[KgK:] C.L.R. James: Der Platz des Schwarzen ist in der Avantgarde

Die Arbeit in wei­ßer Haut kann sich nicht dort eman­zi­pie­ren, wo sie in schwar­zer Haut gebrand­markt wird – Karl Marx

Der Platz des Schwar­zens steht an der obe­ren Spit­ze der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung für den Sozia­lis­mus. Das ist der wich­tigs­te theo­re­ti­sche Bei­trag, den die Vier­te Inter­na­tio­na­le und die Socia­list Workers Par­ty zu einem kla­ren und prä­zi­sen Ver­ständ­nis zur Rol­le des Schwar­zens bei der Lösung der Schwie­rig­kei­ten geleis­tet haben, mit denen die Mensch­heit heu­te kon­fron­tiert ist.

Wäh­rend selbst die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei in ihren revo­lu­tio­nä­ren Tagen die Schwar­zen im Wesent­li­chen als ein Anhäng­sel der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gung betrach­te­te – aber den­noch wert­voll – sehen wir im Gegen­satz dazu die Schwar­zen an ers­ter Stel­le unter denen, die gegen die Ver­bre­chen und Bar­ba­rei des kapi­ta­lis­ti­schen Sys­tems kämp­fen wer­den. Der Grund dafür liegt in der Natur der Posi­ti­on des Schwar­zen in der kapi­ta­lis­ti­schen Gesell­schaft selbst. Die am meis­ten aus­ge­beu­te­ten, unter­drück­ten und dis­kri­mi­nier­ten Schwar­zen sind die­je­ni­gen, die die über­wäl­ti­gen­den Belas­tun­gen, die der Kapi­ta­lis­mus den Mas­sen in jedem Land auf­er­legt, am schärfs­ten und uner­träg­lichs­ten erle­ben. Schwar­ze müs­sen nicht in Büchern über den Betrug der kapi­ta­lis­ti­schen Demo­kra­tie lesen. Karl Marx und Lenin haben ihnen über die­se Tat­sa­che wenig bei­zu­brin­gen.

Vorurteile müssen überwunden werden

Die­se Vor­stel­lung von der Rol­le des Schwar­zens wur­de bis­her durch die ras­si­schen Vor­ur­tei­le ver­dun­kelt, die der ame­ri­ka­ni­sche Kapi­ta­lis­mus den ver­schie­de­nen Sek­to­ren der Arbei­ter­klas­se ein­ge­impft hat. Die revo­lu­tio­nä­re Par­tei steht daher vor der enor­men Schwie­rig­keit, die­se Spal­tung zu über­win­den. So schwie­rig die­se Auf­ga­be auch ist, es ist eine Schwie­rig­keit der Tak­tik und nicht der Stra­te­gie. Die wich­ti­ge Fra­ge ist nicht so sehr die, die Schwar­zen für die Revo­lu­ti­on zu gewin­nen, son­dern den schwar­zen Mas­sen die Über­zeu­gung ein­zu­flö­ßen, dass sie ihr Ver­trau­en und ihre Zuver­sicht in eine revo­lu­tio­nä­re Par­tei set­zen kön­nen, die größ­ten­teils aus wei­ßen Arbei­tern besteht, wie es in der ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft unver­meid­lich ist. Ist Auf­ga­be erfolg­reich bewäl­tigt, ist die Vier­te Inter­na­tio­na­le zuver­sicht­lich, dass die gro­ßen Mas­sen der Schwar­zen gegen Impe­ria­lis­mus aller Art mit einer Tap­fer­keit und Aus­dau­er kämp­fen wer­den, die von kei­nem ande­ren Teil der Bevöl­ke­rung über­trof­fen wer­den wird.

Eine sol­che Ver­all­ge­mei­ne­rung, die von so tief­grei­fen­der Bedeu­tung für die ame­ri­ka­ni­sche Revo­lu­ti­on und die Welt­re­vo­lu­ti­on als Gan­zes ist, wird am bes­ten durch die Reak­ti­on der Schwar­zen auf gro­ße Ereig­nis­se, wie zum Bei­spiel den gegen­wär­ti­gen Krieg, unter Beweis gestellt. Jeder, der in irgend­ei­ner Wei­se mit Schwar­zen in Kon­takt steht, wird wis­sen, dass sie durch den Aus­bruch des Krie­ges in Euro­pa zutiefst auf­ge­rührt wur­den. In einer Rei­he von Arti­keln in die­ser Kolum­ne wer­den wir die Posi­ti­on ver­schie­de­ner Grup­pen von Schwar­zen zum Krieg unter­su­chen. Die­se Posi­ti­on ist in vie­ler­lei Hin­sicht ver­wirrt und in man­cher Hin­sicht gefähr­lich. Am auf­fäl­ligs­ten ist jedoch, dass sie von allen poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Grup­pen in Ame­ri­ka auf den Schwin­del, der impe­ria­lis­ti­sche Krieg sei ein Krieg für die Demo­kra­tie gegen den Faschis­mus, am wenigs­ten her­ein­ge­fal­len sind. Auf­grund der har­ten Erfah­run­gen ihres eige­nen Lebens und ihres Wis­sens um die Aus­beu­tung und die Demü­ti­gun­gen, die ihre Brü­der in Afri­ka erdul­den muss­ten, sehen sie die Rea­li­tä­ten des impe­ria­lis­ti­schen Kon­flikts viel kla­rer als vie­le ande­re Tei­le der ame­ri­ka­ni­schen Arbei­ter, die bes­ser orga­ni­siert sind und über mehr Bil­dung und Erfah­rung in der Tages­po­li­tik Ame­ri­kas ver­fü­gen. Was für den ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen gilt, gilt auch für die Schwar­zen über­all.

Eine all­ge­mei­ne Mas­sen­stim­mung die­ser Art erzeugt unwei­ger­lich eine Platt­form oder eine ande­re poli­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, einen poli­ti­schen Aus­druck, der den Weg weist, auf dem die ver­wirr­ten, aber revo­lu­tio­nä­ren Instink­te gro­ßer Mas­sen in eine wirk­sa­me poli­ti­sche Rea­li­tät umge­wan­delt wer­den kön­nen. Eine sol­che Orga­ni­sa­ti­on exis­tiert bereits in der Vier­ten Inter­na­tio­na­le und ihren Sek­tio­nen in Ame­ri­ka, Groß­bri­tan­ni­en, Afri­ka usw. Die Vier­te Inter­na­tio­na­le drückt in ihrem Auf­ruf zum revo­lu­tio­nä­ren Kampf gegen den Impe­ria­lis­mus die­se Bestre­bun­gen aus und zeigt den zukünf­ti­gen Weg für alle Arbeiter*innen, Wei­ße, Schwar­ze, Nati­ve Ame­ri­cans, egal wel­cher Haut­far­be, Ras­se oder Glau­bens­rich­tung.

Internationales Afrikanisches Dienstbüro

Aber es gibt Schwar­ze, die nicht der Vier­ten Inter­na­tio­na­le ange­schlos­sen sind und die in der Kriegs­fra­ge eine poli­ti­sche Posi­ti­on erreicht haben, die sie an die Sei­te der Vier­ten Inter­na­tio­na­le stellt. Sie sind sich bewusst, dass nichts ande­res als der revo­lu­tio­nä­re Sturz des Kapi­ta­lis­mus eine end­gül­ti­ge Lösung für die per­ma­nen­ten Las­ten und das zusätz­li­che Leid, das der impe­ria­lis­ti­sche Krieg den Schwar­zen über­all auf­er­legt hat, brin­gen kann. In Groß­bri­tan­ni­en hat eine Orga­ni­sa­ti­on von Schwar­zen, bekannt als das Inter­na­tio­nal Afri­can Ser­vice Bureau, in den letz­ten Jah­ren eine brei­te Pro­pa­gan­da für die Unab­hän­gig­keit Afri­kas und die Eman­zi­pa­ti­on der Schwar­zen betrie­ben. Die­se Pro­pa­gan­da hat sich nicht auf Groß­bri­tan­ni­en beschränkt, son­dern wur­de in allen Tei­len der Welt ver­brei­tet, in denen Schwar­ze leben und lei­den. Die­se Schwar­zen haben gese­hen, dass die kolo­nia­len Mas­sen des Ostens Ver­bün­de­te der Schwar­zen sind, und es wur­den Kon­tak­te zu Orga­ni­sa­tio­nen in Indi­en und in Cey­lon geknüpft. Die Arbeit des Büros wur­de von ver­schie­de­nen indus­tri­el­len und poli­ti­schen Orga­ni­sa­tio­nen der bri­ti­schen Arbei­ter unter­stützt, die in gerin­ge­rem oder grö­ße­rem Maße erken­nen, wie lebens­wich­tig für ihre eige­ne Eman­zi­pa­ti­on die Eman­zi­pa­ti­on des Schwar­zen Vol­kes in der gan­zen Welt ist. In der Kri­se über die Tsche­cho­slo­wa­kei rief das Büro die Afri­ka­ner und die bri­ti­schen Arbei­ter auf, in Ein­heit gegen die impe­ria­lis­ti­sche Lüge vom „Krieg für Demo­kra­tie“ zu kämp­fen. Und mit dem Her­an­na­hen die­ses Krie­ges gab das Büro ein wei­te­res Mani­fest mit dem Titel „Eine War­nung an die Kolo­ni­al­völ­ker“ her­aus, das in einer ande­ren Kolum­ne ver­öf­fent­licht wird. Das Mani­fest ruft die kolo­nia­len Mas­sen in Afri­ka, in Indi­en, in Bur­ma, in Cey­lon auf, gegen die Kriegs­het­zer zu kämp­fen, die sowohl faschis­tisch als auch „demo­kra­tisch“ sind. Es appel­liert an die bri­ti­schen Arbei­ter, das Glei­che gegen den gemein­sa­men Feind – den Impe­ria­lis­mus – zu tun.

Der Kampf gegen den Krieg ist international

Die­ses Mani­fest ist von enor­mer Bedeu­tung und muss von allen Arbei­tern in Ame­ri­ka, Schwar­zen und Wei­ßen, genau stu­diert und auf­ge­nom­men wer­den. Vor allem die Schwar­zen müs­sen erken­nen, dass es ihre Pflicht ist, der Füh­rung zu fol­gen, die eine Grup­pe ihrer Brü­der, die in Groß­bri­tan­ni­en, dem Her­zen des bri­ti­schen Empi­re und der impe­ria­lis­ti­schen Welt­re­ak­ti­on, so klar und mutig gege­ben hat. Heu­te ist der Kampf gegen den Krieg inter­na­tio­nal, und das Mani­fest des Prä­si­di­ums hat nicht nur an die Schwar­zen appel­liert, son­dern an alle Arbei­ter in den Kolo­nien und in Euro­pa. Es ist unmög­lich, eine zwei­deu­ti­ge Posi­ti­on zum Krieg ein­zu­neh­men. Man muss ent­we­der für die Impe­ria­lis­ten und für den Krieg sein, oder gegen die Impe­ria­lis­ten und gegen den Fort­be­stand ihres Sys­tems, das unwei­ger­lich zum Krieg führt. Das Mani­fest sagt klar und ein­fach: Die Kolo­nia­li­sier­ten und die wei­ßen Arbei­ter sind gegen den Krieg.

Es ist von gro­ßer Bedeu­tung, dass uns die­ses Mani­fest gera­de in dem Moment in die Hän­de fällt, in dem unse­re Arti­kel­se­rie zum The­ma „Schwar­ze und Krieg“ in die­ser Rubrik des Socia­list Appeal zu einem Abschluss gekom­men ist. Die­se Serie wird in weni­gen Tagen als 32-sei­ti­ges Pam­phlet unter dem Titel „War­um Schwar­ze sich dem Krieg wider­set­zen soll­ten“ neu auf­ge­legt wer­den. Schwar­ze aller Schat­tie­run­gen der poli­ti­schen Mei­nung müs­sen die­se Bro­schü­re sorg­fäl­tig stu­die­ren, sie mit dem Mani­fest des Inter­na­tio­na­len Afri­ka­ni­schen Dienst­bü­ros ver­glei­chen und erken­nen, wie das Bewusst­sein der Unter­drü­ckung und ein Ein­blick in die Mecha­nis­men der moder­nen Gesell­schaft unwei­ger­lich zu der einen Schluss­fol­ge­rung führt: dass alle Arbei­ter, wel­cher Eth­nie auch immer, sich im revo­lu­tio­nä­ren Kampf gegen die impe­ria­lis­ti­schen Kriegs­het­zer, sei­en sie nun faschis­tisch oder „demo­kra­tisch“, ver­ei­nen müs­sen. Die Bro­schü­re „War­um Schwar­ze sich dem Krieg wider­set­zen soll­ten“ und das Mani­fest „Eine War­nung an die kolo­nia­len Völ­ker“ sind Ereig­nis­se von gro­ßer Bedeu­tung bei der poli­ti­schen Her­aus­bil­dung des Instinkts der Schwar­zen für den revo­lu­tio­nä­ren Kampf.

Quel­le: Socia­list Appeal, Band III Nr. 76, 6. Okto­ber 1939 /​Abschrift: Mar­xists Inter­net Archi­ve /​Geschrie­ben als J.R. John­son

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