[KgK:] „Wir wollen eine Partei der Volkstribune aufbauen“ – Emilio Albamonte

Zusam­men mit Matí­as Mai­el­lo hast du den Pro­log zum Buch „Sozia­lis­ti­sche Stra­te­gie und Mili­tär­kunst“ geschrie­ben [A.d.Ü.: Das Buch kam schließ­lich 2018 auf Spa­nisch raus]. Dar­in behan­delt ihr die Theo­rien des preu­ßi­schen Gene­rals Carl von Clau­se­witz. An einer Stel­le sprecht ihr von der Wich­tig­keit, einen „Mar­xis­mus mit stra­te­gi­schem Schwer­punkt“ wie­der auf­le­ben zu las­sen. War­um ist die Stra­te­gie für die revo­lu­tio­nä­re Poli­tik so wich­tig?

Ich muss erst ein­mal sagen, dass es der Mar­xis­mus des 20. Jahr­hun­derts war, der begann, den Begriff Stra­te­gie zu ver­wen­den. Der Mar­xis­mus des 19. Jahr­hun­derts sprach näm­lich zuvor von der Tak­tik des Pro­le­ta­ri­ats. Trotz­ki sagt, dass der Mar­xis­mus unter ande­rem mit dem Bal­kan­krieg und dem Ers­ten Welt­krieg begann, eine Stra­te­gie zu ent­wi­ckeln. Also: Was ist Stra­te­gie? In Trotz­kis bekann­ter Defi­ni­ti­on besteht die Tak­tik dar­in, ver­ein­zel­te Ope­ra­tio­nen durch­zu­füh­ren, bei­spiels­wei­se sind ein Streik, die Wahl von Abge­ord­ne­ten und die Über­nah­me der Füh­rung einer Gewerk­schaft solch ver­ein­zel­te Ope­ra­tio­nen. Die Stra­te­gie besteht dar­in, all die­se Ope­ra­tio­nen zu bün­deln und sie zum Sieg zu füh­ren. Des­halb han­delt es sich bei der Stra­te­gie um „die Kunst, zu sie­gen“. Wenn wir sagen, dass wir einen Mar­xis­mus mit stra­te­gi­schem Schwer­punkt brau­chen, mei­ne ich dies im Gegen­satz zum gesam­ten „west­li­chen Mar­xis­mus“. Das war ein Mar­xis­mus, der von Ästhe­tik und Phi­lo­so­phie sprach – nicht aber von der Kunst des Pro­le­ta­ri­ats, zu sie­gen. Eine Aus­nah­me bil­det der Trotz­kis­mus, von dem Per­ry Ander­son sagt, dass er mehr auf revo­lu­tio­nä­re Dis­kus­sio­nen aus­ge­rich­tet war. Wenn ich von einem Mar­xis­mus mit stra­te­gi­schem Schwer­punkt spre­che, dann mei­ne ich, dass der Schlüs­sel des Mar­xis­mus – auch wenn er eine mate­ria­lis­ti­sche Geschichts­auf­fas­sung hat, auch wenn er eine wis­sen­schaft­li­che Kri­tik der poli­ti­schen Öko­no­mie dar­stellt – die Kunst ist, die Mas­sen zum Sieg zu füh­ren, zum Ende der Aus­beu­tung, zum Ende der Lohn­skla­ve­rei.

Was ich also mit einem Mar­xis­mus mit stra­te­gi­schem Schwer­punkt mein­te, ist kein aka­de­mi­scher Mar­xis­mus, son­dern ein mili­tan­ter Mar­xis­mus, des­sen Ziel das Ende der Aus­beu­tung ist.

Es gibt eine inter­es­san­te Defi­ni­ti­on, die besagt, dass Stra­te­gie „die Kunst ist, Kräf­te­ver­hält­nis­se zu arti­ku­lie­ren“. Dafür braucht man natür­lich erst mal eige­ne Kräf­te, die nicht erst im Moment der revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­se, im Moment ihres Höhe­punk­tes, auf­ge­baut wer­den kön­nen.

Das ist rich­tig, die Drit­te Inter­na­tio­na­le hat auf ihren ers­ten vier Kon­gres­sen begon­nen, das Pro­blem der Stra­te­gie ziem­lich wis­sen­schaft­lich zu dis­ku­tie­ren. Eine der größ­ten Dis­kus­sio­nen, die geführt wur­den, war die über die Arbeiter*inneneinheitsfront (AEF). 1921 erlitt mit der gro­ßen Nie­der­la­ge in Deutsch­land die gro­ße Wel­le der Sym­pa­thie und Aus­deh­nung, die die rus­si­sche Revo­lu­ti­on aus­ge­löst hat­te, einen ers­ten Rück­schlag. Von die­sem Moment an tra­fen die Kommunist*innen auf „sehr net­te“ Men­schen wie die Sozialdemokrat*innen, die am Ers­ten Welt­krieg teil­ge­nom­men und spä­ter Rosa Luxem­burg und Karl Lieb­knecht ermor­det hat­ten. Als 1921 die AEF als Ver­ein­ba­rung in Erwä­gung gezo­gen wur­de, um „gemein­sam zu schla­gen und getrennt zu mar­schie­ren“, schrie­en die Ultra­lin­ken auf. So lau­te­te näm­lich die Defi­ni­ti­on der AEF, aber was bedeu­te­te das?

Es han­del­te sich um ein Abkom­men, nicht nur mit den Gewerk­schaf­ten, son­dern auch mit den poli­ti­schen Par­tei­en, die sich als Teil der Arbeiter*innenklasse sahen, um sich gemein­sam den Offen­si­ven des Kapi­tals zu wider­set­zen. Selbst wenn die­se Ver­rat begin­gen, wie im Fall der Sozi­al­de­mo­kra­tie, die sogar ihre eige­nen kom­mu­nis­ti­schen Genoss*innen ermor­de­te. In die­sem Pro­zess bedeu­te­te „getrennt mar­schie­ren“, die Fah­nen nicht zu ver­mi­schen, das heißt mit Reformist*innen kei­nen poli­ti­schen Block zu bil­den. Die Drit­te Inter­na­tio­na­le hat­te die­se Defi­ni­ti­on erst­mals erar­bei­tet. Spä­ter wur­de sie von Trotz­ki wei­ter­ent­wi­ckelt, wäh­rend er es sich zur Auf­ga­be mach­te, die Vier­te Inter­na­tio­na­le auf­zu­bau­en. Er kam zu dem Schluss, dass die AEF nicht dazu ver­dammt ist, nur eine defen­si­ve Tak­tik zu sein, die dem Zweck dient, Wider­stand gegen das Kapi­tal zu leis­ten, son­dern sich auch in eine offen­si­ve Tak­tik ver­wan­deln kann, sobald sie ihr Ziel erreicht hat, sobald es ihr gelingt, die Büro­kra­tie aus ihren gemüt­li­chen Ses­seln zu bekom­men. Sobald es ihr gelingt, die Mas­sen auf die Stra­ße zu brin­gen und die Offen­si­ven des Kapi­tals tat­säch­lich zu stop­pen. In einem all­ge­mei­nen Auf­stieg der Arbeiter*innen, bei dem gro­ße Mas­sen von Men­schen in einem revo­lu­tio­nä­ren Pro­zess teil­neh­men, wür­de die AEF die rea­len Füh­run­gen der Mas­sen­be­we­gung auf­for­dern, „mit der Bour­geoi­sie zu bre­chen und die Macht zu über­neh­men“. Die­se Tak­tik wird als Tak­tik der Arbeiter*innenregierung bezeich­net, die sich von einer lin­ken Regie­rung unter­schei­det, die in einem belie­bi­gen Land Wah­len gewinnt und den Kapi­ta­lis­mus ver­wal­ten will.

Denn die Idee ist, die Macht zu über­neh­men, um die Bour­geoi­sie zu ent- und das Pro­le­ta­ri­at zu bewaff­nen und so den Über­gang zu einer Gesell­schaft ohne Ausbeuter*innen und Aus­ge­beu­te­te zu schaf­fen, der auf natio­na­ler Ebe­ne anfängt und inter­na­tio­nal endet.

Das ist das Kon­zept der AEF: es beginnt defen­siv, bleibt aber nicht dabei, son­dern wird offen­siv und schafft in die­sem Pro­zess die not­wen­di­gen Kräf­te, um zu sie­gen.

Per­ry Ander­son sagt, dass die AEF der letz­te Rat­schlag Lenins an die Arbeiter*innenbewegung im Wes­ten war, oder?

Genau­so ist es. Der Sta­li­nis­mus hat alles durch­ein­an­der gebracht, weil er nach der Nie­der­la­ge der Chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on von 1925–27, in der er eine oppor­tu­nis­ti­sche Hal­tung ein­nahm, die Poli­tik der soge­nann­ten „drit­ten Peri­ode“ pro­pa­gier­te und behaup­te­te, die Sozialdemokrat*innen sei­en Sozialfaschist*innen. Der Haupt­grund für Hit­lers Sieg war, dass sich ihm kei­ne Ein­heits­front der Orga­ni­sa­tio­nen des Pro­le­ta­ri­ats ent­ge­gen­stell­te.

Vor die­sem Hin­ter­grund hat­ten unter­schied­li­che Denker*innen wie Trotz­ki und Gram­sci argu­men­tiert, dass es einer defen­si­ven Ein­heits­front bedür­fe, gegen die­se mons­trö­se Offen­si­ve, die zum Sie­ges­zug des Faschis­mus und letzt­end­lich zum Zwei­ten Welt­krieg füh­ren soll­te.

Ja, damals wur­den die vor­han­de­nen Kräf­te­ver­hält­nis­se zer­schla­gen…

Das stimmt, doch die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei war sogar glück­lich, weil sie bei den Arbeits­lo­sen an Gewicht gewann. Trotz­ki sag­te hin­ge­gen, dass 3,5 Mil­lio­nen Stim­men zwar sehr wich­tig sei­en. Das Pro­blem bestün­de aber fort, dass die Arbeiter*innen, die die Häfen, die Eisen­bah­nen, die gro­ßen Fabri­ken und so wei­ter am Lau­fen hiel­ten, alle­samt der Sozi­al­de­mo­kra­tie ange­hör­ten. Wenn es unter ihnen kei­ne Ein­heits­front gibt, sind die radi­kals­ten die Arbeits­lo­sen, weil sie ver­zwei­felt sind wegen der Situa­ti­on, in der sie sich befin­den. In die­sem Fall hat­ten sie aber nicht die Kraft, sich gegen die Offen­si­ve der faschis­ti­schen Ban­den zu weh­ren, denen es spä­ter gelang, die gan­ze Bour­geoi­sie davon zu über­zeu­gen, den Faschis­mus in Deutsch­land durch­zu­set­zen.

Antistrategische Theoretiker*innen

Im Pro­log zieht ihr zwei Per­so­nen als theo­re­ti­sche Stra­te­gie­ver­wei­ge­rer her­an: die Phi­lo­so­phen Michel Fou­cault und Gior­gio Agam­ben und ihre Theo­rien zur „Bio­macht“ und zum „Aus­nah­me­zu­stand“. Inwie­fern stel­len die­se eine Form der bewuss­ten Ver­wei­ge­rung von Stra­te­gie an sich oder zumin­dest von der Mög­lich­keit, eine sol­che zu ent­wi­ckeln, dar?

Zual­ler­erst: wir haben sie ana­ly­tisch ver­bun­den (Fou­cault und Agam­ben), jedoch sind sie kei­ne ein­an­der ähn­li­chen Den­ker, auch wenn sich der eine auf den ande­ren stützt. Fou­cault baut sei­ne gan­ze Theo­rie auf einem Dia­log auf, der den Mar­xis­mus negiert. Wäh­rend der Mar­xis­mus den Klas­sen­kampf ana­ly­siert und gebraucht, um zu sie­gen, han­delt die Theo­rie Fou­caults davon, wie die „Macht“ per­fek­tio­niert und immer effek­ti­ver wird, um jeg­li­chen Wider­stand zu unter­drü­cken. Da es für ihn statt im Staat kon­zen­trier­te Macht nur noch Mikro-Mäch­te gibt, ist die Stra­te­gie, die er vor­schlägt, eine von Mikro-Wider­stän­den. Inso­fern gibt es für Fou­cault kei­ne Stra­te­gie: Weil die Macht nicht in einem zen­tra­len Appa­rat – wie dem Staat – kon­zen­triert ist und es nur die Mög­lich­keit eines par­ti­el­len Wider­stan­des gibt, kann es kei­ne Stra­te­gie geben. Da Stra­te­gie in der Kunst besteht, den Staat und die hege­mo­nia­le Macht zu besie­gen, die eine Klas­se gegen­über einer ande­re inne­hat, um ihre Herr­schaft auf­recht­zu­er­hal­ten, han­delt es sich um anti­stra­te­gi­sche Den­ker.

Weder bei Agam­ben, des­sen Schrif­ten auf der Visi­on der Bio­macht auf­bau­en – die auch von ande­ren Philosoph*innen wie Gil­les Deleu­ze oder Félix Guatta­ri, die bei­de in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts leb­ten, ver­wen­det wur­de – noch mit Fou­cault macht eine stra­te­gi­sche Dis­kus­si­on Sinn.

Trotz­dem nut­zen sie eini­ge der Kate­go­rien von Clau­se­witz. Fou­cault hat­te ihn begeis­tert gele­sen und dar­auf­hin sei­ne bekann­te und belieb­te For­mel „Der Krieg ist die Fort­set­zung der Poli­tik mit ande­ren Mit­teln“ umge­kehrt, indem er sag­te, dass „die Poli­tik die Fort­set­zung des Krie­ges mit ande­ren Mit­teln“ ist. Mit die­ser Umkeh­rung der For­mel löst er also den kla­ren Unter­schied auf, den Gene­ral Clau­se­witz – einer der wich­tigs­ten Strateg*innen und Militärtheoretiker*innen – zwi­schen dem, was Krieg und dem, was Frie­den ist, aus­ge­macht hat­te.

Eine Sache, von der ich glau­be, dass jeder nor­ma­le Mensch sie sehen kann, ist, dass das Leben in Argen­ti­ni­en trotz all der Repres­sio­nen, trotz der SIDE [argen­ti­ni­scher Geheim­dienst, A.d.Ü.] usw. nicht das­sel­be ist wie das in Syri­en. Es besteht ein kla­rer Unter­schied zwi­schen dem, was Krieg und was Frie­den ist. Die gesam­te post­mo­der­ne Phi­lo­so­phie, die bei Fou­cault anfängt und sich danach durch den gesam­ten Post­mo­der­nis­mus zieht, leug­net die­sen Unter­schied. In ihren Augen ist alles Fol­ter, sind alles Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger. Aus­ge­hend von dem durch­aus rea­len Fakt, dass die Bevöl­ke­rung immer mehr kon­trol­liert wird, wird der Unter­schied, den die Militärtheoretiker*innen zwi­schen Krieg und Frie­den kon­sta­tie­ren, ver­wäs­sert.

Wir nen­nen sie also „anti-stra­te­gi­sche“ Denker*innen, weil sie Denker*innen des Wider­stands, aber nicht der Kunst zu sie­gen, sind. Der Grund, wes­halb sie anti­stra­te­gi­sche Denker*innen sind, ist, dass man sich Macht nicht nur wider­set­zen kann.

Die Linke und Syriza

Ihr bringt dies auf die Ebe­ne der aktu­el­len poli­ti­schen und stra­te­gi­schen Dis­kus­si­on und bewer­tet, wie die Leis­tung der lin­ken Koali­ti­on Syri­za in Grie­chen­land oder von Pode­mos im spa­ni­schen Staat war, rich­tig?

Ja, das ist bereits eine Stra­te­gie­dis­kus­si­on. Es geht nicht nur um das Pro­blem der anti­stra­te­gi­schen Den­ker, son­dern es ist eine Dis­kus­si­on in einem Land, in dem es eine bru­ta­le Offen­si­ve der Euro­päi­schen Uni­on, durch die so genann­te „Troi­ka“, gab, um ähn­li­che Bedin­gun­gen wie 2001 in Argen­ti­ni­en durch­zu­set­zen. In die­sem Fall ent­stand eine lin­ke Regie­rung, von Syri­za, die kei­ne Arbeiter*innenregierung in dem von mir zuvor erläu­ter­ten Sin­ne war, kei­ne Regie­rung des Bruchs mit der Bour­geoi­sie, son­dern eine Regie­rung, die vor­gab, das zu tun, was der Kirch­ne­ris­mus in Argen­ti­ni­en getan hat, zum Bei­spiel: den Staats­ap­pa­rat zu über­neh­men und bes­se­re Ver­hand­lungs­be­din­gun­gen mit den Mäch­ten der EU, des IWF und der Welt­bank zu erhal­ten.

Fehl­te es an Kampf in Grie­chen­land? Nein, es gab 30 Gene­ral­streiks, das heißt, es gab eine Men­ge Klas­sen­kampf. Das gro­ße Pro­blem war, dass die­se Syri­za-Koali­ti­on das ein­zi­ge Ziel hat­te, die Macht durch Wah­len zu gewin­nen. Sie hat­te die Füh­rung in einer Rei­he von Gewerk­schaf­ten inne, genau­so wie auch die Sozia­lis­ti­sche Par­tei (PASOK), die im Zuge der Bewäl­ti­gung die­ser Kri­se fast ver­schwand, und es gab auch Gewerk­schaf­ten, die unter der Füh­rung der alten grie­chi­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei stan­den. Eine defen­si­ve Ein­heits­front, nach Vor­bild der Dis­kus­sio­nen der Drit­ten Inter­na­tio­na­le, wur­de nie erreicht, um die Plä­ne der Troi­ka zu stop­pen. Man war zuver­sicht­lich, dass die euro­päi­schen Mäch­te (Ange­la Mer­kel usw.) mit Manö­vern und Mobi­li­sie­run­gen, die eine Macht­de­mons­tra­ti­on dar­stell­ten, ihren Vor­ha­ben, Grie­chen­land zu Kür­zun­gen zu drän­gen, nach­ge­ben wür­den.

Es gab sogar eine Zeit, in der der Druck sehr groß war, als es eine Kapi­tal­flucht gab, wie in Argen­ti­ni­en im Jahr 2001 – und um bes­ser ver­han­deln zu kön­nen, führ­te Syri­za eine Volks­ab­stim­mung durch, bei der 61 Pro­zent der Bevöl­ke­rung gegen die Annah­me der von den euro­päi­schen Mäch­ten auf­er­leg­ten Bedin­gun­gen stimm­ten. Am nächs­ten Tag woll­ten sie jedoch mit der EU ver­han­deln. Es gibt einen alten Film, in dem es hieß: „Mos­kau glaubt nicht an Trä­nen“, nun, Mer­kel glaubt auch nicht an Trä­nen, und man sag­te: „Nein, das sind die glei­chen Bedin­gun­gen, die vor dem Ple­bis­zit bestan­den“. Und sie wur­den die Ver­wal­ter, nicht einer Regie­rung zum Wie­der­auf­bau des bür­ger­li­chen Staa­tes und mit einem gewis­sen Refor­mis­mus, wie es der Kirch­ne­ris­mus in Argen­ti­ni­en oder der Cha­vis­mus in Vene­zue­la mit mehr Refor­men ist, son­dern einer Regie­rung zur Ver­wal­tung der kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se, wie die „nor­ma­len“ neo­li­be­ra­len Regie­run­gen.

Was ist also schief­ge­gan­gen? Syri­za wur­de zeit­wei­se von anti­stra­te­gi­schen Theoretiker*innen unter­stützt, sowie von allen Reformist*innen in der EU. Sogar eini­ge Sek­to­ren, die sich selbst als revo­lu­tio­när betrach­ten, waren sich einig, dass die Lösung in der Bil­dung einer lin­ken Regie­rung bestand. Nun, eine lin­ke Regie­rung, die nicht die Macht hat, die­se Kräf­te­ver­hält­nis­se zu bewe­gen, ist eine Regie­rung, die nur noch ver­su­chen kann, mehr aus einem Manö­ver her­aus­zu­ho­len, als es eigent­lich her­gibt, und ver­su­chen muss, mit dem Kapi­tal zu ver­han­deln, dem kei­ne Zuge­ständ­nis­se mehr abge­run­gen wer­den kön­nen, wenn es der Wirt­schaft schlecht geht, wie es in Grie­chen­land der Fall war. Der Plan, den sie hat­ten, war völ­lig uto­pisch, und heu­te ist Grie­chen­land wie Argen­ti­ni­en im Jahr 2001.

Programm und Strategie

Auf einer all­ge­mei­ne­ren Ebe­ne: War­um gab es die­se Tren­nung zwi­schen Pro­gramm und Stra­te­gie in der Lin­ken? Ihr zieht einen Ver­gleich mit der Zeit nach der Nie­der­la­ge der Pari­ser Kom­mu­ne 1871 und sagt, dass die Nie­der­la­ge die­ses Mal das stra­te­gi­sche Den­ken aus dem Blick­feld gerückt hat, nicht wahr?

Ja, im Zwei­ten Welt­krieg und etwas frü­her gab es ver­schie­de­ne Stra­te­gien, die sich nach der rus­si­schen Revo­lu­ti­on her­aus­kris­tal­li­sier­ten: Es gab die Arbeiter*innenstrategie, die in der rus­si­schen Revo­lu­ti­on im Posi­ti­ven und in der Nie­der­la­ge der deut­schen Revo­lu­ti­on 1921 im Nega­ti­ven bestä­tigt wur­de, dann 1923, im spa­ni­schen Bür­ger­krieg, sogar in der chi­ne­si­schen Revo­lu­ti­on von 1925/​27. Ange­sichts die­ser Nie­der­la­gen ent­stan­den dann ande­re Stra­te­gien, die sich auf ande­re Klas­sen und im Wesent­li­chen auf die Bau­ern­schaft stüt­zen: Mao Tse Tungs Theo­rie des „lang­wie­ri­gen Volks­kriegs“ ent­stand, also eine Poli­tik, auf das Land zu gehen und Land­re­for­men durch­zu­füh­ren, befrei­te Gebie­te zu erobern und vom Land zurück­zu­keh­ren und die Städ­te ein­zu­neh­men. Die­se Poli­tik, die einen gewis­sen Erfolg in Ver­bin­dung mit beson­de­ren, durch den Zwei­ten Welt­krieg geschaf­fe­nen Bedin­gun­gen hat­te, ver­wan­del­te sich in eine gro­ße Bewe­gung, wie den Mao­is­mus, als die­ser 1949 in Chi­na tri­um­phier­te.

Dann tauch­ten ande­re Stra­te­gien auf, wie der Gue­ril­la­krieg („Fokus­theo­rie“) von Che Gue­va­ra, der glaub­te, dass die blo­ße Exis­tenz von Revolutionär*innen in einer Kon­flikt­zo­ne die objek­ti­ven Bedin­gun­gen dafür schuf, dass die Bewe­gung revo­lu­tio­när wur­de. Mit ande­ren Wor­ten, es wur­den ande­re Stra­te­gien getes­tet.

Gibt es einen Unter­schied zwi­schen Pro­gramm und Stra­te­gie, das eine ent­hält das ande­re, sind es zwei ver­schie­de­ne Din­ge?

Jedes Pro­gramm der Arbeiter*innenbefreiung durch die Arbeiter*innen selbst müss­te eine Stra­te­gie ent­hal­ten. Aber wie ich bereits sag­te, sprach der Mar­xis­mus des 19. Jahr­hun­derts immer von der Tak­tik des Pro­le­ta­ri­ats, er sag­te nie, wie dies erreicht wur­de, obwohl die klas­si­schen Marxist*innen und Engels selbst sehr flei­ßig mit der Stra­te­gie ihrer Zeit beschäf­tigt waren. Engels, der sogar „der Gene­ral“ genannt wur­de, weil er so viel über mili­tä­ri­sche Theo­rie wuss­te, war ein Schü­ler des fran­zö­sisch-preu­ßi­schen Krie­ges, des ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krie­ges usw.

Aber das war nicht mit der Tak­tik der Arbeiter*innenbewegung ver­bun­den, denn nach der Pari­ser Kom­mu­ne begann eine Peri­ode des Wie­der­auf­baus der Arbeiter*innenbewegung und der Aus­wei­tung des Mar­xis­mus in den Gewerk­schaf­ten, des Auf­baus von Par­tei­en, die die gewerk­schaft­li­che Tak­tik mit der Wahl­tak­tik ver­ban­den. Zu einer Zeit, als sich der Kapi­ta­lis­mus noch mehr oder weni­ger har­mo­nisch ent­wi­ckel­te, wur­de das Pro­blem der Stra­te­gie – das nach wie vor besteht – zu einer Fra­ge „für die Fei­er­ta­ge“ – ins­be­son­de­re nach dem Tod von Engels.

Es ist der gewalt­sa­me Aus­bruch des ers­ten rus­sisch-japa­ni­schen Krie­ges 1904, der 1905 die rus­si­sche Revo­lu­ti­on, 1912/​14 den Bal­kan­krieg und den Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges aus­lös­te, der Lenin dazu ver­an­lasst, die­sen alten preu­ßi­schen Gene­ral, der ein Schü­ler der napo­leo­ni­schen Krie­ge war, zu lesen.

Die Napo­leo­ni­schen Krie­ge brach­ten zum ers­ten Mal den natio­na­lis­ti­schen Enthu­si­as­mus des Vol­kes zum Vor­schein und vor allem das popu­lä­re Ele­ment, das die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on gehabt hat­te, wur­de von Napo­le­on zur Erobe­rung Euro­pas genutzt. Clau­se­witz sieht das aus der Posi­ti­on des Ver­lie­rers, denn sein abso­lu­tis­ti­scher Staat wur­de in den Schlach­ten von Jena und Auer­stedt von napo­leo­ni­schen Trup­pen bru­tal besiegt, und er beginnt Napo­le­on in sei­nem gro­ßen Werk „Vom Krie­ge“ sorg­fäl­tig zu stu­die­ren, und fragt, war­um die­ser so ein­deu­tig sieg­te. Er erkennt, dass sein Tri­umph dar­auf zurück­zu­füh­ren ist, dass er sich auf ein Volk stütz­te, dem die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on die Land­ver­tei­lung zuge­stan­den hat­te und das über eine Bau­ern­schaft ver­füg­te, die gut ernährt frü­her auf das Schlacht­feld gelan­gen konn­te und sich gegen­über den abso­lu­tis­ti­schen Arme­en zur mäch­tigs­ten Armee in ganz Euro­pa ent­wi­ckel­te.

Es zeich­nen sich Kate­go­rien ab, die sehr inter­es­sant sind, zum Bei­spiel die Kate­go­rie der „Drei­fal­tig­keit“, die jeder Krieg hat und die wir in die­sem Buch viel dis­ku­tie­ren: Was bedeu­tet die­se Kate­go­rie der Drei­fal­tig­keit? Der Krieg hat eine Ratio­na­li­tät, die im Kabi­nett, im Kom­man­do, in der Rich­tung des Staa­tes liegt. Wenn man an den Punkt kommt, an dem man dem Feind nicht mit poli­ti­schen Dis­kus­si­on den Wil­len auf­zu­zwin­gen kann, muss man auf phy­si­sche Gewalt zurück­grei­fen. Aber dies ist eine ratio­na­le Ent­schei­dung. Es gibt das Kom­man­do der Armee, das sich nicht nur ratio­nal ver­hält, son­dern mit Wahr­schein­lich­kei­ten spielt; der Zufall tritt ein. Und es gibt das Volk, in dem der natio­na­le Hass schwingt. Clau­se­witz sagt: Es gibt eine Drei­fal­tig­keit der Ver­nunft, die den­je­ni­gen ent­spricht, die befeh­len; des Has­ses, der den­je­ni­gen ent­spricht, die beherrscht wer­den; und der Armee­füh­rung, die zwi­schen Ratio­na­li­tät und dem Zufall schwankt.

Clausewitz und der Marxismus

Aber Clau­se­witz‘ Theo­rie ist für den Krieg zwi­schen Staa­ten, wie kann das in einen Klas­sen­kampf umge­setzt wer­den, der kein Kampf zwi­schen Staa­ten ist?

Für Clau­se­witz ist das Volk ein zweit­ran­gi­ger Akteur, und der Schlüs­sel liegt für ihn dar­in, den Hass aus­zu­nut­zen, um ihn gegen den Feind aus­zu­spie­len. Wäh­rend­des­sen stütz sich der Mar­xis­mus auf den Klas­sen­kampf und ver­sucht, bewuss­te Arbeiter*innen in Kämpfer*innen für ihre eige­ne Befrei­ung zu ver­wan­deln. Das macht einen gro­ßen Unter­schied zwi­schen den Schluss­fol­ge­run­gen, die Clau­se­witz zie­hen kann, und den Schluss­fol­ge­run­gen, die der Mar­xis­mus zie­hen kann.

Was bringt es nun, die­sen alten preu­ßi­schen Gene­ral zu lesen, einen Theo­re­ti­ker, der an allen Mili­tär­aka­de­mien stu­diert wird? Wenn man an einem Streik teil­nimmt, gibt es Ele­men­te phy­si­scher Gewalt, aber sie sind nie die vor­herr­schen­den. Aber es gibt einen Moment, der Bür­ger­krieg ist. Und was ist Bür­ger­krieg? So wie es im Krieg der Staa­ten einen Moment gibt, in dem man die bewaff­ne­te Macht braucht, um den Wil­len des Fein­des zu beu­gen, so gibt es im Klas­sen­kampf einen Moment, in dem das Pro­le­ta­ri­at, wenn es sich von der Aus­beu­tung befrei­en will, auf eine höhe­re Stu­fe tre­ten muss, so haben wir das im gesam­ten 20. Jahr­hun­dert gese­hen. Wir haben es in der spa­ni­schen Revo­lu­ti­on gese­hen, die im spa­ni­schen Bür­ger­krieg ende­te. Sie tritt zwangs­läu­fig in einen Moment des Bür­ger­kriegs ein.

Mit ande­ren Wor­ten, es gibt zwei Pro­zes­se, die spe­zi­fisch mili­tä­risch sind und die nicht all­ge­mein Klas­sen­kampf sind, die­se mili­tä­ri­schen Momen­te sind: der all­ge­mei­ne Bür­ger­krieg, der Krieg zwi­schen Ausbeuter*innen und Aus­ge­beu­te­ten, in dem jede*r ver­sucht, neu­tra­le Sek­to­ren auf sei­ne Sei­te zu zie­hen, und der Auf­stand, der eben­falls eine Kunst ist. Bis zur Zeit der rus­si­schen Revo­lu­ti­on und dem Beginn ihres Stu­di­ums wur­de sie nicht als Kunst ange­se­hen, die voll­stän­dig stu­diert wer­den muss­te.

Bei Clau­se­witz gibt es also einen gro­ßen Unter­schied zum Mar­xis­mus: Er stützt sich nicht auf den Klas­sen­kampf, son­dern auf den Krieg zwi­schen den Staa­ten, aber es gibt eine Gemein­sam­keit, es gibt einen Moment, in dem der Mar­xis­mus, wenn er die mili­tä­ri­sche Kunst nicht kennt, wehr­los sein wird gegen den Moment, in dem der Klas­sen­kampf sich über­wie­gend in einen phy­si­schen Kampf um die Macht­er­grei­fung ver­wan­delt.

Es gibt ein sehr gutes Zitat von Trotz­ki (im Pro­log des Buches), das besagt, dass der­je­ni­ge, der sich nicht auf den phy­si­schen Kampf vor­be­rei­tet, sich nicht wirk­lich auf irgend­ei­nen Kampf vor­be­rei­tet.

In der Tat. Es ist eine bru­ta­le Kri­tik an allen Marxist*innen, die sich nicht vor­be­rei­ten. Da es seit 30 Jah­ren einen Neo­li­be­ra­lis­mus gibt und kei­ne Revo­lu­tio­nen vor­herrsch­ten, den­ken die mar­xis­ti­schen Par­tei­en, selbst die ortho­do­xes­ten, auch die nicht refor­mis­ti­schen, im All­ge­mei­nen viel über tak­ti­sche Kämp­fe, über den Sieg in Gewerk­schaf­ten, die Teil­nah­me an Wah­len usw. nach; aber sie ver­bin­den das nicht mit der Kunst des Sie­gens. Wir haben die­ses Zitat als pro­vo­ka­ti­ve Inschrift an den Anfang gesetzt, es ist ähn­lich wie ande­re Zita­te, wie in „Wohin geht Frank­reich“. Die­se Par­tei­en sagen dazu, dass die Arbeiter*innenmilizen im Ver­gleich zu den gro­ßen moder­nen Arme­en sehr schwach ist: „Nun, wenn wir kei­ne Arbeiter*innenmiliz auf­bau­en kön­nen und die Arbeiter*innenmiliz nicht die gan­ze Bevöl­ke­rung mobi­li­sie­ren kann, dann las­sen wir die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on bei­sei­te“. Aber die pro­le­ta­ri­sche Revo­lu­ti­on beruht nicht (aus­schließ­lich) auf der Fähig­keit der Waf­fen, denn der Feind wird immer bes­se­re Waf­fen haben, son­dern auf der Fähig­keit, die Bevöl­ke­rung, die unter der Herr­schaft der Bour­geoi­sie steht, für die Arbeiter*innen zu gewin­nen, und wenn dies nicht gelingt, gibt es offen­sicht­lich kei­ne Mög­lich­keit zu tri­um­phie­ren.

Pablo Bona­vena und Fabián Nie­vas, die den Lehr­stuhl für Kriegs­so­zio­lo­gie [der Uni­ver­si­tät von La Pla­ta in Argen­ti­ni­en, A.d.Ü.] inne­ha­ben, geben eine pro­vo­ka­ti­ve Erklä­rung ab und sagen, dass die Lin­ke in letz­ter Zeit pazi­fis­tisch gewor­den ist, weil sie nicht mehr über die­se Fra­gen nach­denkt, nicht wahr?

Ja, wir haben uns seit Jah­ren mit dem Pro­blem der Stra­te­gie befasst und berück­sich­ti­gen die­se Aus­sa­ge immer. Sie sagen, dass es ein „epis­te­mo­lo­gi­sches Trau­ma“ gibt, weil die­se Fra­ge nicht bedacht wird. Wir schrei­ben seit vie­len Jah­ren über das Pro­blem der ver­schie­de­nen Stra­te­gien, wir began­nen mit der Stu­die von Dani­el Ben­saïd, dem Theo­re­ti­ker der Revo­lu­tio­när-Kom­mu­nis­ti­schen Liga Frank­reichs, der das Pro­blem der Stra­te­gie wie­der ein­führ­te, indem er gegen die­se anti­stra­te­gi­schen Denker*innen argu­men­tier­te, und dann began­nen wir, ver­schie­de­ne Stra­te­gien zu dis­ku­tie­ren. Zum Bei­spiel die Stra­te­gien, die ich vor­hin kom­men­tiert habe, die Stra­te­gien, die auf der Bäuer*innenklasse basie­ren, und die Stra­te­gien, die auf der Rus­si­schen Revo­lu­ti­on und der Drit­ten Inter­na­tio­na­le basie­ren. Von dort aus began­nen wir zu erken­nen, dass es sehr wich­tig war, auf die Stu­die zurück­zu­kom­men, die Lenin über Clau­se­witz erstellt hat­te.

Im Jahr 2012 haben wir ein Semi­nar über Clau­se­witz durch­ge­führt, wir haben sogar begon­nen, vie­le sei­ner Kate­go­rien zu ver­wen­den. Zum Bei­spiel dis­ku­tiert Clau­se­witz „Fes­tun­gen“ und wir ver­wen­den es ein wenig als Meta­pher, die besagt, dass die Par­tei „Bas­tio­nen“ hat: Orte, von denen aus sie den Klas­sen­kampf füh­ren kann, Fabri­ken, in denen sie kon­zen­triert ist, oder Gewerk­schaf­ten oder Fakul­tä­ten. Die­ses und vie­le ande­re Kon­zep­te, die wir von Clau­se­witz über­neh­men, wen­den wir auf die heu­ti­ge Poli­tik an. All dies ist jedoch nicht von hohem Wert, wenn sich der Klas­sen­kampf nicht in dem Moment, in dem er sei­nen Höhe­punkt erreicht, in die Vor­be­rei­tung eines Auf­stan­des, in einen Bür­ger­krieg ver­wan­delt. Mit ande­ren Wor­ten: Jede*r Marxist*in, die*der sei­ne Kader nicht dar­auf vor­be­rei­tet, ver­dient es nicht, als revolutionäre*r Marxist*in bezeich­net zu wer­den. Des­halb mach­ten wir nach die­sem Semi­nar ein wei­te­res, das auf einer der wich­tigs­ten Stu­di­en von Trotz­ki zur Stra­te­gie basiert, genannt „Sta­lin, der gro­ße Orga­ni­sa­tor der Nie­der­la­gen“1, wel­che die Peri­ode der 1920er Jah­re unter­sucht: die ver­schie­de­nen Chan­cen, die der Sta­li­nis­mus ver­pass­te, und in der sich in der UdSSR in eine büro­kra­ti­sche Füh­rung ent­wi­ckel­te. Wir ver­ban­den die Kate­go­rien von Clau­se­witz mit den Stu­di­en Trotz­kis. Dort stu­dier­ten wir die ver­schie­de­nen Situa­tio­nen der Vor­kriegs­zeit und sogar die Tak­ti­ken für den Zwei­ten Welt­krieg, denn sie sind eine enor­me Schu­le stra­te­gi­schen Den­kens, die wir heu­te aktua­li­sie­ren.

Alles, was wir im tak­ti­schen Bereich tun, wie unse­re Arbeit in der Arbeiter*innenbewegung oder unse­re Wahl­ar­beit in der Front der Lin­ken und Arbeiter*innen (FIT) usw., wird uns in einem bestimm­ten Moment unbe­waff­net las­sen, wenn wir kei­ne Kader bil­den, die die Stra­te­gie ken­nen. In einem Moment, in dem der Klas­sen­kampf wegen sei­nes Cha­rak­ters in einen vor­wie­gend phy­si­schen Kampf ver­wan­delt wird. Das Stu­di­um der Stra­te­gie ist für uns genau­so wich­tig wie alle tak­ti­schen Kämp­fe, die wir täg­lich füh­ren.

Die Welt in der Trump-Ära

Die­se theo­re­ti­sche Aus­ar­bei­tung fin­det in einer Zeit statt, in der wir Lin­ken und Trotzkist*innen nicht mehr die ein­zi­gen sind, die „Zusam­men­brü­che“ oder Stür­me ankün­di­gen, son­dern die gan­ze Welt. Der größ­te Aus­druck ist die Ankunft von Donald Trump in der Regie­rung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten oder die euro­päi­schen Kri­sen. Wie siehst du die Welt­la­ge in die­sem Zusam­men­hang?

Im August die­ses Jah­res haben wir einen Kon­gress unse­rer inter­na­tio­na­len Strö­mung (die das inter­na­tio­na­len Netz­werk von Tages­zei­tun­gen von Klas­se gegen Klas­se und La Izquier­da Dia­rio her­aus­gibt) abge­hal­ten. In einem Doku­ment für die­sen Kon­gress sag­ten wir, dass es eine Pola­ri­sie­rung auf der lin­ken und rech­ten Sei­te gibt. Auf der lin­ken Sei­te gibt es Neo­re­for­mis­men, wie wir sie nen­nen, wie das Bei­spiel von Syri­za selbst oder Pode­mos-Izquier­da Uni­da im Spa­ni­schen Staat, und auf der rech­ten Sei­te ent­wi­ckel­ten sich die Phä­no­me­ne des „Rechts­po­pu­lis­mus“ wie in Frank­reich oder in ande­ren Län­dern. Wir sehen, dass es das gibt, was Anto­nio Gram­sci als Anfän­ge „orga­ni­scher Kri­sen“ bezeich­net. Was ist eine orga­ni­sche Kri­se? Dass die Bour­geoi­sie eine gro­ße Schlacht ver­lo­ren hat, und dass mit dem Ver­lust einer gro­ßen Schlacht eine Situa­ti­on ent­steht, die sie nicht kon­trol­lie­ren kann.

Sie schei­tern in einem gro­ßen Unter­neh­men…

Das gro­ße Unter­neh­men, das geschei­tert oder an sei­ne Gren­zen gesto­ßen ist, ist der Neo­li­be­ra­lis­mus. Die „Ent­de­ckung“ Chi­nas als der neue „Urwald“, der welt­weit die Löh­ne sin­ken ließ und von dem sie glaub­ten, dass sie für immer errei­chen könn­ten, dass Chi­na bil­li­ge Pro­duk­te her­stellt und die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in einen mäch­ti­gen Abneh­mer ver­wan­deln. Als Ergeb­nis die­ser Poli­tik wur­den vie­le Gebie­te in den USA ver­ödet, die die Gebie­te sind, die über­wie­gend für Trump gestimmt haben. Die­se glo­ba­li­sie­ren­de und neo­li­be­ra­le Offen­si­ve ist zu Ende gegan­gen. In Euro­pa gab es bereits sehr star­ke rech­te Bewe­gun­gen, ange­kün­digt zum Bei­spiel durch Mari­ne Le Pen, aber neu ist, dass dies die Ver­ei­nig­ten Staa­ten erreicht hat.

Das ist eine Fra­ge, die sich im Zusam­men­hang mit der inter­na­tio­na­len Situa­ti­on stellt: Inwie­weit kön­nen die Ver­ei­nig­ten Staa­ten mit ihrer gegen­wär­ti­gen Poli­tik, mit ihren Unter­neh­men, die seit dem Zwei­ten Welt­krieg die Welt beherr­schen, mit der Poli­tik der Glo­ba­li­sie­rung bre­chen und inwie­weit kön­nen sie zu einer Poli­tik der „Indus­tria­li­sie­rung“ zurück­keh­ren, wie sie Trump ankün­digt?

Bis jetzt weiß das nie­mand, und es ist eine gro­ße Unbe­kann­te in der gan­zen Welt und beson­ders in Latein­ame­ri­ka und bei uns in Argen­ti­ni­en. Prä­si­dent Mau­ricio Macri gewann, indem er sag­te, der Schlüs­sel sei die Inte­gra­ti­on Argen­ti­ni­ens in die glo­ba­le Wert­schöp­fungs­ket­te. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten tri­um­phiert ein rech­ter „Neo­po­pu­list“, der die Zin­sen (der US-Zen­tral­bank) erhö­hen wird, was die Putsch­re­gie­rung von Michel Temer in Bra­si­li­en oder die Macri-Regie­rung in Argen­ti­ni­en in schlech­tem Fahr­was­ser lässt. In der inter­na­tio­na­len Situa­ti­on gibt es also ein gro­ßes Fra­ge­zei­chen, was von nun an gesche­hen wird. Die­se gan­ze Situa­ti­on der „orga­ni­schen Kri­se“ ist ein Neben­pro­dukt der gro­ßen Kri­se von 2008, die die­ser glo­ba­li­sie­ren­den oder kolo­ni­sie­ren­den Offen­si­ve ein Ende setz­te.

Das Bild war der Sturz von Leh­man Bro­thers…

Natür­lich war der Sturz der Leh­man Bro­thers das Bild des Endes, aber es dau­er­te vie­le Jah­re. Trotz­ki deu­tet oft an, dass es Jah­re dau­ern kann, bis aus einer Wirt­schafts­kri­se eine all­ge­mei­ne poli­ti­sche Kri­se wird. Das heißt, es dau­ert vie­le Jah­re, bis die Mas­sen­be­we­gung von die­ser Kri­se aus­geht und sie in etwas umwan­delt. Bis jetzt hat die Mas­sen­be­we­gung sich im Nega­ti­ven in ein poli­ti­sches Phä­no­men ver­wan­delt, das Pro­le­ta­ri­at ist von der fal­schen Sei­te in die poli­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung ein­ge­tre­ten, durch die Wahl von Trump. Die Fra­ge ist, wann das Pro­le­ta­ri­at von der rich­ti­gen Sei­te ein­tritt und revo­lu­tio­nä­re Pro­zes­se ver­all­ge­mei­nert wer­den. Die Stra­te­gie­dis­kus­si­on dient der Vor­be­rei­tung auf die­se Momen­te, und das wird nicht nur durch die Über­nah­me der Füh­rung von Gewerk­schaf­ten erreicht, das wird nicht nur durch die Teil­nah­me an Wah­len erreicht.

Des­halb glau­ben wir, dass wir revo­lu­tio­nä­re Kader brau­chen, die die Unver­meid­lich­keit des­sen sehen, dass der poli­ti­sche Kampf in einen phy­si­schen Kampf ver­wan­delt wird. In die­sem Moment sind die Kon­zep­te, die die Drit­te Inter­na­tio­na­le durch die Lek­tü­re von Clau­se­witz‘ stra­te­gi­schen Gedan­ken gege­ben hat, sehr nütz­lich.

Die Front der Linken und Arbeiter*innen: Übereinstimmungen und Unterschiede

Wir spra­chen über die Lin­ke, über Syri­za, über Pode­mos und du hast die Front der Lin­ken und Arbeiter*innen (FIT) in Argen­ti­ni­en vor­ge­stellt. Sie ist ein sel­te­nes Phä­no­men auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne. Was ist die FIT, wie wür­dest du sie defi­nie­ren?

Für mich ist die FIT eine Koali­ti­on von Par­tei­en, die die Unab­hän­gig­keit der Arbeiter*innenklasse ver­tei­di­gen. Für mich ist es ein Fort­schritt. Es gab in Argen­ti­ni­en eine ande­re lin­ke Front mit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei und der Bewe­gung für Sozia­lis­mus (MAS), wel­che Izquier­da Uni­da (Ver­ei­nig­te Lin­ke) hieß. Sie ver­ei­nig­te sich gera­de zu einer Zeit, als die sowje­ti­sche Büro­kra­tie die Unter­neh­men in Russ­land an sich nahm und der Sta­li­nis­mus über­all auf der Welt zer­fiel. Die MAS hat­ten die schlech­te Idee, sich mit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei in Argen­ti­ni­en zu ver­bün­den. Das war einer der Grün­de, der zum Bruch und zur Explo­si­on der alten MAS und der Strö­mung von Nahu­el More­no2 führ­te. Wir haben immer gesagt, dass die Zie­gel der Ber­li­ner Mau­er auf die Köp­fe derer fie­len, die sie bau­ten.

Die FIT ist eine Koali­ti­on von Par­tei­en, die sich trotz­kis­tisch nen­nen, die ein anti­ka­pi­ta­lis­ti­sches Pro­gramm für eine Arbeiter*innenregierung hat und das ein klas­sen­ori­en­tier­tes Pro­gramm ist. Sie wei­gert sich, Ver­ein­ba­run­gen mit bür­ger­li­chen oder klein­bür­ger­li­chen Frak­tio­nen oder Par­tei­en zu tref­fen. Sie ver­folgt die Poli­tik, die­ses Pro­gramm der Unab­hän­gig­keit der Arbeiter*innenklasse aus wahl­tak­ti­scher Sicht „zu agi­tie­ren“, ein­mal alle zwei Jah­re – wie es ihr die Gegner*innen der FIT vor­wer­fen. Es gibt vie­le Leu­te, die die FIT ableh­nen, weil sie sagen: „Alle zwei Jah­re eini­gen sie sich dar­auf, Kandidat*innen vor­zu­schla­gen, aber trotz­dem bekämp­fen sie sich die zwei Jah­re dazwi­schen“.

Die Dis­kus­si­on, die die­se Leu­te füh­ren, ist sinn­los, denn ist es kein Fort­schritt, dass es alle zwei Jah­re Führer*innen gibt, die über die Unab­hän­gig­keit der Arbeiter*innenklasse spre­chen und sich wei­gern, sich der Bour­geoi­sie anzu­schlie­ßen? Für uns ist es ein Fort­schritt, und Atlan­ta, wo 20.000 Men­schen auf einer trotz­kis­ti­schen Kund­ge­bung waren, bestä­tigt das: ein Fort­schritt für die Per­spek­ti­ve von Par­tei­en, die in der natio­na­len poli­ti­schen Sze­ne einst mar­gi­nal waren. Da wir im Klas­sen­kampf nicht nur mili­tä­risch aktiv sein wol­len, son­dern eine gemein­sa­me Par­tei grün­den wol­len, haben wir der Arbei­ter­par­tei PO vor­ge­schla­gen, eine gemein­sa­me Par­tei zu grün­den. Aber es gab nicht die Vorraus­set­zun­gen, um das zu errei­chen.

Was war das Hin­der­nis?

Wir glau­ben, dass wir unter­schied­li­che Stra­te­gien haben, um zum Bei­spiel in der Arbeiter*innenbewegung zu arbei­ten. Die PO ging von einer etwas merk­wür­di­gen Inter­pre­ta­ti­on von Lenins „Was tun?“ aus, nach der man nur die Arbeiter*innenbewegung „von außen“ agi­tie­ren müs­se, und wenn der revo­lu­tio­nä­re Moment kommt, wür­den die Arbeiter*innen ihrer Par­tei fol­gen. Eine Poli­tik der Agi­ta­ti­on, die ein biss­chen für das Schau­fens­ter ist.

So hast du die Poli­tik der PO bis vor Kur­zem defi­niert…

Bis vor Kur­zem. Mitt­ler­wei­le ist sie zu einer Art gro­bem Syn­di­ka­lis­mus (Tra­de-Unio­nis­mus) über­ge­gan­gen, von der Lenin in „Was tun?“ spricht, wo davon gespro­chen wird, dass die Gewerkschaftssekretär*innen (in den eng­li­schen Gewerk­schaf­ten) nur für die Lebens­um­stän­de der Arbeiter*innen kämp­fen, für Arbeits­plät­ze, für Löh­ne, usw. All das ist sehr wich­tig, aber das gro­ße Pro­blem ist, wenn die Arbeiter*innen nur das tun, dann kom­men Kri­sen, Krie­ge und Revo­lu­tio­nen usw., und die Arbeiter*innen sind schutz­los. Das Wich­tigs­te ist, dass die Arbeit in den Gewerk­schaf­ten oder bei den Wah­len dazu die­nen muss, das her­aus­zu­bil­den, was Lenin in „Was tun?“ „Volks­tri­bu­ne“ nennt. Was sind „Volks­tri­bu­ne“? Der Begriff kommt aus der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, die ihn wie­der­um von den Volks­tri­bu­nen der Römi­schen Repu­blik über­nom­men hat. Im Kampf der Ple­be­jer in Rom gab es eine Insti­tu­ti­on der Tri­bu­nen, die gegen alles, was gegen ihre Inter­es­sen war, ein Veto ein­le­gen konn­te. Sie waren Men­schen, die viel wei­ter dach­ten als die Gewerkschaftsführer*innen, weil sie ver­such­ten, mit ihrer Poli­tik ande­re Schich­ten und Bevöl­ke­rungs­grup­pen zu beein­flus­sen. Als Lenin „Was tun?“ schrieb, hat­te er noch eine Theo­rie der demo­kra­ti­schen Revo­lu­ti­on, aber wo er abso­lut rich­tig lag, war sein Ziel, dass die Arbeiter*innen nicht nur ein stän­di­sches oder gewerk­schaft­li­ches Bewusst­sein haben, son­dern mit ande­ren Tei­len der Aus­ge­beu­te­ten und Unter­drück­ten spre­chen und das auf­bau­en soll­ten, was Gram­sci „Hege­mo­nie“ nennt. Und was ist Hege­mo­nie? Es bedeu­tet mit Frau­en spre­chen, mit Jugend­li­chen spre­chen, mit Arbeiter*innen spre­chen, die ohne Arbeits­ver­trag beschäf­tigt sind, mit Pre­kä­ren, mit Leiharbeiter*innen und sie in den Kampf füh­ren. Wenn man das nicht erreicht, kommt man nicht weit. Trotz­ki hat zwei gro­ße Leh­ren für die Arbeit in der Arbeiter*innenbewegung, zum einen heißt es im Über­gangs­pro­gramm „Eine rich­ti­ge Poli­tik in Bezug auf die Gewerk­schaf­ten ist eine Grund­vor­aus­set­zung für die Zuge­hö­rig­keit zur IV. Inter­na­tio­na­le. Wer den Weg der Mas­sen­be­we­gung weder sucht noch fin­det, der ist kein Kämp­fer, son­dern eine Belas­tung für die Par­tei“. Wer nicht sieht, dass die Gewerk­schaf­ten die haupt­säch­li­chen Kampf­or­ga­ne der Arbeiter*innen sind, ist ein*e närrische*r Sektierer*in. Aber ande­rer­seits sind die Gewerk­schaf­ten für ihn nur ein blo­ßes Mit­tel, um Ein­fluss auf die Arbeiter*innenklasse zu gewin­nen.

Wir sind sehr stolz auf unse­re bekann­ten Genoss*innen, wie Nicolás del Caño oder Myri­am Breg­man, genau­so haben wir eine gan­ze Genera­ti­on von Genoss*innen – Arbeiter*innen –, die Volks­tri­bu­ne sind, wie Ale­jan­dro Vil­ca in Jujuy, wie Clau­dio Del­le­car­bo­na­ra in der U‑Bahn oder wie Raúl Godoy bei den Keramikarbeiter*innen. Und war­um sind sie Volks­tri­bu­ne? Weil sie sowohl ihre Genoss*innen in Teil­kämp­fen anfüh­ren, als auch ins Fern­se­hen gehen und die gro­ßen natio­na­len Pro­ble­me mit den Vertreter*innen der Bour­geoi­sie oder der klein­bür­ger­li­chen Par­tei­en oder mit der Gewerk­schafts­bü­ro­kra­tie dis­ku­tie­ren. In die­sem Sin­ne sind sie nicht nur Gewerkschaftsführer*innen, obwohl sie das auch sind, son­dern sie füh­ren den Anspruch Lenins fort, sich in Volks­tri­bu­ne zu ver­wan­deln. Sie sind nicht die Ein­zi­gen, die anfüh­ren, es gibt Hun­der­te von Genoss*innen, die den Gewerk­schafts­kampf mit der Poli­tik ver­bin­den und Kandidat*innen der FIT waren. Sie sind eine Strö­mung, die in der Bewe­gung die Arbeiter*innen nicht nur für den Kampf für ihre unmit­tel­ba­ren For­de­run­gen gewinnt, son­dern sie stel­len die­sen Kampf in die ein­zig rich­ti­ge Per­spek­ti­ve, näm­lich eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei auf­zu­bau­en.

Also, um zum Schluss zu kom­men, was die FIT ist. All­ge­mein ist sie eine Koali­ti­on von Par­tei­en, die für die Unab­hän­gig­keit des Pro­le­ta­ri­ats kämp­fen. Ich kann nur für uns spre­chen und erklä­ren, wel­che Unter­schie­de in der Stra­te­gie uns nicht erlaubt haben, eine gemein­sa­me Par­tei zu bil­den. Um es beschei­den aus­zu­drü­cken: Wir ver­su­chen, eine Par­tei der Volks­tri­bu­ne auf­zu­bau­en. Wir ver­su­chen natür­lich, eine Par­tei zu schaf­fen, in der die Arbeiter*innen an den Gewerk­schafts­kämp­fen, die Frau­en am Frau­en­kampf und die Jugend an den Stu­die­ren­den- und Bil­dungs­kämp­fen oder was auch immer teil­neh­men. Aber die bes­ten von ihnen wer­den sich in Anführer*innen oder Volks­tri­bu­ne ver­wan­deln, die den Klas­sen­kampf anfüh­ren kön­nen, wenn er sich ver­schärft und die wich­tigs­ten stra­te­gi­schen Pro­ble­me auf­ge­wor­fen wer­den.

Mit die­ser Per­spek­ti­ve betei­li­gen wir uns an der FIT. Die FIT ist auch kein Selbst­zweck, so wie die Gewerk­schaf­ten kein Selbst­zweck sind, son­dern der Weg zum Auf­bau einer revo­lu­tio­nä­ren Par­tei in Argen­ti­ni­en.

Ich hof­fe, dass wir das mit Genoss*innen aus den Par­tei­en, mit denen wir die FIT bil­den, gemein­sam tun kön­nen und dass die FIT in ein stra­te­gi­sches Bünd­nis umge­wan­delt wer­den kann, um eine gemein­sa­me revo­lu­tio­nä­re Arbeiter*innenpartei zu bil­den. Wir wer­den die­se Fra­ge dau­er­haft zur Spra­che brin­gen, wir glau­ben, dass die Vorraus­set­zun­gen exis­tie­ren, dass wir das mit allen oder ein­zel­nen Sek­to­ren errei­chen kön­nen.

Vergangenheit und Gegenwart

Ich habe ein paar Tex­te über dei­ne Erfah­run­gen in poli­ti­scher Mili­tanz, die du vor eini­ger Zeit an eini­ge von uns geschickt hast, erneut gele­sen. Die ers­te Erin­ne­rung war der Schock nach dem Tod von „Che“ Gue­va­ra und die Reden Fidel Cas­tros aus­wen­dig zu ken­nen, und spä­ter, dass du dich dem Trotz­kis­mus ange­schlos­sen hast. Wenn du an die­se ange­spro­che­nen neu­en Genera­tio­nen von Arbeiter*innen denkst, die­se neu­en Volks­tri­bu­ne und sie mit der alten Genera­ti­on ver­gleichst, die kämpf­te, was sind dann die Stär­ken und Schwä­chen, die du im Lau­fe der Zeit zwi­schen den ver­schie­de­nen Genera­tio­nen siehst?

Der zen­tra­le Wert die­ser alten Genera­ti­on war der Wil­le, und für eine*n Revolutionär*in ist der Wil­le wesent­lich. Trotz­ki sag­te, dass ein*e Revolutionär*in zu sein bedeu­tet, Hin­der­nis­se zu über­win­den, und ich glau­be, dass für die Genera­ti­on der 70er Jah­re – wenn es etwas gibt, das nicht geleug­net wer­den kann, dann ist es, dass sie einen enor­men revo­lu­tio­nä­ren Wil­len hat­te, Hin­der­nis­se zu über­win­den, und „Che“ Gue­va­ra ist ein enor­mes Sym­ptom die­ses revo­lu­tio­nä­ren Wil­lens. Das ist sehr wich­tig.

Was sehr wich­tig ist und was in der Ein­lei­tung unse­res Buches sagen, ist, dass „Nie­der­la­ge erzieht und Tri­umph ver­wirrt“, oder in den Wor­ten des eng­li­schen Schrift­stel­lers Joseph Con­rad, dass „Tri­umph und Nie­der­la­ge zwei gro­ße Betrü­ger sind“.

Die Genera­ti­on der 70er Jah­re glaub­te, dass man mit ein wenig Wil­len, Kraft und Mut in den Sozia­lis­mus gehen kön­ne, ohne die Pro­ble­me der Stra­te­gie ein­ge­hend zu dis­ku­tie­ren. Der „ver­län­ger­te Volks­krieg“, den sie in Argen­ti­ni­en anwen­den woll­ten, basier­te bei­spiels­wei­se auf der Annah­me, dass die Ver­ei­nig­ten Staa­ten in Argen­ti­ni­en ein­mar­schie­ren wür­den, wenn die Situa­ti­on zu hart wür­de.

Nun, was hat uns die­se Nie­der­la­ge gelehrt? Dabei müs­sen wir stra­te­gisch über die sozia­le For­ma­ti­on des Lan­des nach­den­ken, so wie Lenin die Ent­wick­lung des Kapi­ta­lis­mus in Russ­land unter­such­te und dar­auf auf­bau­end stra­te­gi­sche Hypo­the­sen auf­stell­te, die mit der Rea­li­tät ver­knüpft sind.

Wir müs­sen den Wil­len errei­chen, den die Genera­ti­on der 70er Jah­re hat­te, aber mit den stra­te­gi­schen Leh­ren, die uns die Nie­der­la­ge der Mili­tär­dik­ta­tur und danach die Fort­set­zung unter dem Men­emis­mus3 usw. gege­ben hat.

Ich glau­be, dass es eine Rei­he von vie­len Erfah­run­gen gibt, die es zu stu­die­ren gilt, und wir müs­sen den Wil­len der Genera­ti­on der 70er Jah­re wie­der­fin­den, den jeder erkennt und den nie­mand leug­nen kann.

Ja, wir haben die­se Erfah­run­gen ein­mal als „Gene­ral­pro­be“ defi­niert, wie die Revo­lu­ti­on von 1905 in Russ­land, die 1917 zum Tri­umph führ­te.

Es war eine Gene­ral­pro­be, mit dem Unter­schied, dass es eine län­ge­re Zeit­span­ne gibt als zwi­schen 1905 und 1917. Offen­sicht­lich sind vie­le Jah­re ver­gan­gen und es gab einen Bruch des revo­lu­tio­nä­ren Den­kens durch den Neo­li­be­ra­lis­mus in der Welt.

Aber ja, es ist eine Gene­ral­pro­be. Wir haben jetzt eine Geschich­te der argen­ti­ni­schen Arbeiter*innenbewegung von ihren Ursprün­gen bis 1969 fer­tig gestellt4. Eine Auf­ga­be, die die Arbeit der Genos­sin Ruth Wer­ner und des Genos­sen Facun­do Aguir­re ver­voll­stän­digt, ein Buch, in dem wir eine Bilanz der 70er Jah­re zie­hen und die Erfol­ge und Feh­ler, die die Strö­mun­gen gemacht haben, ana­ly­sie­ren, um uns auf einen neu­en Pro­zess vor­zu­be­rei­ten, der statt­fin­den wird, wenn der gegen­wär­ti­ge Klas­sen­kampf in einen all­ge­mei­ne­ren Klas­sen­kampf umge­wan­delt wird.

Aber Revolutionär*innen ohne Revo­lu­ti­on zu bil­den, ist ein gro­ßer Wider­spruch, nicht wahr?

Ja, das ist es. Lenin sag­te, das Schwie­rigs­te von allem sei es, Revolutionär*innen ohne Revo­lu­ti­on zu bil­den. Manch­mal sag­te er es sogar auf tra­gi­sche Wei­se, und manch­mal sag­te er es auf eine etwas komi­sche Wei­se in Bezug auf die deut­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie. Er sag­te, die deut­sche Sozi­al­de­mo­kra­tie habe die Arbeiter*innen dazu erzo­gen, zu mar­schie­ren, “ohne den Rasen zu betre­ten“, weil Bis­marck sie dar­an hin­der­te.

Des­halb muss man jeden Kampf als eine Schu­le des Krie­ges betrach­ten, das ist ein Kon­zept, das wir vor­schla­gen.

Zum Bei­spiel der Kampf bei Kraft oder bei Lear oder in der all­ge­mei­nen Kri­se von 2001 die Umwand­lung des Kamp­fes von Zanon in ein inter­na­tio­na­les Bei­spiel, das auch heu­te noch lebt, obwohl es alle refor­mis­ti­schen Erfah­run­gen hin­ter sich hat, vom Kapi­ta­lis­mus bela­gert wird, aber immer noch in der Men­ta­li­tät der fort­schritt­lichs­ten Arbeiter*innen lebt. Die­se Kämp­fe sind eine Mög­lich­keit, jedes der Ele­men­te der Situa­ti­on zu nut­zen, um Revolutionär*innen zu bil­den.

Man kann sich nicht auf­bau­en, ohne die Errun­gen­schaf­ten zu schät­zen, die auch in einer nicht­re­vo­lu­tio­nä­ren Ära erzielt wer­den. Es gibt kei­ne ande­re Mög­lich­keit, weil man eine Situa­ti­on nicht ver­all­ge­mei­nern kann. Im Jahr 2001 gab es einen Auf­stand, der aber nicht zu einer revo­lu­tio­nä­ren Situa­ti­on wur­de. Die Welt­wirt­schaft wuchs wie­der, die argen­ti­ni­schen Expor­te nah­men zu, und der Kirch­ne­ris­mus konn­te die­se Bewe­gung zum Wie­der­auf­bau des bür­ger­li­chen Staa­tes nut­zen. Wir Revolutionär*innen wur­den wie­der iso­liert, wir gin­gen in die Fabri­ken und began­nen, uns in die­se Pro­zes­se ein­zu­fü­gen und ein­zu­mi­schen, die für uns eine gro­ße Schu­le des Krie­ges sind.

Denn obwohl der Klas­sen­kampf kein Krieg ist, gibt es Kriegs­schu­len. Jeder Streik, jeder Pro­zess, jeder spon­ta­ne Auf­stand kann eine gro­ße Kriegs­schu­le sein, und alle die­se Wege müs­sen wis­sen­schaft­lich unter­sucht wer­den, weil das die Grund­la­ge für die Bil­dung von Revolutionär*innen schafft, die sonst in der Rou­ti­ne der Tak­tik ster­ben.

In sei­nen Über­le­gun­gen Über den west­li­chen Mar­xis­mus sagt Per­ry Ander­son, dass der „west­li­che Mar­xis­mus“ die Theo­rie von der Pra­xis trennt, wie du es vor­hin schon erklärt hast. Er sag­te, er sehe die Mög­lich­keit, dass die Vorraus­set­zun­gen für eine erneu­te Ver­schmel­zung der mar­xis­ti­schen Theo­rie und der Lin­ken mit der Arbeiter*innenbewegung wie­der her­ge­stellt wür­den. Wie siehst du die­se Per­spek­ti­ve in die­sem Sze­na­rio?

Ander­son sag­te das im Jahr 1974, dem Höhe­punkt des Auf­stiegs, der mit dem fran­zö­si­schen Mai begann und in der por­tu­gie­si­schen Revo­lu­ti­on in Euro­pa ende­te. Aber die­ser gro­ße Pro­zess ende­te in Abkür­zun­gen in Euro­pa und in einem neu­en Zyklus von Nie­der­la­gen wie der, den Chi­le unter der Regie­rung von Sal­va­dor Allen­de und Uru­gu­ay oder Argen­ti­ni­en mit der Mili­tär­dik­ta­tur hat­ten. Es war der Tri­umph des Neo­li­be­ra­lis­mus, und jetzt sind wir am Ende die­ses Tri­um­phes, den die herr­schen­de Klas­se über die domi­nier­te Klas­se hat­te. Wie War­ren Buf­fet sagt: „Es gibt einen Klas­sen­kampf, aber mei­ne Klas­se gewinnt ihn“.

Die Kri­se von 2008 und die durch sie aus­ge­lös­te Pola­ri­sie­rung der herr­schen­den Klas­se öff­net Lücken, die von der Arbeiter*innenklasse genutzt wer­den kön­nen.

Wenn wir aus Argen­ti­ni­en betrach­ten, hat die FIT nicht nur die Auf­ga­be, an den Wahl­pro­zes­sen teil­zu­neh­men, son­dern sie hat auch die Auf­ga­be, mate­ri­el­le Kräf­te auf­zu­bau­en. Denn irgend­wann wird die Kri­se grö­ßer sein als die jet­zi­ge, und es wird eine direk­te Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen Revo­lu­ti­on und Kon­ter­re­vo­lu­ti­on geben. Wie zum Bei­spiel am Ende der Regie­rung von Raul Alfon­sin5, als es zwei Jah­re Kri­se gab, die mit den Pri­va­ti­sie­run­gen durch Menem ende­te. In die­sem Fall gab es kei­ne revo­lu­tio­nä­re Par­tei, die die­ser Auf­ga­be gewach­sen war. Die MAS, die eine Par­tei war und die ein Bünd­nis mit der KP hat­te, bekam sogar Abge­ord­ne­te, aber als die­ser Moment kam, war die Arbeiter*innenklasse trotz­dem schutz­los.

Die Auf­ga­be, an der Stra­te­gie zu arbei­ten, Kader auf­zu­bau­en und jede Erfah­rung zu schät­zen, um sie in eine Erfah­rungs­grund­la­ge der Kader zu ver­wan­deln, die die­sen Moment lei­ten sol­len, ist der Schlüs­sel.

Denn wir kom­men aus einer Nie­der­la­ge, nicht nur die objek­ti­ve Nie­der­la­ge, auf deren Grund­la­ge der Men­emis­mus die Auf­ga­ben der Dik­ta­tur fort­setz­te, son­dern auch die sub­jek­ti­ve Nie­der­la­ge von Men­schen, denen es bis zu einem bestimm­ten Punkt sehr gut ging, die tau­sen­de von Men­schen ver­sam­mel­ten und Sta­di­en füll­ten – so wie jetzt die FIT Atlan­ta füll­te – aber als der ent­schei­den­de Moment kam, zer­bra­chen sie in tau­send Stü­cke, weil sie auf die­se Ereig­nis­se nicht vor­be­rei­tet waren, sie waren unreif für die­se Ereig­nis­se.

Zum Schluss, Juan Dal Maso, ein Genos­se von uns, hat ein Buch über Gram­scis Mar­xis­mus her­aus­ge­bracht, wel­ches das stra­te­gi­sche Den­ken wie­der auf­nimmt und die ver­schie­de­nen Flü­gel der Drit­ten Inter­na­tio­na­le ana­ly­siert, wie Gram­sci und sei­ne Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten mit dem Den­ken von Trotz­ki oder Rosa Luxem­burg, um eine theo­re­ti­sche Grund­la­ge für poli­ti­sches Han­deln in Schlüs­sel­mo­men­ten zu haben. D.h. in den Momen­ten, in denen der Klas­sen­kampf zu einer Kon­fron­ta­ti­on phy­si­scher Kräf­te wird – und das ist unver­meid­lich, jede all­ge­mei­ne Kri­se eröff­net die­se Mög­lich­keit, und das kann in einer Nie­der­la­ge und in Faschis­mus und Krie­gen enden oder im Tri­umph einer neu­en pro­le­ta­ri­schen Revo­lu­ti­on, wel­che die sehr reak­tio­nä­re Welt­la­ge, die wir in den letz­ten drei Jahr­zehn­ten erlebt haben, ver­än­dert.

Das Inter­view wur­de im Dezem­ber 2016 von Fer­nan­do Ros­so geführt.

Fuß­no­ten

1. Eini­ge der Tex­te in die­sem Buch erschie­nen auf deutsch in ähn­li­cher Zusam­men­stel­lung in „Die Drit­te Inter­na­tio­na­le nach Lenin“ in der Rei­he „Trotz­ki-Biblio­thek“ vom Mehring Ver­lag, einer davon auch hier.

2. Zum Zeit­punkt der Ver­öf­fent­li­chung arbei­ten wir an der Über­set­zung eines Arti­kels zu die­sem The­ma. Er ist hier aber auf eng­lisch ver­füg­bar.

3. Car­los Menem war ein neo­li­be­ra­ler Prä­si­dent Argen­ti­ni­ens in den 90er Jah­ren.

4. Das Buch erschien hier auf spa­nisch.

5. Argen­ti­ni­scher Prä­si­dent in den 80ern, nach der Mili­tär­dik­ta­tur und vor Car­los Menem.

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