[LCM:] Philippinen: Ein Krieg gegen die Armen [Interview Teil III]

Teil III- „Anstatt im rei­chen Euro­pa zu sit­zen und über Pri­vi­le­gi­en zu wei­nen, soll­te man die­se Pri­vi­le­gi­en nut­zen.“ – Die poli­ti­sche Lage auf den Phil­ip­pi­nen und in Deutsch­land

Die kom­mu­nis­ti­sche Bewe­gung der Phil­ip­pi­nen fin­det in Deutsch­land wenig Beach­tung, obwohl sie einen der ältes­ten und erfolg­reichs­ten revo­lu­tio­nä­ren Kämp­fe der Gegen­wart führt. Unse­re Autorin Lei­la Aadil hat sich mit Cri­san­to von Anak­ba­y­an Ger­ma­ny getrof­fen, um mit ihm über die Bewe­gung zu spre­chen. In einem drei­tei­li­gen Inter­view schil­dert er die his­to­ri­schen Zusam­men­hän­ge, die zur Ent­ste­hung der Bewe­gung geführt haben, die Beschaf­fen­heit der Bewe­gung und ihre stra­te­gi­schen Grund­la­gen sowie die gegen­wär­ti­ge poli­ti­sche Situa­ti­on. Teil 1 zur Geschich­te der anti­ko­lo­nia­len Kämp­fe auf den Phil­ip­pi­nen erschien hier, Teil II könnt ihr hier nach­le­sen.

Wie ist die poli­ti­sche Situa­ti­on auf den Phil­ip­pi­nen aktu­ell?

In der Amts­zeit von Duter­te, seit 2016, wur­den 250 Far­mer ermor­det, ohne Pro­zess. Ähn­lich wie im Zuge des durch Duter­te aus­ge­ru­fe­nen Krieg gegen die Dro­gen in den urba­nen Gebie­ten. Im End­ef­fekt ist das ein Krieg gegen die Armen, weil die Leu­te die gejagt wer­den, End­kon­su­men­ten oder Klein­dea­ler sind, also ein­fach nur irgend­wel­che armen Schwei­ne. Es geht da vor allem um Crys­tal Meth, das sehr ein­fach her­zu­stel­len ist und krass abhän­gig macht. Im Zuge die­ses Krie­ges gegen die Dro­gen knal­len von der Regie­rung bezahl­te Söld­ner und Poli­zis­ten Leu­te auf offe­ner Stra­ße ab. Die fah­ren teil­wei­se mas­kiert durch die Gegend und schie­ßen von ihrem Motor­rad. Oder sie klop­fen an dei­ner Tür und erschie­ßen dich, sobald du sie auf­machst. Dabei ster­ben oft alle mög­li­chen Men­schen, die gera­de zur fal­schen Zeit am fal­schen Ort sind, weil in den urba­nen Gegen­den die Leu­te auf engs­tem Raum zusam­men woh­nen. Die Groß­dea­ler, also die Leu­te, die mit dem Dro­gen­ge­schäft viel Geld ver­die­nen und die Sachen ins Land schmug­geln, inter­es­sie­ren die Regie­rung dabei gar nicht. Im Gegen­teil: Es gab diver­se Skan­da­le, durch die ans Licht kam, dass Beam­te in den Dro­gen­schmug­gel invol­viert sind.

Die­se extra­le­ga­len Hin­rich­tun­gen der armen Stadt­be­völ­ke­rung sind eine Sache. Seit kur­zem gibt es zudem ein Anti-Ter­ror-Gesetz (ATL), das die kras­se Repres­si­on gegen Akti­vis­ten sehr ver­stärkt hat. Das ist momen­tan die prä­gnan­tes­te Sache die pas­siert. Vor allem auf dem Land, wo es wenig Auf­merk­sam­keit gibt und wo gleich­zei­tig die meis­te poli­ti­sche Arbeit läuft, wer­den vie­le Akti­vis­ten ein­fach durch von der Regie­rung bezahl­te Söld­ner oder der reak­tio­nä­ren Armee ermor­det. Die ermor­de­ten Far­mer sind auch größ­ten­teils orga­ni­sier­te Far­mer gewe­sen. In der Duter­te Admin­sitra­ti­on wer­den Aktvist*innen sehr hart ver­folgt. Am Anfang gab es noch Frie­dens­ge­sprä­che zwi­schen der Natio­nal Demo­cra­tic Front of the Phil­ip­pi­nes (NDFP) und der reak­tio­nä­ren Regie­rung, die aber auf Eis gelegt wur­den, weil die Regie­run­gen immer wie­der gegen die Ver­ein­ba­run­gen ver­sto­ßen hat. Aktivist*innen wer­den natür­lich schon immer ver­folgt, aber die Duter­te-Admin­sitra­ti­on hat das noch wei­ter getrie­ben.

War es ein Feh­ler mit der reak­tio­nä­ren Regie­rung zu ver­han­deln?

Vie­le Maoist*innen und ande­re Lin­ke aus dem Wes­ten haben die Frie­dens­ge­sprä­che als ein Zei­chen von Revi­sio­nis­mus gedeu­tet, ver­ste­hen aber ein­fach nicht die Beschaf­fen­heit der phil­ip­pi­ni­schen Gesell­schaft und unse­re poli­ti­sche Situa­ti­on. Wir haben zum Bei­spiel auch ver­schie­de­ne Par­tei­en, die im Par­la­ment waren oder sind. Es ist für uns ein Weg, an der par­la­men­ta­ri­schen Ent­schei­dungs­fin­dung teil­zu­ha­ben, aber wir wis­sen ganz genau, dass wir damit kei­ne Umstül­pung der Gesell­schaft errei­chen. Wir wis­sen aber, dass es rein prag­ma­tisch ein­fach Sinn macht, auch dort unse­re Zie­le und Wer­te zu ver­tre­ten. Und die wer­den auch dort von nie­man­dem kom­pro­mit­tiert. Im Gegen­teil. Die Leu­te, die im Par­la­ment sit­zen, haben auch ande­re Mög­lich­kei­ten, als die Far­mer oder Stu­den­ten, die auf dem Land bei der NPA sind. Sie wer­den nicht ein­fach von der Poli­zei oder der Armee ermor­det, ohne dass es irgend­je­man­den inter­es­siert. Jeder hat sei­ne Rol­le, wenn man eine Bewe­gung hat. Das sehen vie­le euro­päi­sche Marxist*innen echt ein biss­chen zu dog­ma­tisch.

Sind die kom­mu­nis­ti­sche CPP, die Volks­ar­mee NPA und NDFP das pri­mä­re Ziel des Anti­ter­ror­ge­set­zes?

Ja. Es wer­den immer die CPP, die NPA und NDFP als Bei­spiel vor­ge­führt und argu­men­tiert, dass die kom­mu­nis­ti­sche Bewe­gung aus Ter­ro­ris­ten besteht. Leu­te aus dem Umfeld, und jeg­li­cher Oppo­si­ti­on, die ähn­li­che Argu­men­te her­vor­brin­gen, wird dann Unter­stüt­zung von Terrorist*innen vor­ge­wor­fen. So macht die Regie­rung Jagd auf Leu­te aus der Oppo­si­ti­on. Es gibt auch eigent­lich kei­ne ande­re Oppo­si­ti­on als die kom­mu­nis­ti­sche Bewe­gung. Nicht wie zum Bei­spiel in Deutsch­land, wo es eine krass diver­se, gespal­te­ne und unor­ga­ni­sier­te Oppo­si­ti­on gibt, wo jeder sein eige­nes Süpp­chen kocht. Wenn du in den Phil­ip­pi­nen Kri­tik an der Regie­rung hast, dann ent­stammt das meis­tens der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung. Aber es gibt auch Leu­te, die ein­fach nur kei­nen Bock mehr auf Duter­te haben und sei­nen Rück­tritt for­dern, weil die Regie­rung in der Pan­de­mie auf volls­ter Linie ver­sagt hat. Auch die wer­den mitt­ler­wei­le fest­ge­nom­men. Das Anti­ter­ror­ge­setz gibt der Regie­rung eine recht­li­che Grund­la­ge für die Ver­fol­gung von Aktivist*innen. Man kann für Face­book-Kom­men­ta­re in Gefäng­nis kom­men, mona­te­lang fest­ge­hal­ten wer­den, ohne dass einem Grün­de genannt wer­den.

Und neu­lich haben sie auch noch eins der größ­ten Medi­en­häu­ser zuge­macht?

Genau. ABS CBN ist eins der größ­ten pri­va­ten Medi­en­häu­ser. 10.000 Ange­stell­te haben inner­halb einer Woche ihren Job ver­lo­ren. Die gan­ze Medi­en­land­schaft ist größ­ten­teils über die gelau­fen. Auch vie­le Fil­me, Seri­en und ande­res kul­tu­rel­les Pro­gramm wur­de von denen gemacht.

Wie war die Situa­ti­on wäh­rend Covid-19?

Die phil­ip­pi­ni­schen Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen wir­ken als Brü­cken, die klein­bür­ger­li­che Schich­ten, also die Stu­den­ten, Ärz­te und so wei­ter mit Klein­bau­ern und Far­mern ver­bin­det. Wäh­rend der Pan­de­mie war das krass zu beob­ach­ten. Im März ging dort gar nichts, du durf­test nicht raus, nicht ein­kau­fen, nicht arbei­ten. In einem Land, in dem die Armut so stark ist, haben die Leu­te kei­ne Rück­la­gen, von denen sie leben kön­nen. Die leben von der Hand in den Mund und waren dann rich­tig auf­ge­schmis­sen. Die Regie­rung hat sehr wenig getan, sehr spät gehan­delt und nicht für die Leu­te gesorgt. Des­we­gen haben ver­schie­de­ne Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen Hilfs­ope­ra­tio­nen gestar­tet, davon war ich auch Teil. Wir haben zuerst Spen­den gesam­melt und davon dann alles, was die Leu­te brau­chen, gekauft. Das Obst und Gemü­se haben wir von orga­ni­sier­ten Far­mer­kol­lek­ti­ven bezo­gen. Damit haben wir auch die unter­stützt, weil die sonst kei­ne Ein­nah­men mehr hat­ten. Für die Bedürf­ti­gen in Mani­la haben wir dann Hilfs­pa­ke­te gepackt, mit allem mög­li­chen Sachen von Lebens­mit­teln bis hin zu Arz­nei­mit­teln. Beim Aus­tei­len haben wir klei­ne Kund­ge­bun­gen abge­hal­ten, in denen über die Situa­ti­on auf­ge­klärt wur­den und die Leu­te dar­über gespro­chen haben, was sie gera­de anpisst. Bei die­sen Aktio­nen wur­den aber auch Leu­te fest­ge­nom­men, es gab Check­points und man durf­te eigent­lich gar nicht unter­wegs sein. Es gab auch Com­mu­ni­ty-Küchen, bei denen rie­si­ge Men­gen an Essen für Bedürf­ti­ge gekocht wur­de.

Wie kann man die revo­lu­tio­nä­re Bewe­gung auf den Phil­ip­pi­nen von Euro­pa aus unter­stüt­zen?

Wir haben diver­se Mas­sen­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Migran­te oder Gabrie­la, die in der Dia­spo­ra exis­tie­ren. Wir freu­en uns wenn Men­schen außer­halb der Com­mu­ni­ty zu unse­ren Ver­an­stal­tun­gen und Kund­ge­bun­gen kom­men. Es gibt auch ein „Immer­si­on Pro­gram“ auf den Phil­ip­pi­nen. Geld kann zum Bei­spiel Anak Bay­an Euro­pa gespen­det wer­den. Ansons­ten haben wir gera­de einen Peti­ti­on gegen das Anti­ter­ror­ge­setz.

Was kön­nen wir im deut­schen Kon­text von der phil­ip­pi­ni­schen Bewe­gung ler­nen?

Die Mas­sen­li­nie ist auf jeden Fall eine Sache, die auch die deut­sche Bewe­gung anwen­den soll­te. Sol­che Sachen wie SICA (Social Inve­ti­ga­ti­on, Class Ana­ly­sis) sind Werk­zeu­ge, um die Wün­sche und Nöte der Mas­sen auf dem Schirm zu haben. Das Pro­blem hier in Deutsch­land ist zum Bei­spiel, dass ver­meint­lich Lin­ke bour­geoi­se Medi­en lesen und sich ihre Mei­nung und ihre Hal­tung dar­aus bil­den. Das ist ers­tens unmar­xis­tisch und zwei­tes auch ein­fach dumm. War­um soll­ten wir auf das hören, was der Feind uns sagt, anstatt den Leu­ten, für die wir da sein soll­ten, zuzu­hö­ren. Die Leu­te, für die wir unse­ren poli­ti­schen Kampf machen.

Ein ande­rer Punkt ist, dass die kon­kre­ten poli­ti­schen Umstän­de mit in die Ana­ly­se mit ein­be­zo­gen wer­den müs­sen. Her­aus­fin­den, dass gewis­se Din­ge in die­sem Kon­text hier gar nicht klap­pen und die Leu­te nicht drauf reagie­ren und somit der Hand­lungs­spiel­raum auf gewis­se Din­ge begrenzt ist. Auf lega­ler Ebe­ne hat man hier zum Bei­spiel viel mehr Spiel­raum. Es geht auch dar­um, her­aus­zu­fin­den, mit wem man tak­tisch zusam­men­ar­bei­ten kann, ohne sei­ne Wer­te zu ver­ra­ten. Es gilt hier auch das Prin­zip von „Jeder nach sei­nen Fähig­kei­ten, jedem nach sei­nen Bedürf­nis­sen“ zu ver­ste­hen. Anstatt im rei­chen Euro­pa zu sit­zen, sich selbst zu gei­ßeln und über Pri­vi­le­gi­en zu wei­nen, soll­te man die­se Pri­vi­le­gi­en nut­zen. Natür­lich nicht im Dienst von einem selbst als Per­son, um sich in Sze­ne zu set­zen, son­dern im Diens­te der Unter­drück­ten.

Dafür bräuch­te es hier aber erst mal eine revo­lu­tio­nä­re Orga­ni­sa­ti­on die es schafft die­se Din­ge mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen, eine kol­lek­ti­ve Orga­ni­sie­rung schafft und nicht nur eine Ansamm­lung von Indi­vi­du­en ist...

Ja. Dafür ist es auch wich­tig, dass man Rechen­schaft für sei­ne Arbeit abgibt. Bei uns kann auch kei­ner ein­fach machen, was er will. Es gibt bei uns auch das Kon­zept von Kritik/​Selbstkritik. Das bedeu­tet, dass nach jeder Akti­on Aus­wer­tun­gen statt­fin­den, um her­aus­zu­fin­den, was lief gut, was lief schlecht, was kann ver­bes­sert wer­den. Auch um zu sehen, was die Stär­ken und die Schwä­chen sind und wie Leu­te sich ver­bes­sern. Das gibt es hier viel zu wenig. Man kann hier immer nur sagen, was schei­ße ist, aber man kann kei­ne Schlüs­se dar­aus zie­hen, um vor­an zu schrei­ten. Klar, es gibt kei­ne rich­ti­gen revo­lu­tio­nä­ren Orga­ni­sa­tio­nen, die die­sen Rah­men bie­ten, aber auch im klei­nen funk­tio­niert es nicht, weil Men­schen kein Ver­ständ­nis dafür haben, dass Poli­tik kol­lek­tiv lau­fen muss.

Und das auch auf per­sön­li­cher und mensch­li­cher Ebe­ne. Die Leu­te hier lau­fen teil­wei­se wie so Polit­ro­bo­ter rum. Bei uns ist klar, dass wir kei­ne Maschi­nen sind und dass auch Gefüh­le und Pro­ble­me der Leu­te sehr wich­tig sind. Wir sind Men­schen, mit Ängs­ten und Nöten. Sol­che Din­ge wie Gast­freund­schaft und Empa­thie, dass Leu­te sich gegen­sei­tig hel­fen, das ist bei uns selbst­ver­ständ­lich. Das habe ich hier in oft in man­chen poli­ti­schen Krei­sen sehr ver­misst, die Leu­te reden, als ob sie Poli­ti­ker wären und nicht als ob sie Genoss*innen und Ver­bün­de­te wären.

Oft fehlt es hier natür­lich auch an einem revo­lu­tio­nä­ren Ver­ständ­nis. Wer sind hier die Mas­sen, die von einer Revo­lu­ti­on pro­fi­tie­ren wür­den und wie wer­den sie ange­spro­chen? Die wenigs­ten machen sich dar­über über­haupt Gedan­ken.

Trotz die­ser Kri­tik, bin ich der Auf­fas­sun­gen, dass auch die Bewe­gung in Deutsch­land ler­nen und sich ver­bes­sern kann. Das kos­tet viel Arbeit und Zeit und pas­siert nicht ein­fach so von heu­te auf mor­gen. Ich sehe, dass vie­le Genoss*innen hart arbei­ten, um eine Ver­än­de­rung vor­an zu brin­gen. Wir müs­sen auch hier krea­tiv wer­den, indem wir unse­re theo­re­ti­schen Kennt­nis­se auf den spe­zi­fi­schen Kon­text hier anwen­den ler­nen. Das bedeu­tet auch schei­tern, aus den Feh­lern ler­nen und wei­ter machen. Auch wenn vie­les hier aus­sichts­los scheint, weil der Staat in vie­len Aspek­ten sehr stark ist, haben wir hier ande­re Mög­lich­kei­ten und wer­den nicht für unse­ren Akti­vis­mus auf offe­ner Stra­ße erschos­sen. Die phil­ip­pi­ni­sche Bewe­gung kann für die revo­lu­tio­nä­ren Kräf­te in Deutsch­land als Inspi­ra­ti­on die­nen, die ihnen einen Anstoß gibt, um den eig­nen Weg im deut­schen Kon­text zu beschrei­ten.

# Titel­bild: con­cer­ned artists of the phil­ip­pi­nes Insta­gram: @concerenedartists_ph

Der Bei­trag Phil­ip­pi­nen: Ein Krieg gegen die Armen [Inter­view Teil III] erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

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