedeu­tet auch, dass ent­spre­chend weni­ger Zeit pro Pati­ent vor­han­den ist. Stu­di­en bele­gen, dass die soge­nann­te Nur­se-Pati­ent-Ratio ent­schei­dend ist für Kom­pli­ka­tio­nen und die Über­le­bens­wahr­schein­lich­keit.

Wann hast Du ange­fan­gen, Dich gegen den Druck zu weh­ren?

Inter­es­sie­ren tue ich mich dafür schon län­ger, Jena hat mir sozu­sa­gen die Augen geöff­net. Ich hat­te das Gefühl, in so eine Müh­le rein­zu­kom­men. Viel­leicht hängt das auch mit dem stei­gen­den Alter zusam­men, weil man dann merkt, dass man vie­le Din­ge nicht mehr so schafft. Ich wer­de nächs­tes Jahr 40, und ich mer­ke schon, wie der Arbeits­druck bzw. auch der Arbeits­auf­wand an mir zehrt. Die Mög­lich­kei­ten, wie man die Pati­en­ten behan­deln kann, wer­den immer kom­ple­xer, und mit dem Per­so­nal, das man hat, muss man das irgend­wie stem­men. Da merkt man es schon, dass man in dem Tem­po nicht mehr alles packt und muss sich irgend­wie dage­gen sträu­ben, man hat einen inne­ren Antrieb dazu. Mich regel­recht dage­gen zu weh­ren, das kam erst im letz­tem Jahr, als wir den Tarif­ver­trag Ent­las­tung erkämpft haben am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum, da ist so mein Feu­er ent­brannt. Weil man gemerkt hat, dass es doch vie­le Leu­te gibt, die das so nicht mehr mit­tra­gen wol­len, und bun­des­weit gibt es ja auch vie­le Bewe­gun­gen momen­tan, die nicht ein­fach so taten­los zuschau­en. Ich den­ke, wenn man möch­te, kann man noch eini­ge Leu­te mehr mobi­li­sie­ren, weil wir alle das­sel­be Pro­blem haben.”

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Der Bei­trag [Buch] Markt zer­frisst Gesund­heits­we­sen! Stim­men aus einem zor­ni­gen Bereich erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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