[KgK:] Warum Trotzkismus?

Heu­te vor 80 Jah­ren ver­üb­te ein sta­li­nis­ti­scher Agent einen Mord­an­schlag auf den mar­xis­ti­schen Revo­lu­tio­när Leo Trotz­ki. Einen Tag dar­auf erlag der Grün­der der Roten Armee und Anfüh­rer der Vier­ten Inter­na­tio­na­le sei­nen Ver­let­zun­gen. Wäh­rend der Kapi­ta­lis­mus sich welt­weit in einer Kri­se befin­det, sind Trotz­kis Ideen heu­te von beson­de­rer Bedeu­tung. Anläss­lich des Jah­res­ta­ges sei­ner Ermor­dung, ver­öf­fent­li­chen wir die Über­set­zung eines Arti­kels über die Bedeu­tung sei­nes poli­ti­schen Erbes, der 2018 bei Left Voice erschie­nen ist.

Am 21. August jährt sich die Ermor­dung des Revo­lu­tio­närs Leo Trotz­ki – und das zu einem his­to­ri­schen Zeit­punkt, an dem aus­rei­chen­de objek­ti­ve Bedin­gun­gen für eine Revo­lu­ti­on vor­lie­gen. Die kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se, die inter-impe­ria­lis­ti­schen Wider­sprü­che, das Wie­der­auf­le­ben des rech­ten Natio­na­lis­mus unter Donald Trump und das wach­sen­de Inter­es­se an sozia­lis­ti­schen Ideen in impe­ria­lis­ti­schen Län­dern wie den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zei­gen, dass die Welt für eine Revo­lu­ti­on reif ist. Die heu­ti­ge Fra­ge lau­tet: War­um Trotz­kis­mus?

Trotz­kis Rol­le in der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on und sei­ne revo­lu­tio­nä­re Pra­xis wur­den sowohl zu sei­nen Leb­zei­ten als auch nach sei­nem Tod ver­leum­det und igno­riert. In sei­nem Ver­lan­gen, jede Oppo­si­ti­on inner­halb der Sowjet­uni­on zu zer­stö­ren, ver­such­te der Sta­li­nis­mus, das Erbe des Bol­sche­wis­mus aus­zu­lö­schen. Die pro­mi­nen­tes­ten Anführer*innen und Kämpfer*innen der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on wur­den als „Trotz­kis­ten“ beschimpft. Stalinist*innen ver­folg­ten, depor­tier­ten, ermor­de­ten jeden Ein­wand inner­halb und außer­halb der UdSSR. Um Lenins Erbe sei­ner revo­lu­tio­nä­ren Schär­fe zu berau­ben, mach­ten sie Lenin zu einer zen­tra­len Figur der staat­li­chen Ideo­lo­gie, sie errich­te­ten Sta­tu­en und fei­er­ten ihn. Die wah­ren Leh­ren des Autors der „April­the­sen“ wur­den hin­ter Stein und Beton ver­steckt. Trotz­ki hin­ge­gen wur­de aus der Geschich­te gelöscht. Hun­der­te von Doku­men­ten wur­den gefälscht, Lenins letz­tes Tes­ta­ment in der UdSSR ver­bo­ten. Und das zeigt bis heu­te Wir­kung: Vor nur weni­gen Jah­ren wur­de die Trotz­ki-Bio­gra­phie des His­to­ri­kers Robert Ser­vice aus dem Jahr 2009 erneut ver­öf­fent­licht – eine Schrift vol­ler Unwahr­hei­ten, Falsch­dar­stel­lun­gen und gro­ber Feh­ler über den Chef der Roten Armee.

Inter­es­sant ist der Trotz­kis­mus aber nicht nur für die­je­ni­gen von uns, die sich als Revolutionär*innen in der Tra­di­ti­on Trotz­kis sehen. Bei einer genaue­ren Betrach­tung der Bedeu­tung Trotz­kis geht es auch all­ge­mei­ner dar­um, die Geschich­te zu bewah­ren und his­to­ri­sche Wie­der­gut­ma­chung zu schaf­fen.

War­um wur­den Trotz­ki und angeb­li­che „Trotz­kis­ten“ ver­folgt? War­um erreich­te die­se Ver­fol­gung Mexi­ko-Stadt, wo Trotz­ki ermor­det wur­de? War­um beinhal­te­te die­se Ver­fol­gung sogar den Mord an Trotz­kis Kin­dern?

Die Bol­sche­wi­ki-Leni­nis­ten, wie sie sich nann­ten, ver­kör­per­ten die Leh­ren der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on und stell­ten die ein­zi­ge orga­ni­sier­te poli­ti­sche Strö­mung auf, die eine Alter­na­ti­ve gegen das büro­kra­ti­sier­te Sowjet­russ­land und die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei vor­schlug. Sie taten dies zuerst als Lin­ke Oppo­si­ti­on und spä­ter, indem sie die Bewe­gung für die Vier­te Inter­na­tio­na­le orga­ni­sier­ten.

Es war Trotz­ki, der erbit­tert gegen die Idee des „Sozia­lis­mus in einem Land“ kämpf­te – die ideo­lo­gi­sche Tar­nung des büro­kra­ti­schen Kon­ser­va­tis­mus. Es war Trotz­ki, der eine Arbeiter*innendemokratie und ein sowje­ti­sches Mehr­par­tei­en­sys­tem ver­tei­dig­te und die inter­na­tio­na­le Revo­lu­ti­on als Schutz der Sowjet­uni­on selbst und als zen­tra­le Auf­ga­be des Kom­mu­nis­mus pro­pa­gier­te. Es war Trotz­ki, der das Pro­gramm der poli­ti­schen Revo­lu­ti­on und den wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Kampf gegen die para­si­tä­re Büro­kra­tie vor­schlug. Der Sta­li­nis­mus konn­te die soge­nann­ten „Trotz­kis­ten“ in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ein­sper­ren, ihre Anführer*innen töten, aber am Ende konn­te er die Ideen der Erben der sowje­ti­schen Revo­lu­ti­on nicht aus­lö­schen.

Obwohl Trotz­kis Den­ken heu­te unbe­streit­bar rele­vant ist, ist es not­wen­dig, sei­ne Ideen in ihrem Kon­text zu betrach­ten. Wir kön­nen Trotz­kis Ideen nicht dog­ma­tisch wie­der­ho­len, weil dies sei­ner eige­nen his­to­risch-mate­ria­lis­ti­schen Metho­de wider­spre­chen wür­de. Sei­ne Her­an­ge­hens­wei­se an die Rea­li­tät war zutiefst ganz­heit­lich, fle­xi­bel, dia­lek­tisch und kom­pro­miss­los dar­in, die revo­lu­tio­nä­ren Zie­le der Arbeiter*innenklasse zu ver­fol­gen.

Trotz­ki gehör­te zur drit­ten Genera­ti­on der klas­si­schen Marxist*innen. Zusam­men mit Lenin und Rosa Luxem­burg war er einer der scharf­sin­nigs­ten Vertreter*innen des Mar­xis­mus. Die­se Genera­ti­on besaß dem His­to­ri­ker Per­ry Ander­son zufol­ge ein wesent­li­ches Merk­mal, das das Den­ken der Begründer*innen des Mar­xis­mus wider­spie­gel­te: die Ver­bin­dung zwi­schen Theo­rie und Pra­xis. Marx und Engels muss­ten zu einer Zeit theo­re­ti­sie­ren und orga­ni­sie­ren, als bür­ger­li­che Revo­lu­tio­nen noch mög­lich waren und die Arbeiter*innenklasse ihre ers­ten Orga­ni­sa­tio­nen, poli­ti­schen Ideen und Kämp­fe auf­bau­te. Lenin, Trotz­ki und Luxem­burg leb­ten jedoch zu einer Zeit der Kri­sen, Krie­ge und Revo­lu­tio­nen. Sie setz­ten die Waf­fen ihrer Lehrer*innen in dem his­to­ri­schen Moment, in dem sie leb­ten, ein, indem sie die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on orga­ni­sier­ten.

Trotz­ki und Lenin ver­stan­den auch, dass der Kapi­ta­lis­mus in sei­ner impe­ria­lis­ti­schen Pha­se erschüt­tern­de Kräf­te her­vor­brach­te, was zu einer Zeit der gro­ßen Krie­ge, wirt­schaft­li­cher Zusam­men­brü­che und natür­lich revo­lu­tio­nä­rer Pro­zes­se führ­te. Sie ver­stan­den, dass es not­wen­dig war, das Erbe der­je­ni­gen, die in Zei­ten des Frie­dens von Tak­ti­ken beses­sen waren, hin­ter sich zu las­sen und sich statt­des­sen auf die Stra­te­gie zu fokus­sie­ren – die Kunst, iso­lier­te Manö­ver zu orga­ni­sie­ren, um den Krieg zu gewin­nen. Und für die Sozialist*innen bedeu­te­te den Krieg zu gewin­nen, den Kapi­ta­lis­mus zu zer­stö­ren und eine ande­re Form der sozia­len Ord­nung zum Woh­le der gro­ßen Mehr­heit zu errich­ten. Mit der Revo­lu­ti­on von 1905 in Russ­land, als die Arbeiter*innen von Petro­grad ihre eige­nen demo­kra­ti­schen Orga­ne (die Sowjets) schu­fen, war es uner­läss­lich, dar­über nach­zu­den­ken, wie das Pro­le­ta­ri­at die Macht über­neh­men wür­de.

So haben die dama­li­gen Mar­xis­ten die Unter­schei­dung zwi­schen Stra­te­gie und Tak­tik in das mar­xis­ti­sche Den­ken ein­ge­führt, wie Trotz­ki selbst beschrieb:

Vor dem Krie­ge haben wir nur von der Tak­tik der pro­le­ta­ri­schen Par­tei gespro­chen. Die­ser Begriff ent­sprach ganz den damals herr­schen­den gewerk­schaft­lich-par­la­men­ta­ri­schen Metho­den, wel­che nicht über den Rah­men der lau­fen­den Tages­for­de­run­gen und Auf­ga­ben hin­aus­gin­gen. Unter dem Begriff der Tak­tik wird das Sys­tem von Maß­nah­men, wel­ches einer ein­zel­nen aktu­el­len Auf­ga­be oder einem ein­zel­nen Zweig des Klas­sen­kamp­fes dient, ver­stan­den.

Für Trotz­ki umfass­te die revo­lu­tio­nä­re Stra­te­gie im Gegen­teil ein kom­bi­nier­tes Sys­tem von Hand­lun­gen, die in ihrer Ver­bun­den­heit, Fol­ge­rich­tig­keit und in ihrer Stei­ge­rung das Pro­le­ta­ri­at zur Erobe­rung der Macht füh­ren müs­sen.

Poli­ti­sches Han­deln und mar­xis­ti­sche Theo­rie bil­den eine unteil­ba­re Ein­heit, die durch die kon­kre­te Auf­ga­be der pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on gekenn­zeich­net ist. Der revo­lu­tio­nä­re Mar­xis­mus kon­zen­triert sich im Wesent­li­chen auf die Stra­te­gie, und Trotz­ki ist zwei­fel­los einer sei­ner wich­tigs­ten Denker*innen. Der Mar­xis­mus ist für uns die prak­ti­sche und theo­re­ti­sche Syn­the­se der Erfah­run­gen des Pro­le­ta­ri­ats in den letz­ten 150 Jah­ren. In sei­ner zeit­ge­nös­si­schen Erschei­nungs­form bedeu­tet dies, dafür zu kämp­fen, die Macht zu über­neh­men und demo­kra­tisch orga­ni­sier­te Über­gangs­staa­ten auf­zu­bau­en. Die­se Kämp­fe stel­len uns vor gro­ße Auf­ga­ben: die Kapitalist*innen zu ent­eig­nen, die Pro­duk­ti­ons­mit­tel und den Wohl­stand der Gesell­schaft in die Hän­de der Men­schen zu bege­ben, damit sie ihre sozia­len Bedürf­nis­se befrie­di­gen kön­nen.

Für Trotz­ki und die Marxist*innen von heu­te besteht das Ziel jedoch nicht nur dar­in, die Macht zu über­neh­men. Der pro­le­ta­ri­sche Staat ist ein Mit­tel zur Ent­wick­lung der inter­na­tio­na­len sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on. Es schafft die Vor­aus­set­zun­gen, um den Kom­mu­nis­mus auf glo­ba­ler Ebe­ne auf­zu­bau­en und die sozia­len Klas­sen und den Staat selbst zu zer­stö­ren.

Die nächs­te Auf­ga­be besteht dar­in, die toxi­schen sozia­len Bezie­hun­gen zu zer­stö­ren, die der Kapi­ta­lis­mus geschaf­fen hat, und neue zu auf­zu­bau­en. Heu­te sau­gen 200 Mono­po­le den gesam­ten welt­weit pro­du­zier­ten Wohl­stand auf. Wir wer­fen jedes Jahr über eine Mil­li­ar­de Ton­nen ess­ba­re Lebens­mit­tel weg, wäh­rend Mil­lio­nen von Men­schen welt­weit mit Ernäh­rungs­un­si­cher­heit und Hun­gers­nö­ten zu kämp­fen haben. Das kapi­ta­lis­ti­sche Nar­ra­tiv lässt uns glau­ben, dass die Erde ihre wach­sen­de Bevöl­ke­rung nicht ver­sor­gen kann, wäh­rend die­se Mono­po­le in Wirk­lich­keit genug Nah­rung pro­du­zie­ren, um alle Men­schen auf der Welt mehr­fach zu ver­sor­gen.

In die­ser impe­ria­lis­ti­schen Pha­se der kapi­ta­lis­ti­schen Ent­wick­lung besteht unse­re Auf­ga­be dar­in, uns auf den bevor­ste­hen­den Auf­stand, die Macht­er­grei­fung und die Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats vor­zu­be­rei­ten. Daher ist es not­wen­dig, eine Orga­ni­sa­ti­on auf­zu­bau­en, die die­se Auf­ga­ben über­neh­men kann, eine Orga­ni­sa­ti­on zur Vor­be­rei­tung auf die Revo­lu­ti­on. Einer­seits wur­de die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on durch die bol­sche­wis­ti­sche Par­tei ermög­licht, eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei, die in der Arbeiter*innenklasse ver­wur­zelt und in mar­xis­ti­scher Theo­rie geschult war. Ande­rer­seits ver­hin­der­te das Feh­len einer star­ken kom­mu­nis­ti­schen Par­tei in Deutsch­land, dass das mäch­tigs­te Pro­le­ta­ri­at Euro­pas dem Weg der rus­si­schen Arbeiter*innen folg­te. Obwohl der Mar­xis­mus heue orga­ni­sa­to­risch schwach ist, besteht die drin­gen­de Auf­ga­be dar­in, das mar­xis­ti­sche Den­ken durch den Auf­bau revo­lu­tio­nä­rer Orga­ni­sa­tio­nen mit der kämp­fe­ri­schen Jugend und der Arbeiter*innenklasse zu ver­bin­den. Obwohl wir bis zu einem Auf­stand noch einen lan­gen Weg vor uns haben, soll­ten wir jeden noch so klei­nen Kampf als Kriegs­schu­le betrach­ten, um uns auf die­se ent­schei­den­den revo­lu­tio­nä­ren Momen­te vor­zu­be­rei­ten.

Die Par­tei ist nicht von der bewuss­ten Hand­lung des Pro­le­ta­ri­ats getrennt; es sind die Arbeiter*innen, die die wesent­li­chen Fäden der kapi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaft in Indus­trie, Pro­duk­ti­on, Dienst­leis­tun­gen, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Häfen und Ver­kehr bewe­gen. Die Arbeiter*innenklasse ist der Schlüs­sel, um den kapi­ta­lis­ti­schen Staat zu läh­men und ihm den Rücken zu bre­chen. Kampf­me­tho­den der Arbeiter*innenklasse wie der Streik sind von grund­le­gen­der Bedeu­tung. Es reicht jedoch nicht aus, sich an den Kämp­fen der Arbeiter*innenklasse zu betei­li­gen. Die Arbeiter*innen müs­sen auch für die poli­ti­sche Unab­hän­gig­keit kämp­fen und mit bür­ger­li­chen Füh­run­gen bre­chen – kapi­ta­lis­ti­schen und refor­mis­ti­schen Politiker*innen sowie büro­kra­ti­schen Gewerkschaftsführer*innen, die die Kapitalist*innen unter­stüt­zen.

Der unab­hän­gi­ge Kampf der Arbeiter*innenklasse ist der Schlüs­sel zum Auf­bau einer neu­en Art der Macht und einer neu­en Art von Gesell­schaft, die auf der Demo­kra­tie der Arbeiter*innen basiert. Die Sowjets, eine Mani­fes­ta­ti­on der Arbeiter*inneneinheitsfront, sind Orga­ne der direk­ten Demo­kra­tie der Arbeiter*innenklasse und die Grund­la­ge der Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats. Die Par­tei hat ihren Platz in den Sowjets und muss im ent­schei­den­den Moment die Arbeiter*innenklasse zur Macht­über­nah­me drän­gen, indem sie die Sowjets von der Ver­tei­di­gung der Arbeiter*innenklasse zur Zer­stö­rung des kapi­ta­lis­ti­schen Staa­tes bewegt.

Der Sta­li­nis­mus hat den Mar­xis­mus mas­siv zurück­ge­wor­fen und den revo­lu­tio­nä­ren Gedan­ken Lenins und Trotz­kis aus­ge­löscht. Ohne Trotz­ki wäre die revo­lu­tio­nä­re Tra­di­ti­on des Mar­xis­mus von den Schre­cken des Sta­li­nis­mus völ­lig unsicht­bar gewor­den. Der Mar­xis­mus leb­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg im Schat­ten des Sta­li­nis­mus, ver­lor sei­ne Ver­bin­dung zur Pra­xis und wur­de von vie­len als aka­de­mi­sche Dis­zi­plin betrach­tet. Wäh­rend der revo­lu­tio­nä­ren Auf­schwün­ge, die die Welt in den spä­ten 1960er Jah­ren erschüt­ter­ten, wur­den mar­xis­ti­sche Ideen wie­der Teil des Bewusst­seins der Jugend und von Sek­to­ren von Arbeiter*innen. Dem Kapi­ta­lis­mus gelang es jedoch, aus der Kri­se her­aus­zu­kom­men, wur­de nach dem Fall der Sowjet­uni­on stär­ker und eta­blier­te den Neo­li­be­ra­lis­mus auf welt­wei­ter Ebe­ne.

Der Neo­li­be­ra­lis­mus schuf einen Begriff des „gesun­den Men­schen­ver­stan­des“, der sogar die meis­ten Lin­ken davon über­zeug­te, dass es nicht mehr mög­lich war, den Kapi­ta­lis­mus zu zer­stö­ren. Das Bes­te, was man nach Ansicht eini­ger Lin­ker heu­te tun kann, ist den Kapi­ta­lis­mus mensch­li­cher zu gestal­ten, sei­ne Aggres­sio­nen zu zäh­men und die Mono­pol­macht zu min­dern. Es sei unmög­lich, eine Revo­lu­ti­on zu orga­ni­sie­ren, der Kapi­ta­lis­mus blei­be angeb­lich für alle Zeit bestehen.

Wir aber den­ken, dass ein Ver­zicht auf den Kampf um eine Revo­lu­ti­on gleich­be­deu­tend ist mit dem Ver­zicht auf den Kampf dar­um, das glo­ba­le Elend und die Aus­beu­tung zu been­den und jedes Stre­ben der gro­ßen Mehr­heit der Gesell­schaft zu erfül­len. Auf die Orga­ni­sa­ti­on für die Revo­lu­ti­on zu ver­zich­ten, bedeu­tet, im Diens­te der Pro­fi­te einer para­si­tä­ren Min­der­heit zu han­deln, die den gro­ßen Reich­tum hor­tet, den die Arbeiter*innenklasse pro­du­ziert. Mit dem Fall der Sowjet­uni­on und der ost­eu­ro­päi­schen Arbeiter*innenstaaten hat sich die Idee, dass es kei­ne mög­li­che Alter­na­ti­ve gibt, wei­ter fest­ge­setzt. In Russ­land waren die Fol­gen der bür­ger­li­chen Restau­ra­ti­on kata­stro­phal: Hat sie mehr Demo­kra­tie für die rus­si­schen Mas­sen gebracht, wie pro-kapi­ta­lis­ti­sche Ideolog*innen pro­kla­mier­ten? Abso­lut nicht.

Des­halb basiert das Ziel unse­rer Orga­ni­sa­ti­on auf dem revo­lu­tio­nä­ren Erbe Trotz­kis, in dem Wis­sen, dass die aktu­el­len wirt­schaft­li­chen, poli­ti­schen und sozia­len Phä­no­me­ne neue gesell­schaft­li­che Kri­sen her­vor­ru­fen wer­den.

Es ist unmög­lich, Trotz­ki zu ver­ste­hen, wenn wir nicht ver­ste­hen, dass die Schaf­fung einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei für ihn Feh­ler, Erfol­ge, Fort­schrit­te, Rück­schlä­ge und die Erobe­rung von Posi­tio­nen beinhal­te­te – von der Gewerk­schafts­füh­rung bis zu den Par­la­ments­sit­zen. Alle Sie­ge, vom Tri­umph eines Streiks bis zur Macht­er­grei­fung in einem Land, sind Mit­tel zur Vor­be­rei­tung oder För­de­rung der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on. Trotz­ki zu ver­ste­hen bedeu­tet daher, sei­ne Arbeit im Lich­te sei­ner poli­ti­schen Pra­xis wäh­rend sei­nes gesam­ten Lebens zu ver­ste­hen. In Petro­grad half er 1917 bei der Schaf­fung des ers­ten Arbeiter*innenstaates in der Geschich­te, 1923 beriet er Anführer*innen in Deutsch­land und 1937 in Bar­ce­lo­na. In bei­den Fäl­len dräng­te er auf die Macht­er­grei­fung der Arbeiter*innenklasse, die jedoch in Deutsch­land durch eine uner­fah­re­ne Füh­rung ver­ei­telt und vom kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Sta­li­nis­mus in Spa­ni­en zer­schla­gen wur­de. Wäh­rend er durch die Län­der reis­te und sowohl vor den Kapitalist*innen als auch den Stalinist*innen Exil und Sicher­heit such­te, theo­re­ti­sier­te und unter­stütz­te er den Kampf gegen den Faschis­mus und den Sta­li­nis­mus. Trotz der Ver­leum­dung gegen ihn setz­te er sei­ne Ener­gie für den Auf­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­ti­on ein. In die­sen his­to­ri­schen Momen­ten kön­nen wir die Brei­te von Trotz­kis revo­lu­tio­nä­rem Erbe ver­ste­hen.

Hof­fen wir, dass das wach­sen­de Inter­es­se an sozia­lis­ti­schen Ideen auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne und ins­be­son­de­re in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten die Jugend von heu­te – die weiß, dass der Kapi­ta­lis­mus nichts zu bie­ten hat – Trotz­kis Theo­rie und Pra­xis näher­bringt und mit der Vor­stel­lung auf­räumt, dass Kom­mu­nis­mus Man­gel an Demo­kra­tie und die Fort­set­zung von Unter­drü­ckung und wirt­schaft­li­chem Elend bedeu­te.

Wie Trotz­ki in sei­nen letz­ten Tagen schrieb:

Ich wer­de als pro­le­ta­ri­scher Revo­lu­tio­när, als Mar­xist, als dia­lek­ti­scher Mate­ria­list und folg­lich als unbe­irr­ba­rer Athe­ist ster­ben. Mein Glau­be an eine kom­mu­nis­ti­sche Zukunft ist heu­te noch stär­ker als in mei­ner Jugend. Nata­scha hat das Fens­ter zur Hof­sei­te noch wei­ter geöff­net, damit die Luft bes­ser in mein Zim­mer strö­men kann. Ich kann den glän­zen­den grü­nen Rasen­strei­fen unter der Mau­er sehen, den kla­ren blau­en Him­mel dar­über und die Son­ne über­all. Das Leben ist schön. Die kom­men­de Genera­ti­on möge es rei­ni­gen von allem Bösen, von Unter­drü­ckung und Gewalt und es voll genie­ßen.

Klas­se Gegen Klas­se