[KgK:] Ermordung von Leo Trotzki: Wie es geschah

(Diens­tag, 20. August 1940, 7 Uhr mor­gens)

“Weißt du, ich füh­le mich gut heu­te, zumin­dest heu­te Mor­gen. Es ist lan­ge her, seit ich mich so wohl gefühlt habe…. Letz­te Nacht habe ich eine dop­pel­te Dosis Schlaf­mit­tel genom­men. Ich habe gemerkt, dass mir das gut tut.”

“Ja, ich erin­ne­re mich,wir haben das in Nor­we­gen beob­ach­tet, als du dich öfter aus­ge­laugt gefühlt hast… Aber es ist nicht die Dro­ge selbst, die dir gut tut, son­dern der tie­fe Schlaf, die voll­stän­di­ge Erho­lung.”

”Aber ja, natür­lich.”

Wenn er die rie­si­gen Fens­ter­lä­den aus Stahl, die unse­re Freun­de nach dem Angriff auf unser Haus am 24. Mai ange­bracht hat­ten, mor­gens öff­ne­te oder abends schloss, merk­te L.D. hin und wie­der an: “Nun, jetzt kann uns kein Siquei­ros krie­gen.” Und beim Auf­wa­chen wür­de er mich und sich begrü­ßen, indem er sag­te: “Siehst du, sie haben uns letz­te Nacht doch nicht umge­bracht, und du bist immer noch unzu­frie­den.” Ich habe mich so gut ver­tei­digt, wie es ging…. Ein­mal, nach einer sol­chen „Begrü­ßung“, füg­te er nach­denk­lich hin­zu: „Ja, Nata­scha, wir haben eine Gal­gen­frist bekom­men.“

Schon 1928, als wir nach Alma-Ata ver­bannt wur­den, wo uns das Unbe­kann­te erwar­te­te, unter­hiel­ten wir uns eines Abends im Abteil des Zuges, der uns ins Exil brach­te… Wir konn­ten nach den Unru­hen der letz­ten Wochen, und beson­ders den letz­ten Tagen in Mos­kau nicht schla­fen. Trotz unse­rer äußers­ten Müdig­keit hielt die ner­vö­se Anspan­nung an. Ich erin­ne­re mich, dass Lew Dawi­do­witsch mir damals gesagt hat­te: “Es ist bes­ser so (Exil). Ich bin dage­gen, in einem Bett im Kre­mel zu ster­ben.”

Aber an die­sem Mor­gen war er weit weg von sol­chen Gedan­ken. Sein kör­per­li­ches Wohl­be­fin­den ließ ihn erwar­tungs­voll auf einen „rich­tig guten“ Arbeits­tag bli­cken. Ener­gisch ging er hin­aus in den Hof, um sei­ne Kanin­chen zu füt­tern, nach­dem er zügig sei­ne Mor­gen­toi­let­te erle­digt und sich eben­so schnell ange­zo­gen hat­te.

Wenn sein Gesund­heits­zu­stand schlecht war, war das Füt­tern der Kanin­chen eine Belas­tung für ihn; Aber er konn­te es nicht auf­ge­ben, denn er hat­te Mit­leid mit den klei­nen Tie­ren. Es war schwer, es so zu tun, wie er es woll­te, so wie es sei­ne Gewohn­heit war – gründ­lich. Dar­über hin­aus muss­te er auf der Hut sein; sei­ne Stär­ke muss­te für eine ande­re Art der Arbeit geschont wer­den – die Arbeit an sei­nem Schreib­tisch. Die Pfle­ge der Tie­re, das Rei­ni­gen der Käfi­ge usw. ver­schaff­te ihm einer­seits Ent­span­nung und Ablen­kung, ermü­de­te ihn ande­rer­seits aber auch kör­per­lich, was sich wie­der­um auf sei­ne all­ge­mei­ne Arbeits­fä­hig­keit aus­wirk­te. Er ging ver­tief­te sich kom­plett in alles, was er tat, unab­hän­gig von der Auf­ga­be.

Ich erin­ne­re mich an 1933, als wir von Prin­ki­po in Rich­tung Frank­reich auf­bra­chen, wo wir in einer ein­sa­men Vil­la nicht weit ent­fernt von Roy­an nahe der Atlan­tik­küs­te leb­ten. Unser Sohn hat­te zusam­men mit unse­ren Freun­den die­se Vil­la ein­ge­rich­tet, die den Namen “Gischt” trug. Die Wel­len des auf­ge­wühl­ten Mee­res flos­sen in unse­ren Gar­ten und sal­zi­ge Gischt weh­te durch unse­re offe­nen Fens­ter. Von unse­ren Freun­den umge­ben leb­ten wir in halb­le­ga­len Ver­hält­nis­sen. Gele­gent­lich waren wir bis zu zwan­zig Per­so­nen. Acht oder neun wohn­ten auf dem Gelän­de. Im Anbe­tracht unse­rer Situa­ti­on stand es außer Fra­ge, eine Haus­häl­te­rin oder jeman­den, der in der Küche hel­fen kann, zu rufen. Die gan­ze Last lag auf Jean­ne, der Frau mei­nes Soh­nes, und Vera Moli­nier, und ich half auch. Die jun­gen Genos­sen wuschen das Geschirr. Lew Dawi­do­witsch woll­te auch mit der Haus­ar­beit hel­fen und begann, das Geschirr zu spü­len. Aber unse­re Freun­de pro­tes­tier­ten: “Er soll­te sich nach dem Essen aus­ru­hen. Wir kom­men schon klar.” Außer­dem sag­te mir mein Sohn Leva: “Papa besteht dar­auf, eine wis­sen­schaft­li­che Metho­de des Geschirr­spü­lens zu ver­wen­den und es frisst zu viel unse­rer Zeit.” Letzt­end­lich muss­te sich L.D. von die­ser Tätig­keit zurück­zie­hen.

Der Mit­tel­weg, die lust­lo­se Hal­tung, die halb­her­zi­ge Art, all das kann­te er nicht. Des­we­gen ermü­de­te ihn nichts mehr als unver­bind­li­che oder halb­her­zi­ge Gesprä­che. Aber mit wel­chem Enthu­si­as­mus er aus­zog, Kak­teen zu sam­meln, um sie in unse­ren Gar­ten zu pflan­zen. Er war in einem Rausch, er war der ers­te im Ein­satz und der letz­te, der ging. Nicht ein ein­zi­ger der jun­gen Leu­te, die ihn bei unse­ren Spa­zier­gän­gen aufs Land umga­ben, und die mit ihm drau­ßen arbei­te­ten, konn­te mit ihm mit­hal­ten: sie ermü­de­ten schnel­ler und fie­len einer nach dem ande­ren zurück. Er aber war uner­müd­lich. Wenn ich ihn betrach­te­te, staun­te ich oft. Woher nahm er sei­ne Ener­gie, sei­ne kör­per­li­che Aus­dau­er? Weder die uner­träg­lich hei­ße Son­ne, die Ber­ge, noch die Abstie­ge mit Kak­teen schwer wie Eisen stör­ten ihn. Er war hyp­no­ti­siert von der Voll­endung der Auf­ga­be, die vor ihm lag. Er fand Ent­span­nung durch den Wech­sel sei­ner Auf­ga­ben. Dies ver­schaff­te ihm auch eine Ver­schnauf­pau­se von den Schlä­gen, die gna­den­los auf ihn nie­der­gin­gen. Je ver­nich­ten­der der Schlag, des­to inbrüns­ti­ger ver­gaß er sich in der Arbeit.

Unse­re Spa­zier­gän­ge, die eigent­lich Kriegs­ex­pe­di­tio­nen für Kak­teen waren, wur­den durch “Umstän­de außer­halb unse­rer Kon­trol­le” immer sel­te­ner. Doch ab und zu, nach­dem er von der Mono­to­nie sei­nes All­tags genug hat­te, sag­te Lew Dawi­do­witsch zu mir: „Die­se Woche soll­ten wir uns einen gan­zen Tag frei neh­men, um spa­zie­ren zu gehen, meinst du nicht auch?“

“Du meinst, einen Tag Zwangs­ar­beit?”, zog ich ihn auf.

“Also gut, lass uns gehen, um sicher zu gehen.”

“Es wäre am Bes­ten, früh los­zu­kom­men. Lass uns um sechs Uhr mor­gens her­um auf­bre­chen?”

“Sechs passt für mich, aber wirst du nicht zu müde sein?”

“Nein, es wird mich nur erfri­schen und ich ver­spre­che, es nicht zu über­trei­ben.”

Nor­ma­ler­wei­se füt­ter­te Lew Dawi­do­witsch sei­ne lie­be­voll beob­ach­te­ten Kanin­chen und Hüh­ner von vVier­tel nach sie­ben (manch­mal 7:20) bis neun Uhr mor­gens. Manch­mal wür­de er sei­ne Arbeit unter­bre­chen, um Anwei­sun­gen oder Ideen, auf die er gekom­men war in sein Dik­tier­ge­rät zu spre­chen. An die­sem Tag arbei­te­te er ohne Unter­bre­chung imn dem Hof. Nach dem Früh­stück ver­si­cher­te er mir, dass er sich gut füh­le und sprach über sei­nen Wunsch, einen Arti­kel über die Wehr­pflicht in den USA zu schrei­ben. Und er hat tat­säch­lich ange­fan­gen, ihn zu dik­tie­ren.

Um ein Uhr kam Rigault, unser Anwalt im Fall der Angrif­fe vom 24. Mai, um uns zu sehen. Nach sei­ner Abfahrt schau­te Lew Dawi­do­witsch, nicht ohne Bedau­ern, in mein Zim­mer, um mir zu sagen, dass er die Arbeit an dem Arti­kel unter­bre­chen und die Vor­be­rei­tung des Mate­ri­als für den Pro­zess im Zusam­men­hang mit dem Angriff auf uns wie­der auf­neh­men müs­se. Er und sein Anwalt hat­ten beschlos­sen, dass es nötig war, auf El Popu­lar zu ant­wor­ten, war doch L.D. auf einem Ban­kett die­ser Publi­ka­ti­on der Dif­fa­mie­rung beschul­digt wor­den.

“Und ich wer­de in die Offen­si­ve gehen und sie der dreis­ten Ver­leum­dung ankla­gen.”, sag­te er trot­zig.

“Scha­de, dass du nicht über die Wehr­pflicht schrei­ben kön­nen wirst.”

“Ja, da kann man nichts machen. Ich muss es für zwei oder drei Tage auf­schie­ben. Ich habe bereits dar­um gebe­ten, dass alle ver­füg­ba­ren Mate­ria­li­en zu mei­nem Schreib­tisch gebracht wer­den. Nach dem Essen wer­de ich begin­nen, sie durch­zu­ge­hen. Ich füh­le mich gut.”, ver­si­cher­te er mir noch ein­mal.

Nach einer kur­zen Mit­tags­pau­se sah ich ihn an sei­nem Schreib­tisch sit­zen, auf dem sich bereits Bei­trä­gen zum El Popu­lar Fall sta­pel­ten. Er war wei­ter­hin guter Lau­ne. Und das mach­te mich fröh­li­cher.

Lew Dawi­do­witsch hat­te in letz­ter Zeit über Ent­kräf­tung geklagt, der er gele­gent­lich erlag. Er wuss­te, dass es sich um einen vor­über­ge­hen­den Zustand han­del­te, aber in letz­ter Zeit schien er grö­ße­re Zwei­fel dar­an zu haben als je zuvor; heu­te schien uns als der Beginn einer Ver­bes­se­rung in sei­ner kör­per­li­chen Ver­fas­sung. Er sah auch gut aus. Hin und wie­der öff­ne­te ich die Tür zu sei­nem Zim­mer, nur einen Spalt, um ihn nicht zu stö­ren, und sah ihn in sei­ner übli­chen Hal­tung, über sei­nen Schreib­tisch gebeugt, den Stift in der Hand. Ich erin­ne­re mich an die Zei­le “Eine wei­te­re und letz­te Geschich­te und mei­ne Schrift ist been­det.” So sprach der alte Schrei­ber­mönch Pimen in Pusch­kins Dra­ma Boris Godo­u­n­ov, als er die bösen Taten von Zar Boris auf­schrieb.

Lew Dawi­do­witsch leb­te ein Leben, das dem eines Gefan­ge­nen oder Ein­sied­lers ähn­lich ist, mit dem Unter­schied, dass er in sei­ner Ein­sam­keit nicht nur eine chro­no­lo­gi­sche Auf­zeich­nung der Ereig­nis­se mach­te, son­dern lei­den­schaft­lich einen uner­bitt­li­chen Kampf gegen sei­ne ideo­lo­gi­schen Fein­de führ­te.
So kurz die­ser Tag auch war, Lew Dawi­do­witsch hat­te bis fünf Uhr nach­mit­tags meh­re­re Frag­men­te sei­nes in Betracht gezo­ge­nen Arti­kels über die Wehr­pflicht in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und etwa fünf­zig kur­ze Sei­ten sei­ner Ent­hül­lung von El Popu­lar, also von Sta­lins Machen­schaf­ten, in das Dik­tier­ge­rät gespro­chen. Für ihn war es ein Tag kör­per­li­cher und geis­ti­ger Gelas­sen­heit.

Jackson taucht auf

Um fünf hat­ten wir bei­de Tee, wie immer. Zwan­zig nach fünf, viel­leicht auch halb nach, ging ich auf den Bal­kon und sah L.D. auf dem Hof nahe einem offe­nen Kanin­chen­stall. Er füt­ter­te die Tie­re. Neben ihm war eine mir unbe­kann­te Per­son. Erst als er sei­nen Hut abnahm und begann, auf den Bal­kon zuzu­ge­hen, erkann­te ich ihn. Es war “Jac­son”.

“Hier ist er wie­der”, schoss es mir durch den Kopf. “War­um kommt er inzwi­schen so oft vor­bei?”, frag­te ich mich.

“Ich bin schreck­lich durs­tig, könn­te ich ein Glas Was­ser haben?”, frag­te er, als er mich begrüß­te.

“Wol­len Sie viel­leicht eine Tas­se Tee?”

“Nein nein. Ich habe zu spät geges­sen, und ich füh­le mich, als sei das Essen hier oben.” ant­wor­te­te er und zeig­te auf sei­nen Hals. “Es erstickt mich.” Die Far­be sei­nes Gesichts war grau-grün. Sei­ne gene­rel­le Erschei­nung war die eines ner­vö­sen Man­nes.

“War­um tra­gen Sie Ihren Hut und Man­tel?” (Sein Man­tel hing über sei­nem lin­ken Arm, gegen sei­nen Kör­per gedrückt.) “Es ist so son­nig heu­te.”

“Ja, aber Sie wis­sen, es wird nicht lan­ge anhal­ten. Es könn­te reg­nen.” Ich woll­te ein­wen­den, dass es heu­te nicht reg­nen wür­de, und dass er immer damit prahl­te, nie Hut oder Man­tel zu tra­gen, selbst beim schlech­tes­ten Wet­ter nicht. Aber irgend­wie wur­de ich nie­der­ge­schla­gen und ließ das The­ma fal­len. Statt­des­sen frag­te ich:

“Und wie geht es Syl­via?”

Er schien mich nicht zu ver­ste­hen. Ich hat­te ihn mit mei­ner vor­he­ri­gen Fra­ge über Hut und Man­tel ver­är­gert. Und er war kom­plett in sei­ne eige­nen Gedan­ken ver­sun­ken, und sehr ner­vös. Schließ­lich, als hät­te er sich aus einem tie­fen Schlaf geris­sen, ant­wor­te­te er mir: “Syl­via? … Syl­via? …” Und fing sich und füg­te bei­läu­fig hin­zu: „Es geht ihr immer gut.“

Er begann zurück in Rich­tung Lew Dawi­do­witsch und der Kanin­chen­stäl­len zu gehen. Wäh­rend er davon ging, frag­te ich ihn: “Ist Ihr Arti­kel fer­tig?”

“Ja, er ist fer­tig.”

“Ist er getippt?”

Mit einer unbe­hol­fe­nen Hand­be­we­gung, wäh­rend er wei­ter­hin sei­nen Man­tel, in des­sen Fut­ter, wie sich spä­ter her­aus­stell­te, eine Spitz­ha­cke und ein Dolch ein­ge­näht waren, gegen sei­nen Kör­per drück­te, zog er meh­re­re maschi­nen­ge­schrie­be­ne Sei­ten her­vor, um sie mir zu zei­gen.

“Es ist gut, dass Ihr Manu­skript nicht hand­ge­schrie­ben ist. Lew Dawi­do­witsch miss­fal­len unle­ser­li­che Manu­skrip­te.”

Zwei Tage zuvor hat­te er uns besucht, trug dabei eben­falls einen Man­tel und einen Hut. Ich habe ihn damals lei­der nicht gese­hen, da ich nicht zu Hau­se war. Aber Lew Dawi­do­witsch erzähl­te mir, dass „Jac­son“ ange­ru­fen und ihn durch sein Ver­hal­ten etwas über­rascht hat­te. Lew Dawi­do­witsch erwähn­te es auf eine Wei­se, die dar­auf hin­deu­te­te, dass er nicht den Wunsch hat­te, die Ange­le­gen­heit zu ver­tie­fen, aber gleich­zei­tig das Gefühl hat­te, er müs­se es mir gegen­über erwäh­nen, da er eine neue Eigen­schaft des Man­nes ent­deckt hat­te.

“Er brach­te den Ent­wurf eines Arti­kels, in Wahr­heit ein paar Sät­ze – wir­res Zeug. Ich habe ihm eini­ge Vor­schlä­ge gemacht. Wir wer­den sehen.” Und Lew Dawi­do­witsch füg­te zu: “Ges­tern schien er ganz und gar nicht wie ein Fran­zo­se. Plötz­lich hat er sich auf mei­nen Schreib­tisch gesetzt und behielt die gan­ze Zeit sei­nen Hut auf.”

“Ja, es ist komisch.”, sag­te ich ver­wun­dert. “Er trägt nie einen Hut.”

“Die­ses Mal hat er einen Hut getra­gen.”, ant­wor­te­te Lew Dawi­do­witsch und ver­folg­te das The­ma nicht wei­ter. Er sprach bei­läu­fig. Aber ich war über­rascht: Es schien mir, als habe er zu die­ser Gele­gen­heit etwas Neu­es über “Jac­son” erfah­ren, aber noch kei­ne Schlüs­se gezo­gen, oder es ein­fach nicht eilig gehabt, Schlüs­se zu zie­hen. Die­se kur­ze Unter­hal­tung fand am Vor­abend des Ver­bre­chens statt.
Einen Hut tra­gen… Man­tel über dem Arm… Setzt sich selbst an den Tisch – War dies nicht eine Pro­be für ihn? Es wur­de getan, so dass er am nächs­ten Tag siche­rer und prä­zi­ser in sei­nen Bewe­gun­gen sein wür­de.
Wer hät­te es damals ahnen kön­nen? Es hat uns nur ver­le­gen gemacht, mehr nicht. Wer hät­te vor­her­sa­gen kön­nen, dass der 20. August, ein so gewöhn­li­cher Tag, so schick­sal­haft sein wür­de? Nichts deu­te­te auf sei­ne Unheil­schwe­re hin. Vom Mor­gen­grau­en an den gan­zen Tag schien die Son­ne hell, wie immer hier. Die Blu­men blüh­ten, und das Gras schien wie mit Lack poliert… Wir gin­gen unse­ren Auf­ga­ben nach, jeder auf sei­ne Wei­se, jeder von uns ver­such­te, mit allem, was wir taten, die Arbeit von Lew Dawi­do­witsch zu unter­stüt­zen. Wie oft an die­sem Tag stieg er die klei­nen Stu­fen die­ses Bal­kons hin­auf, betrat die­ses Zim­mer und setz­te sich auf die­sen Stuhl neben dem Schreib­tisch… All das schien so gewöhn­lich und jetzt wirkt es durch eben die­se Gewöhn­lich­keit so schreck­lich und tra­gisch. Nie­mand, kei­ner von uns, nicht mal erst selbst waren in der Lage, die dro­hen­de Kata­stro­phe zu spü­ren. Und in die­ser Unfä­hig­keit gähnt eine Art Abgrund. Im Gegen­teil, der gan­ze Tag war einer der ruhigs­ten. Als L.D. nach­mit­tags nach drau­ßen in den Hof ging und ich sah, wie er bar­häup­tig unter der glü­hen­den Son­ne stand, eil­te ich, ihm sei­ne wei­ße Müt­ze zu brin­gen, um sei­nen Kopf vor den gna­den­lo­sen hei­ßen Strah­len zu schüt­zen. Um vor der Son­ne zu schüt­zen … doch schon in die­sem Moment­Mo­nat droh­te ihm die Gefahr eines schreck­li­chen Todes. In die­ser Stun­de spür­ten wir sein Ver­häng­nis nicht, kein Aus­bruch der Ver­zweif­lung ließ unse­re Her­zen erschüt­tern.

Ich erin­ne­re mich, als das Alarm­sys­tem in Haus, Gar­ten und Hof durch unse­re Freun­de ange­bracht wur­de, und Wachen ein­ge­teilt wur­de, mach­te ich L.D. dar­auf auf­merk­sam, dass auch an sei­nem Fens­ter eine Wache pos­tiert wer­den soll­te. Dies erschien mir damals so offen­sicht­lich uner­läss­lich. Aber L.D. erhob den Ein­wand, dass es dazu not­wen­dig wäre, die Anzahl der Wachen auf zehn zu erhö­hen, was sowohl in Bezug auf das Geld als auch auf die Leu­te, die unse­rer Orga­ni­sa­ti­on zur Ver­fü­gung stan­den, über unse­re Res­sour­cen hin­aus­ging. Eine Wache an sei­nem Fens­ter hät­te ihn in die­ser Situa­ti­on nicht geret­tet. Aber die Abwe­sen­heit einer Wache besorg­te mich. Auch war L.D. sehr berührt von einem Geschenk, das ihm von unse­ren ame­ri­ka­ni­schen Freun­den nach dem Angriff vom 24. Mai gemacht wur­de. Es war eine kugel­si­che­re Wes­te, ein Ding wie ein alter­tüm­li­ches Ket­ten­hemd. Als ich es an einem Tag begut­ach­te­te, merk­te ich an, dass es gut wäre, so etwas für den Kopf zu haben. L.D. bestand dar­auf, dass die Genos­sen auf den ver­ant­wor­tungs­volls­ten Pos­ten die Wes­te zu jeder Schicht tru­gen. Nach dem Miss­erfolg, den unse­re Fein­de beim Angriff am 24. Mai erlit­ten, waren wir abso­lut sicher, dass Sta­lin nicht auf­hö­ren wür­de, und wir tra­fen Vor­be­rei­tun­gen. Wir wuss­ten auch, dass die G.P.U. eine ande­re Form des Angriffs wäh­len wür­de. Wir schlos­sen auch einen Anschlag von Sei­ten eines „Ein­zel­gän­gers“ nicht aus, der im Gehei­men geschickt und von der G.P.U. bezahlt wur­de. Aber weder die kugel­si­che­re Wes­te noch ein Helm hät­ten als dau­er­haf­ter Schutz die­nen kön­nen. Es war unmög­lich, die­se Ver­tei­di­gungs­me­tho­den tag­täg­lich anzu­wen­den. Es war unmög­lich, sein Leben aus­schließ­lich in Selbst­ver­tei­di­gung umzu­wan­deln – denn in die­sem Fall ver­liert das Leben sei­nen gan­zen Wert.

Die Ermordung

Als “Jac­son” und ich uns Lew Dawi­do­witsch näher­ten, spach letz­te­rer auf Rus­sisch zu mir: “Weißt du, er erwar­tet, dass Syl­via uns anruft. Sie wer­den mor­gen abrei­sen.” Es war ein Vor­schlag sei­ner­seits, dass ich sie zum Tee, wenn nicht sogar zum Abend­essen ein­la­den soll­te.

“Ich wuss­te nicht, dass Sie vor haben, mor­gen abzu­rei­sen, und Syl­via hier erwar­ten.”

“Ja… Ja… Ich ver­gaß, es Ihnen gegen­über zu erwäh­nen.”

“Es ist scha­de, dass ich nicht Bescheid wuss­te, ich hät­te eini­ge Din­ge nach New York schi­cken kön­nen.”

“Ich könn­te mor­gen um eins anru­fen.”

“Nein, nein dan­ke, es wür­de uns bei­den Unan­nehm­lich­kei­ten berei­ten.”

Und mich an Lew Dawi­do­witsch wen­dend, erklär­te ich auf Rus­sisch, dass ich “Jac­son” bereits zum Tee gebe­ten hat­te, er aber abge­lehnt hat­te, wäh­rend er sich dar­über beschwer­te, es gin­ge ihm nicht gut. Er sei schreck­lich durs­tig und bat mich nur um ein Glas Was­ser. Lew Dawi­do­witsch warf ihm einen auf­merk­sa­men Blick zu und sag­te in einem Ton des leich­ten Vor­wurfs: „Ihr Gesund­heits­zu­stand ist wie­der schlecht, Sie sehen krank aus … Das ist nicht gut.“

Es gab eine Pau­se. Lew Dawi­do­witsch woll­te sich nicht von den Kanin­chen los­reis­sen und war nicht in der Stim­mung, sich einen Arti­kel anzu­hö­ren. Trotz­dem riss er sich zusam­men und sag­te “Nun, was sagen Sie? Las­sen Sie uns ihren Arti­kel durch­ge­hen?”

Metho­disch schloss er die Ver­schlä­ge und zog sei­ne Arbeits­hand­schu­he aus. Er küm­mer­te sich gut um sei­ne Hän­de, oder eher sei­ne Fin­ger, denn der kleins­te Krat­zer irri­tier­te ihn, beein­träch­tig­te sein Schrei­ben. Wie sei­ne Fin­ger hielt er sei­nen Stift immer in Ord­nung. Er streif­te sei­ne blaue Blu­se ab und ging lang­sam und lei­se auf das Haus zu, beglei­tet von „Jac­son“ und mir. Ich beglei­te­te sie bis zur Tür von Lew Dawi­do­witschs Arbeits­zim­mer; die Tür schloss sich und ich ging in den anlie­gen­den Raum.
Nicht mehr als drei oder vier Minu­ten ver­gan­gen bis ich einen schreck­li­chen, see­len­zer­reis­sen­den Schrei hör­te. Und ohne so rich­tig zu begrei­fen, von wem die­ser Schrei aus­ging, stürz­te ich in die Rich­tung aus der er kam. Zwi­schen dem Ess­zim­mer und dem Bal­kon, auf der Tür­schwel­le, an den Tür­stock gelehnt stand … Lew Dawi­do­witsch. Sein Gesicht war blut­ver­schmiert, sei­ne Augen ohne sei­ne Bril­le waren ste­chend blau, sei­ne Hän­de hin­gen her­un­ter.

“Was ist pas­siert? Was ist pas­siert?”

Ich warf mei­ne Arme um ihn, aber er ant­wor­te­te nicht gleich. Es schoss mir durch den Kopf. Viel­leicht war etwas von der Decke gefal­len – dort wur­den eini­ge Repa­ra­tur­ar­bei­ten durch­ge­führt – aber war­um war er dort?

Und er sag­te zu mir, ruhig und ohne Empö­rung, Bit­ter­keit oder Ärger: “Jac­son.” L.D. sag­te es, als ob er hät­te sagen wol­len “Es ist pas­siert.” Wir gin­gen ein paar Schrit­te, und mit mei­ner Hil­fe ließ sich Lew Dawi­do­witsch auf den klei­nen Tep­pich dort zu Boden sin­ken.

„Nata­scha, ich lie­be dich!“ Er sag­te dies so uner­war­tet, so ernst, fast schon hef­tig, dass ich, geschwächt von einem inne­ren Schock, auf ihn zu tau­mel­te.

“Oh… Oh… nie­mand, nie­man­dem darf erlaubt wer­den, dich zu sehen, ohne vor­her durch­sucht zu wer­den.”

Ich leg­te vor­sich­tig ein Kis­sen unter sei­nen zer­bro­che­nen Kopf, hielt ein Stück Eis an sei­ne Wun­de und wisch­te mit einem Stück Baum­wol­le das Blut von sei­nem Gesicht.

“Seva muss von all dem hier weg­ge­bracht wer­den….”

Er sprach mit Schwie­rig­kei­ten, unklar, aber war – so schien es – sich des­sen nicht bewusst.

“Weißt du, da drin­nen” – sei­ne Augen beweg­ten sich zu der Tür sei­nes Zim­mers – “habe ich gespürt … ver­stan­den, was er tun woll­te … Er woll­te mich … noch ein­mal schla­gen … Aber ich habe ihn nicht gelas­sen.” Er sprach ruhig, lei­se, sei­ne Stim­me brach.

“Aber ich habe ihn nicht gelas­sen.” Es war eine Spur Befrie­di­gung in die­sen Wor­ten. Zur glei­chen Zeit wand­te sich Lew Dawi­do­witsch an Joe und sprach auf Eng­lisch mit ihm. Joe knie­te wie ich auf dem Boden, an sei­ner ande­ren Sei­te, mir gegen­über. Ich bemüh­te mich, die Wor­te zu erha­schen, aber konn­te nichts ver­ste­hen. In die­sem Moment sah ich Char­lie, sein Gesicht krei­de­weiß, einen Revol­ver in sei­ner Hand, in Lew Dawi­do­witschs Zim­mer stür­men.

“Was machen wir mit ihm?” frag­te ich Lew Dawi­do­witsch. “Sie wer­den ihn töten.” “Nein … es ist unzu­läs­sig, ihn zu töten, er muss zum Reden gebracht wer­den.” ant­wor­te­te Lew Dawi­do­witsch, die Wor­te immer noch schwer und lang­sam.

Plötz­lich drang ein ziem­lich erbärm­li­ches Jau­len an unse­re Ohren. Ver­le­gen warf ich Lew Dawi­do­witsch einen Blick zu. Mit einer kaum zu erken­nen­den Bewe­gung sei­ner Augen, deu­te­te er zur Tür sei­nes Zim­mers und sag­te her­ab­las­send: “Er ist es.” …. “Ist der Dok­tor schon ange­kom­men?”

“Er wird jede Minu­te hier sein… Char­lie ist mit dem Auto los­ge­fah­ren, um ihn zu holen.”

Der Arzt kam, unter­such­te die Wun­de und erklär­te auf­ge­wühlt, sie sei „nicht gefähr­lich“. Lew Dawi­do­witsch nahm dies ruhig hin, fast gleich­gül­tig, als kön­ne man von einem Arzt in einer sol­chen Situa­ti­on kei­ne ande­re Äuße­rung erwar­ten. Doch sich zu Joe dre­hend und auf sein Herz zei­gend sag­te er auf Eng­lisch: “I feel it here … This time they have suc­cee­ded.” (“Ich füh­le es hier… Dies­mal hat­ten sie Erfolg.”) Er schon­te mich.

Die letzten Stunden

Durch die brül­len­de Stadt, durch ihren eit­len Tumult und mensch­li­chen Lärm, durch ihre grel­len Abend­lich­ter ras­te der Not­arzt­wa­gen, schlän­gel­te sich durch den Ver­kehr, die vor­bei­fah­ren­den Autos, die Sire­ne unauf­hör­lich heu­lend, um uns der Ring von schrill piep­sen­den Poli­zei­mo­tor­rä­dern. Mit uner­träg­li­chen Qua­len in unse­rem Her­zen tru­gen wir den Ver­wun­de­ten, und der Alarm wur­de jede Minu­te lau­ter. Er war bei Bewusst­sein. Eine Hand lag ruhig neben sei­nem Kör­per. Sie war gelähmt.
Dr. Dutren hat­te es mir nach der Unter­su­chung zu Hau­se, im Spei­se­saal auf dem Fuß­bo­den, gesagt. Für die ande­re Hand, sei­ne rech­te, konn­te er kei­nen Ort fin­den, zeich­ne­te immer wie­der Krei­se in die Luft, berühr­te mich, als ob er einen behag­li­chen Platz für sie such­te. Es fiel ihm immer schwe­rer, zu spre­chen. Mich tief zu ihm her­un­ter beu­gend, frag­te ich ihn, wie er sich füh­le.

“Jetzt bes­ser,” ant­wor­te­te Lew Dawi­do­witsch.

“Jetzt bes­ser.” Die­se Wor­te beflü­gel­ten das Herz mit gro­ßen Hoff­nun­gen. Der ohren­be­täu­ben­de Tumult, das Piep­sen und die Sire­ne klag­ten wei­ter, aber das Herz pul­sier­te vor Hoff­nung. „Jetzt bes­ser.“
“Hier könn­ten Fein­de sein.”, schoss es mir durch den Kopf, wie es in ähn­li­chen Situa­tio­nen immer der Fall ist. “Wo sind unse­re Freun­de? Sie müs­sen die Kran­ken­bah­re umstel­len…”

Nun lag er auf dem Kran­ken­bett. Still begut­ach­te­ten die Dok­to­ren die Wun­de. Auf ihre Anwei­sung begann eine “Schwes­ter”, sei­ne Haa­re zu rasie­ren. Ich stand am Kopf­en­de des Bet­tes. Unmerk­lich lächelnd sag­te Lew Dawi­do­witsch zu mir: “Siehst du, einen Fri­seur haben wir auch gefun­den…”

Er schon­te mich immer noch. An die­sem Tag hat­ten wir über die Not­wen­dig­keit gespro­chen, einen Fri­seur anzu­ru­fen, der ihm die Haa­re schnei­den soll­te, aber wir waren nicht dazu gekom­men. Er erin­ner­te mich nun dar­an. Lew Dawi­do­witsch rief Joe, der ein paar Schrit­te von mir ent­fernt stand und bat ihn, wie ich spä­ter erfuhr, sei­nen Abschied vom Leben zu notie­ren. Als ich frag­te, was Lew Dawi­do­witsch gesagt hat­te, ant­wor­te­te Joe: “Er woll­te, dass ich Noti­zen zu fran­zö­si­scher Sta­tis­tik mache.” Ich war sehr über­rascht, dass in so einer Zeit das Gesag­te mit fran­zö­si­scher Sta­tis­tik zu tun haben soll­te. Es schien selt­sam. Außer natür­lich, sein Zustand begann sich zu ver­bes­sern…

Ich blieb am Kopf­en­de des Bet­tes ste­hen, hielt einen Eis­wür­fel an die Wun­de und hör­te auf­merk­sam zu. Sie began­nen ihn aus­zu­zie­hen. Um ihn nicht zu stö­ren zer­schnit­ten sie mit der Sche­re sei­ne Arbeits­wes­te; der Dok­tor tausch­te höf­li­che Bli­cke mit der “Schwes­ter” aus, als ob er sie ermu­ti­gen wür­de; als nächs­tes war die gestrick­te Wes­te an der Rei­he, dann das Hemd. Die Uhr wur­de von sei­nem Hand­ge­lenk genom­men. Dann began­nen sie, sei­ne rest­li­che Klei­dung zu ent­fer­nen, ohne sie zu zer­schnei­den, und da sag­te er zu mir: “Ich möch­te nicht, dass sie mich aus­zie­hen… Ich möch­te, dass du das machst.” Er sag­te dies völ­lig klar, nur sehr trau­rig und mit tie­fer Schwe­re.
Dies waren die letz­ten Wor­te, die er zu mir sag­te. Als ich fer­tig war, dreh­te ich ihn um und berühr­te sei­ne Lip­pen mit mei­nen. Er ant­wor­te­te. Wie­der … und wie­der ant­wor­te­te er mir. Und noch ein­mal. Es war unser end­gül­ti­ger Abschied. Aber wir waren uns des­sen nicht bewusst.

Der Pati­ent fiel ins Komas. Die Ope­ra­ti­on hol­te ihm nicht aus die­sem Zustand. Ohne mei­ne Augen abzu­wen­den, wach­te ich die gan­ze Nacht über ihn, und war­te­te auf sein “Erwa­chen”. Die Augen waren geschlos­sen, aber der Atem, manch­mal schwer, manch­mal gleich­mä­ßig und ruhig, weck­te Hoff­nung. Der nächs­te Tag ver­ging auf die glei­che Wei­se. Am Nach­mit­tag gab es laut der Dok­to­ren eine Ver­bes­se­rung. Doch gegen Ende des Tages kam es dann auf ein­mal zu einer dras­ti­schen Ver­än­de­rung des Atems. Er wur­de schnel­ler, immer schnel­ler und weck­te Todes­angst. Die Ärz­te und das Kran­ken­haus­per­so­nal umring­ten das Feld­bett des Kran­ken. Ich ver­lor mei­ne Selbst­kon­trol­le und frag­te, was das zu bedeu­ten habe, doch nur einer von ihnen, ein vor­sich­ti­ger Mann, ant­wor­te­te. “Es wird vor­bei­ge­hen”, sag­te er. Die Ande­ren blie­ben still. Ich ver­stand, wie falsch aller Trost war, und wie hoff­nungs­los alles in Wahr­heit.
Sie hoben ihn hoch. Sein Kopf war auf eine Schul­ter gesackt. Sei­ne Hän­de bau­mel­ten wie die in Titian’s Die Kreuz­ab­nah­me. Statt einer Dor­nen­kro­ne trug der ster­ben­de Mann eine Bin­de. Die Züge sei­nes Ant­lit­zes behiel­ten ihre Rein­heit und ihren Stolz. Es schien als wür­de er sich jeden Moment auf­rich­ten und das Wort ergrei­fen. Aber die Wun­de war zu tief in sein Gehirn ein­ge­drun­gen. Das so lei­den­schaft­lich erwar­te­te Erwa­chen kam nie. Auch sei­ne Stim­me war zum Schwei­gen gebracht wor­den. Alles war vor­bei. Er war nicht län­ger unter den Leben­den.

Den abscheu­li­chen Mör­dern wird Ver­gel­tung wider­fah­ren. Durch sein gan­zesn heroi­sches und schö­nes Leben glaub­te Lew Dawi­do­witsch an die befrei­te Mensch­heit der Zukunft. Wäh­rend sei­ner letz­ten Jah­re strau­chel­te sein Glau­ben nicht, son­dern wur­de im Gegen­teil rei­fer und fes­ter als jemals zuvor.
Die Mensch­heit der Zukunft, befreit von aller Unter­drü­ckung, wird über alle erdenk­li­chen For­men des Zwangs tri­um­phie­ren. Er hat auch mich gelehrt, dar­an zu glau­ben.

Novem­ber 1940
Coyoa­can, Mexi­co

Zuerst ver­öf­fent­licht: Fourth Inter­na­tio­nal, Vol. II No. 4, May 1941, pp. 100–103.

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