[GAM:] Die Ermordung von Leo Trotzki

Simon Har­dy und Dave Stock­ton, Info­mail 1114, 21. August 2020

Anläss­lich des 80. Todes­ta­ges von Leo Trotz­ki ver­öf­fent­li­chen wir hier erneut einen Text von Simon Har­dy und Dave Stock­ton über die Geschich­te der Ermor­dung Leo Trotz­kis.

Trotz­ki leb­te in einem Haus in Coyoacán, in Mexi­ko-Stadt, und war nicht nur ein Exi­lant, son­dern auch ein Flücht­ling vor den Mör­de­rIn­nen von Sta­lins Geheim­po­li­zei, dem NKWD (Innen­mi­nis­te­ri­um der UdSSR, auch poli­ti­sche Geheim­po­li­zei). Tat­säch­lich war das „Volks­kom­mis­sa­ri­at für Inne­re Ange­le­gen­hei­ten“ (Vor­läu­fer des Innen­mi­nis­te­ri­ums in der RSFSR und UdSSR) inso­fern etwas falsch benannt, als es ins­be­son­de­re seit dem spa­ni­schen Bür­ge­rIn­nen­krieg (1936 – 1939) ein aus­ge­dehn­tes Netz von Agen­tIn­nen in West­eu­ro­pa und Ame­ri­ka auf­ge­baut hat­te.

Trotz­ki war in den Mos­kau­er Pro­zes­sen von 1936 – 1938 wie­der­holt als der ulti­ma­ti­ve Orga­ni­sa­tor und Inspi­ra­tor von Ver­bre­chen gegen die Sowjet­uni­on ange­pran­gert wor­den. Es war nur eine Fra­ge der Zeit, bis Sta­lin ver­such­te, sein Leben zu been­den. In der Tat sag­te Pawel Sudo­pla­tow, Lei­ter der Ver­wal­tung für Son­der­auf­ga­ben des NKWD, noch in dem Monat, als Trotz­ki in das Haus in der Cal­le Vie­na (Wie­ner Gas­se) ein­zog, im März 1939, als sein Chef Law­ren­ti Beria ihn zu Sta­lin brach­te: „Trotz­ki soll­te inner­halb eines Jah­res eli­mi­niert wer­den“.

Damit füg­te Sta­lin dem rie­si­gen Gemet­zel der Säu­be­run­gen, die nicht nur alle Mit­ar­bei­te­rIn­nen Lenins, son­dern auch vie­le sei­ner eige­nen Anhän­ge­rIn­nen in der Zeit der Dege­ne­ra­ti­on des Sowjet­staa­tes ver­nich­tet hat­ten, ein­schließ­lich der talen­tier­tes­ten Chefs der Roten Armee und zahl­lo­ser völ­lig unschul­di­ger Men­schen, ein­fach das krö­nen­de Ver­bre­chen hin­zu.

Allein Trotz­kis Anwe­sen­heit bedeu­te­te, dass Mexi­ko-Stadt von NKWD-Agen­tIn­nen durch­setzt war. Vie­le von ihnen waren aus Spa­ni­en gekom­men, als Fran­co schließ­lich tri­um­phier­te, wegen der gemein­sa­men Spra­che. Tat­säch­lich haben sich Bewei­se dafür erge­ben, dass es in Mexi­ko-Stadt zwei akti­ve GPU-Netz­wer­ke (GPU: Geheim­po­li­zei der UdSSR ab Ende 1922) gab, die bei­de akti­viert wer­den soll­ten, um die Ermor­dung Trotz­kis aus­zu­füh­ren.

Netzwerk

Das eine Netz­werk wur­de „Pferd“ genannt, der Code­na­me für den berühm­ten mexi­ka­ni­schen Wand­ma­ler David Alfar­do Siquei­ros, ein füh­ren­des Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei. „Pferd“ wur­de von einem GPU-Agen­ten namens Josef Gri­gu­le­witsch gelei­tet, der von Alex­an­der Orlow, einem Gene­ral im NKWD, rekru­tiert wor­den war. Sie waren bei­de Mit­glie­der der GPU-„Spezialeinheit“, die in Spa­ni­en die Fol­ter am pro­mi­nen­ten Füh­rer der POUM, And­reu (Kas­ti­lisch: Andrés) Nin, durch­führ­te. Im Som­mer 1938 wur­de letz­te­rer nach Mos­kau zurück­ge­ru­fen, wo er wegen sei­nes Wis­sens um Sta­lins Ver­bre­chen Gefahr lief, selbst liqui­diert zu wer­den. Er lief dar­auf­hin über und ver­such­te tat­säch­lich, Trotz­ki vor den Agen­tIn­nen zu war­nen, die ihm auf den Fer­sen waren.

Siquei­ros war zu die­ser Zeit ein fana­ti­scher Anti­trotz­kist, der den Sta­li­nis­tIn­nen gegen­über völ­lig loy­al war. Er hat­te die Ver­bin­dun­gen und konn­te ande­re dazu brin­gen, bei einem Angriff zu hel­fen. Aber was die GPU brauch­te, war ein Weg ins Haus. Am 1. Mai orga­ni­sier­ten die Sta­li­nis­tIn­nen einen 20.000 Men­schen star­ken Marsch durch Mexi­ko-Stadt, in dem die Ver­trei­bung Trotz­kis gefor­dert wur­de, und ein Teil der Men­ge for­der­te auch sei­nen Tod. Die sta­li­nis­ti­sche Poli­tik bestand dar­in, maxi­ma­len Druck auf die mexi­ka­ni­sche Regie­rung aus­zu­üben, um den rus­si­schen Dis­si­den­ten aus­zu­wei­sen. Ihre Pres­se griff Trotz­ki regel­mä­ßig an und behaup­te­te, er sei in den Ver­such ver­wi­ckelt, ent­we­der die Regie­rung zu desta­bi­li­sie­ren oder, alter­na­tiv, unter Ver­let­zung sei­ner Visa-Ver­ein­ba­run­gen, die Regie­rung zu beein­flus­sen.

Um 4 Uhr mor­gens am Mor­gen des 25. Mai schlug Siquei­ros‘ Ban­de zu. Als Poli­zis­tIn­nen ver­klei­det, über­rasch­ten sie die Poli­zis­tIn­nen drau­ßen, fes­sel­ten und kne­bel­ten sie und klopf­ten an die Tür. Die Angrei­fe­rIn­nen betra­ten das Gelän­de des Hau­ses, nach­dem einer der ame­ri­ka­ni­schen Wäch­te­rIn­nen, Robert Shel­don Har­te, die Tür geöff­net hat­te. Als sie in den Innen­hof gin­gen, stell­ten sie Maschi­nen­ge­wehr­pos­ten auf und eröff­ne­ten das Feu­er auf das Haus, wobei sie über 300 Kugeln durch die Fens­ter und Wän­de jag­ten. Trotz­ki und Natal­ja Sedo­wa (2. Ehe­frau Trotz­kis) war­fen sich unter das Bett, um in Deckung zu gehen. Ihr 14-jäh­ri­ger Enkel tat das Glei­che und ver­letz­te sich dabei nur leicht an her­um­flie­gen­den Glas­schei­ben.

Einer der Angrei­fer könn­te sogar ins Schlaf­zim­mer gegan­gen sein, um Schüs­se durch die Matrat­ze abzu­feu­ern. Als die Angrei­fer zur Flucht durch das Tor ansetz­ten, warf einer von ihnen eine Gra­na­te in das Haus und ver­ur­sach­te ein Feu­er. Es wur­den auch drei Bom­ben gewor­fen, aber sie explo­dier­ten nicht rich­tig. Schließ­lich gelang es Otto Schüs­s­ler (Pseud­onym: z. B. Oskar Fischer) und Charles Cur­tiss, zwei der Wach-Sekre­tä­rIn­nen, das Haus zu betre­ten und zu Trotz­kis Fami­lie zu gelan­gen. Als sich der Rauch ver­zo­gen hat­te, wur­de wie durch ein Wun­der nie­mand ernst­haft ver­letzt, aber sie ent­deck­ten bald, dass Har­te ver­schwun­den war.

Kurz nach Ankunft der Poli­zei wur­den Ver­däch­ti­gun­gen über den Angriff geäu­ßert. Einen Tag spä­ter ver­haf­te­te sie eini­ge von Trotz­kis Wachen und beschul­dig­te sie, einen „Selbstan­griff“ orga­ni­siert zu haben, um zu ver­su­chen, den Sta­li­nis­tIn­nen etwas anzu­hän­gen. Dies wur­de ener­gisch bestrit­ten. Wie Trotz­ki behaup­te­te, wäre der Preis, der zu zah­len gewe­sen wäre, zu hoch für das Anse­hen der Vier­ten Inter­na­tio­na­le gewe­sen und hät­te sei­nen Auf­ent­halt in Mexi­ko gefähr­det, wenn die­se Ver­schwö­rung auf­ge­deckt wor­den wäre.

Bald rich­te­te die Poli­zei ihr Augen­merk auf die Suche nach Har­te. Hier wur­den in der Fol­ge eine Rei­he inter­es­san­ter Details bekannt. Meh­re­re Quel­len haben auf Bewei­se hin­ge­wie­sen, die dar­auf hin­zu­deu­ten schei­nen, dass Har­te ein NKWD-Agent war. Ers­tens behaup­te­te Har­tes Vater in einem Inter­view mit der mexi­ka­ni­schen Poli­zei, dass im Zim­mer sei­nes Soh­nes ein Bild von Sta­lin an der Wand hin­ge. Ande­re Bewei­se deu­te­ten dar­auf hin, dass Har­te bei sei­ner Ankunft in Mexi­ko Zugang zu einer beträcht­li­chen Geld­sum­me hat­te, sicher­lich viel mehr als sein beschei­de­nes Gehalt als Wach­mann ihm gege­ben hät­te. Es wur­de ver­mu­tet, dass Har­te von sei­nen Füh­rungs­of­fi­zie­rIn­nen ange­wie­sen wor­den war, die Angrei­fe­rIn­nen ins Haus zu las­sen, und dass er dann in einem der Autos weg­ge­fah­ren wor­den war.

Noch schwer­wie­gen­der sind die Behaup­tun­gen eini­ger der Angrei­fe­rIn­nen, die eben­falls impli­zie­ren, dass Har­te sie zumin­dest kann­te. Eine Unter­su­chung der mexi­ka­ni­schen Poli­zei führ­te zur Ver­haf­tung meh­re­rer Per­so­nen, die alle in irgend­ei­ner Wei­se mit der mexi­ka­ni­schen KP ver­bun­den waren. Wäh­rend des Ver­hörs gab einer der an dem Angriff betei­lig­ten Män­ner zu, dass Har­te betei­ligt gewe­sen sei, er sei der Insi­der gewe­sen, der die Tür öff­nen soll­te. Nes­tor San­chez Her­nan­dez, Mit­glied der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und Vete­ran der Inter­na­tio­na­len Bri­ga­den, gab gegen­über der Poli­zei zu, dass er Har­te mit einem nicht iden­ti­fi­zier­ten „fran­zö­si­schen Juden“, der einer der Orga­ni­sa­to­ren des Angriffs war, „ner­vös und freund­lich“ spre­chen gese­hen habe.

Ein ande­rer Bericht iden­ti­fi­ziert den Mann als Josef Gri­gu­le­witsch und beschreibt einen gewal­ti­gen Streit, der zwi­schen ihm und Har­te aus­brach, der sehr auf­ge­regt und ver­är­gert wur­de. Har­te war ver­är­gert und behaup­te­te, ihm sei gesagt wor­den, dass die Absicht der Raz­zia nur dar­in bestand, die Archi­ve zu zer­stö­ren. Als sie sich davon­mach­ten und erkann­ten, dass die Absicht des Angriffs tat­säch­lich dar­in bestan­den hat­te, den alten Mann zu ermor­den, fühl­te sich Har­te ver­ra­ten. Ver­mut­lich ent­schied die GPU, dass Har­te eine ticken­de Zeit­bom­be sei und man ihm nicht trau­en kön­ne, sei­nen Mund zu hal­ten. Sei­ne Lei­che wur­de einen Monat spä­ter ent­deckt, erschos­sen und auf dem Gelän­de einer Vil­la auf dem Land ver­gra­ben.

Trotz­ki schrieb einen Nach­ruf auf Har­te und demen­tier­te die bereits kur­sie­ren­den Anschul­di­gun­gen, er sei ein sta­li­nis­ti­scher Agent gewe­sen. Die Wahr­heit wird viel­leicht nie bekannt wer­den, aber ob Har­te ein Agent war oder nicht, es ist klar, dass sich der Kreis um Trotz­ki schloss. Trotz offi­zi­el­ler Demen­tis sei­tens der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Mexi­kos schick­te David Siquei­ros einen Brief an die Pres­se, in dem er erklär­te: „Die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ver­such­te mit die­sem Angriff ledig­lich, Trotz­kis Ver­trei­bung aus Mexi­ko zu beschleu­ni­gen; alle Fein­dIn­nen der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei kön­nen eine ähn­li­che Behand­lung erwar­ten.“

Es war zwei­fel­los nur eine Fra­ge der Zeit, bis die ama­teur­haf­te Sicher­heits­ar­beit im Haus wie­der über­wun­den war und die Atten­tä­te­rIn­nen ihr Ziel tra­fen.

Das Haus wird zur Festung

Zu die­sem Zeit­punkt wur­de Trotz­ki von meh­re­ren Mit­glie­dern der SWP bewacht, die für einen län­ge­ren Besuch nach Coyoacán ent­sandt wur­den, bewaff­net und als Wach­pos­ten orga­ni­siert waren. Zu die­sen Wäch­te­rIn­nen gehör­ten Jake Coo­per, Wal­ter O’Rourke, Charles Cor­nell und Robert Shel­don Har­te. Eine wei­te­re Wache war Joseph Han­sen, spä­ter ein wich­ti­ger Füh­rer der SWP. Er beschreibt die neu­en Maß­nah­men, die seit dem ver­pfusch­ten Ver­such im Mai ergrif­fen wur­den:

„Die Gar­de wur­de ver­stärkt, schwe­rer bewaff­net. Es wur­den kugel­si­che­re Türen und Fens­ter ein­ge­baut. Es wur­de eine Feld­schan­ze aus bom­ben­si­che­ren Decken und Böden gebaut. Dop­pel­te Stahl­tü­ren, die durch elek­tri­sche Schal­ter gesteu­ert wur­den, ersetz­ten den alten höl­zer­nen Ein­gang, wo Robert Shel­don Har­te von den GPU-Angrei­fe­rIn­nen über­rascht und ent­führt wor­den war. Drei neue kugel­si­che­re Tür­me über­rag­ten nicht nur den Innen­hof, son­dern auch die umlie­gen­de Nach­bar­schaft. Sta­chel­draht­ver­haue und bom­ben­si­che­re Net­ze waren in Vor­be­rei­tung.“

Han­sen soll­te nach dem Zwei­ten Welt­krieg zu einem wich­ti­gen Füh­rer der SWP in den USA wer­den, aber sein ers­tes Tref­fen mit Trotz­ki ver­lief nicht gut. Als Han­sen gebe­ten wur­de, einen Teil des Haus­halts durch die Stadt und in die Wüs­te zu fah­ren, ver­irr­te er sich hoff­nungs­los und ließ Trotz­ki mit der Fra­ge zurück, ob der jun­ge Ame­ri­ka­ner für sei­nen Pos­ten in Mexi­ko geeig­net sei.

Eine/​r der US-Trotz­kis­tIn­nen emp­fahl, die Wache nach dem Angriff im Mai zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren. Er/​Sie schlug einen neu­en Anfüh­rer der Gar­de vor, Ray Rain­bolt, einen Sioux-India­ner von Abstam­mung, ehe­ma­li­gen Sol­da­ten, der der Haupt­mann der Teams­ter von Min­nea­po­lis gewe­sen war. Trotz­ki leg­te gegen die­se Ent­schei­dung ein Veto ein, da er mit zu vie­len Wachen und mit einem Schutz, den er für über­mäch­tig hielt, unzu­frie­den war.

Alles stand auf dem Spiel, der Tod des alten Man­nes wäre eine Kata­stro­phe für die Vier­te Inter­na­tio­na­le gewe­sen, die damals unter den Ham­mer­schlä­gen der unver­meid­li­chen Repres­si­on des Zwei­ten Welt­kriegs litt.

Zu die­sem Zeit­punkt leb­ten etwa acht oder neun Men­schen dau­er­haft in dem Haus, dar­un­ter Trotz­ki, Natal­ja, ihr Enkel Wse­wo­lod Pla­to­no­witsch Wol­kow, die Ros­mers und ande­re. Manch­mal hiel­ten sich bis zu zwan­zig Per­so­nen dort auf. Nor­ma­ler­wei­se gab es etwa vier Wachen.

Ramón Mercader

Nach dem Schei­tern des Pferd-Netz­werks wur­de ein zwei­ter Ver­such gestar­tet. Die GPU wand­te sich an Ramón Mer­ca­der, um die wich­tigs­te Auf­ga­be von allen zu erle­di­gen. Es war klar, dass Cár­de­nas (mexi­ka­ni­scher Prä­si­dent 1934 – 1940) in der Fra­ge der Abschie­bung Trotz­kis nicht umkip­pen wür­de, und die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei war in den Skan­dal um den Angriff im Mai ver­wi­ckelt wor­den, nach­dem Siquei­ros stolz ihre Betei­li­gung dar­an zuge­ge­ben hat­te. Die GPU wand­te sich an Mer­ca­der, um die Sache zu Ende zu brin­gen.

Mer­ca­der ver­brach­te viel Zeit damit, sich Trotz­ki zu nähern. Er war mit Syl­via Ageloff in die USA gereist, mit einem gefälsch­ten kana­di­schen Pass unter dem Namen Franc Jac­son. Sie hei­ra­te­ten und hat­ten vor ihrer Rei­se nach Mexi­ko gemein­sam Zeit in New York ver­bracht. Er war­te­te auf den rich­ti­gen Augen­blick, war­te­te mona­te­lang, reis­te oft zum Haus, um sie abzu­ho­len, ging aber nie hin­ein. Er behielt sei­ne Fas­sa­de als jemand bei, der kein Inter­es­se an Poli­tik hat­te, obwohl er immer noch ein Anhän­ger der Vier­ten Inter­na­tio­na­le war.

Er nahm Kon­takt zu ande­ren GPU-Agen­tIn­nen auf, die nach Mexi­ko ent­sandt wor­den waren, um mit der mexi­ka­ni­schen KP zusam­men­zu­ar­bei­ten und das Atten­tat zu orches­trie­ren. Ramón Mer­ca­der war nicht aktiv in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei Mexi­kos invol­viert, sei­ne Under­co­ver-Iden­ti­tät bot ihm Zeit, ohne jeg­li­chen Druck der Poli­zei zu han­deln. Lynn Walsh (Socia­list Par­ty, eng­li­sche und wali­si­sche Sek­ti­on des CWI/​Komitees für eine Arbei­te­rIn­nen­in­ter­na­tio­na­le, KAI; vor­her: Mili­tant Ten­den­cy) schreibt 1980:

„Die Kam­pa­gne zur Vor­be­rei­tung der mexi­ka­ni­schen KP auf die Ermor­dung Trotz­kis wur­de von einer Rei­he sta­li­nis­ti­scher Füh­re­rIn­nen durch­ge­führt, die bereits Erfah­rung dar­in hat­ten, die Befeh­le ihres Herrn in Mos­kau rück­sichts­los aus­zu­füh­ren: Siquei­ros selbst, der in Spa­ni­en aktiv gewe­sen war, wahr­schein­lich ein GPU-Agent seit 1928; Vit­to­ria Codo­vi­la, eine argen­ti­ni­sche Sta­li­nis­tin, die in Spa­ni­en unter [Oberst] Eit­in­gon ope­riert hat­te, wahr­schein­lich an der Fol­te­rung und Ermor­dung des POUM-Füh­rers Andrés Nin betei­ligt; Pedro Che­ca, ein Füh­rer der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Spa­ni­ens im mexi­ka­ni­schen Exil (sein Name basier­te auf einem Akro­nym des Wor­tes Tsche­ka); und Car­los Con­tre­ras (auch bekannt als Vit­to­rio Vida­li), der in der ‚Son­der­ein­heit‘ der GPU in Spa­ni­en aktiv gewe­sen war. Ihre Bemü­hun­gen wur­den von dem all­ge­gen­wär­ti­gen Colo­nel Eit­in­gon koor­di­niert.“

Die Ope­ra­ti­on wur­de von Pawel A. Sudo­pla­tow, einem hoch­ran­gi­gen Offi­zier der GPU mit Sitz in Mos­kau, gelei­tet und vor­be­rei­tet. Er behaup­te­te in sei­ner Bio­gra­fie, er habe Ramón Mer­ca­der per­sön­lich für die Durch­füh­rung des Atten­tats aus­ge­wählt.

Durch Syl­via Ageloff begann Mer­ca­der die lang­sa­me und bewuss­te Auf­ga­be, sich sei­nem Ziel zu nähern, indem er sich zunächst bei Alfred und Mar­gue­ri­te Ros­mer ein­schmei­chel­te. Durch klei­ne Gefäl­lig­kei­ten, z. B. indem er die Ros­mers her­um­fuhr oder Boten­gän­ge für sie erle­dig­te, kam er sei­nem Ziel immer näher. Ageloff war jedoch immer sehr vor­sich­tig, wenn es dar­um ging, ihm jeg­li­chen Kon­takt mit dem Haus­halt zu gestat­ten, wie Deut­scher betont:

„Syl­via war vor­sich­tig genug, ‚Jac­son‘ [Mer­ca­der] nie­mals in Trotz­kis Haus zu brin­gen – sie sag­te Trotz­ki sogar, dass sein Besuch Trotz­ki unnö­tig in Ver­le­gen­heit brin­gen könn­te, da ihr Mann mit einem fal­schen Pass nach Mexi­ko gekom­men war. Tat­säch­lich wur­de sein Zögern an den Türen des Hau­ses und sein Wider­stre­ben hin­ein­zu­kom­men irgend­wann von Trotz­ki bemerkt, der, da er ‚Syl­vi­as Mann‘ gegen­über nicht unhöf­lich erschei­nen woll­te, sag­te, er sol­le ins Haus ein­ge­la­den wer­den.“

Mer­ca­der war ein gedul­di­ger Mann und war­te­te sei­ne Zeit am Ran­de des Trotz­ki-Krei­ses ab, um spä­ter Zugang zu ihm zu erhal­ten. Ageloff heg­te sogar eini­ge Beden­ken gegen ihn. Als sie ver­such­te, ihn unter der Geschäfts­adres­se, die er ihr gab, zu kon­tak­tie­ren, stell­te sich die­se als fik­tiv her­aus. Als sie ihn damit kon­fron­tier­te, erklär­te er, er habe ihr eine alte Adres­se gege­ben und hän­dig­te ihr eine neue aus. Ein Freund besuch­te das Objekt eines Tages und erfuhr, dass das Büro „Jac­son“ gehö­re. Erleich­tert, dass sei­ne neue Geschich­te wahr zu sein schien, miss­ach­te­te sie ihren Ver­dacht.

Mer­ca­der besuch­te das Haus in Coyoacán zehn­mal, wobei er nie ver­such­te, sich hin­ein­zu­drän­gen oder sich zu Trotz­ki zu weit vor­zu­drän­gen. Er näher­te sich den Wachen, freun­de­te sich mit ihnen an, und als er schließ­lich von den Ros­mers ein­ge­la­den wur­de, trank er bei zwei Gele­gen­hei­ten mit Trotz­ki Tee. Han­sen erin­nert sich an ein bestimm­tes Gespräch:

„In einem Gespräch mit Jac­son, an dem Cor­nell und ich teil­nah­men, frag­te Trotz­ki Jac­son, was er von der ‚Fes­tung‘ hal­te. Jac­son ant­wor­te­te, dass alles gut arran­giert zu sein schien, aber ‚beim nächs­ten Angriff wird die GPU ande­re Metho­den anwen­den‘. ‚Wel­che Metho­den?‘ frag­te einer von uns.“

Han­sen erin­ner­te dar­an, dass Mer­ca­der bei die­ser Fra­ge nur mit den Ach­seln zuck­te.

Nach eini­ger Zeit mach­te Mer­ca­der sei­nen Zug. In den Mona­ten vor dem Angriff war er wie­der­holt geschäft­lich in die USA zurück­ge­kehrt. Jedes Mal, wenn er wie­der­kam, schien er noch ver­zwei­fel­ter und ner­vö­ser zu sein, und er begann auch, ver­schie­de­ne Wege aus­zu­pro­bie­ren, um Trotz­ki nahe­zu­kom­men. Trotz­ki hat­te ihn nie gemocht. Er fand „Jac­son“ ober­fläch­lich und abrupt, war aber bereit, ihn wegen sei­ner Bezie­hung zu Syl­via zu tole­rie­ren. Mer­ca­der begann, ein Inter­es­se an der Poli­tik und den Debat­ten der Vier­ten Inter­na­tio­na­le vor­zu­täu­schen. Er erör­ter­te die Mög­lich­keit, einen Arti­kel zu schrei­ben, den er dann Trotz­ki bat, sich damit zu befas­sen. Trotz­ki stimm­te dem zu.

Mer­ca­der kam am 20. August mit einem maschi­nen­ge­schrie­be­nen Manu­skript eines Arti­kels ins Haus, einer Pole­mik gegen die drit­te Lager­po­si­ti­on Shacht­mans. Er sah Natal­ja im Gar­ten und bat um ein Glas Was­ser. Sie frag­te ihn, ob er ihr sei­nen Hut und sei­nen Man­tel aus­hän­di­gen wol­le, aber er lehn­te ab. In sei­ner Hand, unter dem Man­tel, umklam­mer­te er den Eis­pi­ckel, den er als Mord­waf­fe benut­zen woll­te. Er ver­barg auch einen Dolch und eine Pis­to­le, als er sich in Trotz­kis Arbeits­zim­mer begab.

Nach dem Angriff gaben die Wachen zu, dass Vor­keh­run­gen getrof­fen wor­den waren, um alle Besu­che­rIn­nen zu durch­su­chen und Trotz­ki nie mit einem Gast allein zu las­sen, aber die­se Ver­fah­ren waren nicht umge­setzt wor­den. In einem Inter­view mit Alan Woods im Jahr 2003 gab Trotz­kis Enkel zu:

„ … die Vor­keh­run­gen für Trotz­kis Ver­tei­di­gung waren äußerst man­gel­haft. Im Augen­blick der Wahr­heit wur­de Leo Dawi­do­witsch mit einem rela­tiv Unbe­kann­ten allein gelas­sen, dem die Wachen im August in einem schwe­ren Regen­man­tel, in dem ein Eis­pi­ckel, ein lan­ger Dolch und eine Pis­to­le ver­steckt waren, in unglaub­li­cher Wei­se erlaubt hat­ten, das Gebäu­de zu betre­ten. Die Wachen mach­ten sich nicht ein­mal die Mühe, ihn zu ‚fil­zen‘, bevor sie ihn in Trotz­kis Arbeits­zim­mer lie­ßen. Eine solch ele­men­ta­re Vor­sichts­maß­nah­me hät­te aus­ge­reicht, um die gesam­te Mis­si­on abzu­bre­chen. Aber die­je­ni­gen, die angeb­lich Trotz­ki ver­tei­di­gen soll­ten, tra­fen nicht die ele­men­tars­ten Vor­sichts­maß­nah­men.“

Da nur die bei­den im Büro waren, stand er hin­ter Trotz­ki. Als der alte Mann begann, den Arti­kel durch­zu­le­sen und Kor­rek­tu­ren vor­zu­neh­men, zog er die Waf­fe her­aus und stieß ihre Spit­ze gewalt­sam in Trotz­kis Kopf. Trotz­ki stieß einen lau­ten Schrei aus. Mer­ca­der beschrieb ihn anschlie­ßend der Poli­zei: „Ich nahm den ‚Eis­pi­ckel‘. Ich hob ihn hoch. Ich schloss mei­ne Augen und schlug mit all mei­ner Kraft zu … Solan­ge ich lebe, kann ich sei­nen Schrei nicht ver­ges­sen … “

Natal­ja beschreibt auch, wie sie einen „schreck­li­chen, mar­kerschüt­tern­den Schrei“ hör­te und in den Raum stürm­te. Als die Wachen den Raum betra­ten, sahen sie, dass Trotz­ki Mer­ca­der zu Boden gerun­gen hat­te. Char­lie Cor­nell stürm­te mit einer Pis­to­le her­ein. Trotz­ki rief ihm zu: „Nein … es ist unzu­läs­sig zu töten, er muss zum Reden gezwun­gen wer­den.“ Han­sen, Robins und Cor­nell hiel­ten Mer­ca­der auf dem Boden fest, wäh­rend die Poli­zei geru­fen wur­de. Natal­ja wieg­te Trotz­kis Kopf in ihrem Schoß, als sie ver­such­ten, die Blu­tung zu stop­pen. Trotz­ki flüs­ter­te sei­ner Frau zu, dass er sie lieb­te, und sag­te: „Jetzt ist es gesche­hen.“

Im Kran­ken­haus stand Han­sen neben Trotz­kis Bett. Der alte Mann rief ihn her­bei und flüs­ter­te sei­nem ame­ri­ka­ni­schen Genos­sen eini­ge sei­ner letz­ten Wor­te ins Ohr. Die Wor­te waren lang­sam, schwan­kend und schwie­rig, er sprach sie auf Eng­lisch, weil Han­sen kein Rus­sisch sprach. „Ich bin dem Tod nahe durch den Schlag eines poli­ti­schen Atten­tä­ters … der mich in mei­nem Zim­mer nie­der­ge­streckt hat. Ich kämpf­te mit ihm … wir gin­gen hin­ein, spra­chen über fran­zö­si­sche Sta­tis­ti­ken … er schlug mich … Bit­te sage unse­ren Freun­dIn­nen … ich bin mir des Sie­ges der Vier­ten Inter­na­tio­na­le sicher. Geht vor­wärts!“ Natal­ja frag­te Han­sen, was ihr Mann gesagt hat­te. Da er sie nicht mit etwas beun­ru­hi­gen woll­te, von dem er wuss­te, dass es wahr­schein­lich Trotz­kis letz­te Wor­te sein wür­den, ant­wor­te­te er: „Er woll­te, dass ich eine Notiz über die fran­zö­si­schen Sta­tis­ti­ken mache“, und ver­ließ den Raum.

Die Ärz­tIn­nen arbei­te­ten hart, aber sei­ne Wun­de war zu tief und sei­ne Jah­re waren zu weit fort­ge­schrit­ten. Trotz­ki starb am 21. August. Sein Kör­per wur­de zwi­schen dem 22. und 27. August durch etwas geehrt, das einer „öffent­li­chen Auf­bah­rung“ nahe­kam. Etwa 300.000 Men­schen kamen, um ihn zu sehen. Am 27. August wur­de sein Leich­nam ein­ge­äschert. Er woll­te sei­nen Leich­nam ver­nich­tet sehen, wie Han­sen es beschreibt, so dass nur sei­ne revo­lu­tio­nä­ren Ideen übrig­blie­ben. Schon der Gedan­ke an eine Mumi­fi­zie­rung, wie Sta­lin den Leich­nam Lenins prä­pa­rie­ren ließ, hät­te den beken­nen­den Mate­ria­lis­ten ange­wi­dert. Sei­ne Asche wur­de auf dem Gelän­de des Hau­ses in Coyoacán bei­gesetzt, dem Ort, der fast ein Gefäng­nis gewe­sen war, aber auch sein end­li­ches Zuhau­se in den letz­ten Jah­ren sei­nes Lebens.

Damit hat­ten die Sta­li­nis­tIn­nen den Mann nie­der­ge­schla­gen, der sein gan­zes Erwach­se­nen­le­ben der Revo­lu­ti­on gewid­met hat­te. Den jun­gen Revo­lu­tio­när, der Lenin am frü­hen Mor­gen auf­ge­weckt hat­te, als er zum ers­ten Mal nach Lon­don kam, der wäh­rend der Revo­lu­ti­on von 1905 im Alter von 25 Jah­ren zum Vor­sit­zen­den des ers­ten Petro­gra­der Sowjets gemacht wor­den war. Er hat­te für die Revo­lu­ti­on drei Peri­oden Gefäng­nis und Exil erlei­den müs­sen. Er war der popu­lärs­te Red­ner der Bol­sche­wi­ki unter dem Pro­le­ta­ri­at bei gro­ßen Ver­samm­lun­gen im Cir­que Moder­ne in Petro­grad 1917. Er lei­te­te auch das Mili­tä­ri­sche Revo­lu­ti­ons­ko­mi­tee, das den Sturz der Pro­vi­so­ri­schen Regie­rung orga­ni­sier­te und die Losung Lenins ver­wirk­lich­te: „Alle Macht den Sowjets!“

Trotz­ki hat­te die Bil­dung der Roten Armee beauf­sich­tigt und ihre Ver­tei­di­gung der Revo­lu­ti­on gelenkt, als sie die ver­ein­ten Kräf­te der Impe­ria­lis­tIn­nen und der Wei­ßen Arme­en besieg­te. Wäh­rend der Revo­lu­ti­on und zum Zeit­punkt des Bür­ge­rIn­nen­kriegs waren Lenin und Trotz­ki sich so nahe, dass wäh­rend des größ­ten Teils eines Jahr­zehnts, wenn Fein­dIn­nen und Freun­dIn­nen von der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on und dem jun­gen Sowjet­staat spra­chen, sie sich immer auf Lenin und Trotz­ki bezo­gen. Den­noch war Trotz­ki das pro­mi­nen­tes­te Opfer der büro­kra­ti­schen Dege­ne­ra­ti­on der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on und erklär­te eine unnach­gie­bi­ge Oppo­si­ti­on gegen Sta­lin, den er als den „Toten­grä­ber der Revo­lu­ti­on“ bezeich­ne­te und spä­ter als Kain, den Mör­der sei­nes Bru­ders, beschrieb.

Für die­se Oppo­si­ti­on bezahl­te er mit sei­nem Leben, aber auch sei­ne Kin­der und vie­le sei­ner Freun­dIn­nen und Genos­sIn­nen. Zu sei­ner von „Kain Sta­lin“ getö­te­ten Fami­lie gehör­te auch sei­ne ers­te Frau Alex­an­dra Soko­low­ska­ja, die ihn 1897 für den Mar­xis­mus gewon­nen hat­te und 1938 erschos­sen wur­de. Dann gab es sei­nen unpo­li­ti­schen Sohn Ser­gei, der 1937 erschos­sen wur­de, und Trotz­kis engs­ten poli­ti­schen Mit­ar­bei­ter, sei­nen ande­ren Sohn, Leo Sedow, der im Febru­ar 1938 mit ziem­li­cher Sicher­heit vom NKWD in einer Pari­ser Kli­nik ermor­det wur­de. Zu sei­nen jun­gen poli­ti­schen Kol­la­bo­ra­teu­rIn­nen in den 1930er Jah­ren gehör­ten Erwin Wolf, der 1937 auf einer Mis­si­on in Spa­ni­en ermor­det wur­de, und Rudolf Kle­ment, der Sekre­tär der Vier­ten Inter­na­tio­na­le, der im Juli 1938 in Paris ermor­det wur­de, als er die Grün­dungs­kon­fe­renz der Vier­ten Inter­na­tio­na­le vor­be­rei­te­te.

Die SWP orga­ni­sier­te am 28. August ein Tref­fen in New York. Can­non hielt eine Rede, die von dem tie­fen Gefühl um den Ver­lust ihres poli­ti­schen Füh­rers und Lei­ters geprägt war und in der er die fes­tes­te Über­zeu­gung der Füh­re­rIn­nen der Vier­ten Inter­na­tio­na­le von der Rich­tig­keit und Gerech­tig­keit ihrer Sache dar­leg­te. Can­non erklär­te, wie wich­tig die Ideen waren, für die Trotz­ki kämpf­te:

„Er erklär­te sie uns vie­le, vie­le Male. Ein­mal schrieb er: ‚Nicht die Par­tei macht das Pro­gramm, son­dern das Pro­gramm macht die Par­tei‘. In einem per­sön­li­chen Brief an mich schrieb er ein­mal: ‚Wir arbei­ten mit den kor­rek­tes­ten und mäch­tigs­ten Ideen der Welt, mit unzu­rei­chen­den zah­len­mä­ßi­gen Kräf­ten und mate­ri­el­len Mit­teln. Aber rich­ti­ge Ideen erobern auf lan­ge Sicht immer die not­wen­di­gen mate­ri­el­len Mit­tel und Kräf­te und stel­len sie sich selbst zur Ver­fü­gung‘.“

Can­non fuhr fort und ver­wies auf die Kon­ti­nui­tät des revo­lu­tio­nä­ren Den­kens von Marx, über Lenin bis hin zu Trotz­ki und zur gegen­wär­ti­gen Vier­ten Inter­na­tio­na­le:

„Wol­len Sie eine kon­kre­te Ver­an­schau­li­chung der Macht der mar­xis­ti­schen Ideen? Den­ken Sie nur dar­an: Als Marx 1883 starb, war Trotz­ki erst vier Jah­re alt. Lenin war erst vier­zehn Jah­re alt. Kei­ner von bei­den konn­te Marx oder irgend­et­was über ihn wis­sen. Den­noch wur­den bei­de durch Marx zu gro­ßen his­to­ri­schen Per­sön­lich­kei­ten, weil Marx Ideen in der Welt ver­brei­tet hat­te, bevor sie gebo­ren wur­den. Die­se Ideen leb­ten ihr eige­nes Leben. Sie präg­ten das Leben von Lenin und Trotz­ki.“

Mit Absicht sprach Can­non über sei­nen Glau­ben an die Zukunft, über die Hoff­nung, die er und die ande­ren Revo­lu­tio­nä­rIn­nen in die jün­ge­ren Genera­tio­nen setz­ten:

„Eben­so wer­den die Ideen Trotz­kis, die eine Wei­ter­ent­wick­lung der Ideen von Marx sind, uns, sei­ne Jün­ge­rIn­nen, die ihn heu­te über­le­ben, beein­flus­sen. Sie wer­den das Leben weit­aus grö­ße­rer Jün­ge­rIn­nen prä­gen, die noch kom­men wer­den, die Trotz­kis Namen noch nicht ken­nen. Eini­ge, die dazu bestimmt sind, die größ­ten Trotz­kis­tIn­nen zu wer­den, spie­len heu­te auf den Schul­hö­fen. Sie wer­den von Trotz­kis Ideen genährt wer­den, wie er und Lenin von den Ideen von Marx und Engels genährt wur­den.“

Das Schicksal von Mercader

Mer­ca­der wur­de für zwan­zig Jah­re ins Gefäng­nis gesteckt. Die mexi­ka­ni­schen Behör­den waren unglück­lich über rus­si­sche Atten­tä­te­rIn­nen, die in ihrem Land ope­rier­ten, und woll­ten an ihm ein Exem­pel sta­tu­ie­ren. Sei­ne Mut­ter, selbst eine Schlüs­sel­a­gen­tin der GPU in Spa­ni­en, die mit der Geheim­po­li­zei­ein­heit in Ver­bin­dung stand, die auf die „Liqui­die­rung von Trotz­kis­tIn­nen“ spe­zia­li­siert war, erhielt eine Medail­le, eben­so wie Mer­ca­der, als er schließ­lich nach Ost­eu­ro­pa zurück­kehr­te.

Eit­in­gon und ande­re plan­ten den Ver­such, Mer­ca­der 1944 aus dem Gefäng­nis aus­zu­bre­chen, wie aus den Akten der Natio­na­len Sicher­heits­be­hör­de her­vor­geht. Die­ser Ver­such hat­te offen­sicht­lich kei­nen Erfolg. Als er schließ­lich 1960 frei­ge­las­sen wur­de, flog er nach Havan­na, wo er von Cas­tros neu­er Regie­rung will­kom­men gehei­ßen wur­de. Danach flog er in die UdSSR und wur­de mit einer Medail­le aus­ge­zeich­net, dem „Hel­den der Sowjet­uni­on“. Den Rest sei­nes Lebens leb­te er zwi­schen Ost­eu­ro­pa und Kuba. Celia Hart, eine Mar­xis­tin, die sich nach den 1960er Jah­ren sowohl mit der Kuba­ni­schen Revo­lu­ti­on als auch mit dem Trotz­kis­mus iden­ti­fi­zier­te, war beson­ders ent­setzt über die Ver­bin­dung von Mer­ca­der mit ihrer revo­lu­tio­nä­ren Hei­mat. „Ich kann nachts immer noch nicht schla­fen, wenn ich dar­an den­ke, dass Mer­ca­der nach dem Tri­umph der Kuba­ni­schen Revo­lu­ti­on in mein Land kam“.

Die Sta­li­nis­tIn­nen hat­ten eine Spur des Todes hin­ter­las­sen, um zu Trotz­ki zu gelan­gen, um zu ver­su­chen, sei­ne Ideen und sei­ne klei­ne Orga­ni­sa­ti­on zu zer­schla­gen: zwei sei­ner Kin­der, sei­ne Ex-Frau, sie­ben sei­ner Sekre­tä­rIn­nen und schließ­lich den alten Mann selbst. Dabei wur­den die Zehn­tau­sen­den von lin­ken Oppo­si­tio­nel­len, die in Russ­land ihr Leben ver­lo­ren, nicht ein­mal mit­ge­zählt. Nicht mit­ge­zählt sind auch die vie­len hun­dert Trotz­kis­tIn­nen, die im kom­men­den Zwei­ten Welt­krieg ihr Leben ver­lie­ren wür­den, getö­tet ent­we­der von den Faschis­tIn­nen oder den Sta­li­nis­tIn­nen.

Es ging dar­um, dass die Bewe­gung um Trotz­ki kei­ne Sek­te oder eine ein­fa­che Grup­pe von „Anhän­ge­rIn­nen“ war, die in ihn ver­liebt waren, als sei er eine Berühmt­heit. Sie waren kri­tisch den­ken­de Mar­xis­tIn­nen, die in Trotz­kis Kampf gegen Sta­lin die Fort­set­zung einer mar­xis­ti­schen Poli­tik ange­sichts einer unge­zü­gel­ten poli­ti­schen Reak­ti­on sahen. Der Ver­lust Trotz­kis war ein schwe­rer Schlag, ja der schwers­te, den man sich vor­stel­len kann, da er der letz­te Über­le­ben­de der gro­ßen Genera­ti­on klas­si­scher Mar­xis­tIn­nen und Revo­lu­tio­nä­rIn­nen war. Aber es war nicht der töd­li­che Schlag, den sich Sta­lin erhofft hat­te, es war nicht der Gna­den­stoß für die Vier­te Inter­na­tio­na­le, so win­zig und ver­folgt sie auch war.

Wäh­rend die Sta­li­nis­tIn­nen jahr­zehn­te­lang an der Spit­ze von Mas­sen­par­tei­en und sogar sieg­rei­chen büro­kra­ti­schen Revo­lu­tio­nen in Chi­na, Viet­nam und Kuba auf­blüh­ten, stell­ten sie die Trotz­kis­tIn­nen als eine pathe­ti­sche Irrele­vanz dar. Auch Aka­de­mi­ke­rIn­nen und west­li­che Kom­men­ta­to­rIn­nen schlos­sen sich die­sem Urteil an. Wenn Trotz­ki und die Trotz­kis­tIn­nen jedoch wirk­lich kei­ne Gefahr für Sta­lin gewe­sen waren, war­um hat­te er dann seit 1936 alles getan, was er konn­te, um zu ver­su­chen, sie durch die poli­ti­schen Pro­zes­se zu dif­fa­mie­ren, und um dann 1937 zu einer Poli­tik der phy­si­schen Liqui­die­rung über­zu­ge­hen? War es ein­fach die Para­noia eines geis­tes­ge­stör­ten Tyran­nen? Wenn ja, war­um setz­ten Sta­lins Nach­fol­ge­rIn­nen die­se Dif­fa­mie­rung des Trotz­kis­mus fünf­zig Jah­re lang fort? War­um ver­lieh Leo­nid Bre­schnew 1961 Ramón Mer­ca­der bei einer Zere­mo­nie im Kreml den Gol­de­nen Stern des Lenin-Ordens für die Aus­füh­rung einer „beson­de­ren Auf­ga­be“, der Ermor­dung Trotz­kis?

Es war ganz ein­fach, weil Trotz­ki den revo­lu­tio­nä­ren Geist und das befrei­en­de Pro­gramm der bol­sche­wis­ti­schen Par­tei, der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on, der ers­ten Jah­re des Sowjet­staa­tes und der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le reprä­sen­tier­te. Er reprä­sen­tier­te Zehn­tau­sen­de von lin­ken Oppo­si­tio­nel­len, die gegen die büro­kra­ti­sche Kon­ter­re­vo­lu­ti­on Sta­lins kämpf­ten und bei dem Ver­such umka­men. Nicht zuletzt hat­te er das Erbe Lenins in den Kämp­fen gegen den Faschis­mus wäh­rend der 1930er Jah­re wei­ter­ent­wi­ckelt.

Ver­kör­pert in der 1938 erfolg­ten Grün­dung der Vier­ten Inter­na­tio­na­le und ihrem Pro­gramm „Der Todes­kampf des Kapi­ta­lis­mus“ bleibt die­se Tra­di­ti­on trotz der poli­ti­schen Ver­zer­run­gen und Ver­bre­chen, die vie­le so genann­te Trotz­kis­tIn­nen gegen sie began­gen haben, ein wert­vol­les Ver­mächt­nis für all jene, die in den kapi­ta­lis­ti­schen Kri­sen, Krie­gen und Revo­lu­tio­nen des 21. Jahr­hun­dert revo­lu­tio­nä­re Par­tei­en und eine revo­lu­tio­nä­re Inter­na­tio­na­le wie­der auf­bau­en wol­len.

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