[LCM:] USA-Bild der deutschen Rechten: Sehnsuchtsort weißes Amerika

Im Zuge der Wahl Donald Trumps fand ein bemer­kens­wer­ter Wan­del inner­halb der deut­schen Rech­ten statt. Einst als unna­tür­li­ches Völ­ker­ge­misch, als Inbe­griff des Kapi­ta­lis­mus und der Glo­ba­li­sie­rung geschmäht, sind die USA heu­te zum Sehn­suchts­ort der Rech­ten gewor­den – Ein Gast­bei­trag von Ivan Klin­ge.

Es ist der 15. August 2020, in Ber­lin fin­det eine der mitt­ler­wei­le zahl­rei­chen Kund­ge­bun­gen von Reichs­bür­gern, Ver­schwö­rungs­ideo­lo­gen und Neo­na­zis statt. Mit­ten­drin, zwi­schen allen bekann­ten Neo­na­zi­mar­ken und schwarz-weiß-roten Flag­gen, ist auch eine Flag­ge der Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu sehen. Was vor 10 Jah­ren undenk­bar war, ist im Jahr 2020, dem es an Über­ra­schun­gen nicht man­gelt, Nor­ma­li­tät gewor­den. Vor Jah­ren noch Erz­feind der „frei­en Völ­ker“ und Mario­net­te der „Ost­küs­ten­ka­pi­ta­lis­ten“, sind die USA seit 2016 und der Wahl Donald Trumps zum Prä­si­den­ten zum neu­en Ver­bün­de­ten der glo­ba­len Rech­ten gewor­den.

Wo es frü­her noch „Wit­ze“ über Joghurt und die Kul­tur­lo­sig­keit der USA gab, gehört heu­te die „Make Ame­ri­ca Gre­at Again“- Müt­ze zum Reper­toire der Rech­ten, genau wie Anti-Anti­fa T‑Shirts mit Donald Trump dar­auf. Denn wie so oft lohnt sich ein Blick zur Rech­ten, wenn es um die Ein­schät­zung angeb­lich kon­ser­va­ti­ver Akteu­re geht – im Gegen­satz zum deut­schen Bür­ger­tum erken­nen Rech­te näm­lich ihre Leu­te. So auch bei Trump. Schon 2016 tra­ten in Neo­na­zi-Pod­casts weni­ge Tage nach Trumps Wahl­sieg Neo­na­zis mit Trump-Fan­ar­ti­keln auf. Sie wuss­ten schon damals, gera­de wur­de einer von ihnen zum Prä­si­den­ten gewählt. Und wäh­rend sich das deut­sche Bür­ger­tum über die impul­si­ve Art und die unzu­rei­chen­de All­ge­mein­bil­dung des Prä­si­den­ten amü­sier­te – und gleich­zei­tig chau­vi­nis­tisch fest­stell­te, dass er ja wohl von der ame­ri­ka­ni­schen Unter­schicht gewählt wur­de und nicht vom auf­ge­klär­ten Bür­ger­tum – setz­te Trump sein rech­tes Pro­gramm um und ver­än­der­te die Gesell­schaft nach­hal­tig. Denn im Gegen­satz zur nie voll­ende­ten Mau­er nach Mexi­ko, kam die Steu­er­re­form zuguns­ten der Ober­schicht sehr schnell.

Im Jahr 2020 ist unver­kenn­bar, was Trump ist, wofür er steht und wer ihn unter­stützt. Im Zuge der BLM-Bewe­gung und dem Auf­ste­hen der Bürger*innen der USA gegen die struk­tu­rell ras­sis­ti­sche Poli­zei hat sich eine reak­tio­nä­re Gegen­be­we­gung gebil­det, die bewaff­net durch Städ­te zieht und gewillt ist, für ihr wei­ßes Ame­ri­ka zu kämp­fen. Für die Aktivist*innen in den USA ist dabei beson­ders gefähr­lich, wie gewalt­be­reit und bewaff­net die­se rech­ten Mili­zen sind.

Einen Vor­ge­schmack ihres Mobi­li­sie­rungs­po­ten­ti­als gab es im Früh­jahr 2020, als Regie­rungs­ge­bäu­de in demo­kra­tisch regier­ten Bun­des­staa­ten als Reak­ti­on auf die loka­len Coro­na­maß­nah­men von schwer bewaff­ne­ten Män­nern besetzt wur­den. Seit­dem mar­schie­ren sie lan­des­weit regel­mä­ßig auf, mit dem vor­ran­gi­gen Ziel, Lin­ke, Migrant*innen und Peop­le of Colour ein­zu­schüch­tern und für ein wei­ßes Ame­ri­ka zu kämp­fen. Vor Gewalt und auch vor Mord schre­cken sie dabei nicht zurück. Es wur­den bereits Antifaschist*innen ermor­det – eines der bekann­te­ren Opfer ist Hea­ther Heyer, die 2017 von einem Neo­na­zi getö­tet wur­de. Die Rech­ten wäh­nen sich 2020 im lan­ge her­bei­ge­sehn­ten „Race War“, dem Ras­sen­krieg. Die Sehn­sucht nach sel­bi­gem ist der Rech­ten imma­nent, der apo­ka­lyp­ti­sche Wahn ist auch in der deut­schen Rech­ten prä­sent und immer Teil ihrer Ideo­lo­gie gewe­sen: Für Volk und Nati­on im hei­li­gen End­kampf – dem „Ragna­r­ök“ – ster­ben und zu töten.

Ver­stärkt wird das Gan­ze noch durch anti­se­mi­ti­sche Ideo­lo­gien wie die von „Qanon“ ver­brei­te­ten Ver­schwö­rungs­theo­rien. Kern die­ser The­sen ist, dass Trump mit dem US-Mili­tär Vor­kämp­fer gegen die dege­ne­rier­te, pädo­phi­le, kin­der­mor­den­de glo­ba­le Eli­te ist. Das Erken­nungs­zei­chen der Anhän­ger der QAnon-Theo­rie, der Buch­sta­be Q, ist mitt­ler­wei­le auch auf rech­ten Kund­ge­bun­gen in Deutsch­land zu fin­den. Im deut­schen Able­ger sind so die US-Trup­pen in Deutsch­land von ver­hass­ten Besat­zern zu Ver­bün­de­ten der Verschwörungsideolog*innen gewor­den, die nur dar­auf war­ten, Deutsch­land zu „befrei­en“. Zwar ist im Gegen­satz zu den USA, in denen sich schon meh­re­re Poli­ti­ker der Repu­bli­ka­ner zu QAnon beken­nen, in Deutsch­land noch kein Poli­ti­ker öffent­lich als Anhän­ger in Erschei­nung getre­ten. Das kann (und wird) sich aber noch ändern, gera­de in der AfD als Sam­mel­be­cken von Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern und Reichs­bür­gern ist es wohl nur eine Fra­ge der Zeit bis zum offe­nen Bekennt­nis Ein­zel­ner.

Dass die USA von Besat­zern und Glo­ba­lis­ten zu Ver­bün­de­ten wer­den, ist also kein Zufall. Es ist auch Resul­tat der Prä­si­dent­schaft Trumps. Die­se war und ist Kata­ly­sa­tor und Ver­stär­ker der ame­ri­ka­ni­schen Rech­ten und somit Bin­de­glied zur euro­päi­schen Rech­ten. Durch ihn füh­len sich Rassist*innen in Uni­form erst recht ermun­tert, ihre White-Supre­ma­cy-Ideo­lo­gie immer offe­ner und direk­ter aus­zu­le­ben. Durch ihn bekom­men Anti­se­mi­ten enor­men Auf­wind, die Zahl anti­se­mi­ti­scher Angrif­fe in den USA steigt seit 2016 an und wird durch den Prä­si­den­ten selbst ange­facht. Dabei beein­flus­sen sich die ame­ri­ka­ni­sche und die euro­päi­sche Rech­te seit Jah­ren regel­mä­ßig gegen­sei­tig, ein bekann­tes Bei­spiel dafür sind die „Tur­ner-Dia­ries“, die von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten aus das Kon­zept des „füh­rer­lo­sen Wider­stan­des“ pro­pa­gie­ren und auch im Deutsch­land der 90er-Jah­re bekannt mach­ten. Eine wei­te­re Prä­si­dent­schaft Trumps wür­de die ame­ri­ka­ni­sche Rech­te (und so auch die euro­päi­sche) wei­ter dra­ma­tisch stär­ken, ganz zu schwei­gen davon, dass es frag­lich ist, ob das demo­kra­ti­sche US-Sys­tem mit sei­nen „Checks and Balan­ces“ vier wei­te­re Jah­re Trump über­le­ben wür­de oder in eine rech­te Auto­kra­tie bzw. eine „gelenk­te Demo­kra­tie“ mün­den wür­de. Dabei kommt auch die Fra­ge auf, ob Trump im Fal­le einer Nie­der­la­ge sel­bi­ge über­haupt akzep­tie­ren wür­de, oder nicht statt­des­sen sei­ne Anhän­ger mobi­li­sie­ren und sich selbst zum Sie­ger erklä­ren wür­de.

Der Bei­trag USA-Bild der deut­schen Rech­ten: Sehn­suchts­ort wei­ßes Ame­ri­ka erschien zuerst auf Lower Class Maga­zi­ne.

Read More