[perspektive:] „Von uns 30 überlebten nur 15 – später sammelten sie die Leichen der Ertrunkenen ein.“

In einem längeren zweiteiligen Artikel schildert Shoresh Karimi seine mühsame Flucht vor der politischen Verfolgung durch das iranische Regime und den Kampf ums Überleben gegen Schmuggler und das tödliche Mittelmeer. – Zweiter Teil des Berichts „Die tragische und schmerzhafte Geschichte meiner Flucht nach Europa“.

Es war unge­fähr 6 Uhr nach­mit­tags, als sie uns mit ein paar Taxis vom Hotel im tür­ki­schen Didim eilig zum Strand brach­ten und wir im Gebüsch war­ten muss­ten. Wir muss­ten unse­re Schwimm­wes­ten am Strand anzie­hen. In der Zwi­schen­zeit stell­ten wir fest, dass Hai­bat die Schwimm­wes­ten und eine Tasche im Hotel gelas­sen hat­te. Ich ging und erzähl­te einem der Leu­te, die für die Schmugg­ler arbei­te­ten, davon. Aber sie sag­ten, sie könn­ten nicht dort­hin zurück­keh­ren und die Sachen holen oder mit­brin­gen.

Weil ich schwim­men konn­te, öff­ne­te ich mei­ne Schwimm­wes­te und gab sie Han­nah. Lei­la wein­te laut und bat uns, nicht an Bord zu gehen, weil das Boot nur 15 Per­so­nen beför­dern könn­te, aber ins­ge­samt 30 von uns ein­stei­gen soll­ten. Rib­war, Lei­las Ehe­mann, schrie wütend: „Wir haben kei­ne Wahl, all unser Geld wur­de von die­sen Schmugg­lern genom­men. Wir haben alle unse­re Besitz­tü­mer ver­kauft und haben nichts mehr zum Leben.“ Die meis­ten von uns aber waren erschöpft und woll­ten nur irgend­wie nach Grie­chen­land. Viel­leicht war die­se Art des lan­gen War­tens Teil des Schmugg­ler­plans, damit wir nichts gegen die gro­ße Anzahl von Men­schen an Bord ein­zu­wen­den hät­ten.

Als ich an die­sem Abend mit Gol­naz sprach, sag­te sie, dass sie es vor­zie­hen wür­de, heu­te Abend im Was­ser zu ertrin­ken, anstatt ins Hotel zurück­zu­keh­ren. Gol­naz unschul­di­ges Gesicht war vol­ler Müdig­keit und Ver­zweif­lung. Aber Han­nah war sehr hoff­nungs­voll und gut gelaunt und sprach von ihren Träu­men, ihre Aus­bil­dung fort­zu­set­zen. Ich traf die glei­che Ent­schei­dung wie Gol­naz und sah kei­ne ande­re Wahl, als zu über­le­ben oder zu ertrin­ken. Unter kei­nen Umstän­den woll­te ich in die­ses Hotel zurück­keh­ren und war­ten.

Nach­dem wir uns eine Wei­le in den Büschen am Strand ver­steckt hat­ten, stie­gen wir alle ein. Die Schmugg­ler waren mit Pis­to­len bewaff­net und zogen absicht­lich ihre Waf­fen, um uns zu erschre­cken. Der Motor des Boo­tes war so qual­mig, dass wir manch­mal nur schwar­zen Rauch sahen. Neben mir saß Rib­wars Bru­der, Abdul Qadir, der Atem­not durch den Motor­rauch hat­te. Hibat und sei­ne Fami­lie sowie Shahram befan­den sich im unte­ren Deck des Boo­tes, ich befand mich oben auf dem Boot. Das Meer war stür­misch, und je wei­ter wir vom Ufer ent­fernt waren, des­to höhe­rer wur­den die Wel­len und des­to schreck­li­cher wur­de das Bild. Als die Wel­len auf das Boot tra­fen, kam viel Was­ser hin­ein und schüt­tel­te das Boot stark. Da ich mich auf­grund der gro­ßen Anzahl von Men­schen und des Platz­man­gels nicht bewe­gen konn­te, frag­te ich Abdul Qadir, wie spät es sei und ob er eine Insel in der Nähe sehe? Er ant­wor­te­te: „Nein, ich sehe noch kei­ne Insel.“ Es war unge­fähr eine hal­be Stun­de nach unse­rer Abrei­se, als der Fah­rer den Motor abstell­te. Alle reagier­ten sofort und alle hat­ten Angst.

Rib­war, der mir nahe stand und Tür­kisch konn­te, frag­te den Fah­rer, war­um er den Motor des Boo­tes abge­stellt habe, und der Fah­rer ant­wor­te­te, dass der Die­sel aus­ge­gan­gen sei. Sie sag­ten, spre­chen Sie nicht und machen Sie kein Licht an. Der Boots­fah­rer tele­fo­nier­te mit sei­nem Han­dy und signa­li­sier­te mit einer Taschen­lam­pe. Ein Schnell­boot mit zwei Per­so­nen an Bord näher­te sich uns. Ich sag­te Rib­war laut, dass die Schmugg­ler wohl flie­hen und uns hier las­sen woll­ten. Wir dürf­ten sie nicht ent­kom­men las­sen. Rib­war ent­geg­ne­te wütend, dass sie unser Boot abschlep­pen woll­ten. Das Schnell­boot stell­te sei­nen Motor ab. Der Fah­rer des Boo­tes erlaub­te nie­man­dem auf­zu­ste­hen, und ließ uns nicht ein­mal mit­ein­an­der reden. Inner­halb einer Minu­te spran­gen bei­de Schmugg­ler von unse­rem Boot in das Schnell­boot, lie­ßen den Motor an und flo­hen.

Als alle bemerk­ten, dass die Schmugg­ler das Wei­te such­ten, herrsch­te Auf­re­gung. Frau­en und Kin­der hat­ten beson­ders Angst und schrien laut. Das Boot zit­ter­te so sehr, dass wir dach­ten, es könn­te sofort ken­tern. Shahram, Hai­bat und ich beru­hig­ten die Men­schen und sag­ten, wenn Sie sich nicht beweg­ten, wer­de die­ses Boot hier blei­ben, und die Schif­fe wür­den uns sicher bis mor­gen sehen und uns ret­ten. Alle schrien. Ich erin­ne­re mich, als ein Pas­sa­gier­flug­zeug über unse­re Köp­fe flog, schrien alle und baten um Hil­fe. Weil ich mir ange­se­hen hat­te, wie man den Motor star­ten konn­te, sag­te ich Rebin, er sol­le hin­ter das Ruder des Boo­tes gehen und ihn, wann immer ich sag­te, star­ten. Auf der Rück­sei­te des Boo­tes befan­den sich zwei Bat­te­rien, die durch Anschlie­ßen von zwei Dräh­ten gestar­tet wer­den muss­ten. Ich habe zwei Kabel ange­schlos­sen, aber lei­der waren die Bat­te­rien leer und schwach und konn­ten den Motor nicht ein­schal­ten. Wäh­rend­des­sen ver­such­te Shahram, die ande­ren zu beru­hi­gen, damit das Boot nicht ken­ter­te. Alle waren geschockt. Hai­bat ver­such­te, die Poli­zei mit sei­nem Han­dy anzu­ru­fen, aber es klapp­te nicht.

Spä­ter hat Shah­por, Shahrams Bru­der, mir erzählt, dass Hai­bat es geschafft hat­te, ihn in Nor­we­gen zu kon­tak­tie­ren und ihm zu sagen, dass wir auf See fest­sit­zen und die Schmugg­ler ent­kom­men waren. Es gab ein star­kes Schwan­ken des Boo­tes und das Tele­fon von Hai­bat fiel hin­un­ter. Hai­bats Han­dy war ins Meer gefal­len.

Die tra­gi­sche und schmerz­haf­te Geschich­te mei­ner Flucht nach Euro­pa

Nach eini­ger Zeit ver­sank die Rück­sei­te des Boo­tes lang­sam im Was­ser und lief mit Was­ser voll. Ich rief allen zu, sie soll­ten zur Vor­der­sei­te des Boo­tes gehen, um weni­ger Gewicht auf die Rück­sei­te des Boo­tes zu legen. Drei oder vier Per­so­nen gin­gen und sobald ich das Ruder des Boo­tes betrat, sah ich eine Wel­le. Der Sturm brach­te viel Was­ser auf die Rück­sei­te des Boo­tes. Ich kam zurück, um einen Eimer mit Was­ser zu lee­ren, als ich sah, dass nichts mehr getan wer­den konn­te. Alle wein­ten und schrien. Wir wuss­ten nicht mehr, was wir tun soll­ten. Ange­sichts der Grö­ße und Dun­kel­heit der Ägä­is gab es in die­ser Win­ter­nacht kei­nen Wil­len mehr. Ich warf mei­nen Ruck­sack, der das ein­zi­ge Eigen­tum mei­nes 30-jäh­ri­gen Lebens war, und nur eini­ge mei­ner Aus­wei­se und täg­li­chen und per­sön­li­chen Noti­zen ins Was­ser und warf auch jeden wei­te­ren Ruck­sack, den ich bekom­men konn­te, über Bord, um das Boot zu erleich­tern, aber der hin­te­re Teil des Boots war bereits ins Was­ser getaucht. Wir sag­ten allen, sie soll­ten ins Meer sprin­gen, um das Boot leich­ter zu machen und zumin­dest die Kin­der am Leben zu erhal­ten.

Ich war der ers­te und Rib­war sprang hin­ter mir ins Was­ser. In einem Moment sah ich ihn von mir weg­schwim­men, er war ein erfah­re­ner Schwim­mer, er hat­te einen schlan­ken und lang­ge­streck­ten Kör­per. Er schwamm zurück zum Boot, weil sei­ne vier Kin­der, sei­ne Frau und sein Bru­der im Boot waren. In der Zwi­schen­zeit konn­te ich nur die Dun­kel­heit und die Wel­len über mei­nem Kopf sehen.

Trotz der Tat­sa­che, dass mitt­ler­wei­le vier Jah­re ver­gan­gen sind, höre ich heu­te noch immer das Heu­len und Bit­ten mei­ner Gefähr­ten um Hil­fe. Es ist wie ein schreck­li­cher Alb­traum für mich, an den ich nicht ger­ne den­ke, weil die­se Bil­der mit all den Details durch mei­nen Kopf zie­hen und unbe­wusst Trä­nen des Bedau­erns flie­ßen.

Kei­ne Wor­te kön­nen die­se Zustän­de beschrei­ben, außer denen, die den Tod genau berührt haben. Momen­te, in denen du dem Tod näher bist als dem Leben und es kei­ne Hoff­nung auf Über­le­ben gibt. In die­sen Momen­ten dach­te ich, dass die­ses Leben nur Angst und Leid für mich sei und die­se schreck­li­che Tra­gö­die das Ende davon war. Am schmerz­haf­tes­ten ist es, die Schreie von Kin­dern zu hören, da es kei­nen Ret­ter gibt und sie hilf­los sind.

Nach­ein­an­der zogen alle Bil­der von der Kind­heit und mei­ner Erin­ne­run­gen vor mei­nen Augen und an mei­nem Ver­stand vor­bei. Ich war von einem Berg Nost­al­gie ergrif­fen wor­den, von einer Kind­heit vol­ler Ent­set­zen im Iran in den 1980er Jah­ren, vom Heu­len mei­ner Mut­ter und mei­nem Vater, der geschla­gen wur­de, als die Sicher­heits­kräf­te der isla­mi­schen Regie­rung kamen, um ihn auf­grund sei­ner poli­ti­schen Akti­vi­tä­ten fest­zu­neh­men.

Ich dach­te an mei­ne Mut­ter und mei­nen Vater. Sie wür­den mei­nen Tod aus den Medi­en hören, sie wür­den nicht ein­mal mei­nen Kör­per fin­den, und sie wür­den für den Rest ihres Lebens trau­rig sein. Ich sag­te mei­ner Mut­ter nicht, wann wir gehen wür­den, damit sie in die­ser Nacht fried­lich schla­fen und sich kei­ne Sor­gen um mich machen konn­te. Spä­ter erklär­te mei­ne Mut­ter mir, dass mein Vater in die­ser Nacht einen Traum hat­te, dass vie­le Agen­ten und Söld­ner mir folg­ten und dass ich flie­hen muss­te. Mein Vater wach­te mit­ten in der Nacht auf. Mei­ne Mut­ter sag­te immer, mein Vater habe gesagt, dass Shoresh wahr­schein­lich etwas pas­siert sei….

Ich konn­te zu dem Teil des Boots schwim­men, der nicht unter­ge­gan­gen war. Gol­naz war die Ers­te, die ertrank. Denn Gol­naz trug kei­ne Schwimm­wes­te, weil sie ihr klei­nes Baby Kazi­wah stän­dig stil­len muss­te. Shahram erklär­te spä­ter, dass Gol­naz sehr lei­se ertrun­ken war, ohne ein Wort zu sagen oder es zu ver­su­chen. Sie hob Kazi­wah in ihre Hän­de und ver­schwand inner­halb von Sekun­den.

Shahram wein­te und bat mich, ihn zu ret­ten. Ich sag­te Shahram, dass er eine Schwimm­wes­te tra­ge und auf der Was­ser­ober­flä­che lie­gen und jedes Mal den Atem anhal­ten kön­ne, wenn die Wel­len kamen und wie­der atmen soll­te, nach­dem die Wel­len vor­bei waren. Wäh­rend die­ser Zeit sah ich mich um und sah ein rotes Licht, das weit von uns ent­fernt war.

Es war schwer zu sagen, ob es das rote Licht eines Schif­fes oder eines Lan­des war, also sag­te ich Shahram, ich wür­de zu die­sem roten Licht schwim­men, ent­we­der es wür­de mir gelin­gen und ich könn­te hel­fen, oder ich wür­de auf dem Weg ster­ben. Ich muss­te mich so ent­schei­den, weil, um dort zu blei­ben, trotz der Käl­te und der lan­gen Distanz, die wir bis zum Mor­gen­grau­en hat­ten, kei­ner von uns bis zum Mor­gen über­le­ben wür­de.

Die Wel­len hat­ten alle mit­ge­nom­men. Das Geschrei der Men­schen ent­fern­te sich immer wei­ter. Und die Geräu­sche waren fast weg. Von dem Boot war kei­ne Spur mehr zu sehen, es war voll­stän­dig ver­schwun­den. Ich kann in der Dun­kel­heit der Nacht ohne mei­ne Bril­le nicht gut sehen. Aus die­sem Grund konn­te ich nur das Schrei­en hören. Ich schwamm zum roten Licht, das aus­sah wie ein Mast. Ich wuss­te nicht, ob ich in Rich­tung Grie­chen­land oder Tür­kei schwamm, ich dach­te nur dar­an, dort­hin zu gelan­gen und den ande­ren zu hel­fen. Ich muss­te mei­ne Bril­le beim Schwim­men abneh­men und sie auf­set­zen, um mich aus­zu­ru­hen und zu sehen, ob ich dem Licht etwas näher kam oder nicht.

Es war eine schreck­li­che Zeit, ich war weit weg von den ande­ren und konn­te kein Geräusch hören. Die Angst vor dem Meer und der Dun­kel­heit über­wäl­tigt mich, aber ich ver­such­te, die Angst los­zu­wer­den. Das meis­te, wor­an ich dach­te, waren mei­ne Mut­ter und mein Vater, als ob ihre Bil­der vor mei­nen Augen ein­gra­viert wären. Ich ver­sprach mir, dass ich wegen ihnen über­le­ben wür­de. Es war, als ob der Grund für den Über­le­bens­ver­such einer­seits dar­in bestand, das Leben der Ster­ben­den zu ret­ten und sich ande­rer­seits das Lei­den mei­ner Eltern auf­grund mei­nes Todes vor­zu­stel­len, die Tau­sen­de von Mei­len ent­fernt waren.

Nach­dem ich eine Wei­le geschwom­men war, dräng­te mich die Hin­ga­be an das Meer, und ein oder zwei Mal ging ich sogar so weit, mich ein­fach ver­sin­ken zu las­sen. Ich litt so sehr und dach­te, ich wür­de mich erträn­ken und das wäre dann das Ende von mei­nen Lei­den. Es ist eine selt­sa­me Situa­ti­on zwi­schen Hin­ga­be und Wider­stand, wenn alles gegen dich ist, aber ich ver­such­te erneut zu schwim­men.

Das letz­te Bild, das ich von mei­ner Mut­ter hat­te, hielt mich davon ab, auf­zu­ge­ben. Es war vor ein paar Jah­ren, als ich von den Sicher­heits­kräf­ten der isla­mi­schen Repu­blik Iran ver­folgt wur­de. In die­ser Nacht umarm­te ich sie, floh aus Angst vor einer Ver­haf­tung für eini­ge Zeit und ver­sprach, bald zurück­zu­keh­ren.

Ich schwamm schnell, um das rote Licht zu errei­chen, von dem ich fest­ge­stellt hat­te, dass es sich um eine klei­ne Insel han­del­te. Ein- oder zwei­mal waren mei­ne Bei­ne kurz davor, mich im Stich zu las­sen. Wenn das pas­sier­te, wür­de ich defi­ni­tiv ertrin­ken. In die­ser Nacht trug ich kei­ne Schwimm­wes­te, um mich im Fal­le eines sol­chen Ereig­nis­ses zu ret­ten. Jedes Mal, wenn ich müde vom Schwim­men wur­de und mich aus­ru­hen woll­te, zit­ter­te mein Kör­per vor Käl­te und ich muss­te mich bewe­gen. Kurz gesagt, je näher ich kam, des­to hoff­nungs­vol­ler wur­de ich und des­to schnel­ler kam ich vor­an. Als ich mich nach stun­den­lan­gem Schwim­men der Insel näher­te, konn­te ich ein ange­zün­de­tes Feu­er sehen. Ich schrie um Hil­fe.

Ich war übri­gens sehr nah, die Leu­te auf der Insel hat­ten mei­ne Stim­me gehört und zeig­ten mit einer Taschen­lam­pe auf mich. Ich fand spä­ter her­aus, dass wir geplant hat­ten auf die Insel zu kom­men und dass die­je­ni­gen, die dort waren, Leu­te waren, die sicher vor uns ange­kom­men waren. Spä­ter, als wir in einem UN-Hotel waren, sahen wir eine syri­sche Frau, die mei­ne Stim­me in die­ser Nacht hör­te. Sie hat­te es aus der Fer­ne gehört und die grie­chi­sche Poli­zei infor­miert.

Ich war unge­fähr 500 Meter vom Ufer ent­fernt und sah mich am Land um, um fest­zu­stel­len, dass ich kein Boot sehen konn­te, mit dem ich mei­nen Gefähr­ten hel­fen konn­te. In der Zwi­schen­zeit sah ich ein Schiff der Küs­ten­wa­che aus der Fer­ne. Ich wech­sel­te die Rich­tung und schwamm zum Schiff anstatt an Land. Als ich mich dem Schiff näher­te, rief ich auf Eng­lisch um Hil­fe. Sie sahen mich mit einem gro­ßen Schein­wer­fer, der die Was­ser­ober­flä­che beleuch­te­te. Sie war­fen ein Plas­tik­rohr auf mich, das ich pack­te und mich dann dem Schiff näher­te. Sie senk­ten eine Lei­ter, mit der ich auf die Spit­ze des Schif­fes klet­tern konn­te. Ich stieg die Lei­ter hin­auf und ging ins Schiff. Ich konn­te nicht spre­chen und ich wein­te nur. Mit dem gebro­che­nen Eng­lisch, das ich kann­te, zeig­te ich nur den Weg, den ich gekom­men war. Sie frag­ten mich, wie vie­le Leu­te es gab, wie vie­le Kin­der bei mir waren. Ich wein­te nur und schrie: „Wo bist du, Hai­bat, Gol­naz, Shahram, Han­nah?“ Sie baten mich, ruhig zu sein, damit sie die Stim­men der ande­ren hören könn­ten.

Das Schiff beweg­te sich eine Wei­le mit hoher Geschwin­dig­keit. Es beweg­te sich schnell in die Rich­tung, die ich zeig­te. Sie hat­ten eine gro­ße Anzahl von Schein­wer­fern, die die Was­ser­ober­flä­che voll­stän­dig beleuch­te­ten. Die ers­ten, die gese­hen wur­den, waren 5 bis 6 Per­so­nen. Zwei von ihnen waren afgha­ni­sche Brü­der, die sich umarm­ten, sobald sie auf das Schiff stie­gen. Der jün­ge­re Bru­der, der 16 Jah­re alt war, sag­te, dass Kazi­wah auf sei­ner Schul­ter war und eine Wei­le leb­te und wein­te. Er fuhr fort, dass er nichts tun konn­te und alles tat um ihn am Leben zu hal­ten. Kazi­wah war unschul­dig und klein. Aber nach einer Wei­le wur­de sein Kör­per kalt und er starb. Wel­che Sün­de hat die­ses 5 Mona­te alte Baby began­gen? Es wur­de für immer still, als hät­te es trotz des Ver­laufs von fünf Mona­ten sei­nes Lebens alle Schmer­zen der Welt erfah­ren.

Jeder von ihnen fand nach­ein­an­der einen Platz auf dem Schiff. Shahram und Reibin waren die letz­ten der Men­schen, die gefun­den wur­den. Ich frag­te sie nach Hai­bat und Han­nah, aber sie ant­wor­te­ten mit Trä­nen und Weh­kla­gen. Wir wis­sen nicht, ob sie leben oder nicht.

Zwei Ret­tungs­hub­schrau­ber patrouil­lier­ten eben­falls, um wei­te­re Men­schen zu fin­den. Von 30 von uns über­leb­ten 15. Sie sam­mel­ten auch die Lei­chen der Ertrun­ke­nen, die sich auf dem Was­ser befan­den, als sie ans Land zurück­kehr­ten. Die Poli­zis­ten der Küs­ten­wa­che schrien mich an und fin­gen an mich zu schla­gen, ich konn­te nicht spre­chen und ich wein­te nur. Sie sag­ten, dass ich ein Schmugg­ler bin, weil ich schwim­men konn­te. Sie dach­ten, sicher­lich ist die Per­son, die die­se lan­ge Stre­cke schwim­men konn­te, der Boots­fah­rer oder der Schmugg­ler, aber ich habe nach die­ser Tra­gö­die nichts mehr gesagt und nur wie ver­rückt geweint. Beson­ders als ich die Lei­chen mei­ner Freun­de sah. Ich hat­te das Gefühl, nichts zu hören, selbst das Schla­gen der Poli­zei war kein Schmerz mehr.

In der Zwi­schen­zeit erklär­ten ein oder zwei von denen, die bei uns waren und Eng­lisch ver­stan­den, dass ich bereits in Istan­bul bei ihnen gewe­sen war, und dass ich auch ein Flücht­ling war, und dass ich ihr Leben geret­tet hat­te, und dass die Schmugg­ler in einem Schnell­boot geflo­hen waren.

Unter denen, die ertrun­ken sind, war die gesam­te Hai­bat-Fami­lie. Von der Rib­war-Fami­lie über­leb­ten nur Lei­la und Rib­war, sein Bru­der Abdul Kha­liq und ihre vier Kin­der ertran­ken. Zwei 4- und 6‑jährige Kin­der eines afgha­ni­schen Paa­res ertran­ken. Zwei wei­te­re jun­ge Afgha­nen ertran­ken eben­falls.

Es war unge­fähr 8 Uhr mor­gens, als wir auf der Insel Lai­rus anka­men. Lei­la wur­de allein gelas­sen und kei­nes ihrer Fami­li­en­mit­glie­der leb­te. Lei­la war wahn­sin­nig vor Trau­er, ihre Fami­lie so zu ver­lie­ren, dass sie sich selbst gegen den Kopf und das Gesicht schlug und ihre Kin­der anrief. Nach einer Wei­le kehr­te Lei­la mit den Lei­chen ihrer Fami­lie in das ira­ki­sche Kur­di­stan zurück. Die Lei­chen der Fami­lie Hai­bat wur­den eben­falls nach Mari­van gebracht.

In einem Inter­view mit der deut­schen Poli­zei wur­de ich spä­ter nach den Ereig­nis­sen die­ser Nacht und den Schmugg­lern gefragt. Ich ant­wor­te­te: Jeden Tag in der Ägä­is fällt eine Grup­pe unschul­di­ger Men­schen dem unglei­chen Sys­tem und den Pro­vo­ka­tio­nen der impe­ria­lis­ti­schen Mäch­te zum Opfer. Vor der Men­schen­han­dels­ma­fia müs­sen die gro­ßen Mono­pol­ka­pi­ta­lis­ten, die impe­ria­lis­ti­schen Regie­run­gen und die reak­tio­nä­ren Regie­run­gen der Regi­on fest­ge­nom­men und vor Gericht gestellt wer­den. Solan­ge es Kapi­ta­lis­mus, Krieg, Ungleich­heit, Dik­ta­tur, Dis­kri­mi­nie­rung und Armut gibt, gibt es Migra­ti­on und die­je­ni­gen, die gezwun­gen sind, ihre Häu­ser zu ver­las­sen und der Höl­le zu ent­kom­men, die sie für sie geschaf­fen haben.

Der Bei­trag „Von uns 30 über­leb­ten nur 15 – spä­ter sam­mel­ten sie die Lei­chen der Ertrun­ke­nen ein.“ erschien zuerst auf Per­spek­ti­ve.

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