[perspektive:] Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft? – Es reicht!

Als ich vor Kurzem durch meinen Stadtteil in Leipzig lief, fiel mir auf, dass einige Wohnblöcke zur gleichen Zeit renoviert werden. Ich kam mit den HausbewohnerInnen ins Gespräch und war schockiert. – Ein Bericht von Stefan Pausitz

Seit Beginn des Früh­jahrs 2020 unter­zieht die LWB in der Gerst­er­stra­ße dut­zen­de Wohn­blö­cke einer Teil­sa­nie­rung. Die Teil­sa­nie­rung kommt zu einem sehr spä­ten Zeit­punkt. Einem Zeit­punkt, bis zu dem sich die Mie­te­rIn­nen an der Haus­ver­wal­tung der Leip­zi­ger Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft (kurz: LWB) die Zäh­ne aus­bis­sen.

Nicht nur, dass es über meh­re­re Jah­re immer wie­der zu Brän­den in dem Wohn­block kam und die Sicher­heits­vor­keh­run­gen im Trep­pen­haus selbst mit dem Wort „Sicher­heit“ nichts zu tun haben, ver­stört die meis­ten Mie­te­rIn­nen. Denn nicht nur die Befürch­tung, ein Feu­er könn­te dem­nächst auch in ihrem Haus gelegt wer­den, son­dern auch die pure Angst vor Ein­brü­chen und der damit ver­bun­de­nen Ver­let­zung der eige­nen häus­li­chen Inte­gri­tät sind ste­ti­ge Beglei­ter. Das sind nicht etwa vage Behaup­tun­gen, um Auf­merk­sam­keit zu erre­gen, denn die Woh­nungs­tü­ren sind tat­säch­lich nur aus Pap­pe. Öff­net eine Mie­te­rIn die Bal­kon­tür, so öff­net sich im glei­chen Atem­zug die Woh­nungs­tür. Die Haus­ver­wal­tung wie­gel­te die­ses Pro­blem über Jah­re mit dem Argu­ment der bevor­ste­hen­den Teil­sa­nie­rung ab. Ein Hor­ror für die Mie­te­rIn­nen.

Vor Teilsanierung – alles auf Eigenkosten

Natür­lich sicher­ten sich die Mie­te­rIn­nen selbst, indem sie Schlös­ser auf Eigen­kos­ten kauf­ten. Durch die­se per­ma­nen­ten „Schön­heits­re­pa­ra­tu­ren“ ent­stan­den inner­halb von einem Jahr­zehnt Kos­ten von über 3.000€ für die Mie­te­rIn­nen. Sogar im Trep­pen­haus wech­sel­ten, auf­grund der lang­wie­ri­gen War­te­zei­ten, die Haus­be­woh­ne­rIn­nen die Glüh­bir­nen selbst. Nach eini­ger Zeit beka­men sie die­se Glüh­bir­nen wenigs­tens vom zustän­di­gen Haus­meis­ter erstat­tet.

Glüh­bir­nen sind in die­sem Fall etwas, was schnell erle­digt wer­den muss, doch gab es vor der Halb­sa­nie­rung auch ande­re Arbei­ten, die durch­ge­führt wur­den. Bei einer Haus­be­woh­ne­rIn wur­den bei­spiels­wei­se die Steck­do­sen „moder­ni­siert“. Die­se „Moder­ni­sie­rung“ wur­den spä­ter auf die Neben­kos­ten auf­ge­legt. Bei einer ande­ren Haus­be­woh­ne­rIn sind die Steck­do­sen ohne wei­te­re Schutz­klap­pe direkt am Spül­be­cken in der Küche instal­liert.

Fragwürdige Methoden bei Teilsanierung

Doch auch wäh­rend der aktu­el­len Teil­sa­nie­rung kommt es zu chao­ti­schen Sze­nen. Nicht genü­gend abge­si­cher­te Gerüs­te laden spa­zier­freu­di­ge Jugend­li­che zum Ver­wei­len auf den Dächern ein. Dar­auf­hin kommt es auch zu gele­gent­li­chen Ein­brü­chen durch das Gerüst. Als ich bei mei­nem Spa­zier­gang an den Wohn­blö­cken vor­bei­ging, fie­len mir außer­dem die erst halb demon­tier­ten Bal­ko­ne als ers­tes ins Auge.

Auf die Fra­ge, wie lan­ge die­ser Zustand denn anhal­ten wer­de, zuck­ten die Haus­be­woh­ne­rIn­nen mit den Schul­tern. Bis Ende des Jah­res sei­en die Bau­maß­nah­men vor­ge­se­hen – viel­leicht wer­den sie auch so lan­ge nicht mehr ihren Bal­kon betre­ten dür­fen. Die­se Unge­wiss­heit zieht sich durch die gan­ze Maß­nah­me: Eine Miet­par­tei sei z.B. durch die eige­ne Schicht­tä­tig­keit nicht in der Lage, alle Ter­mi­ne geschwei­ge denn Ter­min­ver­ein­ba­run­gen wahr­zu­neh­men und zuhau­se zu sein – eine Lösung hier­für ist nur die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Haus­be­woh­ne­rIn­nen. Auch den täg­li­chen Dreck im Trep­pen­haus, Fahr­rad- und Tro­cken­raum müs­sen die Bewoh­ne­rIn­nen stän­dig selbst besei­ti­gen.

Die unor­ga­ni­sier­te Her­an­ge­hens­wei­se beim Aus­bau selbst lässt sich nicht nur an den teil­de­mon­tier­ten Bal­ko­nen erken­nen, son­dern schon im Vor­gar­ten der Häu­ser: ein Abschnitt ist gemäht – ein ande­rer Abschnitt ist voll­kom­men zuge­wu­chert. Auf mei­ne Fra­ge, was denn bei der Teil­sa­nie­rung alles moder­ni­siert wer­den soll, zähl­ten mir die Anwoh­ne­rIn­nen auf, dass die bau­fäl­li­ge Woh­nungs­tür ersetzt wer­den sol­le. Eben­falls sol­le das Haus eine neue Däm­mung bekom­men.

Fra­ge­zei­chen in den Augen bekam ich, als sie mir sag­ten, dass die völ­lig intak­te Hei­zung mit allen Roh­ren ersetzt wer­den sol­le. Auch die Fens­ter sol­len aus­ge­tauscht wer­den – dabei waren die Fens­ter zuvor gar nicht die ältes­ten. Hin­ge­gen wür­den die alten DDR-Kabel und die ver­al­te­te und spo­ra­disch funk­tio­nie­ren­de Klin­gel­an­la­ge wei­ter­hin in der Wand blei­ben. Was gegen den Schim­mel in den Woh­nun­gen getan wer­den könn­te, wur­de den Men­schen mit dem übli­chen Zynis­mus beant­wor­tet: bes­ser lüf­ten.

Da die Mie­te­rIn­nen immer wie­der auf die Unor­ga­ni­siert­heit auf der Bau­stel­le hin­wie­sen, wur­de nun ein Schrei­ben vom zustän­di­gen Inge­nieur­bü­ro ver­fasst. Anfangs wur­de nur auf brief­um­schlag-gro­ßen Zet­teln die Demon­ta­ge der Küchen ange­kün­digt – nichts wei­ter stand dar­auf. Nun haben die Mie­te­rIn­nen etwas mehr Gewiss­heit über den Ablauf der Arbei­ten. Doch auch for­mu­lier­ten Ver­ein­ba­run­gen wür­den nicht ein­ge­hal­ten, sodass eini­ge Mie­te­rIn­nen z.B. über zwei Wochen kei­ne Küche zur Ver­fü­gung haben.

Direkte Mieterhöhung angedroht

Noch bevor die Bau­maß­nah­men star­te­ten, kün­dig­te die LWB Miet­erhö­hun­gen nach der Teil­sa­nie­rung an. In den Häu­sern selbst leben Alt­ein­ge­ses­se­ne. Nied­rig­lohn­ar­bei­ten, BAföG, Arbeits­lo­sen­geld II und eine dün­ne Ren­te bestim­men häu­fig das finan­zi­el­le Leben der Men­schen hier. Durch die Intrans­pa­renz der LWB, die Miet­erhö­hung nicht genau zu bezif­fern, haben die Anwoh­ne­rIn­nen schlaf­lo­se Näch­te. Auf Nach­fra­ge der Bewoh­ne­rIn­nen bei der LWB, ob es die Mög­lich­keit gäbe eine ande­re Woh­nung des glei­chen kom­mu­na­len Trä­gers zu bezie­hen, wur­de frech geant­wor­tet: „Zie­hen Sie ein­fach woan­ders hin – wir haben nix“.

Kein Einzelfall

Die LWB ver­mie­tet ihren Bestand qua Sat­zung zu 50% als Sozi­al­woh­nun­gen. Im Umkehr­schluss heißt das, dass es mög­lich ist, wei­ter­hin Woh­nun­gen der LWB zu bezie­hen. Aller­dings tre­ten hier zwei Pro­ble­me auf: die bezahl­ba­ren Woh­nun­gen in Leip­zig rei­chen bei wei­tem nicht aus. Das ande­re Pro­blem ist, dass sie eben nur 50% als Sozi­al­woh­nun­gen ver­mie­ten, obwohl die LWB teil­wei­se Alt­be­stän­de der Stadt Leip­zig regel­recht hin­ter­her gewor­fen bekam. In einem ande­ren Stadt­teil, in Leip­zig-Pauns­dorf, saniert die LWB die Woh­nun­gen nicht alters­ge­recht, sodass die dort leben­den Rent­ne­rIn­nen nach mehr als 30–40 Jah­ren aus ihren Woh­nun­gen aus­zie­hen müs­sen.

Zu Coro­na-Zei­ten stellt die LWB den in Miet­ver­zug gera­te­nen Mie­te­rIn­nen ein Dar­le­hen in Aus­sicht. Das heißt, dass die Mie­te irgend­wann wie­der zurück­ge­zahlt wer­den muss. Zu Zei­ten der Wirt­schafts­kri­se ist dies ein Armuts­zeug­nis für den kom­mu­na­len Betrieb, der die­ses Jahr schwar­ze Zah­len schrieb. Für pre­kä­re Bevöl­ke­rungs­grup­pen ist die­ser Auf­schub nur ein tem­po­rä­res Trost­pflas­ter. Gleich­zei­tig stellt die LWB ihren Leer­stand nicht für Woh­nungs­lo­se oder Geflüch­te­te zur Ver­fü­gung.

Forderungen

Die For­de­run­gen der Mie­te­rIn­nen sind der kom­plet­te Mie­ter­lass für die nächs­ten Mona­te, statt der jet­zi­gen 30–50 Euro. Die Begrün­dun­gen hier­zu sind in den vor­he­ri­gen Absät­zen zu fin­den. Außer­dem for­dern sie eine Absi­che­rung des Bau­ge­rüsts, da im aktu­el­len Moment das Gerüst teil­wei­se ein­fach betret­bar sei und man leich­ten Zugang zu den Bal­ko­nen habe. Eben­so for­dern sie einen schnel­len Ein­bau der neu­en Türen.

Der Bei­trag Leip­zi­ger Woh­nungs- und Bau­ge­sell­schaft? – Es reicht! erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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