[Autonomie Mag.:] Was tun 2020 – Skizze einer überregionalen sozialrevolutionären Assoziation

Ema­nu­el Kap­fin­ger

Vor eini­gen Wochen habe ich hier im Auto­no­mie-Maga­zin eine Pole­mik an den „Kom­mu­nis­ti­schen Dis­kus­si­ons­clubs“ geschrie­ben. Vie­le haben mir dann gesagt, dass ihnen unklar sei, wel­che kon­kre­te Pra­xis nun dar­aus folgt. Des­halb wer­de ich das hier aus­füh­ren. Kurz gesagt braucht es eine über­re­gio­na­le sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Asso­zia­ti­on von auto­no­men Kol­lek­ti­ven, die kon­kret zwi­schen den Kämp­fen der sub­al­ter­nen Klas­sen und der genui­nen Theo­rie ver­mit­telt, und deren Ver­mitt­lungs­ar­beit selbst eine auto­no­me Pra­xis ist.

Zuvor sage ich noch, dass die­se Asso­zia­ti­on nur als anti­au­to­ri­tä­re und sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Sinn hat, d. h. wenn sie sich kri­tisch von den poli­ti­schen Stand­punk­ten des „lin­ken Pro­jekts“ (Mosa­ik-Lin­ke, Links­par­tei, iL), des Par­tei­mar­xis­mus, der radi­ka­len Lin­ken und der post­mo­der­nis­ti­schen Iden­ti­täts­po­li­tik unter­schei­det.

Rhizom

Asso­zi­iert sind Kol­lek­ti­ve – Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­te –, die ihre spe­zi­fi­schen Pra­xis­fel­der und ‑inhal­te haben und dar­in voll­stän­dig auto­nom sind. Bei­spie­le wären ein Arbeits­kreis Impe­ria­lis­mus­theo­rie, ein revo­lu­tio­nä­res Online-Maga­zin und ein Kampf von Flücht­lin­gen. Voll­stän­dig auto­nom heißt dabei nicht, dass sie nichts mit­ein­an­der zu tun haben, son­dern dass jedes Orga­ni­sa­ti­ons­ele­ment selb­stän­dig ist in sei­ner Pra­xis, und weder ande­re Ele­men­te noch eine zen­tra­le Instanz über die­se Pra­xis bestim­men. Aber in die­ser Auto­no­mie geht es gera­de dar­um, sich zu asso­zi­ie­ren und kon­kre­te Ver­bin­dun­gen zu ent­wi­ckeln. Bei die­sen den­ke ich nicht an for­ma­le Ver­bin­dun­gen, son­dern kon­kre­te Pra­xis­be­zie­hun­gen, die sich daher auch nur aus der wech­sel­sei­ti­gen Ergän­zung der Ele­men­te begrün­den, bei­spiels­wei­se zwi­schen einem Online-Maga­zin und dem Kampf von Flücht­lin­gen, weil die Flücht­lin­ge ger­ne öffent­lich auf ihre Kämp­fe auf­merk­sam machen wol­len, und das Online-Maga­zin, weil es span­nen­de Arti­kel ver­öf­fent­li­chen will.

Die Asso­zia­ti­on ist daher kei­ne homo­ge­ne Orga­ni­sa­ti­on mit for­ma­ler Mit­glied­schaft und Sta­tu­en, son­dern ein aus­ge­spro­chen hete­ro­ge­nes Gebil­de, das kei­ne fixe Gren­zen hat und des­sen inter­ne Ver­bin­dun­gen sich mit der gemein­sa­men Pra­xis ent­wi­ckeln. Ein gutes Bild ist daher das „Rhi­zom“ (Deleuze/​Guattari), eigent­lich ein Wur­zel­ge­flecht wie der Efeu, das sich je nach Bedarf in alle Rich­tun­gen ver­äs­teln, sich aber auch stel­len­wei­se zu Kno­ten­punk­ten ver­di­cken oder auch Früch­te her­vor­brin­gen kann, und das kein ein­heit­li­ches Zen­trum hat. Das Ver­bin­den­de der Asso­zia­ti­on ist jeden­falls kei­ne ein­heit­li­cher poli­ti­scher Stand­punkt (wie z. B. anti­au­to­ri­tä­rer Kom­mu­nis­mus, Anti­im­pe­ria­lis­mus), son­dern dass man sich in einer gemein­sa­men sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Pra­xis ergän­zen kann und die­se gemein­sam viel stär­ker aus­üben kann.

Aus dem­sel­ben Grund ist die­se Asso­zia­ti­on kei­ne Kader­or­ga­ni­sa­ti­on, in der man nur mit einem bestimm­ten poli­ti­schen Stand­punkt und Bil­dung Mit­glied wer­den kann, und sich gege­be­nen­falls irgend­wann einem Pro­zess der „Kri­tik und Selbst­kri­tik“ unter­zie­hen muss. Statt­des­sen trägt man bei Dif­fe­ren­zen ein­fach die Kon­tro­ver­se auf Augen­hö­he aus, und wenn die­se nicht zu einer Ver­stän­di­gung führt, dann trennt man sich eben. Auf der Ebe­ne der Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­te funk­tio­niert es dage­gen nicht, dass jede Per­son ohne Vor­aus­set­zun­gen immer mit­ma­chen kann. Der Arbeits­kreis Impe­ria­lis­mus­theo­rie erfor­dert eine gewis­se Ein­ar­bei­tung, das revo­lu­tio­nä­re Online-Maga­zin erfor­dert bestimm­te Text-Fer­tig­kei­ten und Ver­net­zun­gen, für den Kampf von Flücht­lin­gen muss man Flücht­ling sein oder sich eini­ger­ma­ßen mit der The­ma­tik beschäf­tigt haben.

Das hat auch direkt prak­ti­sche Bedeu­tung: Damit die Asso­zia­ti­on fähig ist, ein rele­van­ter gesell­schaft­li­cher Akteur zu sein, reicht es nicht, wenn sich bloß 200 Leu­te einer links­ra­di­ka­len ingroup, z. B. die anti­au­to­ri­tä­ren Kom­mu­nis­tin­nen, zusam­men­tun. Viel­mehr müs­sen sich mit­tel­fris­tig eher so 10000 und mehr asso­zi­ie­ren. Adres­sa­tin­nen mei­ner Über­le­gun­gen sind daher Men­schen, die das sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re Pro­jekt tei­len und in ihrem Pra­xis­feld orga­ni­siert und tätig sind, oder sich orga­ni­sie­ren und tätig wer­den wol­len. Das kön­nen auch – um mal ein paar Res­sen­ti­ments auf­zu­ru­fen – mar­xis­ti­sche Pro­fes­so­rin­nen, kom­mu­nis­ti­sche Links­par­tei-Mit­glie­der, sozi­al­re­vo­lu­tio­nä­re DGB-Funk­tio­nä­re, Enga­gier­te aus der Flücht­lings­hil­fe, queer­fe­mi­nis­ti­sche Akti­vis­tin­nen oder gewerk­schaft­li­che Basis­or­ga­ni­sie­run­gen in Betrie­ben sein. Adres­sa­tin­nen sind auch Men­schen, die sich kul­tu­rell der links­ra­di­ka­len Sze­ne zuord­nen, nicht aber weil damit eine bestimm­te Gesin­nung ein­her­ge­hen wür­de, also nicht weil sie „Genos­sin­nen“ sind.

Die Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­te haben ihren Sinn nicht nur im Kampf gegen das Bestehen­de, son­dern sind in ihrer Asso­zi­iert­heit zugleich bereits der Ansatz von ande­ren, nicht­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kol­lek­ti­ven und über­schrei­ten das Bestehen­de. Zum Bei­spiel kann ein Streik in einen selbst­ver­wal­te­ten Betrieb über­ge­hen; der Arbeits­kreis Impe­ria­lis­mus­theo­rie kann eine inner­halb der Pra­xis ein­ge­bun­de­ne Wis­sen­schaft, der es nicht um eine abs­trak­te Wahr­heit geht, schon heu­te prak­ti­zie­ren; das Online-Maga­zin kann eine eman­zi­pa­to­ri­sche Medi­en­pra­xis außer­halb der Sen­sa­ti­ons- und Kon­sum­zwän­ge ent­wi­ckeln; in der Soli­da­ri­tät mit Flücht­lin­gen kann sich eine ganz ande­re, rea­le Will­kom­mens­kul­tur für Migran­tin­nen abzeich­nen. Sozia­le Revo­lu­ti­on wür­de genau das hei­ßen: Dass aus der Orga­ni­sie­rung in den Kämp­fen eman­zi­pa­to­ri­sche, kapi­ta­lis­mus-über­schrei­ten­de Kol­lek­ti­ve ent­ste­hen. Die Asso­zia­ti­on, die ich gera­de beschrei­be, wür­de dabei eben­falls in eine mate­ri­el­le und revo­lu­tio­nä­re Asso­zia­ti­on mit öko­no­mi­schem, poli­ti­schem, recht­li­chem, kul­tu­rel­lem usw. Cha­rak­ter über­ge­hen. Die­se revo­lu­tio­nä­re Per­spek­ti­ve gilt zwar nur extrem lang­fris­tig, gehört aber den­noch zum Sinn der Asso­zia­ti­on. Sie kann in der revo­lu­tio­nä­ren Situa­ti­on einer rich­ti­gen Kri­se auch über­ra­schend schnell Bedeu­tung erlan­gen.

Räte des Rhizoms

Das Bild des Rhi­zoms reicht nicht: Es reicht nicht, eine bloß fla­che Ebe­ne von auto­no­men Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­ten mit „bila­te­ra­len“ Bezie­hun­gen zu haben. Es braucht viel­mehr in ver­schie­de­ner Wei­se all­ge­mei­ne Bezie­hun­gen, die eine Rei­he von Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­ten ein­schlie­ßen und in eine bestimm­te Orga­ni­sie­rung brin­gen. Eini­ge Bei­spie­le: Die Flücht­lin­ge füh­ren ihren Kampf auto­nom und mit ihren eige­nen Zie­len und ihrer Pra­xis, aber es kann noch eine Rei­he ande­rer Kämp­fe oder Orga­ni­sie­run­gen geben, zum Bei­spiel Arbeits­kämp­fe, anti­se­xis­ti­sche Orga­ni­sie­run­gen oder die Kli­ma-Bewe­gung. Es sind gesell­schaft­li­che Pro­ble­me, die unter­ein­an­der zusam­men­hän­gen, und eben­so müss­ten die auto­no­men Kämp­fe ihre Ver­bin­dun­gen erken­nen und koor­di­nie­ren. Oder das Online-Maga­zin: Es kann einer Rei­he von Kämp­fen eben­so wie poli­ti­schen Stand­punk­ten Raum bie­ten, aber wel­chen Raum bie­tet es wem, und wel­che Bedürf­nis­se haben die unter­schied­li­chen Kämp­fe auf Ver­öf­fent­li­chung, und was ist mit Gegen­sät­zen? Hier­zu ist das gemein­sa­me Gespräch und die Abstim­mung nötig. Oder der Arbeits­kreis Impe­ria­lis­mus­theo­rie: Sei­ne Theo­rie­ar­beit betrifft unter­schied­li­che Kämp­fe eben­so wie Stra­te­gie­de­bat­ten, Bil­dungs­ar­beit usw., aber wie kann die Theo­rie­ar­beit so auf­be­rei­tet wer­den, dass sie für letz­te­re wirk­lich hilf­reich ist, und wie kann der Arbeits­kreis an die aktu­el­len Fra­ge­stel­lun­gen und Theo­rie­be­dürf­nis­se „aus der Pra­xis“ anschlie­ßen? Auch hier­für müs­sen sich die­je­ni­gen Leu­te zusam­men­sit­zen, die es angeht.

Zur Asso­zia­ti­on gehö­ren daher nicht nur bila­te­ra­le Bezie­hun­gen, son­dern auch über­grei­fen­de Orga­ni­sie­run­gen, in denen die jewei­li­ge all­ge­mei­ne Pro­ble­ma­tik dis­ku­tiert und zu Beschlüs­sen gebracht wird. Nach mei­nem Ver­ständ­nis geschieht das in regio­na­len und über­re­gio­na­len Ver­samm­lun­gen, an denen Dele­gier­te teil­neh­men, und sofern es dabei zur Kon­sti­tu­ti­on von zen­tra­len Instan­zen kommt – z. B. eine gemein­sa­me Kam­pa­gne von Flüchtlings‑, Arbeits- und Kli­ma­kämp­fen oder Erar­bei­tung von impe­ria­lis­mus­kri­ti­schem Bil­dungs­ma­te­ri­al –, müss­ten die­se zen­tra­len Instan­zen nach räte­de­mo­kra­ti­schen Prin­zi­pi­en gewählt wer­den, also Rechen­schafts­pflicht, Abwähl­bar­keit und Rota­ti­ons­prin­zip. Neben spe­zi­fi­schen oder the­men­ori­en­tier­ten Ver­samm­lun­gen erscheint es mir auch sinn­voll, regio­na­le und über­re­gio­na­le Ver­samm­lun­gen ohne spe­zi­fi­sches The­ma zu machen, in der sich die Asso­zia­ti­on als sol­che trifft und dis­ku­tiert. Auf die­sen Ver­samm­lun­gen könn­ten dann auch die all­ge­mei­nen Orga­ni­sie­run­gen in ihrer Struk­tur oder Bedar­fe für feh­len­de Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­te dis­ku­tiert. Die­ser Text selbst ist von der Sache her Teil die­ser Dis­kus­si­on der all­ge­mei­nen Struk­tu­ren.

Theorie, Praxis und zurück

Um die­se all­ge­mei­nen Orga­ni­sie­run­gen sinn­voll dis­ku­tie­ren zu kön­nen, hal­te ich fol­gen­de drei Grund­un­ter­schei­dun­gen zwi­schen den Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­ten der Asso­zia­ti­on für nötig: Ers­tens genui­ne Theo­rie, zwei­tens genui­ne Pra­xis und schließ­lich die Ver­mitt­lung bei­der, was die Theo­rie der genui­nen Pra­xis und die Pra­xis der genui­nen Theo­rie wäre.

1. Genui­ne Theo­rie arbei­tet an der Ana­ly­se der aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Pro­ble­me und ent­wi­ckelt dafür auch die Theo­rie wei­ter. Sinn­vol­ler­wei­se geschieht dies in spe­zia­li­sier­ten Arbeits­krei­sen etwa zu mate­ria­lis­ti­scher Dia­lek­tik, Impe­ria­lis­mus­theo­rie, Fami­lie und Geschlecht, Kul­tur­kri­tik usw. Die Arbeits­krei­se und die Theo­rie als sol­che sind dar­in auch auto­nom, d. h. sie sind nicht Theo­rie im Dienst der Revo­lu­ti­on, sie müs­sen weder unmit­tel­bar auf Fra­gen der Pra­xis reagie­ren noch unmit­tel­bar für die Pra­xis nütz­li­che Ergeb­nis­se lie­fern, son­dern ihre Pra­xis ist die eigen­stän­di­ge kri­ti­sche Erkennt­nis und die eigen­stän­di­ge Theo­rie­ar­beit mit Text­pu­bli­ka­ti­on und Theo­rie-Tagun­gen. Die genui­ne Theo­rie ist den­noch sowohl revo­lu­tio­nä­re Theo­rie, die die bestehen­de Gesell­schaft unter der eman­zi­pa­to­ri­schen Per­spek­ti­ve ihrer Auf­heb­bar­keit ana­ly­siert, als auch Theo­rie der Revo­lu­ti­on, die Bedin­gun­gen und Dyna­mi­ken von Pra­xis ana­ly­siert. Bei­des kann sie aber letzt­lich nur sein, wenn sie sich in ihrer Auto­no­mie auf Pra­xis bezieht, d. h. dass sie eine kon­kre­te Ver­mitt­lung zur Pra­xis braucht oder dass sie letzt­lich nur sinn­voll arbei­ten kann, wenn sie kon­kret mit der Pra­xis asso­zi­iert ist. Die­se Ver­mitt­lung bedeu­tet einer­seits, dass die Theo­rie einen „Auf­nah­me­ka­nal“ zu den Fra­ge­stel­lun­gen und Theo­rie­be­dürf­nis­se der Pra­xis hat, eben­so wie einen „Auf­nah­me­ka­nal“ für die Wahr­neh­mun­gen und das Wis­sen der Pra­xis; ande­rer­seits, dass es einen „Auf­nah­me­ka­nal“ der Pra­xis gibt, in dem die­se die For­schungs­er­geb­nis­se der Theo­rie rezi­pie­ren kann und für ihre Pra­xis nut­zen kann. Für die­se Ver­mitt­lung braucht es die jetzt fol­gen­den spe­zia­li­sier­ten Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­te der Ver­mitt­lung zwi­schen Theo­rie und Pra­xis.

2. Die Ver­mitt­lung zwi­schen Theo­rie und Pra­xis lässt sich m. E. noch­mal in zwei Schwer­punk­te tei­len, deren einer eher an der genui­nen Theo­rie liegt und die „Pra­xis der Theo­rie“ dar­stellt, und deren ande­rer eher an der genui­nen Pra­xis liegt und die „Theo­rie der Pra­xis“ dar­stellt.

2.a) Die Pra­xis der Theo­rie wür­de etwa fol­gen­de Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­te umfas­sen: Online-Maga­zin, Bil­dungs­ar­beit, Klas­sen­ana­ly­se. Dies sind zum einen auto­no­me Tätig­kei­ten mit ihren eige­nen Pro­ble­men und Zie­len, zum andern machen sie nur als Ver­mitt­lung Sinn, inso­fern zum Bei­spiel Leu­te der Theo­rie ihre Über­le­gun­gen prä­gnant jour­na­lis­tisch zusam­men­fas­sen oder in der Bil­dungs­ar­beit her­un­ter­bre­chen, wäh­rend ande­rer­seits bei­des an den gegen­wär­ti­gen Stand der Kämp­fe und deren Wis­sens-Bedürf­nis­se anschlie­ßen muss. Die Theo­rie-Super-Gurus Marx und Luxem­burg haben genau hier­auf enor­men Wert gelegt. Natür­lich kön­nen auch die auto­no­men Bil­dungs-Leu­te Work­shops erar­bei­ten, ohne Theo­re­ti­ke­rin­nen zu sein usw. Die Klas­sen­ana­ly­se wür­de sich einen Über­blick über die aktu­el­len Ver­hält­nis­se der sub­al­ter­nen Klas­sen – Care-Arbeit, allein­er­zie­hen­de Müt­ter, Mus­li­me, Mini-Job­be­rin­nen, Click­wor­ker, usw. usf. –, deren spe­zi­fi­sche Wider­sprü­che und ihre Zusam­men­hän­ge mit den ande­ren sub­al­ter­nen Klas­sen ver­schaf­fen.

2.b) Die Theo­rie der Pra­xis wür­de etwa fol­gen­de Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­te umfas­sen: Stra­te­gie­dis­kus­si­on, Kam­pa­gnen- und Akti­ons­ko­or­di­na­ti­on, Flug­blät­ter, mili­tan­te Unter­su­chung. Das alles bezieht sich natür­lich auf die genui­ne Pra­xis, aber auch auf die genui­ne Theo­rie und die Pra­xis der Theo­rie. Zum Bei­spiel muss sich die Stra­te­gie­dis­kus­si­on auf die Klas­sen­ana­ly­se bezie­hen und davon aus­ge­hend Hand­lungs- und Koope­ra­ti­ons­per­spek­ti­ven ent­wi­ckeln, aber ande­rer­seits immer die aktu­el­len wirk­li­chen Kämp­fe und prak­ti­schen Orga­ni­sie­run­gen im Blick behal­ten.

3. Die genui­ne Pra­xis ist der Punkt, an dem letzt­lich die Welt wirk­lich ver­än­dert wird, ande­rer­seits ist sie nicht das ein­zig Rele­van­te, in des­sen Dienst die genui­ne Theo­rie und die Ver­mitt­lung zu ste­hen hät­ten. Die­se bei­den sind Pra­xis­fel­der, auf die es genau­so ankommt. Ihnen gegen­über ist aller­dings die genui­ne Pra­xis genau­so auto­nom; sie ist nicht zur Orga­ni­sa­ti­ons­dis­zi­plin gegen­über einer „Wis­sen­schaft mit objek­ti­ven Ein­sich­ten“ oder gegen­über der Stra­te­gie­dis­kus­si­on ver­pflich­tet. Die genui­ne Pra­xis kann dabei alles ande­re als gleich­wer­tig neben den ande­ren zwei Fel­dern ste­hen, denn es geht gera­de um den Kampf gegen Unter­drü­ckung und grund­le­gen­de Pro­ble­me des Lebens: stän­di­ge Bedro­hung durch Ras­sis­ten und Poli­zei­ge­walt, Unter­drü­ckung am Arbeits­platz, Bedro­hung durch den Kli­ma­wan­del in naher Zukunft usw.

Die­se Kämp­fe gehen von den sub­al­ter­nen Klas­sen aus, mit klas­sen­spe­zi­fi­schen Lebens­ver­hält­nis­sen, die sich von den Leu­ten unter­schei­den, die übli­cher­wei­se Theo­rie- und Ver­mitt­lungs­ar­beit machen, und die durch Bil­dung und Arbeits­platz der Intel­lek­tu­el­len­klas­se ange­hö­ren. Die­se Kämp­fe sind die den­je­ni­gen, die sich typisch und zen­tral mit revo­lu­tio­nä­ren Intel­lek­tu­el­len asso­zi­ie­ren, weil sie die­je­ni­gen sind, die in einer radi­ka­len Unter­drü­ckung leben. Das unter­schei­det sie von den Kämp­fen von bes­ser­ge­stell­ten Klas­sen, die ihre Zie­le zu guten Tei­len errei­chen kön­nen, z. B. als all­ge­mei­nes Wahl­recht oder heu­te als diver­si­ty in gro­ßen Betrie­ben – ohne Fra­ge wich­ti­ge Errun­gen­schaf­ten. Die revo­lu­tio­nä­ren Intel­lek­tu­el­len haben nun zwar auch mit Pro­ble­men zu kämp­fen, umso mehr, wenn sie Frau­en oder Jüdin­nen sind. Aber sie befin­den sich nicht in grund­sätz­li­chen Wider­sprü­chen, die ihr Leben ins­ge­samt und stän­dig infra­ge­stel­len wür­de. Das aber betrifft die sub­al­ter­nen Klas­sen.

Dass deren Kämp­fe auto­nom sind, heißt etwa fol­gen­des: Sie kön­nen nicht in eine revo­lu­ti­ons­theo­re­ti­sche Scha­blo­ne ein­ge­plant wer­den, son­dern die Kämp­fe ver­su­chen kon­kre­te Pro­ble­me zu lösen und das heißt, das Leben unter kapi­ta­lis­ti­schen Bedin­gun­gen zu ver­bes­sern. Nur in die­sen Kämp­fen kann die gemein­sa­me Erkennt­nis ent­ste­hen, dass die Pro­ble­me unter kapi­ta­lis­ti­schen Bedin­gun­gen nicht wirk­lich gelöst wer­den kön­nen, aber sie kön­nen auch in refor­mis­ti­sche Bah­nen gelenkt, gespal­ten oder durch Tei­le einer Bewe­gung mit bes­se­rer Klas­sen­po­si­ti­on ver­ein­nahmt wer­den. Es ist nicht die Auf­ga­be der Intel­lek­tu­el­len, die sub­al­ter­nen Klas­sen auf die „rich­ti­gen“ revo­lu­tio­nä­ren Bah­nen zu len­ken, aber ent­spre­chend der oben for­mu­lier­ten Ver­mitt­lungs­tä­tig­keit geht es gera­de dar­um, ent­spre­chend der Bedürf­nis­se der Kämp­fe und mit ihnen Flug­blät­ter zu schrei­ben, Work­shops zu ent­wi­ckeln oder Kam­pa­gnen zu pla­nen. Die Auto­no­mie der Kämp­fe heißt außer­dem, dass die Kämp­fe ent­ste­hen, wenn sie ent­ste­hen, also von selbst, und dass es nicht die Auf­ga­be der Intel­lek­tu­el­len ist, durch Orga­ni­sie­rungs­tä­tig­keit oder Agi­ta­ti­on die­se Kämp­fe zu inii­tie­ren, wie es zur Zeit das Pro­gramm vie­ler soli­da­ri­scher Stadt­teil­grup­pen ist.

Was also tun?

Das klingt jetzt alles wahr­schein­lich super kom­pli­ziert und es ist viel­leicht nicht mehr klar, was man jetzt genau anders als bis­her machen soll, da es vie­les von dem Beschrie­be­nen ja eh schon gibt.

Ich bre­che das daher mal auf drei Punk­te her­un­ter: Zum einen soll man auf­hö­ren, an Theo­rie, Ver­mitt­lung und Pra­xis immer bestimm­te Auf­ga­ben zu rich­ten, die sie zu erfül­len hät­ten, damit die Revo­lu­ti­on gelingt. Sie soll­ten in ihrer Auto­no­mie gelas­sen wer­den. Zwei­tens soll man aber kon­kre­te ergän­zen­de Bezie­hun­gen zwi­schen den Orga­ni­sa­ti­ons­ele­men­ten auf­neh­men und zusam­men­ar­bei­ten. Und drit­tens soll man ziel­ge­rich­tet Orga­ni­sie­run­gen auf all­ge­mei­ner Ebe­ne mit ihren Ver­samm­lun­gen auf­bau­en. Die­se drei Punk­te sind heu­te kaum exis­tent, sie umzu­set­zen ist mei­ne Ant­wort auf die Fra­ge „Was tun?“ im Jahr 2020.

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