[labournet:] Was die EU wegen der demokratischen Massenproteste in Belarus tun soll? Ihre neoliberalen Polizeistaats-Finger von dem Land lassen

Proteste in Belarus am 9.8.2020, Foto von PramenWäh­rend die Mas­sen­pro­tes­te in Bela­rus trotz aller Repres­si­ons­ver­su­che nicht nur nicht abneh­men, son­dern wei­ter anwach­sen – gestärkt durch eine eben­falls wei­ter anwach­sen­de Streik­be­we­gung – und das Regime ers­te Ver­su­che star­tet, Zuge­ständ­nis­se zu signa­li­sie­ren – was eben­falls nicht den erhoff­ten Effekt hat – fin­det die demo­kra­ti­sche Mas­sen­be­we­gung, wenig über­ra­schend, Freun­de unter Kräf­ten, die ansons­ten demo­kra­ti­schen Bewe­gun­gen nicht eben beson­ders freund­lich gegen­über ste­hen. Wodurch auch die Appel­le aus­ge­rech­net an die EU wach­sen, Maß­nah­men gegen das Regime zu ergrei­fen – an eine EU, die sich dar­um „nicht lan­ge bit­ten“ lässt. (Im Gegen­satz zu Appel­len etwa gegen Maul­korb-Geset­ze in Spa­ni­en, poli­zei­staat­li­cher Eska­la­ti­on in Frank­reich, aber auch zu nur irgend­wel­chen Schrit­ten gegen mör­de­ri­sche Geschäfts­freun­de in Kai­ro oder Anka­ra und, und…) Lin­ke Kräf­te im Land – und in der EU – neh­men gegen ein Vor­ge­hen der EU eben­so Stel­lung, wie gegen die Repres­si­on des Regimes und machen dabei unter ande­rem sozia­le For­de­run­gen und demo­kra­ti­sche Ver­än­de­run­gen zum The­ma. Sie­he zu den Reak­tio­nen auf die Mas­sen­pro­tes­te in Bela­rus fünf aktu­el­le Bei­trä­ge – und den Hin­weis auf die bis­her letz­te unse­rer zahl­rei­chen kom­men­tier­ten Mate­ri­al­samm­lun­gen zu Bela­rus:

Protest am 2. Tag nach der Wahl in der Hauptstadt von Belarus„Offe­ner Brief an die Pro­tes­tie­ren­den in Bela­rus“ von Oppo­si­tio­nel­len aus dem Ruhr­ge­biet am 18. August 2020 bei tele­po­lis externer Link macht in einem Bei­trag, der auch auf Rus­sisch ver­brei­tet wur­de (im Bei­trag ver­linkt) auf fal­sche Hoff­nun­gen auf­merk­sam: „… Was Sie nach einer mehr oder weni­ger “fried­li­chen Revo­lu­ti­on” in Bela­rus zu erwar­ten haben, das kön­nen Sie aller­dings mit Gewiss­heit an fast allen ande­ren Län­dern Ost­eu­ro­pas aus­führ­lich stu­die­ren. Las­sen Sie sich infor­mie­ren über die Abwick­lung der Staats­be­trie­be, Mas­sen­ent­las­sun­gen, Zusam­men­bruch der Kol­cho­sen und land­wirt­schaft­li­chen Betrie­be, mas­sen­haf­te Land­flucht und das Ster­ben der Dör­fer in der Ukrai­ne, in der Repu­blik Mol­dau, Rumä­ni­en, Polen … Ver­glei­chen Sie den Zer­fall der sozia­len Infra­struk­tur, von Kitas, Kran­ken­häu­sern, Alten­hei­men und die Fol­gen für Lebens­er­war­tung, Alko­ho­lis­mus und Ver­wahr­lo­sung … Dafür bekom­men Sie in der neu­en Frei­heit gewiss neue Olig­ar­chen, die mit eige­nen Fern­seh­sen­dern, Ver­la­gen und Par­tei­en um die Macht kon­kur­rie­ren. Alle vier Jah­re kön­nen Sie einen ande­ren wäh­len. Ändern tut sich dadurch bekannt­lich nichts. Die aka­de­mi­sche Eli­te ver­lässt übri­gens die Hei­mat und ihre Fami­li­en, um in Deutsch­land oder Groß­bri­tan­ni­en im Kran­ken­haus, in der Indus­trie oder IT-Bran­che viel zu arbei­ten. Der Rest der Bevöl­ke­rung kann mit Wan­der­ar­bei­tern aus Polen, der Ukrai­ne oder Mol­dau dar­um kon­kur­rie­ren, wer als Spar­gel­ste­cher oder Schlacht­ar­bei­ter, Putz­frau und Pro­sti­tu­ier­te in deut­schen Betrie­ben und Bor­del­len aus­ge­beu­tet und krank gemacht wird. Las­sen Sie sich auch dar­über infor­mie­ren, wie ost­eu­ro­päi­sche Migran­ten in West­eu­ro­pa woh­nen, wie sie behan­delt wer­den, wenn sie Arbeit und Woh­nung ver­lie­ren, und was jene Deut­schen von Ihnen hal­ten, die gera­de so viel Sym­pa­thie für ihren Frei­heits­kampf zei­gen. Und schließ­lich noch ein Wort zum The­ma freie Wah­len. Da ken­nen wir uns näm­lich lei­der aus: In den mus­ter­gül­ti­gen Demo­kra­tien West­eu­ro­pas gel­ten die fol­gen­den Din­ge als “alter­na­tiv­los” und ste­hen nicht zur Wahl: die Eigen­tums­ver­hält­nis­se mit Mil­li­ar­dä­ren und Bett­lern, die Arbeits­lo­sig­keit, Arbeit, die krank und depres­siv macht, die Armut und die Aus­beu­tung ost­eu­ro­päi­scher Wan­der­ar­bei­ter, Abschie­bun­gen usw… Ob sie zu die­sen glück­li­chen Wanderarbeiter_​innen künf­tig gehö­ren dür­fen, ent­schei­den übri­gens auch nicht freie Wah­len in Minsk, son­dern Ber­li­ner und Brüs­se­ler Geset­ze zur Arbeit­neh­mer­frei­zü­gig­keit und die gar nicht frei gewähl­ten Per­so­nal­chefs west­li­cher Unter­neh­men. Dabei ste­hen nicht Ihre Bedürf­nis­se und Sor­gen im Mit­tel­punkt, son­dern der Bedarf gro­ßer Kapi­ta­le an bil­li­gen und wil­li­gen Arbei­tern. Die­ser Bedarf dürf­te in Zei­ten der Kri­se übri­gens abseh­bar gedeckt sein ...“

ABC-Belarus - Anarchist Black Cross Belarus„Lin­ker Pro­test gegen Luka­schen­ko“ von Ute Wein­mann am 16. August 2020 bei nd online externer Link berich­tet unter ande­rem: „… Er gehört dem Zen­tral­ko­mi­tee der lin­ken Par­tei »Gerech­te Welt« an, die aus der bela­rus­si­schen kom­mu­nis­ti­schen Par­tei her­vor­ge­gan­gen war und 2009 ihren Namen geän­dert hat­te, um etwai­ge Ver­wechs­lun­gen zu ver­mei­den. Denn bereits Mit­te der 1990er Jah­re kam es zur Spal­tung und in der Kon­se­quenz zur Grün­dung der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Bela­rus KPB. Im Gegen­satz zur staats­na­hen KPB posi­tio­nier­te sich die »Gerech­te Welt« früh­zei­tig als alter­na­ti­ve Kraft, die sich mit Kri­tik am Füh­rungs­stil von Alex­an­der Luka­schen­ko nicht zurück­hält. Für Katarz­heuski ist es eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, dass sich die Lin­ke an den aktu­el­len Pro­tes­ten betei­ligt. Auch 2017, als vie­le Men­schen gegen die Erhe­bung einer Son­der­steu­er für nicht offi­zi­ell Beschäf­tig­te auf die Stra­ße gin­gen, war er dabei. Als einer der weni­gen Lin­ken in Bela­rus spricht er sich auch jetzt vehe­ment gegen eine rei­ne Beob­ach­ter­rol­le aus. Im mar­xis­ti­schen und kom­mu­nis­ti­schen Spek­trum hal­ten sich vie­le auf Distanz, was sie damit begrün­den, dass sich die Ereig­nis­se nach ukrai­ni­schem Vor­bild ent­wi­ckeln wür­den und unwei­ger­lich eine Abrech­nung mit dem Kom­mu­nis­mus bevor­stün­de. Katarz­heuski hin­ge­gen sieht kei­nen Anlass dafür, dass es schlim­mer kom­men könn­te, als es jetzt schon ist. »Soll­te es kurz­zei­tig eine Demo­kra­ti­sie­rung geben, bie­ten sich für die Lin­ke weit­rei­chen­de Hand­lungs­op­tio­nen«, ist er sich sicher. Am Abend des 10. August begab er sich gemein­sam mit drei sei­ner Genos­sen auf den Weg in die Mins­ker Innen­stadt. Weil der Inter­net­zu­gang auch per Pro­xy blo­ckiert war, ver­pass­ten die Vier Ankün­di­gun­gen über die Kon­zen­tra­ti­on von Sicher­heits­kräf­ten an ihrem Ziel­ort und behiel­ten ihren Kurs Rich­tung Sie­gespark bei. Poli­zis­ten kon­trol­lier­ten zunächst ihre Aus­wei­se und blie­ben freund­lich, bis ein Klein­bus mit Uni­for­mier­ten in vol­ler Mon­tur die Akti­vis­ten abhol­te. Die Poli­zis­ten schlu­gen zu und bedau­er­ten, die »Faschis­ten« nicht erschie­ßen zu dür­fen. Im Unter­su­chungs­ge­fäng­nis in Scho­di­no unweit der Haupt­stadt sei der Umgang weni­ger aggres­siv gewe­sen, sagt Katarz­heuski. 24 Män­ner in einer Zel­le für acht Per­so­nen, aber kei­ne Miss­hand­lun­gen mehr, dafür völ­li­ge Infor­ma­ti­ons­blo­cka­de. Eine Rich­te­rin ver­ur­teil­te Katarz­heuski in einem Schnell­ver­fah­ren zu fünf Tagen Haft…“

Plakat zum Belarus-Solitag 14.8.2020„Das Ende Luka­schen­kos?“ von Fabi­an Wisotz­ky am 17. August 2020 bei der Rosa Luxem­burg Stif­tung externer Link unter­streicht zu „far­bi­gen Revo­lu­ti­ons­hoff­nun­gen“ unter ande­rem: „… Dass er in Bela­rus eine soge­nann­te «Farb­re­vo­lu­ti­on» auf­hal­te, die alle GUS-Staa­ten bedro­he. Mit die­ser Rhe­to­rik der Gefahr einer aus­län­di­schen Ein­mi­schung, die die Unab­hän­gig­keit Bela­rus bedro­he, könn­te Luka­schen­ko die gewalt­sa­me Nie­der­schla­gung der Pro­tes­te begrün­den. Aller­dings ist die Pro­test­be­we­gung inzwi­schen ver­mut­lich zu groß. Demonstrant*innen könn­te die Poli­zei noch mit Gewalt aus­ein­an­der­ja­gen, aber die Arbeiter*innen in den Betrie­ben nur schwer zur Wie­der­auf­nah­me der Arbeit bewe­gen. Der­zeit scheint es wahr­schein­li­cher, dass die Pro­test­be­we­gung sich mit ihrer For­de­rung nach einem Abgang Luka­schen­kos durch­setzt. Dass sei­ne Geg­ne­rin in der Wahl Swet­la­na Tich­anow­ska­ja zur neu­en (dau­er­haf­ten) Prä­si­den­tin wird, ist unwahr­schein­lich. Sie hat­te in ihrer Wahl­kam­pa­gne immer erklärt, nur fai­re Neu­wah­len anzu­stre­ben und das Prä­si­den­tin­nenamt nicht dau­er­haft beklei­den zu wol­len. Wer also neue*r Präsident*in wür­de und mit wel­chem poli­ti­schen Pro­gramm, ist völ­lig offen. Nahe­lie­gend wären zum Bei­spiel die drei ver­hin­der­ten Kan­di­da­ten Ser­gej Tich­anow­skij, Wik­tor Baba­ri­ko und Walerij Zep­ka­lo. Die letz­ten bei­den gal­ten vor der Wahl als Mos­kau-nah, ein Wech­sel in der Außen­po­li­tik, der das Land zum Spiel­ball geo­po­li­ti­scher Kon­flik­te wer­den las­sen könn­te, ist also nicht zu erwar­ten. Bis­her sind auch kei­ne der­ar­ti­gen For­de­run­gen der Pro­test­be­we­gung bekannt, sie fokus­siert sich allein auf die inne­re Ange­le­gen­heit – die freie Wahl der Präsident*in. Es könn­te sich also wie im Fal­le Arme­ni­ens ein Macht­wech­sel an der Spit­ze des Staa­tes voll­zie­hen, der kei­ne wei­ter­ge­hen­den Kon­flik­te her­vor­ruft. Zu wün­schen ist den Men­schen in Bela­rus, dass es dazu kommt, dass sie in einer frei­en und fai­ren Wahl ihre*n Präsident*in selbst bestim­men kön­nen, ohne zum Spiel­ball geo­stra­te­gi­scher Inter­es­sen zu wer­den. Dass Bela­rus zukünf­tig durch eine sozia­le­re Poli­tik gekenn­zeich­net sein wird und der Lebens­stan­dard der Bevöl­ke­rung stei­gen wird, ist aller­dings unwahr­schein­lich. Im Fal­le des Sie­ges der Oppo­si­ti­on ist eine wirt­schafts­li­be­ra­le­re Poli­tik zu erwar­ten. Die lin­ken Kräf­te in der Oppo­si­ti­on, zum Bei­spiel die Par­tei «Gerech­te Welt», die Mit­glied der Euro­päi­schen Lin­ken ist, sind der­zeit zu mar­gi­nal, um eige­ne poli­ti­sche Vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen...“

„In Bela­rus, the Left Is Figh­t­ing to Put Social Deman­ds at the Heart of the Pro­tests“ am 17. August 2020 im Jaco­bin Mag externer Link ist ein Inter­view von Volo­dym­yr Arti­ukh mit den lin­ken Online-Akti­ven Kse­nia Kunit­s­ka­ya und Vita­ly Shku­rin über die Akti­vi­tä­ten lin­ker Kräf­te in der aktu­el­len Bewe­gung. Dar­in wird auch knapp die Geschich­te der zahl­rei­chen Ver­su­che der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on, ein­schließ­lich gewerk­schaft­li­cher Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on skiz­ziert – und ihre Unter­drü­ckung in den letz­ten Jahr­zehn­ten, die nur die Gewerk­schafts­fö­de­ra­ti­on Bela­rus „übrig ließ“ deren Tätig­keit sich tra­di­tio­nell auf Ver­tei­lung von Bezugs­schei­nen für Urlaubs­un­ter­künf­te und ähn­li­che Trans­mis­si­ons-Anstren­gun­gen beschränk­te. Bei­de wei­sen in dem Gespräch auf die – redu­zier­te – Tätig­keit diver­ser lin­ker Grup­pie­run­gen im Lan­de hin und deren Bestre­bun­gen auch bei den aktu­el­len Aktio­nen sozia­le Fra­gen zum The­ma zu machen (unter ande­rem weil, ent­ge­gen ver­schie­dens­ter Pro­pa­gan­da­be­haup­tun­gen, das Regime kei­nes­wegs eine sozia­le Poli­tik betrei­be). Und sie wei­sen die zur Ver­tei­di­gung des Regimes erho­be­nen The­sen zurück, es gebe Par­al­le­len zur Mai­dan-Bewe­gung in der Ukrai­ne 2014 – mit dem State­ment, dass es in Bela­rus eben kei­ne rela­tiv star­ke und mili­tan­te faschis­ti­sche Bewe­gung gebe…

„Workers pro­tests in Bela­rus: Appeal to fight for workers inte­rests and not for poli­ti­cal power“ am 16. August 2020 bei lib​com​.org externer Link berich­tet von Akti­vi­tä­ten lin­ker Basis-Grup­pie­run­gen, die eben sol­che sozia­le For­de­run­gen und Zie­le in den Mit­tel­punkt ihrer Tätig­keit stel­len und dazu auf­ru­fen, für sie zu kämp­fen. Wobei unter ande­rem auch der bis­he­ri­ge Regie­rungs­kurs auf Pri­va­ti­sie­rung und Pre­ka­ri­sie­rung aus­führ­lich und kon­kret kri­ti­siert wird und damit auch deut­lich gemacht, dass die Poli­tik Lukas­hen­kos kei­ne pro­gres­si­ven Aspek­te auf­wies – und auf­weist…

Unter­des­sen for­dert ver.di externer Link stär­ke­res Enga­ge­ment in der EU gegen Über­grif­fe auf Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten in Bela­rus: “Der ver.di-Vorsitzende Frank Wer­ne­ke und das für Medi­en zustän­di­ge Bun­des­vor­stands­mit­glied Chris­toph Schmitz haben Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas in einem Brief auf­ge­for­dert, der eska­lier­ten Lage in Bela­rus „eine noch höhe­re Prio­ri­tät im inter­na­tio­na­len Enga­ge­ment Deutsch­lands“ zukom­men zu las­sen…”

Und es gibt ein Spen­den­kon­to vom Bund für Sozia­le Ver­tei­di­gung e.V. für medi­zi­ni­sche und juris­ti­sche Ver­sor­gung der Ver­haf­te­ten: Stich­wort Bela­rus, IBAN: DE39 4905 0101 0040 1398 00

Der Bei­trag Was die EU wegen der demo­kra­ti­schen Mas­sen­pro­tes­te in Bela­rus tun soll? Ihre neo­li­be­ra­len Poli­zei­staats-Fin­ger von dem Land las­sen erschien zuerst auf Labour­Net Ger­ma­ny.

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