[GAM:] 6 Monate nach den Morden von Hanau: Kein Vergessen!

Mar­tin Such­anek, Info­mail 1115, 25. August 2020

Zehn­tau­sen­de soli­da­ri­sier­ten sich am 19. und 22. August mit den 9 Opfern des ras­sis­ti­schen Mor­des vom 19. Febru­ar in Hanau. Damals wur­den Fer­hat Unvar, Mer­ce­des Kier­pacz, Sedat Gür­büz, Gök­han Gül­te­kin, Ham­za Kur­to­vić, Kaloy­an Vel­kov, Vili Vio­rel Păun, Said Nesar Has­h­e­mi, Fatih Sara­çoğlu bei Anschlä­gen in einer Shi­sha-Bar in der Hanau­er Innen­stadt und rund um einen Kiosk mit ange­schlos­se­ner Shi­sha-Bar im Stadt­teil Kes­sel­stadt bru­tal durch einen Akt faschis­ti­scher Bar­ba­rei aus dem Leben geris­sen. Wei­te­re Per­so­nen wur­den ver­letzt. Schließ­lich erschoss der Mör­der sich selbst und sei­ne Mut­ter.

Sein Beken­ner­schrei­ben lässt kei­ne Zwei­fel übrig. Er betrach­te­te sich als Teil eines erz-reak­tio­nä­ren, faschis­ti­schen „Krie­ges“, der das Blut­bad – ähn­lich wie der nor­we­gi­sche Atten­tä­ter Brei­vik oder der Mas­sen­mör­der von Christ­church – als Fanal zum Pogrom an „frem­den Ras­sen“ und „Volks­ver­rä­te­rIn­nen“ betrach­te­te.

Die Aktio­nen und Demons­tra­tio­nen am 19. August, die von brei­ten Bünd­nis­sen anti­ras­sis­ti­scher, migran­ti­scher, lin­ker und gewerk­schaft­li­cher Orga­ni­sa­tio­nen getra­gen wur­den, wie auch das Geden­ken am 22. August setz­ten hier nicht nur ein Zei­chen der Soli­da­ri­tät und des Mit­ge­fühls. Sie setz­ten vor allem auch ein Zei­chen gegen den gras­sie­ren­den, weit ver­brei­te­ten Ras­sis­mus in Deutsch­land. Die­ser hat in den letz­ten Jah­ren im Zuge des Rechts­rucks wei­ter zuge­nom­men – nicht bloß bei Nazis, Pegi­da oder AfD, son­dern, wie wir an der For­de­rung nach här­te­ren Grenz­kon­trol­len und repres­si­ver Flücht­lings­po­li­tik sehen kön­nen – auch bis tief in die „Mit­te der Gesell­schaft“.

Allein am 19. August wur­den in min­des­tens 40 Städ­ten Demons­tra­tio­nen und Kund­ge­bun­gen orga­ni­siert, die größ­ten mobi­li­sier­ten mit meh­re­re tau­send Teil­neh­me­rIn­nen.

Am 22. August wur­de die für Hanau geplan­te bun­des­wei­te Demons­tra­ti­on jedoch abge­sagt, nach­dem der SPD-Ober­bür­ger­meis­ter Claus Kamin­sky am Abend des 21. August die Ver­samm­lung mit Ver­weis auf stei­gen­de Coro­na-Infek­tio­nen ver­bot.

Statt der Demons­tra­ti­on fand eine bewe­gen­de Kund­ge­bung mit den Ange­hö­ri­gen, Freun­dIn­nen, Fami­li­en der Opfer und Bewoh­ne­rIn­nen des Hanau­er Stadt­teils Kes­sel­stadt statt. Die­se wur­de in 30 Städ­te als Stream über­tra­gen. In vie­len gab es meh­re­re sol­cher Live-Über­tra­gun­gen gleich­zei­tig, so dass es bun­des­weit wohl an die 100 Kund­ge­bun­gen gab. Dar­über hin­aus ver­folg­ten wohl weit über 100.000 Men­schen die Reden der Betrof­fe­nen online. Die gesam­te Kund­ge­bung und die ergrei­fen­den Bei­trä­ge kön­nen auch wei­ter auf dem You­Tube-Kanal der „Initia­ti­ve 19. Febru­ar“ gehört wer­den.

So wur­de der 22. August trotz Demons­tra­ti­ons­ver­bots in Hanau zum deut­li­chen, ermu­ti­gen­den poli­ti­schen Zeich­nen. Das ist vor allem den vie­len loka­len Unter­stüt­ze­rIn­nen und Akti­vis­tIn­nen zu ver­dan­ken, die im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes über Nacht die Tech­nik, Infra­struk­tur und Bewe­gung für die Kund­ge­bun­gen stell­ten.

Auf uns selbst vertrauen!

Wir müs­sen an die­ser Stel­le aber auch einen kri­ti­schen Punkt anspre­chen, der uns und wohl auch Tau­sen­de ande­re, die nach Hanau fah­ren woll­ten und sich an den Kund­ge­bun­gen im gan­zen Bun­des­ge­biet betei­lig­ten, wütend gemacht und ver­är­gert hat. Wie Tau­sen­de ande­re erfuh­ren wir am Abend vom 21. zum 22. August, dass der Hanau­er SPD-Ober­bür­ger­meis­ter, der ursprüng­lich als Red­ner bei der Abschluss­kund­ge­bung vor­ge­se­hen war, die Demo kur­zer­hand ver­bo­ten hat­te.

Wir wol­len die Gefahr einer 2. Coro­na-Wel­le kei­nes­wegs leug­nen. Wir hal­ten ein Demons­tra­ti­ons­ver­bot aber für abso­lut falsch und unan­ge­bracht. Es stellt eine inak­zep­ta­ble und gefähr­li­che Ein­schrän­kung demo­kra­ti­scher Rech­te dar, auch wenn es mit dem Hin­weis auf Schutz vor Coro­na begrün­det wur­de. Ers­tens hat­te das Demo-Bünd­nis über Wochen in Ver­hand­lun­gen mit der Stadt Hanau ein Hygie­nekon­zept aus­ge­ar­bei­tet. Zwei­tens ist es – anders als bei den rech­ten 20.000 – 30.000 Coro­na-Spin­ne­rIn­nen, die am 1. August anstands­los durch Ber­lin mar­schie­ren durf­ten – bei allen anti­ras­sis­ti­schen Demos und Kund­ge­bun­gen üblich, dass die Teil­neh­me­rIn­nen Mas­ken tra­gen und auf gegen­sei­ti­gen Schutz ach­ten. Natür­lich kann das Virus, wie bei jeder Begeg­nung von Men­schen auch auf Demons­tra­tio­nen über­tra­gen wer­den. Aber es ist zynisch und ver­lo­gen, so zu tun, als gin­gen ange­sichts von brum­men­der Par­ty-Gas­tro­no­mie, Besäuf­nis­sen, ange­sichts der vom Kapi­tal­in­ter­es­se dik­tier­ten Öff­nung der Betrie­be – bei­spiel­haft sei hier auf die Zustän­de in den Schlacht­hö­fen ver­wie­sen – und Schu­len aus­ge­rech­net von poli­ti­schen Demons­tra­tio­nen Anste­ckungs­ge­fah­ren aus.

Außer­dem fragt sich doch, war­um die Absa­ge erst weni­ge Stun­den vor Beginn erfolg­te, also zu einem Zeit­punkt, der eine Durch­set­zung der Akti­on vor Gericht inner­halb kur­zer Fris­ten extrem erschwer­te.

Wir wol­len dem SPD-Ober­bür­ger­meis­ter gar nicht abspre­chen, dass er ganz ger­ne vor tau­sen­den Men­schen gespro­chen hät­te und im All­ge­mei­nen auch anti­ras­sis­tisch ein­ge­stellt ist. Doch was nützt das, wenn er in einer Nacht- und-Nebel-Akti­on die Absa­ge einer kon­kre­ten Demons­tra­ti­on erzwingt. Wahr­schein­lich ist auch ihm klar, dass die­se nicht der „Super-Sprea­der“ des Virus gewe­sen wäre.

Aber offen­kun­dig hat­te er vor der dem­ago­gi­schen „Kri­tik“ und Het­ze aus rech­ten Krei­sen Angst, die im Fal­le einer gro­ßen und kämp­fe­ri­schen Gedenk­de­mons­tra­ti­on unver­meid­lich von der AfD und ande­ren offe­nen Ras­sis­tIn­nen, aber auch von „respek­ta­blen“ Bür­ger­li­chen wie CDU und FDP sowie von eini­gen Grü­nen und selbst sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei­freun­dIn­nen gekom­men wäre. Alle jene, die den Ras­sis­mus in der Gesell­schaft, vor allem aber bei Poli­zei, Bun­des­wehr und staat­li­chen Behör­den ver­harm­lo­sen, die Mör­de­rIn­nen gern als „Ein­zel­tä­te­rIn­nen“ hin­stel­len, hät­ten sicher die „Gele­gen­heit“ ergrif­fen, allen, die zum Geden­ken an 9 Ermor­de­te und unzäh­li­ge wei­te­re Opfer ras­sis­ti­scher Anschlä­ge auf die Stra­ße gehen, „Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“ vor­zu­wer­fen.

Dabei hät­ten sol­che rech­ten „Kri­ti­ke­rIn­nen“ und ihre Freun­dIn­nen in der poli­ti­schen Mit­te aller­dings nur getan, was sie immer tun: Die Täte­rIn­nen und den Nähr­bo­den des Ras­sis­mus rela­ti­vie­ren, ver­harm­lo­sen – und gleich­zei­tig die Trau­er, Wut, Angst der Betrof­fe­nen igno­rie­ren und die rea­le Gefahr für Migran­tIn­nen her­un­ter­spie­len. Die Absa­ge der Demo hat unse­rer Mei­nung nach nichts mit Gesund­heits­schutz zu tun, son­dern stellt ein Ein­kni­cken vor der zu erwar­ten­den Ver­leum­dung durch Rech­te und bür­ger­li­che Kräf­te dar. In Wirk­lich­keit wird die Kapi­tu­la­ti­on die­se nicht beschwich­ti­gen, son­dern nur ermu­ti­gen, jeder ande­ren lin­ken Groß­de­mo „Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit“ vor­zu­wer­fen – schon allein in der Hoff­nung, dass deren Orga­ni­sa­to­rIn­nen ihre Aktio­nen gleich frei­wil­lig absa­gen.

Mit dem Unter­sa­gen der Demons­tra­ti­on wur­den zugleich die Rech­te tau­sen­der Anti-Ras­sis­tIn­nen beschnit­ten – eine Ein­schrän­kung, die uns auch bei ande­ren anti­fa­schis­ti­schen, anti­ras­sis­ti­schen oder anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Mobi­li­sie­run­gen droht.

Wir hal­ten daher auch das Akzep­tie­ren des Demo-Ver­bo­tes durch das Hanau­er Bünd­nis „Initia­ti­ve 19. Febru­ar“ für poli­tisch falsch. In Zukunft soll­ten wir ver­su­chen, unse­re Aktio­nen auch gegen ein­kni­cken­de und fei­ge sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Stadt­obe­ren durch­zu­set­zen. Die Genos­sIn­nen der Frank­fur­ter inter­na­tio­na­lis­ti­schen und anti­ras­sis­ti­schen Lin­ken, die nach der Über­tra­gung der Gedenk­kund­ge­bung eine Spon­tan­de­mons­tra­ti­on mit hun­der­ten Teil­neh­me­rIn­nen durch­führ­ten und durch­setz­ten, agier­ten in die­se Situa­ti­on vor­bild­lich. Genos­sIn­nen von Arbei­ter­In­nen­macht und REVOLUTION betei­lig­ten sich an der Akti­on. Vie­len Dank an die Orga­ni­sa­to­rIn­nen der Initia­ti­ve! Hoch die inter­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät! One solu­ti­on – Revo­lu­ti­on!

Link zum Flug­blatt von Arbei­ter­In­nen­macht und Revo­lu­ti­on zu den Demos und Aktio­nen am 19. und 22. August:

Kein Vergessen! Beteiligt Euch an den Demonstrationen im Gedenken an die Ermordeten von Hanau!

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