[KgK:] Wie hätten die Nazis gestoppt werden können?

/​/​Vor­wort zur Neu­aus­ga­be von „Was nun? Schick­sals­fra­gen des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats“ von Leo Trotz­ki /​/​

Vor 80 Jah­ren, im Janu­ar 1933, wur­de Hit­ler zum Reichs­kanz­ler ernannt. In den fol­gen­den Wochen und Mona­ten wur­den die mil­lio­nen­star­ken Orga­ni­sa­tio­nen der deut­schen Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung von den Nazis zer­schla­gen. Die Kata­stro­phe ging vor sich, ohne dass ein Schuss fiel. Wie konn­te es dazu kom­men, dass die deut­schen Arbei­te­rIn­nen schein­bar frei­wil­lig ins Mes­ser lie­fen?

Die Behaup­tun­gen der deut­schen Bour­geoi­sie in ihren Geschichts­bü­chern, wonach die gesam­te Bevöl­ke­rung von Hit­ler begeis­tert war, kön­nen nicht über die Tat­sa­che hin­weg­täu­schen, dass die Eli­te die NSDAP mit viel Geld unter­stütz­te, wäh­rend Mil­lio­nen Arbei­te­rIn­nen bereit waren, gegen den Auf­stieg der Nazis zu kämp­fen.

War­um kam es nicht zur ent­schei­den­den Kraft­pro­be? Die größ­ten Arbei­te­rIn­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen in Deutsch­land, die SPD und die KPD, lehn­ten jede Zusam­men­ar­beit gegen die faschis­ti­sche Gefahr ab. Der rus­si­sche Revo­lu­tio­när Leo Trotz­ki – der wegen sei­nes Kamp­fes gegen die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie aus der Sowjet­uni­on ver­bannt wur­de und im Exil auf der tür­ki­schen Insel Prin­ki­po leb­te – for­der­te dem­ge­gen­über in zahl­rei­chen Arti­keln und Bro­schü­ren eine Ein­heits­front der Arbei­te­rIn­nen gegen den Faschis­mus.[1] Er bezog sich dabei auf die Poli­tik der Ein­heits­front, die die Kom­mu­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le vor ihrer Sta­li­ni­sie­rung ent­wi­ckelt hat­te, als Leh­re aus den revo­lu­tio­nä­ren Pro­zes­sen nach dem Ers­ten Welt­krieg, allen vor­an aus der Okto­ber­re­vo­lu­ti­on in Russ­land.

Im Rah­men der Welt­wirt­schafts­kri­se, die 1929 ein­setz­te, konn­te das deut­sche Kapi­tal die Exis­tenz von star­ken Arbei­te­rIn­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen nicht län­ger dul­den – selbst refor­mis­ti­sche Gewerk­schaf­ten waren ange­sichts der Ver­wer­tungs­kri­se nicht mehr zu ertra­gen. Ins Elend gestürz­te Tei­le der Bevöl­ke­rung, vor allem des Klein­bür­ger­tums, such­ten nach radi­ka­len Lösun­gen. Die his­to­ri­sche Auf­ga­be des Faschis­mus bestand dar­in, die­se in Kampf­trup­pen gegen die Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung zu sam­meln.

Ange­sichts die­ser exis­ten­ti­el­len Gefahr muss­ten alle Arbei­te­rIn­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen zusam­men­hal­ten. Doch die Füh­rung der SPD war seit ihrer Zustim­mung zum Ers­ten Welt­krieg am 4. August 1914 zu einer Agen­tur der Bour­geoi­sie gewor­den – in der Wei­ma­rer Repu­blik ver­wal­te­te sie gro­ße Tei­le des bür­ger­li­chen Staa­tes im Inter­es­se der Kapi­ta­lis­tIn­nen und im Rah­men der Kri­se stütz­te sie die Brü­ning-Regie­rung mit ihren Not­ver­ord­nun­gen gegen die Arbei­te­rIn­nen. Die Füh­rung der KPD war ihrer­seits voll­stän­dig der Büro­kra­tie der Sowjet­uni­on unter­wor­fen – sie folg­te den Befeh­len aus Mos­kau, und damals hieß es, die Sozi­al­de­mo­kra­tie sei in Wirk­lich­keit „Sozi­al­fa­schis­mus“.

Die Wirt­schafts­kri­se führ­te zu einer Radi­ka­li­sie­rung brei­ter Schich­ten: Beson­ders Klein­bür­ge­rIn­nen wur­den von den Nazis ange­zo­gen, wäh­rend Arbei­te­rIn­nen (im gerin­ge­ren Maß) zur KPD gin­gen – trotz ihrer sta­li­nis­ti­schen Poli­tik. Trotz­ki argu­men­tier­te, dass eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei der Arbei­te­rIn­nen auch die Klein­bür­ge­rIn­nen gewin­nen könn­te, wenn sie einen kla­ren revo­lu­tio­nä­ren Aus­weg aus der Kri­se auf­zei­gen wür­de. Doch die Wei­ge­rung der sta­li­nis­ti­schen Füh­rung der KPD, eine pro­le­ta­ri­sche Ein­heits­front zu schaf­fen, mach­te es unmög­lich, die Mas­sen der Arbei­te­rIn­nen für eine revo­lu­tio­nä­re Per­spek­ti­ve zu gewin­nen und so auch ande­re Schich­ten mit­zu­rei­ßen.

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Auf weni­ge Sät­ze redu­ziert schlug Trotz­ki den kom­mu­nis­ti­schen Arbei­te­rIn­nen fol­gen­de Poli­tik im Umgang mit ihren sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Kol­le­gIn­nen vor: „Die Poli­tik unse­rer Par­tei­en ist unver­söhn­lich; aber wenn die Faschis­ten heu­te nacht kom­men, um die Räu­me Dei­ner Orga­ni­sa­ti­on zu zer­stö­ren, so wer­de ich Dir mit der Waf­fe in der Hand zu Hil­fe kom­men. Ver­sprichst Du, eben­falls zu hel­fen, wenn die Gefahr mei­ne Orga­ni­sa­ti­on bedroht?“[2]

Doch für Trotz­ki war die Fra­ge der Ein­heits­front nicht nur zur Ver­tei­di­gung gedacht. Sie war eine „akti­ve Ver­tei­di­gung mit der Per­spek­ti­ve eines Über­gangs zur Offen­si­ve“.[3] Die Struk­tu­ren der Ein­heits­front wür­den sich nicht auf den Kampf gegen die Nazis beschrän­ken, son­dern alle mög­li­chen Pro­ble­me der Arbei­te­rIn­nen behan­deln. Die Ein­heits­front müss­te mit der Schaf­fung von Orga­nen der Selbst­or­ga­ni­sie­rung ein­her­ge­hen, die die Arbei­te­rIn­nen­klas­se für eine Offen­si­ve gegen die Herr­schaft der Bour­geoi­sie ein­set­zen könn­te. Oder wie Trotz­ki erklär­te: Macht eine wirk­li­che Front der gro­ßen Arbei­te­rIn­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen „und Ihr habt den Ber­li­ner Sowjet der Arbei­ter­de­pu­tier­ten!“[4] Die Ein­heits­front soll­te also an den Bedürf­nis­sen der anti-faschis­ti­schen Defen­si­ve anknüp­fen, um die­sen Ver­tei­di­gungs­kampf in die Bah­nen einer revo­lu­tio­nä­ren Offen­si­ve zu len­ken.

Die von Trotz­ki vor­ge­schla­ge­ne Ein­heits­front­tak­tik hat­te er nicht frei erfun­den. Wie schon erwähnt, wur­de sie von der Kom­in­tern auf ihrem 3. und 4. Welt­kon­gress ver­all­ge­mei­nert. Die Ein­heits­front ist dabei nicht nur eine Bünd­nis­po­li­tik: Sie beinhal­tet auch stets ein Kampf der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei gegen die eige­ne Part­ne­rIn­nen, um deren Basis für die eige­ne Poli­tik der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on zu gewin­nen.

Viel Ver­wir­rung in die­ser Ange­le­gen­heit stif­tet bis heu­te die KPD-Paro­le der „roten Ein­heits­front“ oder der „Ein­heits­front von unten“. Sie wur­de einer Ein­heits­front mit der SPD-Füh­rung als „revo­lu­tio­nä­re Alter­na­ti­ve“ ent­ge­gen­ge­stellt. Betrach­tet man die äußerst bru­ta­le Nie­der­schla­gung der Revo­lu­ti­ons­ver­su­che von 1919 bis 1923 durch die SPD und auch den Ber­li­ner „Blut­mai“ von 1929, ist die­se Hal­tung gegen­über der SPD-Füh­rung durch­aus nach­voll­zieh­bar. Revo­lu­tio­nen wer­den aber nicht von den weni­gen Kom­mu­nis­tIn­nen gemacht, die für sich die Ein­sicht gewon­nen haben, dass die SPD reak­tio­när ist. Revo­lu­tio­nen wer­den von den pro­le­ta­ri­schen Mas­sen gemacht und von denen hat­ten vie­le noch Ver­trau­en in ihre sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Füh­rung. Revo­lu­tio­nä­re Poli­tik muss­te den Mas­sen klar machen, dass ihnen unter Füh­rung der SPD der Unter­gang droh­te. Die­ser Bewusst­seins­wan­del konn­te gar nicht dadurch erreicht wer­den, dass die KPD, die selbst so man­che erdrü­cken­de Nie­der­la­ge zu ver­ant­wor­ten hat­te, den Arbei­te­rIn­nen bloß ewig den reak­tio­nä­ren Cha­rak­ter der SPD vor­be­te­te. Statt­des­sen hät­te die SPD in der poli­ti­schen Akti­on geprüft wer­den müs­sen.

Die Ein­heits­front von KPD und SPD – unter öffent­lich vor den Mas­sen aus­ge­han­del­ten Bedin­gun­gen – hät­te die SPD-Füh­rung bei Stra­fe ihres eige­nen Gesichts­ver­lus­tes in den Kampf gedrängt. In die­sem hät­te sie die Bewe­gung bei jedem ent­schei­den­den Schritt zu brem­sen ver­sucht, sich damit offen dis­kre­di­tiert, und die KPD hät­te sich als kon­se­quen­te Ver­fech­te­rin der Inter­es­sen des Pro­le­ta­ri­ats bewei­sen kön­nen, um so die Mas­sen für sich und für die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on zu gewin­nen. Statt die­sen Kampf mit der SPD zu füh­ren, war­te­te die KPD jedoch mit der Paro­le der „Roten Ein­heits­front“ ver­ge­bens dar­auf, dass die Mas­sen von allei­ne mit den Sozi­al­de­mo­kra­tIn­nen bra­chen und sich der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei anschlos­sen.

Im Deut­schen Reich gab es klei­ne­re Städ­te, in denen die Lin­ke Oppo­si­ti­on der KPD (die trotz­kis­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, die als exter­ne Frak­ti­on der KPD arbei­te­te) auf­grund ihrer rela­ti­ven Grö­ße in der Lage war, eine wirk­li­che Ein­heits­front aller loka­len Arbei­te­rIn­nen­or­ga­ni­sa­tio­nen zu schaf­fen. In Bruch­sal in Baden-Würt­tem­berg, in Klin­gen­thal in Sach­sen sowie in Ora­ni­en­burg bei Ber­lin konn­ten SPD, KPD, LO und unor­ga­ni­sier­te Arbei­te­rIn­nen in gemein­sa­men Aus­schüs­sen das Vor­an­schrei­ten der Nazis erfolg­reich ver­hin­dern.[5] Doch es blieb bei die­sen ver­ein­zel­ten Bei­spie­len. Bis über den 30. Janu­ar 1933 hin­aus hiel­ten die bei­den Arbei­te­rIn­nen­par­tei­en SPD und KPD auf lan­des­wei­ter Ebe­ne dar­an fest, nicht gemein­sam gegen die Nazis zu kämp­fen. Wie die öster­rei­chi­sche Band „Die Schmet­ter­lin­ge“ ein­mal gesun­gen hat, hielt die­se Poli­tik, „bis sich Sozi­al­de­mo­kra­ten und Kom­mu­nis­ten schließ­lich ver­eint sahen – im KZ.“[6]

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Die­se kampf­lo­se Nie­der­la­ge ist auch im Nach­hin­ein schwer zu ver­ste­hen. Die sta­li­nis­ti­sche Geschichts­schrei­bung, die dem Zweck dien­te, die Poli­tik der KPD und der Kom­in­tern unter der Füh­rung Sta­lins als feh­ler­los zu bezeich­nen, trug und trägt noch heu­te vie­les zur Ver­wir­rung bei. So lesen wir in vie­len sta­li­nis­ti­schen Tex­ten, die KPD habe trotz der „Sozi­al­fa­schis­mus­the­se“ für die Ein­heits­front gekämpft. In man­chen Tex­ten von der heu­ti­gen Anti­fa-Bewe­gung heißt es gleich­falls, dass die von der KPD ins Leben geru­fe­ne Front­or­ga­ni­sa­ti­on „Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on“ in der Tat die Ein­heits­front der deut­schen Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung war.

Weil die Anti­fa-Bewe­gung heu­te für vie­le Jugend­li­che, die etwas gegen Nazis unter­neh­men wol­len, einen ers­ten Bezugs­punkt dar­stellt, müs­sen wir uns auch genau­er mit ihrem Geschichts­bild aus­ein­an­der­set­zen (auch wenn klar ist, dass die Anti­fa-Bewe­gung vie­le ver­schie­de­ne Strö­mun­gen und Posi­tio­nen umfasst). Die Anti­fa­schis­ti­sche Lin­ke Inter­na­tio­nal aus Göt­tin­gen schreibt: „Die KPD woll­te eine Ein­heits­front aller Anti­fa­schis­tIn­nen aus Arbei­te­rIn­nen der KPD, SPD, christ­lich orga­ni­sier­ten Arbei­te­rIn­nen, gewerk­schaft­lich Orga­ni­sier­ten und Unor­ga­ni­sier­ten, Beam­ten, Bäue­rIn­nen, Hand­wer­ke­rIn­nen und Intel­lek­tu­el­len schaf­fen.“[7] Sie ver­su­chen nicht zu erklä­ren, war­um die KPD ihre Auf­ru­fe auf jene beschränk­te, die unter der Füh­rung der KPD zu kämp­fen bereit waren, und war­um sie die Füh­rung der SPD von der Zusam­men­ar­beit von vor­ne her­ein aus­schloss.

Genau das umge­kehr­te Bild beschreibt der Anti­fa-Akti­vist und His­to­ri­ker Bernd Lan­ger in einer Bro­schü­re zum 80. Jah­res­tag der Grün­dung der Anti­fa­schis­ti­schen Akti­on. Die Ein­heits­front­po­li­tik, wie es die 3. und 4. Kon­gres­se der Kom­in­tern Anfang der 20er Jah­re beschlos­sen hat­ten, sei laut Lan­ger immer nur die Suche nach Bünd­nis­sen „mit der Basis ande­rer Arbei­ter­par­tei­en […], ohne mit den Par­tei­en selbst zu koalie­ren. Mit der ‚Ein­heits­front‘ war also nicht eine gleich­be­rech­tig­te Zusam­men­ar­beit ver­schie­de­ner Orga­ni­sa­tio­nen gemeint, son­dern die Domi­nanz der Arbei­ter­be­we­gung durch die Kom­mu­nis­ten.“[8] So ver­wech­selt Lan­ger die Ein­heits­front­po­li­tik mit der „Ein­heits­front von unten“ oder der „roten Ein­heits­front“ – die sta­li­ni­sier­ten Par­tei­en bil­de­ten unter die­sen Begrif­fen Bünd­nis­se mit sich selbst und ihren engs­ten Sym­pa­thi­san­tIn­nen, um vom Druck für eine tat­säch­li­che Ein­heits­front abzu­len­ken. Dabei ver­schweigt er meh­re­re Bei­spie­le, wie die KPD in den 20er Jah­ren Ein­heits­fron­ten unter offen­si­ver Ein­be­zie­hung der SPD (ein­schließ­lich ihrer Füh­rung) bil­de­te.

In bei­den his­to­ri­schen Tex­ten aus der Anti­fa-Sze­ne gibt es kei­ne Erklä­rung dafür, war­um die deut­sche Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung ver­lo­ren hat. Die­se Lücke ist aber wie­der­um eine mög­li­che Erklä­rung für den tie­fen Geschichts­pes­sis­mus der Anti­fa-Bewe­gung: Da die am bes­ten orga­ni­sier­te Arbei­te­rIn­nen­klas­se der dama­li­gen Welt den Faschis­mus nicht auf­hal­ten konn­te, konn­te die­ser Pes­si­mis­mus zu einer Brut­stät­te für die soge­nann­te „anti­deut­sche“ Bewe­gung mit ihren Theo­rien wer­den, dass der Faschis­mus auf bestimm­te Cha­rak­ter­merk­ma­le der Deut­schen zurück­zu­füh­ren sei.

Dass die Anti­fa-Sze­ne die Leh­ren aus der Nie­der­la­ge nicht gezo­gen hat, merkt man auch an Hand ihrer heu­ti­gen Pra­xis. Gegen den größ­ten Nazi­auf­marsch Euro­pas, der Jahr für Jahr im Febru­ar in Dres­den statt­fand, gab es jah­re­lang mili­tan­te, aber klei­ne und iso­lier­te, Anti­fa-Demos, die sich „gegen Nazis und Bür­germob“ rich­te­ten. Auch wenn es nicht so genannt wur­de, pass­te die­se Gleich­set­zung gut zur „Sozi­al­fa­schis­mus­the­se“ der Sta­li­nis­tIn­nen.

Ab 2010 gab es dann in Dres­den, von ande­ren Kräf­ten der Anti­fa-Bewe­gung aus­ge­hend, Blo­cka­den gegen den Nazi­auf­marsch, die brei­te Krei­se (dar­un­ter Mit­glie­der von SPD, Links­par­tei und Gewerk­schaf­ten) ein­be­zo­gen hat. Die­se Bünd­nis­se konn­ten wirk­li­che Blo­cka­den durch­set­zen – doch nutz­ten die links­ra­di­ka­len Kräf­te die Gele­gen­heit nicht, um ihre sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Ver­bün­de­ten zu kri­ti­sie­ren und deren Basis zu gewin­nen. (Obwohl gera­de die Sozi­al­de­mo­kra­tie mit Hartz IV, Afgha­ni­stan­krieg und „Asyl­kom­pro­miss“ den Boden berei­tet hat­te, auf dem die Nazis wach­sen konn­ten). Des­we­gen kön­nen wir trotz der wich­ti­gen tak­ti­schen Erfol­ge nicht von einem stra­te­gi­schen Durch­bruch, d.h. vom nen­nens­wer­ten Anwach­sen revo­lu­tio­nä­rer Kräf­te in Deutsch­land, spre­chen.

Lei­der gibt es selbst von jun­gen His­to­ri­kern, die sich auf den Trotz­kis­mus bezie­hen, wenig Klar­heit in die­ser Fra­ge. So bezieht sich Flo­ri­an Wil­de, der im Vor­stand der Links­par­tei ist, posi­tiv auf alle „sozia­lis­ti­schen Zwi­schen­grup­pen“ in der Wei­ma­rer Repu­blik, also auf die SAP, die KPO und auch die Trotz­kis­tIn­nen, ohne zwi­schen die­sen Strö­mun­gen mit ihren unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen der Ein­heits­front und Stra­te­gien zu dif­fe­ren­zie­ren.[9] Mar­cel Bois von der Grup­pe „Marx21” und der Links­par­tei erklärt die Ein­heits­front­po­li­tik zu einer rein defen­si­ven Poli­tik, los­ge­löst von einer Stra­te­gie für die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on.[10] Dabei über­se­hen bei­de, wie Trotz­ki in der vor­lie­gen­den Bro­schü­re erklärt, dass die zen­tris­ti­schen Grup­pen, die die Ein­heits­front als Selbst­zweck kon­zi­pier­ten, kei­ne revo­lu­tio­nä­re Ant­wort auf die kapi­ta­lis­ti­sche Kri­se und damit letzt­end­lich kei­ne Poli­tik für den Sieg gegen Hit­ler ent­wi­ckeln konn­ten. Denn nur die sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on (nicht die „posi­ti­ve Ant­wort“ auf die Kri­se, von der Wil­de spricht, was auch immer das sein mag) kann die faschis­ti­sche Gefahr wirk­lich besei­ti­gen. Die­se his­to­ri­sche Ver­schwom­men­heit passt auch dazu, dass bei­de Akti­vis­ten sich für eine „Ein­heit der Lin­ken“ im Rah­men der refor­mis­ti­schen Links­par­tei ein­set­zen, ohne eine kla­re revo­lu­tio­nä­re Stra­te­gie zu ver­tre­ten.

Bei der mao­is­ti­schen MLPD ist die Ana­ly­se noch viel ver­hee­ren­der. Die Mao­is­tIn­nen kön­nen trotz ihrer posi­ti­ven Hal­tung zu Sta­lin und zur KPD unter sei­ner Füh­rung zuge­ben, dass sich die Sozi­al­fa­schis­mus­the­se „als tra­gi­scher Irr­tum“ erwies. Doch sie recht­fer­ti­gen die­sen Feh­ler gleich mit einem Hin­weis, „dass sich damals nie­mand das tat­säch­li­che Aus­maß des faschis­ti­schen Ter­rors hat­te vor­stel­len kön­nen.“[11] Sie set­zen sich nicht mit Trotz­kis Poli­tik aus­ein­an­der, der nicht nur die­sen Feh­ler zum rich­ti­gen Zeit­punkt (und nicht Jahr­zehn­te spä­ter!) brand­mark­te, son­dern auch eine Alter­na­ti­ve auf­zeig­te. Die MLPD hält statt­des­sen an den wag­hal­si­gen Ver­leum­dun­gen gegen Trotz­ki fest, die die sta­li­nis­ti­sche Büro­kra­tie zur Recht­fer­ti­gung der Ermor­dung Zehn­tau­sen­der Kom­mu­nis­tIn­nen erfand, für die es jedoch auch nach Öff­nung der sowje­ti­schen Archi­ve kei­ne Bele­ge gibt. Ihre zen­tra­le Losung heu­te gegen die faschis­ti­sche Gefahr – „Für das Ver­bot aller faschis­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen!” – bedeu­tet aber kei­nen wirk­li­chen Fort­schritt. Denn statt einer Ein­heits­front der Arbei­te­rIn­nen pro­pa­gie­ren sie letzt­end­lich eine „Ein­heits­front“ mit dem kapi­ta­lis­ti­schen Staat, den sie zum Schutz der Arbei­te­rIn­nen auf­for­dern. Mit die­ser refor­mis­ti­schen Illu­si­on in die bür­ger­li­che Demo­kra­tie, die Anfang der 30er bei der SPD eben­falls vor­herrsch­te, setzt sich Trotz­ki eben­falls in die­ser Bro­schü­re aus­ein­an­der.

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Heut­zu­ta­ge sind die Leh­ren aus der Nie­der­la­ge der Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung beson­ders wich­tig. Die Euro-Kri­se, die in Grie­chen­land in der zuge­spitz­tes­ten Form zu Tage tritt, führt eben­falls zu einer poli­ti­schen Pola­ri­sie­rung: Die Faschis­tIn­nen der „Gol­de­nen Mor­gen­rö­te“, die vor Kur­zem noch ein klei­ner Hau­fen waren, bekom­men nun Hun­dert­tau­sen­de Wäh­le­rIn­nen­stim­men. Die links­re­for­mis­ti­sche Klein­par­tei SYRIZA wuchs prak­tisch über Nacht zu einem poli­ti­schen Bezugs­punkt für Mil­lio­nen.

Doch die Füh­rung von SYRIZA strebt nach einer Regie­rungs­be­tei­li­gung und behaup­tet, die Kri­se im Rah­men des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems durch Ver­hand­lun­gen mit der EU lösen zu kön­nen. Damit ver­brei­tet sie refor­mis­ti­sche Illu­sio­nen, die nur zu Nie­der­la­gen und Ent­täu­schung der Mas­sen füh­ren kön­nen. Gera­de eine Lin­ke, die sich beharr­lich im Rah­men des Sys­tems hält, lässt die Faschis­tIn­nen sich als angeb­li­che „Sys­tem­geg­ne­rIn­nen“ pro­fi­lie­ren.

Die Auf­ga­be der Stun­de in Grie­chen­land besteht des­we­gen nicht in der „Ein­heit der Lin­ken“ in einer refor­mis­ti­schen Par­tei, wie es man­che Grup­pen mit revo­lu­tio­nä­rem Anspruch for­dern. Genau­so wenig kann sich die Arbeit der Lin­ken auf mili­tan­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit den Faschis­tIn­nen beschrän­ken, an denen sich nur auto­no­me Jugend­li­che betei­li­gen.

Nein, die Auf­ga­be der Stun­de besteht dar­in, für eine wirk­li­che Ein­heits­front zu kämp­fen: Die arbei­ten­den Mas­sen selbst müs­sen in den anti­fa­schis­ti­schen Selbst­schutz ein­be­zo­gen wer­den. Die dazu not­wen­di­gen Struk­tu­ren kön­nen und müs­sen (ähn­lich wie in der Situa­ti­on, die Trotz­ki in die­ser Bro­schü­re beschrieb) zu Orga­nen der Selbst­or­ga­ni­sie­rung und des Kamp­fes gegen die Kür­zungs­dik­ta­te der grie­chi­schen und euro­päi­schen Bour­geoi­si­en wer­den. Dazu ist es jedoch nötig, eine kon­se­quent revo­lu­tio­nä­re Par­tei der Arbei­te­rIn­nen und der Jugend­li­chen in Grie­chen­land auf­zu­bau­en, die in der Ein­heits­front gleich­zei­tig für die brei­tes­te Ein­heit der Arbei­te­rIn­nen­klas­se gegen die faschis­ti­sche Gefahr und gegen die refor­mis­ti­schen Füh­run­gen der Mas­sen­par­tei­en für eine revo­lu­tio­nä­re Per­spek­ti­ve, für eine Arbei­te­rIn­nen­re­gie­rung als Schritt hin zur Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats kämpft.

Aus der kampf­lo­sen Nie­der­la­ge der am bes­ten orga­ni­sier­ten Arbei­te­rIn­nen­be­we­gung der Welt im Jahr 1933, und ange­sichts der Wei­ge­rung der sta­li­ni­sier­ten Kom­in­tern, irgend­wel­che Leh­ren dar­aus zu zie­hen, schluss­fol­ger­ten Trotz­ki und sei­ne Anhän­ge­rIn­nen, dass der Kampf für den Auf­bau einer neu­en, Vier­ten Inter­na­tio­na­le not­wen­dig war. Der Wie­der­auf­bau der Vier­ten Inter­na­tio­na­le ist auch heu­te nötig, um den Faschis­mus zu besie­gen und eine Ant­wort auf die Kri­se im Sin­ne der Arbei­te­rIn­nen und Jugend zu geben.

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Der vor­lie­gen­de Text „Was nun? Schick­sals­fra­gen des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats“ ist Teil der Schrif­ten Leo Trotz­kis über die Situa­ti­on in Deutsch­land vor und nach dem Auf­stieg des Faschis­mus‘. Trotz­ki ver­fass­te die­se Schrift im Janu­ar 1932 auf der tür­ki­schen Insel Prin­ki­po, auf der er auf­grund sei­ner Geg­ner­schaft zu Sta­lins Regime zwi­schen 1929 und 1933 im Exil leb­te.

Der bri­ti­sche Mar­xist Per­ry Ander­son schrieb über Trotz­kis Schrif­ten über Deutsch­land, dass „deren Qua­li­tät als kon­kre­te Unter­su­chung einer poli­ti­schen Situa­ti­on in der Geschich­te des his­to­ri­schen Mate­ria­lis­mus“ ein­zig­ar­tig sei. Trotz­ki konn­te sei­ne Ana­ly­se ent­wi­ckeln, obwohl er vom tag­täg­li­chen Kampf der deut­schen Arbei­te­rIn­nen abge­schnit­ten war: „Am inter­na­tio­na­lis­ti­schen Cha­rak­ter sei­ner Inter­ven­tio­nen, die der deut­schen Arbei­ter­klas­se eine Waf­fe gegen die sie bedro­hen­de töd­li­che Gefahr in die Hand geben soll­ten, hielt Trotz­ki auch für den Rest sei­nes Lebens fest.”[12] Es ist umso erstaun­li­cher, dass die­se Schrif­ten erst 1971 in deut­scher Spra­che in Buch­form her­aus­ge­ge­ben wur­den.[13]

Noch heu­te sind Trotz­kis Schrif­ten in Deutsch­land weit­ge­hend unbe­kannt. Mit der Her­aus­ga­be aus­ge­wähl­ter Schrif­ten im Trotz­ki-Archiv wol­len wir einen Bei­trag dafür leis­ten, dass die poli­ti­schen Schluss­fol­ge­run­gen, die Trotz­ki im Kampf gegen den Faschis­mus und für eine sozia­lis­ti­sche Revo­lu­ti­on auf welt­wei­tem Maß­stab zog, einem brei­te­ren Publi­kum bekannt wer­den, denn sie sind heu­te, ange­sichts der größ­ten welt­wei­ten Kri­se des Kapi­ta­lis­mus seit 80 Jah­ren, rele­van­ter als je zuvor.

von Wla­dek Flakin, Ende Janu­ar 2013

Die­se Bro­schü­re wur­de von J. Fran­kel ins Deut­sche über­setzt und von der Lin­ken Oppo­si­ti­on der KPD her­aus­ge­ge­ben. Die vor­lie­gen­de Ver­si­on ent­stand auf Grund­la­ge der Tran­skrip­ti­on von Ein­de O’Callaghan für mar​xists​.org aus dem Jahr 2008. Wir haben zahl­rei­che Kor­rek­tu­ren vor­ge­nom­men und die Recht­schrei­bung aktua­li­siert sowie die Fuß­no­ten erwei­tert.

Wei­ter zu „Was nun? Schick­sals­fra­gen des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats“

Fuß­no­ten

[1]. Bis Mit­te 1932 wur­den rund 67.000 Exem­pla­re der Bro­schü­ren Trotz­kis in Deutsch­land ver­kauft. Sei­ne Arti­kel erschie­nen in ers­ter Linie in der Zei­tung Per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on, die von der Lin­ken Oppo­si­ti­on der KPD mit einer Auf­la­ge von 5.000 Exem­pla­ren pro Woche her­aus­ge­ge­ben wur­de. Quel­le: Anton Grylewicz: Die Ent­wick­lung der deut­schen Oppo­si­ti­on. In: Anne­gret Schü­le: Trotz­kis­mus in Deutsch­land bis 1933. „Für die Arbei­ter­ein­heits­front zur Abwehr des Faschis­mus“. Köln 1989.

[3]. Leo Trotz­ki: Die Tra­gö­die des deut­schen Pro­le­ta­ri­ats. In: Ebd.: Por­trät des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Essen 1999. S. 292.

[4]. Die­se Bro­schü­re, Kapi­tel 13.

[5]. Vgl.: Mar­cel Bois: Die „(Ver­ei­nig­te) Lin­ke Oppo­si­ti­on“ 1930 – 1933. Unver­öf­fent­lich­te Magis­ter­ar­beit an der Uni­ver­si­tät Ham­burg. 2003. S. 96–102.

[6]. Die Schmet­ter­lin­ge: Hit­ler Blues.

[8]. Bernd Lan­ger: 80 Jah­re Anti­fa­schis­ti­sche Akti­on. Göt­tin­gen 2012. S. 7.

[9]. Ver­öf­fent­licht in der Bro­schü­re Block fascism! S. 16–26. Auch auf Eng­lisch in Inter­na­tio­nal Socia­lism Nr. 137.

[10]. Mar­cel Bois und Flo­ri­an Wil­de: Durch gute Arbeit über­zeu­gen. In: Marx21. Nr. 3. Ber­lin 2007.

[12]. Per­ry Ander­son: Über den west­li­chen Mar­xis­mus. Frank­furt am Main 1978. S. 141–42.

[13]. Leo Trotz­ki: Schrif­ten über Deutsch­land. Her­aus­ge­ge­ben von Hel­mut Dah­mer. Frank­furt am Main 1971.

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