[FRN:] Reden der Kundgebung in Hanau (Serie 323: Grenzenlos)

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Hanau
Nichts als schö­ne Wor­te

Hagen Kopp von der »Initia­ti­ve 19. Febru­ar Hanau« über die schwie­ri­ge Auf­ar­bei­tung nach dem Anschlag

22.08.2020 Poli­tik Ras­sis­mus tötet

Hagen Kopp ist Grün­dungs­mit­glied der »Initia­ti­ve 19. Febru­ar Hanau«. In ihr haben sich Frei­wil­li­ge und Ange­hö­ri­ge zusam­men­ge­schlos­sen, um an die Opfer des ras­sis­ti­schen Anschlags zu erin­nern. Die Mit­glie­der erneu­ern regel­mä­ßig Blu­men, Ker­zen und Bil­der an den bei­den Tat­or­ten und betrei­ben ein Laden­ge­schäft in der Hanau­er Krä­mer­stra­ße als Anlauf­punkt in der Stadt.

Sechs Mona­te ist es her, dass ein Ras­sist in Hanau zehn Men­schen ermor­de­te. Der hes­si­sche CDU-Minis­ter­prä­si­dent Vol­ker Bouf­fier erklär­te kürz­lich, dass jetzt die obers­te Prio­ri­tät sei, die Fami­li­en der Opfer nicht allei­ne zu las­sen. Bekom­men die Ange­hö­ri­gen die Unter­stüt­zung, die sie brau­chen?

Ganz im Gegen­teil – zumin­dest, wenn nach der hes­si­schen Lan­des­re­gie­rung gefragt wird. Die äußert zwar schö­ne Wor­te, aber han­delt nicht nach ihnen.

Was mei­nen Sie?

In Hanau gab es eine Ket­te behörd­li­chen Ver­sa­gens vor der Tat, in der Tat­nacht und auch danach. Die Ange­hö­ri­gen erwar­ten hier eine Auf­klä­rung. Von den zustän­di­gen Minis­tern und Behör­den gibt es aber bis heu­te kei­ne ehr­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit allem, was schief­ge­lau­fen ist. Die Fami­li­en füh­len sich ver­höhnt. Der Lan­des­in­nen­mi­nis­ter Peter Beuth hat es bis heu­te nicht geschafft, sich bei ihnen zu ent­schul­di­gen.

Gab es dazu eine Mög­lich­keit?

Als im Mai die Fami­li­en der Opfer im Land­tag waren, wäre es ein­fach für ihn gewe­sen, die Über­for­de­rung der Beam­ten zuzu­ge­ben. »Bit­te ver­zei­hen Sie. Wir wer­den ver­su­chen, die Tat auf­zu­klä­ren und in Zukunft unse­re Arbeit bes­ser zu machen.« Sol­che Wor­te wären ein Anfang gewe­sen. Aber statt­des­sen alles schön­zu­re­den – im Wis­sen, was die Ange­hö­ri­gen durch­ma­chen muss­ten – das geht nicht. Die Fami­li­en for­dern den Rück­tritt von Beuth. Wir hal­ten ihn für unfä­hig.

Wie ist es mit der mate­ri­el­len Unter­stüt­zung?

Wir for­dern umfang­rei­che­re und schnel­le­re sozi­al­po­li­ti­sche Maß­nah­men. Die gesetz­li­chen Sofort­hil­fen für die Ange­hö­ri­gen rei­chen nicht aus, da braucht es wei­te­re unbü­ro­kra­ti­sche Unter­stüt­zung. Auch bezüg­lich neu­er Woh­nun­gen müs­sen Kom­mu­ne und Land zusam­men­ar­bei­ten, damit prak­ti­ka­ble Lösun­gen für die Men­schen gefun­den wer­den, die hier zwi­schen Täter­haus und Tat­or­ten leben. In Hanau-Kes­sel­stadt gibt es bei vie­len betrof­fe­nen Fami­li­en ein gro­ßes Bedürf­nis umzu­zie­hen.

Wie ver­hält sich die Stadt­ge­sell­schaft?

Wir haben den Ein­druck, dass die Demons­tra­ti­on am Sams­tag stark von den Hanau­ern auf­ge­grif­fen wird. Vie­le hän­gen Pla­ka­te in ihre Schau­fens­ter, in der Lokal­pres­se wird aus­führ­lich berich­tet. Dazu führt unse­re Initia­ti­ve seit Mai am Heu­markt, nahe des ers­ten Tat­orts, einen Laden als offe­ne Anlauf­stel­le. Hier kom­men sehr vie­le Men­schen aus der Stadt vor­bei, um Unter­stüt­zung anzu­bie­ten. SPD-Bür­ger­meis­ter Claus Kamin­sky, er wird auch auf der Demo spre­chen, hat wie­der­um in der Erin­ne­rungs­po­li­tik ein Zei­chen gesetzt. Er ist bereit, den Ange­hö­ri­gen zuzu­hö­ren und aus der Ver­gan­gen­heit zu ler­nen. Die­ses Prin­zip ver­tei­digt er auch gegen loka­le Stim­men von der CDU und Hanau­er Bür­gern, die mei­nen, dass es doch jetzt mal gut sein müss­te mit der Erin­ne­rung.

Der CDU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Hei­ko Kass­eckert hat­te jüngst gefor­dert, dass Hanau zur »Nor­ma­li­tät« zurück­keh­ren sol­le.

Die Ange­hö­ri­gen der Opfer waren über die­se Wor­te sehr auf­ge­bracht. Zumal sie erst vor ein paar Wochen ein Gespräch mit dem Poli­ti­ker geführt hat­ten. Da war schon klar gewor­den, dass es gro­ße Unter­schie­de bei der Wahr­neh­mung gibt. Dass der Abge­ord­ne­te ihnen dann nach­träg­lich aber noch in den Rücken fällt und so eine Debat­te eröff­net, ist ein­fach nur schänd­lich. Vie­le Men­schen in der Stadt fan­den das auch unmög­lich, und selbst in der CDU gab es wohl Wider­spruch.

Was bedeu­tet der Ruf nach Nor­ma­li­tät?

Solch eine merk­wür­di­ge Nor­ma­li­tät ein­zu­for­dern, bedeu­tet letzt­lich, ein­fach wei­ter­ma­chen zu wol­len wie bis­her. Dem stel­len wir uns ent­schie­den ent­ge­gen. Wir wer­den auch dafür sor­gen, dass das Denk­mal am Brü­der-Grimm-Denk­mal als pro­vi­so­ri­sche Mahn­stät­te erhal­ten bleibt, bis das Haupt­denk­mal, ver­mut­lich am Markt­platz, ent­steht. Spä­ter soll es auch Gedenk­ta­feln an den Tat­or­ten und ein Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum geben. Das erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Kon­zept ist in Arbeit.

War­um ist das Geden­ken wich­tig?
Ein Slo­gan aus unse­rer Anlauf­stel­le lau­tet »Erin­nern heißt ver­än­dern«. Es ist wich­tig, die Namen der Todes­op­fer nicht zu ver­ges­sen und immer wie­der zu sagen, was hier gesche­hen ist. Die Fami­li­en der Opfer wol­len nicht, dass Hanau nur eine Zwi­schen­sta­ti­on bis zum nächs­ten rech­ten Anschlag ist – Ver­än­de­rung kann es aber nur geben, wenn Kon­se­quen­zen gezo­gen wer­den.

Der Bru­der eines Ermor­de­ten hat­te es so for­mu­liert: Als im Okto­ber 2019 der anti­se­mi­ti­sche Anschlag in Hal­le geschah, sag­ten Poli­ti­ker, jetzt müs­se end­lich was pas­sie­ren. Fakt ist aber, dass der Ras­sist in Hanau genau in die­ser Zeit anfing, sei­ne Tat zu pla­nen. Die Behör­den hät­ten es wis­sen müs­sen – wenn sie es nicht sogar wuss­ten. Jetzt wie­der­holt sich das erneut. Irgend­wo in Deutsch­land wird der­zeit der nächs­te Anschlag vor­be­rei­tet.

Wie geht es den Fami­li­en mit die­sem Wis­sen?

Das kann man nicht pau­schal sagen, es sind sehr unter­schied­li­che Fami­li­en. Aber es beein­druckt mich doch sehr, wie sie alle immer wie­der zusam­men­kom­men, sich auf­raf­fen und gegen­sei­tig Halt geben. Sie ver­su­chen irgend­wie, mit die­ser Kata­stro­phe umzu­ge­hen. Ihre Ent­schlos­sen­heit dabei ist bewun­derns­wert. Vie­le ver­spü­ren aber auch Hand­lungs­drang und kön­nen noch gar nicht rich­tig trau­ern. Bis es soweit ist, kann es Mona­te oder Jah­re dau­ern.

Kann poli­ti­sches Enga­ge­ment bei der Ver­ar­bei­tung hel­fen?
Ja. Das gilt für die Opfer­fa­mi­li­en im Beson­de­ren, aber auch für mich als Unter­stüt­zer. Bei so einem wahn­sin­ni­gen Ereig­nis ist es wich­tig, Hand­lungs­fä­hig­keit zurück­zu­ge­win­nen. Über die Tat zu spre­chen, die Wut zu for­mu­lie­ren, For­de­run­gen auf­zu­stel­len, Neu­es zu ler­nen – und das alles auch als gesell­schaft­li­che Auf­ga­be zu ver­ste­hen – das ist wich­tig und gehört in den Pro­zess des Trau­erns und Ver­ar­bei­tens hin­ein.

Neh­men wir die Fami­lie von Vili Vio­rel Păun. Ihr Sohn war dem Täter hin­ter­her­ge­fah­ren und hat­te sogar ver­sucht, ihn zu stop­pen. Er rief in der Nacht vier­mal bei der Poli­zei an, aber kam nicht durch. Dann wur­de er schos­sen. Die Fami­lie muss­te sel­ber recher­chie­ren, dass ihr Sohn eigent­lich ein Held ist. So etwas her­aus­zu­fin­den schafft viel­leicht kei­nen Trost – aber es hilft.

Sie haben Erfah­run­gen mit der Poli­zei ange­spro­chen. Kön­nen Ange­hö­ri­ge und Freun­de der Toten den Sicher­heits­be­hör­den noch ver­trau­en?

Gute Fra­ge. Ich habe jüngst wie­der mit einem der Über­le­ben­den aus der Bar gespro­chen. Er hat­te sei­ne Freun­de ver­blu­ten gese­hen und ver­ließ dann das Gebäu­de, um die Poli­zei zu infor­mie­ren. Er gab den Beam­ten das Auto­kenn­zei­chen des Täters per Tele­fon, aber nichts geschah. Der Über­le­ben­de hat sich nun geschwo­ren, nie mehr in sei­nem Leben mit der Poli­zei zu spre­chen. Das sind Erfah­run­gen, die prä­gen – und die hier auch zu Wut und Ent­set­zen geführt haben. Wenn Poli­tik und Behör­den da Ver­trau­en zurück­ge­win­nen wol­len, müs­sen sie lie­fern.

Eine Auf­ga­be, die sich nicht nur auf Hanau beschränkt.

Das Ver­sa­gen in Hanau reiht sich in das Ver­sa­gen ein, das wir auch in Kas­sel rund um den Mord an Wal­ter Lüb­cke erle­ben. Und an das, was wir jetzt wie­der bezüg­lich der »NSU 2.0«-Drohschreiben sehen. Wenn wir dazu noch hören, dass die hes­si­schen NSU-Akten auf 30 wei­te­re Jah­re weg­ge­schlos­sen wer­den sol­len, dann weiß man, woher der Wind im Land weht. Es ist ein umfas­sen­des Pro­blem.

Was wäre zu tun?
Es braucht einen ande­ren Umgang der Behör­den mit Ras­sis­mus und eine bun­des­wei­te Ent­na­zi­fi­zie­rung der Staats­ap­pa­ra­te. Rech­te Netz­wer­ke dür­fen nicht mehr wei­ter gedeckt wer­den. Neh­men wir den »NSU 2.0« in der hes­si­schen Poli­zei. Klar ist es ein Pro­blem, dass es die­se Neo­na­zis in der Behör­de gibt, aber das viel­leicht grö­ße­re ist doch, dass alle Kol­le­gen um sie her­um schwei­gen. Das war auch schon im NSU-Kom­plex der Fall. Ver­mut­lich haben Hun­der­te mit­be­kom­men, was beim Ver­fas­sungs­schutz ablief, aber nie­mand wag­te es, den Mund auf­zu­ma­chen. Da braucht es Druck auf allen Ebe­nen.

Eine wei­te­re Sache sind die Waf­fen. Es ist völ­lig unver­ständ­lich, dass der Mör­der von Hanau noch im August 2019 sei­ne Waf­fen­er­laub­nis ver­län­gert bekam und sei­ne Waf­fen sogar euro­pa­weit legal tra­gen durf­te. Das ist doch unfass­bar. Ras­sis­ten müss­ten bun­des­weit sys­te­ma­tisch ent­waff­net wer­den.

Vie­les davon wird auch auf der Sams­tags­de­mons­tra­ti­on gefor­dert. Was erhof­fen Sie sich kon­kret von dem Pro­test?

Rücken­de­ckung für die Fami­li­en der Opfer. Ihr Kampf steht sym­bo­lisch für eine gro­ße Aus­ein­an­der­set­zung, die der­zeit in Deutsch­land statt­fin­det. Wir müs­sen aber auch dar­über hin­aus betrach­ten, wie es in Hanau wei­ter­geht. Die Behör­den wer­den mög­li­cher­wei­se bald die Akten zum Anschlag schlie­ßen, und es wird wohl auch kei­nen Pro­zess geben. Wir über­le­gen daher bereits, wel­che nächs­ten Schrit­te ange­bracht wären. So oder so wird es wei­ter­ge­hen. Die­se Demons­tra­ti­on ist für uns im Pro­zess der Auf­ar­bei­tung aber ein zen­tra­ler Zwi­schen­schritt.

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