[EMRAWI:] In Gedenken an den vor kurzen verstorbenen Anarchisten Stuart Christie

Auf­ge­wach­sen ist er bei sei­ner Mut­ter und sei­ner Groß­mutter. Letz­te­re soll­te eine gro­ße Rol­le in sei­ner Poli­ti­sie­rung zum Anar­chis­mus gespielt haben, dies erwähn­te er in zahl­rei­chen Momen­ten und auch in eini­gen sei­ner Bücher.
Schon mit 16 Jah­ren orga­ni­sier­te er sich im anar­chis­ti­schen Milieu bis er zwei Jah­re spä­ter welt­weit bekannt wer­den soll­te. Er zog nach Lon­don und trat dort mit der anar­chis­ti­schen Orga­ni­sa­ti­on Defen­sa Inte­rior 1 in Kon­takt. Er und wei­te­re Anarchist*innen wur­den dann im Som­mer 1964 in Madrid ver­haf­tet, in sei­nem Fall weil er Spreng­stoff für einen Anschlag gegen Fran­co trans­por­tiert hat, bei dem Rest wegen Betei­li­gung an einen Anschlag gegen den Cau­dil­lo.

Um die Tat­sa­che zu ver­de­cken, dass es in der Grup­pe einen Infor­man­ten gab, erklär­ten die Behör­den in Spa­ni­en dass sie Agen­ten in Groß­bri­tan­ni­en hat­ten, wo ja auch nicht weni­ge Anarchist*innen im Exil leb­ten und dass Stuart sehr auf­fäl­lig gewe­sen wäre, weil er einen typi­schen schot­ti­schen Rock getra­gen hät­te. Die­se stimm­te nicht, war aber sehr ein­falls­reich.
Wäh­rend des Fran­quis­mus wur­de jeder Fall von Ter­ro­ris­mus vor einen Mili­tär­ge­richt gebracht wo auch die här­te­ren Urtei­le aus­ge­spro­chen wur­den, sowie auch die Todes­stra­fe. Die Gefahr bestand in sei­nem Fall auch, wegen des inter­na­tio­na­len Drucks wur­de Stuart zu 20 Jah­ren Knast ver­ur­teilt. In den drei Jah­ren die er am Ende, bevor er abge­scho­ben wur­de, absitz­te, lern­te er eini­ge gleich­alt­ri­ge und älte­re Anarchist*innen ken­nen­ler­nen, wie Miguel Gar­cía Gar­cía 2 und Luís Andrés Edo 3, die im Wider­stand waren. Grund für sei­ne frü­he­re Ent­las­sung war eine inter­na­tio­na­le Kam­pa­gne für sei­ne Frei­las­sung bei der sich auch bekann­te inter­na­tio­na­le Per­so­nen wie Jean-Paul Sart­re und Bert­rand Rus­sel betei­lig­ten.
Wie gesagt keh­re er 1967 aus Spa­ni­en zurück, die­ser Erfah­rung soll ihn für sein Leben lang beein­flusst haben, sei­ne dama­li­gen Freund*innen sag­ten er wäre erwach­sen und wei­ser gewor­den, genau­so auch ent­schlos­se­ner zu kämp­fen und die geschmie­de­ten Freund­schaf­ten im Knast zu unter­stüt­zen die in Spa­ni­en wei­ter­hin im Knast waren.

Wie­der in Lon­don, grün­de­te er mit Albert Metz­ler 4 die Publi­ka­ti­on Black Flag, Cien­fue­gos Press 5 und bau­te die Anar­chist Black Cross 6 wie­der auf um anar­chis­ti­sche und revo­lu­tio­nä­re Gefan­ge­ne zu unter­stüt­zen.

Dort soll­te er auch sei­ne Part­ne­rin und Gefähr­tin Bren­da Earl ken­nen­ler­nen, die er bis zum Tode beglei­te­te, sie war die wich­tigs­te emo­tio­na­le und poli­ti­sche Per­son in sei­nem Leben.

Stuart ver­öf­fent­lich­te bis zu sei­nen Lebens­en­de vie­le Bücher über die anar­chis­ti­sche Bewe­gung, deren Geschich­te (z.B., über­setz­te er das Buch von Anto­nio Tel­lez über Fran­cis­co „Qui­co“ Saba­té Llo­part) und schrieb für vie­le Publi­ka­tio­nen unzäh­li­ge Arti­kel. Ein bekann­tes Buch sei­ner Zeit, wel­ches er mit Albert Metz­ler schrieb, war The Floo­d­ga­tes of Anar­chy 7, bei dem bei­de einen revo­lu­tio­nä­ren Anar­chis­mus ver­tre­ten haben, wel­ches mit den Ein­flüs­se, vor allem aus der Frie­dens­be­we­gung, der dama­li­gen Zeit nicht ein­ver­stan­den waren.

Jah­re spä­ter soll­te die bri­ti­sche Jus­tiz ihn nicht ver­ges­sen und so wur­de er mit ande­ren Anarchist*innen ver­haf­tet und beschul­digt ein Teil der Angry Bri­ga­de 8 zu sein und sich an deren Aktio­nen betei­ligt zu haben.

Stuart wur­de im „Sto­ke Newing­ton Eight“ Pro­zess gegen die ver­meint­li­chen Mit­glie­der der Angry Bri­ga­de frei­ge­spro­chen, dafür wur­den aber John Bar­ker, Jim Green­field, Hil­ary Creek und Anna Men­dels­sohn zu 10 Jah­ren Haft ver­ur­teilt. Der gan­ze Pro­zess soll­te sich als eine poli­ti­sche Hetz­jagd gegen die dama­li­ge anar­chis­ti­sche Bewe­gung auf Groß­bri­tan­ni­en kris­tal­li­sie­ren. Bis heut­zu­ta­ge sind die Urtei­le sehr umstrit­ten.

Ab die­sen Zeit­punk wid­me­te sich Stuart den schon erwähn­ten Pro­jek­ten und hat, wie schon gesagt sehr vie­le Bücher ver­öf­fent­li­chen.

Sei­ne Gefähr­tin und gro­ße Lie­be Bren­da, starb im Juni 2019.

Wir bedan­ken uns bei bei­den für ihre groß­ar­ti­ge Bei­tra­ge, Pro­jek­te, die für vie­le Anarchist*innen über Jahr­zehn­te von gro­ßer Bedeu­tung waren und sind und von gro­ßem Nut­zen sein wer­den.

1 Defen­sa Inte­rior war der Ver­such der CNT, FAI und FIJL einen koor­di­nier­ten bewaff­ne­ten Wider­stand im Exil gegen das Fran­co-Regime ab 1961 zu orga­ni­sie­ren. Der Druck der anar­chis­ti­schen Jugend zwang die Orga­ni­sa­tio­nen zu die­sen Schritt, weil die letz­ten Maquis 1960 von den spa­ni­schen Sicher­heits­kräf­ten ermor­det wur­den (1957 José Luís Face­rí­as; 1960 Fran­cis­co Saba­té Llo­part), die­se Geschich­te muss auf Deutsch noch kom­plett nie­der­ge­schrie­ben wer­den, weil wie vie­le ande­re Kapi­tel des anar­chis­ti­schen Wie­der­stan­des, kom­plett unbe­kannt sind.

2 Miguel Gar­cía (1908–1981) war ein Anar­chist, Fäl­scher, Schrift­stel­ler und lang­zeit-Gefan­ger wäh­rend des Fran­co-Regimes. Zu sei­ner Geschich­te im Knast ver­öf­fent­li­che er auch ein Buch, auch auf Deutsch erhält­lich, unter dem Titel Spa­ni­en. Kampf und Gefan­gen­schaft 1939 – 1969.
Wäh­rend des zwei­ten Welt­krie­ges war er Teil eines Netz­wer­kes die Jüd*innen ver­steck­ten und Leu­te hal­fen von Frank­reich nach Spa­ni­en zu brin­gen. Er war Spe­zia­list bei der Fäl­schung von Doku­men­ten, bei dem er auch vom bri­ti­schen Geheim­dienst aus­ge­bil­det wur­de.
Ab 1945 nimmt er wie­der beim bewaff­ne­ten Wider­stand teil und ist der Grup­pen um Fran­cis­co Saba­té. 1949 wur­de er ver­haf­tet und zu Tode ver­ur­teilt, was spä­ter auf 20 Jah­re Haft umge­wan­delt wur­de. 1969 wird sei­ne Frei­las­sung durch die inter­na­tio­na­le Kam­pa­gne der ABC in Lon­don erreicht, er zieht spä­ter auch dort­hin und arbei­tet mit Stuart und Albert, ers­ten hat­te er im Knast ken­nen­ge­lernt, in der ABC mit.

3 Luís Andrés Edo (1925 – 2009) war ein Anar­chist der eine gro­ße Rol­le im Auf­bau der FIJL, der 1. Mai Grup­pen, der Grup­pe Inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät und Defen­sa Inte­rior leis­te­te, er gehör­te zu jener Genera­ti­on von Anarchist*innen die den liber­tä­ren bewaff­ne­ten Wider­stand auf der gan­zen Welt gegen den Faschis­mus in Spa­ni­en vor­an­brach­ten und vor allem bis zum Ende nie auf­ga­ben.

4 Zu Albert Meltzer ergän­zen wir eine Bro­schü­re die er 1976 ver­öf­fent­lich­te und erwei­tern sei­ne Bio­gra­phie

5 Hier I;II eine Lis­te von Publi­ka­tio­nen von Cien­fue­gos Press

6 Hier I eine kur­ze Ein­füh­rung zu der Geschich­te der ABC

7 Hier I auf Eng­lisch

8 Hier I auf Eng­lisch, wir arbei­ten an der Über­set­zung auf Deutsch

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