[EMRAWI:] Hanau war ein Wendepunkt

Kannst du uns etwas über den Ent­ste­hungs­kon­text von Migran­ti­fa erzäh­len?

Es gibt in Deutsch­land einen kla­ren, star­ken Rechts­ruck. Die AfD sitzt mitt­ler­wei­le in allen Bun­des­län­dern im Par­la­ment. Die AfD brach­te eine neue Stra­te­gie für die rechts­ex­tre­men Kräf­te mit sich. Sie schafft es aka­de­mi­sche Kräf­te mit­ein­zu­be­zie­hen und stellt die­se auch in den Vor­der­grund. Mit ihrem Auf­stieg hat sich der faschis­ti­sche Dis­kurs nor­ma­li­siert und ver­bin­det sich mit einer faschis­ti­schen Pra­xis. Es war krass zu sehen, wie wenig der Mord am CDU-Poli­ti­ker Wal­ter Lüb­cke the­ma­ti­siert wur­de, auch von sei­ner eige­nen Par­tei. Alles was es gab war eine Schwei­ge­mi­nu­te im Bun­des­tag, und Tei­le der AfD ver­wei­ger­ten sich die­ser Schwei­ge­mi­nu­te offen. Neben dem Auf­stieg rech­ter Par­tei­en sehen wir somit auch das „nach rechts rücken“ von bür­ger­li­chen Par­tei­en.
Die faschis­ti­schen Angrif­fe neh­men migran­ti­sche „Safe-Spaces“ gezielt ins Visier. In die­ser Gesell­schaft, die über­all ras­sis­ti­sche Bli­cke, racial pro­filing und Kon­trol­len bereit hält, sind für uns sol­che Orte enorm wich­tig, wo wir uns ent­spannt begeg­nen kön­nen. Der Mör­der von Hanau hat genau einen sol­chen Ort, eine Shi­sha-Bar, zu einem Blut­bad gemacht. Das trifft uns sehr hart, da damit das Ver­trau­en in die­se Schutz­räu­me maxi­mal ange­grif­fen wird. Alle Migrant*innen den­ken: genau­so gut hät­te das mich tref­fen kön­nen.
In den faschis­ti­schen Netz­wer­ken wird zum „Volks­krieg“ auf­ge­ru­fen. Sie sagen, jetzt könnt ihr das Land noch ver­las­sen, doch dann wer­den wir euch abschlach­ten. Der Atten­tä­ter von Hanau hat auf die­se Kon­zep­te Bezug genom­men. Und es wur­de auch so von der rechts­ex­tre­men Sze­ne auf­ge­nom­men: „Schaut, der Volks­krieg fängt schon an.“ Der Mör­der wird als Mär­ty­rer gese­hen. Dem ent­spricht, dass nach Hanau die ras­sis­ti­schen Brand­an­schlä­ge und Atta­cken einen regel­rech­ten Schub hat­ten.

Als Reak­ti­on ent­stand Migran­ti­fa?

Es gibt natür­lich eine wach­sen­de Wut in der anti­fa­schis­ti­schen Lin­ken und unter den migran­ti­schen Men­schen. Hanau war ein Wen­de­punkt. Unmit­tel­bar aus die­sem Moment ent­stand „Migran­ti­fa.“ Dabei stützt sich Migran­ti­fa unter ande­rem auf die Erfah­run­gen von „Anti­fa Gen­ç­lik“. Das war in den 1990ern eine migran­ti­sche, anti­fa­schis­ti­sche Selbst­ver­tei­di­gungs­struk­tur. Migran­ti­fa ist zur­zeit sehr attrak­tiv. Es zieht sehr vie­le Men­schen an. Bis­her hat es die­sen Aspekt der mili­tan­ten Selbst­ver­tei­di­gung noch zu wenig, es ist stark aka­de­misch geprägt. Wir ver­su­chen die­se Pra­xis des orga­ni­sier­ten Selbst­schut­zes rein­zu­tra­gen. Wir sind als Young Strugg­le über­all, wo wir Genoss*innen haben, akti­ver Teil von Migran­ti­fa. Wir gewich­ten das sehr hoch.
Dann hat natür­lich die Geor­ge-Floyd Revol­te auch in Deutsch­land hohe Wel­len geschla­gen.
Zehn­tau­sen­de Men­schen gin­gen auf die Stras­se. Poli­zei­ge­walt wird jetzt viel stär­ker the­mat­siert. Anstatt sich dafür zu schä­men, Erfah­run­gen mit ras­sis­ti­scher Poli­zei­ge­walt gemacht zu haben, füh­len sich die Men­schen enorm ermäch­tigt, das nicht ein­fach zu schlu­cken, son­dern öffent­lich zu machen und zu bekämp­fen. Wir ver­su­chen in die­se Bewe­gung – wie wir das auch bei Fri­days for Future gemacht haben – das anti­ka­pi­ta­lis­ti­sche Moment rein­zu­tra­gen. Wir sagen: Das kapi­ta­lis­ti­sche Sys­tem repro­du­ziert struk­tu­rell Ras­sis­mus d.h. wir müs­sen die­ses Sys­tem über­win­den. Es kann kei­nen sys­tem­kon­for­men Anti­fa­schis­mus geben.

Wel­che Rol­le hat Coro­na in den ver­gan­ge­nen Mona­ten in Bezug auf die­se Kämp­fe gespielt?

Natür­lich hat die Pan­de­mie auch eine wich­ti­ge Rol­le gespielt. Es gibt ein­fach noch mehr Bul­len und ver­stärk­te Kon­trol­len. Das trifft zuerst migran­ti­sche Men­schen, die sich stän­dig und über­all fil­zen und kon­trol­lie­ren las­sen muss­ten. Auch die Stutt­gart-Riots haben wir in die­sem Kon­text der inten­si­vier­ten Kon­trol­len ana­ly­siert. Der Aus­gangs­punkt war ja die Kon­trol­le eines schwar­zen Jugend­li­chen. Der woll­te sich der Kon­trol­le ent­zie­hen und ver­such­te davon zu ren­nen, wur­de dann aber bru­tal nie­der gedrückt. Das hat eine spon­ta­ne Dyna­mik aus­ge­löst. Hun­der­te Jugend­li­che haben ihre Wut raus­ge­las­sen und die Stadt kurz­zei­tig über­nom­men, die Poli­zei muss­te Ver­stär­kung aus ande­ren Bun­des­län­dern anfor­dern. Fokus ist die Wut und Trau­er, die sich hier Bahn gebro­chen hat. Danach hat Ali­ce Wei­del in einer Rede Migran­ti­fa dafür ver­ant­wort­lich gemacht. Migran­ti­fa Stutt­gart war zwar nicht in den Auf­stän­den invol­viert, jedoch hat es die Reich­wei­te sowie das Verständnis/​Gewicht für die Arbeit mas­siv erhöht.
Wir wol­len Faschis­mus auch nicht nur als deut­sches Pro­blem the­ma­ti­sie­ren. Faschis­mus gilt es zu bekämp­fen, egal woher er kommt. Es gibt eine Zunah­me von Angrif­fen tür­ki­scher Faschis­ten in Deutsch­land – und zuletzt der mas­si­ve Angriff in Öster­reich. In Ham­burg gab es einen Angriff auf unse­ren Ver­ein Lütt­je Lüüd und in Stutt­gart wur­den sogar ale­vi­ti­sche Grä­ber ange­grif­fen.

Wie genau ist Migran­ti­fa ent­stan­den?

Die ers­te Migran­ti­fa Grup­pe ent­stand in Hes­sen, also dem Bun­des­land wo auch Hanau liegt. Dann folg­ten schnell ande­re Städ­te. Es ist dabei nicht in Fol­ge eines irgend­wie bun­des­deut­schen Beschlus­ses ent­stan­den, son­dern auf loka­le Initia­ti­ve, als spon­ta­ne Dyna­mik, ein­fach weil das die rich­ti­ge Ant­wort auf die Zunah­me rech­ter Gewalt ist. Am stärks­ten ist Migran­ti­fa in NRW und Hes­sen, aber die Grup­pen sind sehr unter­schied­lich auf­ge­stellt. Über­all aber fol­gen ihren Auf­ru­fen sehr vie­le Men­schen, die Mobi­li­sie­rungs­kraft ist im Moment sehr stark.
Es sind oft auch migran­ti­sche Jugend­li­che, die zuvor in Anti­fa-Struk­tu­ren aktiv waren und dort Ras­sis­mus-Erfah­run­gen gemacht haben. Es gibt auch vie­le migran­ti­sche Student*innen, die vor­her nicht gross poli­tisch aktiv waren, aber über ihre Ras­sis­muser­fah­run­gen reden wol­len.
Es gibt der­zeit eine gros­se Debat­te: Wol­len wir uns getrennt von den deut­schen Lin­ken orga­ni­sie­ren, als kla­rem Safe-Space. Oder wol­len wir den Kampf gemischt und gemein­sam füh­ren. Young Strugg­le ver­tritt die Posi­ti­on, dass auto­no­me Struk­tu­ren sehr wich­tig und not­wen­dig sind, aber dass es auch offe­ne und gemisch­te Struk­tu­ren braucht, wo wir gemein­sam mit Deut­schen gegen Ras­sis­mus kämp­fen.
Es gibt natür­lich auch akti­ve Ver­ein­nah­mungs­ver­su­che von Par­tei­en. Die wol­len den Kar­rie­ris­mus in den Aktivist*Innen anspre­chen und dann Vorzeige-Migrant*innen für ihre Par­tei­en gewin­nen, um die Men­schen dar­an zu hin­dern, auf die Stra­ße zu gehen und Angrif­fe offen zu the­ma­ti­sie­ren. Intern in Migran­ti­fa gibt es auf jeden Fall auch sehr wider­sprüch­li­che Gedan­ken und offe­ne Kon­flik­te. Aber die wer­den sehr respekt­voll aus­ge­tra­gen, weil das im Kon­text von so viel Unter­drü­ckung pas­siert. Auch die ein­zel­nen Städ­te sind in ihrer poli­ti­schen Aus­rich­tung recht unter­schied­lich.
Hanau stellt in Deutsch­land für Migrant*innen einen Wen­de­punkt dar. Die Wut und die Angst hat sich noch­mals gestei­gert, aber sie fin­det jetzt auch einen Aus­druck in der Selbst­or­ga­ni­sie­rung. Das hat es seit Jah­ren nicht mehr gege­ben und das ist sehr posi­tiv. Wir ver­su­chen auch sehr stark spe­zi­fi­sche Posi­ti­on von Frau­en in die­sen Kampf rein­zu­tra­gen. Migran­ti­sche Frau­en sind auch auf eine spe­zi­el­le Art Ziel­schei­be der Ras­sis­ten, das müs­sen wir sicht­bar machen. Wir ver­su­chen des­halb auch auto­no­me Frau­en­struk­tu­ren inner­halb von Migran­ti­fa zu ent­wi­ckeln. Anti­fa Gen­ç­lik ist unter ande­rem auch des­halb aus­ein­an­der­ge­bro­chen, weil sich eine sehr star­ke Macho-Kul­tur ent­wi­ckelt hat. Das hat dann in eine Art Gang-Kul­tur gemün­det und es dem Staat ein­fa­cher gemacht die Struk­tur zu zer­schla­gen. Des­halb wol­len wir das unter ande­rem mit der Selbst­or­ga­ni­sie­rung von Frau­en bei Migran­ti­fa von Anfang an blo­ckie­ren.

Was gibt es für Schwie­rig­kei­ten?

Die Schwie­rig­keit von Migran­ti­fa ist sicher die Brei­te. Es besteht die Gefahr, dass wir es nicht schaf­fen auf einer Linie gemein­sam zu arbei­ten. Die Brei­te sol­cher Bewe­gun­gen ist immer gleich­zei­tig ein Poten­zi­al und eine Gefahr. Wir den­ken zudem, dass wir kei­ne Spal­tung der anti­fa­schis­ti­schen Bewe­gung wol­len, son­dern ein­fach eine star­ke migran­ti­sche Selbst­or­ga­ni­sie­rung inner­halb die­ser. Wir sehen aus­ser­dem, dass bestimm­te gefähr­li­che Struk­tu­ren ver­su­chen Migran­ti­fa zu ver­ein­nah­men: Allen vor­an der Ditib [der mus­li­mi­sche Ver­band unter Kon­trol­le der AKP]. Es wur­de von tür­ki­schen Natio­na­lis­ten und Isla­mis­ten auch ver­sucht Hanau zu ver­ein­nah­men. Es wur­de gesagt „wir wur­den als Tür­ken und als Mus­li­me ange­grif­fen“. Auch in den Medi­en war pau­scha­li­sie­rend von tür­ki­schen Todes­op­fern die Rede. Dass drei der Opfer Kur­den waren wur­de somit unsicht­bar gemacht. Einer der Ermor­de­ten, Fer­hat Ünvar, ist der Sohn eines Genos­sen von uns von Agif. Wir sind des­halb stark in die Kämp­fe um die Erin­ne­rungs­ar­beit invol­viert und in den Auf­bau der Stif­tung der Ange­hö­ri­gen, sowie deren Öffent­lich­keits­ar­beit.
Gleich­zei­tig sind es die zuerst die migran­ti­schen Aktio­nen und Pro­tes­te, die kri­mi­na­li­siert wer­den. Wäh­rend in staat­li­chen Struk­tu­ren wie Poli­zei oder Bun­des­wehr immer mehr bewaff­ne­te, rech­te Zel­len an die Öffent­lich­keit gelan­gen, die sich auf den geplan­ten „Volks­krieg“ bereit machen und Faschis­ten immer offe­ner auf die Stra­ße gehen, pro­tes­tie­ren und Mord­lis­ten ver­öf­fent­li­chen, sehen wir immer wie­der offen, dass es trotz­dem migran­ti­sche Struk­tu­ren und Aktio­nen wie das Hanau-Geden­ken oder BLM sind, die Poli­zei­re­pres­sio­nen erfah­ren.

All­ge­mein ist es posi­tiv, dass sich gera­de ein offe­ner Umgang mit Unter­drü­ckung ent­wi­ckelt: Es wird über die eige­nen Erfah­run­gen gere­det, das ist ein wich­ti­ger Aus­gangs­punkt. Auf den zum Teil vor­han­de­nen Aka­de­mis­mus und Refor­mis­mus bei Migran­ti­fa ver­su­chen wir mit poli­ti­scher Bil­dung zu reagie­ren. Wir füh­ren vie­le Dis­kus­sio­nen und wol­len ein anti­ka­pi­ta­lis­ti­sches und mili­tan­tes Bewusst­sein schaf­fen. Zudem ver­su­chen wir Arbeiter*innen rein­zu­ho­len, denn es sind fast über­all nur Stu­dis bei Migran­ti­fa. Des­halb wol­len wir unter ande­rem auch Stadt­teil­ar­beit machen, da Ent­wick­lun­gen wie Gen­tri­fi­zie­rung oder auch die Coro­na-Pan­de­mie zuerst Migrant*innen in den pre­kä­ren Jobs trifft.

https://​bar​ri​ka​de​.info/

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