[perspektive:] Die tragische und schmerzhafte Geschichte meiner Flucht nach Europa

In einem längeren zweiteiligen Artikel schildert Shoresh Karimi seine mühsame Flucht vor der politischen Verfolgung durch das iranische Regime und den Kampf ums Überleben gegen Schmuggler und das tödliche Mittelmeer. – Teil 1

Ich habe immer geglaubt, dass Wor­te einen Men­schen bewe­gen könn­ten: sie könn­ten etwas bewe­gen, sie kön­nen eine Revo­lu­ti­on machen. Wor­te kön­nen fal­sche Bil­der zer­stö­ren, sie kön­nen den Grad der Not der Unter­drück­ten, Ernied­rig­ten und Flücht­lin­ge anzei­gen. Und schließ­lich – wenn dies nicht der Fall ist – wird es eine Geschich­te über die Grau­sam­keit der Men­schen die­ses Zeit­al­ters für die Zukunft blei­ben. Natür­lich hof­fe ich, dass die­se Ereig­nis­se der Mensch­heit in Zukunft ein Maß an Erkennt­nis und Bewusst­sein beschert haben wer­den, dass es nicht not­wen­dig ist, die­se bit­te­ren Geschich­ten zu über­prü­fen.

Der Grund für die­se Geschich­te dient auch die­sem Zweck. Die­se Geschich­te wird nicht für die­je­ni­gen emp­foh­len, die es nicht ein­mal ertra­gen könn­ten, das Lei­den ande­rer zu lesen. Weil die­se Geschich­te extrem bit­ter und schmerz­haft ist.

Ich dach­te, es sei alles vor­bei, ich hat­te ein paar Minu­ten lang Cha­os im Kopf. Ich wuss­te nicht, was ich tun soll­te, oder ich dach­te, ich träu­me und die­se schreck­li­chen Bil­der vor mei­nen Augen sind ein Alb­traum. Ich sag­te mir, nein, das ist nicht wahr, ich habe kein Recht, auf die­sem gren­zen­lo­sen Meer zu ster­ben und mein Leben zu been­den. Aber der Tod war sehr nahe und bei­na­he hät­te ich ihn akzep­tie­ren müs­sen. In die­sem Moment sank unser Boot. 30 Men­schen und ich, die ille­gal ver­such­ten, eine grie­chi­sche Insel mit dem Boot aus der tür­ki­schen Stadt Didim zu errei­chen. Wir haben alle bis zum Tod in der Ägä­is gekämpft. Ein Tod, der uns näher war als jede ande­re Rea­li­tät. Wir, die wir alle auf die­ser Welt abge­lehnt wur­den, hat­ten alle Arten von Kata­stro­phen erlebt, wir hat­ten alle Arten von Demü­ti­gun­gen erlebt, und dies­mal wur­den wir vom Meer gede­mü­tigt, und das Meer war gegen uns. Im Win­ter 2015, am 23. Dezem­ber, gegen 21 Uhr, war das Wet­ter sehr stür­misch und kalt, so dass die Zäh­ne vor Käl­te klap­per­ten.

Unter den Geräu­schen und Schrei­en hör­te ich Han­nah schrei­en, dass mei­ne Mut­ter ertrun­ken sei, mei­ne Mut­ter gestor­ben war, Gott schüt­ze mei­ne Mut­ter. Lie­be Mama. Ich war die ers­te Per­son, die sich ins Meer warf, als ich sah, dass das Boot sank und nichts getan wer­den konn­te, und weil das Meer stür­misch war, hat­ten mich die Wel­len vom Boot weg­ge­bracht, ich war immer noch fas­sungs­los. Ich dach­te dar­über nach zu ster­ben und ob es Hoff­nung auf Über­le­ben gab. Ich hat­te fast die Hoff­nung ver­lo­ren. Es war eine selt­sa­me Situa­ti­on, in der es zumin­dest für mich kei­ne Hoff­nung auf Über­le­ben gab. Trotz die­ser schreck­li­chen Bil­der und der Grö­ße des Mee­res und der Dun­kel­heit der Nacht war es nicht mög­lich, sich zu kon­zen­trie­ren und nach­zu­den­ken. Ich konn­te kaum die Lich­ter des Boo­tes sehen, die noch da waren. Alle Pas­sa­gie­re waren auf dem Was­ser, und rie­si­ge Wel­len hat­ten jeden von ihnen zur Sei­te gewor­fen. Ich schwamm zu dem Boot, des­sen Rück­sei­te voll­stän­dig unter­ge­taucht war. Nur ein oder zwei Meter des Boo­tes befan­den sich auf dem Was­ser, der Rest war unter­ge­taucht. Ich ver­such­te ein Stück Eisen zu packen, wel­ches die Spit­ze des Boo­tes bil­de­te und noch nicht unter­ge­gan­gen war. Ich wünsch­te, es wür­de nicht noch wei­te­re ein oder zwei Meter ins Was­ser gehen. Was für ein gro­ßer Wunsch. Mensch­li­che Wün­sche sind in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen unter­schied­lich.

In der Zwi­schen­zeit sah ich Han­nahs Vater Hai­bat, der auch die ver­blei­ben­de Spit­ze des Boo­tes erreich­te. Hai­bat wein­te andau­ernd und sag­te mir: Gol­naz starb. Mei­ne Kin­der ster­ben. Ich ertra­ge es nicht. Dies sind die Tat­sa­chen, die ich sehe, war­um Gott. Mein Leben ist weg. Ich habe auch aus tiefs­tem Her­zen nach Gol­naz geweint, ant­wor­te­te ich, wir kön­nen nichts tun und wir wer­den alle hier ster­ben. Es gibt kei­ne Wahl. Alles, was mei­ne Augen erblick­ten, war Was­ser. Und in der Dun­kel­heit der Nacht und dem Sturm des Mee­res und der Käl­te des Win­ters kamen mir schreck­li­che Bil­der in den Sinn, die es unmög­lich mach­ten, Wider­stand zu leis­ten. Dies war das letz­te Mal, dass ich Hai­bat sah. Weil es kei­ne Spur des Boo­tes gab, und die hohen Wel­len jeden von uns in eine ande­re Rich­tung war­fen.

Es ist ein schreck­li­ches Gefühl, wenn du siehst, dass alles gegen dich und für dei­ne Zer­stö­rung ist. Wenn du Kin­der siehst, die kei­ne Sün­de began­gen haben, außer in kriegs­ge­schüt­tel­ten, dik­ta­to­ri­schen und unter­drück­ten Län­dern gebo­ren zu sein. Wenn du das siehst und du nichts tun kannst. Die­se Lei­den zer­bre­chen den Men­schen. Aber wie viel tole­riert der Mensch?

Hai­bat Fai­zi ertrank auf See mit sei­ner Fami­lie, Gol­naz (sei­ne Ehe­frau), Han­nah (ihre 18-jäh­ri­ge ältes­te Toch­ter), Kazi­weh (ihre drei- oder vier­mo­na­ti­ge Toch­ter) und elf wei­te­re Men­schen.

Ich habe Hai­bat im Koma­la-Lager im ira­ki­schen Kur­di­stan ken­nen gelernt. Ich war damals ein „Peschmer­ga“ (Gue­ril­la). Das Koma­la-Lager ist ein poli­ti­sches, mili­tä­ri­sches und Aus­bil­dungs-Lager, das von Koma­la kon­trol­liert wird, einer sozia­lis­ti­schen Grup­pe, die gegen die Isla­mi­sche Repu­blik Iran kämpft. Eines Tages hat­te ich Wach­dienst, als er kam und mich begrüß­te. Er hör­te von mei­ner Fami­lie und mei­nem Vater. Ich war über­rascht und sag­te, bit­te zeig dei­nen Aus­weis, weil ich dich nicht ken­ne. Er stell­te sich vor und fuhr fort: „Guter Jun­ge, sei bit­te ruhig. Was ist das für eine selt­sa­me Zeit? Wir sind ver­wandt, aber wir haben uns noch nicht gese­hen.“

Er erzähl­te mir, dass er gekom­men war, um einen der Genos­sen des Zen­tral­ko­mi­tees zu besu­chen, und dass ich gehen soll­te, weil er einen Ter­min hat­te. „Bit­te arran­gie­re für mich, dass ich gehen kann. Wir wer­den im Detail spre­chen, wenn ich zurück­kom­me“, sag­te er. Es dau­er­te eine Stun­de, bis Hai­bat zurück­kehr­te, und wir spra­chen dar­über, wie er im ira­ki­schen Kur­di­stan leb­te und war­um er auf­grund poli­ti­scher Akti­vi­tä­ten aus dem Iran flie­hen muss­te. Hai­bat fuhr fort, dass ich in die Tür­kei gehen und bei den Ver­ein­ten Natio­nen Asyl bean­tra­gen muss, weil die auto­no­me Regie­rung des ira­ki­schen Kur­di­stans mei­nen Wohn­sitz nicht ver­län­gert und mir nicht erlaubt, hier zu leben. Ein­mal war sein Asyl­an­trag in der Tür­kei abge­lehnt wor­den, und er hat­te die euro­päi­schen Län­der nicht errei­chen kön­nen. Jeden­falls war dies der Beginn mei­ner Bekannt­schaft mit Hai­bat. Hai­bat war auf­grund poli­ti­scher Akti­vi­tä­ten gegen die Isla­mi­sche Repu­blik aus dem Iran geflo­hen. Er leb­te zu der Zeit mit sei­ner Frau Gol­naz und sei­ner Toch­ter Kazi­wah in der Tür­kei.

Nach einer Wei­le muss­te ich das Lager von Koma­la und Ira­kisch-Kur­di­stan wegen der vie­len Gefah­ren ver­las­sen. Aus Sulai­ma­ni­yah rief ich Hai­bat an und teil­te ihm mit, dass ich zu ihm in die Tür­kei rei­sen müs­se, um einen siche­ren Weg nach Euro­pa zu fin­den. Er akzep­tier­te und gab mir eini­ge Tage spä­ter die Tele­fon­num­mer und Adres­se in der Stadt Deniz­li. Ich kam in Istan­bul an und rief erneut Hai­bat an. Ich blieb eine Nacht in Istan­bul und zog am nächs­ten Tag nach Diniz­li, wo Hai­bat und sei­ne Fami­lie waren. Es war früh am Mor­gen, als ich in Deniz­li ankam. Ich nahm ein Taxi zu der Adres­se, die er mir gege­ben hat­te. Dort war­te­te er auf mich. Ich stieg aus dem Taxi und ging mit Hai­bat nach Hau­se. Nach­dem er eine Wei­le gere­det hat­te, kün­dig­te er an, dass er zur Arbeit gehen wol­le. Hai­bat und Han­nah hat­ten Arbeit in einer klei­nen Werk­statt gefun­den, aber trotz­dem war es nicht genug, um davon zu leben, weil die Kos­ten für Ein­nah­men und Aus­ga­ben nicht über­ein­stimm­ten, und sie hat­ten kei­ne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung. Ihre Fami­lie war in einer schwie­ri­gen Situa­ti­on, Hai­bat litt an einer schwe­ren Krank­heit, und durch ihr klei­nes Baby hat­ten sie vie­le zusätz­li­che Kos­ten.

Obwohl ich selbst nichts hat­te außer einem Ruck­sack, in dem alles aus mei­nem 30-jäh­ri­gen Leben (ein Paar Bücher und Klei­dungs­stü­cke) ver­staut war, war ich sehr besorgt über die Lebens­be­din­gun­gen der Fami­lie. Für die­je­ni­gen, die alle Arten von Unglück erlebt haben, ist es leicht, die­se Situa­ti­on zu ver­ste­hen. Stell dir vor, du wärst gezwun­gen, für eine Fami­lie im Aus­land ohne Kran­ken­ver­si­che­rung, ohne sozia­le Diens­te und ohne finan­zi­el­le Unter­stüt­zung zu bezah­len. In einem Land, in dem man wegen ras­sis­ti­schen Vor­ur­tei­len nicht ein­mal arbei­ten darf. Hai­bat hat­te meh­re­re Wochen für einen tür­ki­schen Kapi­ta­lis­ten gear­bei­tet und wur­de ent­las­sen, er wur­de nicht bezahlt. Er hat­te sich an die Poli­zei gewandt, um sein Recht zu bekom­men, denn er war dort auch miss­han­delt wor­den.
Hai­bat sag­te, er wol­le ille­gal nach Euro­pa rei­sen, aber er hat­te kein Geld. Ich habe alle, die ich ken­ne, um Hil­fe gebe­ten, aber sie gin­gen ent­we­der nicht ans Tele­fon oder lehn­ten mich ab. Ein oder zwei Per­so­nen haben gesagt, dass sie uns hel­fen kön­nen, aber nur, wenn wir Grie­chen­land errei­chen. In die­sen weni­gen Tagen sah ich ihn anru­fen und um Hil­fe bit­ten, aber ange­sichts der Bedin­gun­gen, die die Tür­kei und die Ver­trei­bung für die Men­schen ver­ur­sa­chen, gibt es nur weni­ge Men­schen, die sich für die Hil­fe einer im Exil leben­den Ver­trie­be­nen ver­ant­wort­lich füh­len wür­den.

Kurz gesagt, ich fand durch einen Bekann­ten eine Per­son, die mich zu einem annehm­ba­ren Preis nach Grie­chen­land brin­gen konn­te. Ich soll­te so bald wie mög­lich nach Istan­bul gehen. Hai­bat bat mich, eini­ge Tage zu war­ten, so dass sie mit mir kom­men könn­ten. Ich stimm­te zu und es dau­er­te ein paar Tage, bis sie das Haus über­ge­ben und sich auf die Rei­se vor­be­rei­ten konn­ten. Nach ein paar Tagen kamen wir in Istan­bul an und gin­gen zu einem Haus, das von einem Schmugg­ler vor­be­rei­tet wor­den war. Wir war­te­ten eine Wei­le, bis sie uns gehen lie­ßen.

In die­sen weni­gen Tagen stie­ßen drei wei­te­re Per­so­nen zu uns: zwei von Koma­las Pesh­mer­ga, die in der Tür­kei waren, und ein ande­rer namens Shahram, der aus Mari­van (eine Stadt im ira­ni­schen Kur­di­stan) stamm­te und ein alter Freund von Hai­bat war. Shahram und sein Bru­der Shah­pour kamen eines Tages zu uns, sie schie­nen gute Leu­te zu sein. Nach ein paar Tagen lern­te ich sie bes­ser ken­nen. Shah­pour leb­te in Nor­we­gen, und er war auch ein alter Freund von Hai­bat. Und soweit ich weiß, kam Shah­pour in die Tür­kei, um sei­nem Bru­der Shahram zu hel­fen. Shah­pour hat Hai­bat viel gehol­fen und kei­ne Unter­stüt­zung zurück gehal­ten. Shah­pour war selbst ver­trie­ben wor­den und hat­te es schwer, also ver­stand er uns gut. Er sag­te immer, dass die­se Etap­pe mit allen Schwie­rig­kei­ten abge­schlos­sen wer­den müs­se, und er beschrieb alle Erin­ne­run­gen an die schwe­ren Zei­ten sei­nes Lebens, vom schwie­ri­gen Weg des Schmug­gels bis zur Ver­trei­bung in Euro­pa und der Unsi­cher­heit vie­ler Jah­re.

Zwei- oder drei­mal schick­ten uns die Schmugg­ler an die Gren­ze, wo wir ent­lang der Gren­ze fest­ge­nom­men wur­den, und jedes Mal muss­ten wir uns als Syrer vor­stel­len, damit wir frei­ge­las­sen und nach Istan­bul zurück­ge­schickt wer­den konn­ten. In einer Woche wur­den wir drei­mal ver­haf­tet und nach Istan­bul geschickt. Eines Nachts sag­ten wir alle, wenn es den Schmugg­lern dies­mal nicht gelin­gen wür­de, uns nach Grie­chen­land zu brin­gen, wür­den wir es mit ande­ren ver­su­chen. In der nächs­ten Nacht fuh­ren drei Lie­fer­wa­gen nach Can­a­k­ka­le, einem der Grenz­über­gän­ge der Tür­kei. Auf einer der unbe­fes­tig­ten Stra­ßen blieb unser Auto wegen star­ken Regens im Schlamm ste­cken. Was auch immer wir taten, um das Auto aus dem Schlamm zu befrei­en, wir konn­ten es nicht. So muss­ten wir uns auf die bei­den ande­ren Autos ver­tei­len, obwohl bei­de Autos voll waren, um die Gren­ze zu errei­chen. Nach wei­te­ren 8 Stun­den konn­ten wir das Meer sehen und waren froh, den Grenz­punkt erreicht zu haben.

Das Auto, das unse­re bei­den Autos beglei­te­te, eil­te plötz­lich davon und floh. Nach eini­gen Minu­ten stell­ten wir fest, dass wir uns in einem Hin­ter­halt der tür­ki­schen Poli­zei befan­den und erneut ver­haf­tet wur­den. Die Fah­rer wur­den fest­ge­nom­men und zum Grenz­kon­troll­punkt gebracht. Es war Mor­gen­däm­me­rung, als alle zum Hof des Kon­troll­punkts gebracht wur­den und gefragt wur­den, woher sie stamm­ten. Wenn sie sag­ten, dass sie Syrer sei­en und ein Über­set­zer dies bestä­tig­te, wur­den sie in eine Ecke gestellt. Die­je­ni­gen, die sag­ten, sie sei­en Ira­ner, Afgha­nen oder wenn die Über­set­zer ande­rer Mei­nung waren, wur­den in eine ande­re Ecke gestellt. Sie trenn­ten eini­ge von uns und zwan­gen sie, die Toi­let­ten der Poli­zei­sta­ti­on zu rei­ni­gen. Gegen Mit­tag brach­ten sie einen Bus und nah­men uns Geld ab und setz­ten alle in den Bus. Zwei Poli­zei­au­tos beglei­te­ten uns in eine Stadt in der Nähe des Kon­troll­punkts, wo die­je­ni­gen, die sag­ten, sie sei­en Ira­ner oder Afgha­nen, abge­setzt und einem gefäng­nis­ähn­li­chen Lager über­ge­ben wur­den. Sobald der Bus den Kon­troll­punkt ver­ließ, rie­fen wir den Schmugg­ler an und sag­ten ihm, er sol­le mit dem Fah­rer spre­chen. Viel­leicht könn­ten Sie ihn befrie­di­gen, und er wür­de uns nicht zurück nach Istan­bul brin­gen. Hai­bat konn­te gut tür­kisch spre­chen und hat mit dem Fah­rer gespro­chen. Der Bus­fah­rer sag­te, sag dem Schmugg­ler, er soll mich selbst anru­fen. Hai­bat gab dem Schmugg­ler die Num­mer und sie stimm­ten zu. Natür­lich nahm der Bus­fah­rer viel Geld dafür. In dem­sel­ben Lager, in dem die Ira­ner und Afgha­nen aus­stie­gen, blieb auch die Poli­zei. Aber eini­ge unse­rer Mit­rei­sen­den waren in dem Lager und muss­ten auch raus. Shahram war unter den Gefan­ge­nen. Sie haben es nach eini­ger Zeit geschafft, da raus zukom­men und sich uns wie­der anzu­schlie­ßen, indem sie den Lager­wäch­tern Geld gege­ben haben.

Der Schmugg­ler brach­te uns zu einem klei­nen Hotel. Sie schlos­sen schnell die Hotel­tü­ren und sag­ten uns, dass nie­mand das Recht habe, das Hotel allei­ne zu ver­las­sen. Wir waren unge­fähr fünf­zig Men­schen mit den Kin­dern. Sie ver­teil­ten uns auf ins­ge­samt vier Zim­mer. Trotz der schlech­ten Bedin­gun­gen dort war­te­ten wir zwei Tage, bis zwei Klein­bus­se kamen und uns zum Strand brach­ten. Es war sehr kalt am Strand, und da wir sehr nahe an der Stra­ße waren, rie­fen die Schmugg­ler, dass wir sehr vor­sich­tig sein soll­ten, um nicht wie­der ver­haf­tet zu wer­den. Wir muss­ten uns ver­ste­cken.

Es war unge­fähr 20 Uhr, als zwei Per­so­nen kamen und sag­ten, dass vier von Ihnen mit uns kom­men soll­ten, um das Boot zu holen. Sie brach­ten ein Boot aus dickem Kunst­stoff und einen Motor, der an der Rück­sei­te des Boo­tes ange­bracht war. Die bei­den Män­ner sag­ten, dass wir das Boot selbst vor­be­rei­ten soll­ten und wir wegen der gro­ßen Gefahr nicht lan­ge hier blei­ben konn­ten. Auf jeden Fall berei­te­ten die Jün­ge­ren das mit Luft gefüll­te Boot vor und bau­ten den Motor zusam­men.

Es war 23 Uhr, als die ers­te Grup­pe sag­te, wir soll­ten uns bewe­gen und die Dun­kel­heit der Nacht nut­zen, damit die Poli­zei uns nicht sieht, wenn wir in die grie­chi­schen Gewäs­ser ein­drin­gen. Die zwei­te Grup­pe sag­te, wir soll­ten erst am Mor­gen gehen, damit die Poli­zei uns sehen und ret­ten wür­de, wenn es ein Pro­blem gäbe, da wir Frau­en und Kin­der bei uns hat­ten und sie die­ser Käl­te und Dun­kel­heit im Was­ser nicht stand­hal­ten könn­ten.
Nach einem hit­zi­gen Streit, der bis an die Schwel­le einer Prü­ge­lei reich­te, wur­de beschlos­sen, um 3 Uhr nachts abzu­rei­sen. Hai­bat war einer von denen, die sag­ten, dass das Wet­ter klar sein soll­te, und ich ver­such­te auch, die Abfahrts­zeit zu ver­schie­ben. Auf jeden Fall war­te­ten sie bis 2 Uhr nachts. Fast alle außer Hai­bat waren bereit. Er sag­te immer wie­der, dass wenn wir jetzt gehen wür­den, nicht klar sei, was mit uns pas­sie­ren wür­de. Natür­lich war es mit­ten in die­ser kal­ten Win­ter­nacht kei­ne leich­te Auf­ga­be, auf das gro­ßen Meer hin­aus zu zie­hen. Die Wel­len schla­gen wie eine wil­de Krea­tur gegen das Ufer, und es wür­de uns wahr­schein­lich Angst machen.

Das Boot war fer­tig und wir muss­ten ein­stei­gen. Ich und die ande­ren bei­den Jun­gen muss­ten ins Was­ser gehen und das Boot fest­hal­ten, damit die ande­ren ein­stei­gen konn­ten, damit die Kin­der nicht nass wur­den. Hai­bat und sei­ne Fami­lie bestie­gen eben­falls das Boot. Die Anzahl war hoch und wir konn­ten kaum wei­ter­kom­men. Außer­dem hat­ten die­se 50 Per­so­nen jeweils eine Rei­he von Ruck­sä­cken und Aus­rüs­tung, die das Boot belas­te­ten. Reib­war, ein ira­kisch-kur­di­scher Jun­ge, soll­te das Boot fah­ren. Wir, die wir das Boot hiel­ten, wur­den im letz­ten Moment neben Reib­war in das Boot geholt. Die Frau­en und Kin­der saßen in der Mit­te des Boo­tes und die ande­ren außen. Der Motor sprang nach ein paar Sekun­den an. Wir waren kei­ne lan­ge Stre­cke gefah­ren, als der Motor aus­fiel. Alle hat­ten Angst. Doch wir haben es geschafft, dass der Motor mit viel Mühe wie­der ansprang. Dies­mal sind wir eine län­ge­re Stre­cke gefah­ren, bis der Motor wie­der aus­fiel. Die Wel­len schüt­tel­ten das Boot stark. Eini­ge wein­ten und eini­ge von ihnen strit­ten. Wir, die wir in der Nähe des Motors waren, ver­such­ten, den Motor so schnell wie mög­lich wie­der ein­zu­schal­ten. Nach und nach drang Was­ser in das Boot ein. Am Boden des Boo­tes befan­den sich zwei Ruder. Es war schwer, sie her­aus­zu­zie­hen, weil nie­mand bereit war, sich zu bewe­gen. Eini­ge Frau­en kol­la­bier­ten. Um das Boot leich­ter zu machen, war­fen eini­ge von uns zusätz­li­che Aus­rüs­tung über Bord. In der Zwi­schen­zeit rie­fen zwei oder drei Leu­te die Schmugg­ler und die Poli­zei an, aber kei­ner von ihnen ant­wor­te­te.

Wir pad­del­ten, um wie­der an Land zu kom­men. Aber wir konn­ten kaum pad­deln, um das Boot an Land zu brin­gen. Es war unge­fähr 6 Uhr mor­gens, als wir wie­der an Land kamen. Als ich aus dem Boot stieg, sah ich Han­nah, die bewusst­los war. Sie ent­zün­de­ten ein Feu­er aus dem alten Holz und den Klei­dern und allem, was sie in die Hän­de bekom­men konn­ten. Die Son­ne ging auf. Der Ruck­sack und die Sachen von Hai­bats Mäd­chen waren letz­te Nacht ins Was­ser gewor­fen wor­den und sie mehr Milch als für ein oder zwei Por­tio­nen. Wir konn­ten an die­sem abge­le­ge­nen Strand nichts tun. Wir muss­ten nach Istan­bul zie­hen, um mit einem ande­ren Schmugg­ler zu ver­han­deln. In unse­rem Kampf mit dem Meer ist es uns nicht gelun­gen, das Meer zu besie­gen. Als wir im Was­ser fest­steck­ten, reagier­te nicht ein­mal die Poli­zei und es war ihnen egal, dass eine gro­ße Anzahl von Men­schen ertrank. Wir wur­den zuvor von der Poli­zei, Ras­sis­ten und Dik­ta­to­ren gede­mü­tigt. Aber dies war eine neue Demü­ti­gung und wir wur­den vom Meer gede­mü­tigt.

Wir waren alle so erschöpft, als gäbe es kei­ne Spur von Freu­de unter uns, geret­tet zu sein. Es war unge­fähr 10 Uhr mor­gens, als wir los­fuh­ren. Wir gin­gen auf die Stra­ße und gin­gen berg­auf. Die Son­ne schien und aus die­ser Höhe zeig­te sie bei all dem Elend, das wir hat­ten, ein wun­der­schö­nes Bild von Büschen und Oli­ven­bäu­men und dem blau­en Meer. Wir waren 10 in der Grup­pe, die von den ande­ren getrennt waren, und wir kann­ten uns. Par­vin, Ehsan, Shahram, Zahir, Sami­ra, Hai­bat, Gol­naz, Hana, Kazi­wa­he und ich waren alle müde und fühl­ten uns wie besieg­te Sol­da­ten. Hai­bat frag­te meh­re­re Oli­ven­pflü­cker nach der nächs­ten Stadt und dem Weg nach Istan­bul. Unse­re Klei­dung, unse­re Haa­re, unser Gesicht waren selt­sam geformt und alle rochen nach dem Feu­er, das wir letz­te Nacht ange­zün­det hat­ten. Unter­wegs han­del­ten wir mit einem ande­ren Schmugg­ler namens Shir­van und soll­ten in Istan­bul ankom­men, um ihn zu kon­tak­tie­ren. Wir frag­ten eini­ge Leu­te, die uns nicht ant­wor­te­ten und auf unser Aus­se­hen starr­ten. Wir kamen zu einer Stra­ße, auf der wir uns beweg­ten, damit viel­leicht ein Auto anhielt und uns mit­nahm. Nach einer lan­gen Stre­cke hielt ein Auto an und brach­te uns gegen viel Geld zum Stadt­ter­mi­nal. Wir erreich­ten Aks­ari in Istan­bul und kon­tak­tier­ten den Schmugg­ler. Er kam, um uns zu begrü­ßen und war sich unse­rer Situa­ti­on bewusst.

Am nächs­ten Abend beschlos­sen Hai­bat, sei­ne Fami­lie und ich, mit Shahram zu rei­sen, weil Hai­bats Baby auf einem höl­zer­nen Motor­boot einen höhe­ren Sicher­heits­fak­tor hat­te. Unse­re ande­ren Freun­de ent­schie­den sich für ein Schlauch­boot, weil es bil­li­ger war. Nach zwei oder drei Tagen wur­den wir mit einem Bus nach Didim gebracht, der eben­falls vol­ler Geflüch­te­ter war. Nach unse­rer Ankunft in der Stadt wur­den wir mit dem Taxi zu einem Hotel gebracht. Eine gro­ße Anzahl von Afgha­nen arbei­te­te in dem Hotel. Das Hotel war sehr voll. Nach­dem ich mich erkun­digt hat­te, fand ich her­aus, dass sie alle für einen Afgha­nen namens Pahl­awan arbei­ten.

Ich frag­te die­je­ni­gen, die vor uns da waren, ob sie gera­de jeman­den rüber geschickt hät­ten. Sie ant­wor­te­ten, dass unse­re Freun­de vor ein paar Näch­ten mit dem Motor­boot in Grie­chen­land ange­kom­men waren und kei­ne Pro­ble­me hat­ten. Ich frag­te, war­um die Zahl der Schmugg­ler so hoch sei und wie viel Geld sie ver­dien­ten. Als Ant­wort sag­ten sie, dass sie auch nach Euro­pa gehen woll­ten. Weil wir kein Geld hat­ten, arbei­te­ten wir zwei oder drei Mona­te für Pahl­awan, und dann schick­te er uns, ohne das wir Geld beka­men, übers Meer.

Sowohl das Holz­boot, als auch ein Schlauch­boot soll­ten zusam­men fah­ren. Uns wur­de gesagt, dass sich alle nachts fer­tig machen müss­ten. Sie fuh­ren uns mit ein paar Taxis zum Strand, der nicht weit ent­fernt war. Am Strand ver­steck­ten sie uns im Gebüsch, bis sie sich mel­de­ten und wir einer nach dem ande­ren ins Boot gin­gen. Zuerst nah­men sie die Fami­li­en an Bord, dann war der Rest an der Rei­he. Ein gro­ßer Mann, der kur­disch sprach, zwang uns, die Sachen, die wir bei uns hat­ten, ins Was­ser zu wer­fen. Ich habe mei­ne Tasche nicht weg­ge­wor­fen und gesagt, wenn ich die Tasche weg­wer­fen müss­te, wür­de ich nicht mit­fah­ren. Nach dem Ein­stei­gen mach­ten sich alle Boo­te auf den Weg. Die gro­ßen Wel­len erschüt­ter­ten das Boot hef­tig, aber wir waren froh, dass wir end­lich nach Grie­chen­land kom­men wür­den. Nach einer hal­ben Stun­de hielt das Boot an, aus Angst, die Poli­zei könn­te uns ent­deckt haben, ging es wie­der zurück zum Strand. Sie brach­ten uns nach der eini­gen Stun­den des Aus­har­rens im Boot bei eisi­gen Tem­pe­ra­tu­ren zurück zum Hotel.

Wir erfuh­ren von den ande­ren, dass die, die mit dem Schlauch­boot gefah­ren waren, sicher auf einer Insel in grie­chi­schen Gewäs­sern ange­kom­men waren. Die Atmo­sphä­re der Ver­zweif­lung und Hoff­nungs­lo­sig­keit hat­te uns über­wäl­tigt. Zusätz­lich dazu war Kazi­wah sehr krank gewor­den, so dass Hai­bat und Gol­naz sie ins Kran­ken­haus brach­ten. Nach ein paar Stun­den rie­fen sie mich an, um mit Han­nah ins Kran­ken­haus zu kom­men. Han­nah und ich gin­gen zusam­men und es gelang uns kaum, ein Taxi zu bekom­men und das Kran­ken­haus zu fin­den. Wir fan­den die Kin­der­sta­ti­on. Wir haben Hai­bat gese­hen und ihn nach Kazi­wah gefragt. Er ant­wor­te­te, dass die Ärz­te sag­ten, dass Kazi­wah Kör­per schwer infi­ziert sei. Wir besorg­ten Medi­ka­men­te für Kazi­wah und kehr­ten ins Hotel zurück. Sie haben uns in die­ser Nacht nicht bewegt. Neben uns war auch eine ande­re kur­di­sche Fami­lie aus Kir­kuk im Hotel anwe­send. Der Mann hieß Rib­war, sei­ne Frau war Lei­la und sie hat­ten vier klei­ne Kin­der. Rib­wars Bru­der, Abdul Qadir, ein 20-jäh­ri­ger, reis­te mit ihnen.

Am nächs­ten Nach­mit­tag rauch­te ich ner­vös in einem der Zim­mer, als ich vor dem Hotel einen lau­ten Streit hör­te. Ich schau­te schnell aus dem Fens­ter, um zu sehen, was los war. Die Fami­lie Reib­war woll­te, dass die Schmugg­ler ihnen ihr Geld zurück­ge­ben und dass sie es bereu­ten und nach Ira­kisch-Kur­di­stan zurück­keh­ren woll­ten. Der Schmugg­ler sag­te: „Ich habe kein Geld, Sie haben zwei Mög­lich­kei­ten, ent­we­der zurück zu gehen, ohne das Geld zu neh­men, oder Sie müs­sen war­ten und nach Grie­chen­land zie­hen.“ Ich habe die­sen Fall vom Fens­ter aus gese­hen und bin sofort zu ihnen gegan­gen. Ich habe Lei­la gefragt, was los ist. Lei­la beschrieb, was ich gehört hat­te, und fuhr fort: Wir wol­len nicht nach Euro­pa und bedau­ern es. „Ich lie­be mei­ne Kin­der und ich möch­te nicht, dass sie auf die­se Wei­se ster­ben. Die Schmugg­ler sind alle Lüg­ner und Betrü­ger. Sie sag­ten, das Boot habe eine Kapa­zi­tät von 15 Per­so­nen, aber jetzt wol­len sie, dass 30 ein­stei­gen“, sag­te Lei­la.

Am nächs­ten Tag sag­ten die Schmugg­ler, dass sie uns am Abend zu 100 Pro­zent rüber fah­ren wür­den.

Der Bei­trag Die tra­gi­sche und schmerz­haf­te Geschich­te mei­ner Flucht nach Euro­pa erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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