[ISO:] Mit Wasserstoff zum grünen Kapitalismus?

1. Wasserstoff als ökologische Innovation

Im
Juni 2020 ver­kün­de­te die Bun­des­re­gie­rung ihre „Natio­na­le Was­ser­stoff­stra­te­gie“
gegen­über der brei­ten Öffent­lich­keit. Feder­füh­rend bei der Erstel­lung war das
Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um. Bei Was­ser­stoff­tech­no­lo­gien soll Deutsch­land „die
Num­mer eins in der Welt“ wer­den, tön­te Bun­des­wirt­schafts­mi­nis­ter Peter
Alt­mai­er. Und wei­ter erklär­te er, dies sei die größ­te Inno­va­ti­on im Bereich
Kli­ma­schutz und Ener­gie­wen­de seit der Ein­füh­rung des erneu­er­ba­ren
Ener­gie­ge­set­zes (EEG).

Kön­nen wir dafür über­haupt sol­che gro­ßen Men­gen an erneu­er­ba­rer Ener­gie bereit­stel­len?

„Grü­ner“
Was­ser­stoff wird erzeugt durch die Zer­le­gung von Was­ser in Sauer­stoff und
Was­ser­stoff mit Hil­fe von elek­tri­schem Strom, der sog. Elek­tro­ly­se. Dabei wird aus­schließ­lich Strom aus erneu­er­ba­ren
Ener­gien ver­wen­det. Mit grü­nem Was­ser­stoff könn­ten wich­ti­ge Tei­le der Indus­trie
CO2-neu­tral
gemacht wer­den. So die Hoch­öfen der Stahl­in­dus­trie, wo in Zukunft für die
Redu­zie­rung des Eisen­er­zes Was­ser­stoff statt Koks­koh­le ein­ge­setzt wer­den
könn­te. Oder Tei­le der che­mi­schen Grund­stoff­in­dus­trie könn­ten bei der Metha­nol-
und der Ammo­niak­pro­duk­ti­on CO2-frei
wer­den. Und schwe­re Last­wa­gen, Bau­fahr­zeu­ge oder Trak­to­ren könn­ten mit
Brenn­stoff­zel­len betrie­ben wer­den, die Was­ser­stoff als Ener­gie­trä­ger nut­zen.
Aus Was­ser­stoff könn­te auch syn­the­ti­sches Kero­sin oder ande­re Treib­stof­fe
her­ge­stellt wer­den, so dass auch Flug­zeu­ge und Schif­fe CO2-neu­tral ange­trie­ben wer­den könn­ten.
Und nicht zuletzt eig­net sich Was­ser­stoff zur jah­res­zeit­li­chen
Zwi­schen­spei­che­rung von über­schüs­si­gem Wind- und Solar­strom. In Zei­ten einer
Wind­flau­te bei gleich­zei­tig schwa­cher Solar­einstrah­lung könn­te der gespei­cher­te
Was­ser­stoff wie­der ver­stromt wer­den und so die Ener­gie­ver­sor­gung sichern.

2.
Wasserstoff – eine ökologische Wunderwaffe?

Vie­le
Medi­en haben die Initia­ti­ve der Bun­des­re­gie­rung posi­tiv auf­ge­nom­men. In einem
Kom­men­tar der Süd­deut­schen Zei­tung ist die Begeis­te­rung zu grei­fen. Was­ser­stoff
sei im Kampf gegen den Kli­ma­wan­del eine „poten­zi­el­le Wun­der­waf­fe“. Und: „Sie
hat das Zeug zu einem sau­be­ren Export­knül­ler.“ [Bau20].

Ist
Was­ser­stoff tat­säch­lich eine „Wun­der­waf­fe“ im Kampf gegen die Kli­ma­ka­ta­stro­phe?
Bevor man die­se Fra­ge beant­wor­tet, soll­te man zunächst einen Blick auf das
ener­ge­ti­sche Men­gen­ge­rüst wer­fen. Im Jahr 2019 lag der End­strom­ver­brauch in
Deutsch­land bei 516 TWh. Davon wur­den 46 % oder 236 TWh mit
Hil­fe von Erneu­er­ba­ren Ener­gien erzeugt. Die Pho­to­vol­ta­ik erreich­te einen
Anteil von 9 % und die Wind­kraft einen Anteil von 24,6 % [ISE20]. Der
Bio­mas­se­an­teil hat­te aller­dings mit 8,6 % schon die Gren­ze zur
Nach­hal­tig­keit erreicht. Der Aus­bau der Wind- und Solar­ener­gie ist aber ein
schö­ner Erfolg. Aller­dings nur auf den ers­ten Blick. Er wird schnell
rela­ti­viert, wenn man bedenkt, dass der gesam­te End­ener­gie­ver­brauch in
Deutsch­land seit Jah­ren bei rund 2500 TWh liegt. Er umfasst nicht nur die
Koh­le für die Strom­erzeu­gung, son­dern auch die Ener­gie, die in Koh­le, Öl und
Gas für die Indus­trie, den Ver­kehr, das Gewer­be und die Haus­hal­te gespei­chert
ist. Wenn die­ser gewal­ti­ge Ener­gie­ver­brauch mit erneu­er­ba­rem Strom eins zu eins
ersetzt wer­den soll, müss­ten die Wind­kraft- und die Solar­an­la­gen in Deutsch­land
min­des­tens um den Fak­tor 10 aus­ge­baut wer­den. Das ist aber noch nicht alles:
Die Her­stel­lung von Was­ser­stoff mit­tels Elek­tro­ly­se ist mit rund 30 %
Ener­gie­ver­lus­ten ver­bun­den. Dazu kommt ein wei­te­res spe­zi­fi­sches Pro­blem: Um
Was­ser­stoff trans­por­tie­ren zu kön­nen, muss er ent­we­der unter hohem Druck
ver­flüs­sigt wer­den oder er muss vor­über­ge­hend an bestimm­te Koh­len­was­ser­stof­fe
ange­dockt wer­den (sog. LOHC-Tech­nik[i]). Bei
bei­den Ver­fah­ren muss eben­falls von rund 30 % Ver­lus­ten aus­ge­gan­gen
wer­den. Rech­net man bei­des zusam­men, also Her­stel­lung und Trans­port, dann ist
die Was­ser­stoff­tech­no­lo­gie mit einem Ener­gie­ver­lust von 50 % ver­bun­den.
Wenn man also eine Was­ser­stoff­men­ge mit einem Ener­gie­in­halt von bei­spiels­wei­se
500 TWh her­stel­len will, braucht man dazu einen Strom-Input von rund
1000 TWh. Gewal­ti­ge Ver­lus­te, die zuerst mal mit erneu­er­ba­rer Ener­gie
erzeugt wer­den wol­len.

Wie
bereits dar­auf hin­ge­wie­sen, ist der Was­ser­stoff­be­darf hoch. Nicht nur Pro­zes­se
in der Che­mie­in­dus­trie und bei der Stahl­er­zeu­gung benö­ti­gen Was­ser­stoff. Auch
schwe­re LKWs auf lan­gen Stre­cken, Bau­fahr­zeu­ge oder land­wirt­schaft­li­che Gerä­te
soll­ten sinn­vol­ler­wei­se mit Was­ser­stoff betrie­ben wer­den. Das gilt sogar noch
mehr für Flug­zeu­ge oder Schif­fe. Und in unse­rer kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft
haben die Schwert­trans­por­te, die Schiffs­lo­gis­tik und die Flug­rei­sen immer mehr
zuge­nom­men. Die Fra­ge stellt sich: Kön­nen wir dafür über­haupt sol­che gro­ßen
Men­gen an erneu­er­ba­rer Ener­gie bereit­stel­len?

3.
Eine gewaltige Energielücke tut sich auf

Wer­fen
wir zur Beant­wor­tung die­ser Fra­ge zunächst einen Blick auf das deut­sche
Poten­zi­al an erneu­er­ba­ren Ener­gien. Das Öko­in­sti­tut geht in einer Berech­nung
aus 2019 davon aus, dass hier­zu­lan­de mit Wind- und Solar­ener­gie etwas über
700 TWh Strom erzeugt wer­den kön­nen. Dazu käme noch ein klei­ner Anteil an
Wär­me­en­er­gie, die gewon­nen wer­den könn­te. Wenn man die­se Wer­te mit der heu­te
ver­brauch­ten Ener­gie­men­ge von 2500 TWh ver­gleicht, wird eine gewal­ti­ge
Lücke sicht­bar. Es gibt aller­dings zahl­rei­che Rech­nun­gen von ver­schie­de­nen
Insti­tu­ten, die davon aus­ge­hen, dass der Ener­gie­ver­brauch bis 2050 deut­lich
abge­senkt wer­den könn­te. So gibt es ein Kli­ma­schutz­sze­na­rio des Fraun­ho­fer ISI
und des Öko-Insti­tuts aus dem Jahr 2015, bei dem in 2050 nur noch rund
1700 TWh an Pri­mär­ener­gie benö­ti­gen wer­den [Öko15]. Die Begrün­dung:
Ein­spa­run­gen durch die Ver­wen­dung von Elek­tro­au­tos statt Ver­bren­nern und von
Wär­me­pum­pen statt Öl- und Gas­hei­zun­gen. Und dazu eine deut­lich ver­bes­ser­te
Haus­iso­la­ti­on und aller­lei Effi­zi­enz­ef­fek­te. Zu einem Teil mag die Rech­nung
rea­lis­tisch sein (E‑Autos und Wär­me­pum­pen). Aber vie­le Rech­nun­gen sind
unüber­sicht­lich und es drängt sich einem der Ein­druck auf, dass hier
schön­ge­rech­net wird, ohne die Aus­wir­kun­gen der rea­len kapi­ta­lis­ti­schen
Wirt­schaft zu berück­sich­ti­gen. So wer­den vie­le Effi­zi­enz­ge­win­ne im
Kon­sum­gü­ter­be­reich (Fern­se­her, Kühl­schrän­ke, Ver­brauch von Fahr­zeu­gen etc.) von
den Kon­zer­nen immer wie­der hin­ter­trie­ben. Bei­spiel­wei­se sank der spe­zi­fi­sche
Treib­stoff­ver­brauch von Autos durch eine ver­bes­ser­te Tech­nik. Aber gleich­zei­tig
wur­den die Karos­sen in den letz­ten Jah­ren immer grö­ßer und PS-stär­ker. Auch in
den Haus­hal­ten ist die Zahl der elek­tri­schen Gerä­te immer mehr gewach­sen und
sie erhiel­ten zusätz­li­che ener­gie­in­ten­si­ve Son­der­funk­tio­nen. Und bei der
Haus­iso­la­ti­on und der För­de­rung von Wär­me­pum­pen fährt die Bun­des­re­gie­rung mit
ange­zo­ge­ner Hand­brem­se. Einen Ein­druck von der tris­ten Wirk­lich­keit der
ver­spro­che­nen Effi­zi­enz­ge­win­ne lie­fert ein Blick auf den deut­schen
Ener­gie­ver­brauch. Da konn­te in den letz­ten 10 Jah­ren nur noch eine gerin­ge
Reduk­ti­on fest­ge­stellt wer­den.

4.
Riesige Wasserstoffmengen importieren – welche Grenzen?

Aber
wird nicht immer wie­der gesagt, dass allein die Son­nen­en­er­gie, die auf die
Saha­ra fällt, bei einer Abde­ckung mit Solar­an­la­gen die 7000-fache
Ver­brauchs­men­ge ganz Euro­pas aus­macht? Alt­mai­ers Papier zur „Natio­na­len
Was­ser­stoff­stra­te­gie“ knüpft an die­ser ger­ne geäu­ßer­ten Vor­stel­lung an. Über
80 % des benö­tig­ten Was­ser­stoffs soll impor­tiert wer­den. Vor allem aus
Nord­afri­ka und aus der EU. Auch die
Bun­des­for­schungs­mi­nis­te­rin Anja Kar­li­c­zek unter­stützt die­se Posi­ti­on. Sie
erklär­te: „Wir kön­nen die Ener­gie, die wir künf­tig in Euro­pa brau­chen, nicht
voll­stän­dig selbst erzeu­gen. Deutsch­land wird auf jeden Fall ein gro­ßer
Impor­teur von Ener­gie blei­ben.“ [Was19]. Sie denkt dabei an eine Koope­ra­ti­on
mit süd- und west­afri­ka­ni­schen Staa­ten oder auch Aus­tra­li­en. Der deut­sche
Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Peter Mül­ler, ori­en­tiert mehr auf erneu­er­bar her­ge­stell­ten
Was­ser­stoff aus Marok­ko [Was19]. Im Juni unter­zeich­ne­te er mit
Regie­rungs­ver­tre­tern des nord­afri­ka­ni­schen Lan­des bereits eine
Koope­ra­ti­ons­ver­ein­ba­rung zum The­ma Was­ser­stoff.

Was bleibt ist eine deut­li­che Redu­zie­rung des Ver­brauchs.

Aber
selbst wenn in Marok­ko oder Tune­si­en gro­ße Solar­an­la­gen in der Saha­ra auf­ge­baut
wer­den soll­ten, es bleibt die Schwie­rig­keit des Ener­gie­trans­ports. Im Papier
der „Natio­na­len Was­ser­stoff­in­itia­ti­ve“ wird über einen Flüs­sig­gas­trans­port
gespro­chen. Doch es müss­ten rie­si­ge Men­gen
Was­ser­stoff impor­tiert wer­den, die zuvor aus erneu­er­ba­rem Strom her­ge­stellt
wer­den müss­ten. Die dafür erfor­der­li­che Elek­tro­ly­se hat einen schlech­ten
Wir­kungs­grad von etwa 70 %. Dazu müss­te der Was­ser­stoff noch ver­flüs­sigt
wer­den, bei –240° C und einem extrem hohen Druck [Wik20]. Bei der Ver­flüs­si­gung
von Was­ser­stoff wür­den dann wei­te­re 30 % sei­nes Ener­gie­in­hal­tes ver­lo­ren
gehen [Bos10]. Dazu kom­men noch wei­te­re Ver­lus­te beim Umfül­len und beim
Trans­port von etwa 3 % pro Trans­port­tag (Boil-Off-Ver­lus­te).

Gerin­ge­re Ver­lus­te wür­de man erhal­ten, wenn man Was­ser­stoff vor
Ort zunächst in Methan umwan­deln und dann trans­por­tie­ren wür­de. Aber auch das
ist kein Königs­weg, denn die Gesamt­ver­lus­te lägen dann bei 56 %.[ii]

Die
Deser­tec-Initia­ti­ve[iii]
pro­pa­gier­te einen Trans­port des erneu­er­ba­ren Stroms aus Nord­afri­ka nach
Deutsch­land mit­tels Hoch­span­nungs­gleich­strom-Über­tra­gung (HGÜ). Damit soll­ten
rund von 15 % des euro­päi­schen Strom­ver­brauchs aus Marok­ko oder Tune­si­en
nach Euro­pa impor­tiert wer­den. Auf Deutsch­lands Strom­ver­brauch bezo­gen wäre das
eine Grö­ßen­ord­nung von etwas über 100 TWh. Aber auch damit käme man selbst
bei einer sehr groß­zü­gi­gen Rech­nung zusam­men mit dem hei­mi­schen Wind- und
Pho­to­vol­ta­ik-Strom sowie direk­ter Solar­wär­me bes­ten­falls auf etwas über
1000 TWh.[iv]
Das bedeu­tet, dass die gewal­ti­gen Ener­gie­men­gen, die heu­te in Deutsch­land
ver­braucht wer­den, mit einer nach­hal­ti­gen Her­stel­lung abso­lut jen­seits des
Erreich­ba­ren lie­gen. Was bleibt ist eine deut­li­che Redu­zie­rung des Ver­brauchs.
Das bedeu­tet, dass im Land indus­tri­ell abge­rüs­tet wer­den muss, dass aber
gleich­zei­tig die erneu­er­ba­ren Ener­gien mas­siv aus­zu­bau­en sind. Min­des­tens auf
700 bis 800 TWh. Auf die deut­sche Regie­rung kann man dabei nicht set­zen.
Sie soll­te eigent­lich seit 30 Jah­ren wis­sen, dass zur Ver­mei­dung der
Kli­ma­ka­ta­stro­phe die Ener­gie­ver­sor­gung und der Ener­gie­ver­brauch des Lan­des
kom­plett umstruk­tu­riert wer­den müss­ten. Aber sie hat kei­ne Ant­wor­ten und schiebt
alle Pro­ble­me vor sich her.

5. Konkurrenzfähigkeit wichtiger als Klimaschutz?

Ein wei­te­res Pro­blem ist, dass in der kapi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie
auf abseh­ba­re Zeit fos­si­le Ener­gie­trä­ger deut­lich bil­li­ger sind, als grü­ner
Was­ser­stoff. Kon­zer­ne wer­den daher wei­ter auf fos­si­le Ener­gie­trä­ger set­zen. Ein
Bei­spiel ist die Stahl­in­dus­trie: Thys­sen­krupp oder die Salz­git­ter AG könn­ten
ihre Stahl­her­stel­lung mit Hil­fe von Was­ser­stoff statt mit Koks zwar rela­tiv
ein­fach dekar­bo­ni­sie­ren. Aber die Unter­neh­men ver­lan­gen für die Umstel­lung
groß­zü­gi­ge Staats­hil­fen. Sprich: Die Steu­er­zah­ler sol­len alles bezah­len und die
Kon­zer­ne füh­len sich nur für die Pro­fi­te zustän­dig. Da wäre es gleich
sinn­vol­ler, die Stahl­in­dus­trie zu ver­ge­sell­schaf­ten und die Pro­duk­ti­on
kli­ma­neu­tral umzu­bau­en. Auch die Arbeits­plät­ze könn­ten dann gesi­chert wer­den,
indem die vor­han­de­ne Arbeit auf alle Hän­de ver­teilt wird.

6. Klimaschutz erreichen: Eine einfache Wahrheit

Fas­sen wir zusam­men: Der Ein­satz von Was­ser­stoff ist sinn­voll, um wich­ti­ge Berei­che der Indus­trie (Stahl, Che­mie) zu dekar­bo­ni­sie­ren. Als Spei­cher­tech­no­lo­gie könn­te damit auch die Strom­pro­duk­ti­on in wind- und son­nen­ar­men Jah­res­zei­ten gesi­chert wer­den. Aber die her­stell­ba­re und impor­tier­ba­re Was­ser­stoff­men­ge wird nicht aus­rei­chen, um den heu­ti­gen deut­schen Ener­gie­ver­brauch eins zu eins zu erset­zen. Die natio­na­le Was­ser­stoff­stra­te­gie der Bun­des­re­gie­rung lässt die­se Pro­ble­ma­tik geflis­sent­lich unter den Tisch fal­len. Statt rea­le Mög­lich­kei­ten zu nut­zen, setzt sie auf uner­füll­ba­re tech­no­lo­gi­sche Phan­tas­te­rei­en.

Die ein­fa­che Wahr­heit lau­tet dage­gen: Kli­ma­neu­tra­li­tät kann nur durch­ge­setzt wer­den, wenn par­al­lel zur Ein­füh­rung von Kli­ma­schutz­maß­nah­men der Kapi­ta­lis­mus über­wun­den wird.

Rea­lis­tisch wäre es, klar zu sagen, dass der deut­sche Ener­gie­ver­brauch dras­tisch ein­ge­schränkt wer­den muss. Z. B. durch eine Umstel­lung des Auto­in­di­vi­du­al­ver­kehrs auf den ÖPNV oder durch die Abkehr von kurz­le­bi­gen, nicht repa­rier­ba­ren Kon­sum­gü­tern. Dazu: Weni­ger Bau­en, weni­ger Beton und dafür mehr Holz­bau. Auch der Ver­pa­ckungs­wahn mit Plas­tik und Papier muss dras­tisch redu­ziert wer­den. War­um die Bun­des­re­gie­rung dies nicht will dürf­te klar sein: Die­se Maß­nah­men wür­den in der Fol­ge zu einem deut­li­chen Absin­ken der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on füh­ren. Der Kapi­ta­lis­mus funk­tio­niert aber nur mit Wachs­tum. Schon bei einer kon­stan­ten Pro­duk­ti­ons­men­ge kommt sein Wirt­schafts­mo­tor ins Stot­tern. Das gilt umso mehr bei einem mas­si­ven Rück­bau. Da die Bun­des­re­gie­rung das weiß und sie gleich­zei­tig ihren Freun­den in den Vor­stands­ta­gen von Ban­ken und Kon­zer­nen ver­pflich­tet ist, ist von ihr kein ernst­haf­ter Kli­ma­schutz zu erwar­ten. Statt­des­sen schwa­dro­niert sie über eine „natio­na­le Was­ser­stoff­stra­te­gie“ als einem All­heil­mit­tel. Die ein­fa­che Wahr­heit lau­tet dage­gen: Kli­ma­neu­tra­li­tät kann nur durch­ge­setzt wer­den, wenn par­al­lel zur Ein­füh­rung von Kli­ma­schutz­maß­nah­men der Kapi­ta­lis­mus über­wun­den wird.


[i] Als
flüs­si­ge Was­ser­stoff­trä­ger eig­nen sich sog. LOHC (Liquid orga­nic hydro­gen
car­ri­ers). Dar­an wird Was­ser­stoff (H2) vor­über­ge­hend che­misch gebun­den. Eine mög­li­che
Sub­stanz ist der Koh­len­was­ser­stoff Diben­zyl­to­luol. An die­se Sub­stanz dockt
Was­ser­stoff an und kann so bei nor­ma­lem Umge­bungs­druck (1 bar) und
Nor­mal­tem­pe­ra­tur (T=20 °C) gela­gert wer­den. Der so gespei­cher­te
Was­ser­stoff ist nicht flüch­tig und es fin­det auch kei­ne Selbst­ent­la­dung statt.
Das LOHC kann belie­big oft mit Was­ser­stoff be- und ent­la­den wer­den. Bei der
H2-Bela­dung des LOHC mit Was­ser­stoff wird Wär­me frei­ge­setzt, die abge­führt
wer­den muss. Bei der Rück­ge­win­nung des Was­ser­stoffs muss wie­der Wär­me
hin­zu­ge­fügt wer­den. Die Tem­pe­ra­tur liegt zwi­schen 250 und 300 °C. Ein
Liter LOHC kann in Form von H2 eine Kilo­watt­stun­de elek­tri­scher und eine
Kilo­watt­stun­de ther­mi­scher Ener­gie spei­chern [LOH20]. Der Wir­kungs­grad des
Ver­fah­rens wird mit 69,17 % ange­ge­ben [Wan16].

[ii] Der
erneu­er­ba­re Strom müss­te zunächst in einem Elek­tro­ly­se­ver­fah­ren in Was­ser­stoff
umge­wan­delt wer­den. Das Gas müss­te danach für den Trans­port in Schiffs­tanks
noch ver­flüs­sigt wer­den. Da Was­ser­stoff dafür unge­eig­net ist, müss­te er mit
Hil­fe von Koh­len­di­oxid in Methan umge­wan­delt wer­den. Erst danach kämen die
Ver­flüs­si­gung und der Schiffs­trans­port. In Deutsch­land erfolg­te dann wie­der
eine Regasi­fi­zie­rung. Der gesam­te Pro­zess ist mit erheb­li­chen Ver­lus­ten
belas­tet. Das Umwelt­bun­des­amt hat eine Stu­die [UBA17] für den Trans­port von
Flüs­sig­gas (Liqui­fied natu­ral gas – LNG) aus Nord­afri­ka nach Nord­eu­ro­pa
erstellt, die genau die­se Ergeb­nis­se lie­fert. Danach liegt der Wir­kungs­grad der
Elek­tro­ly­se bei 72 %, die Methan­syn­the­se bei 80 % und der
LNG-Trans­port inklu­si­ve Ver­flüs­si­gung liegt bei 77 %. Zusam­men wäre das
ein Wir­kungs­grad von extrem gerin­gen 44 %. Das bedeu­tet umge­kehrt
ener­ge­ti­sche Ver­lus­te von 56 %. Das hat zur Fol­ge, dass man für
500 TWh erneu­er­ba­res Import-LNG im Her­kunfts­land zunächst 1136 TWh
erneu­er­ba­ren Strom her­stel­len müss­te. Damit wäre noch nicht ein­mal geklärt,
woher man das CO2
für die Metha­ni­sie­rung des Was­ser­stoffs nimmt.

[iii] Die
ursprüng­li­che Idee von Deser­tec bestand dar­in, bis 2050 rund 15 % des in
Euro­pa ver­wen­de­ten Stroms aus der Saha­ra zu bezie­hen [Des09]. Das soll­te im
Wesent­li­chen mit ther­mi­schen Solar­kraft­wer­ken (CSP-Con­cen­tra­ted Solar Power)
gelin­gen. Dafür grün­de­te sich eine Deser­tec-Stif­tung, die die­se Idee
popu­la­ri­sie­ren woll­te. Dane­ben ent­stand eine Deser­tec-Indus­trie-Initia­ti­ve
(DII), die sich Gewin­ne aus Wüs­ten­strom ver­sprach. Als Pho­to­vol­ta­ik-Anla­gen
wesent­lich preis­güns­ti­ger als CSP-Kraft­wer­ke wur­den, war die bis­he­ri­ge Pla­nung
hin­fäl­lig. Die DII lös­te sich ange­sichts der vor­han­de­nen Pro­ble­me und der
vor­aus­sicht­li­chen Kos­ten auf.

[iv] Dazu
eine hypo­the­ti­sche Rech­nung: Sicher­lich könn­te man mit­tels
Hoch­span­nungs­gleich­strom­über­tra­gung (HGÜ) Solar- und Wind­strom aus Nord­afri­ka
nach Deutsch­land über­tra­gen. Marok­ko wür­de sich als poli­tisch eher sta­bi­les
Land anbie­ten. HGÜ ist heu­te Stand der Tech­nik und die Über­tra­gungs­ver­lus­te wären
sehr gering. Die Kos­ten pro Kilo­me­ter HGÜ-Frei­lei­tung kön­nen mit 983 Euro pro
MW und Kilo­me­ter ange­nom­men wer­den [FFE14]. Dazu kom­men noch die
Wand­lungs­kos­ten von Wech­sel­strom in Gleich­strom und umge­kehrt an den bei­den
Lei­tungs­en­den von ins­ge­samt 240 000 € pro MW. Bei einer Land­stre­cke
von 3300 km bei­spiels­wei­se zwi­schen Aga­dir (Marok­ko) und Frankfurt/​M. wären das
für 10 GW rund 35 Mil­li­ar­den Euro Kos­ten. Damit könn­ten bei ange­nom­me­nen
8000 Stun­den Strom­über­tra­gung pro Jahr 80 TWh erneu­er­ba­rer Strom nach
Deutsch­land gelie­fert wer­den. Deutsch­land bräuch­te aber min­des­tens
1500 TWh Strom aus Nord­afri­ka. Nur dann wür­de sich die Deckungs­lü­cke
zwi­schen dem heu­te wahn­wit­zig hohen deut­schen Ener­gie­ver­brauch und den
Mög­lich­kei­ten der eige­nen Öko­strom­erzeu­gung schlie­ßen. Die HGÜ-Kos­ten wären
dann mit 656 Mrd. Euro kei­ne Peti­tes­se mehr. Und noch eine klei­ne Zahl:
Marok­ko hat heu­te mit sei­nen rund 36 Mil­lio­nen Ein­woh­nern einen Strom­ver­brauch
von 29 TWh. Woher also die­se rie­si­ge erneu­er­ba­re Strom­men­ge so schnell
neh­men? Übri­gens: Auch die ande­ren euro­päi­schen Indus­trie­län­der bräuch­ten ja
nach der Import­lo­gik nord­afri­ka­ni­schen Strom …

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